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Der Bergdoktor - Folge 1738

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wenn Sorgen zarte Schultern drücken
  4. Vorschau

Wenn Sorgen zarte Schultern drücken

Wie das Schicksal ein einsames Mädchen prüfte

Von Andreas Kufsteiner

Duftende Blumen und blühende Stauden zur Sommerszeit, buntes Laub, Kastanien und Hagebutten im Herbst, glitzernder Schnee auf Hecken, Sträuchern und den alten Steinfiguren im Winter – kein Anwesen weit und breit ist schöner als die Waldvilla der Kesslers. Kein Wunder, dass Mia dieses Paradies niemals aufgeben will!

Doch wenn nicht ein Wunder geschieht, wird sie schon in wenigen Wochen ihr geliebtes Zuhause verlieren. Mia braucht dringend einen Verbündeten! Aber wem – außer Dr. Burger – darf sie vertrauen, wenn ihr gefährlichster Feind in der eigenen Familie ist?

Mia Kessler saß mit bedrückter Miene in Dr. Burgers Sprechzimmer. Es war ein schöner Nachmittag Ende August, die Sonne gab ihr Bestes und strahlte vom wolkenlosen Himmel.

Im Garten hinter dem Doktorhaus spielten die Kinder Verstecken, und auf der Kirchgasse vor dem Praxisanbau marschierten ein paar Wanderer mit forschen Schritten dem nahen Krähenwald entgegen, denn dort gab es derzeit goldgelbe Pfifferlinge, »Reherl« genannt, in Hülle und Fülle. Von jeher galt der Krähenwald als El Dorado für Pilzsammler.

Eigentlich hatte heute jeder gute Laune.

Der Langzeit-Wetterbericht prophezeite einen goldenen Herbst, vor allen Dingen der September sollte noch ein Prachtmonat werden.

Wen störte es also, dass der Sommer sich in Kürze mit einem Augenzwinkern verabschieden würde? Im Gebirge galt der Herbst eh als schönste Jahreszeit, denn nie war die Sicht besser und die Luft klarer.

Mia gehörte zu denjenigen, die derzeit keinen Grund zur Freude hatten.

Sie war ein hübsches Madel von fünfundzwanzig, ihr hellbraunes Haar schimmerte seidig, und in ihre blauen Augen schaute jeder gern hinein. Aber jetzt fehlte das Leuchten darin. Mit gesenktem Kopf hockte sie wie ein Häufchen Elend da und gab sich Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

»Ich verstehe, dass du dich mit den Plänen deiner Eltern nicht anfreunden kannst«, sagte Dr. Burger verständnisvoll.

»Es ist doch net zu fassen, dass sie unser schönes Haus verkaufen wollen, Herr Doktor!«, rief Mia empört. »Ich bin dort aufgewachsen, die Schwenderhöhe ist meine Heimat. Und wenn ich mir vorstelle, dass in unserer Waldvilla andere Leut ein und ausgehen, dann bricht es mir fast das Herz! Seitdem Vater mir seine Pläne mal so eben zwischen Tür und Angel mitgeteilt hat, schlaf ich keine Nacht mehr ohne Albträume.«

»Tief durchatmen, Mia. Dass du dich zermürbst, nützt gar nix.« Dr. Burger nickte ihr beruhigend zu. »Denk noch mal über alles nach. Ich sag dir jetzt, wie ich die Sache aus meinem Blickwinkel sehe. Also: Deine Eltern möchten dir eine sorglose Zukunft ermöglichen. Sie selbst wollen aus gesundheitlichen Gründen künftig auf Mallorca in ihrer Eigentumswohnung leben. Weil du hier in St. Christoph bleiben möchtest, sollst du dich nicht mit dem großen Haus, dem riesigen Garten und den sechs Pferden belasten …«

»Acht Pferde. Sechs Haflinger und die beiden Shetland-Ponys.«

»Na gut, acht. Das ist eine Menge Arbeit für dich, wenn deine Eltern nicht mehr da sind. Und wie ich gehört habe, wird der Sebi, euer tüchtiger Helfer, Ende des Jahres zu seiner Schwester ins Burgenland umziehen. Mit anderen Worten, falls du Haus und Grundstück allein in Ordnung halten willst, brauchst du jemanden, der dir hilft. Es muss eine Person deines Vertrauens sein, die im Haus ist und sich auch um die Pferde kümmert, wenn du im Sanatorium Bergfrieden arbeitest.«

»Ich übe meine Tätigkeit als Physiotherapeutin vorläufig nur vormittags aus«, entgegnete Mia. »Momentan kann ich mich auch gar net so recht konzentrieren. Ich muss sehen, wie ich die Dinge ins Lot bringe. Bevor nicht alles geklärt ist, hab ich keine Ruh.«

Dr. Burger betrachtete die junge Frau nachdenklich.

»Sagen wir es mal so«, warf er ein. »Du hast wichtige persönliche Dinge im Kopf, dein Beruf muss daher ein bisschen in den Hintergrund treten. Ich hab Verständnis dafür. Trotzdem darfst du dich nicht allzu sehr in die Sache hineinsteigern. Wie auch immer, wenn deine Eltern euer Anwesen droben auf der Schwenderhöhe verkaufen, kannst du dir ein schönes Haus im Dorf mit einem Wiesengrundstück leisten. Die Ponys könntest du dort unterbringen. Was die Haflinger angeht – dein Vater hat vor, sie dem Steingasser-Bauern zu überlassen. Paul Steingasser ist ein Pferdenarr. Die Tiere hätten es gut bei ihm.«

»Sie sind anscheinend ganz auf der Seite meiner Eltern, Herr Doktor«, regte sich Mia auf. »Wann haben Sie mit Vater über diesen unseligen Verkauf geredet?«

»Erst kürzlich.« Dr. Burger seufzte. »Mia, du bist erzürnt und enttäuscht, deine Eltern kommen dir plötzlich fremd vor. Sie wollen das Haus und das Grundstück aufgeben, das ist ein großer Schritt in eine Richtung, die dir nicht gefällt. Aber sei mal ehrlich zu dir selbst. Was willst du mit einem Haus, das zwei Stockwerke hat und viel zu viele Zimmer und Kammern? Ganz zu schweigen von dem großen Keller. Obendrein gibt es auch noch das Zuhäusl, das momentan leer steht. Dein Vater und deine Mutter machen sich Sorgen, weil du am Ende mit dem Haus und den Pferden allein dastehst und vor lauter Arbeit zusammenbrichst.«

»Ich werd net zusammenbrechen. Außerdem würde es genügen, wenn meine Eltern nur ab und zu nach Mallorca fliegen wie bisher. So krank sind sie ja nun auch net.« Das klang trotzig. »Sie sollen ihren Hauptwohnsitz weiterhin hier in St. Christoph haben, darum hab ich sie gebeten. Aber ihre Antwort war ein klares Nein.«

Dr. Burger blieb geduldig. »Was den Gesundheitszustand deiner Eltern angeht, Madel, kenn ich mich sicher besser aus als du«, sagte er. »Deine Mutter leidet unter einer chronischen Bronchitis, die ihr sehr zu schaffen macht. Sobald es kälter wird, kommt sie nur mit starken Medikamenten über die Runden. Dein Vater jammert oder klagt zwar nie, aber seine Arthrose verursacht ihm erhebliche Schmerzen. Wärme und ein frostfreies Klima tun ihm gut. Er hat zudem einen Bandscheibenvorfall gehabt und kann eh nicht mehr in den Pferdeställen umeinanderwerkeln. Vergiss net, dass er außerdem ein arbeitsreiches Leben hinter sich hat, genau wie deine Mutter. Beide haben sich ihren Ruhestand redlich verdient.«

Mia schwieg verlegen. Dr. Burger hatte recht. Ihr Vater hatte bis zum vergangenen Jahr als Betriebsleiter im Sägewerk gearbeitet, ihre Mutter war Hauswirtschaftslehrerin in Schwaz gewesen.

Als junges Paar waren sie aus Klagenfurt nach St. Christoph gekommen, hatten sich auf Anhieb in das zum Verkauf stehende Waldhaus »Schwenderhöhe« verliebt und sich ihren Traum erfüllt.

Fünf Jahre später war Mia zur Welt gekommen, ihre einzige Tochter. Mehrere Pferde, ein paar Kleintiere wie Kaninchen, Hühner, Enten und eine Gänseschar hatte es immer auf der Schwenderhöhe gegeben. Nun waren noch Wastl, ein treuer Schäferhund, die acht Pferde und zwei Katzen übrig geblieben. Und alles drohte zu zerbrechen, es würde im wahrsten Sinne des Wortes den Bach hinuntergehen.

Hinter der Waldvilla rauschte nämlich der Brückenbach zu Tal. Zur anderen Seite hin öffnete sich der große, wunderschöne, geheimnisvolle Garten, in dem Mia sich als Kind wie eine Märchenprinzessin gefühlt hatte.

Duftende Blumen und blühende Stauden zur Sommerszeit, buntes Laub, Kastanien und Hagebutten im Herbst, Obstbäume, die sich unter der Last der Früchte beugten, glitzernder Schnee auf Hecken, Sträuchern und auf den alten Steinfiguren im Winter.

Nichts war schöner als die Waldvilla inmitten all dieser prächtigen Natur.

Wenn man zu den Fenstern hinausblickte, schaute man entweder ins Grün der Tannen oder hinüber zu den Bergen, die im Wechselspiel der Jahreszeiten immer ein anderes Gesicht zeigten.

Und dann die herrlichen Sonnenuntergänge oder das zauberhafte Licht, wenn man zeitig genug aufstand, um den jungen Morgen zu begrüßen! Es war ein Geschenk, hier daheim zu sein.

Niemals wollte Mia dieses Paradies aufgeben. Sie war bereit, darum zu kämpfen.

Aber wie konnte sie gegen ihre eigenen Eltern angehen? Was sollte sie tun, wenn die beiden es am besten fanden, alles zu verkaufen, sogar die Pferde?

Mia konnte sich ein Leben ohne ihre Lieblinge gar nicht vorstellen. Was nützte ihr das schönste Einfamilienhaus drunten im Dorf, wenn sie auf ihre Tiere und ihr »Märchenhaus« am Wald verzichten musste?

Dr. Burger beobachtete sie, als sie jetzt so still und ernst – um nicht zu sagen tieftraurig – vor sich hinsah.

Es tat ihm sehr leid, dass dieses bildhübsche Mädchen unglücklich und mit Problemen beladen war. In der Vergangenheit hatte er Mia jedoch auch als sehr entschlossen erlebt. Sie wirkte zart, aber in ihr steckte mehr Kraft, als man vermutete.

»Wann fliegen deine Eltern das nächste Mal nach Mallorca?«, fragte er.

»In zwei Wochen. Wenn sie zurückkommen, soll der Verkauf in die Wege geleitet werden«, erwiderte Mia leise. »Bis dahin ist noch etwas Zeit, sodass ich hoffe, sie vielleicht doch noch umzustimmen.«

»Vielleicht schaffst du es. Wer hilft dir denn jetzt, wenn deine Eltern fort sind?«

»Na ja, der Sebi ist ja noch ein Weilchen bei uns. Und dann wäre da noch Niklas Brandstetter. Er würde mir bestimmt helfen, wenn es nötig ist.« Sie zögerte und setzte ein wenig unsicher hinzu. »Ich hab ihn freilich noch net gefragt, weil ich net aufdringlich sein wollte. Wir kennen uns ja erst acht Wochen lang.«

»Brandstetter«, überlegte der Doktor. »Der Name kommt mir bekannt vor. Ist das nicht der junge Mann, der beim Baron von Brauneck angestellt ist? Er war neulich wegen der vorgeschriebenen Impfungen bei mir.«

»Ja, ich weiß. Das hat er mir gesagt.« Auf Mias Gesicht erschien ein Lächeln. »Er arbeitet im Schlössl auf dem Gestüt als Reitlehrer. Aber nur für einige Zeit. Anschließend will er sich irgendwo selbstständig machen. Wir haben uns rein zufällig beim Leonhardi-Ritt vor zwei Monaten getroffen. Da war er grad mal ein paar Tage hier.«

»Aha. Nun, wenn du eine tatkräftige Hilfe hast, Mia …« Dr. Burger lächelte. »Davon hatte ich ja keine Ahnung.«

Sie räusperte sich. »Niklas hat nicht besonders viel Zeit. Wir konnten noch gar net so viel miteinander reden. Aber er ist wirklich sehr nett. Anscheinend mag er mich ziemlich gern.«

»Und du? Wie findest du ihn außer der Tatsache, dass er nett ist?«

»Ach, keine Ahnung, Herr Doktor. Dazu kann ich wirklich nichts sagen. Für mich ist er bislang einfach nur ein Freund. Fragen Sie in ein paar Wochen noch einmal nach, vielleicht kann ich Ihnen dann eine Antwort geben.«

Sie ist eine Geheimniskrämerin, dachte Dr. Burger und schmunzelte in sich hinein.

Führte sie irgendetwas im Schilde? Und welche Rolle spielte Niklas wirklich in ihrem Leben? Der Doktor glaubte dem Madel nicht so ganz. Vorhin hatte sich eine verräterische Röte in Mias Wangen geschlichen. Niklas Brandstetter war nur ihr Freund? Von wegen! Aber Mia ließ sich nicht so leicht in die Karten schauen.

Nun, wahrscheinlich gab es gute Gründe dafür. Besser vorsichtig und zurückhaltend als schwatzhaft und voreilig. Ein tüchtiges, tapferes Mädchen war sie allemal. Und damit sie nachts wieder besser schlafen konnte, verschrieb ihr der Doktor ein rein pflanzliches, aber dennoch sehr wirksames Medikament.

***

Mias Eltern Margit und Ewald Kessler waren absolut keine Unmenschen, das muss an dieser Stelle einmal gesagt werden.

Im Gegenteil, sie wollten alles vermeiden, was ihrer Tochter eventuell später das Leben schwer machen konnte.

Wenn Mia einmal heiratete, dann sollte es nach Möglichkeit ein Mann sein, der etwas darstellte und der sie auf Händen trug – zugegeben eine altmodische, wenn nicht gar märchenhafte Vorstellung.

Den Kesslers schwebte nämlich eine Art Prinz vor oder wenigstens ein höflicher, gebildeter und ritterlicher Mann aus bestem Hause, eventuell ein Universitätsprofessor oder etwas Ähnliches. Das war das Mindeste, was ihre Mia verdient hatte! Sie brauchte einen liebenswürdigen Gatten, der sie von früh bis spät verwöhnte.

Nur keine Schufterei von früh bis spät. Das »Kind« sollte nicht so viel arbeiten müssen wie die Eltern. Daher rührte auch der Entschluss, die große und teilweise recht verwinkelte Waldvilla zu verkaufen. Und zwar schon gegen Ende des Jahres, damit die Dinge geregelt wurden und Mia frei war von dem »Ballast«, den das große Anwesen auf ihre schmalen Schultern laden würde.

»Da kommt sie«, wandte sich Ewald Kessler an seine Frau. »Sieh nur, Margit. Sie weiß, dass wir hier im Erkerzimmer beim Nachmittagskaffee sitzen, aber sie schaut nicht hinauf.«

»Weil sie uns gar nicht sehen will.« Frau Kessler vergoss ein paar Tränen. »Sie verzeiht uns nicht, dass wir es wagen, über den Verkauf nachzudenken. Dabei wollen wir doch nur das Beste für sie. Irgendwann wird sie uns aber verstehen, Ewald.«

Draußen raste Wastl mit freudigem Gebell um Mia herum.

Er hing so sehr an ihr, dass er sich trostlos unter die Hausbank quetschte und dort wie versteinert liegen blieb, wenn sie ohne ihn ins Auto stieg und ins Dorf fuhr.

Das Ehepaar Kessler trank schweigend den Kaffee aus und knabberte ganz in Gedanken an den restlichen Keksen, die in einer Schale auf dem Tisch standen.

Den beiden fiel es überhaupt nicht leicht, demnächst ganz in den Süden umzusiedeln. Aber es war nun mal praktischer, als ständig in den Flieger zu steigen.

Ihr Gesundheitszustand ließ den Kesslers keine andere Wahl. Das hatte auch Dr. Burger gemeint: »Ihr zwei habt ja eh eine Wohnung auf Mallorca. Also wäre es am besten, wenn ihr euch dorthin begebt, und zwar länger als nur einige Wochen im Jahr! Ich plädiere sonst immer für ein Leben in unserer schönen Bergwelt. Aber was ihr braucht, ist Wärme, Sonne und nochmals Wärme. Daran gibt’s nichts zu rütteln.

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