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Der Bergdoktor - Folge 1737

Liebe, Verführung und Verrat

Dr. Burger und Veras große Schuld und Sühne

Von Andreas Kufsteiner

Für die junge Magd Vera gibt es seit drei Jahren nur einen einzigen Mann auf der Welt, und das ist Patrick Hofer. Dass seine Gefühle für sie längst abgekühlt sind, ignoriert sie hartnäckig, bis sie ihn eines Tages Hand in Hand mit einem anderen Madel sieht.

Nein, nein, nein!, schreit alles in Vera. Er darf mich nicht verlassen!

In ihrer Verzweiflung bittet sie Patrick unter Tränen um eine allerletzte Aussprache. Droben am Marterl am Hexenstein, wo sie sich zum ersten Mal geküsst haben! Weil er befürchtet, dass sich Vera etwas antut, gibt er schließlich nach und macht sich auf den Weg.

Doch das Schicksal will es anders: Kurz vor dem Ziel verunglückt Patrick schwer. An diesem Abend wartet Vera vergeblich, aber als sie ihn das nächste Mal sieht, sitzt Patrick im Rollstuhl …

»Gib jetzt net auf, Kleines.« Vera Seitz kniete im Stroh und ignorierte das beharrliche Stechen in ihrem Rücken. Sie schwitzte aus allen Poren. Ihre Bluse klebte ihr am Leib.

Die junge Magd steckte mit dem rechten Arm im Leib einer trächtigen Kuh und versuchte verzweifelt, das ungeborene Kalb zu ertasten. Sie wollte es drehen, weil es mit dem Steiß voran lag, aber das war leichter gesagt als getan! Die Geburt war seit Stunden im Gang und kam nicht voran.

Es sollte Ernas drittes Kalb werden. Die ersten beiden waren problemlos zur Welt gekommen. Diesmal schnaufte und röhrte die Braungefleckte jedoch, als wäre sie mit ihren Kräften am Ende. Wieder und wieder durchlief ein Zittern ihren mächtigen Leib. Wie lange würde sie noch durchhalten?

Nimmer lange, befürchtete Vera. Sie hatte bereits den Tierarzt angerufen und ihn um Hilfe gebeten, aber er war noch bei einem Notfall auf der Hochegger-Alm und würde vor Einbruch der Nacht nicht wieder im Dorf sein. Bis dahin konnte es bereits zu spät sein.

Vera blieb deshalb nichts anderes übrig, als zu handeln.

Sie arbeitete seit ihrem Schulabschluss als Magd und hatte schon einmal zugesehen, wie ein Kalb im Mutterleib gedreht worden war. Es war allerdings eine Sache, zuzuschauen, und eine ganz andere, es selbst zu tun! Doch Vera war fest entschlossen, ihren Schützling zu retten.

Veras Mutter hatte sie allein großgezogen. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Er hatte sie vor ihrer Geburt verlassen. Vielleicht hielt Vera deshalb so eisern an allem fest, das ihr am Herzen lag. Tief in ihrem Inneren verbarg sich die Angst vor einem Verlust, aber das verdrängte sie energisch und konzentrierte sich stattdessen auf ihre Aufgabe.

Die Kuh stieß einen Laut aus, der beinahe menschlich klang. Ein Frösteln lief Vera über den Rücken.

»Ich lasse dich net sterben«, murmelte sie. »Auf keinen Fall, hast du gehört? Wir beide schaffen das. Wir bringen dein Kleines auf die Welt. Halte nur noch ein bisserl durch, ja?«

Erna drehte den Kopf zu ihr und schnaufte, als hätte sie jedes Wort verstanden. Die nächste Wehe kündigte sich an. Die Kontraktionen zerquetschten Vera fast den Arm und drückten sie aus dem Leib der Kuh. Vermutlich würde ihr Arm morgen früh grün und blau sein, aber das kümmerte sie nicht.

Verbissen wartete sie das Ende der Wehe ab und unternahm einen neuen Versuch. Sie tastete sich ins Innere der Kuh vor und … Da! Endlich konnte sie den Schwanz des Kalbs fühlen. Er war glitschig und drohte, ihr wieder davonzugleiten, aber Vera stemmte sich mit aller Kraft gegen den Steiß des Ungeborenen.

»Dreh dich, Kleines«, keuchte sie. »Komm schon!« Vor Anstrengung biss sie sich auf die Zunge.

Sekundenlang tat sich nichts, und Vera fürchtete schon, dass die nächste Wehe ihren Bemühungen ein Ende setzen würde, aber dann ging es auf einmal wie von selbst! Das Kalb drehte sich. Vera ertastete zuerst einen Vorderlauf, dann den zweiten. Geschafft!

Behutsam zog sie sich zurück.

Nun dauerte es nicht mehr lange. Mit der nächsten Wehe kam das Kalb ein Stück ans Licht, und wenig später glitt es ins Stroh. Seine Mutter befreite es mit der Zunge von Schleim und Blut und stupste es mit der Nase an, als wollte sie es begrüßen.

Die Arbeit war noch nicht ganz getan, aber Vera gab den Tieren einige Augenblicke Zeit und schaute zu, wie das Kalb den ersten Versuch unternahm, aufzustehen. Es plumpste sofort wieder ins Stroh, ließ sich davon aber nicht entmutigen und versuchte es gleich noch einmal.

»Ich mache hier für dich weiter.« Unbemerkt war Josef Brandner hinter Vera getreten. Der Bauer war ein stämmiger Mann Ende vierzig. Durch seine dunklen Haare zogen sich einige graue Strähnen, und sein wettergegerbtes Gesicht und die kräftigen Hände zeugten von der harten Landarbeit. »Ruh dich aus, Vera! Du hast für heute genug getan. Du hast Erna gerettet.«

»Diesmal war es wirklich knapp. Ich wünschte, Doktor Steiger wäre hier gewesen.«

»Du hast das wunderbar alleine hinbekommen. Ich danke dir.«

Vera lächelte zittrig. Sie fühlte sich so erschöpft, als hätte sie an einem einzigen Tag das Matterhorn, die Zugspitze und den Mount Everest bestiegen. Matt wischte sie sich mit dem Rücken der linken Hand den Schweiß von der Stirn. Ihre rechte war voller Blut und Schleim.

»Du tust so viel für meinen Hof«, ihr Chef stockte und wirkte mit einem Mal verlegen, »deshalb fällt mir das hier auch so schwer …«

»Was denn?« Verwundert sah sie ihn an.

»Ich muss mit dir reden, Vera. Komm zu mir, wenn ich Erna gemolken und ihren Stall gesäubert habe, ja?«

»Kann das warten? Ich bin mit Patrick verabredet und schon spät dran. Das hier hat viel länger gedauert als geplant.«

»Nun, auf eine Stunde kommt es net an, aber wir müssen uns wirklich unterhalten.«

»Wenn ich zurück bin, ja? Ich sollte längst unterwegs sein, und gerade heute ist es wichtig, dass ich die Verabredung einhalte.«

Veras Herz klopfte schneller. Ihr Schatz hatte sie zu einem Spaziergang eingeladen, gerade zu der Zeit, wenn die Sonne unterging. Konnte es etwas Romantischeres geben?

Sie war sich sicher, dass dies der Abend aller Abende sein würde. Ihr Freund hatte vor, sie um ihre Hand zu bitten. So lange schon träumte sie davon, aber er hatte immer noch gezögert.

Nun war Patrick seit Tagen still und in sich gekehrt, wie vor einer wichtigen Entscheidung. Ja, an diesem Abend würde es endlich so weit sein!

Vera konnte es kaum erwarten, ihren Schatz zu treffen. In ihrem Bauch schienen tausend Kolibris mit den Flügeln zu schlagen.

Sie blickte an sich hinunter. Ihre Latzhose war voller Blut und Stroh, und sie wollte lieber nicht wissen, wie es um ihre Haare bestellt war. Vermutlich sah sie aus, als hätte sie ein Vogelnest auf dem Kopf. Bevor sie sich mit ihrem Freund traf, musste sie sich unbedingt noch waschen und umziehen!

Ihr Chef ließ sie sichtlich ungern gehen, hielt sie aber auch nicht auf. Worüber wollte er wohl mit ihr reden?

Das finde ich später heraus, dachte sie und eilte in ihre Kammer im ersten Stock des Bauernhauses. Sie duschte und zog ihr bestes Dirndl an. Es war aus zartgrünem Stoff und am Mieder mit rosa Blüten bestickt. Die schneeweiße Schürze betonte ihre schmale Taille, und der kniekurze Rock ließ ihre schlanken Beine gerade genug sehen, um einem Burschen zu gefallen.

Ihre blonden Haare bürstete Vera, bis sie ihr glänzend über die Schultern fielen. Dabei schweifte ihr Blick aus dem Fenster, und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Die untergehende Sonne tauchte das Tal in warmes Licht. Wie herrlich das aussah!

Vera wurde das Herz weit bei diesem Anblick. Der Hexenstein zeichnete sich deutlich vor dem Abendhimmel ab. Seine Besonderheit war, dass er nicht nur einen schrundigen Gipfel hatte, sondern gleich zwei. Dichter Wald schmiegte sich um seinen Fuß, von Dunstfetzen zersetzt, denn es hatte am Nachmittag einen Regenschauer gegeben. Inzwischen waren die Wolken weitergezogen und es versprach, eine sternenklare Nacht zu werden.

Veras bewohnte eine Kammer auf dem Brandner-Hof. Ihr Zimmer war klein, aber gemütlich. Sie hatte dem Raum mit selbst genähten, bunten Kissen und einem Fleckerlteppich eine gemütliche Note gegeben. Auf dem Fensterbrett streckte eine Orchidee ihre knospenden Stängel der Sonne entgegen.

Auf dem Nachttisch stand eine gerahmte Fotografie von Veras Freund. Patrick war ein hochgewachsener, stämmiger Bursche, der mit seinem Gewehr posierte und ganz in Grün gekleidet war. Er hatte dunkelblonde Haare und blaue Augen, die lebenslustig blitzten. Als Forstgehilfe wollte er eines Tages sein eigenes Revier leiten.

Vera strich sanft über die Fotografie. Seit drei Jahren waren Patrick und sie nun ein Paar. Natürlich hatte es in ihrer Beziehung bereits Höhen und Tiefen gegeben. Sie waren sich häufig uneins, weil sich Patrick scheute, eine Familie zu gründen, während sich Vera nichts Schöneres vorstellen konnte, als ein Zuhause und Kinder mit ihm zu haben.

Doch an diesem Abend würde sich alles ändern, daran zweifelte sie nicht. Nun würde alles gut werden.

Ein Klopfen an ihrer Zimmertür riss Vera aus ihren Träumereien. Auf ihren Ruf schaute Nina herein.

»Na, bist du fertig für heute?«, fragte ihre Kollegin lächelnd. »War ein langer Tag, was? Willst du mit mir zum Tanz in den ›Ochsen‹ gehen? Heute spielen die Hexensteiner auf. Das sollten wir net verpassen.«

»Ich kann net. Patrick hat mich zu einem Spaziergang eingeladen. Ich glaube, heute ist es endlich so weit.«

»Was soll das heißen … Oh!« Verständnis erhellte Ninas Gesicht. »Du denkst, er geht heute auf die Knie?«

Vera nickte, während alles in ihr vor lauter Vorfreude kribbelte und sie ihr Glück am liebsten laut hinausgesungen hätte.

Nina kniff besorgt die Augen zusammen.

»Glaubst du wirklich, dass sich Casanova einfangen lässt? Dein Schatz scheut eine feste Bindung wie der Dackel unseres Chefs ein Bad.«

»Das war früher so, aber jetzt ist es anders.«

»Bist du sicher? Wie oft hat Patrick schon von Trennung gesprochen, weil ihm eure Beziehung zu eng wurde?«

»Stimmt, aber er ist immer zu mir zurückgekommen.«

»Das ist er«, bestätigte Nina seufzend. »Ich bin mir nur net sicher, ob er dir damit einen Gefallen getan hat. Diese ewige Unsicherheit, ob er zu dir steht … Willst du das wirklich? Findest du net, dass du etwas Besseres als das verdienst?«

»Was redest du denn da? Ich liebe Patrick, und ich möchte mit ihm zusammen sein. Er ist das Beste, was mir passieren konnte«, beharrte Vera.

»Ist er das? Mei, ich will dir net in dein Leben reinreden, aber ich mache mir Sorgen um dich. Patrick liebt das Leben und das Feiern. Er hat lieber zwei Ringe unter den Augen als einen an der Hand. Bei ihm wirst du nie genau wissen, ob er abends heimkommt, wenn er es sagt.«

»Das ist net wahr. Du kennst ihn eben net so, wie ich ihn kenne. Er würde mich nie absichtlich verletzen.«

»Und eure Streitereien?«

»Jedes Paar zankt sich einmal. Das ist normal. Wichtig ist nur, dass man sich hinterher wieder verträgt.« Vera ignorierte die zweifelnde Miene ihrer Kollegin. Sie wusste, dass Patrick und sie füreinander bestimmt waren. Was zählte es schon, dass sie ab und zu stritten? Das kam in jeder Beziehung vor, oder nicht?

Nina versuchte nicht noch einmal, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Doch ihr Blick verriet, dass sie in Patrick nicht denselben Mann sah, den Vera in ihm sah.

Mit heftig klopfendem Herzen machte sich Vera wenig später auf den Weg zu dem verabredeten Treffpunkt. Das Zirpen von Grillen begleitete sie. Hoch über ihr kreiste ein Rotmilan über dem Tal und stieß einen melancholischen Ruf aus. Es klang so trübe, dass die junge Magd unwillkürlich schauderte.

Patrick wartete bereits an dem Marterl am Dorfrand auf sie. Hier, wo die Wiesen in den Wald übergingen, trat er von einem Fuß auf den anderen und blickte Vera entgegen.

»Bin ich sehr spät dran?«, stieß sie hervor und eilte auf ihn zu. »Es tut mir leid. Wir hatten noch einen Notfall im Stall.«

Vera fiel ihrem Schatz um den Hals und schmiegte sich an ihn. Doch anstatt sie wie sonst zu umarmen, schob er sie mit betretener Miene von sich und wich ihrem Blick aus.

Vera erschrak. »Stimmt etwas net? Geht es dir net gut, Liebling?«

»Doch, mir fehlt nix …« Nun sah er sie doch an. »Mei, das ist dein erster Gedanke? Dass mir etwas fehlen könnte?«

»Natürlich. Du siehst bedrückt aus.«

»Das bin ich auch, aber du solltest dir keine Sorgen um mich machen, Vera. Nun nimmer.« Er schüttelte dumpf den Kopf. »Das hab ich nämlich net verdient.«

»Was redest du denn da?« Mit einem Mal schien eine eisige Faust nach ihrem Herzen zu greifen. Patrick war ganz anders als sonst. Ernster und abweisender. Das hier schien nicht der romantische Abend zu werden, von dem sie geträumt hatte.

Was war nur geschehen? War er aufgebracht, weil sie sich verspätet hatte? Aber sie hatte sich doch entschuldigt!

»Es tut mir leid, Vera«, sagte er rau, »aber wir müssen uns trennen.«

»Was?« Ungläubig sah sie zu ihm auf und war überzeugt davon, sich verhört zu haben. »Was redest du denn da?«

»Unsere Vorstellungen von der Zukunft sind zu verschieden für ein gemeinsames Leben. Das musst du doch auch spüren. Du wünschst dir ein Haus und eine Familie. Mich dagegen zieht es in die Ferne. Ich möchte reisen und etwas von der Welt sehen, ehe ich mich irgendwo niederlasse.«

»Das ist kein Grund, uns zu trennen. Wir … wir können doch auch zusammen verreisen und fremde Länder besuchen.«

»Nein, Vera. Es geht nimmer mit uns beiden. Ich fühle mich ständig schuldig, weil ich dir net das bieten kann, was du dir wünschst. Du verdienst es, deine Wünsche erfüllt zu bekommen, aber dafür müsste ich meine eigenen Vorstellungen aufgeben. Und das will ich net.«

»Patrick, bitte, tu das net«, flehte Vera. Mit einem Mal begann sich alles um sie zu drehen. »Wir können alles wieder einrenken. Ganz bestimmt. Wir müssen net gleich heiraten. Net in diesem Jahr und auch noch net im nächsten, wenn du das net möchtest. Wir können warten. Wirklich.«

»Das sagst du jetzt, aber ich kenne dich und weiß, dass du dir etwas anderes wünschst. Vermutlich wartest du schon längst darauf, dass ich dich um deine Hand bitte.«

Sie wollte etwas erwidern, aber das konnte sie nicht. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

»Es tut mir leid, Vera, es ist aus. Da ist noch etwas anderes …« Er fuhr sich durch die Haare und schien mit sich zu ringen, ob er weitersprechen sollte. Schließlich ging ein Ruck durch ihn und er gestand: »Es gibt eine andere.«

»Nein!« Seine Worte trafen sie wie ein Messerstich mitten ins Herz.

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