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Der Bergdoktor - Folge 1735

Blinder Stolz

Vom Aufstieg und Fall eines allzu ehrgeizigen Madels

Von Andreas Kufsteiner

Lissy Wagenthaler, die von früh bis spät als Magd auf dem Hof des Bürgermeisters arbeitet, träumt von einem besseren Leben. Und dieses Leben kann ihr der reiche Unternehmer Rolf von Fernau bieten! Als er sie zum Tanzen nach Mayrhofen einlädt, ist sie entschlossen, ihre Chance zu nutzen.

Jetzt steht Lissy vor dem Spiegel, um sich für ihr Rendezvous hübsch zu machen, als etwas Seltsames mit ihren Augen geschieht. Sie sieht Ruß, der vom Himmel rieselt.

Erschrocken reibt sie sich über die Augen, aber der merkwürdige Rußregen lässt nicht nach. In Panik lässt Lissy die Schminkutensilien fallen und eilt zum Doktorhaus. Dabei hämmert in ihrem Kopf nur ein Gedanke: Ich will nicht blind werden!

Denn ein blindes Madel wird Rolf von Fernau niemals heiraten …

»Was machst du denn da, Mutterl?« Lissy Wagenthaler trug die frische Wäsche herein, die sie gerade im Garten von der Leine genommen hatte. Sie wuchtete den Korb auf den Küchentisch und richtete sich wieder auf. Dabei wischte sie sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Anna Wagenthaler saß auf der Eckbank. Sie hatte ihren Nähkorb neben sich und flickte eine weiße Socke. Ihr rundes Gesicht war vor Schmerz verzogen. Ihre verkrümmte rechte Hand verriet, dass ihre Arthritis unaufhörlich voranschritt. Seit einiger Zeit machte es ihr Mühe, die Finger zu krümmen.

»Ich stopfe ein paar Sachen«, antwortete sie und hob den Blick, um ihre Tochter anzulächeln.

»Lass das ruhig, Mutterl. Ich erledige das schon.«

»Du kannst vieles, Liebling. Nähen gehört leider net dazu.«

»Stimmt«, bekannte Lissy freimütig. »Aber wir können neue Socken kaufen. Du musst dir wirklich net so viel Mühe machen. Ich fahre gleich morgen runter nach Mayrhofen und besorge welche.«

»Das ist net nötig. Ich werde sie stopfen, dann kann man sie noch eine Weile tragen.«

»Warum möchtest du denn keine neuen Strümpfe haben?«

»Weil diese hier noch gut sind. Die Naht ist nur an der großen Zehe aufgerissen. Das lässt sich leicht in Ordnung bringen, und im Schuh sieht man die Stelle ohnehin net. Das Geld für neue Socken können wir uns sparen.«

Lissy stieß ein leises Seufzen aus. Sparen. Das war vermutlich das erste Wort gewesen, das sie als kleines Madel gelernt hatte. Ein Wunder wäre das nicht, denn sie war damit aufgewachsen, jeden Groschen zweimal umzudrehen und ihn dann doch nicht auszugeben. Dabei hätte sie sich gern wie ihre gleichaltrigen Freundinnen hin und wieder ein neues Kleid gekauft oder wäre verreist, aber dafür reichten ihre Mittel nicht aus.

Ihre weiteste Reise war ein Schulausflug in die Landeshauptstadt Wien gewesen. Dabei würde sie so gern mehr von der Welt sehen: Norwegen, Irland oder gar eine Safari durch einen Nationalpark in Südafrika. Wie schön das wäre! Und von einem Haus träumte Lissy. Oh. Ein eigenes Haus. Mit einem großen Garten und vielen Räumen, die sie ganz nach ihrem Geschmack einrichten konnte.

Ihre Mutter und sie lebten allein, denn ihr Vater hatte sie vor Lissys Geburt verlassen. Sie kannte ihn gar nicht. Mit ihrer Mutter bewohnte sie zwei Zimmer auf dem Hof des Bürgermeisters. Sie hatten eine Wohnküche und ein Schlafzimmer. Die Räume waren gemütlich eingerichtet, mit Möbeln aus Zirbenholz, hellen Wänden und einem rustikalen Holzfußboden, auf dem einige cremefarbene Flickenteppiche für Behaglichkeit sorgten.

Aber klein war die Wohnung. Viel zu klein, wenn es nach Lissy ging. Sie hätte gern ihr eigenes Reich gehabt, aber daran war nicht einmal zu denken.

Lissy arbeitete als Magd auf dem Bauernhof des Dorfobersten. Ihre Mutter packte mit an, wenn ihre Arthritis es erlaubte, doch das war in den vergangenen Monaten immer seltener der Fall gewesen. Sie hatte häufig Schmerzen und konnte sich an manchen Tagen kaum bewegen, vor allem, wenn das Wetter umschlug, aber die Kur, die ihr der Bergdoktor empfohlen hatte, schob sie immer wieder auf.

Lissy machte sich daran, die Wäsche aus dem Korb ordentlich zusammenzulegen und auf dem Tisch zu stapeln.

In der Küche roch es nach den Kräutern, die ihre Mutter auf der Fensterbank zog. Und nach dem Apfelkuchen, der im Ofen buk. Das Fenster stand weit offen und trug die milde Sommerluft und das muntere Zwitschern einer Amsel herein.

Lissy warf einen Blick aus dem Fenster.

»Donnerwetter! Hast du gesehen, wie weit die Arbeiten auf der Baustelle schräg gegenüber schon gediehen sind, Mutterl? Das Haus ist so gut wie fertig. Nur der Balkon muss noch verkleidet werden.«

»Dann wird der neue Nachbar wohl bald einziehen, was?« Anna ließ ihre Näharbeit sinken. »Ich bin schon gespannt, wer es ist.«

»Ich auch. Was bauen die Handwerker eigentlich da im Garten? Es sieht so aus, als würden sie eine Grube ausheben.«

»Eine Grube? Wozu denn das?«

»Das wüsste ich auch gern. Vielleicht für ein Schwimmbecken. Groß genug wäre sie auf jeden Fall.«

»Ein Swimmingpool? Hier bei uns in den Bergen?«

»Warum denn net? Das hat etwas. Mei, das Haus ist wunderschön geworden! Alles vom Feinsten.«

»Lockt unser neuer Nachbar damit keine Einbrecher an?«

»Was, hier bei uns?« Lissy winkte ab. In ihrem Heimatdorf passierte so gut wie nie ein Verbrechen. Vielleicht, weil es in einem stillen Seitenarm des Zillertals lag. Hier herauf musste man erst einmal finden, und dann gab es nur eine einzige Straße, die hinunter in die Stadt führte und die durch ihre engen Kurven als Fluchtweg nicht sonderlich geeignet war. »Einbrecher suchen sich bestimmt leichtere Ziele aus.«

»Hoffen wir es.« Ihre Mutter nahm ihre Näharbeit wieder auf.

Lissy hatte unterdessen alle Blusen und Wäschestücke zusammengefaltet und stutzte plötzlich.

»Verflixt, ich hab die Wäscheklammern unten im Hof vergessen. Ich werde sie rasch holen. Bin gleich wieder da.« Mit diesen Worten wirbelte sie herum, verließ die Wohnung und eilte hinaus in den Garten.

Draußen prallte sie gegen einen hochgewachsenen Mann.

»Felix!« Erschrocken schlug sie sich eine Hand vor die Brust. »Entschuldige. Ich hab dich gar net gesehen.«

»Mich kann man ja auch leicht übersehen«, versetzte er trocken und zwinkerte ihr zu.

Felix Riedl war als Knecht auf demselben Hof angestellt wie Lissy. Er bewohnte eine Kammer unter dem Dach und war immer zur Stelle, wenn Lissy oder ihre Mutter einmal Hilfe brauchten.

Übersehen konnte man ihn allerdings nicht so leicht, denn er war gut einen Kopf größer als Lissy und kräftig gebaut. Die Landarbeit hatte seinen Körper gestählt, und seine sonnengebräunte Haut verriet, dass er den größten Teil seiner Arbeit im Freien verrichtete. Er hatte kurze, dunkelblonde Haare, unter denen ein Paar leuchtend blauer Augen hervorblitzten. Sein Blick war offen und freundlich.

Lissy sah ihn entschuldigend an. »Hab ich dir wehgetan?«

»Ach wo.« Felix lächelte breit. »Warum hast du es denn so eilig?«

»Ich muss meine Wäscheklammern aus dem Garten holen, ehe das Gewitter losbricht.«

»Bis dahin dauert es sicherlich noch eine Stunde oder sogar länger.« Er warf einen prüfenden Blick zum Himmel. Im Westen türmten sich Gewitterwolken auf, aber noch war es sommerlich warm, und der Himmel über den Bergen leuchtete blau. »Ich hab etwas für dich. Warte kurz, ja?« Felix verschwand kurz in der Scheune. Als er wieder herauskam, reichte er Lissy ein Radio. »Es funktioniert wieder. Ich hab es repariert.«

»Mei, du bist ein Schatz! Vielen Dank! Dann kann ich mir heute Abend das Hörspiel anhören. Unglaublich, dass du sogar kaputte Radios reparieren kannst.«

»Ich werkele halt gern ein bisserl herum. Das ist wirklich keine große Sache.« Felix nestelte an seinem Gürtel und wirkte mit einem Mal verlegen. »Wie geht es deiner Mutter heute?«

»Net so gut. Sie lässt sich nix anmerken, aber ich sehe, dass sie Schmerzen hat.«

»Das tut mir leid. Soll ich für euch einkaufen fahren? Dann musst du die schweren Milchkartons net schleppen. Und deine Mutter auch net.«

»Das wäre furchtbar lieb von dir. Kann ich dir das wirklich zumuten?«

»Aber sicher. Schreib mir einfach auf einen Zettel, was ihr braucht. Dann besorge ich alles. Ich wollte heute sowieso einkaufen gehen, da kann ich eure Sachen gleich mit besorgen.«

»Dank dir schön, Felix. Dafür bekommst du den Apfelkuchen, den ich gerade im Ofen habe.«

»Oh, das ist aber net nötig.«

»Doch, ich bestehe darauf.«

»Na gut, zu einem deiner Kuchen sage ich bestimmt net Nein. Deine Backwerke sind ein Gedicht. Mit mindestens fünfzehn Strophen.« Er blinzelte ihr zu.

»Prima, dann ist das abgemacht.« Lissy schob ihren blonden Zopf über die Schulter nach hinten. »Sag mal, weißt du, wer da drüben einzieht?«

»In den superteuren Luxusschuppen?« Felix verzog das Gesicht, als hätte er eine Spinne auf seiner Nasenspitze entdeckt. »Es soll ein Unternehmer aus Schwaz sein, hab ich gehört, aber ich kenne ihn net.«

»Ein Unternehmer?«

»Ja, irgendetwas mit Fitnessprodukten. Genaueres weiß ich auch net, aber er scheint mehr Geld als Verstand zu haben, wenn er sein Haus ausgerechnet dorthin baut.«

»Warum denn? Die Lage ist doch sehr idyllisch.«

»Das schon, aber schau dich mal um. Der Stall des Bürgermeisters liegt keinen Steinwurf entfernt. Wenn der Wind aus westlicher Richtung kommt, und das kommt er bei uns oft, hat er den Geruch im ganzen Haus.«

»Oh, du hast recht! Das hat er wohl net bedacht.«

»Glaube ich auch.«

»Dann werde ich jetzt rasch raufgehen und den Einkaufszettel schreiben, damit du net im Unwetter los musst.« Lissy nickte ihrem Kollegen zu, holte den Korb mit Wäscheklammern und eilte wieder hinauf in ihre Wohnung.

»Brauchst du noch etwas aus der Stadt, Mutterl?«, fragte sie, während sie schon nach Stift und Papier griff und begann, alle wichtigen Lebensmittel aufzuschreiben.

»Ich könnte ein neues Shampoo gebrauchen.«

»Ich notiere es. Felix geht für uns einkaufen.«

»Das ist nett von ihm. Er ist überhaupt ein patenter Bursche. Warum gehst du net einmal mit ihm aus?«

»Was? Mit Felix?« Lissy sah ihre Mutter so verwundert an, als hätte diese ihr gerade ein Rendezvous mit einem Wiesel vorgeschlagen. »Warum soll ich denn mit ihm ausgehen?«

»Weil er anständig und fleißig ist.«

»Das ist er, aber deswegen treffe ich mich doch net mit ihm.« Lissy krauste die Nase.

Nein, der Mann ihrer Träume war Felix bestimmt nicht. Sie wünschte sich einen Mann, der gut situiert war und ihr all das bieten konnte, was sie sich ersehnte. Sie wollte später ein leichteres Leben haben als ihre Mutter, aus diesem Grund war sie fest entschlossen, reich zu heiraten.

Nachdenklich richtete sie den Blick aus dem Fenster zum Haus von gegenüber. Es schien bezugsfertig zu sein.

Wer da wohl bald einziehen würde?

***

»Herrschaftszeiten! Das darf doch net wahr sein!« Rolf von Fernau fiel aus allen Wolken. War es nicht schon schlimm genug, dass die Bauarbeiten an seinem neuen Haus im Verzug waren? Und zwar um mehr als zwei Wochen? Nun hatte ihm auch noch irgendjemand die Grube seines nagelneuen Schwimmbeckens verwüstet!

Sein Bauleiter war der Ansicht, dass ein Verzug von zwei Wochen ein Klacks war. Es gab Baustellen, auf denen die Arbeiten ein halbes Jahr hinterher hinkten. Und noch mehr! Doch das interessierte Rolf von Fernau nicht. Ihm ging es einzig und allein um die Fertigstellung seines künftigen Zuhauses. Und die schien sich gerade weiter verzögert zu haben. Zumindest deuteten die Spuren darauf hin.

Die Grube für das Wasserbecken war fertig gewesen, aber jetzt war alles verwüstet. Es sah beinahe so aus, als … Er stutzte. »Als wäre eine Horde Wildschweine hier durchgerast.«

Er ging näher an die Grube heran und fand tatsächlich zahllose Abdrücke von Wildschweinhufen. Ja, es war eindeutig. Die Tiere hatten ihre Abdrücke im Schlamm hinterlassen. Offenbar hatten sie die Grube zu ihrer neuen Suhle auserkoren.

Nun, diesen Hauer würde er ihnen ziehen müssen. Am besten ließ er noch heute einen Zaun errichten, um die Tiere fernzuhalten, sonst würden sie vermutlich immer wiederkommen und sein Grundstück umwühlen und verwüsten.

»Da haben Sie ein Problem«, stellte der Vorarbeiter fest. Sein Name war Manfred Grünert. Er war Anfang sechzig und hatte schon zahlreiche Baustellen unter seiner Leitung gehabt. Als er sich jetzt das Kinn rieb, gab es ein schabendes Geräusch. »Ein großes Problem!«

»Warum glauben Sie das?«

»Wenn diese Viecher erst mal etwas entdeckt haben, das sie mögen, kommen sie immer wieder. Eine Suhle, ein Maisfeld, vor denen ist nix sicher.«

»Dann werde ich ihrem Treiben mit einem Zaun einen Riegel vorschieben.«

»Ein Zaun wird da net viel nutzen. Diese Biester sind schlau. Sie finden immer wieder ein Schlupfloch und brechen durch oder wühlen sich untendrunter durch.«

»Notfalls vertreibe ich sie mit einem Gewehr. Ich hatte sowieso vor, hier eine Jagdpacht zu erwerben. Daran soll es wirklich net scheitern.« Rolf kniff die Augen zusammen. Er würde die Wildschweine schon von seinem Grund und Boden fernhalten. Das sollte nicht das Problem sein.

Grimmig schaute er sich um. Anfangs war er selbst hochzufrieden mit dem Kauf des Baulands gewesen. Es lag am Rand von St. Christoph, einem idyllischen Dorf in den Bergen, und bot alles, was er sich gewünscht hatte: eine traumhafte Aussicht auf die Zillertaler Berge, Ruhe und Abgeschiedenheit. Ihm hatte auch die Nähe zum Wald gefallen.

Nun erkannte er allerdings, dass dieser Vorzug auch einen Nachteil hatte: Die Wildschweine hatten es nicht weit vom Wald bis zu ihm. Solange sie auf seinem Grundstück wüteten, würde er keinen Frieden haben. Die Nähe zum Wald war ja gut und schön, aber anscheinend war der Forst das Zuhause der vierbeinigen Störenfriede. Aber gut, er würde schon dafür sorgen, dass ihnen die Lust verging, auf seinem Land zu wüten.

Während der Vorarbeiter zurück an die Arbeit ging und die letzten Handgriffe im Inneren des Hauses überwachte, trat Rolf näher an die Grube, um sich ein Bild vom Ausmaß des Schadens zu machen. Ein strenger Geruch stieg ihm in die Nase. Wildschweingeruch!

Er verzog das Gesicht und holte ein Taschentuch hervor, um es sich vor die Nase zu halten. Dabei achtete er nicht darauf, wohin er trat. Und so kam es, wie es kommen musste: Er rutschte im Schlamm aus und fiel der Länge nach hin!

Es gab ein schmatzendes Geräusch, als er aufschlug.

Rolf stöhnte unterdrückt. Weniger vor Schmerzen, denn der Schlamm war weich und federte seinen Sturz ab, als vor Empörung. Seine Hosen stammten aus Mailand – und nun waren sie voller Schlamm! Mühsam rappelte er sich hoch und wäre um ein Haar noch einmal ausgerutscht. Der Boden war glatt wie eine Eisbahn!

Missmutig schaute er an sich hinunter.

Wunderbar, dachte er ironisch, ich sehe aus wie ein Ferkel.

»Haben Sie sich wehgetan?« Unerwartet war am Zaun eine junge Frau aufgetaucht. Sie trug Arbeitssachen – eine Latzhose, eine kurzärmelige karierte Bluse und Gummistiefel. Ihre blonden Haare hatte sie mit einem Tuch zurückgebunden. Trotz ihrer schlichten Aufmachung ging etwas Strahlendes von ihr aus. Es war, als würde er in die Sonne blicken. Ihre Augen waren so leuchtend blau wie der Sommerhimmel an einem besonders schönen Tag. Sie hatte ein schmales Gesicht und volle rote Lippen, die sich nun erschrocken schürzten, als sie ihn prüfend musterte.

»Mir fehlt ...

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