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Der Bergdoktor - Folge 1734

Es war die Stunde des Abschieds

Niemand ahnte etwas von Mias Entschluss

Von Andreas Kufsteiner

In aller Heimlichkeit trifft Mia die nötigen Vorbereitungen, um noch in dieser Nacht den elterlichen Hof zu verlassen. Eine kleine, versteckt gelegene Hütte mitten im Wald soll von nun an ihr Zuhause sein.

Überall auf der Welt wird sie es besser haben als daheim, wo man sie schlechter behandelt als eine Magd. Kalt und lieblos geht es auf dem Eder-Hof zu, Mia kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal wirklich glücklich war.

Schon will das Madel nach der gepackten Tasche greifen, als nebenan aus der Schlafkammer der Eltern ein Stöhnen kommt. Dann hört sie die herrische Stimme des Vaters: »Mia, schnell, ich glaub, die Mutter stirbt …«

Dr. Martin Burger brachte die Jeggl-Alma zur Tür. Um ihre linke Hand und das Handgelenk trug sie einen Elastikverband. Die Besitzerin des Gemischtwarenladens von St. Christoph hatte sich die Hand verstaucht, als sie eine Kiste mit Äpfeln hochgehoben hatte.

»Und sei vorsichtig mit deiner Hand, Alma«, mahnte er zum Abschied. »Mit einer Verstauchung sollte man net spaßen. Versuch, dich in den nächsten Tagen ein bisserl zu schonen, ja?«

Alma nickte. »Ich werde zusehen, für ein paar Tage eine Hilfe im Laden zu bekommen.« Sie schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln. »Vielen Dank auch. Jetzt werde ich erst mal zur Zenzi hinübergehen. Sie hat bestimmt ein Tasserl Kaffee für mich.«

»Und dazu ein großes Stück Hefezopf«, meinte der Arzt. »Heute Morgen frisch gebacken.«

»Das werde ich mir auf keinem Fall entgehen lassen.« Die Jeggl-Alma verabschiedete sich erneut und verließ die Praxis.

»Bitte, Josefine!« Dr. Martin Burger wies einladend in sein Sprechzimmer.

Josefine Eder erhob sich schwerfällig. »Ich fühle mich heute gar net gut, Herr Doktor«, klagte sie, nachdem sie einander begrüßt hatten. Sie wandte sich zu ihrer Tochter um. »Komm, Mia, brauchst du eine Extraeinladung?«

»Du hast kein Wort davon gesagt, dass ich mit ins Sprechzimmer soll, Mutter.« Mia stand auf. Sie reichte Dr. Burger die Hand. »Hoffentlich haben Sie nix dagegen, Herr Doktor.«

»Wenn deine Mutter es wünscht, Mia«, meinte der Arzt. Ihm fiel auf, wie blass das junge Madel wirkte. Er hatte des Öfteren gehört, dass Mia auf dem Hof keinen leichten Stand hatte. Alles drehte sich um den zukünftigen Hoferben, der seit Jahren immer nur für ein paar Ferientage seine Familie besuchte.

Er bot den beiden Frau vor seinem Schreibtisch Platz an und hörte geduldig zu, wie ihm die Eder-Josefine ihre Beschwerden schilderte.

»Es vergeht kaum ein Tag, an dem mir net schon am Morgen schwindlig ist. Und dieses Herzrasen, Herr Doktor! Man könnte denken, das Herz wollte mir aus der Brust springen.«

Der Arzt bat die Patientin, sich freizumachen. Er untersuchte sie gründlich.

»Nimmst du pünktlich deine Medikamente, Josefine?«, erkundigte er sich.

»Ich bin da sehr gewissenhaft.« Die Bäuerin sah ihre Tochter an. »Oder stimmt das net, Mia?«

»Es stimmt, Herr Doktor«, versicherte Mia. »Ich hab noch nie erlebt, dass meine Mutter ihre Medikamente vergessen hätte. Das Insulin spritze ich ihr nach wie vor.«

»Meine Hände sind net mehr so ruhig wie Mias«, warf Josefine ein. »Wenn man sein Lebtag so hart wie ich gearbeitet hat, beginnen irgendwann die Hände zu zittern. Außerdem kommt es mir vor, als hätte ich oft kein Gefühl in den Fingerspitzen.«

»Du kannst dich anziehen, Josefine«, sagte der Arzt. Er setzte sich an den Schreibtisch und warf einen Blick auf den Monitor seines Computers. »Deine Blutwerte machen mir Sorgen, Josefine. Seit der letzten Blutuntersuchung sind deine Zuckerwerte weiter angestiegen.« Er dachte kurz nach, dann nahm er sein Blutzuckermessgerät aus dem Schreibtisch.

»Sie werden doch jetzt net meinen Blutzucker messen wollen?«, fragte die Bäuerin erschrocken.

»Genau das hab ich vor.« Er stand auf und bat sie um ihren Zeigefinger.

»Wenn’s denn sein muss!« Widerwillig streckte ihm Mias Mutter den Zeigefinger entgegen. Sie zuckte leicht zusammen, als er mit einer Lanzette hineinstach.

Kopfschüttelnd blickte der Arzt auf den Zuckerwert, der sich nach wenigen Sekunden im Messgerät zeigte.

»Dreihundertfünfzig, Josefine. Wann hast du denn gefrühstückt?«

»Vor zwei Stunden«, erwiderte sie und schob trotzig die Unterlippe vor. »Ich weiß auch net, woher diese Zuckerwerte kommen. Ich leb spartanisch genug. Net mal richtigen Zucker gönne ich mir im Kaffee.«

Dr. Burger glaubte ihr kein Wort. Ein Blick zu Mia bestätigte seine Meinung, dass er wieder einmal angelogen wurde. Vergeblich bemühte sich das Madel um ein gleichmütiges Gesicht. Es kannte ja die Wahrheit.

Er zog eine Spritze mit Insulin auf, um nachzuspritzen.

»Ich kann dich nur bitten, endlich auf Süßes zu verzichten, Josefine, oder wenigstens nur bei besonderen Anlässen mal ein oder zwei Pralinen zu essen, net gleich eine ganze Schachtel. Diabetes schadet net nur deinen Organen, sondern auch deinen Nerven und den Augen. Die Gefühllosigkeit in deinen Fingern kommt durch deine durch die Krankheit hervorgerufene Neuropathie.« Behutsam injizierte er das Insulin in ihre Bauchdecke.

Die Eder-Josefine zog ihren Pullover herunter und erhob sich.

»Ich würde dich gern in vierzehn Tagen sehen«, sagte Dr. Burger, als er sie und ihre Tochter zur Tür brachte. »Lass dir bitte von der Bärbel einen Termin geben.«

»Mach ich.« Sie reichte ihm kühl die Hand. »Einen Gruß an Ihre Frau, Herr Doktor.«

»Danke, Josefine.«

Mia verabschiedete sich ebenfalls. Nachdem sie sich bei der Sprechstundenhilfe einen Termin hatte geben lassen, trat sie mit ihrer Mutter ins Freie.

Die Bäuerin presste die Lippen zusammen. Erst als sie im Wagen saßen und St. Christoph in Richtung Hochbrunn verließen, sagte sie: »Ich überleg mir allen Ernstes, ob ich mir net einen Arzt in Mayrhofen suche. Ich bin die ständigen Vorwürfe von Dr. Burger leid.«

»Ein Arzt in Mayrhofen wird dir nix anderes sagen, Mutter«, erwiderte Mia. »Dein hoher Zuckerspiegel kommt net von ungefähr. Wir wissen beide, wie gern du Schokolade, Pralinen und Kuchen isst. Ich hab dir oft genug gesagt, dass du …«

»Hab ich dich um deine Meinung gefragt, Mia?« Die Eder-Josefine funkelte ihre Tochter wütend an. »Dein Bruder macht mir nie Vorwürfe. Er kann mich verstehen.«

»Er sieht ja auch net, was du Tag für Tag an Süßigkeiten in dich hineinstopfst«, erwiderte Mia. »Mutter, ich meine es net bös. Ich mach mir nur Sorgen um deine Gesundheit. Mit Diabetes ist net zu spaßen.«

Die Bäuerin drehte sich zur Seite und starrte aus dem Wagenfenster.

Dann eben net, dachte Mia. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, was sie verbrochen hatte. Seit ihrer frühen Kindheit fühlte sie sich, als sei sie bei ihren Eltern nur das fünfte Rad am Wagen. Es gab kaum etwas, was sie ihnen recht machen konnte, dabei bemühte sie sich nach Kräften, ihren Bruder Paul auf dem Hof zu ersetzen, bis der sein Erbe antreten würde.

Im Moment sah es nicht danach aus, als hätte er großes Interesse am Hof. Er arbeitete in Innsbruck und machte keine Anstalten, seinen Pflichten als zukünftiger Bauer nachzukommen.

Als die auf den Hof zurückkehrten, empfing sie ihr Vater mit der Nachricht, dass sich für die nächste Woche der Rauch-Simon mit seinem vollhydraulischen Klauenpflegestand angesagt hatte.

Mia spürte, wie ihr Herz plötzlich schneller zu schlagen begann. Sie bemühte sich, ihren Eltern nicht zu zeigen, wie sehr sie sich auf Simons Kommen freute. Auch wenn sie den jungen Burschen mochten, als zukünftiger Schwiegersohn kam er für sie nicht infrage.

***

Simon Rauch lenkte den Traktor, an dem sein vollhydraulischer Klauenpflegestand hing, die holprige Fahrstraße hinauf, die zum Eder-Hof führte.

Er freute sich auf seinen Aufenthalt bei den Eders, bedeutete das doch, dass er Mia wiedersehen würde. Das Madel hatte im letzten Jahr großen Eindruck auf ihn gemacht. Er bewunderte, mit welchem Elan sie sich der Landwirtschaft verschrieben hatte. Dazu war Mia auch noch bildhübsch und hatte jederzeit ein Lächeln für ihn gehabt.

Leicht hatte Mia es nicht auf dem Hof, das hatte er nach wenigen Stunden erkannt. Sie galt nicht viel bei ihren Eltern, obwohl es zum großen Teil ihr zu verdanken war, dass auf dem Hof alles so reibungslos ablief.

Walter Eder litt an einer schweren Arthritis und konnte sich nur sporadisch um die Arbeit auf Hof und Feld kümmern. Seine Frau war seit Jahren krank und oft bettlägerig. Ohne Mias Tatkraft und die beiden Hilfskräfte, die jeden Morgen zur Arbeit auf den Hof kamen, hätten die Eders längst aufgeben müssen, denn der zukünftige Hoferbe Paul lebte seit Jahren ins Innsbruck und ließ sich kaum einmal blicken.

Simon konnte Mias Bruder nicht verstehen. Warum hielt er seine Eltern im Ungewissen, statt ihnen klipp und klar zu sagen, dass er gar nicht daran dachte, eines Tages den Hof zu übernehmen?

Das Hoftor stand einladend offen. Simon fuhr mit seinem Traktor und dem Anhänger hindurch und parkte in der Nähe der Scheune. Gerade, als er vom Traktor kletterte, öffnete sich die Haustür, und Mia trat hinaus. Ihre dunklen Haare hatte sie aufgesteckt. Ihre Augen strahlten. Er hoffte, dass dieses Strahlen ihm galt.

»Da wäre ich also«, sagte er und lief ihr entgegen.

»Und genauso willkommen wie im letzten Jahr.« Sie reichte ihm die Hand.

»Du ahnst net, wie ich mich freue, dich zu sehen, Mia.« Er schaute ihr in die Augen. Es gefiel ihm, dass sie den Blick nicht senkte. »Ich hatte schon befürchtet, irgendein Bursche aus der Umgebung hätte dich längst heimgeführt.«

»Da gibt’s keinen, der auf so eine Idee kommen würde«, erwiderte Mia.

»Mach mir nix vor, Mia, einem so hübschen Madel wie dir laufen die Burschen bestimmt reihenweise nach.«

»Deine Kammer ist gerichtet, Simon«, sagte Mia rasch, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ah, und da kommen auch der Vater und der Hannes.« Sie wies in Richtung Stall.

»Schön, dass du da bist, Simon«, meinte Walter Eder und stützte sich schwer auf den Stock, den er an diesem Tag brauchte, um überhaupt laufen zu können. »Die Kühe sind zur Fußpflege bereit. Sie können es kaum noch erwarten.« Er lachte.

»Da wäre ich mir net so sicher, Walter.« Simon stimmte in das Lachen des Bauern ein.

»Ich geh dann mal ins Haus«, verkündete Mia. »Wenn du eine Erfrischung brauchst, komm in die Küche. Die Mutter fühlt sich heute net wohl, deshalb kümmere ich mich ums Essen.«

»Da wird es mir heut Mittag doppelt so gut schmecken.«

»Warte es ab.« Mia ließ die Männer allein.

Der Bauer zeigte Simon, wo er seinen Klauenpflegestand aufstellen konnte.

»Der Hannes wird dir zur Hand gehen. Ich bin heut leider net fähig dazu.«

»Deine Arthritis?«

Der Bauer nickte. »Es bleibt einem auch nix erspart.«

»Da kannst du nur froh sein, so ein tüchtiges Madel wie die Mia zu haben«, meinte Simon.

»Mei, mit der Mia ist’s oft gar net so einfach. Die hat ihren eigenen Kopf. Und ans Heiraten denkt sie mit ihren zweiundzwanzig auch noch net, dabei könnten wir zwei Hände mehr auf dem Hof gut brauchen.« Der Eder seufzte schwer auf. »Da hat man einen Sohn und auch net. Der Paul war schon wochenlang net mehr hier. Dabei würde es Zeit für ihn, auf den Hof zurückzukehren. Es gibt hier genügend Madeln, die nur gern bereit wären, in einen Hof wie den unseren einzuheiraten.«

»Und wenn der Paul net daran denkt, den Hof zu übernehmen? Net jeder ist als Bauer geboren.«

»Daran wollen die Josefine und ich gar net denken! In diesem Fall müssten wir an die Mia übergeben, die, das muss ich zugeben, die geborene Landwirtin ist. Aber so was ist in unserer Familie noch nie vorgekommen. Es hat immer einen Sohn gegeben, der sich seiner Pflichten bewusst gewesen ist.« Der Bauer schüttelte den Kopf. »Nein, der Paul muss übernehmen! Daran führt kein Weg vorbei.«

Simon machte sich ans Werk. Der Hannes führte ihm die Kühe zu. Die meisten von ihnen fürchteten sich erst einmal vor dem Klauenpflegestand, doch Simon gelang es, sie zu beruhigen.

Geduldig traten sie in den Stand, ließen sich den Bauchgurt anlegen und die Füße in die Halterungen stecken. Plötzlich befanden sie sich im Schwebezustand, sodass Simon ohne Mühe ihre Klauen untersuchen konnte. Dabei hatte er oft schlimme Sachen wie Sohlengeschwüre und Zwischenklauengeschwülste entdeckt, die unbedingt behandelt werden mussten. An diesem Tag hatte er es nur mit der reinen Klauenpflege zu tun.

Erst am Abend endete sein Tagwerk. Trotz aller Technik war es keine leichte Arbeit, die er sich zu seinem Beruf erwählt hatte, und er war froh, sich bis zum nächsten Vormittag ausruhen zu können.

In der gemütlichen Wohnküche des alten Bauernhauses erwartete Simon ein reichliches Abendbrot im Kreis der Eders. Die beiden Hilfskräfte waren bereits heimgefahren.

Simon duschte und wechselte seine Arbeitskleidung mit Jeans und einem karierten Hemd. Nach kurzer Überlegung rasierte er sich sogar ein zweites Mal an diesem Tag. Er legte großen Wert darauf, auf Mia einen guten Eindruck zu machen.

Die alte Eder-Gertrud half ihrer Enkelin beim Tisch decken. Als Simon die Küche betrat, bedachte sie ihn mit einem strahlenden Lächeln, das ihrem runzeligen Gesicht etwas Jugendliches verlieh.

»Die Technik ist heut wirklich weit«, meinte sie. »Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie zu meiner Zeit die Kühe in den alten Klauenständen einfach gekippt wurden, um ihre Klauen bearbeiten zu können. Das war jedes Mal ein Drama, weil jede Kuh vor Schreck in Panik geriet.«

»Ja, zum Glück sind diese Zeiten vorbei«, antwortete Simon. Er nahm Mia das Brett mit dem Bauernschinken ab. »Wie das duftet!« Genussvoll sog er den Duft des Schinkens ein.

»Selbst geräuchert«, sagte der Bauer, der in diesem Moment ebenfalls die Küche betrat. »Fast alles, was bei uns auf den Tisch kommt, haben wir selbst hergestellt.« Er schnitt eine dicke Scheibe von der Wurst ab, die bereits auf dem Tisch lag, und reichte sie Simon. Erwartungsvoll sah er den jungen Burschen an.

»Hervorragend!«, lobte Simon, nachdem er einen Bissen genommen hatte.

»Das will ich meinen.«

Nachdem auch Josefine Eder in die Küche gekommen war, setzten sie sich alle an den Tisch. Mia schenkte aus einem hohen Krug Bier ein.

»Lasset uns beten.« Der Eder-Walter faltete die Hände.

Simon tat es den anderen gleich. Auch auf dem Hof, der seinem Bruder und ihm gemeinsam gehörte, wurde stets vor den Mahlzeiten ein Dankgebet gesprochen. Er kannte es nicht anders.

Das Tischgespräch drehte sich hauptsächlich um das Wetter, die kommende Ernte und das Vieh. Simon kam viel herum und erzählte auch von den anderen Höfen, auf denen er in diesem Jahr schon gearbeitet hatte.

»I

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