Logo weiterlesen.de
Der Bergdoktor - Folge 1733

Denn sie war kein Kind mehr

Alles, was Gitti besaß, war ihre Schönheit

Von Andreas Kufsteiner

Über fünf Jahre ist es jetzt schon her, seit Gitti Reuter von zu Hause fortlief. Damals war sie noch ein halbes Kind, aber die Härte und Strenge ihres Vaters waren zuletzt unerträglich. Wie ein Wachhund hat er jeden ihrer Schritte überwacht. Nie durfte sie sich mit Freundinnen treffen, geschweige denn abends ausgehen! Es war ein Leben wie im Gefängnis!

Damals hat sich Gitti geschworen, nie wieder nach St. Christoph und in die Trostlosigkeit des einsamen Waldhäusls zurückzukehren. Doch dann erhält sie einen Anruf von Dr. Burger. Eindringlich bittet er sie, sofort heimzukehren …

Die Sprechstunde in Dr. Burgers Praxis dauerte am Vormittag von halb neun bis halb eins und nachmittags von 15 bis 18 Uhr, jedenfalls war es so auf dem Schild neben der Tür zu lesen.

Tatsache war, dass der Doktor nach den Hausbesuchen sofort in die Praxis zurückfuhr, weil meistens noch Extra-Termine vor Beginn der offiziellen Sprechstunde anstanden.

Nur sehr selten konnte er kurz nach 18 Uhr das Stethoskop aus der Hand legen. Es wurde mindestens viermal pro Woche eine halbe bis dreiviertel Stunde später. Das bedeutete für die Familie, dass man mit dem Abendessen warten musste, bis er aus dem Praxisanbau herüberkam.

Heute war wieder mal so ein Tag, an dem sich schon vormittags abgezeichnet hatte, dass die Zeit mal wieder knapp werden würde. Die Patienten gaben sich die Klinke in die Hand.

Mitte September, strahlendes Frühherbstwetter, und trotzdem häuften sich in St. Christoph Erkältungen jeder Art samt Angina und Bronchitis – wie konnte das sein?

Die Lösung war einfach: Wegen des schönen Wetters hatten die Hütten und Almwirtschaften noch Hochsaison, es wurde an den sternenklaren Abenden draußen nach Kräften gefeiert.

Solange es möglich war, wollte jeder den Sommer noch einmal aufleben lassen. Darüber vergaß man leicht, dass es nach Sonnenuntergang nun doch schon recht kühl wurde.

Eine warme Jacke wäre durchaus von Nutzen gewesen, aber welches Madel mochte schon ein Wolljackerl über das schicke Dirndlgewand ziehen? Und welcher Mann wollte sein fesches Trachtenhemd unter einer krätzigen Joppe verstecken? Dazu war auch im Spätherbst noch Zeit und erst recht im Winter, wenn man zusätzlich noch einen Anorak brauchte.

Also Dirndl, hübsch dekolletiert, und Hemd mit hoch gekrempelten Ärmeln, dazu eine zünftige Bundhose. Dieser Leichtsinn rächte sich durch Halsweh, das recht bald zur noch schmerzhafteren Angina wurde, und durch Heiserkeit und Husten, wie man es sonst erst ab November kannte.

Zwar vergingen die lästigen Symptome folgenlos und auch recht schnell, aber nur, wenn man Medikamente einnahm, die der Doktor verschrieb. Gegen die grassierende Halsentzündung halfen derzeit keine Hausmittelchen, sondern nur Antibiotika.

»Die derzeitige Angina ist eine hoch ansteckende Sache«, seufzte Dr. Burger, als seine Assistentin Bärbel Tannauer ihm noch einmal die heutige »Ausbeute« an Erkältungsopfern präsentierte. Sie hatte alles genau im Computer gespeichert.

»Grad im Herbst drehen die Leut oft durch«, erklärte die blonde Bärbel. »Diese ganzen Feste! Hier eine Kirchweih mit Zelt und Karussells, dort eine Hüttengaudi oder auch nur ein Almtanz im Freien. Bis zum letzten schönen Tag wird die Zeit ausgenutzt. Und dann turteln sie miteinander, jeder mit jedem. Hier ein Busserl, da ein Busserl, ich hab’s ja selbst gesehen! Wenn ich mit meinem Felix ausgeh, dann weiß ich, wen ich küsse, nämlich nur ihn. Und er mich. Und sonst niemanden.«

Der Bergdoktor schmunzelte. »Sehr vernünftig, Bärbel. Aber manche Leut können eben nicht genug kriegen, ob im Zillertal oder anderswo. Außerdem möchte jeder vor der kalten Jahreszeit noch einmal das Leben in vollen Zügen genießen. Unsere fröhlichen Dörfler hocken erst dann hinterm Ofen, wenn’s net mehr anders geht. Man nimmt’s auch gerne mal in Kauf, dass man heiser wie ein Rabe herumkrächzt und einen feuerroten Schlund hat, durch den kaum noch ein Bissen von der Brotzeit passt.«

Die Bärbel lachte. Ihr »Chef« hatte Humor.

Seit Jahren arbeitete sie mit ihm zusammen, und noch nie war irgendeine ungute Situation entstanden. Es klappte immer, auch dann, wenn sie mal wieder Ärger mit ihrem Dauerverlobten hatte und dann mit Tränen in den Augen morgens in der Praxis auftauchte. In solchen Fällen konnte sie ganz sicher sein, dass der Doktor ein tröstendes Wort parat hatte.

»Am schlimmsten wird’s, wenn fünf, sechs Personen zwei Humpen Bier bestellen und dann reihum daraus trinken«, fuhr Dr. Burger fort. »Anscheinend ist das unglaublich lustig. Jeder könnte sich sein eigenes Bier leisten, aber nein, viel spaßiger sind zwei Gläser für einen ganzen Trupp.«

»Wie die Rindviecher auf der Alm. Die haben auch nur einen großen Trog mit Wasser«, brachte es die Bärbel in ihrer direkten Art auf den Punkt. »Na ja, ich mein’s net bös. Jeder soll das tun, was ihm gefällt. Jedenfalls haben wir eine Menge Arbeit, Herr Doktor. Für heut müssen Sie aber Schluss machen, der letzte Patient ist gerade gegangen.«

»Ich hab noch ein wichtiges Telefongespräch auf dem Plan«, erwiderte Dr. Burger.

»Es ist doch schon halb sieben vorbei!«

»Das weiß ich, aber wichtige Dinge darf man net verschieben. Bärbel, du warst heut wieder im vollen Einsatz. Geh jetzt heim, sonst denkt dein Felix wieder, dass du dich mit einem anderen Burschen triffst.«

»Seine alberne Eifersucht ist mir egal«, erklärte die Bärbel. Aber so ganz stimmte das nicht.

Solange er eifersüchtig war, loderte das Feuerchen zwischen ihnen weiter, und die ständig aufgeschobene Hochzeit kam regelmäßig zur Sprache. Derzeit war Felix eh kurz davor, den Schritt in die Ehe zu wagen, auch wenn sein starrsinniger Vater immer noch gegen die Heirat war (warum, wusste er eigentlich selbst nicht). Wahrscheinlich würde sich Vater Lesacher nie ändern, man musste ihn einfach murren und knurren lassen, bis er irgendwann halbwegs Ruhe gab.

Ein Jammer, dass die Bärbel immer wieder mit ihrem Schwiegervater in spe aneinandergerät, dachte Dr. Burger.

Die junge Frau, mit der er jetzt telefonieren wollte, hatte es bisher auch nicht leicht gehabt und viel Kraft gebraucht, um ihren eigenen Weg einzuschlagen.

Gitti Reuter lebte seit einigen Jahren im oberbayrischen Bad Reichenhall. Vor fünf Jahren, kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag, hatte sie St. Christoph verlassen, um in Reichenhall die Hotelfachschule zu besuchen. Dr. Burger wusste, dass sie nach der bestandenen Prüfung zur Hotelfachfrau eine gute Stellung in einem großen Kurhotel angetreten hatte.

Heute Abend erreichte er sie zu Hause in ihrer Wohnung, die sie mit einer Freundin teilte.

»Sie, Herr Doktor?«, erklang es zögernd am anderen Ende der Leitung. »Eigentlich hab ich sehr wenig Zeit. Ich muss noch zu einem Vorstellungstermin in einem neuen Hotel, denn im Kurhotel Salzbacher hab ich gekündigt. Die Besitzer wollen es aus Altersgründen demnächst eh schließen. Zum Glück gibt es für mich genügend andere Möglichkeiten.«

»Ich will dich nicht lange aufhalten«, antwortete Dr. Burger. »Kannst du ein paar Minuten erübrigen?«

»Ja, wenn es dringend ist.«

»Es geht um deinen Vater, Gitti. Du weißt ja, dass er einen schweren Unfall im Wald hatte. Um ein Haar wäre er nicht mit dem Leben davon gekommen. Zwar ist er nun aus der Klinik wieder daheim, aber deine Mutter ist mit den Nerven am Ende. Sie hat mich gebeten, dich anzurufen, weil du immer gleich auflegst, wenn sie am Telefon ist.«

»Das stimmt net, Herr Doktor.« Gittis Stimme klang aufgebracht und unwillig. »Ich höre mir an, was sie sagt, auch wenn sie es pausenlos wiederholt. Meistens bekomme ich zu hören, wie enttäuscht sie von mir ist. Sie redet immer nur dasselbe. Dass ich als ihre einzige Tochter bestimmte Pflichten habe und dass ich mich nicht herausreden darf. Irgendwann beende ich dann das einseitige Telefonat, weil mir der Geduldsfaden reißt. Herr Doktor, ich kann nichts für meinen Vater tun. Es hört sich zwar schlimm an, aber ich hab mit ihm abgeschlossen. Wenn er mich mit seiner Strenge und seinem tyrannischen Gepolter nicht vor fünf Jahren aus dem Haus getrieben hätte, wäre ich aus meiner Heimat nicht weggegangen.«

»Das weiß ich.« Dr. Burger zögerte einen Moment. »Du hast dich allein durchgekämpft.«

»Ja, denn meine Mutter hat’s einfach net gewagt, gegen Vater auch nur ein einziges Mal aufzumucken«, warf Gitti ein. »Monatlich gab’s einen Scheck, der mir nach Reichenhall geschickt wurde. Davon hab ich das Nötigste bezahlen können. Die Gebühren für die Fachschule bekam ich amtlicherseits erstattet. Zwischendurch arbeitete ich als Serviermadel und verdiente mir etwas dazu. Auf diese Weise lief alles ganz gut. Meine Eltern haben nie danach gefragt, wie ich zurechtkomme, vor allem meinem Vater war alles egal.« Sie machte eine kurze Pause, seufzte tief. »Ich war nur ein einziges Mal für ein paar Tage wieder daheim im Zillertal. Mit Tränen in den Augen bin ich wieder weggefahren, denn der Vater hatte kein einziges freundliches Wort für mich. Er überschüttete mich mit Vorwürfen, weil er es doch angeblich immer nur gut mit mir gemeint hat. Mutter traute sich mal wieder nicht, ihm gegenüber ihren eigenen Standpunkt zu vertreten. Nach diesem Besuch nahm ich mir vor, nicht mehr zu meinen Eltern zu fahren. Ich hab zwar dauernd Heimweh nach St. Christoph, aber ich komme trotzdem nicht mehr zurück.«

»Du hast dir aus eigener Kraft dein eigenes Leben aufgebaut«, entgegnete Dr. Burger. »Das ist großartig. Aber es hat sich viel verändert. Dein Vater ist nicht nur sehr krank, er macht sich auch die bittersten Vorwürfe. Genau wie deine Mutter.«

»Weshalb hat sie mir am Telefon nichts davon gesagt?«

»Ich denke, es ist unglaublich schwer für sie, die richtigen Worte zu finden«, antwortete der Doktor. »Dein Vater kann inzwischen kaum noch reden. Er hatte nach dem Unfall ein schweres Schädelhirntrauma, und in der Folge trat eine Hirnblutung auf. Sein Sprachzentrum ist geschädigt. Er kann die Worte, die ihm sozusagen auf der Zunge liegen, nur unter größter Anstrengung oder gar nicht aussprechen. Ich will demnächst eine logopädische Behandlung veranlassen, aber ob er mitmacht, ist ungewiss. Außerdem ist er halbseitig gelähmt. Die linke Körperhälfte ist versteift, sodass ihm nur physiotherapeutische Maßnahmen Linderung verschaffen. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Schwere Depressionen machen ihm zu schaffen. Geistig ist er aber noch auf der Höhe, auch wenn alles bei ihm recht langsam geht. Wenn er etwas mitteilen möchte, schreibt er es auf, Wort für Wort. Er will nur noch eins, nämlich dass du nach Hause kommst.«

Stille am Telefon.

»Gitti? Bist du noch dran?«

»Ja. Geben Sie mir bitte einen Rat, Herr Doktor«, kam es leise zurück. »Was soll ich tun?«

»Komm auf ein Weilchen heim, Madel. Gib dir einen Ruck und spring über deinen Schatten«, erwiderte Dr. Burger. »Später – irgendwann einmal – würdest du dir bestimmt Vorwürfe machen, wenn du jetzt hart bleibst. Es geht doch eigentlich nur darum, dass du deinem Vater die Hand reichst und dass du auch deiner Mutter verzeihst. Ich denke, dass die beiden dir Abbitte leisten wollen.«

»Ich bin meinen Eltern gegenüber inzwischen neutral eingestellt, das sollte genügen, Herr Doktor.«

»Findest du? Nun, die Entscheidung liegt bei dir. Noch etwas. Deine Mutter hat mit anvertraut, dass sie dir dringend etwas Wichtiges mitteilen will, per Telefon ist das offenbar unmöglich. Ich weiß nichts Näheres, aber sie möchte, dass ich bei dem Gespräch dabei bin. Falls du also herkommst, dann schau bitte gleich bei mir in der Praxis vorbei, möglichst nach zwölf Uhr mittags, wenn die Vormittagssprechstunde zu Ende ist. Ich glaube, wir sollten uns kurz unterhalten, bevor du zu deinen Eltern gehst.«

»Darüber muss ich erst mal nachdenken.« Gitti wirkte nicht sehr bereitwillig. Ihre Stimme klang unsicher und ablehnend. »Leider muss ich mich jetzt sputen, die Zeit drängt. Das Vorstellungsgespräch will ich auf keinen Fall versäumen. Ich möchte jetzt noch nicht entscheiden, ob ich nach St. Christoph komme. Kann ich Sie in zwei, drei Tagen wieder anrufen?«

»Natürlich, jederzeit.«

Dr. Burger wollte ihr eigentlich noch sagen, dass morgen ein Krankenbesuch bei ihrem Vater in seinem Terminkalender stand und dass auch ihre Mutter derzeit mehrere Medikamente einnehmen musste, aber er kam nicht mehr dazu. Ohne ein weiteres Wort legte Gitti auf.

Sie will einfach keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern herstellen, dachte der Doktor.

Das war natürlich bitter und tragisch, denn sie war das einzige Kind der Reuters.

In gewisser Weise konnte er Gitti aber verstehen.

Im Geiste sah er sie vor sich. Als sie vor fünf Jahren aus St. Christoph fortgegangen war, mit gerade mal achtzehn, hatte sie zart und mädchenhaft ausgeschaut. Ein hübsches Madel mit glänzendem, dunkelbraunem Haar und blauen Augen, in denen so viele unausgesprochene Fragen gestanden hatten. Fast noch ein Kind war sie gewesen, jedenfalls äußerlich. Was sie im tiefsten Inneren gefühlt hatte, war den anderen verborgen geblieben.

Es waren sicherlich die Wünsche eines jungen Mädchens gewesen, das wie eine Rosenknospe aufblühte.

Aber Gitti hatte ihre Träume nicht unbeschwert genießen dürfen. Ihr strenger Vater mit seinen Verboten und Ermahnungen hatte ihr die wunderbare Jungmädchenzeit, die nie im Leben ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Bergdoktor - Folge 1733" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen