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Der Bergdoktor - Folge 1732

Dr. Burger und der einsame Fremde

Um ihn ranken sich die wildesten Gerüchte

Von Andreas Kufsteiner

In St. Christoph gibt es Gerede und Aufregung. Vor einigen Wochen ist ein Mann ins Dorf gezogen, der so gar nicht hierher passen will. Keinem der Bewohner hat er sich vorgestellt, es ist, als ob er sich in seinem Haus versteckt! Warum sonst sind sogar tagsüber die Vorhänge vor sämtlichen Fenstern zugezogen?

Die hübsche Vivien Alsbach scheint die Einzige zu sein, die nichts auf die Gerüchte gibt, und so beschließt sie, den geheimnisvollen neuen Nachbarn zu besuchen. Tatsächlich bittet er sie herein – und dann vergehen viele Stunden, ehe Vivien mit starrer Miene das Haus wieder verlässt …

»Ich weiß mir einfach keinen Rat mehr, Herr Doktor.« Liesl Alsbach seufzte hörbar. »Das Madel bringt mich noch um den Verstand! Stellen Sie sich nur vor: Jetzt hat die Vivien sogar vor, sich bei dem Neuen um eine Stelle als Haushälterin zu bewerben. Meine Tochter! Statt endlich zu heiraten und mit ihrem Mann eines Tages unseren Hof zu übernehmen, will sie nun anderer Leute Wäsche waschen.«

Martin Burger faltete die Hände vor sich auf der Schreibtischplatte und runzelte die Stirn.

»Bei dem Neuen?«, fragte er nach.

»Ja, jetzt sagen Sie bloß, Sie haben noch net davon gehört? Der Mann, der in das Haus der alten Kesslerin gezogen ist.«

»Walburga Kesslers Großneffe.« Dr. Burger nickte.

Die alte Dame war viele Jahre lang seine Patientin gewesen. Sie hatte in einem kleinen Haus am Rande von St. Christoph gewohnt. Vor etwas mehr als drei Monaten war sie schließlich im Alter von über neunzig Jahren an einem Herzleiden gestorben und hatte ihren gesamten Besitz ihrem Großneffen vererbt.

Der Bergdoktor wusste deshalb so genau darüber Bescheid, weil Walburga ihm selbst vor geraumer Zeit von ihren Plänen berichtet hatte. Sie war mit ihrer Schwester und deren Sohn aufgrund einer Familienfehde zerstritten gewesen und hatte nicht gewollt, dass die beiden ihr Haus einmal erben. Daher das Testament zugunsten ihres Großneffen, den sie selbst gar nicht gekannt hatte.

»Ach, wer weiß denn schon, ob der Mann wirklich ihr Großneffe ist!« Liesl winkte ab. »Man erzählt sich ja so allerhand über ihn.«

»So?«

»Oh ja!« Sie beugte sich vor und sprach jetzt leiser, so, als habe sie Angst, ihre Worte könnten außerhalb des Sprechzimmers gehört werden. »Nur nachts vor die Tür gehen soll er. Und selbst dann trägt er wohl immer eine Brille mit dunkel gefärbten Gläsern. Einmal erst war er erst bei der Jeggl-Alma im Laden, um einzukaufen.«

»Aber doch wohl net in der Nacht?«, schmunzelte Martin Burger.

»Nein, natürlich net! Aber an dem Tag wütete gerade ein heftiges Gewitter, und es war schon nachmittags richtig finster. Es heißt, er hat Vorräte in seinen Wagen geladen, die für ein halbes Jahr reichen. Dann hat er bezahlt, ein Stellengesuch ausgehängt und ist gegangen. Kaum ein Wort soll er die ganze Zeit über gesprochen haben. Auf die Frage, wer er sei, kam nur die Antwort, dass er Walburgas Haus geerbt hat. Aber daran glaubt längst net jeder. Einige Leute meinen, dass der Mann ein Krimineller ist, der den richtigen Großneffen der alten Kesslerin kaltblütig umgebracht hat und sich jetzt in dem Haus einnistet. Vielleicht handelt es sich ja auch um einen Mafioso. Oder womöglich«, sie beugte sich noch weiter vor und hielt sich eine Hand vor den Mund, »ist er ja sogar ein Vampir! Die mögen doch kein Sonnenlicht.«

Nun konnte Dr. Burger ein Seufzen nicht mehr unterdrücken. Es war schon manchmal recht eigenartig, auf welch verrückte Ideen die Menschen so kamen. Kaum tauchte ein Fremder im Dorf auf, der sich vielleicht nicht ganz so verhielt, wie man es in der Gegend gewöhnt war, brodelte die Gerüchteküche. Das war hier in St. Christoph ebenso wie anderswo auf der Welt.

»Jetzt wollen wir doch mal net übertreiben.« Er lächelte milde. »Ich bin sicher, dass wir weder einen Vampir noch einen Gangsterboss in St. Christoph haben. Und du solltest dir ohnehin net den Kopf darüber zerbrechen, Liesl. Ich hab ja vorhin deinen Blutdruck gemessen und muss sagen, das Ergebnis gefällt mir leider gar net. Mit den Blutdrucksenkern, die du ja inzwischen schon seit über einem Jahr nimmst, hatten wir dich eigentlich ganz gut eingestellt, aber jetzt scheinen sie net mehr richtig zu wirken.« Er blickte sie ernst an. »Grund für so etwas kann auch zu viel Stress sein.«

Sie lehnte sich wieder zurück und breitete die Arme aus.

»Ach, Herr Doktor, wem sagen Sie das? Mein Benno und ich, wir sind halt auch net mehr die Jüngsten, und die Arbeit auf dem Hof wird net weniger.«

»Das verstehe ich natürlich. Aber ich spreche hier net nur von der Arbeit, Liesl.«

»Sondern?«

»Du lässt einfach alles zu sehr an dich heran und machst dir zu viele Sorgen. Das kann den Blutdruck durchaus in die Höhe schnellen lassen. Seelischer Stress ist für viele Krankheiten ebenso ein Risikofaktor wie Rauchen, Bewegungsmangel oder falsche Ernährung. Du musst zur Ruhe kommen! Statt dich um alles und jeden zu kümmern, solltest du das Ganze etwas gelassener sehen. Die Vivien ist deine Tochter, sicher. Und mir ist natürlich klar, dass du dich als Mutter um sie sorgst. Aber sie ist immerhin schon Mitte zwanzig und wird selbst wissen, was gut und richtig für sie ist. Und wenn sie sich net vorstellen kann, den elterlichen Hof eines Tages weiterzuführen, werden du und dein Benno das wohl oder übel akzeptieren und nach anderen Lösungen suchen müssen.«

»Aber die Vivien weiß eben net, was gut für sie ist, Herr Doktor!«, protestierte Liesl sofort. »Mei, das Madel ist doch schon ganz krank!«

»So?« Dr. Burger horchte auf. »Was fehlt ihr denn?«

»Ich weiß auch net recht.« Liesl schüttelte den Kopf. »Seit der Florian sie verlassen hat, hockt sie immerzu nur in ihrer Stube vor dem Computer und beschäftigt sich mit diesem Internet. Bekanntschaften hat sie kaum welche, manchmal gibt es Tage, an denen sie gar net vor die Tür geht. Net mal essen tut sie noch richtig! Sie hat schon einige Kilo abgenommen, ist blass im Gesicht und immerzu müde. Außerdem klagt sie ständig über Bauchschmerzen. Sagen Sie, Herr Doktor, kann da womöglich auch eine ernsthafte Erkrankung dahinterstecken?«

»Nun wollen wir mal net gleich mit dem Schlimmsten rechnen«, versuchte Dr. Burger seine Patientin zu beruhigen. »Zunächst einmal ist es natürlich ausgesprochen lobenswert, dass Vivien etwas gegen ihr Übergewicht tun will, mit dem sie ja, wie ich weiß, schon seit ihrer Kindheit zu kämpfen hat und das auf Dauer eben auch ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist. Vor allem, da in ihrer Familie, also bei deinem Benno und dir, ja auch schon Diabetes und Bluthochdruck vorkommen. Allerdings sollte sie natürlich net zu schnell abnehmen. Eine behutsame Ernährungsumstellung und ausreichend Bewegung wären da am ehesten angezeigt. Und insbesondere, wenn Beschwerden oder gar Schmerzen auftreten, sollte sie net zögern, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn«, er zuckte die Schultern, »eine Ferndiagnose kann ich leider net stellen.«

»Aber da ist ja meine Rede, Herr Doktor! Bloß will das Madel eben net zum Arzt und sagt immer nur, dass alles in Ordnung ist. Was soll ich denn bloß tun?«

»Sprich am besten noch einmal mit ihr, Liesl. Ganz in Ruhe. Vorwürfe oder ein aufbrausender Ton bringen in so einem Fall nur das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Biete ihr an, ganz unverbindlich zu mir in die Sprechstunde zu kommen, damit ich sie einmal durchchecken und ihr ein paar Tipps für eine Ernährungsumstellung mit auf den Weg geben kann. Und wenn sie partout net zu mir kommen will, lassen wir uns etwas anderes einfallen.«

Er stand auf und ging um den Schreibtisch herum, um seine Patientin, die sich nun ebenfalls erhob, zur Tür zu begleiten. »Und wegen deines Blutdrucks würde ich gern noch ein paar Wochen abwarten. Meine Hoffnung ist, dass sich alles wieder einspielt, wenn du meinen Rat beherzigst und alles ein bisschen ruhiger angehen lässt. Andernfalls müssen wir über eine Erhöhung der Tablettendosis nachdenken.«

Liesl Alsbach verabschiedete sich und verließ das Sprechzimmer. Nachdenklich setzte Dr. Burger sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Das, was er soeben über Vivien gehört hatte, beunruhigte ihn durchaus mehr, als er ihrer Mutter gegenüber hatte zugeben wollen. Am meisten Sorge bereitete ihm die Tatsache, dass Vivien sich offenbar nach der Trennung von ihrem Freund von der Außenwelt abschottete. Zudem waren Beschwerden wie Magenschmerzen während einer Diät natürlich immer ein Alarmsignal.

Es konnte alles dahinterstecken oder auch gar nichts. Genau deshalb wollte er Vivien auch im Auge behalten. Und wenn ihre Mutter nichts bei ihr erreichte, würde er dafür sorgen, dass er Vivien einmal »ganz zufällig« über den Weg lief.

Gleich darauf betrat der nächste Patient das Sprechzimmer.

***

Vor Aufregung klopfte Vivien das Herz bis zum Hals, als sie die kopfsteingepflasterte Straße hinaufging, an deren Ende sich das Kessler-Grundstück befand.

Sie war schon oft mit dem Fahrrad hier vorbeigekommen. An dem hübschen, in zartem Gelb getünchten Fachwerkhaus, dessen Fassade üppig mit Efeu bewachsen war. Zwei hohe Eichen flankierten die Eingangstür. Ihre Kronen warfen im Schein der sinkenden Sonne lange Schatten.

Es wunderte Vivien ein wenig, dass die Fensterläden geschlossen waren, aber sie dachte sich nicht viel dabei.

Vor der Tür blieb sie stehen und atmete noch einmal tief durch, ehe sie den rechten Arm hob, um anzuklopfen. Doch noch zögerte sie und strich sich stattdessen mit einer Hand durch ihr honigblondes Haar.

Es war eine bedeutsame Entscheidung für sie, hier für eine Anstellung vorzusprechen, auch wenn es sich lediglich um eine Stelle als Haushaltshilfe handelte. Doch für Vivien stellte dieser Schritt den Aufbruch in eine neue Zukunft dar.

Sie wusste natürlich, wie ihre Eltern darüber dachten. Benno und Liesl Alsbach hatten immer schon andere Pläne für ihre einzige Tochter gehabt. Heiraten sollte sie, möglichst bald, und dann mit ihrem Mann den elterlichen Hof übernehmen.

Doch das war für Vivien eigentlich nie infrage gekommen. Zwar hatte sie, ganz die brave Tochter, stets bei allen anfallenden Arbeiten mit angepackt und auch nach ihrem Schulabschluss statt sich um eine Lehrstelle zu bemühen, Vollzeit auf dem Hof gearbeitet. Doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass sie es sich nicht vorstellen konnte, für den Rest ihres Lebens Bäuerin zu sein.

Und jetzt, nach der Trennung vom Florian, war es endgültig Zeit für eine Veränderung. Sitzen lassen hatte er sie, einfach so. Von heute auf morgen, nachdem sie drei Jahre zusammen gewesen waren und eigentlich vorgehabt hatten, zu heiraten. Und jetzt lag er in den Armen einer anderen Frau.

Einer schlanken Frau!

Vivien kniff die Augen zusammen. Während sie den rechten Arm noch immer zum Klopfen erhoben hatte, wanderten die Finger ihrer linken Hand nun in ihre Hosentasche und umschlossen das kleine Pillendöschen, das sie seit einer Weile immer bei sich trug.

Wundern würde er sich noch, der Florian! Auch sie würde schon bald rank und schlank sein. Und dann war es vermutlich seine Neue, die langsam auseinanderging, weil sie es sich an seiner Seite zu bequem machte.

Vivien verdrängte den Gedanken an ihren Ex, fasste sich ein Herz und klopfte endlich an.

Es dauerte nicht lange, bis die Tür vorsichtig einen Spalt weit geöffnet wurde. Dahinter sah sie einen schwarzen Schatten in der Dunkelheit des Hausflurs stehen, doch wirklich etwas erkennen konnte sie nicht.

»Ja, bitte? Was wollen Sie?

Die Stimme war ganz eindeutig männlich und relativ jung, erkannte Vivien. Außerdem klang sie ziemlich unfreundlich.

Vivien stutzte. Hatte sie etwas falsch gemacht?, fragte sie sich unsicher. Doch das war natürlich Unsinn. Sie hatte ja noch gar keine Gelegenheit gehabt, einen Fehler zu begehen. Entweder war der Bewohner des Hauses also generell misstrauisch jedem gegenüber, der vor seiner Tür stand, oder er war ganz einfach ein unfreundlicher Mensch.

Unwillkürlich kam ihr das Gerede der Leute in den Sinn, das ihr natürlich auch nicht entgangen war. Es wurde gemunkelt, dass »der Neue«, wie ihn jeder in St. Christoph nannte, kaum einmal vor die Tür ging. Und wenn, dann nur am Abend oder gar in der Nacht.

Vivien hatte nichts darum gegeben, doch jetzt fragte sie sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, hierher zu kommen. Und das auch noch allein.

Reiß dich zusammen! So rasch wirst du dich wohl net entmutigen lassen, oder?

Sie straffte die Schultern. »Guten Tag«, sagte sie und zwang sich ein unsicheres Lächeln auf die Lippen. »Mein Name ist Vivien Alsbach. Ich … ich habe Ihren Aushang im Gemischtwarenladen gesehen und … Die Stelle ist doch hoffentlich noch nicht vergeben, oder?«

Endlich öffnete sich die Tür ein Stückchen weiter. Vivien war überrascht darüber, wie dunkel es im Inneren des Hauses war.

»Bitte«, meinte der Mann. »Kommen Sie doch herein.«

Kurz zögerte Vivien, doch schließlich gab sie sich einen Ruck und betrat das Haus.

Ehe er die Tür hinter ihr schloss, gelang es ihr noch, im Schein der einfallenden Sonne einen Blick auf ihn zu erhaschen. Sie schätzte ihn auf Anfang bis Mitte dreißig, und sie sah, dass er trotz der schwachen Beleuchtung eine Sonnenbrille trug.

Er führte sie in die Küche, in der nur eine gedimmte Stehlampe eingeschaltet war. Durch die geschlossenen Fensterläden drang lediglich an den Seiten ein wenig zusätzliches Licht herein. Doch zumindest setzte er nun endlich seine Sonnenbrille ab, und sie konnte ihn ein wenig näher betrachten.

Als Erstes fiel ihr auf, wie bleich er war. Doch gleich auf den zweiten Blick bemerkte sie, dass ihn das keineswegs weniger attraktiv machte. Ganz im Gegenteil sogar.

Sein helle Haut bildete einen scharfen Kontrast zu den dunklen Locken, die sein Gesicht umrahmten. Er besaß scharf geschnittene Wangenknochen und sinnliche Lippen. Die Nase war vielleicht ein bisschen zu groß geraten, aber Vivien fand, dass sie ihm Charakter verlieh.

Ebenso wie seine erstaunlichen hellgrünen Augen, die sie jetzt eindringlich musterten.

»Entschuldigen Sie bitte, dass es so dunkel ist«, sagte er und bot ihr einen Platz am Küchentisch an. Seine Stimme klang nun wesentlich freundlicher. »Ich hatte heute wieder einen heftigen Migräneanfall, da kann ich so viel Licht nicht gut haben. Deshalb auch die Sonnenbrille.«

Sie nickte verständnisvoll.

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