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Der Bergdoktor - Folge 1731

Wer hat unsere Emma gesehen?

Dr. Burger und die verzweifelte Suche nach einem kranken Kind

Von Andreas Kufsteiner

Nur ganz kurz hat Susanne Maiwald ihre kleine kranke Tochter allein gelassen, um in der nahen Apotheke die nötigen Medikamente zu besorgen. Doch als sie zurückkehrt, ist Emmas Bett – leer! Dabei ist sie doch viel zu schwach, um aufzustehen!

Überall sucht die junge Mutter nach ihrem Kind, fragt an jeder Haustür, doch niemand hat die Sechsjährige gesehen. Es gibt keine Spur.

Verzweifelt startet bald ein ganzer Suchtrupp, um nach dem vermissten Mädchen zu suchen. Allen voran strebt Dr. Burger, denn ihm ist klar, dass die Zeit für die schwer kranke Emma verdammt knapp ist …

Der Bergdoktor hatte einen leichten Schlaf. Zahlreiche nächtliche Notfalleinsätze in der Vergangenheit hatten ihn darauf trainiert, beim kleinsten Anzeichen einer Gefahr sofort hellwach zu sein. Er besaß einen untrüglichen Instinkt dafür, wenn etwas nicht stimmte. Und dieser siebte Sinn schlug gerade Alarm.

Dabei schien auf den ersten Blick alles in Ordnung zu sein. In der Schlafkammer war es ruhig. Nur die tiefen, gleichmäßigen Atemzüge seiner Frau waren zu hören, die neben ihm schlief.

Sabine hatte das dünne Laken, das ihr als Zudecke diente, weggeschoben. Silbriges Mondlicht fiel durch das Fenster herein und erhellte den Raum genug, um ihr liebes Gesicht erkennen zu lassen. Sabine schlief tief und fest. Eine Woge Liebe stieg in Martin Burger auf und brachte ihn dazu, ihr sanft eine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen.

Die sommerliche Hitze ließ selbst nachts kaum nach, deshalb stand die Balkontür weit offen. Von draußen drang das Rauschen des Nachtwindes herein. Ansonsten war alles still. Sein Heimatdorf schien in tiefem Schlaf zu liegen.

Was also hatte ihn geweckt?

Martin Burger richtete sich im Bett auf. Sein Gespür sagte ihm, dass etwas nicht stimmte. Aber was konnte das sein?

Auf dem Bettvorleger hatte sich Poldi zusammengerollt. Das Körbchen des Dackels stand unter der Treppe, aber er nutzte jede Gelegenheit, um in der Nähe seiner Familie zu sein. Poldi musste durch die offene Schlafzimmertür hereingehuscht sein, nun jedoch hob er den Kopf und schaute zur Tür. Offenbar war er ebenfalls beunruhigt.

Im nächsten Augenblick schluchzte ein Kind auf der Treppe. Das Geräusch schnitt Martin Burger ins Herz. Erschrocken schob er seine Zudecke zur Seite und eilte barfuß aus der Kammer. Er schloss die Tür hinter sich, um seine Frau nicht zu stören, danach knipste er die Flurbeleuchtung an.

Im Licht schimmerte ihm das blasse Gesicht seiner ältesten Tochter entgegen. Tessa war ein Wirbelwind mit dunklen Zöpfen und braunen Augen, die oft vergnügt blitzten. In dieser Nacht jedoch schimmerten Tränen darin.

Tessa hatte ein bunt gepunktetes Nachthemd an. Sie hockte auf einer Treppenstufe und umklammerte ihren rechten Fuß.

»Aua, aua«, jammerte sie.

Martin Burger beugte sich erschrocken über seine Tochter.

»Was ist denn passiert, Schneckerl?«

»Aua!« Sie hob ihm ihr tränennasses Gesicht entgegen. »Es tut so weh, Vati.«

»Hast du dich verletzt?«

»Ja. Ich bin aufgewacht und hatte Durst, deshalb wollte ich in die Küche gehen. Im Dunkeln hab ich den Schalter net gefunden. Ich dachte, das wäre net so schlimm, aber dann … dann … bin ich runtergefallen.«

»Etwa die ganze Treppe? Mei, was machst du für Sachen! Lass mich deinen Fuß einmal ansehen.« Er betrachtete den Knöchel, der sich bereits bläulich verfärbte und sichtlich anschwoll. Das sah ganz und gar nicht gut aus! »Das müssen wir röntgen. Net, dass dein Fuß gebrochen ist.«

»Was? Aber das geht net! Ich hab doch Ferien!« Tessa blickte erschrocken hoch.

Doch um eine Röntgenaufnahme würde sie nicht herumkommen. Von außen ließ sich unmöglich sagen, ob ihr Fuß gebrochen oder nur verstaucht war.

Martin Burger hob seine Tochter auf die Arme. Die Achtjährige wimmerte vor Schmerzen, und er zuckte kaum merklich zusammen. Alles, alles konnte er ertragen, wenn es ihn selbst traf. Aber wenn eines seiner Kinder litt, nein, das war ihm unerträglich.

Er hätte seiner Tochter die Schmerzen gern abgenommen, aber das war leider nicht möglich. Deshalb beeilte er sich wenigstens, sie in die Praxis im Anbau des Doktorhauses zu tragen.

Wieder einmal war er froh darüber, in einen Röntgenraum investiert zu haben. Er konnte Tessas Fuß ohne Verzögerung röntgen und ihr etwas gegen die Schmerzen geben. Ihr Fuß war mittlerweile angeschwollen und sah aus wie die Knolle einer Roten Beete.

Tessa saß auf der Untersuchungsliege und schniefte leise, während er die Röntgenaufnahmen an der Lichttafel auswertete. Er musste nicht lange suchen, um eine Diagnose zu stellen. In ihrem Mittelfußknochen zeichnete sich ein deutlicher Riss ab. Das war eindeutig. Leider.

»Und? Ist es schlimm, Vati?«

»Nun ja. Dein Fuß ist gebrochen. Du wirst ein paar Wochen lang einen Gips tragen müssen.«

»Was? O nein!« Ihre Augen wurden kugelrund vor Schreck. »Aber das geht net. Dann darf ich bestimmt nimmer bei dem Film mitspielen.«

Martin Burger seufzte unterdrückt. Dieser verflixte Film!

In diesem Sommer sollte in seinem Heimatdorf die erste Folge einer neuen Fernsehserie gedreht werden. Die idyllische Umgebung hatte die Crew nach St. Christoph gelockt. Seitdem gab es im Dorf kein anderes Gesprächsthema mehr als den »Mord im Landschulheim«, wie die Folge heißen würde. Seine Tochter hatte sich sehnlichst gewünscht, als Komparsin mitspielen zu dürfen, und sie war auch genommen worden. Mit einem Gipsfuß würde dieser Traum allerdings platzen.

»Kannst du nix machen, damit mein Fuß schneller heil wird, Vati?« Eine Träne kullerte über Tessas Wange.

»Leider net. Ein gebrochener Knochen braucht seine Zeit, um zu heilen. Daran lässt sich nix ändern. Aber ich bin mir sicher, du bekommst irgendwann eine neue Chance, bei einem Film mitzumachen. Wenn net diesmal, dann ein anderes Mal.«

»Bestimmt net. So oft wird bei uns kein Film gedreht. Und nun kann ich net mitmachen.« Tessa war am Boden zerstört.

»Du kannst sicherlich wenigstens bei den Dreharbeiten zuschauen.« Martin Burger nickte seiner Tochter aufmunternd zu. »Und wer weiß, was sich daraus ergeben wird? Ich bin mir sicher, du wirst interessante neue Bekanntschaften schließen und aufregende Dinge erleben.«

Und damit sollte er Recht behalten …

***

Auch in der knapp fünfhundert Kilometer entfernten Hauptstadt stöhnten die Bewohner über die hochsommerlichen Temperaturen. Auf den Straßen wellte sich der Asphalt, und die Luft zwischen den Häusern schien in der Hitze zu flirren.

Susanne Maiwald rieb die Blätter der Walderdbeeren in ihrer Blumenampel zwischen den Fingern und seufzte, als es raschelte. Das Grün auf ihrer Terrasse war am Vertrocknen, auch wenn sie jeden Abend reichlich goss.

Den übrigen Pflanzen ging es nicht anders. Die Geranien ließen ihre Blüten hängen, in den Kräutertöpfen zeigten sich nur kümmerliche Stängel, und die Duftwicken, die sich am Geländer hochrankten, waren gelb und kränklich. Der einzige Trost war der Ausblick von der Terrasse im obersten Stock auf den Prater – ein Meer aus grünen Wipfeln, durch die der Sommerwind strich.

Als Dolmetscherin verdiente Susanne gut genug, um sich eine große Wohnung am Stadtrand leisten zu können. Ihre Tochter sollte ein schönes Zuhause haben. Wenigstens das.

Wenn ihre Eltern schon ihre Ehe in den Sand gesetzt haben, dachte die Neunundzwanzigjährige seufzend.

Früher hatten sie mit ihrem Mann in einem Haus in der Vorstadt gelebt. Susanne vermisste den großen Garten und hatte in den vergangenen Wochen versucht, auch ihre neue Wohnung zu begrünen, aber das wollte ihr nicht so recht gelingen. Die Pflanzen welkten vor sich hin wie ihr ganzes Leben.

Susanne zupfte ein paar vertrocknete Blätter ab. Anschließend öffnete sie den leuchtend gelben Sonnenschirm, mit dem sie ihre Arbeits- und Leseecke auf der Terrasse vor der größten Sonneneinstrahlung schützte. Mehr konnte sie vorerst nicht tun, um den Wuchs zu unterstützen.

Flinke Schritte näherten sich, dann wirbelte Emma auf die Terrasse. Susannes Tochter war klein und zierlich für ihre sechs Jahre, sodass die Nachbarn sie oft jünger schätzten. Doch Emma hatte einen wachen Verstand und lernte gern, sodass sie ein Jahr früher eingeschult worden war und gerade die erste Klasse abgeschlossen hatte.

Emma hatte ein großes Herz für Tiere und einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Seit dem Auszug aus ihrem Elternhaus lag in ihren großen braunen Augen jedoch stets eine stille Trauer, die ihrer Mutter ins Herz schnitt.

»Wann gibt es Frühstück, Mami?« Emma zog den Träger ihres zitronengelben Kleides über die Schulter hoch.

»Das kommt darauf an.« Susanne richtete sich auf. »Wie geht es deinem Bauch, Spatzerl?«

»Wieder gut. Hab Hunger!«, verkündete die Sechsjährige. Das war ein gutes Zeichen. Am vergangenen Abend war Emma mit Bauchschmerzen vom Besuch bei ihrem Vater heimgekommen. Danach hatte sie keinen Appetit gehabt.

Johann hat sie wieder mit Eiscreme gefüttert, dachte Susanne mit einem Anflug von Bitterkeit. Als könnte er damit ungeschehen machen, dass er ihre gemeinsamen Wochenenden so oft in letzter Minute absagt.

Ihr Noch-Ehemann war Schauspieler und ein Frauenschwarm, wie er im Buche stand. Als sie sich kennengelernt hatten, war Johann noch Student gewesen. Unbekannt und voller großer Träume, es zu etwas zu bringen. Im Lauf der Jahre hatten sie sich gemeinsam etwas aufgebaut. Doch mit dem Erfolg war Johann seiner Familie fremd geworden. Er lebte nur noch für seine Arbeit und seine Fans. Seine überwiegend weiblichen Fans. Die Illustrierten überschlugen sich mit Begeisterung, wenn er sich irgendwo zeigte oder eine neue Rolle annahm.

Sie müssen ja auch net mit ihm leben, dachte Susanne niedergeschlagen. Wenn ich für jedes Versprechen, das er net hält, einen Euro bekommen würde, könnte ich leicht unsere Miete davon bezahlen.

Seit einem halben Jahr lebten Johann und sie inzwischen getrennt. Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Würde sie sich je an das Gefühl gewöhnen, nur noch halb und nicht mehr komplett zu sein? Vermutlich nicht, aber sie musste sich damit abfinden. In sechs Monaten würde das Gericht ihre Ehe scheiden, dann gab es kein Zurück mehr.

»Oh, ein Mops!« Emma stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte hinunter auf die Straße, wo gerade eine Passantin ihren Hund spazieren führte. »Ist der süß! Ich würde ihn gern knuddeln und seine Sorgenfalten glätten. Können wir uns einen Mops anschaffen, Mami?«

»Das geht leider net.«

»Aber es wäre schön, einen Hund zum Spielen zu haben. Bitteeeee!« Emmas Blick hätte einen Stein erweichen können.

»In der Wohnung sind keine Hunde erlaubt.«

»Wir bleiben ja auch net hier. Wann können wir wieder nach Hause?«

»Gar net. Das hier ist jetzt unser Zuhause.«

»Ist es net.« Emma schüttelte lebhaft den Kopf. »Unser Zuhause ist bei Vati.«

»Dein Vater führt sein Leben lieber ohne uns.«

»Das ist net wahr! Vati liebt uns. Wir fehlen ihm. Das weiß ich genau. Warum bist du ihm denn nimmer gut, Mami?«

»Mei, Spatzerl, so einfach ist das net. Dein Vater und ich wir haben festgestellt, dass wir net zusammenpassen und nimmer zusammen leben können.«

»Aber wenn ihr euch anstrengen würdet …« Sehnsucht blinkte in Emmas Augen.

Susanne hätte ihrer Tochter den Wunsch gern erfüllt und wäre mit ihr nach Hause zurückgekehrt, aber bevor das passierte, würden die Obstbäume im Winter blühen. Johann und sie … nein, das hatte nicht funktioniert und würde auch nie mehr funktionieren. So sehr sie sich das auch manchmal wünschte.

Rasch vertrieb die Dolmetscherin die trüben Gedanken und mahnte ihre Tochter zur Eile. Sie frühstückten auf der Terrasse. Es gab Müsli, Orangensaft und heiße Schokolade. Doch obwohl Emma gerade noch verkündet hatte, hungrig zu sein, stocherte sie nun nur in ihrem Müsli herum.

Wenig später mussten sie auch schon aufbrechen. Es war der letzte Tag vor den Sommerferien, und an Emmas Grundschule sollte ein Musical aufgeführt werden. Für die Vorstellung des Musicals »Tabaluga und Lilli« hatten die Kinder wochenlang geprobt.

Emma spielte die Lilli. Für die Aufführung hatte ihre Klassenlehrerin extra eine Lizenz von Peter Maffay, dem Schöpfer des Musicals, erworben. Die Eltern der Kinder hatten die Kostüme genäht und die Kulissen gebaut. Auch Susanne hatte sich mit mehreren Kostümen an der Arbeit beteiligt.

Auf dem Weg zur Schule sprang und hüpfte Emma über den Gehweg wie ein kleiner Gummiball.

»Vati kommt auch zur Vorstellung. Das hat er mir versprochen.«

»Wenn er es mit seiner Arbeit vereinbaren kann«, wiegelte Susanne ab.

»Er hat gesagt, das würde er sich auf keinen Fall entgehen lassen.« Emma strahlte über das ganze Gesicht.

»Vielleicht schafft er es aber net«, versuchte Susanne der Enttäuschung ihrer Tochter vorzubauen.

Sie kannte ihren Mann. Johann versprach viel, wenn der Tag lang war. Er meinte seine Worte in dem Moment auch so, aber wenig später waren ihm andere Dinge wieder wichtiger, und er vergaß sein Versprechen.

»Vati kommt.« Emma war felsenfest überzeugt. Und so brachte ihre Mutter keine Einwände mehr vor.

Die Grundschule lag nur zwei Querstraßen weiter. Emmas Wangen waren gerötet, als sie das Backsteingebäude erreichten. Vor lauter Aufregung waren ihre Hände eiskalt.

In der Aula wirbelten bereits zahlreiche Kinder, Eltern und Lehrer durcheinander. Aufgeregte Stimmen waren zu hören. Fiebrige Erregung lag in der Luft. Die Stuhlreihen vor der Bühne füllten sich rasch mit Eltern, Großeltern und Besuchern.

Susanne half ihrer Tochter hinter der Bühne, ihr Kostüm anzuziehen. Sie zwirbelte Emmas Haare zu Schnecken und steckte sie hinter ihren Ohren auf.

»Du siehst hübsch aus«, fand Nele, das Mädchen, das die Bienenkönigin darstellen würde und sich dafür in ein schwarz-goldenes Kostüm gezwängt hatte. Ihre Fühler wippten munter, als sie Emma zuwinkte.

»Du auch!« Emma schaute sich suchend um, als ein Gong ertönte und die Zuschauer zu ihren Plätzen rief. »Wo bleibt Vati denn?« Ungeduldig trippelte sie von einem Fuß auf den anderen. »Es geht doch gleich los.

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