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Der Bergdoktor - Folge 1729

Versöhnung am Wildbach

Ein falscher Schwur trennte Peter und seine Veronika

Von Andreas Kufsteiner

Seit ihrer Rückkehr vom Wildbach ist Vroni wie verwandelt. Alle Traurigkeit ist aus ihren Augen gewichen, und ihr Herz singt und tanzt, wenn sie an Peter denkt. Noch immer scheinen seine innigen Busserln auf ihren Lippen zu brennen. Endlich wagt sie, an ein neues Glück mit ihm zu glauben.

Nie wieder, das schwört Vroni sich, will sie an seiner Treue zweifeln! So, wie damals, als ihre vermeintlich beste Freundin ihr zugeflüstert hat, dass Peter sie betrügt. Nichts als eine Lüge war das, weil Kerstin ihr Peter abspenstig machen wollte!

Doch jetzt sollen alle Schatten der Vergangenheit endgültig vergessen sein. Als das Telefon klingelt, eilt Vroni freudig an den Apparat. Doch es ist nicht Peter, der sich meldet, sondern Kerstin, die ihr etwas sehr Pikantes mitzuteilen hat …

Es war drückend heiß auf dem alten Dachboden. Die Sonne knallte auf das Hausdach und verwandelte den Speicher in einen Glutofen. Staubflocken tanzten im Licht, das durch das schräge Dachfenster hereinfiel. Jeder Winkel war mit Möbeln, Kisten und Truhen vollgestellt. An einem Balken hing ein Spiegel an einem krummen Nagel, halb verdeckt von einem Tuch.

»Was machen wir hier eigentlich?« Vroni Wagenstett zupfte sich eine klebrige Spinnwebe von der Wange und nieste zweimal kurz hintereinander. Dann spähte sie zu ihrer Freundin hinüber, die sich gerade über eine verstaubte Truhe beugte. »Erklär mir doch mal, warum du mich hier raufgezerrt hast, Isa.«

»Warum?« Isa Kügler richtete sich auf und grinste über das ganze Gesicht. »Weil sich auf alten Dachböden häufig Schätze verbergen. Wir müssen nur richtig suchen, dann werden wir bestimmt fündig.«

»Was denn für Schätze? Meinst du Antiquitäten?«

»Ganz genau. Oder alte Briefmarken. Münzen. Irgendetwas, das wir auf dem Flohmarkt verkaufen können und das dir über deine Probleme hinweghilft.«

»Ich bezweifle stark, dass wir hier oben etwas finden werden. Mein Großvater hat das Haus vor mir bewohnt. Er hat als Pferdekutscher Touristen die Stadt gezeigt. Dabei hat er bestimmt keine Reichtümer angehäuft und hier oben versteckt.«

»Wer weiß. Lass uns wenigstens nachsehen. Es kann net schaden, und vielleicht entdecken wir tatsächlich etwas.«

»Das wäre zu schön, um wahr zu sein.« Vroni seufzte unhörbar.

Auf ihrem Küchentisch stapelten sich Briefe, über denen dick und fett Mahnung stand. Seitdem sie ihre Stelle als Tierarzthelferin verloren hatte, schickte sie Woche für Woche Bewerbungen los, auf die sie entweder keine Antwort oder Absagen erhielt. Es war deprimierend. Sie wollte endlich wieder arbeiten. Ganz zu schweigen davon, dass sie auch ihre Rechnungen bezahlen musste.

»Du findest schon etwas Neues«, tröstete Isa sie.

»Das ist nur leider net so leicht.«

»Warum eigentlich? Du müsstest längst eine neue Stelle haben. Immerhin hast du einen super Abschluss, und dein Chef hat dir auch ein gutes Zeugnis ausgestellt.«

»Das hat er eben net.« Vroni fuhr sich mit der Hand unter ihren blonden Zopf, der ihr verschwitzt im Nacken klebte. »Mein Nachbar ist Anwalt. Er hat sich mein Arbeitszeugnis angeschaut und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Wusstest du, dass das Gesetz verbietet, in einem Arbeitszeugnis eine negative Bewertung festzuhalten? Aus diesem Grund ist eine Art Geheimsprache entstanden, die Chefs verwenden, um auszudrücken, was sie wirklich sagen wollen.«

»Soll das heißen, man muss zwischen den Zeilen lesen?«

»Ganz genau. Mein Chef hat, zum Beispiel, geschrieben: ›Sie hat sich bemüht, meinen Erwartungen zu entsprechen.‹ Mein Nachbar sagt, das bedeutet: ›Sie hat sich bemüht, aber auf der ganzen Linie versagt.‹ Am Ende steht in meinem Zeugnis net, dass mein Chef meinen Weggang bedauert, sondern nur, dass er sich für meine Mitarbeit bedankt. Höflich ausgedrückt heißt das nix anderes, als dass er froh ist, wenn er mich endlich von hinten sieht.«

»Also hat er dir eins reingewürgt? Das ist ja wohl das Allerletzte!«

»Jedenfalls ist es kein Wunder, wenn kein anderer Chef scharf darauf ist, mich einzustellen.«

»Dann solltest du das Zeugnis anfechten. Besteh darauf, dass dir dein früherer Chef ein ordentliches Zeugnis ausstellt. Das hast du verdient. Du hast immer gute Arbeit geleistet.«

»Nein, ich hab es vermasselt, Isa.« Niedergeschlagen ließ Vroni den Kopf hängen.

»Was redest du denn da?« Isa riss die Augen auf. »Du bist eine großartige Tierarzthelferin.«

»Aber ich bin meinen Prinzipien untreu geworden und hatte etwas mit meinem Chef.« Vroni blies die Wangen auf und ließ die Luft entweichen.

Ihre letzte Beziehung war eine Katastrophe gewesen. Ihr Chef war Tierarzt und unglaublich attraktiv gewesen. Sie hatten sich blendend verstanden, auch über ihre Arbeit hinaus, und so waren sie irgendwann zusammengekommen.

Vroni hatte jedoch befürchtet, nur ein Strohfeuer für ihn zu sein. Sie hatte nicht auf ihre Beziehung vertraut, sondern ständig Zweifel gehabt. Das hatte ihre Liebe belastet.

Als ihr Freund sie dabei erwischt hatte, wie sie in den Kurznachrichten in seinem Handy geschnüffelt hatte, war das Fass übergelaufen. Er hatte sich von ihr getrennt – privat und auch beruflich – und Vroni konnte es ihm nicht einmal verdenken.

»Ich verstehe mich selbst nimmer«, seufzte sie und ließ sich in einen Schaukelstuhl sinken. Eine Staubwolke wirbelte unter ihr auf. »Warum konnte ich net genießen, was wir hatten? Warum musste ich immer an Volker zweifeln?«

»Vielleicht, weil du noch net über Peter hinweg bist.«

»Freilich bin ich das«, widersprach Vroni prompt.

»Und warum bewahrst du immer noch ein Foto von ihm in deinem Nachtkastl auf?«

»Zur Erinnerung.«

»Warum willst du dich an ihn erinnern, wenn es aus ist? Nach meiner Trennung habe ich das Foto meines Ex verbrannt. Ich wollte nix mehr von ihm sehen oder hören. Glaub mir, Peter bedeutet dir noch etwas, sonst hättest du sein Foto längst weggeworfen.«

»Du täuschst dich«, beharrte Vroni, aber etwas in ihr krampfte sich bei dem Gedanken an ihren ersten Freund zusammen.

Peter und sie waren fast ein Jahr lang unzertrennlich gewesen. Sie hatten von Hochzeit und Kindern gesprochen, bis er …

Nein, nur net daran denken, ermahnte sie sich selbst. Es ändert nichts, dem Verlorenen nachzutrauern. Ich muss nach vorn schauen und sehen, was ich mit meinem Leben anfangen will.

Nachdenklich blickte sie sich um. Der Dachboden verriet, dass schon mehrere Generationen ihrer Familie in diesem Haus gelebt hatten. Es stand am Rand von Salzburg und wurde von einem Garten mit einem alten Baumbestand umgeben. Efeu wucherte an den Backsteinmauern.

Die Einrichtung bestand aus einem Sammelsurium an Möbeln aus verschiedenen Jahrzehnten, und das gefiel Vroni. Ihr Haus war voller Erinnerungen, wie ein alter Freund.

Allerdings standen auch einige Renovierungen an.

Am vergangenen Abend war ein Gewitter über die Mozartstadt hinweggezogen. Der Starkregen war durch die undichten Fensterrahmen ins Haus gesickert und in Rinnsalen an der Tapete hinuntergelaufen. Die Fenster gehörten längst ausgetauscht, aber wovon sollte Vroni das bezahlen?

»Wie ist es damit?« Ihre Freundin hatte den Deckel der Truhe gelüftet, darin herumgewühlt und tauchte nun mit einem seltsamen Gebilde auf dem Kopf wieder auf. Es war ein Hut, der mit Federn verziert war, die früher vermutlich einmal weiß gewesen waren, vom Alter jedoch grau geworden waren.

Vroni musste lachen. »Es sieht aus, als wäre eine Taube auf deinem Kopf notgelandet.«

»Also nix für den Flohmarkt?«

»Eher net.«

»Schade, aber ich bin auch noch net durch mit der Truhe. Was ist eigentlich da drüben in dem Sekretär?«

»Keine Ahnung.« Vroni stemmte sich aus dem Schaukelstuhl und quetschte sich zwischen einem Stapel Kartons hindurch zu dem Schreibtisch hinüber. Dabei musste sie die Luft anhalten, um durch den Spalt zu passen.

Verflixt! Eine Packung Schokoladen-Eis am Abend mochte über die Einsamkeit hinwegtrösten, aber gut für die Linie war es nicht. Sie würde sich abends wieder aufraffen und joggen gehen müssen. Wenn sie nur nicht befürchten müsste, unterwegs ihren Exfreund zu treffen …

Vroni öffnete die oberste Schublade und fand einen Stapel Briefe und Staubmäuse darin. Nichts von materiellem Wert, aber das hatte sie auch nicht erwartet.

Die zweite Lade war leer und in der dritten …

»Oh!« Verblüfft hielt sie eine silberne Kette in die Höhe. Daran baumelte ein Anhänger in der Form eines Kleeblatts. Sehr hübsch! Ob ihr die Kette Glück bei der Arbeitssuche bringen würde? Einen Versuch war es wert.

Vroni legte sich die Kette um den Hals. Sie brauchte wirklich dringend Arbeit. Leider wurden zurzeit keine Tierarzthelferinnen in Salzburg gesucht. Schon gar nicht, wenn sie kein tadelloses Arbeitszeugnis vorlegen konnten. Vroni verdiente sich etwas mit Hundesitten dazu, aber das war nichts für die Zukunft.

»Was ist los?« Isa tauchte aus einem Wust alter Kleider auf. »Du wirkst so nachdenklich.«

»Ich habe mir gerade überlegt, was ich machen soll, wenn ich hier keine neue Stelle bekomme. Umsatteln und einen anderen Beruf ergreifen? Oder lieber umziehen?«

»Weder noch, würde ich sagen. Du bist mit Leib und Seele Tierarzthelferin. Mit einem anderen Beruf würdest du bestimmt net glücklich. Und ein Umzug? Daran darf ich gar net denken. Du würdest mir schrecklich fehlen.«

»Ich möchte auch net weg aus Salzburg, aber ich brauche eine Perspektive für die Zukunft. Abgesehen von einer neuen Stelle fällt mir da nur ein Lottogewinn ein. Und beides scheint im Moment leider absolut unerreichbar zu sein.«

»Du könntest …« Was auch immer Isa vorschlagen wollte, blieb vorerst ungesagt, weil unten im Haus das Telefon klingelte.

Vroni hob elektrisiert den Kopf. Vielleicht war das der Anruf, auf den sie so lange gewartet hatte? War das die Antwort auf eine Bewerbung? Vielleicht sogar die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch? Ein Stellenangebot?

Ihr Puls beschleunigte sich.

»Da muss ich rangehen!«, rief sie, schon halb auf dem Weg nach unten. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, sprang sie die Treppe hinunter.

Das Telefon stand in der Diele in der Ladestation. Vroni nahm es ans Ohr und meldete sich atemlos.

»Grüß dich, Vroni«, sagte ein Mann am anderen Ende der Leitung. »Hier ist Martin Burger aus St. Christoph.«

»Das ist eine Überraschung, Herr Doktor.« Vroni rang schnaufend um Luft. Der Bergdoktor, wie er von seinen Patienten genannt wurde, hatte seine Praxis im Heimatdorf ihrer Tante. Als Schulkind hatte sie ihre Ferien immer bei ihr in den Bergen verbracht. Dort hatte sie sich auch zum ersten Mal verliebt. In Peter …

»Ich habe leider keine gute Nachricht für dich, Vroni.«

»Warum?« Vronis Herz übersprang einen Schlag. »Ist etwas mit Tante Wally?«

***

Zwei Tage nach dem Anruf des Bergdoktors war Vroni auf dem Weg ins Zillertal. Doch alles schien sich gegen sie verschworen zu haben. Die Autofahrt von Salzburg nach St. Christoph dauerte normalerweise zwei Stunden, aber an diesem Tag reihte sich ein Stau an den anderen.

Später traf Vroni auf mehrere Umleitungen, die sie zusätzlich aufhielten. Irgendwann wusste sie nicht mehr, ob sie überhaupt noch auf dem richtigen Weg war.

Vroni war durstig, müde und traurig. Sie hatte in den vergangenen Nächten kaum geschlafen. Dr. Burger hatte ihr mitgeteilt, dass ihre Tante vom Stalldach gefallen war. Wally hatte eine undichte Stelle ausbessern wollen, dabei war sie abgerutscht und so unglücklich auf der Erde aufgekommen, dass sie sich eine schwere Kopfverletzung zugezogen hatte. Sie war noch auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.

Vroni war zunächst wie gelähmt gewesen. Ihre Tante … nein, sie konnte nicht einfach nicht mehr da sein! Wally war immer vital gewesen, freundlich zu den Menschen und gütig zu ihren Tieren. Und nun sollte sie tot sein? Das wollte Vroni nicht in den Kopf. Erst nach und nach sickerte die Gewissheit in ihr Bewusstsein, bis sie sich nicht mehr leugnen ließ.

Vroni trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad, als sie ihren Kleinwagen die gewundene Straße entlangsteuerte. Sie war so spät dran, hoffentlich schaffte sie es rechtzeitig zum Begräbnis ihrer Tante!

Ihr Auto röhrte und dröhnte protestierend, als sie Gas gab. Es hatte schon etliche Kilometer auf dem Tacho und mehr Rostflecken als Vroni Sommersprossen, und das wollte schon etwas heißen.

Vor ihr tauchte eine Schranke auf, die sich just in dem Augenblick senkte, als Vroni darauf zufuhr.

»O nein! Das net auch noch!« Seufzend hielt sie an und kurbelte die Seitenscheibe vollends herunter, um frische Luft ins Auto zu lassen. Die schwarze Bluse klebte ihr schweißnass am Rücken, und um ihren Rock war es nicht viel besser bestellt.

Ungeduldig rutschte sie auf dem Fahrersitz herum. Warum kam der Zug denn nicht endlich, damit es weitergehen konnte?

Ihre Tante hatte sie früher oft zu sich eingeladen. Vroni hatte jedes Jahr ihre Ferien auf dem Bauernhof verbracht. Für sie war es ein Abenteuer gewesen, wenn bei einem Gewitter der Strom ausfiel oder wenn der Hof im Winter bei starkem Schneefall vom Rest der Welt abgeschnitten war. Ihre Tante hatte dazu beigetragen, dass sie Tierarzthelferin geworden war, denn sie hatte Vroni früh mit Tieren zusammengebracht und ihr beigebracht, dass man jedes Lebewesen respektieren musste.

Endlich dampfte die Zillertalbahn an Vroni vorbei. Urlauber winkten aus den voll besetzten Abteilen. Matt erwiderte Vroni den Gruß. Dabei baumelte der Kleeblatt-Anhänger an ihrem Hals. Bis jetzt hatte er ihr kein Glück gebracht. Wie es schien, ließ sich das Schicksal nicht überlisten, aber Vroni war entschlossen, dem Glücksbringer eine zweite Chance zu geben. Schlimmer als jetzt konnte es ohnehin nicht mehr werden, oder?

Endlich hob sich die Schranke. Vroni gab Gas und brauste durch Mayrhofen und die steile Serpentinenstraße hinauf nach St. Christoph. Das Dorf lag in einem Seitental, umgeben von grünen Weiden und Wäldern. Sieben Berge umgaben den Ort wie steinerne Wächter. Doch Vroni hatte an diesem Nachmittag keinen Blick für die Schönheit der Natur. Sie atmete auf, als die weiße Dorfkirche vor ihr auftauchte.

Vroni steuerte ihren Wagen zum Kirchhof und wollte rechts an einem blauen Kombi vorbei in eine Parklücke fahren. Dabei übersah sie die offene Beifahrertür des Kombis. Im allerletzten Augenblick bemerkte sie das drohende Verhängnis und riss das Lenkrad zur Seite, bevor sie gegen die Tür fahren konnte.

Der Fahrer steckte den Kopf ins Freie und stieß einen leisen Fluch aus.

»Was soll denn das? Diese Touristen!« Er kniff die Augen zusammen und musterte sie. »Vroni? Bist du das?«

Vroni sank das Herz. Ausgerechnet mit Peter musste sie gleich nach ihrer Ankunft zusammenstoßen. Der Tag wurde ja besser und besser. Hitze flutete in ihre Wangen.

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