Logo weiterlesen.de
Der Bergdoktor - Folge 1728

Doch ihr Herz wünscht ihn zurück

Nie vergaß sie den ersten Kuss

Von Andreas Kufsteiner

Es gibt wohl kaum ein Madel in St. Christoph, das Britta nicht um ihre Beziehung zu dem feschen Hoferben Alex Gundlauer beneidet. Er ist nämlich genau das, was Frauen einen »leidenschaftlichen Liebhaber« nennen, und er sieht wirklich gut aus. Aber wenn Britta in seinen Armen liegt, denkt sie nicht an ihn, sondern an einen anderen.

Gero … Seit drei Jahren vergeht kein Tag, an dem sie den Himmel nicht anfleht, ihr geliebter Gero möge zu ihr zurückkehren und ihr verzeihen.

Doch Britta weiß auch, dass das nie geschehen wird, denn ihre Schuld ist zu groß …

»Da kommt er doch schon wieder«, flüsterte Britta vor sich hin. »Das darf net wahr sein! Wir waren doch gestern den ganzen Tag zusammen.«

Das stimmte genau. Sie hatte den Sonntag von zehn Uhr in der Früh bis abends mit Alex Gundlauer verbracht, zuerst auf dem Kirchplatz beim traditionellen Sommerkonzert der Trachtenkapelle und anschließend im Festzelt an der Kirchwiese. Dort war Alex ziemlich schnell in der passenden Stimmung gewesen, um unnötigerweise herumzutönen, dass er »demnächst in den Ehestand« treten wolle. Und mit wem? Mit ihr, Britta Hinzberger, der Tochter vom Sonneneck-Hof.

Von ihrer Wohnung im elterlichen Bauernhaus konnte Britta den Panoramaweg überblicken. Der Hof lag auf der sogenannten Leiten-Höhe, einem von der Sonne verwöhnten Wiesenhügel unterhalb vom Achenwald.

Die Aussicht war grandios. Man sah, wer zu Fuß den Weg entlangkam, auch die schmale Zufahrtsstraße vom Dorf herauf ließ sich überblicken, ohne dass man den Kopf verrenken musste. Gleichzeitig bot sich die ganze Schönheit des Gebirgspanoramas dar.

Dieser atemberaubende Rundum-Blick war unbezahlbar. Die Familie Hinzberger wurde um die herrliche Aussicht regelrecht beneidet. Und trotzdem wünschte sich Britta manchmal, dass ihr ein paar hohe Tannen oder ein anderes Haus die Sicht ein bisschen »vernebeln« würden.

Es war nicht immer von Vorteil, wenn man alles ganz genau sah. Zum Beispiel, dass Alex sich nun schon bis auf ein paar Meter der Hofeinfahrt genähert hatte. Und zwar in seinem neuen Geländewagen. Die Farbe war ein metallisch schimmerndes Silbergrau, selbstverständlich auf Hochglanz poliert.

Für Alex kam überhaupt nur etwas Glänzendes infrage. Er wollte von seinen Mitmenschen in aller Deutlichkeit wahrgenommen werden, egal, ob mit oder ohne Auto.

Niemand sollte sein Licht unter den Scheffel stellen, vor allem keiner, der mit Nachnamen Gundlauer hieß und somit zu einer angesehenen Familie gehörte. Obendrein war Alex ein fescher, aufgeweckter junger Mann, der sich nicht zu verstecken brauchte.

Es gab kaum ein Madel in St. Christoph, das nicht insgeheim schon einmal von ihm geträumt hatte. Besonders glücklich schätzten sich die Mädchen, die schon mal mit ihm auf einem Fest oder beim Tanzen gewesen waren oder die sogar den Vorzug genossen hatten, ihm eine Zeit lang den Alltag zu versüßen.

Ein Mann ohne gewisse Erfahrungen war kein Mann – so dachten die meisten Burschen und Alex natürlich auch.

Aus diesem Grunde hatte er schon so einiges erlebt. Es konnte nicht schaden, wenn man sich auskannte. Und zwar vor allen Dingen bei den Madeln. Doch es gab Grenzen. Ein ausuferndes Leben führte der junge Hoferbe nicht, er hielt sich an vernünftige Regeln, auch wenn manchmal die Pferde mit ihm durchgingen.

Die Gundlauers waren im Weiler Streichen auf Mayrhofen zu ansässig, der außer ihrem weitläufigen Anwesen, dem »Streichen-Hof«, nur noch ein altes Kapellchen und ein kleines Alpenhaus vorzuweisen hatte.

Dieses malerisch gelegene Häuschen war vor einigen Jahren an einen Maler aus Bregenz vermietet worden, der nur selten anreiste und sich dann im Angesicht der Berge zu neuen Bildern inspirieren ließ. Sowohl das uralte Marienkapellchen als auch das Zuhäusl zählten zum Besitz der Familie.

So gesehen gehörte die ganze Gemarkung Streichen komplett den Leuten vom gleichnamigen Hof.

Jeder im Dorf musste zugeben, dass es nicht leicht war, das große Anwesen in dem Zustand zu erhalten, in dem es sich derzeit präsentierte. In und ums Haus wurde ständig gebaut und renoviert, geweißelt und gehämmert.

In den Erhalt des Hofes floss viel Geld, sodass die Familie andererseits darum bemüht war, die Ausgaben wieder hereinzuholen, zum Beispiel durch die Vermietung von Ferienwohnungen.

Britta eilte die Stiege hinunter. Alex hielt neben der Remise. Elastisch sprang er aus dem Auto, wobei er darauf achtete, eine gute Figur zu machen. Man kam bei einer Frau, gleich welchen Alters, immer am besten an, wenn man sich sportlich präsentierte.

»Schau her, Spatzl!«, rief er und schwenkte eine Mappe in der Hand. »Ich will dir etwas zeigen.«

»Alex, ich hab eigentlich keine Zeit.«

»Schmarrn.« Er umfing sie und drückte sie fest an sich. »Hm, du riechst so gut. Irgendwie nach süßen Früchten.«

»Das sind Marillen. Ich habe sie vorhin gepflückt und eingekocht. Du darfst probieren, wenn du magst.«

»Immer bist du so tüchtig!« Alex lachte. »Was tu ich nur, wenn mein Madel immer ans Arbeiten denkt und wenn ich ganz andere Wünsche hab? Vielleicht möchte ich ja etwas ganz anderes genießen als dein Marillenkompott?«

»Ach geh! Erstens bist du derjenige, der dauernd herumwerkelt«, wehrte sie ab. »Und zweitens sollst du net so frech daherreden.«

»So ist das eben. Wenn man verliebt ist, trägt man das Herz auf der Zunge«, scherzte er. »Sogar dann, wenn es sich ein bisserl pikant anhört, was man zu sagen hat. Willst du gar net wissen, was ich mir von dir wünsche?«

»Nein. Ich kann es mir schon denken.«

»Da schau her! Blitzgescheit bist du auch noch!«

Es war nicht ganz einfach für Britta, die leidenschaftlichen Küsse ihres Fast-Verlobten in harmlosere Bahnen zu lenken …

***

»Nicht«, wisperte sie. »Drüben an der Scheune schleicht der Rupp umeinander. Ich will net, dass er uns sieht. Lass mich los!«

»Er schaut doch gar net her.«

»Doch. Er sieht alles. Manchmal denk ich, dass er hinten auch noch ein Auge hat. Rupp ist von Natur aus neugierig.«

Alex seufzte und gab Britta frei. Derweil verschwand der Knecht, von dem gerade die Rede gewesen war, ums Hauseck.

Rupert Siebl wurde allgemein nur »Rupp« genannt, was nichts mit »ruppig« zu tun hatte. Er war vielmehr ein freundlicher, hilfsbereiter Mensch, der nur gelegentlich Schwierigkeiten hatte, die passenden Worte zu finden. Vom Reden hielt er nämlich nicht viel. Es stimmte auch nicht, dass ihn die Neugier umtrieb. Und ein drittes Auge hatte der Rupp erst recht nicht.

Er verfügte allerdings über den »siebten Sinn«. Manchmal ahnte er Dinge voraus, die andere Leut mit einer wegwerfenden Handbewegung als »Unsinn« bezeichneten. Einige Zeit später stellte man dann fest, dass er recht gehabt hatte.

Insgeheim leistete Britta dem langjährigen Knecht Abbitte. Dass er jetzt als »Bollwerk« gegen Alex Gundlauers heiße Küsse hatte herhalten müssen, war nicht recht. Aber der Rupp war gutmütig und nahm so leicht nichts übel.

»Was willst du mir zeigen?«, fragte sie, als sie mit Alex in der guten Stube verschwand. »Dauert es lange? Ich bin wirklich in Eile. Du hättest anrufen sollen, bevor du heraufgekommen bist. Ich muss ins Dorf hinunter wegen der Kränze zu Maria Himmelfahrt.«

»Ach was.« Alex legte die Mappe auf den Tisch. »Du musst keine Kräuterkränzerl binden, lass das die anderen machen. Das Sträußerlbinden und Kranzwinden ist ein alter Hut. Bleib hier.«

»Auf keinen Fall!«, widersprach Britta. »Solang ich denken kann, hab ich mit meinen Freundinnen Trockenkränze gebastelt, die wir am Marientag in die Kirche zum Weihen gebracht haben. Man muss net immer mit den alten Traditionen brechen, bloß weil es vielleicht nix Aufregendes ist.«

»Na ja. Du hast recht. Aber ich für mein Teil würde gern den einen oder anderen alten Zopf abschneiden.« Alex öffnete die Mappe, nahm einige Bauzeichnungen heraus und legte sie vor Britta hin.

»Was ist das?«, fragte sie.

»Pläne für ein Haus auf unserer oberen Wiese«, entgegnete er. »Ich war vorhin beim Architekten in Schwaz und hab die Entwürfe abgeholt. Es gibt nichts zu bemängeln.«

»Ja, und?«

Alex starrte Britta an. »Warum tust du auf einmal so, als ob dich das überhaupt net interessiert? Ich hab dir schon ein paar Mal gesagt, dass ich gern anbauen möchte. Es soll ein Haus mit fünf Ferienwohnungen werden, so richtig urig und gemütlich mit Kamin und Tiroler Zirbelholzmöbeln. Die Urlauber mögen das. Im Keller brauchen wir einen Haushaltsraum, Waschmaschine und Trockner inklusive. Vielleicht kommen auch noch Nebenräume mit Tischtennis und Fitness-Geräten infrage. So was macht sich immer gut. Außerdem denke ich daran, einen Außenpool anzulegen. Der wäre dann für uns alle, also nicht nur für die Gäste.«

»Da lädst du dir ja einiges auf«, meinte Britta. »Nicht nur finanziell, auch arbeitsmäßig.«

»Die Finanzierung steht, unsere Bank sieht keine Probleme«, erwiderte Alex. »Und die Arbeit hält sich in Grenzen. Die Ferienwohnungen müssen von den Gästen in Ordnung gehalten werden, wir sind nur für die Endreinigung zuständig. Ich möchte jetzt von dir wissen, wie dir die ganze Sache gefällt.«

»Nicht so besonders. Natürlich kann man mit neu erbauten Ferienwohnungen gut verdienen. Ich wäre trotzdem net auf die Idee gekommen. Du bist eben geschäftstüchtiger als ich.«

»Ich frage dich deshalb, weil du ja an meiner Zukunft beteiligt bist«, fuhr Alex fort. »Und zwar mehr als jeder andere Mensch in meinem Leben, Spatzl. Wir werden heiraten. Das hast du doch nicht etwa vergessen?«

»Ach herrje, du meine Güte! Schon wieder dieses Gerede von Hochzeit und Zukunft! Es nervt!« Dieser Ausruf schlüpfte so schnell über Brittas Lippen, dass sie ihn nicht mehr zurückhalten konnte.

Alex lupfte ärgerlich die Augenbrauen in die Höhe.

»Begeistert klingt das net«, murrte er. »Gestern im Festzelt, als wir mit unseren Freunden beisammen waren, hörte sich das alles noch ganz anders an. Du hast so getan, als ob alles in Ordnung ist. Und jetzt? Was soll das, Britta?«

»Gar nichts.« Sie stieß einen Seufzer aus, der Alex noch ein bisschen mehr auf die Palme brachte.

»Wir heiraten«, stieß er hervor. »Ich lass mich net an der Nase herumführen. Du könntest ruhig ein bisschen lächeln. Komisch, dass du auf einmal nicht mehr über unsere Hochzeit reden willst. Bin ich etwa ein Scheusal? Ich kenne einige Mädchen, die sofort mit mir vor den Traualtar treten würden.«

»Einige?« Britta kicherte. »Ein ganzer Harem vor dem Altar und du mittendrin? Was würde Pfarrer Roseder wohl dazu sagen?«

»Ach, hör doch auf! Mach dich net über mich lustig.« Alex schaute finster drein. »Grad hatte ich noch gute Laune, aber du hast es geschafft, mir ordentlich eins zu verpassen.«

»Sei net grantig.« Sie streichelte seine Hand. »Armer Alex. Komm, sei wieder lieb. Ich mein’s doch net bös. Aber schau, ich brauch noch ein bisserl Zeit. Auf keinen Fall möchte ich noch in diesem Jahr heiraten. Das ist viel zu schnell. Wozu die Eile? Ich bin fünfundzwanzig, du wirst neunundzwanzig. Wir sind jung. Der Traualtar, vor dem du so gern stehen möchtest, läuft uns net weg.«

»Wieso hab ich das Gefühl, dass du mich hinhalten willst?«, brummte Alex. »Und net nur das. Es passt dir net, dass ich ausnahmsweise mal ohne telefonische Absprache zu dir gekommen bin. Du möchtest mich jetzt auf elegante Weise loswerden. Daher ist dir auch plötzlich eingefallen, dass du Marienkränzerl und Kräutersträuße binden musst. Das ist eine Ausrede!«

»Ist es nicht.« In Brittas blauen Augen blitzte es empört auf. »Ich hab’s net nötig, dich anzulügen. In einer halben Stunde treffe ich mich mit Hanna und Josi. Sieh nach – hinten im Flur steht mein Korb mit dem ganzen Material. Blumendraht, die getrockneten Kräuter, bunte Bänder, verschiedene Scheren.«

»Das will ich gar net so genau wissen.« Alex sah ein, dass es keinen Sinn hatte, noch länger zu bleiben. Sein »Spatzl« wollte lieber getrocknete Blumen zusammenraffen, als von ihm geküsst werden.

»Sehen wir uns morgen?«, krächzte er zornig.

»Ich ruf dich an«, erhielt er zur Antwort. »Ach ja, und die Sache mit den Ferienwohnungen ist sicherlich gar nicht so schlecht. Falls wir heiraten, soll ich diejenige sein, die sich um die Wohnungen kümmert, net wahr?«

Er räusperte sich. »Ein bisserl schon. Du könntest die Reservierungen vornehmen und hin und wieder nach den Gästen schauen. Ein bisserl Herzlichkeit und Freundlichkeit, Tiroler Gastfreundschaft eben, das wünschen sich die Leut. Als meine Frau trägst du dann ja auch eine Verantwortung für alles, was uns betrifft. Aber natürlich sollst du net die Putzfee abgeben. Wir stellen zusätzlich noch eine Zugehfrau ein. Drei Knechte, zwei Mägde, eine Hauserin und noch eine Hilfskraft, das reicht, denke ich.«

»Alex, es ist mir net um die Arbeit zu tun. Ich hab gern eine Aufgabe, die mich ausfüllt. Mir geht’s derzeit nur darum, dass wir beide uns noch ein bisserl Zeit lassen.«

»Ich verstehe«, erwiderte er grollend. »Du möchtest mich so nebenher laufen lassen. Keine feste Bindung, nur ein bisserl Spaß.«

»Schmarrn«, wehrte sich Britta. »Du drehst mir das Wort im Mund um. Seh ich aus wie ein Mädchen, das nur auf sein Vergnügen aus ist?«

»Nein. Aber ich finde, dass du dich schon jetzt entscheiden kannst. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Ja oder nein.«

Alex packte die Baupläne wieder ein und schickte sich zum Gehen an. Bevor er ins Auto stieg, betrachtete er Britta mit einem gekränkten Blick.

»Anscheinend grübelst du über meine Qualitäten als Ehemann nach«, sagte er rau. »Vielleicht denkst du, dass ich net treu sein kann, weil ich schon das eine oder andere Madel vor dir …«

»Red net weiter!«, fiel Britta ihm hastig ins Wort. »Tatsache ist, dass du dich von deiner Ex gar net richtig losgesagt hast. Das wissen alle im Dorf. Die Lissy hat geflennt und gejammert.«

»Ich hab ihr deutlich gemacht, dass zwischen uns Schluss ist.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Bergdoktor - Folge 1728" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen