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Der Bergdoktor - Folge 1727

Dr. Burger und das Mädchen Maria

Ihre Bitte stürzt den Bergdoktor in einen großen Konflikt

Von Andreas Kufsteiner

Sportlich war die neunzehnjährige Maria schon immer. Doch seit ihr Freund sie wegen einer anderen verlassen hat, trainiert sie geradezu besessen. Wenn sie sich die Seele aus dem Leib schwitzt und ihre Glieder von der Anstrengung zittern, spürt Maria den Schmerz in ihrem Herzen nicht mehr. Dann verdrängen die Strapazen die Trauer um ihre zerbrochene Beziehung.

Die Leute im Dorf beobachten kopfschüttelnd, wenn Maria mit der Stoppuhr an ihnen vorbeiläuft. Dr. Burger jedoch ist zutiefst besorgt. Lange kann es nicht mehr gut gehen, bis Maria zusammenbricht …

»Ist das wirklich dein Ernst, Maria?« Ein Ausdruck tiefster Verwunderung huschte über Angelikas rundes Gesicht. »Du willst beim Triathlon mitmachen? Was hat dich denn bloß auf diese Idee gebracht?«

»Das warst du, Geli.« Maria Heller stieg von ihrem Fahrrad und lehnte es an den Gartenzaun. Dann strich sie sich eine Strähne ihrer blonden Haare aus der Stirn und zwinkerte ihrer Freundin zu. »Du hast mir in den vergangenen Wochen immer in den Ohren gelegen, ich soll nimmer herumsitzen und Trübsal blasen, sondern endlich wieder etwas unternehmen.«

»Stimmt, aber damit meinte ich, du solltest einkaufen oder tanzen gehen, aber doch net so etwas!« Die Besucherin ließ sich auf die Bank vor dem Bauernhaus fallen, schlüpfte aus ihren Sandalen und stemmte ihre nackten Füße ins Gras. »Bist du sicher, dass du das machen willst?«

»Ja. Ich war schon immer gern joggen. Thomas wollte nie mitkommen, deshalb habe ich das Training schleifen lassen, aber nun hab ich ja wieder Zeit dafür …«

Sie stockte, als ihr der vertraute Schmerz die Brust zuschnürte. Seit jenem Abend, als sie ihren Freund mit einer anderen Frau überrascht hatte, wollte das Ziehen in ihrem Herzen nicht mehr weichen. Sie hatte ihrem Schatz blind vertraut – und war bitter enttäuscht worden.

»Ich muss wirklich etwas ändern. In den vergangenen Wochen bin ich kaum vor die Tür gegangen. Und gestern habe ich Thomas und seine Neue mit Weihwasser übergossen.«

»Du hast … was getan?!«

»In der Kirche. Sie saßen in der hintersten Bank und konnten kaum die Finger voneinander lassen. Da habe ich mir das Becken mit Weihwasser gegriffen und es über ihnen ausgegossen.«

Ihre Freundin sah sie entgeistert an. Dann platzte sie mit einem hellen Lachen heraus.

»Oh, ich hätte zu gern ihre Gesichter gesehen! Hoffentlich hat jemand Fotos davon gemacht. Das war bestimmt ein herrliches Bild.«

Maria verzog das Gesicht, als hätte sie einen Frosch verschluckt.

»Ich wollte das gar net. Es ist einfach passiert.«

»Und das, wo seine Neue alleweil so viel Brimborium um ihre Haare macht. Danach ist sie bestimmt gleich zum Friseur gerannt.« Geli gluckste. »Köstlich.«

»Der Pfarrer hat mir eine Strafpredigt gehalten. Ich weiß auch net, was mich da überkommen hat. Jedenfalls muss ich etwas ändern. Ich sollte mir endlich wieder Ziele stecken, anstatt dem nachzutrauern, was für immer vorbei ist.«

»Aber warum muss es ausgerechnet Triathlon sein? Und dann auch noch die Zillertaler Meisterschaft? Die ist schon in sechs Wochen. Wie willst du in der kurzen Zeit fit werden?«

»Mit eisernem Training.«

»Und warum lernst du net einfach töpfern oder malst, wenn du etwas Neues ausprobieren willst?«

»Weil ich das net halb so befriedigend finde wie das Verausgaben beim Sport. Als ich gerade mit dem Fahrrad unterwegs war, war ich beinahe wieder glücklich.« Maria warf ihren blonden Zopf über die Schulter zurück. »Ich habe es satt, unglücklich herumzusitzen und mich zu fragen, was ich in unserer Beziehung falsch gemacht habe und was Thomas bei mir vermisst hat. Ich möchte wieder nach vorn schauen.«

»Aber Triathlon ist ein Mehrkampf. Du musst Schwimmen, Radfahren und Laufen.«

»Stimmt. Zuerst kommen 750 Meter Schwimmen, dann 20 Kilometer Radeln und schließlich 5 Kilometer Laufen. Und das alles auf Zeit. Pausen gibt es da net.«

»Lieber Himmel! Ich bekomme schon vom Zuhören Muskelkater! Ist das überhaupt zu schaffen?«

»Mit dem richtigen Training schon.«

»Also wirst du in den nächsten Wochen nix anderes tun als trainieren?« Geli betrachtete sie mit einer Mischung aus Bewunderung und Ratlosigkeit. »Und da denkt man, man kennt einen Menschen.«

»Während des Trainings muss ich wenigstens nimmer ständig grübeln.« Maria schaute zu den Zillertaler Bergen hinüber, deren Silhouette sich deutlich vor dem Abendhimmel abzeichnete. Gegen Abend hatte die sommerliche Hitze etwas nachgelassen, nun war die Luft angenehm mild und duftete nach frischem Heu und wilden Kräutern. Vögel zwitscherten im Garten um die Wette. Und der Hofkater sonnte sich auf der Bank neben der Haustür.

Maria lebte mit ihrem Großvater auf einem Bauernhof in St. Christoph. Sie bewirtschafteten das Gehöft zu zweit, denn Marias Eltern lebten beide nicht mehr.

Maria war in den Bergen aufgewachsen und konnte sich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Sie liebte das Dorf und ihre Nachbarn und Freunde.

Das Leben in dem kleinen Ort hatte allerdings auch Nachteile. Fast täglich kreuzte sie den Weg ihres früheren Freundes, der jede Woche eine andere Frau im Arm hielt. Es tat immer noch weh, ihn zu sehen und zu wissen, dass es für sie beide keine gemeinsame Zukunft mehr gab.

»Machst du etwa nur Triathlon, um Thomas zu beeindrucken?«

»Nein, ich brauche wieder ein Ziel. Das ist der Grund.«

»Gut. So viel Mühe wäre an ihn nämlich verschwendet.«

»Mei, Geli, du musst keinen Groll auf ihn haben, nur weil ich nimmer mit ihm zusammen bin.«

»Das weiß ich, aber ich habe einen Groll auf ihn, weil er dich schlecht behandelt hat.« Geli stemmte die Hände auf die Hüften und wollte ihrem Ärger Luft machen, aber in diesem Augenblick drang ein lautes Rumpeln aus dem Haus. Es hörte sich an, als wäre etwas Schweres auf den Boden gefallen!

»Ach du liebe Zeit! Großvater!« Maria wirbelte herum und eilte ins Haus. Eine ungute Vorahnung befiel sie, die sich sogleich bestätigte. In der Küche war ihr Großvater gerade dabei, sich vom Boden aufzurappeln und Staub von seiner Hose zu klopfen. Dabei verzog er das bärtige Gesicht, als hätte er Schmerzen.

»Großvater! Was machst du nur für Sachen?«

»Es geht schon, Spatz.«

»Aber du bist hingefallen. Das ist schon das zweite Mal in dieser Woche, nicht wahr?«

»Das dritte«, bekannte er zerknirscht. »Heute früh bin ich im Bad ausgerutscht.«

»Was? Hast du dir wehgetan?«

»Net weiter schlimm. Mir fehlt nix. Ich war bloß ungeschickt.«

»Aber wie konnte das denn nur passieren?«

»So genau weiß ich das auch net. Plötzlich hat es mir die Beine weggezogen, und da lag ich auch schon.«

»Drei Stürze in einer Woche hören sich net nach einem Zufall an. Lass dich einmal untersuchen, Großvater. Bitte.«

»Das ist net nötig. Mir geht es gut. Nur die verflixte Hitze macht mir zu schaffen.«

»Mir wäre trotzdem wohler, wenn sich der Bergdoktor vergewissern würde, dass du gesund bist.« Maria füllte ein Glas mit Wasser und reichte es ihrem Großvater. »Trink das.«

»Danke, Engelchen.« Mit langen Zügen leerte er das Glas.

Ihr Herz wurde plötzlich schwer. Ihr Großvater hatte sein Leben lang gearbeitet und kaum einmal Zeit für sich gehabt. Er war ein stattlicher Mann, der noch nie ernsthaft krank gewesen war.

In den vergangenen Wochen hatte er jedoch merklich abgebaut. Er stürzte öfter als früher, schlief schlecht und bewegte sich steifer als früher. Maria hatte angenommen, dass dies Zeichen seines Alters waren, aber womöglich steckte noch etwas anderes dahinter?

Was fehlte ihm nur? Hoffentlich war es nicht das Herz!

Anton Heller stellte das Glas aufatmend in die Spüle. »Ah! Das hat gut getan. Danke, Maria. Jetzt muss ich aber wieder in den Stall und fertig Ausmisten.«

»Das kann ich übernehmen.«

»Auf keinen Fall! Du hast heute schon genug getan. Ruh dich aus oder fahr mit deiner Freundin in die Stadt.«

»Aber …«

»Ich will kein Wort mehr hören. Mir geht es ausgezeichnet, ehrlich. Und jetzt werde ich meine Arbeit zu Ende bringen.« Mit diesen Worten stapfte ihr Großvater aus der Küche.

Besorgt schaute Maria ihm nach. Dabei fiel ihr Blick auf die Pinnwand neben dem Herd. Ein buntes Sammelsurium aus Fotografien, Postkarten und Notizzetteln mit Terminen klemmte daran.

Auf einem der Bilder war sie im Arm von Thomas zu sehen. Sie lachten beide unbeschwert in die Kamera, als könnte kein Schatten ihre Beziehung trüben. Maria hatte es noch nicht über sich gebracht, das Bild wegzuwerfen. Wie glücklich Thomas und sie damals gewesen waren! Sie hatte geglaubt, es würde für immer so bleiben …

»Alles in Ordnung, Maria?« Geli tauchte in der offenen Küchentür auf und sah sie fragend an.

»Ja.« Maria blinzelte hastig die aufsteigenden Tränen zurück. »Großvater ist hingefallen, aber er sagt, es geht ihm gut.«

»So richtig überzeugt klingst du aber net.«

»Ich bin mir auch net sicher, ob er seine Beschwerden net nur herunterspielt. Womöglich fehlt ihm doch etwas.«

»Das würde er dir schon sagen. Dein Großvater ist so gesund wie ein Pferd. Er könnte eine Kuh hochheben, wenn er es darauf anlegen würde.«

»Bring ihn bloß net auf Ideen!« Maria lächelte schief und schob die trüben Gedanken beiseite. Im Moment konnte sie ohnehin nichts ausrichten. »Sag mal, wollen wir uns eine Pizza holen? Ich muss noch den Garten wässern, damit uns die Erdbeeren in der Hitze net eingehen. Danach können wir los.«

»Soll ich dir helfen und die Blumen im Haus gießen?«

»Das wäre super, dann sind wir schneller fertig.« Maria nickte und wirbelte zurück in den Garten.

Das Grün vor und hinter dem Haus war ihr Reich. Sie liebte den Garten und experimentierte gern damit, neue Pflanzen und Blumen heranzuziehen. In diesem Jahr hatte sie an einem schattigen Plätzchen unter den Apfelbäumen Himbeeren gepflanzt, die bereits reiche Früchte trugen.

Maria bückte sich gerade nach dem Gartenschlauch, als ein Fremder durch das Gartentor trat.

Er war nur wenige Jahre älter als sie selbst und trug die Garderobe eines Handwerkers auf der Walz: einen schwarzen Hut mit breiter Krempe, eine schwarze Weste und Schlaghosen. Dazu hatte er einen Stock und ein Bündel bei sich. Seine blauen Augen blickten offen und freundlich. Unter seinem Hut blitzten blonde Haare hervor. Und seine gebräunte Haut verriet, dass er oft im Freien arbeitete.

»Griaß di!«, rief er. »Ich bin der Mauracher-Felix, ein Zimmermann auf der Wanderschaft. Braucht’s vielleicht einen Gesellen auf eurem Hof?«

»Leider net, wir haben im Moment nix zu tun für dich.« Maria richtete sich auf. »Aber du kannst beim Bürgermeister nachfragen. Der Angerer kennt jeden hier im Dorf und weiß bestimmt, wer Arbeit für dich hat. Sein Hof ist gleich dort drüben.« Sie deutete zu dem Anwesen hinüber.

»Dank dir schön. Dann werde ich mein Glück dort versuchen.« Der Besucher lüftete seinen Hut. Sein fröhliches Lächeln wirkte ansteckend. Maria ertappte sich dabei, dass sie es erwiderte. Im nächsten Augenblick rumpelte es jedoch erneut. Im Stall diesmal!

»Nanu? Was war denn das?« Der Besucher neigte fragend den Kopf. »Habt ihr einen Hausgeist da drin?«

»Schön wär’s. Das muss mein Großvater gewesen sein.« Maria ließ den Gartenschlauch fallen und schlug die Hände vor der Brust zusammen. »Hoffentlich ist ihm nix zugestoßen!«

***

»Ich kann meine Badehose nirgendwo finden, Vati.« Filli zupfte am Hemd seines Vaters. In seinen blonden Haaren klemmte eine Schwimmbrille, und er hatte Flossen an den Füßen.

»Schau im Garten nach, Bub!« Martin Burger blickte von der Morgenzeitung auf. »Wir haben sie gestern nach dem Baden zum Trocknen aufgehängt. Wahrscheinlich hängt sie noch auf der Leine.«

»Ach ja!« Die Flossen platschten bei jedem Schritt, als der Bub aus der Küche des Doktorhauses stakste. Filli war fest entschlossen, in diesem Sommer das Schwimmen zu lernen. Wenig später war aus dem Garten ein freudiges »Heureka!«, zu hören. Martin Burger nickte zufrieden. Gefunden. Sehr gut.

»Heureka? Wo hat der Bub denn diesen Ausdruck her?« Seine Frau schenkte sich gerade Kaffee nach und hob nun fragend den Kopf.

»Vermutlich von seinem Großvater. Die Kinder schnappen eine Menge auf.«

»Aber esst keine unreifen Äpfel aus dem Garten, kann man ihnen zehnmal sagen, das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder hinaus.«

»Tessa geht es zum Glück schon wieder besser. Der Durchfall ist fast weg.«

»Trotzdem sollte sie heute noch einen Tag im Bett bleiben. Ich werde regelmäßig nach ihr sehen, solange dein Vater mit den beiden Kleinen am See ist.«

»Das ist gut.« Martin Burger beugte sich über den Tisch und gab seiner Frau einen Kuss.

Sabines Augen leuchteten auf. »Wofür war der denn?«

»Einfach nur so.«

»Ein guter Grund.« Sie zwinkerte ihm zu und gab ihm das Busserl zurück.

Sein Herz zerfloss beinahe vor Liebe. Nach einem schweren Schicksalsschlag hatte er nicht mehr an ein neues Glück geglaubt, aber dann war er Sabine begegnet. Die Ärztin hatte ihn mit ihrer Wärme und ihrer offenen Art bezaubert.

Es verging kein Tag, an dem er dem Himmel nicht dafür dankte, dass er ihm Sabine in sein Leben geschickt hatte. Inzwischen gehörten drei quirlige Kinder zu ihrer Familie und sorgten dafür, dass es nie langweilig wurde.

»Erdbeere«, verlangte da eine helle Stimme. Klein-Laura saß in ihrem Kinderstuhl am Tisch und reckte sich, um an die Schüssel mit den leuchtend roten Früchten zu gelangen.

»Hier, Mauserl.« Martin Burger schob seiner jüngsten Tochter eine Erdbeere in den Mund. Daraufhin quietschte sie freudig und streckte die Arme nach ihm aus. Als er sie an sich drückte, gab sie ihm einen feuchten Schmatz auf die Wange.

Lächelnd strich er ihr über das Köpfchen. Dabei fiel sein Blick auf seine Armbanduhr, und er setzte seine Tochter wieder ab.

»Mei, ich muss in die Praxis! Ich möchte noch die Berichte aus dem Labor durchgehen, ehe die Sprechstunde beginnt.«

»Geh ruhig. Ich schaue gleich noch einmal nach Tessa und bringe ihr einen Kamillentee.«

»Danke, Liebling. Wenn sie sich wieder schlechter fühlt, komm mit ihr in die Praxis, ja?« Er faltete die Zeitung zusammen und legte sie neben den Frühstücksteller seines Vaters, der an diesem Morgen länger schlief und seine Lektüre noch nicht gehabt hatte.

Dann verließ er die Küche und lief durch den Flur zum Anbau, in dem die Arztpraxis untergebracht war.

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