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Der Bergdoktor - Folge 1714

Geduldig trug sie ihr Leid

Dr. Burger und ein tragisches Mädchenschicksal

Von Andreas Kufsteiner

Die Brandnarben auf ihrem Körper lassen keinen Zweifel daran, dass Lissi Helminger in ihrem jungen Leben bereits schweres Leid erfahren hat. Sie war gerade fünfzehn, als mitten in der Nacht das Feuer auf dem Hof ihrer Eltern ausbrach und alle im Schlaf überraschte. Keiner überlebte – nur sie selbst.

Verzweifelt hat Lissi anfangs mit ihrem Schicksal gehadert und sich gewünscht, auch tot zu sein. Doch dank Dr. Burgers Beistand hat sie ganz allmählich ihren Frieden gefunden und sieht nun wieder hoffnungsvoll in die Zukunft. Erst vor Kurzem ist Lissi mit ihrem Freund zusammengezogen und träumt von einer Hochzeit und Kindern …

Da wird sie eines Nachts von der Sirene der Feuerwehr geweckt – und ein orangefarbener Lichtschein erhellt ihre Kammer. Es brennt!

»Liebes Tagebuch, ich bin furchtbar müde. Nina sagt, das kommt davon, wenn man morgens um vier aufsteht, um noch Vokabeln für den Lateintest zu lernen. Aber was hätte ich sonst machen sollen? Ich wollte gestern Abend lernen, aber dann hat eine der Kühe gekalbt, und ich musste bei ihr bleiben. Vielleicht war es doch keine gute Idee, die Matura an der Fernschule nachzumachen. Mark findet das auch. Er sagt, dass ich zum Stallausmisten kein Abschlusszeugnis brauche. Das stimmt auch, aber ich möchte es trotzdem brennend gern schaffen. Das ist mein größter Wunsch. Irgendwie werde ich es schon hinbekommen. Zumindest hoffe ich das. Jetzt brauche ich aber erst einmal einen großen Becher mit Kaffee. Liebe Grüße, Lissi«

»Ich bin am Verhungern!« Schwungvoll warf Mark die Wohnungstür hinter sich zu und hängte seinen Janker an den Haken. »Ist das Essen bald fertig?«

Erschrocken klappte Lissi Helminger ihr Tagebuch zu und sprang auf. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht bemerkt hatte, wie die Zeit vergangen war. Offenbar war es später, als sie angenommen hatte, weil ihr Freund schon daheim war.

»Mark! Da bist du ja!«

»Grüß dich, Schatzerl.« Mark überragte sie gut um Haupteslänge und musste den Kopf senken, als er ihr ein Busserl mitten auf die roten Lippen gab.

Er war Knecht und arbeitete ebenso wie Lissi auf dem Hof des Bürgermeisters. Seine Haut war gebräunt von der Arbeit im Freien, und seine blonden Locken waren von der Sonne gebleicht. In seiner Freizeit ging er gern klettern. Das sah man seiner muskulösen Statur auch an. Bei ihm fühlte sich Lissi beschützt. Mark und sie waren seit anderthalb Jahren ein Paar und teilten sich seit drei Monaten eine Wohnung am Rand ihres Heimatdorfes.

»Mei, bin ich erledigt!«, stöhnte er. »Bei dieser Hitze kommt man sich auf den Wiesen vor wie in einer Sauna. Heute hab ich stundenlang das Heu gewendet und dabei geschwitzt wie ein …« Mark winkte ab und fasste nach Lissis Händen.

Sie musste an sich halten, um ihre Finger nicht zurückzuziehen und hinter ihrem Rücken zu verstecken. So, wie sie es in den Monaten nach dem Brand getan hatte. Damals hatte sie unliebsamen Fragen und mitleidigen Blicken aus dem Weg gehen wollen.

Mittlerweile hatte sie ein dickeres Fell, aber das Unbehagen war geblieben. Würde sie sich je an die Brandnarben gewöhnen? Wohl eher nicht. Die roten Male erinnerten sie an die schrecklichste Zeit in ihrem Leben, die sie vermutlich niemals aus ihrem Gedächtnis löschen konnte.

Lissi zwang sich, den Händedruck ihres Freundes zu erwidern. Mark hatte sie noch nie wegen der Narben an ihren Händen schief angesehen. Auch nicht mitleidig. Das war eines der vielen Dinge, die sie an ihm liebte. Er nahm sie so, wie sie nun einmal war. Mit den Zeichen der Vergangenheit und den Albträumen, die sie immer noch verfolgten, wenn auch nicht mehr so oft wie früher.

Ihre Wohnung lag am Rand von St. Christoph, einen Steinwurf vom Gehöft des Bürgermeisters entfernt. Die zwei Zimmer waren klein, aber überaus behaglich eingerichtet: mit rustikalen Bauernmöbeln und vielen Pflanzen. Es gab sogar einen Balkon, von dem aus sie direkt auf die Gipfel der Berge blicken konnten, die selbst im Sommer verschneit waren. Außerdem gingen die Fenster auf den Stall ihres Arbeitgebers hinaus. Wenn der Wind von Norden wehte, roch es auch entsprechend, aber daran hatten sie sich längst gewöhnt.

»Sag mal, hast du das Abendessen noch gar net fertig?« Mark schaute sich entgeistert in der Küche um. »Ich dachte, du hast seit drei Stunden Feierabend.«

»Das stimmt auch, aber ich musste noch lernen. Nächste Woche steht eine Klausur an, und ich bekomme diese verflixten chemischen Gleichungen net in den Kopf.«

»Du und deine Flausen!« Mark runzelte die Stirn.

»Das sind keine Flausen!«

»Doch. Du hast eine gute Arbeitsstelle als Magd. Außerdem wollen wir bald eine Familie gründen und Kinder haben. Wozu, um alles in der Welt, brauchst du die Matura?«

Lissi senkte den Kopf. Als sie vierzehn gewesen war, war ihre Familie bei einem Brand ums Leben gekommen. Nur sie selbst hatte mit schwersten Verletzungen überlebt.

Als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte man sie von einer Pflegefamilie in die nächste geschickt. Das stille, verzweifelte Madel, das jede Nacht schreiend aus Albträumen aufwachte, hatte nirgendwo hineingepasst.

Lissi hatte sich abgekapselt, war im Unterricht abgerutscht und hatte schließlich die Schule abgebrochen. Als sie achtzehn geworden war und endlich auf eigenen Beinen stehen durfte, hatte sie sich eine Wohnung und eine Stelle als Magd auf dem Hof des Bürgermeisters gesucht. Und hier hatte sie Mark kennengelernt.

Die alten Wunden begannen endlich zu heilen, und Lissi sehnte sich danach, die Vergangenheit zu überwinden und sich eine Zukunft aufzubauen. Dazu gehörte auch, ihren Schulabschluss nachzuholen. Das war ihr Ziel, das sie nicht aus den Augen ließ und für das sie hart arbeitete.

»Lissi?«, hakte ihr Freund nach. »Wozu quälst du dich mit der Paukerei?«

»Ich möchte die Matura machen. Und Dr. Burger sagt, ich kann es schaffen.«

»Er muss aber auch net mit schmutzigen Hemden herumlaufen und Hunger schieben, weil du dich hinter deinen Büchern vergräbst und dabei alles andere vergisst.«

»Ich hatte gehofft, du würdest heute das Essen machen.«

»Ich? Spinnst du? Ich hab einen langen Tag hinter mir und bin völlig erledigt.«

»Das bin ich auch.«

»Aber du hast net den ganzen Tag in der glühend heißen Sonne geschuftet. Ehrlich, Lissi, du solltest den Bücherkram hinschmeißen. Das bringt nix als Anstrengung und Kosten.«

»Mein Abschluss ist mir aber wichtig«, beharrte sie.

»Offensichtlich wichtiger als ich«, murmelte ihr Freund verdrossen.

»Das stimmt net. Ich möchte nur net ewig Magd bleiben. Versteh das doch! Ich hab Pläne für die Zukunft.«

»Die hab ich auch. Was genau schwebt dir denn vor?«

»Zuallererst natürlich mein Abschluss. Außerdem …« Sie zögerte, weil sie sich schon denken konnte, dass ihrem Freund ihre nächsten Worte nicht gefallen würden. »Außerdem hab ich mir überlegt, mich bei der Freiwilligen Feuerwehr zu bewerben.«

»Du hast … was?« Mark starrte sie so entgeistert an, als hätte sie ihm soeben einen Schlag auf den Kopf versetzt.

»Das geht mir schon lange im Kopf herum, und ich denke, jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um meinen Plan umzusetzen. Ich möchte mithelfen, dass andere Familien net dasselbe Leid erleben müssen wie ich.«

»Das ist viel zu gefährlich. Schlag dir das aus dem Kopf, Lissi! Das werde ich auf keinen Fall erlauben.«

»Ich muss das aber tun, Mark.«

»Schmarrn! Du musst gar nix. Außerdem hast du jetzt schon keine Freizeit. Wie willst du auch noch die Einsätze für die Feuerwehr in deinem Tagesablauf unterbringen, hm?«

»Das wird sich schon einrichten lassen.«

»Ach ja? Und wir beide sehen uns dann nur noch zum Frühstück, oder wie? Und wenn ich Pech hab, dann gar nimmer?«

»Mark, sei bitte net so …«

»Wie denn? Du musst schon entschuldigen, dass es mich aufregt, wenn meine Freundin mir sagt, dass sie mich in Zukunft nimmer sehen will.«

»Das hab ich nie behauptet.«

»Aber darauf läuft es hinaus.« Bitter presste er die Lippen zusammen. Sein Blick verdunkelte sich wie der Himmel vor einem Unwetter.

Lissi sank das Herz. Die Arbeit bei der Feuerwehr bedeutete ihr viel. Nach allem, was sie erlebt hatte, wollte sie anderen dasselbe Schicksal ersparen. Warum verstand Mark das denn nicht?

»Lissi.« Er stieß einen tiefen Atemzug aus. »Ich liebe dich, und ich möchte so viel Zeit wie möglich mit dir verbringen. Ist das denn wirklich so falsch?«

»Natürlich net. Das möchte ich auch …«

»Dann schlag dir diesen Unsinn mit der Feuerwehr aus dem Kopf! Hm?«

»Ich … werde noch einmal darüber nachdenken«, gab sie widerstrebend nach. »Und jetzt sollte ich nachschauen, was wir in der Tiefkühltruhe haben, und …« Weiter kam sie nicht, weil unerwartet jemand an der Wohnungstür klingelte.

Sie eilte hinaus in den Flur, öffnete und stand im nächsten Augenblick Zenzi Bachhuber gegenüber. Die Wirtschafterin des Bergdoktors war seit dem Brand wie eine liebe Patentante für sie. Mit ihrer resoluten Art und ihrem großen Herzen hatte sie Lissi schon über so manche trübe Stunde hinweggeholfen.

»Ich hab dir ein paar Vorräte eingepackt«, erklärte die Mittsechzigerin nun und drückte Lissi einen Korb in die Hand, der mit einem Tuch abgedeckt war. »Da drin sind kalter Braten, frischgebackenes Bauernbrot und etwas von dem frischen Almkäse, den du so magst. Ein Apfelstrudel ist auch dabei.«

»Mei, Zenzi, dich schickt der Himmel!«

»Eher unser Doktor«, gab Zenzi schmunzelnd zurück. »Aber manchmal kommt das auf dasselbe raus, stimmt’s?«

»Stimmt.« Lissi nickte versonnen. Dr. Burger hatte nach dem Brand viel für sie getan und immer ein offenes Ohr für ihre Sorgen.

»Er hat mich daran erinnert, dass du neben dem Lernen und deiner Arbeit bestimmt net viel Zeit zum Kochen hast.«

»Das ist wahr. Vielen, vielen Dank, Tante Zenzi. Ich weiß gar net, wie ich das wiedergutmachen soll.« Lissis Augen brannten vor Dankbarkeit.

»Du musst nix gutmachen«, winkte ihre Besucherin ab. »Das mache ich doch gern. Bist ein liebes Madel. Und immer so fleißig.«

»Mark beschwert sich schon darüber.«

»Ach. Mach dir nix daraus. Ein Dirndl, das immer nur auf der faulen Haut liegt, wäre ihm bestimmt auch net recht.«

»Möchtest du hereinkommen, Tante Zenzi? Viel zu trinken haben wir net im Haus, aber einen Eistee könnte ich dir anbieten.«

»Ein anderes Mal gern, aber jetzt muss ich zurück nach Hause. Ich habe noch Wäsche auf der Leine, die ich abnehmen möchte. Heute Nacht könnte es ein Gewitter geben. Zumindest sagt das mein Zipperlein.« Die Wirtschafterin stemmte eine Hand in ihren Rücken. »Lasst es euch gut schmecken. Und komm mal wieder auf einen Plausch vorbei, ja?«

»Das mache ich. Versprochen.« Lissi umarmte die Besucherin. Nachdem Zenzi gegangen war, schloss sie die Wohnungstür und brachte den Korb mit Lebensmitteln in die Küche. »Schau mal, was Tante Zenzi uns gebracht hat.«

Mark reckte den Hals. »Das riecht aber gut. Was ist denn da drin?«

»Unser Abendessen.«

»Selbst Gekochtes von Zenzi? Wunderbar!« Er trat neben sie und legte einen Arm um sie. »Du, hör mal, Lissi. Es tut mir leid, dass ich dir eben Vorhaltungen gemacht habe. Ich wollte es dir net noch schwerer machen. Wir haben nur wirklich kaum noch Zeit für uns. Das macht mir zu schaffen.«

»Mir auch, aber es wird wieder besser, sobald ich meinen Abschluss habe.«

»Das kann noch dauern«, seufzte er. »Aber ich wollte dir keine Vorhaltungen machen. Es tut mir leid. Nach der Hitze heute bin ich wohl ein bisserl unleidlich. Was hältst du davon, wenn wir jetzt zusammen essen und anschließend noch einen Spaziergang machen?«

»Aber es wird bald dunkel.«

»Umso besser. Dann ist es wenigstens nimmer so heiß. Was hältst du davon?« Seine Stimme war rau und zärtlich geworden, sodass ihr Herz mit einem Mal schneller schlug.

»Das würde mir gefallen«, erwiderte sie leise.

»Mir auch.« Mark zog sie noch fester an sich und sagte mit Zuversicht in der Stimme: »Wir schaffen das schon. Die ersten Jahre einer Beziehung sind immer die schwersten, aber wir werden uns zusammen etwas aufbauen, dann wird es leichter. Uns beide kann nix trennen. Das weiß ich genau!«

***

Es war wieder einmal spät geworden.

Dr. Martin Burger fuhr die Bergstraße hinunter, die sich an Wiesen vorbei bergab schlängelte. Die Lichter des Dorfes blinkten durch die Dunkelheit zu ihm herauf. Er kam gerade vom Moser-Hof. Der Bauer hatte unter starken Brustschmerzen und Atemnot gelitten, deshalb hatte er ihn nach kurzer Untersuchung mit dem Verdacht auf einen Infarkt ins Krankenhaus bringen lassen.

Nun war der Bergdoktor auf dem Heimweg und rechtschaffen müde. Den ganzen Tag über hatten sich die Patienten in seiner Praxis die Klinke in die Hand gegeben. Die sommerliche Hitze hatte auch ihre Schattenseiten. Eine davon waren die daraus resultierenden Kreislaufbeschwerden etlicher Dorfbewohner und Feriengäste.

Die Sonne war längst untergegangen, aber es war immer noch drückend schwül. Von Westen zogen Wolken auf. Der Wind frischte auf und kündigte ein Gewitter an.

Zeit wird es, dachte Martin Burger. Heute Nachmittag war es so schwül, dass den Bauern das Gras beinahe als Heu von der Sichel gefallen ist. Ein bisserl Abkühlung tut wirklich not.

Er lenkte seinen Wagen an der Dorfkirche vorbei und atmete auf, als kurz darauf das Doktorhaus vor ihm auftauchte. Dahinter zeichnete sich der Wald ab – eine dunkle Silhouette aus Wipfeln und Zweigen.

Das Erdgeschoss des Doktorhauses war einladend hell erleuchtet. Dagegen waren die Zimmer in der oberen Etage bereits dunkel. Vermutlich schliefen seine Kinder schon. Auf dem Balkon im ersten Stock blühten Geranien in leuchtenden Sommerfarben.

Martin Burger steuerte auf die Auffahrt zu und stutzte plötzlich. Eine Gestalt huschte vor ihm über die Straße. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, war nicht zu erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Nur für einen Wimpernschlag erfasste das Licht der Scheinwerfer die Gestalt, dann sprang sie mit einem Satz über den Weidezaun, rannte durch das Gras und verschwand irgendwo in der Dunkelheit.

Ein mulmiges Gefühl stieg in Dr. Burger auf.

Wer war so spät abends noch unterwegs? Noch dazu in solcher Eile? War das nicht verdächtig? Es war noch nicht lange her, dass seine Praxis ausgeraubt worden war. Der Einbrecher war inzwischen gefasst und zur Verantwortung gezogen worden, trotzdem war Martin Burger seitdem auf der Hut.

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