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Der Bergdoktor - Folge 1713

Die vollen Tage des Lebens

Der Bergdoktor und sein schönster Sieg

Von Andreas Kufsteiner

Welch eine Freude! Benno und Walburga Egger sind in Kürze fünfzig Jahre miteinander verheiratet und wollen ihre goldene Hochzeit an dem Ort feiern, an dem sie sich einst ineinander verliebt haben: in St. Christoph.

Es soll ein fröhliches Fest werden, bei dem alle Sorgen vergessen sind. Denn leicht haben es Benno und Walburga im Leben nicht gehabt. Den Unfalltod ihres einzigen Sohnes haben sie nie verwunden, genauso wenig wie die Tatsache, dass Alexander, ihr Enkel, nach einem heftigen Streit den Kontakt zu ihnen abgebrochen hat. Ihn noch einmal wiederzusehen und in die Arme zu schließen, wäre ihr größter Wunsch!

Und dann taucht ein junger, sehr attraktiver Mann während des Dankgottesdienstes auf. Es ist Alexander – aber will er wirklich Frieden schließen?

Dr. Pankraz Burger saß in einem bequemen Sessel in der Wohnstube des Doktorhauses und las in einer medizinischen Fachzeitschrift. Tief in Gedanken griff er nach einem roten Filzstift, um drei Artikel anzukreuzen, die er für bemerkenswert hielt. Er war sich sicher, dass sie auch seinen Sohn interessieren würden.

Poldi, der Rauhaardackel, lag ihm zu Füßen. Sein Kopf ruhte auf dem linken Fuß des alten Arztes. Ab und zu stieß er im Schlaf einen tiefen Seufzer aus.

»Ah, da stecken Sie!« Die Bachhuber-Zenzi kam in die Wohnstube. »Die Post ist gerade gekommen. Für Sie ist auch ein Brief dabei.« Sie reichte dem Senior einen elegant wirkenden Umschlag.

»Danke, Zenzi.« Pankraz Burger legte die Zeitschrift auf den Tisch und griff nach dem Brief. Er drehte ihn herum und las den Absender. »Sieh an, von den Eggers! Wir haben ja schon eine halbe Ewigkeit nix mehr voneinander gehört.«

Bedächtig öffnete er den Umschlag und nahm eine Einladungskarte heraus, deren Vorderseite ein Foto von Walburga und Benno Egger zierte.

Die Wirtschafterin bestritt zwar stets, besonders neugierig zu sein, doch sie blieb neben dem Sessel des alten Herrn stehen, weil sie zu gern erfahren wollte, was auf der Einladungskarte stand. Sie besaß allerdings den Anstand, nicht direkt danach zu fragen, zumal sie wusste, dass es ihr der pensionierte Arzt verraten würde.

»Sieh an … sieh an …« Dr. Pankraz Burger schaute auf. »Kannst du dich noch an den Egger-Benno erinnern, Zenzi?«, fragte er. »Er gehörte zu meinen ersten Patienten.«

»Und ob ich mich erinnern kann, Herr Doktor«, antwortete die Zenzi. »Ich glaube, in ganz Sankt Christoph gibt es net einen aus jener Zeit, der die Geschichte je vergessen würde.« Sie lachte leise auf. »Es wird net viele junge Burschen geben, die beim Fensterln net nur das falsche Fenster erwischen, sondern auch noch von der Leiter stürzen und so unglücklich fallen, dass sie mit dem Arm in einer Mistgabel landen.«

»Die Wunde sah zum Glück schlimmer aus, als sie gewesen ist.« Der alte Arzt schmunzelte. »Und eben dieser Benno und seine Walburga sind in Kürze fünfzig Jahre verheiratet und wollen ihre goldene Hochzeit bei uns in Sankt Christoph feiern.« Er blickte zur Uhr. »Poldi, es wird Zeit, den Filli vom Kindergarten abzuholen.« Vorsichtig schob er den Dackel zur Seite und stand auf.

Während Zenzi in der Küche verschwand, um nach dem Mittagessen zu sehen, das auf dem Herd brodelte, zog Pankraz Burger in der Diele die Straßenschuhe an und schlüpfte in seine Lodenjoppe.

Poldi, der keine Lust verspürte, ihn zum Kindergarten zu begleiten, verzog sich in sein Körbchen, das unter der Treppe stand, vergrub den Kopf zwischen den Vorderpfoten und setzte seinen unterbrochenen Vormittagsschlaf fort.

Eine Stunde später versammelte sich die Familie vollzählig um den Esstisch. Dr. Martin Burger, der einen sehr hektischen Vormittag hinter sich hatte, genoss es, ein wenig abschalten zu können.

Sabine Burger war mit der zweijährigen Laura im Krankenhaus in Schwaz zu einer Kontrolluntersuchung gewesen. Die Kleine hatte als Baby Leukämie gehabt. Ihr Leben hatte nur durch eine Knochenmarkspende gerettet werden können. Erleichtert hatte sie nach der Untersuchung ihren Mann angerufen, um ihm mitzuteilen, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen. Laura war nach wie vor gesund!

Was bin ich für ein Glückspilz, dachte der Arzt dankbar und sah der Reihe nach seine Lieben an. Tessa und Filli entwickelten sich gut, und mit Laura war auch alles in Ordnung. Und er hatte nicht nur drei prächtige Kinder, sondern auch eine Frau, die er von Herzen liebte. Unwillkürlich griff er nach Sabines Hand und drückte sie.

Sein Vater berichtete von der Einladung zur goldenen Hochzeit und erzählte auch, wie der Egger-Benno als junger Bursche beim Fensterln von der Leiter gestürzt war.

»Die ganze Familie ist eingeladen«, sagte er. »Der Benno schreibt, er möchte an diesem Tag außer seiner Familie alle Leute, die er damals zu seinen Freunden und Bekannten zählte, um sich haben. Vermutlich hat er halb Sankt Christoph eingeladen.«

»Ich kann mich an die Eggers gar net erinnern«, meinte Martin Burger.

»Was kein Wunder ist, Martin«, erklärte sein Vater. »Als der Benno und die Walburga geheiratet haben, warst du gerade mal ein Jahr alt. Schon zwei Jahre später sind sie fortgezogen.« Er nahm sich einen weiteren Semmelknödel. »Wir hatten in den vergangenen Jahren kaum Verbindung miteinander. Mehr als Weihnachtsgrüße haben wir net ausgetauscht.«

»Hat Herr Egger denn hier überhaupt noch Verwandte?«, fragte Sabine Burger, während sie der kleinen Laura mit einem Lätzchen den Mund abwischte.

»Der Benno, nein.« Ihr Schwiegervater schüttelte den Kopf. »Nach dem Tod seiner Eltern hatte ihn ein Onkel zu sich genommen. Ein ziemlich sonderlicher Kauz. Er lebte in einem alten Haus am Rand des Krähenwaldes und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Herrgottsschnitzer. Er starb kurz vor Bennos Hochzeit und hinterließ ihm, was keiner erwartet hatte, ein kleines Vermögen. Mit diesem Geld kauften sich Walburga und Benno in eine Wiener Konditorei ein. Ihr müsst wissen, der Benno hatte Konditor gelernt, ein Beruf, mit dem sein Onkel keineswegs einverstanden gewesen war.«

»Scheint ein anständiger Mensch gewesen zu sein«, bemerkte Martin Burger.

»Ja, das war er«, bestätigte sein Vater. »Das Haus am Krähenwald wurde schon vor über vierzig Jahren abgerissen, weil es wirklich net mehr als eine Bruchbude war.« Er lachte leise auf. »Es gab Leute, die hofften, unter dem Dielenboden versteckte Reichtümer zu finden, sie wurden schwer enttäuscht.«

»Und woher stammte die Frau des Egger-Benno?«, erkundigte sich Zenzi. Sie stellte die Teller zusammen und trug sie zum Spülstein.

»Aus einem Dorf in der Nähe von Mayrhofen«, antwortete der alte Arzt. »Die Buttenhausers sind um ein paar Ecken mit ihr verwandt. Der Benno hat die Walburga bei ihnen kennengelernt.«

»Dann ist sie also das Madel gewesen, bei dem er Fensterln wollte?« Zenzi nahm den Nachtisch aus dem Kühlschrank.

»Darf ich bei der Hochzeit Blumen streuen?«, erkundigte sich Tessa.

»Das macht man bei einer goldenen Hochzeit nicht«, sagte Sabine Burger. »Eine goldene Hochzeit wird gefeiert, wenn Eheleute fünfzig Jahre miteinander verheiratet sind. Blumen streut man, wenn ein junges Paar zum ersten Mal miteinander vor den Altar tritt.«

Dr. Burger griff gerade nach dem Teelöffel, um von dem Kompott zu probieren, das Zenzi auf den Tisch gestellt hatte, als sein Handy klingelte. Er meldete sich.

»Ich komme sofort, Frau Kastler«, versprach er und beendete das Gespräch. »Ein Gast im Berghotel ist im Bad ausgerutscht«, sagte er. »Entschuldigt.«

»Net mal mittags lässt man ihn in Ruhe«, schimpfte Zenzi vor sich hin. »Können sich die Leut das net anders einrichten? Wie kann man um diese Zeit im Bad ausrutschen?«

»Willst du den Leuten etwa verbieten, mittags das Bad aufzusuchen?«, fragte Sabine Burger.

»So ist das nun mal, Zenzerl«, erklärte Pankraz Burger. »Kannst du dich erinnern, wie oft ich früher beim Essen gestört worden bin?«

Die Wirtschafterin nickte. »Wegen jeder Kleinigkeit ist angerufen worden. Mei, wenn ich Ärztin wäre, ich würde jedenfalls net sofort springen. Ich würde erst mal aufessen.«

»Ausgerechnet du, Zenzi«, schmunzelte Sabine. »Das glaubst du selbst net.«

Die Bachhuber-Zenzi seufzte auf. »Stimmt, glaube ich net«, gab sie zu. »Dazu hab ich viel zu viel Angst, es könnte einem was passieren.«

***

Sophie Buttenhauser stieg ins Dachgeschoss des alten Bauernhauses hinauf, um noch einmal die Fremdenzimmer zu kontrollieren, bevor die Gäste am nächsten Tag eintrafen.

Sie freute sich auf den Besuch aus Wien. Bisher hatte sie die Eggers nie persönlich kennengelernt. Jedes Jahr trafen allerdings zu den Geburtstagen, an Ostern und zu Weihnachten die herrlichsten Torten aus Wien bei ihnen ein.

Als Kind hatte sie sich oft gewünscht, mal einen Blick in die Backstube des Egger-Bennos zu werfen. Eine Zeit lang hatte sie sogar mit dem Gedanken gespielt, selbst Konditorin zu lernen, weil sie von dem Anblick der süßen Torten so verzaubert gewesen war.

Doch dann hatte sie sich für den Beruf der Kinderkrankenschwester entschieden und diese Entscheidung nie bereut.

Jetzt öffnete Sophie weit die Balkontür. Verträumt blickte sie zu den hohen Bergen, die St. Christoph wie ein kostbares Juwel umgaben. Sie fragte sich, weshalb die Eggers nie ins Zillertal zurückgekehrt waren. Nirgends konnte es schöner sein als hier.

Sophie drehte sich um und strich die handgefertigte Tagesdecke glatt, die über der mit blauen und roten Blumen bemalten Bettstatt lag.

Als sie das Zimmer verließ, um auch noch einen Blick in das zweite Gästezimmer zu werfen, hörte sie, wie ihre Mutter nach ihr rief. Sie warf einen raschen Blick auf ihre Armbanduhr.

»Ich komme!«, rief sie und eilte in die Küche hinunter, wo sich die Familie und das Gesinde zum Frühstück versammelt hatten.

Bärbel Buttenhauser, eine beleibte Frau von Mitte fünfzig, schenkte Kaffee ein.

»Ich wollte nachher zum Einkaufen nach Mayrhofen fahren«, sagte sie zu Sophie. »Es ist noch einiges für unseren Besuch zu besorgen. Könntest du das für mich erledigen? Ich werde net dazu kommen.«

»Kein Problem, Mutterl.« Sophie setzte sich zwischen ihrer älteren Schwester Gerti und der alten Vroni, die fast ihr ganzes Leben auf dem Buttenhauser-Hof zugebracht hatte, an den Tisch. »Da ich erst ab zwei Uhr Dienst hab, lässt sich das machen.«

»Fein, so kann ich mich dem Backen und Kochen widmen. Ein Segen, dass es heutzutage Gefriertruhen gibt und sich bei großen Festen dadurch fast alles vorbereiten lässt.«

»Du machst dir viel zu viele Gedanken um unsere Gäste, Bärbel«, meinte der Buttenhauser-Anton, ein stattlicher Mann, der, wie es der Zufall wollte, nicht nur am selben Tag, wie seine Frau Geburtstag hatte, sondern auch noch im selben Jahr geboren worden war.

»Ich möchte halt mit meinen Kuchen Ehre einlegen«, sagte die Bäuerin. »Der Benno ist Konditormeister, da werde ich es ohnehin schwer haben, vor seinen Augen zu bestehen.«

»Unsinn, Bärbel!« Der Bauer griff nach einem Stück Speck und schnitt sorgfältig dünne Scheiben davon ab. »Denkst du, dem Benno und der Walburga wird es net gefallen, auch mal Hausmannskost zu bekommen? Schade, dass meine Eltern diesen Tag net mehr erleben. Was hätten sie sich freut, die Walburga und den Benno wiederzusehen.«

»Ich kann mich noch gut an die Walburga erinnern«, meinte die alte Vroni. »Ein nettes Madel ist sie gewesen. Und der Benno, ein Bild von einem Mann. Alle Madeln waren damals in ihn verliebt.« Ihr runzeliges Gesicht rötete sich. »Ich muss zugeben, auch ich ein wenig. Aber er hatte nur Augen für die Walburga. Sie war damals auf dem Hof, um deiner Mutter beizustehen, Anton. Nach der Geburt deiner Schwester hat sie sich lange Zeit net richtig erholen können.«

»Dann wirst du dich sicher auch noch daran erinnern können, wie er beim fensterln abgestürzt ist«, überlegte die Gerti. »So was kommt schließlich net alle Tage vor.«

»Und ob ich mich daran erinnern kann!« Die alte Vroni schwelgte während der nächsten Minuten in Erinnerungen und vergaß darüber fast ihr Frühstück.

Die angelehnte Küchentür öffnete sich. Ein goldfarbener Hund mit Schlappohren und großen braunen Augen schob sich in die Küche. Er rannte zu seinem Fressnapf, der seitlich des Herdes stand. Zufrieden machte er sich über sein Futter her.

»Dein Kaffee wird kalt, Vroni«, unterbrach der Bauer freundlich den Redefluss der alten Magd.

Vroni ergriff mit ihren vom Rheumatismus verkrüppelten Händen die Tasse und führte sie zu den Lippen. Außer den Buttenhausers hatte sie keinen einzigen Menschen auf der Welt. Auch wenn sie kaum noch etwas arbeiten konnte, war sie von den Buttenhausers wohlgelitten auf dem Hof. Die Familie hatte ihr versprochen, dass sie bis an ihr Lebensende auf dem Hof bleiben durfte. Etwas, wofür sie ihnen gar nicht genug danken konnte, denn üblich war es nicht.

Gerti blickte versonnen aus dem Küchenfenster. »Wenn man sich vorstellt, fünfzig Jahre glücklich miteinander verheiratet …« Sie seufzte auf. »Wie wunderbar, einem Menschen so innig verbunden zu sein. Ob der Toni und ich eines Tages auch so groß unsere goldene Hochzeit feiern werden?«

»Dazu müsstet ihr euch erst mal mit eurer Hochzeit ein bisserl beeilen«, meinte Anton Buttenhauser. »Du bist inzwischen achtundzwanzig, und wenn ihr in dem Tempo weitermacht … Ehrlich, Gerti, es wird langsam Zeit, dass ihr miteinander vor den Traualtar tretet.«

»Der Toni möchte halt seine Freiheit noch ein bisserl genießen«, verteidigte Gerti ihren Verlobten.

»Lasst euch net hetzen, Gerti«, warf Sophie ein. »Ich frag mich, ob die Marlies am Wochenende heimkommen wird«, sagte sie, um das Thema zu wechseln. Marlies, nur zwei Jahre jünger als Gerti, wurde in der Nähe von Innsbruck zur Forstwirtin ausgebildet.

»Ich denk schon, dass sie freibekommt«, antwortete ihre Mutter, »auch wenn sie es gestern noch nicht sagen konnte.« Sie trug die Kaffeekanne zum Herd. »Hoffentlich kommt auch der Alexander mit seinem kleinen Sohn. Es wäre eine herbe Enttäuschung für den Benno und die Walburga, an diesem Tag auf Enkel und Urenkel verzichten zu müssen.«

»Wie mir der Benno am Telefon sagte, haben sie ihm eine Einladung geschickt«, erwiderte der Bauer. »Ich kann sowieso net verstehen, weshalb der Benno und die Walburga es zugelassen haben, dass die Verbindung zwischen ihnen fast völlig abbricht.« Er hob die Schultern. »Nun, ich denke, wir werden es erfahren, wenn die beiden erst mal bei uns sind.« Er stand auf, um mit Gerti und dem Knecht aufs Feld hinauszufahren. »Auf jeden Fall werde ich heute Abend das alte Schaukelpferd aus dem Keller holen. Dem Buben wird es bestimmt gefallen.«

»Wenn du dich da mal net täuschst. Den kleinen Marc wird es vermutlich auf ...

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