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Der Bergdoktor - Folge 1705

Dr. Burger und das Drama am Berg

In der Stunde höchster Gefahr gibt Simon dem Bergdoktor ein Versprechen

Von Andreas Kufsteiner

Sicherungsseil im Haken ausklinken, weiter, im nächsten Haken einklinken, klettern, ausklinken …

Gebannt beobachten die Männer der Bergwacht, wie Simon Heller an einer der steilsten und gefährlichsten Stellen die Nordwand des Feldkopfs hochklettert. Dabei gönnt er sich keine Atempause, denn er will einen neuen Rekord aufstellen. Adrenalin pumpt durch seine Adern, sein Ehrgeiz ist stärker als alles andere. Und dann unterläuft ihm der verhängnisvolle Fehler!

Das Sicherungsseil löst sich aus seinem Gürtel und ringelt sich in rasender Geschwindigkeit die Wand hinunter. Simon will es fassen und greift ins Leere!

Sein letzter Gedanke gilt Karin, seiner Braut, und dem Versprechen, das er ihr gegeben und heute gebrochen hat …

Strahlender Sonnenschein lag über dem Hochtal in den Zillertaler Alpen und überflutete die leichte Senke, in der das Dorf St. Christoph lag. Auf den Gipfeln der Berge leuchtete der Schnee, das noch kurze Gras der Wiesen schimmerte in dunklem Grün, und auf den Feldern spross die Wintersaat aus der feuchten Erde.

Viele Felder waren noch zu bestellen. Der Winter war hart gewesen, doch jetzt war der Frühling da. Schöner, heller und milder als in den Vorjahren.

So kam es auf jeden Fall Karin Lattner vor, als sie, beschwingt vor sich hin summend, in die Vorratskammer ging. Die Bezeichnung »Vorratskammer« traf zwar nicht mehr zu, denn es war eher ein geräumiger Kühlraum mit vielen Regalen daraus geworden. Aber die Lattner-Bauern hielten an der alten Bezeichnung fest, obwohl sie vor zwei Jahren den Hof modernisiert und etwas umgestellt hatten.

Karin stellte den Henkelkorb auf den Holztisch und packte rasch und geschickt Butterstriezel, Eier, Frischkäse und einen Laib Almkäse hinein. Der Almkäse war die Spezialität der Bäuerin, die sich ganz auf die Erzeugung von Produkten vom eigenen Hof spezialisiert hatte. Sie buk auch würziges Krustenbrot, von dem Karin zwei Laibe in den Korb packte.

»Jesses, ist der wieder schwer«, stöhnte sie, als sie den Korb vom Tisch hob. Das sagte sie jedes Mal, wenn sie die Lieferung für das Berghotel »Am Sonnenhang« zusammenhatte. Doch es lag auch Stolz in ihren dunkelgrauen Augen, denn das Berghotel war einer ihrer besten Abnehmer.

»Karin!«

Das junge Madel hievte den Korb ins Auto und wandte sich um.

»Ja, Mutter?«

Die Lattner-Bäuerin kam näher und wischte sich die nassen Hände an der karierten Schürze ab.

»Ich hab grad gesehen, dass der Vater keine Salbe mehr für sein Kreuz hat. Heut sitzt er wieder den ganzen Tag auf dem Traktor, da wird er sie am Abend brauchen. Schau doch beim Bergdoktor vorbei, wenn du im Berghotel fertig bist.«

»Wie heißt denn die Salbe?«, fragte Karin und blinzelte gegen die Sonne zu ihrer Mutter hinüber.

Rosl Lattner winkte ab. »Das weiß der Bergdoktor schon, ich kann mir diese medizinischen Namen net merken!«

Karin lachte. »Na gut, sonst noch was?«

Die Bäuerin druckste ein wenig herum. »Ja, die Rossbäuerin hat so kleine, gestickte Deckerl, die sie nimmer braucht. Ich möchte probieren, ob sie auf die Marmeladenglaserl passen. Weißt schon, oben auf den Deckel legen und dann mit einer dünnen Kordel rundum festbinden. Könnt sich gut machen zum Verkauf.«

Karin unterdrückte ein Schmunzeln. Um diese Jahreszeit machte die Mutter keine Marmelade. Die gestickten Deckerl waren nur ein Vorwand, um sie auf den Rossbauer-Hof zu schicken, damit sie den Sigi traf.

»Liegt sowieso auf dem Weg, ich bring dir die Deckerl mit«, versprach sie und stieg ins Auto. »Ich muss jetzt los, sonst schmilzt mir die Butter noch!«

Die Mutter lachte. »Aber geh, so warm ist es noch net. Du, und lass dir Zeit, ich brauch dich bis Mittag net auf dem Hof!«

Karin hob zustimmend die Hand und fuhr los. Sie wusste, was dieses »sich Zeit lassen« bedeutete. Die Mutter wollte, dass sie eine Weile auf dem Rossbauer-Hof blieb und mit Sigi zusammen war.

Es war der Traum ihrer Eltern, dass sie auf den Rossbauer-Hof einheiraten sollte.

Karin und Sigi kannten einander von Kindesbeinen an und waren gut befreundet. Das ergab sich aus der Kameradschaft zwischen Sigi und Karins Bruder Hubert. Die beiden Buben waren in dieselbe Schulklasse gegangen, hatten zusammen die Landwirtschaftsschule absolviert und waren beide jeweils die Erben des elterlichen Hofes. Außerdem waren sie beide Hundeführer bei der Bergwacht.

Karin wurde von dieser Burschenfreundschaft nicht ausgeschlossen, im Gegenteil. Sie war oft mit den beiden unterwegs und nahm dann auch ihre Freundin, die Katzmayer-Hannerl, mit.

Den Eltern gefiel das, denn sie meinten, dass die etwas schüchterne Hannerl ein Auge auf den feschen Hubert geworfen hatte, während Karin und Sigi einander immer näherzukommen schienen.

Der Schein trog aber. Karin und ihr Bruder hatten sich noch lang nicht auf eine Partnerschaft eingestellt. Bei Sigi und Hannerl sah das schon ein bisserl anders aus, aber die Hannerl war halt sehr schüchtern, und der Sigi, bei Gott, kein Draufgänger!

»Denen muss ich helfen«, murmelte Karin entschlossen. Sie und Sigi waren sich ja einig, dass aus ihnen nie ein Paar werden würde. Sie mochten sich, ja, aber sie liebten sich nicht. Außerdem fanden sie es mittelalterlich, dass die Eltern den Mann für die Tochter aussuchten!

Karin schmunzelte, und ihre dunkelgrauen Augen blitzten. Nie würde sie sich in eine Ehe zwingen lassen. Bei aller Liebe zu ihren Eltern, aber da hörte der Gehorsam nun wirklich auf!

Es musste kein Märchenprinz sein, der Karins Herz einmal erobern würde. Es musste ganz einfach der Richtige sein, der ihr von Anfang an unter die Haut ging.

Es musste auch nicht unbedingt ein Bauernsohn sein, dem sie ihr Herz schenken wollte. Karin arbeitete gern auf dem elterlichen Hof, den Hubert später einmal übernehmen würde. Sie war ein hübsches, fröhliches Madel, das bei den Leuten sehr beliebt war. Deshalb hatte sie auch die Auslieferung von Mutters Produkten übernommen. Aber sie konnte sich genauso gut vorstellen, einmal etwas ganz anderes zu machen.

Karin summte wieder vor sich hin. Der Tag war so strahlend schön, und sie fühlte sich rundum wohl. Sie sah auf die Berge, die noch glitzernde, weiße Hauben trugen. Bald würden auch diese Schneereste da oben schmelzen. Nur ein Berg, der Feldkopf, behielt auch im Sommer seinen winterlichen, leicht bläulich schimmernden Gipfel. Auf diesem Berg, der auch der höchste im Umkreis war, erstreckte sich ein massiver Gletscher, zu dem eine Seilbahn hinaufführte.

Karins Herz wurde weit. Sie liebte ihre Heimat, sie liebte die Menschen, die hier lebten. Doch den Mann, dem sie ihr Herz ohne jeden Vorbehalt schenken konnte, hatte sie noch nicht gefunden.

Dieser Gedanke dämpfte Karins gute Laune keineswegs. Schwungvoll fuhr sie direkt vor den Eingang des Berghotels und stieg aus. Ihr weizenblondes, lockiges Haar, das sie im Nacken mit einer Spange zusammengefasst trug, glänzte im Sonnenlicht auf, als sie den Korb aus dem Kofferraum hob.

»Ich fürchte, das Monstrum ist zu schwer für so ein zierliches Madel. Darf ich?«

Karin fuhr herum und sah mitten hinein in zwei helle, leuchtende Augen. In diesen Augen lag etwas, das sie verwirrte, und sie hätte beinahe den Korb fallen lassen.

»Danke«, murmelte sie abwehrend, »es geht schon …«

***

Karin Lattner stellte den schweren Korb ab, um den Kofferraum zu schließen. Ihr Herz pochte, als hätte sie eben eine schwere Arbeit verrichtet. Sie spürte die Anwesenheit des jungen Mannes direkt körperlich und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. So etwas war ihr noch nie passiert!

»Darf ich Ihnen trotzdem helfen?«, bat der Fremde, und Karin musterte ihn.

Was sie sah, ließ ihr Herz wieder schneller schlagen. Lieber Gott, das war ja ein Mann wie aus einem Bilderbuch! Braunes Haar, markantes, schmales Gesicht, die hellen Augen verrieten Temperament, und der ganze Mann wirkte sportlich sehr gut trainiert.

»Sind Sie ein Hotelgast?«, fragte Karin und musste sich räuspern.

»Ja«, erwiderte er und lächelte sie an. Dieses Madel hatte etwas, das ihn faszinierte. Er war sonst nicht so leicht zu beeindrucken, aber jetzt wusste auch er nicht, wie er sich verhalten sollte. Schließlich gab er sich einen Ruck.

»Bitte, ich helfe Ihnen gern. Es scheint ja niemand da zu sein, der Ihnen den schweren Korb abnimmt.«

Karin hatte sich ein wenig gefangen und lächelte. »Den trag ich immer allein in die Küche.«

»Sind Sie hier Küchenmädchen?«, fragte er und sah sie immer noch fasziniert an.

Jetzt lachte Karin erheitert auf. »Nein, nein, ich liefere nur Ware von unserem Hof ins Hotel. Jetzt muss ich mich aber sputen, sonst schmilzt die Butter wirklich noch im Korb, und die Eier werden untauglich!«

Als sie den Korb wieder aufnehmen wollte, fasste der junge Mann den Henkel.

»Ich kann net zuschauen, wie Sie sich da plagen«, meinte er. »Ich heiße übrigens Simon Heller, komme aus Innsbruck und werde eine Weile hier bleiben.«

Karin löste seine Hand behutsam vom Korb. »Ich heiße Karin Lattner, und ich trage die Ware lieber selbst in die Küche. Die Frau Kastler hat es net gern, wenn ihre Gäste arbeiten müssen.«

»Die Hotelchefin?«, fragte Simon schmunzelnd.

»Genau die«, bestätigte Karin, die langsam wieder Boden unter den Füßen gewann. »Und die kann ganz schön unangenehm werden, wenn die Qualität der Lieferung net stimmt!«

»Einen Moment noch«, hielt Simon sie zurück, als sie den Korb aufnahm. »Sehen wir uns heut Abend?«

Karins Herz machte einen freudigen Hüpfer. »Na ja, das ließe sich schon einrichten«, meinte sie.

»Um acht vor der Kirche im Dorf?«

Sie nickte. »Also gut«, versprach sie und machte, dass sie endlich in die Hotelküche kam.

»Leo pack die Sachen gleich in den Kühlschrank, ich bin unterwegs aufgehalten worden«, riet sie dem Koch. »Hast du eine neue Bestellung für mich?«

Der Chefkoch wunderte sich ein wenig über Karins Eile. Überhaupt war sie heute ein wenig seltsam, aber er hatte keine Zeit, sich darüber ernsthaft Gedanken zu machen.

»Ja, hier hab ich alles aufgeschrieben, was ich von euch am Mittwoch brauche. Alsdann behüt dich Gott!«

»Behüt dich«, erwiderte Karin nachlässig, nahm die Liste und verschwand. Was hatte sie noch zu erledigen? Ah ja, die Salbe für den Vater.

Bevor sie ins Auto stieg, sah sie sich noch einmal um, aber Simon Heller war nicht mehr da. Karin wusste nicht, warum sie plötzlich enttäuscht war. Sie würde ihn ja heute Abend vor der Kirche wiedertreffen!

Ihre gute Laune und die Vorfreude siegten, als sie ins Dorf fuhr und in die Kirchgasse einbog. Am Ende dieser Gasse hatte Dr. Martin Burger seine Praxis, und er war der Landarzt in dieser Region.

Dass ihn alle nur voller Achtung den »Bergdoktor« nannten, hatte einen guten Grund. Martin Burger war nicht nur der Arzt, der seine Patienten in seiner Praxis behandelte. Er war sportlich, wagemutig und ging an seine Grenzen, wenn es galt, einen Verletzten aus einer misslichen Situation zu bergen. Er kletterte wie eine Gams und war das Vorbild für alle Männer der Bergwacht, die er regelmäßig in Erster Hilfe trainierte.

Auch Karin bewunderte ihn auf ihre Weise. Sie hörte ja immer wieder von ihrem Bruder und auch von Sigi, was dieser Arzt bei Einsätzen der Bergwacht leistete. Dabei war Dr. Burger bereits über fünfzig!

Dass man ihm sein Alter nicht ansah, stellte Karin wieder einmal fest, als sie den Doktor am Schreibtisch seiner Sprechstundenhilfe Bärbel Tannauer antraf.

»Herr Doktor, ich brauch Sie für einen Moment«, hielt sie ihn zurück, als er wieder in sein Sprechzimmer gehen wollte.

Martin Burger sah Karin eindringlich an.

»Ist was passiert?«, fragte er forschend.

Karin schüttelte den Kopf. »Nein, aber der Vater hat keine Salbe mehr, und die Mutter weiß den Namen der Salbe net. Der Vater ist ja vom Traktor net runterzubringen, und die Mutter meint …«

»Sag mal, ist mit dir alles in Ordnung?«, unterbrach Dr. Burger sie besorgt. »Du wirkst ein bisserl durcheinander.«

Karin lächelte sonnig. »Ach Gott, das kann schon mal vorkommen. Ich brauch wirklich bloß die Salbe für den Vater.«

Bärbel Tannauer zupfte ihren Chef am Ärmel. »Ich mach das schon, ich hab den Lattner ja in der Kartei. Samt seiner Salbe. Wenn Sie mir bloß das Rezept unterschreiben, ist alles in Ordnung. Die Ringler-Erna wär jetzt dran.«

Martin Burger setzte seine Unterschrift auf ein nur halb ausgefülltes Rezept. Er vertraute der Bärbel und rief die Ringler-Erna auf.

»So, und jetzt sag, was los ist«, forderte Bärbel die immer noch etwas verwirrte Karin auf. »Hast du ein Monster gesehen?«

Karin lächelte verträumt. »Im Gegenteil, Bärbel. Ich erzähl dir das bei Gelegenheit. Im Moment weiß ich selbst noch net, wie mir geschieht.«

»Du bist verliebt«, stellte Bärbel sachlich fest und füllte das Rezept für die Salbe vollständig aus.

»Ich weiß es net«, gestand Karin, als sie das Rezept in Empfang nahm.

Bärbel stützte die Ellbogen auf ihren Schreibtisch und sah Karin nachsichtig an.

»Ich bin ein paar Jährchen älter als du und kenne mich aus«, meinte sie gutmütig.

»Na ja, sooo viel älter bist du auch wieder net«, gab Karin zurück. »Sechs Jahre?«

Die hübsche Bärbel grinste. »In unserem Alter ist das ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass du erst einundzwanzig bist.«

»Wenn schon«, winkte Karin ab.

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