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Der Bergdoktor - Folge 1701

Bei diesem Mann bin ich daheim

Aus Liebe blieb sie bei ihm in den Bergen

Von Andreas Kufsteiner

Noch mehr Probleme sind das Letzte, was Marius Steinberger gerade gebrauchen kann. Nicht nur, dass es um seinen Hof nicht gut steht, er macht sich große Sorgen um seinen kleinen Sohn. Der Bergdoktor hat herausgefunden, dass Paul nicht richtig hören kann. Und das Gehör des Buben wird sich im Lauf der Zeit noch weiter verschlechtern!

Die Diagnose ist ein Schock für den alleinerziehenden Vater, und nur so ist es zu erklären, dass Marius auf der engen Serpentinenstraße zurück zu seinem Hof einen Unfall verursacht. Doch die junge Frau, die ein bisschen benommen aus ihrem Wagen aussteigt, macht ihm keine Vorwürfe, sondern wird sein rettender Engel …

Geschafft! Erleichtert atmete Marius Steinberger auf, als er seinen Wagen vor dem Kindergarten Spatzennest anhielt und den Automatikhebel auf Parken stellte. Kaum hatte er die Scheibenwischer ausgeschaltet, bedeckte bereits eine weiße Schneedecke seine Windschutzscheibe. Es schneite so heftig, dass jede Fahrt ein Abenteuer war. Einen Parkplatz zu finden, war ein Glücksfall, weil sich an den Straßenrändern der Schnee mannshoch türmte.

Der Winter hielt sich lange in diesem Jahr. Selbst im April herrschten noch Schnee und Eis im Zillertal vor. Nicht einmal in den tieferen Regionen war der Frühling bereits in Sicht.

Auch an diesem Tag trieben graue Wolken über die Berge heran. Der Wind frischte auf. Ein Schneesturm braute sich zusammen!

Marius fuhr nicht gern bei diesem Wetter draußen herum, aber er wollte seinen Sohn vom Kindergarten abholen. Hoffentlich schafften sie es noch nach Hause, bevor der Sturm schlimmer wurde!

Mit gesenktem Kopf stemmte sich der junge Bauer gegen den Schneefall und eilte den Fußweg hinauf. Der Kindergarten war in der ehemaligen Wassermühle am Rand von St. Christoph untergebracht. Daneben floss im Sommer der Mühlbach vorbei. Zurzeit lag er jedoch unter einer Schicht aus Eis und Schnee verborgen.

Marius atmete auf, als er sein Ziel erreichte und der Kälte entkam. Im Inneren des Gebäudes war es angenehm warm. Andere Eltern holten ihre Kinder ebenfalls ab, standen im Vorraum beisammen und halfen ihrem Nachwuchs beim Schuhe zubinden und Mütze aufsetzen. Nachdenkliche Blicke streiften Marius. Das kannte er. Etwas in ihm versteifte sich.

Was hatte Paul nun schon wieder angestellt?

Die Antwort auf diese Frage ließ nicht lange auf sich warten. Sie eilte in Gestalt von Vroni Prankl herbei, der jungen Erzieherin, die sich tagsüber um die Kinder kümmerte. Mit ihrem frischen, offenen Gesicht und dem blonden Zopf wirkte sie eher wie die ältere Schwester der Kinder, aber Marius wusste, dass sie auch durchgreifen konnte, wenn es die Situation erforderte. Sie war seit einigen Jahren selbst verheiratet und erwartete gerade ihr zweites Kind.

»Marius! Wie gut, dass Sie da sind«, sagte sie. »Ich würde mich gern in meinem Büro mit Ihnen unterhalten. Kommen Sie bitte?« Sie führte Marius in den angrenzenden Raum und bot ihm einen Platz an. »Setzen Sie sich doch.«

»Danke, aber ich bleibe lieber stehen.« Er runzelte die Stirn. »Was ist vorgefallen?«

»Es gab heute einen Zwischenfall. Paul hat sich mit einem anderen Buben gestritten. Gustl hat ihn ausgelacht, weil er sich versprochen hat. Das hat Paul so wütend gemacht, dass er Gustl einen Nasenstüber gegeben hat.«

»Einen Nasenstüber?«

»Richtig. Und dabei ist es leider net geblieben. Ehe ich eingreifen konnte, waren die beiden in eine handfeste Rauferei verwickelt. Paul hört net, wenn ich ihm sage, dass er sich net prügeln darf. Er braust sehr leicht auf und macht sich damit keine Freunde. Ich würde Ihnen raten, mit ihm zu einem Kinderpsychologen zu gehen. Er hat wirklich ein Problem.«

»Schmarrn. Dem Buben fehlt die Mutter, sonst nix.«

»Paul prügelt sich fast jede Woche. Ich kann das den Eltern der anderen Kinder gegenüber kaum noch verantworten. Was ich auch versuche, Paul ist ein Einzelgänger, der weder auf Ermahnungen noch auf Bitten reagiert. Ich habe schon alles versucht.« Vroni wirkte mit einem Mal unendlich müde.

»Haben Sie Gustls Eltern auch geraten, zu einem Seelenklempner zu gehen?«, brummte Marius.

»Nein. Gustl wollte die Rauferei net. Paul schon.«

»Trotzdem hat mein Sohn net angefangen. Nach allem, was ich gerade von Ihnen gehört habe, hat Gustl den Zwist ausgelöst, weil er Paul geärgert hat.«

»Mit einer harmlosen Neckerei. Paul hat heftiger reagiert, als angemessen gewesen wäre. Gustl hat einen wunden Punkt berührt. Dem sollten Sie nachgehen. Nehmen Sie das net auf die leichte Schulter. Paul ist ein kluger Bub, aber wenn er nächstes Jahr in die Schule kommt, wird er sich mit seinem Verhalten nur selbst im Weg stehen. Sie helfen ihm net, wenn Sie die Augen vor seinem Problem verschließen.«

»Was für ein Problem soll das sein?«

»Ich weiß es net.« Vroni hob die Schultern. »Da bin ich wirklich überfragt. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Paul in seiner Sprachentwicklung verzögert ist und Verhaltensauffälligkeiten zeigt.«

Etwas in Marius krampfte sich zusammen. Die Worte der Erzieherin trafen ihn wie ein Vorschlaghammer. Er zog seinen Sohn allein groß und tat alles, damit es ihm an nichts fehlte. Doch offenbar war das nicht genug. Was machte er nur falsch?

Die Erzieherin ging, um Paul zu holen. Kurz darauf stand sein Sohn wie ein Häufchen Elend vor ihm. Seine braunen Haare waren zerzaust, und auf seinem blauen Pullover mit dem Rentier waren Blutflecken.

»Paul.« Marius hockte sich vor seinen Sohn, sodass seine Augen auf derselben Höhe waren wie die des Buben. Dann deutete er auf das Blut. »Was ist denn das?«

»Ich hatte Blasennuten, Papa.«

»Blasen … Was?« Marius stutzte. »Oh, du meinst Nasenbluten.«

»Genau. Tut mir leid, dass der Pulli ruiniert ist.«

»Er ist net ruiniert. Wir werden ihn waschen. Dann ist er wieder sauber. Komm, Paul. Wir fahren jetzt nach Hause und reden unterwegs weiter. Ich möchte daheim sein, ehe der Sturm schlimmer wird.« Marius richtete sich wieder auf und legte seinem Sohn eine Hand auf die Schulter. Danach verabschiedete er sich von der Erzieherin und versprach ihr, sich ihre Worte durch den Kopf gehen zu lassen.

Er wartete, bis sein Sohn den Anorak und die Stiefel angezogen hatte, und verließ mit ihm den Kindergarten. Paul schaute weder nach rechts noch nach links, als sie zum Auto liefen. Stumm kletterte er nach hinten auf seinen Kindersitz und wartete, bis Marius ihn angeschnallt hatte.

Der Landwirt schwang sich hinter das Steuer und fuhr los. Die Reifen seines Autos malmten sich durch die Schneemassen. Die Scheibenwischer quietschten hin und her, schafften es jedoch kaum, die Scheibe von den weißen Flocken freizuhalten. Es schneite so heftig, als säßen sie im Inneren einer Schneekugel, die jemand kräftig geschüttelt hatte!

Fünf Kilometer lag der Bauernhof vom Kindergarten entfernt. Bei schönem Wetter ein Katzensprung. An diesem Tag jedoch beinahe unerreichbar.

»Also?«, fragte Marius nach einer Weile. »Was war los zwischen Gustl und dir?«

Sein Sohn antwortete nicht, deshalb wiederholte er die Frage lauter.

»Nix war zwischen uns«, brummelte sein Sohn.

»Wegen nix prügelt man sich aber net. War Gustl gemein zu dir?«

»Er hat gesagt, ich würde reden wie ein Baby. Nur weil ich Wadebanne falsch ausgesprochen habe.« Paul schniefte.

»Wade … Oh, du meinst Badewanne?«

»Sag ich doch.«

»Und deshalb hast du dich geprügelt? Weil Gustl dich geneckt hat? Paul, du weißt, was ich immer sage. Man regelt seine Probleme mit Worten und net mit Fäusten.« Marius sah über den Rückspiegel zu seinem Sohn. »Warum warst du so aufgebracht?«

Paul kroch tiefer in seinen Sitz und schwieg.

»Was soll ich nur mit dir machen, Bub? Nächstes Jahr kommst du in die Schule. Dort wirst du dir keine Freunde machen, wenn du dauernd raufst.«

Sein Sohn schwieg, aber seine Augen füllten sich mit Tränen. Er wirkte nicht böse oder aufgebracht, sondern zutiefst verzweifelt. Was hatte er nur? Was machte ihm zu schaffen?

Marius zerriss es fast das Herz, seinen Sohn so unglücklich zu sehen. Wie konnte er ihm helfen? Sollte er doch mit ihm zum Psychologen gehen, wie die Erzieherin ihm geraten hatte? Kamen Pauls Probleme daher, dass er ohne seine Mutter aufwachsen musste? War es das?

Paul sollte net darunter leiden müssen, dass seine Eltern ihre Beziehung net auf die Reihe bekommen haben, dachte Marius und presste die Zähne aufeinander. Karin hatte vor sechs Jahren den Sommer im Zillertal verbracht. Sie hatte eine Alm betreut, um Geld für ihr BWL-Studium zu verdienen. Dabei hatten sie sich ineinander verliebt.

Marius hatte von einer gemeinsamen Zukunft mit ihr geträumt. Doch als der Sommer vorbei gewesen war, war sie ohne Abschied abgereist. Im Frühjahr darauf hatte Karin ihm ein Baby gebracht und ihn gebeten, sich um seinen Sohn zu kümmern. Danach war sie wieder verschwunden.

Nach allem, was er wusste, lebte sie inzwischen in der Schweiz und machte Karriere in einer Bank. In ihrem Leben war weder für ihn noch für ihren Sohn Platz. Marius verstand nicht, wie sie auf ihr Kind verzichten konnte, aber er tat sein Bestes, um Paul nicht spüren zu lassen, was ihm fehlte.

Dabei stellte er sich jedoch offenbar nicht sonderlich geschickt an. Sein Bauernhof war ein reiner Männerhaushalt. Neben Paul und ihm lebte sein Vater da. Josef lag ihm ständig in den Ohren, sich wieder eine Frau zu suchen, aber von Beziehungen hatte Marius ein für alle Mal genug. Er wollte Paul ein stabiles Zuhause bieten. Nur darum ging es ihm. Liebe war in seinen Augen etwas für Träumer, die noch darauf hofften, dass Gefühle länger als einen Sommer hielten. Nichts für ihn.

Unversehens schlingerte das Heck seines Wagens in einer Rechtskurve. Marius umklammerte das Lenkrad fester und starrte so konzentriert nach vorn, dass ihm die Augen tränten.

Der Flockenwirbel war so dicht, dass kaum etwas anderes als Weiß zu erkennen war. Das Dorf lag bereits hinter ihm, nun standen Zirbelkiefern links und rechts der Fahrbahn dicht beieinander.

Noch zwei Kilometer bis zu seinem Haus, schätzte Marius. Diese Strecke kannte er mit all ihren Kurven und Anstiegen gut genug, um sie fast blind zu fahren – und das musste er auch, weil er kaum etwas erkennen konnte.

Marius drosselte das Tempo, um seinen Wagen unter Kontrolle zu behalten. Sie schlichen nur noch bergauf, und das war ein Glück, denn unversehens schlitterte ihnen ein anderes Fahrzeug entgegen! Das Heck des Kleinwagens schlingerte unkontrolliert nach rechts und nach links wie auf einer Eisbahn – und hielt dann genau auf sie zu!

Marius zerbiss einen Fluch auf den Lippen. »Halt dich fest, Bub!«

Rasch, aber mit Gefühl, drehte er das Steuer nach rechts, um dem anderen Auto auszuweichen. Seine Reifen mahlten protestierend, als er in den höheren Schnee am Fahrbahnrand geriet, aber es gelang ihm, so weit zur Seite zu fahren, dass der Kleinwagen an ihm vorbeirutschte.

Marius hielt an und sah über den Rückspiegel, wie das andere Auto seitlich in eine Schneewehe fuhr und dort stecken blieb. Orangefarbene Warnleuchten blinkten. Das Kennzeichen verriet, dass das Fahrzeug aus Salzburg kam.

»Bleib im Auto, Paul!« Marius stieg aus, schlug den Kragen seiner Lammfelljacke höher und eilte zu dem anderen Fahrzeug hinüber. Schnee wirbelte ihm entgegen, sodass er die Augen zusammenkneifen musste. Er öffnete die Fahrertür des anderen Wagens. Hinter dem Steuer saß eine Frau und blinzelte benommen zu ihm auf. Sie blutete an der linken Schläfe und stöhnte leise.

»Ist alles okay bei Ihnen?«

»J-ja.« Sie ließ das Lenkrad los. »Es geht mir gut. Aber was ist mit Ihnen? Um ein Haar wäre ich in Sie hineingefahren. Oben auf der Kuppe ließ sich mein Auto plötzlich nimmer lenken. Es tut mir leid …«

»Es ist ja nichts passiert«, versicherte Marius schnell.

Die Fremde war noch jung, Mitte zwanzig, schätzte er. Sie hatte Augen so blau wie das Meer. Ihre Haare waren blond und fielen ihr in leichten Wellen auf die Schultern. Dazu trug sie sportliche Kleidung: einen weißen Strickpullover mit Norwegermuster und Thermohosen. Beides stand ihr ausgezeichnet.

Er schaute prüfend nach ihrem Wagen. Das Auto hatte ein paar Beulen. Außerdem hatte es sich so tief in den Schnee gebohrt, dass sie es nicht ohne fremde Hilfe freibekommen würden. Vorerst würde es bleiben müssen, wo es war. Wenigstens stand es weit genug am Straßenrand, sodass es keine Gefahr für andere Fahrzeuge war.

»Ihr Auto hat sich festgefahren«, erklärte er. »Damit kommen Sie heute nimmer weiter. Wir müssen einen Abschleppdienst rufen. Vor morgen wird er vermutlich net kommen. Net bei diesem Wetter.«

»Soll das heißen, ich sitze hier fest?« Erschrocken sah sie zu ihm auf.

»Vorerst ja. Am besten lassen Sie Ihr Auto hier und übernachten auf meinem Hof.«

»Das aber geht net.« Ihre Augen weiteten sich, und nackte Angst verdunkelte ihren Blick.

Marius runzelte ein wenig ärgerlich die Stirn. Was dachte sie denn, was er mit ihr vorhatte? Doch dann sagte er sich, dass sie ihn nicht kannte und irgendwo in der Fremde festsaß. Das war vermutlich tatsächlich äußerst beunruhigend.

Deshalb deutete er hinter sich und sagte: »Mein Sohn sitzt in meinem Wagen. Wir sollten uns beeilen, um ins Warme zu gelangen. Möchten Sie mit zu uns kommen? Es ist net weit. Etwas anderes kann ich Ihnen leider net anbieten.«

Sie zögerte und warf einen Blick zu seinem Auto. »Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht?«

»Nur, wenn ich mir hier noch länger hier in der Kälte die Beine in den Bauch stehen muss. Kommen Sie!«

Sie stieg aus und holte eine Reisetasche und einen Geigenkasten vom Rücksitz.

Marius nahm ihr beides ab und fragte: »Sind Sie Musikerin?«

»Ja. Ich heiße Isa Wildner.«

»Marius Steinberger. Mein Bauernhof ist net weit von hier. Sie können bei uns übernachten, und morgen organisieren wir einen Abschleppwagen für Sie.«

»Ist gut.« Sonderlich begeistert klang das nicht.

»Wo wollten Sie eigentlich hin, Isa?«

»Nach Mautz. Ich wollte eine Ferienwohnung mieten.«

»Da sind Sie hier aber völlig falsch. Sie hätten den Abzweig unten an der Kirche nehmen müssen, wenn Sie nach Mautz wollten.«

»Im Schnee muss ich ihn übersehen haben. Mein Orientierungssinn ist ohnehin net sonderlich gut ausgeprägt.«

»So schlimm wird es schon net sein.«

»Sagen Sie das net. Ich habe mich sogar schon mal in einem Parkhaus verfahren.«

»Oha. Das ist allerdings eine Leistung. Wollen Sie einsteigen?« Marius deutete zu seinem Wagen, aber sie blieb stehen und sah sich nach allen Seiten um. »Was ist los? Werden Sie verfolgt?«

»Wie kommen Sie darauf?« Sie riss die Augen auf. »Haben Sie etwas gesehen?«

»Nein. Mir ist nur aufgefallen, dass Sie sich ständig umsehen.«

»Oh.« Sie lächelte zittrig. »Ach so.«

»Ist etwas net in Ordnung?«

»Nein, nein, es ist nix.«

Sie ist eine miserable Lügnerin, stellte Marius bei sich fest. Irgendetwas stimmt mit ihr net. Ob sie etwas ausgefressen hat? Vielleicht hätte ich ihr net anbieten sollen, bei uns zu übernachten. Allerdings kann ich sie unmöglich hier im Schnee zurücklassen. Ohne Heizung würde sie nachts in ihrem Auto erfrieren. Ich werde sie im Auge behalten.

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