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Der Bergdoktor - Folge 1697

Einsame Stunden

Ein Mann in der Hölle der Verzweiflung

Von Andreas Kufsteiner

Der Unfalltod seiner schönen jungen Frau vor über einem Jahr hat Achim Weidacher völlig aus der Bahn geworfen. Zwar sind die Leute in St. Christoph immer zur Stelle, um dem verzweifelten Witwer auf dem Hof zu helfen, doch Achims innere Einsamkeit kann niemand durchdringen. Sobald er abends allein ist, grübelt er darüber, was Susanne ihm mit ihren letzten Worten noch sagen wollte. Sie wollte ihm ein Geheimnis anvertrauen, aber der Tod war schneller.

Achim weiß, dass er erst Ruhe findet, wenn er die Wahrheit kennt. Ob Dr. Burger ihm weiterhelfen kann?

Es war heute durchgehend sonnig gewesen, angenehm warm für die Jahreszeit – Mitte März – und damit ein Abschied vom Winter, auch wenn bestimmt noch kalte Tage kommen würden.

Schnee droben im Gebirge, Tauwetter und zartes, frisches Grün drunten im Tal, so präsentierte sich im Augenblick der Zillertaler Vorfrühling. Noch waren scharenweise Skifahrer unterwegs, aber sobald ein warmer Föhnsturm über die Berge brauste, nahm die Lawinengefahr zu. Damit wurde der Wintersport zur Gefahr für alle, die nicht auf die Warnungen der Bergwacht hörten und sich jenseits der ausgeschilderten Pisten bewegten.

Jetzt, am späten Abend, hatte es sich bis auf ein paar Grad über null abgekühlt. Nachtfrost war im Tal aber derzeit nicht mehr zu erwarten.

Achim Weidacher saß im Kaminstüberl, das seine Eltern vor vielen Jahren eingerichtet hatten, und legte ein Holzscheit nach dem anderen ins Feuer. Die Stube war früher, als noch alle beisammen gewesen waren, ein Ort für vertraute Gespräche, Geselligkeit und Heiterkeit gewesen.

Über dem gemauerten Kamin hing unverrückbar fest ein mächtiges Hirschgeweih. Es war ein Geschenk des alten, inzwischen längst pensionierten Försters Hubert Treich. Er hatte eine Jagdlizenz besessen, von der er allerdings nur in Ausnahmefällen Gebrauch gemacht hatte. Ein Förster ist kein Jägersmann, das war seine Einstellung gewesen.

Das Geweih überdauerte alles. Es war in die Jahre gekommen, aber es zeigte keinerlei Abnutzungserscheinungen.

Susanne hat es immer nur aus den Augenwinkeln angeschaut, dachte Achim und starrte in das lodernde Feuer.

Nicht jeder mochte so ein »Ding« an der Wand. Sie hatte wirklich stets »das Ding« dazu gesagt und irgendwann in der benachbarten Wohnstube das Bild eines schönen, stattlichen Hirschen an die Wand genagelt.

»Siehst du, Achim, so muss ein Hirsch aussehen!«

Er hatte geantwortet: »Recht hast du. Aber es wird immer Jäger geben, die so ein Geweih in Ehren halten und sich genau daran erinnern, woher es stammt. Verantwortungsvolle Leut sind das, die net einfach drauflos schießen, sondern die genau wissen, welches Tier den nächsten Winter net überstehen kann. Zum Beispiel, wenn’s verletzt ist. Der Treich-Hubert hat das Wild geschützt, wo er konnte. Aber wenn ihm ein schwaches oder lahmendes Tier aufgefallen ist, dann war es halt das nächste. Vater hat übrigens immer zu mir gesagt, dass Hirsche sehr stolz sind. Sie hassen es, sich dahinzuschleppen und weder leben noch sterben zu können.«

Susanne hatte oft darüber gesprochen, wie sehr sie die Jägerei hasste. Achim war deswegen zuweilen ein bisschen ärgerlich geworden, denn kein Jäger aus der Umgegend war ein »Schießwütiger«. Er selbst besaß auch heute noch keine Flinte und ging nicht auf die Jagd. Doch er stieg des Nachts gern im Wald auf den Hochsitz, um das Wild zu beobachten.

Förster Fabian Reckwitz, der jetzt der »Herr in Wald und Flur« war, hatte ihm die Genehmigung dazu erteilt, denn Achim war einige Jahre lang neben seiner Arbeit auf dem elterlichen Hof ein engagierter Forstaufseher gewesen, genau wie sein Bruder Andreas.

Zusammen hatten sie schon als Schüler im Wald nach dem Rechten gesehen – einfach nur aus Begeisterung und weil sie mit Freude bei der Sache gewesen waren.

Dieser Einsatz für die Natur und die Tiere hatte Susanne gefallen. Die zwei Weidacher-Brüder waren im Dorf als die »Tiroler Umweltschützer« bekannt geworden. Zwei furchtlose, mutige Burschen, die selbst vor einem ausgewachsenen Braunbären nicht zurückgewichen wären!

Liebste Susanne …

In diesem Moment war Achims Sehnsucht nach ihr so stark, dass er aufstöhnte. Niemand hatte sie von ihren Überzeugungen abbringen können. Sie hatte immer zu ihren Gefühlen gestanden, ohne Wenn und Aber. Susanne war so bezaubernd gewesen mit ihrem lockigen, dunkelblonden Haar und den blauen Augen, die ihn so oft fragend angeschaut hatten.

Ihm war, als sei sie ganz nahe bei ihm. In Gedanken hörte er ihr leises Lachen. Sie hatte Sonnenschein und Fröhlichkeit verbreitet, aber manchmal war sie auch sehr nachdenklich und sogar traurig gewesen.

Achim vernahm nachts in seinen schweren, düsteren Träumen oft ihre Stimme: »Warum hast du so wenig Zeit für mich gehabt? Wieso war es dir so wichtig, überall dabei zu sein? Und weshalb wolltest du alles auf dem Hof erneuern, möglichst auf einen Schlag? Du hast mich so oft allein gelassen. Das war net gut …«

Er konnte ihr nicht mehr antworten.

Denn sie lebte nicht mehr. Er wollte es einfach nicht glauben und sie nicht gehen lassen, obwohl er doch wusste, dass sie an jenem eisigen Tag im Januar vor einem Jahr gestorben war.

Wie ist es, wenn man eine Verstorbene nicht loslässt? Wenn man sich einredet, sie sei noch da, überall im Haus und auf dem Hof?

Viele Leute hatten Achim Weidacher nach Susannes Tod gefragt, wie er denn zurechtkomme und ob man ihm in seiner Trauer helfen könne. Aber er war immer nur davongegangen, ohne etwas zu erwidern.

Wenn er mit jemandem über Susanne sprach, dann mit seinem Bruder Andreas und einigen Menschen, die er sehr schätzte, zum Beispiel Dr. Burger und Pfarrer Roseder, Förster Reckwitz, Bergwachtleiter Salt und drei, vier verlässliche Freunde.

In St. Christoph wusste natürlich jeder, dass ihn der Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen hatte.

Aber er dachte gar nicht daran, seine Gefühle zu offenbaren, wenn ihn jemand unvermittelt ansprach und sich nach seinem Befinden erkundigte.

Stets glaubte er, dass die Leute ihn nur deshalb fragten, weil sie neugierig waren und etwas über die derzeitigen Verhältnisse auf dem Kandermühlen-Hof erfahren wollten.

Vielleicht war Achim zu misstrauisch geworden. Susannes tragischer Tod hatte ihn verändert. Eigentlich hätte er auf jeden im Dorf zählen können.

In St. Christoph half man sich gegenseitig, irgendjemand war immer zur Stelle, um zu helfen. Doch in Achims innere Einsamkeit konnte niemand eindringen, weil er selbst es gar nicht wollte.

Neben der Tür lag Senta, seine treue, braune Labradorhündin. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und beobachtete ihn genau. Zwischendurch wurde sie jedoch müde, denn eigentlich war längst Schlafenszeit für sie. Weil Herrchen jedoch nicht aufstand und weiterhin ins Kaminfeuer starrte, legte sie den Kopf auf die Pfoten und döste vor sich hin.

Senta war für Achim in jener schlimmen Zeit der bittersten Verzweiflung ein großer Trost gewesen: eine vierbeinige Freundin, die instinktiv erahnte, in welchem Zustand sich ihr Herrchen befand.

Achims Verzweiflung wollte auch jetzt noch nicht weichen, auch wenn der Schmerz dumpfer geworden war und sein Herz nicht mehr so schmerzte wie zu Beginn der Trauerzeit.

Aber die Albträume ließen nicht nach. Sie wurden sogar schlimmer, je länger Susannes Tod zurücklag. Achim schlief eh sehr schlecht, viel zu wenig für einen Mann, der sich um einen großen Hof kümmern musste. Die kurze Nachtruhe, die ihm vergönnt war, wurde durch die unruhigen, beängstigenden Träume gestört.

Plötzlich hob Senta den Kopf. Draußen ging etwas vor sich.

Ein Auto war auf dem Kandermühlen-Hof vorgefahren. Die Hündin bellte dreimal kurz und wedelte dann erfreut, denn mit ihrem feinen Gehörsinn hatte sie das Motorengeräusch von Andi Weidachers Auto klar erkannt.

Außerdem schlug nur der Andi die Tür so vorsichtig zu. Er hasste es, wenn unnötig laut mit Autotüren umeinandergescheppert wurde. Auf der Welt gab’s eh genug Lärm, und es ging allemal leiser, wenn man sich nur ein bisserl Mühe gab.

»Es ist Andi! Du meine Güte.« Achim seufzte. Aber dann war er froh, dass sein Bruder noch so spät bei ihm vorbeikam. Andreas hatte an der heutigen Gemeinderatssitzung teilgenommen.

Erst vor einigen Wochen war er als Eigentümer vom Lambertus-Hof im Weiler Bergfelden ins Register eingetragen worden. Einige Fragen hatten geklärt werden müssen, es ging vor allem um seinen Antrag bezüglich dringender Umbauten. Natürlich musste alles erst von der Gemeinde genehmigt werden.

»Pst«, sagte Andi, als Achim ihn hereinließ. »Ich will niemanden stören. Schlafen die anderen schon? Klar, warum frag ich so hirnlos! Es geht ja fast auf Mitternacht. Normalerweise wär ich auch schon im Bett.«

Die anderen, das waren die langjährige, fast siebzigjährige Magd Rosa, die junge Hauswirtschafterin Marisa Hübner und Paul Rucker, der völlig selbstständig arbeitete. Rosa wohnte oben im Dachgeschoss, Marisa in einer kleinen, abgeschlossenen Wohnung im Parterre des Hauses. Paul hatte den Anbau hinter dem Wintergarten ganz für sich.

Der Zufall hatte es so gefügt, dass sich zu Paul Rucker kürzlich der landwirtschaftliche Praktikant Peter Krautner gesellt hatte. Peter war zwanzig, Paul sechsunddreißig Jahre alt und ein Experte in Sachen Landwirtschaft und Pferdezucht.

Peter, der noch bei den Eltern daheim im Dorf wohnte und jeden Tag in der Früh auf den Hof kam, wollte demnächst studieren. Doch er wusste noch nicht so recht, wofür er sich entscheiden sollte. Tiermedizin wäre ihm eventuell recht gewesen.

Weil es ihm auf dem Hof so gut gefiel, verschob er sein Studium erst einmal und meinte, in der Praxis könne er eh mehr lernen als in der Theorie. »Viecherl« jeder Art gab es auf dem Kandermühlen-Hof zur Genüge.

Paul war mit Achim befreundet, er arbeitete seit vier Jahren auf dem Hof. Zuvor war er Stallmeister auf dem Gut des Barons von Brauneck gewesen und hatte sich sozusagen von Achim »abwerben« lassen.

Zusammen bildeten sie ein gutes Team. Ohne Paul wäre es kaum möglich gewesen, die Modernisierung des Hofes und den Offenstall-Neubau reibungslos über die Bühne zu bringen.

Der Stall war ausgesprochen tierfreundlich, denn die siebzig Kühe und ihre Kälber konnten sich auf sauberer Stroh-Einstreu darin frei bewegen. Kein einziges Tier auf dem Hof war angekettet. Es gab auch keine Elektrozäune, vor denen sich die Kühe, Pferde und die kleinen Bergziegen fürchten mussten, sondern ausschließlich feste, massive Holzzäune rings um die Weiden.

Andi streichelte Senta und holte sich eine späte Brotzeit aus der Küche. Ganz so leise ging das nun doch nicht vonstatten, denn das Brettl fiel ihm aus der Hand und schepperte auf dem Boden umeinander.

»Hoppla! Das sieht mir ähnlich«, lachte er. »Gut, dass ich keinen Teller genommen hab. Der wäre jetzt in tausend Stücke zerbrochen, und ich hätte deine tüchtige Mannschaft schließlich doch noch aufgeweckt.«

»Schmarrn. In diesem Haus ist nix zu hören, wenn man nicht genau aufpasst«, warf Achim ein. »Mauern so dick wie ein Fels, das hat unsere Mutter schon immer gesagt. Dann die Gänge und die Flure wie in einer alten Burg. Wenn jemand merkt, dass im Haus etwas Ungewöhnliches geschieht, dann ist es Senta. Sie lauscht auch immer genau nach draußen. Dein Auto hat sie sofort gehört.«

»Ich hänge am Kandermühlen-Hof. Eine alte Burg ist es ganz bestimmt nicht, eher ein heimeliges und sicheres Zuhause«, erwiderte Andi, der seinem zwei Jahre älteren Bruder zwar ähnlich sah, aber nicht so auffällig, wie man es bei Brüdern vielleicht vermutet hätte.

Beide hatten dunkelbraunes Haar und graublaue Augen, beide waren kerzengerade gewachsen und sportlich. Aber ihre Gesichtszüge unterschieden sich deutlich voneinander. Auch ihre Bewegungen und ihre Stimmen hatten nichts gemeinsam.

Jeder für sich war ein gut aussehender Mann mit eigenen Ideen und Ansichten. Dass Achim, derzeit an gar nichts Interesse hatte, tat jedem weh, der ihn gut kannte. Denn früher war er nie um Einfälle verlegen gewesen, er hatte viel auf die Beine gestellt und beharrlich dafür gesorgt, dass der Hof in allen zentralen Bereichen modernisiert wurde.

Das Haus und die Innenräume waren jedoch in ihrem Erscheinungsbild nicht verändert worden. Im Dorf galt der Kandermühlen-Hof, zu dem in früheren Zeiten eine Wassermühle gehört hatte, als wahres Schmuckstück.

Die Brüder hatten beide eine Ausbildung zum Diplom-Agrarwirt absolviert, danach hatten sie sich in der ländlichen Betriebsführung ausbilden lassen. Und, was ganz logisch war, im Bereich Forstwesen. Denn Wald und Flur waren den beiden von Jugend an bis heute sehr wichtig.

Weder im Bergwald noch auf den Almen durfte Raubbau betrieben werden. Deshalb stemmte sich die Familie Weidacher auch von jeher dagegen, dass ständig neue Pisten für die Skifahrer eingerichtet wurden. Dazu sollten Wälder abgeholzt und unbewirtschaftete Almen genutzt werden. Eine Katastrophe, die man in St. Christoph aber verhindern wollte.

»Wenn du noch ein Glasl Rotwein für mich hast, sag ich net Nein«, ließ sich Andi vernehmen. »Morgen ist Sonnabend. Zeit genug, um ein bisserl länger in den Federn zu bleiben. Ich nehme an, dass du es dann auch langsamer angehen lässt, großer Bruder.«

»Mal sehen. Komm, Andi, wir setzen uns ins Kaminstüberl.

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