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Der Bergdoktor - Folge 1695

Eine ungeliebte Frau

In ihrer Ehe fand sie kein Glück

Von Andreas Kufsteiner

Viele waren damals skeptisch, als Rena strahlend verkündet hat, dass sie den smarten Architekten Peter Weinberger heiraten und zu ihm in seine prachtvolle Villa ziehen wird. Eine Bauerntochter und ein reicher Städter? Kann das wirklich gutgehen, wenn die erste Leidenschaft verebbt ist?

Sechs Jahre ist das inzwischen hier, in denen man nichts von Rena gehört hat. Ob sie glücklich geworden ist in ihrer Ehe?

Die Antwort ist eindeutig, als die junge Frau eines Tages mit starren, glanzlosen Augen und völlig verwahrlost in ihr Heimatdorf zurückkehrt …

Der Architekt Peter Weinberger stellte seinen Sportwagen vor der Villa in einem Innsbrucker Vorort ab und stieg aus. Raschen Schrittes ging er zum Haus, betrat die Diele und lehnte sich an die Treppe zum Obergeschoss.

»Rena, bist du fertig?«, rief er hinauf. »Ich bin ein bisserl spät dran, wurde noch aufgehalten.«

Der Blick des einundvierzigjährigen Architekten fiel in den Wandspiegel gegenüber der Treppe. Er seufzte, trat näher heran und nestelte nervös an seinem schief sitzenden Krawattenknoten.

In aller Eile hatte er sich im Büro umgezogen, nachdem der aufdringliche Kunde endlich gegangen war, der mit seinem Anliegen kein Ende fand. Aber der Erfolg forderte nun mal seinen Tribut. Doch jetzt war es höchste Zeit für das Bankett, zu dem sie heute eingeladen waren. Wo Rena nur blieb?

Peter runzelte die Stirn und marschierte ins Wohnzimmer. Er stieß die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen. Nicht nur das Chaos in dem Salon ähnlichen Raum schockierte ihn, am schlimmsten traf ihn der Anblick seiner jungen Frau.

»Wie siehst du denn aus?«, stieß er fassungslos hervor. »Willst du etwa so zum Bankett?«

Renate trug noch immer ihren Jogginganzug. Dazu hing das blonde, lange Haar in Strähnen auf ihren Schultern, und ihr sonst so hübsches Gesicht war aufgedunsen und stark gerötet.

Die Champagnerflasche auf dem Tisch war Peter Antwort genug. Rena hatte mal wieder die Finger nicht vom Alkohol lassen können. Dabei hatte sie fest versprochen, mit dem Trinken aufzuhören.

Es hatte auch fast so ausgesehen, als hätte sie es geschafft. Eine ganze Weile hatte sie sich zurückgehalten, nachdem es vor ein paar Wochen wegen ihrer Trunksucht fast zum Skandal gekommen war.

Sie waren zur Eröffnung der neuen Konzerthalle eingeladen gewesen, die nach Peters Plänen umgebaut worden war. Trotz ihres Vorsatzes, keinen Alkohol anzurühren, hatte Rena ein Glas Champagner getrunken, worauf ihre Hemmschwelle wie ein Damm gebrochen war. Schließlich hatte Peter seine Frau vorzeitig nach Hause bringen müssen. Er hatte zwar vorgegeben, Rena würde sich nicht wohlfühlen, aber die Wahrheit war kaum zu vertuschen gewesen.

Und nun war sie wieder rückfällig geworden! Der junge Architekt seufzte schwer.

Früher war er sehr stolz auf seine bildschöne Frau gewesen. Da hatte Rena auch noch Wert auf ein adrettes Äußeres gelegt.

Auch die Villa war stets blitzsauber gewesen und Rena eine charmante Gastgeberin. Sie konnte hervorragend kochen und verstand es aufzutafeln.

Doch je höher er die Karriereleiter kletterte, desto mehr versank Rena im Sumpf des Alkohols und ließ nicht nur sich gehen, sondern auch das Haus verkommen. Zudem vergraulte sie mit ihren Launen und ihrer Schlamperei jede Zugehfrau.

Peter verstand nicht, warum Rena sich so sehr zu ihrem Nachteil verändert hatte. Sie hatte doch alles, was sich eine Frau nur wünschen konnte. Ein schönes Zuhause, ein sorgenfreies Leben und einen Mann, der sie verwöhnte. Dazu machte ihnen ihr inzwischen fünf Jahre alter Sohn Leon mit seinem aufgeweckten Wesen viel Freude.

»Ich will net zum Bankett«, trotzte Rena mit schwerer Zunge. »Ich will net diese hochnäsigen Tussis und aufgeblasenen Stutzer ertragen müssen, für die ich doch nur der Bauerntrampel bin, weil ich mich net so gewählt ausdrücken kann. Dabei öden mich diese langweiligen Gespräche sowieso an.«

Peter rollte die Augen. Renas Ausdrucksweise ließ manchmal wirklich zu wünschen übrig.

Die ehemalige Bauerntochter aus St. Christoph hatte sich in der oberen Gesellschaft schon immer schwergetan. Wegen ihres geringen Selbstvertrauens und ihrer mangelnden Bildung trat sie oft ins Fettnäpfchen. Trotzdem wollte sie nicht einsehen, dass es ihr eigenes Verschulden war, wenn sie mal wieder aneckte.

Peter hatte seiner Frau nahegelegt, sich in entsprechenden Fortbildungskursen ein umfassendes Allgemeinwissen anzueignen. Ebenso sollte sie ihre englischen Sprachkenntnisse ausbauen, um in der Gesellschaft mitreden zu können und ihren Zillertaler Dialekt besser in den Griff zu bekommen.

Ein erfolgreicher Architekt brauchte nun mal eine Frau an seiner Seite, die mit ihrem Charme und ihrer Eleganz bestach, und kein Mauerblümchen, das sich scheu in eine Ecke verkroch, um jeder heiklen Konversation aus dem Weg zu gehen.

Dabei war Rena früher alles andere als scheu gewesen. Gerade wegen ihrer kecken Art hatte sich Peter vor sechs Jahren in die bildhübsche Hoftochter aus St. Christoph verliebt.

Er war mit Freunden auf dem Feldkopf Skilaufen gewesen, dem höchsten der sechs steinernen Wächter um das Zillertaler Hochtal, dessen Gipfel ein Gletscher krönte. Rena war ihm schier vor die Füße gefallen, als sie mit ihren Brettern auf einer Eisplatte ausgerutscht war. Er hatte ihr aufgeholfen und beim Blick in ihre strahlenden, blauen Augen sein Herz an sie verloren.

So hatte alles angefangen. Trotz der Warnungen seiner Freunde, dieses Naturkind nicht in seine pompöse Welt zu entführen, hatte er Rena geheiratet. Anfangs hatte es auch so ausgesehen, als würde sie in seinem eleganten Umfeld Fuß fassen können. Sie hatte sich redlich bemüht, allen Anforderungen gerecht zu werden, die man an sie stellte, und man hatte ihn um seine anmutige Frau beneidet.

Damals hatte man in der steifen Gesellschaft Renas unbekümmerte Art, die Dinge beim Namen zu nennen, und ihren trockenen Humor als erfrischend empfunden. Inzwischen erwartete man von ihr etwas mehr Taktgefühl.

Erschöpft sank Peter in einen Sessel nieder und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.

»Eine Diskussion über deine Begleitung erübrigt sich wohl«, stöhnte er. »Aber ich kann mich dieser Verpflichtung leider nicht entziehen. Es sind wichtige Kunden unseres Büros anwesend. Ich werde mir eine plausible Ausrede einfallen lassen müssen, warum meine Frau mal wieder unpässlich ist, und meine Sekretärin bitten, mich zu begleiten.«

»Nur zu, die Dame steht bestimmt schon in den Startlöchern«, höhnte Rena mit bitterem Lachen. Sie schwenkte ihr Glas. »Amüsiert euch schön.«

Erbost nahm Peter seiner Frau den Champagnerkelch aus der Hand und stellte diesen so hart auf den Tisch, dass der Stil abbrach.

»Ich denke, du hast genug«, sagte er scharf. Er zog die Augenbrauen zusammen und sah sich um. »Wo ist eigentlich Leon?«

»Bei Cornelia«, antwortete Rena träge.

Sie lehnte sich zurück und versuchte, den Nebel vor ihren Augen zu verscheuchen. Sie wusste selbst, dass sie zu viel getrunken hatte, trotzdem lechzte sie nach einem weiteren Schluck.

Mühsam bezwang sie den Wunsch, aus der Flasche zu trinken. Der Ekel in den Augen ihres Mannes beschämte sie schon genug.

»Auf dem Spielplatz«, fuhr sie mit nun halbwegs klarer Stimme fort. »Ich fühle mich net wohl, deshalb hat deine Mutter …«

»Kein Wunder, dass es dir nicht gut geht, wenn du schon am helllichten Tag trinkst«, fiel Peter seiner Frau verächtlich ins Wort. Er musterte sie angewidert. »Natürlich hast du dann keinen Elan mehr, den Ansprüchen eines aufgeweckten Buben gerecht zu werden, und überlässt ihn lieber der Obhut meiner Mutter. Dabei waren wir uns doch einig, dass wir Mama wegen ihrer Herzschwäche nicht so sehr belasten wollen.« Er rang die Hände. »Himmel, Rena, wenn du so weitermachst, dann …«

Rena verengte die Augen und setzte sich auf.

»Was dann?«, fragte sie lauernd. »Willst du dich scheiden lassen, um mit dieser Michaela ein neues Leben zu beginnen? Ich habe dich gesehen, als du heute Mittag mit deiner Assistentin aus dem Büro gekommen bist. Ich wollte dich zum Essen abholen. Aber du warst ja schon in Begleitung.« Sie schnaubte verächtlich. »Wie sie dich angeschmachtet hat, mit diesem verführerischen Lächeln, und du hast dich aufgeplustert wie ein Pfau, um dem Flitscherl zu gefallen.«

Peter zog scharf die Luft ein.

»Ach, daher weht der Wind! Ein kokettes Lächeln, ein heißer Blick, und schon hast du Grund, deinen Frust im Alkohol zu ertränken.« Er sprang auf und wanderte wütend durchs Zimmer. »Langsam verliere ich alle Achtung vor dir und gerate vielleicht wirklich in Gefahr, Michaelas Verführung zu erliegen. Sie ist nämlich alles andere als ein Flitscherl. Sie verkörpert all das, was ich mir von der Frau an meiner Seite erhofft hatte. Sie ist elegant, charmant und …«

»… klug«, fiel Rena ihrem Mann bissig ins Wort. »Diese Intelligenzbestie wird dich jedenfalls net ständig blamieren wie das Dummerl, das du geheiratet hast.«

»Das hast jetzt du gesagt, Rena«, gab Peter grimmig zurück. »Aber wenn du es schon ansprichst … Michaela ist belesen und weiß, sich zu jedem Thema zu unterhalten.« Er blieb stehen und bohrte vorwurfsvoll seinen Blick in die Augen seiner Frau. »Das könntest du auch, wenn du endlich etwas für deine Bildung tun würdest, statt zu Hause herumzulungern und deine Langeweile mit Alkohol zu betäuben.«

Als Rena nicht reagierte, sondern ihn nur trotzig ansah, schüttelte er resigniert den Kopf.

»Aber du bist ja nicht einmal mehr fähig, dich um unseren Sohn zu kümmern, noch weniger bekommst du dieses Chaos hier in den Griff.«

Nervös sah er auf seine Armbanduhr und murmelte: »Ich muss los.« Er hob den Kopf und blickte Rena strafend an. »Sieh zu, dass du dich wieder fängst, bevor meine Mutter den Kleinen zurückbringt. Oder willst du, dass auch dein Sohn die Achtung vor dir verliert?«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich herum und ging davon.

***

Weinend sank Rena auf der Couch zusammen. Peter hatte ja recht! Sie durfte sich nicht länger dem Alkohol ergeben, nur weil sie sich unsicher und mutlos fühlte.

Dabei hatte es ihr vor der Ehe mit dem zehn Jahre älteren Mann nie an Selbstbewusstsein und Courage gemangelt. Sie hatte sich stets gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt, war wortgewandt und clever gewesen.

In ihrem Beruf als Kosmetikerin hatte sie viel Anerkennung erfahren und sich auch wohlgefühlt. Sie war nicht der Bauerntrampel, als den man sie nun verhöhnte. Zwar stammte sie von einem Hof in den Bergen, aber deswegen war sie nicht dumm oder naiv.

Doch die mondäne Welt, in die Peter sie entführt hatte, hatte ihr Selbstwertgefühl stetig mehr untergraben.

Anfangs hatte sie wirklich versucht, ihrem Mann keine Schande zu machen, hatte Fortbildungskurse besucht und sich mit der englischen Sprache abgemüht. Aber sie war nun mal keine lerneifrige Schülerin und tat sich besonders mit Fremdsprachen schwer.

Doch je erfolgreicher ihr Mann wurde, desto öfter wurden sie eingeladen oder mussten selbst Gäste bewirten. Irgendwann hatte sie sich den Anforderungen, die man an sie stellte, kaum noch gewachsen gefühlt. Seit sich bei einem Empfang ein paar hochgestellte Damen hinter ihrem Rücken über ihre Herkunft und Bildungslücken lustig gemacht hatten, hatte sie gänzlich den Mut verloren.

Rena stöhnte leise. Peter war nicht ganz unschuldig an ihren Minderwertigkeitskomplexen. Sie hatte nie von ihrem vermögenden Mann abhängig sein und auch nach der Hochzeit auf eigenen Füßen stehen wollen. Deshalb hatte sie zur Bedingung gemacht, dass Peter ihr in seiner geräumigen Villa ein kleines Kosmetikstudio einrichtete, in dem sie weiterhin ihren Beruf ausüben konnte.

Doch kaum waren sie verheiratet gewesen, hatte er abgewinkt. Die Frau eines erfolgreichen Architekten arbeitete nicht! Rena habe sich darauf zu konzentrieren, ihrem Mann eine gute Partnerin und liebevolle Ehefrau zu sein, basta.

Es war zu einem hässlichen Streit gekommen, in dessen Verlauf ihr Peter vorgeworfen hatte, undankbar zu sein. »Jede andere Frau wäre glücklich, so ein angenehmes und sorgenfreies Leben führen zu dürfen«, hatte er behauptet.

Als sich dann auch noch Leon angekündigt hatte, hatte sich ohnehin jede Diskussion erübrigt.

Rena setzte sich auf und stützte den Kopf in die Hände. Vielleicht hätte sie niemals die fremde Welt des aufstrebenden Architekten betreten dürfen. Aber Liebe machte nun mal blind.

Der gut aussehende Mann hatte ihr mit seinem Charme sofort das Herz geraubt, als sie ihm auf dem Feldkopf begegnet war. Sogar mit ihren Eltern hatte sie gebrochen, weil diese den Schnösel aus der Stadt strikt abgelehnt hatten.

Aber was klagte sie eigentlich? Energisch rieb Rena ihre Augen trocken. Sie hatte doch wahrlich keinen Grund, mit dem Schicksal zu hadern, und noch weniger, ihre Ehe infrage zu stellen, nur weil diese Michaela ihrem Mann schöne Augen machte.

Eigentlich müsste sie dem raffinierten Luder die Krallen zeigen. Aber nicht einmal dazu fand sie mehr die Kraft.

Peters Bemerkung vor einigen Monaten hatte ihr endgültig den Boden unter den Füßen fortgezogen. Als sie zum wiederholten Mal frustriert den Englischkurs hingeworfen hatte, weil sie einfach nicht mit der Aussprache zurechtkam, hatte er ihr zornig entgegengeschleudert, er habe nicht gewusst, welches Dummerl er geheiratet habe.

Natürlich hatte Peter sein Ausbruch leidgetan. Aber Renas Selbstwertgefühl war nun gänzlich in den Keller gesackt. Irgendwann war sie dann an einem Punkt angekommen, an dem sie sich so minderwertig gefühlt hatte, dass sie Trost im Alkohol suchte.

Aber das musste ein Ende haben!

Peter hatte eine Frau verdient, auf die er stolz sein konnte. Sonst würde doch noch Michaela den Sieg davontragen.

Entschlossen sprang Rena auf die Füße, packte die Champagnerflasche und trug sie in die Küche. Dort schüttete sie den Rest des Inhalts in die Spüle und warf die Flasche in den Abfalleimer.

Stolz, die erste Hürde bezwungen zu haben, begab sie sich zum Obergeschoss, wo sich die Schlafräume befanden. Dabei kam sie an dem Spiegel in der Diele vorbei und erschrak.

Kein Wunder, dass Peter sie so angewidert angesehen hatte. Diese Vogelscheuche mit der fleckigen Kleidung und dem wirren Haar hatte wahrlich keine Ähnlichkeit mehr mit der hübschen, gepflegten Frau, die er einmal kennengelernt hatte.

Grimmig streckte Rena ihrem Spiegelbild die Zunge heraus und stieg weiter die Treppe hinauf. Höchste Zeit sich umzukleiden, bevor ihre Schwiegermutter mit Leon zurückkam und ihr mal wieder die Leviten las.

***

Seit Wochen war kein Regen mehr gefallen, und das Land stöhnte unter einer extremen Hitzeperiode. Dabei zeigte der Kalender gerade mal Mitte Juni.

Dr. Martin Burger, der Landarzt von St. Christoph, stand an diesem Freitagnachmittag am Fenster seiner Praxis und musterte besorgt den wolkenlosen Himmel, der das Zillertal wie eine blaue Kuppel überspannte.

Der ersehnte Regenguss ließ noch immer auf sich warten. Dabei zeigte die Natur bereits erste Folgen des Wassermangels. Die sonst tiefgrünen Bäume wiesen vereinzelt schon braune Blätter auf, und die Blumen und Kräuter auf den Almwiesen ließen traurig die Köpfe hängen.

Der Bergdoktor blickte zum Feldkopf hoch, der sich links vom Doktorhaus in den Himmel schraubte.

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