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Der Bergdoktor - Folge 1694

Der falsche Freund

Will er Dr. Burger ins Unglück stürzen?

Von Andreas Kufsteiner

Es ist ein wunderbarer Frühlingsabend, als Sabine Burger sich entschließt, noch eine Runde zu joggen. Sie wählt den Pfad, der am Waldrand entlang führt, und genießt die Stille nach einem hektischen Tag. Schließlich kommt sie zu einer Bank, auf der sich gern verliebte Paare treffen, doch heute sitzt dort ein Mann ganz allein. Er hält den Kopf gesenkt und starrt auf etwas in seinen Händen.

Unvermittelt verlangsamt Sabine ihre Schritte und erkennt entsetzt: Der Mann ist Simon Hartmann, ihr früherer Studienfreund, und er will seinem Leben ein Ende setzen …

Lieber Gott,

ich weiß, du hast viel zu tun mit dem Hunger auf der Welt, den Krankheiten und der Umweltverschmutzung. Aber wenn du mal eine Minute Zeit hast, könntest du dann bitte nach meinen Eltern sehen?

Mein Vati ist ausgezogen, und er fehlt mir so. Kannst du nicht machen, dass er wieder nach Hause kommt? Der Paul aus meiner Klasse sagt, ich soll froh sein, dass sich meine Eltern scheiden lassen, weil sie nun ein schlechtes Gewissen haben und mir ganz viele Geschenke machen. Aber ich möchte keine Geschenke. Ich möchte meinen Vati. Wenn er wieder nach Hause kommt, werde ich auch nie wieder bei den Hausaufgaben schummeln und die Lösungen im Internet suchen. Das verspreche ich dir.

Mein Vati ist Polizist. Er ist in ganz Wien unterwegs, aber du findest ihn schon, wenn du ihn suchst. Ganz bestimmt.

Dein Finn.

Im Büro des Polizeikommissariats am Deutschmeisterplatz herrschte das übliche Stimmengewirr, als Hannes Steinhauer auf die Kaffeemaschine zusteuerte und sich eine wohlverdiente Tasse des heißen Gebräus einschenkte.

Der Polizist kümmerte sich nicht um die Vernehmungen, das Klappern der Tastaturen und die Anrufe seiner Kollegen. Er fühlte sich, als wäre er von einer Dampfwalze überrollt worden.

War das wieder ein Tag gewesen!

Ein betrunkener Autofahrer hatte sich nachmittags eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert. Der Fahrer war Hannes bei einer Verkehrskontrolle aufgefallen, weil er Schlangenlinien gefahren war. Als er gestoppt worden war, hatte er wie ein ganzer Schnapsladen gerochen und sich geweigert, seinen Führerschein vorzulegen. Stattdessen hatte er plötzlich aufs Gaspedal gedrückt und beinahe eine Frau überfahren, die gerade die Straße überqueren wollte. Die junge Mutter hatte ihr Kind und sich selbst mit einem beherzten Sprung zur Seite gerettet. Der Fahrer hatte mehrere geparkte Autos gerammt, bevor er davongebraust war.

Das war das Zeichen für den Einsatz gewesen!

Freitagnachmittag war Stoßzeit in Wien, und entsprechend voll waren die Straßen gewesen, durch die der Fahrer mit einer Kavalkade an Polizeifahrzeugen auf den Fersen geflohen war.

Es war ein Wunder, dass auf dieser rasanten Fahrt durch die Innenstadt niemand verletzt worden war. Nach zwanzig Minuten war es Hannes gelungen, seinen Polizeiwagen vor das Auto des Betrunkenen zu setzen und diesen zu stoppen.

Als er sich jetzt an seinen Schreibtisch fallen ließ, blickten sich seine Kollegen zu ihm um und applaudierten.

Hannes winkte ab.

Valentin Gruber kam zu ihm herüber.

»Gute Leistung«, lobte er und deutete auf den Fernseher, der in der Ecke des Großraumbüros hing und auf einen Nachrichtensender eingestellt war. »Das Fernsehen hat die Verfolgungsjagd live übertragen. Das war filmreif. Ich habe gehört, Steven Spielberg wäre an den Filmrechten interessiert.«

»Hör bloß auf.« Hannes trank einen Schluck Kaffee. Er war seit dem frühen Morgen auf den Beinen und fühlte sich wie ein ausgewrungener Wischmopp. Es war wirklich allerhöchste Zeit fürs Wochenende!

Hannes war sechsunddreißig Jahre alt und seit fünfzehn Jahren bei der Polizei. Er liebte seine Arbeit, auch wenn sie ihm kaum Zeit für ein Privatleben ließ. Verbrecher hielten sich nun mal nicht an Dienstpläne oder freie Wochenenden.

Durch die hohen Fenster des Kommissariats fiel Sonnenschein herein. Der Frühling meinte es gut in diesem Jahr. Schon im Mai kletterten die Temperaturen auf knapp dreißig Grad. Das war perfekt für seine Wochenendpläne!

»Wollen wir uns zur Feier des Tages eine Pizza holen?«, erkundigte sich sein Kollege.

»Ein anderes Mal gern. Heute geht es net. Ich hole Finn nachher ab. Wir wollen ein verlängertes Wochenende in den Bergen verbringen.«

»Hast du deswegen deinen halben Hausrat dabei?« Sein Kollege schaute zu dem Stapel aus Taschen und Ausrüstung neben seinem Schreibtisch. »Sieht aus, als hättest du vor, auszuwandern.«

»Nein. Nein. Finn und ich wollen nur Campen fahren. Dafür habe ich alles eingepackt, was wir brauchen werden: ein Zelt, Schlafsäcke, Lebensmittel, ein Beil und noch allerhand mehr.«

»Und wo wollt ihr hin?«

»Ins Zillertal. Genauer gesagt in die Nähe von St. Christoph, einem Dorf in einem hoch gelegenen Seitental.«

»Das klingt nach Abenteuer. Ich wundere mich nur, dass Conny euch fahren lässt. Ich dachte immer, sie hat es net so mit der Natur und dem Campen.«

»Das stimmt schon, aber sie würde Finn nie eine Freude verwehren. Sie war einverstanden, dass wir fahren.«

»Und wie lange musstest du sie bearbeiten, damit sie einwilligt?« Valentin zog wissend eine Augenbraue hoch.

Verflixt! Sein Kollege kannte ihn einfach zu gut. Nach so vielen Jahren gemeinsamer Arbeit wussten sie fast alles voneinander. Es war beinahe wie in einer Ehe. Wobei Hannes seine Ehe in den Sand gesetzt hatte. Da machte er sich nichts vor. Er war ein besserer Polizist als Ehemann. Leider.

Hannes presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es knirschte.

Seine Frau hatte sich nach acht Jahren Ehe von ihm getrennt. Er war aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen und sah seinen Sohn nur noch an jedem zweiten Wochenende. Dabei bemühte er sich, seinem Sohn etwas Besonderes zu bieten. Erlebnisse, an die Finn sich später erinnern konnte und an die er gern zurückdenken würde, wenn er erwachsen war. Er sollte wissen, dass er geliebt wurde, auch wenn sein Vater nicht ständig bei ihm sein konnte.

»Wann musst du los?«, riss sein Kollege ihn aus seinen Gedanken.

Hannes warf einen Blick auf seine Armbanduhr und zuckte zusammen.

»Vor einer Viertelstunde.«

»Na, dann los! Ich wünsche dir ein schönes Wochenende. Grüß Finn von mir, ja?«

»Mach ich.« Hannes stellte seinen Kaffeebecher ab, griff nach seiner Lederjacke und schnappte sich die beiden Taschen mit der Ausrüstung. Er hatte sie tagsüber nicht im Auto gelassen, weil er nicht riskieren wollte, dass der Kofferraum aufgebrochen und alles gestohlen wurde.

Fünfzehn Jahre Polizeiarbeit waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Mittlerweile rechnete er ständig mit dem Schlimmsten.

Hannes verließ das Polizeigebäude und eilte zu seinem Kombi hinüber. Bis zum Parkplatz waren es nur wenige Schritte, trotzdem kam ihm die Strecke endlos vor. Er würde sich auf jeden Fall verspäten.

Vermutlich wartete Conny längst auf ihn. Sein Zuspätkommen würde ihre schlechte Meinung über ihn nur wieder bestätigen.

Unzuverlässig. Ständig abwesend. Das waren nur zwei der Vorwürfe gewesen, die sie ihm in den vergangenen Monaten immer wieder an den Kopf geworfen hatte. Zu Recht. Leider.

Hannes beeilte sich, einzusteigen, und gab Gas.

Trotz seiner Eile fuhr er besonnen und hielt das Tempolimit ein. Etwas anderes kam für ihn nicht infrage. Er hielt sich an Regeln und verteidigte sie auch.

Allerdings waren die Straßen von Wien an einem Freitagnachmittag ohnehin so verstopft, dass er selten schneller als mit Schrittgeschwindigkeit vorwärtskam. Und natürlich waren alle Ampeln rot.

Hannes zwang sich, ruhig zu bleiben und nicht mit den Fingern auf das Lenkrad zu trommeln. Er war mit Leib und Seele Polizist. Seine Ehe war an den zahlreichen Überstunden, Wochenenddiensten und Gefahren zerbrochen, die sein Dienst nun mal mit sich brachte.

Das Haus, in dem seine Frau und sein Sohn nun allein wohnten, lag im Norden von Wien. Es gehörte zu einer hübschen Reihenhaussiedlung im Stadtteil Floridsdorf. Von hier aus konnte man auf grüne Felder und den Bisamberg blicken.

Als Hannes vor dem Haus parkte und aus seinem Wagen stieg, fiel sein Blick auf den Rasenmäher. Früher war es seine Aufgabe gewesen, den Garten in Ordnung zu halten. Wer kümmerte sich jetzt darum? Seine Frau? Oder hatte Conny jemanden dafür eingestellt?

Es gab ihm einen Stich, dass er das nicht wusste. Er presste den Daumen auf die Türklingel und versuchte nicht daran zu denken, dass er wie ein Bittsteller vor seinem eigenen Haus stand, für das er nicht einmal mehr einen Schlüssel besaß. Auf dem Papier war Conny noch seine Frau, aber ihre Scheidung war nur noch eine Formsache.

Die Haustür schwang auf, und seine Frau trat vor ihn hin.

»Hallo Hannes.« In Connys Stimme lag kein Vorwurf. Sie schien erwartet zu haben, dass er sich verspätete. Ein Kompliment war das nicht gerade. Im Gegenteil.

»Es tut mir leid, dass ich so spät komme«, versuchte er zu retten, was zu retten war. »Wir hatten noch einen Einsatz.«

»Habt ihr doch immer, oder?« Conny schlang die Arme um sich selbst und schaute an ihm vorbei. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen. Nun, das konnte er ihr nicht verdenken. Ihm war ja selbst nicht wohl in seiner Haut. Ganz und gar nicht.

Jedes Mal, wenn er sie eine Weile nicht gesehen hatte, fragte er sich, warum, um alles in der Welt, er sich nicht intensiver um seine Familie bemüht hatte. Conny war eine bildhübsche Frau mit schulterlangen blonden Haaren und blauen Augen, die glitzerten wie zwei Sterne. Ihr Lächeln konnte einen Mann verzaubern und ihn alles vergessen lassen.

Sie mochte warme Farben, wie der lange zimtfarbene Rock und die orangefarbene Bluse bewiesen, die sie an diesem Tag trug. Außerdem liebte sie unkonventionellen Schmuck wie die hölzernen Ohrringe, die die Form von indischen Elefanten hatten.

Conny war Grafikerin und arbeitete von zu Hause aus. Ihr Arbeitszimmer war vollgestopft mit Farben, Pinseln und Regalen mit Kunstbüchern. Auch einen Computer gab es, aber sie arbeitete lieber auf Papier als am Rechner.

Als sie nun von der Tür zurücktrat, konnte Hannes die Reisetasche sehen, die im Flur stand.

»Ich habe alles für Finn eingepackt, worum du mich gebeten hast. Aber ich bin net sicher, ob ihr fahren solltet. Das Wetter ist unbeständig.«

»Ein bisserl Regen stört uns net.«

»Und wenn es ein Gewitter gibt? Dann könnte es gefährlich werden, draußen zu campen.«

»Ich glaube net, dass es so schlimm kommen wird. Falls doch, nehmen wir uns ein Hotelzimmer. Aber im Moment haben wir blauen Himmel, und das soll auch so bleiben. Der Ausflug wird Finn gefallen. Das wird ein Abenteuer, an das er später zurückdenken kann.«

»Ich habe kein gutes Gefühl dabei.«

»Mach dir keine Sorgen. Ich werde gut auf unseren Sohn aufpassen.«

»Du willst ihm etwas bieten, weil ihr euch so selten seht. Das verstehe ich, aber ich möchte Finn net in Gefahr bringen, nur um dein Gewissen zu beruhigen.«

Hannes runzelte die Stirn. »Ich würde Finn niemals in Gefahr bringen, nur um mein Ego zu streicheln«, gab er grimmig zurück.

»Letztes Mal wart ihr im Erlebnisbad. Davor hast du ihn mit auf einen Reiterhof genommen. Sogar vom Disneyland Paris hast du schon gesprochen.«

»Na und? Was ist dagegen zu sagen? Finn soll Spaß haben, wenn er bei mir ist.«

»Das alles braucht er aber gar net. Es reicht völlig aus, wenn du dir Zeit für ihn nimmst. Unser Sohn braucht einen Vater und keinen Entertainer.«

»Glaubst du, das weiß ich net? Ich tue doch, was ich kann …« Hannes unterbrach sich, als im Haus Schritte laut wurden. Kurz darauf wirbelte sein Sohn durch den Flur und fiel ihm um den Hals.

»Vati! Vati! Du bist ja da!« Stürmisch drückte sich Finn an ihn.

»Hallo, mein Großer!« Hannes hob seinen Sohn auf die Arme und wirbelte ihn einmal im Kreis herum, ehe er ihn wieder absetzte und prüfend betrachtete. »Sag mal, bist du etwa schon wieder gewachsen?«

»Und ob!« Der Bub nickte lebhaft und reckte die Brust heraus, um zu zeigen, wie groß er schon war.

Es war erstaunlich, wie ähnlich er Hannes mit jedem Jahr wurde. Er hatte dieselben braunen Haare, die braunen Augen und die kleine Kerbe im Kinn, die von einem festen Willen oder von Eigensinn zeugte. Je nachdem, wen man fragte.

»Wenn du so weiterwächst, bist du bald größer als ich.«

Finn gluckste vergnügt. »Fahren wir jetzt los, Vati?«

»Auf jeden Fall. Hast du alles eingepackt?«

»Ja.« Sein Sohn stemmte die Daumen unter die Riemen seines Rucksacks und strahlte von einem Ohr zum anderen. Es war nicht zu übersehen, dass er sich auf den Ausflug freute.

»Viel Spaß, Finn.« Seine Mutter umarmte den Buben. »Und pass auf deinen Vater auf, ja?«

»Ist gut.« Finn nickte ernsthaft.

Hannes wollte sich gerade von seiner Frau verabschieden, als hinter ihm Schritte in der Auffahrt knirschten. Er wandte sich um und sah einen hochgewachsenen Mann in der Uniform der Feuerwehr heraufkommen. Der Besucher hatte dunkle Haare und schob ein Kinderfahrrad neben sich her.

»Hallo Finn, ich bringe dir dein Fahrrad wieder.«

»Oh, klasse! Du hast es repariert, Onkel Lukas!«

»Aber sicher. Ich kann dich doch net mit einem kaputten Reifen herumfahren lassen.«

»Danke schön!« Finn sah mit leuchtenden Augen zu, wie der Nachbar das Fahrrad an die Hauswand lehnte.

Hannes versteifte sich. Sein Nachbar war schon früher verdächtig freundlich gewesen. Lukas Brandstetter machte keinen Hehl daraus, dass er Conny gern hatte. Seitdem Hannes ausgezogen war, gleich gar nicht mehr. Zu allem Überfluss sah er auch noch aus, als würde er jeden Monat für das neueste Blatt des Feuerwehrkalenders posieren.

Hannes schnaubte tonlos und wandte sich wieder an seine Frau.

»Wir fahren jetzt los, in Ordnung?«

»Ist gut. Sei bitte vorsichtig, ja?«

»Versprochen.« Er hob Finns Reisetasche auf. »Ich habe das Wochenende genau durchgeplant. Es kann gar nichts passieren.«

***

»Hol mir mal die Heringe aus meinem Rucksack, Bub.« Hannes hatte das Zelt aufgebaut und hielt die Leine nun straff gespannt, damit es aufrecht stand.

Sein Sohn kramte eine Weile in seinem Rucksack herum, ehe er schließlich mit ratloser Miene wieder auftauchte.

»Da sind keine Fische drin, Vati.«

»Nein, das wäre ja auch noch schöner. Heringe sind die Stifte, mit denen das Zelt in der Erde festgemacht wird. Sie sind länglich und aus Metall.«

»Ach so.« Aufatmend brachte der Bub eine Kunststoffschachtel hervor. »Sind es dir hier?«

»Ganz genau.« Mithilfe eines Hammers schlug Hannes die Verankerungen in die Erde und machte das Zelt daran fest. Es war ein Zwei-Personen-Zelt mit einem Vordach, unter dem sie ihre Vorräte und die Wanderschuhe geschützt abstellen konnten. Es war sogar Platz für zwei Campingstühle, einen kleinen Tisch und den Gaskocher.

Sie lagerten am Ufer des Kuckuckssees. Das Gewässer war ein stiller Waldsee südlich von St. Christoph, das auf allen Seiten von Wald umgeben wurde. Weit und breit gab es nur Wald und Einsamkeit.

Das Wasser schlug plätschernd gegen den Bootssteg, an dem ein Ruderboot festgemacht war. Das Schilf rauschte im Frühlingswind, und irgendwo quakte eine Ente. Über dem Wald ragten die Berge auf. Auf den höchsten Gipfeln lag sogar noch Schnee.

»Dürfen wir hier lagern, Vati?«, fragte Finn und ließ sich im Gras nieder. »Oder ist das verboten?«

»Nein, ich habe die Erlaubnis des Forstbesitzers eingeholt.

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