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Der Bergdoktor - Folge 1693

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Du lügst, wenn du von Liebe sprichst
  4. Vorschau

Du lügst, wenn du von Liebe sprichst

Marlene kann ihrem Mann nicht mehr vertrauen

Von Andreas Kufsteiner

Marlenes Hände zittern, als sie die hirschlederne Joppe ihres Mannes vom Garderobenhaken nimmt und die Taschen durchsucht. Noch vor ein paar Wochen hätte sie es niemals für möglich gehalten, dass sie Julian einmal hinterherschnüffeln würde. Doch seit sie erfahren hat, dass er sich mit einer bildschönen fremden Frau im Café getroffen hat, ist Marlenes Vertrauen tief erschüttert.

In diesem Moment geht die Tür auf, und Julian steht auf der Schwelle. Aus seinem Gesicht weicht alle Farbe. »Was wühlst du in meiner Jacke herum?«

Es war der vierte Januar, ein kalter und klarer Tag.

Die Wintersonne konnte kaum etwas gegen den klirrenden Frost ausrichten, der das Hochtal rund um St. Christoph in seiner eisigen Faust hielt. Aber das leuchtende Winterblau des Himmels und die schneeweiße Pracht der verschneiten Alpenlandschaft waren von so makelloser Schönheit, dass sich niemand über die Minustemperaturen beschwerte. Man konnte sich ja dicke Strickpullis anziehen und die dick wattierten, gesteppten Daunenjacken hervorholen, die selbst einem scharfen Nordostwind trotzten.

Falls es von innen her zu kalt wurde oder wenn Erkältungen drohten, halfen über Tag heißer Tee oder abends am Kachelofen ein Glas Punsch.

Derzeit war bei den Dörflern das »Almräuscherl« der Renner: Heiße Schokolade, nicht zu stark gesüßt, mit einem gut eingeschenkten Stamperl Marillenlikör. Wer wollte, konnte das fabelhafte Getränk mit einem Sahnehäubchen garnieren. Manche streuten auch noch ein paar Schokoladenflöckchen obendrauf. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt.

Im Gasthaus »Zum Ochsen« mitten im Dorf servierte Wirt Joschi Althöfer persönlich seine Eigenkreationen, entweder mit einem Schuss Rum oder mit Kräuterschnaps aus eigener Brennerei. Viele meinten jedoch, am besten sei immer noch die Marillen-Variante.

Ganz Mutige tauschten den Marillengeist gelegentlich gegen einen hochprozentigen, hausgebrannten Birnenschnaps aus, um auch einmal ein anderes »Räuscherl« zu probieren.

Diejenigen, von denen man es eigentlich gar nicht erwartet hätte, mixten sogar Marillen- und Birnengeist, taten aber scheinheilig so, als sei ihnen der Kakao pur am liebsten: »Mir genügt ein bisserl heißer Kakao, mehr brauch ich gar net! Man muss ja net immer ein Schnapserl hineingeben!«

Kinder bekamen das derzeitige Winter-Getränk mit einem Löffel Fruchtgelee oder Saft. Ein Hauch Zimt sorgte für das richtige Aroma. Die restlichen, trockenen Lebkuchen und Kipferln vom Weihnachtsfest wurden wieder schmackhaft, wenn man sie zusammen mit dem Almräuscherl zu sich nahm.

Jackl Breitmeyer war nicht nur seit fünfzehn Jahren Großknecht auf dem Kanderberg-Hof, sondern auch ein begeisterter Hobby-Koch, falls es seine Zeit erlaubte. Denn in erster Linie war natürlich die Arbeit auf dem Hof an der Reihe.

Wahrscheinlich war Jackl der einzige Knecht im ganzen Zillertal, der es verstand, köstliche Gerichte zu zaubern. Obendrein mixte er gern Getränke jeder Art. Deshalb war er auch mit Begeisterung auf den Almräuscherl-Zug aufgesprungen.

Er gab in den heißen Schokoladentrunk entweder Walderdbeer- oder Wildkirsch-Likör oder puren, eingedickten Saft von Schwarzen Johannisbeeren, die sommers im riesigen Obstgarten hinter dem Hof geerntet und dann eingekocht wurden.

Für Jackl war’s außerdem selbstverständlich, das Ganze mit Rahm abzurunden, sozusagen als Krönung. Es war auch keine gewöhnliche Sahnehaube, die er auf den Becher setzte. Eine Prise Vanille, selbstverständlich die echte Bourbon-Vanille, machte aus dem Rahmtupferl einen echten Genuss.

Heute hatte er Marie, die Hauserin, auf einen Becher Wildkirsch-Räuscherl eingeladen.

Es war Nachmittag, die Dämmerung glitt wie ein blauer Schatten über die weißen Gipfel. Rotgolden ging die Sonne an diesem prachtvollen Wintertag unter. Wer einen Blick für die Schönheiten der Natur hatte, fühlte sich in ein Wintermärchen versetzt.

Jackl logierte auf dem altehrwürdigen Alpenhof der Familie Stolzinger-Bender in einer sehr gemütlichen Wohnung, Parterre links, etwas abseits von den anderen Räumlichkeiten.

Innerhalb dieser Wohnung, die er regelmäßig selbst renovierte, besaß er eine eigene Küche. »Klein, aber mein«, wie er gern betonte. Wenn er nicht zusammen mit dem jungen Ehepaar Bender und den Eltern Stolzinger aß, dann brutzelte er selbst etwas zusammen.

Ab und zu wurde er von der Familie gebeten, in der großen Hauskuchl den Kochlöffel zu schwingen. Er hatte immer wieder gute Einfälle, sogar wenn es darum ging, Reste vom Vortag zu verarbeiten.

Vom Alter her passten der stattliche Knecht, der auf den altertümlichen Namen Jakobus getauft worden war, und die fesche Marie gut zusammen. Er war zweiundvierzig, sie Ende dreißig, beide ledig, wenn auch nicht aus Überzeugung.

Mit den jeweiligen Liebsten hatte es sich nicht so gefügt, wie es hätte sein sollen. Nur Ärger und dann die Trennung anstelle Hochzeit und Eheglück, so war’s bei ihnen beiden gewesen. Weil dieses leidige Schicksal sie miteinander verband, kamen sie ausgesprochen gut miteinander zurecht, denn jeder hatte Verständnis für den anderen.

Nun saßen die zwei am Fenster in Jackls Wohnstube und schauten hinaus, während der Geruch nach heißer Schokolade süß und verlockend durch den Raum zog.

»Es wär mir recht, wenn du bei mir bleiben würdest, Marie«, meinte der Großknecht. »Die Arbeit ist schon seit dem Mittag erledigt, wir sitzen recht gemütlich beisammen und könnten uns dies und das erzählen. Der Abend ist noch lang. Wir haben Zeit, heut ist Sonnabend, und niemand treibt uns an.«

»Ich muss aber heim«, widersprach sie. »Mein Katzerl wartet auf mich, und ich hab noch eine Menge zu tun. Du weißt doch, dass ich drunten im Dorf meiner alten Nachbarin ein bisserl unter die Arme greife. Die Agnes rafft ja fast gar nix mehr, es wird immer schlimmer. Neulich hat der Doktor gemeint, dass er sie im Pflegeheim St. Johannes anmelden will. Es sind Nonnen zur Pflege dort, das würde der Agnes gefallen. Sie hat doch keine Verwandten mehr und ist selbst net dazu imstande, für ihre Zukunft zu sorgen.«

»Wegen der Agnes wirst du doch net einen so schönen Abend in den Wind schreiben«, beklagte sich Jackl. »Ruf die Frau vom Mesner-Hartl an. Die Else kennt sich aus mit den alten Herrschaften.«

»Richtig. Trotzdem kann ich net bleiben. Vielleicht hast du bestimmte Gedanken im Hinterkopf. Das ist mir net recht.« Marie räusperte sich. Sie war genau an den richtigen Stellen rund und weich, ihr dunkelblondes Haar trug sie ordentlich aufgesteckt. Obendrein galt sie als blitzsauber.

In ihrem kleinen Häusl am Kirchanger, dass ihr die Eltern vererbt hatten, war nicht ein Stäubchen zu finden. Auch sie selbst sah immer blütenrein aus, selbst dann, wenn sie den ganzen Tag über herumgewerkelt hatte.

»Wir sind doch erwachsene Leut«, versuchte es der Jackl noch einmal. »Du und ich, wir machen keine Dummheiten mehr, diese Zeiten sind vorbei. Und wenn man doch einmal bestimmte Gefühle hat, dann gehört es sich, dass man sich darüber einig ist. Also, Marie, keine Sorge, ich fall net über dich her. Du könntest nebenan im Gästekammerl schlafen oder auf der Couch in der Stube.«

»Ich will aber net«, bekam er zur Antwort. »Jetzt hör schon auf, Jackl. Am siebten Jänner, also nach Dreikönig, bin ich wieder da. Eine halbe Stunde bleib ich noch, dann muss ich aber wirklich gehen.«

Jackl schaute enttäuscht drein. Er stellte es sich schön vor, mit Marie ein bisserl enger zusammenzurücken. Man konnte ja nicht immer nur befreundet sein.

Eine Freundschaft zwischen Mann und Frau war seiner Meinung nach eh zum Scheitern verurteilt. Entweder es knisterte irgendwann, oder man ging seiner Wege.

Er fühlte inwendig ein gewisses Flattern, wenn er Marie anschaute. Ihre blanken Augen hatten es ihm angetan. Na ja, nicht nur ihre Augen. Wie lang war es her, dass er eine Frau im Arm gehalten hatte?

Mit der Zeit sehnte er sich nun doch wieder nach Zweisamkeit. Und sie? Fühlte sie dasselbe wie er? Marie spielte die Widerspenstige, aber manchmal sah sie ihn so lieb an, dass ihm das Herz aufging.

Ehe er sie fragen konnte, ob sie vielleicht in der nächsten Woche den einen oder anderen Tag bei ihm bleiben würde, fiel die schwere Haustür ins Schloss.

Im Licht der hellen Hoflampen tauchten die junge Bäuerin Marlene Bender und ihr Mann Julian auf.

Marlene war das einzige Kind der Eheleute Egid und Traudel Stolzinger und somit die Erbin des Kanderberg-Anwesens.

Aus Liebe zu Julian hatte sie ihm gleich nach der Hochzeit jedoch die Hälfte des Hofes samt Wiesen, drei Almen und einem Waldstück überschrieben, sodass sie beide als Besitzer gleichberechtigt waren.

Ihre Eltern waren zunächst skeptisch gewesen. Falls die Ehe ihrer Tochter irgendwann in eine Krise geriet, was dann? Julian würde darauf pochen, seinen Anteil am Hof zu erhalten.

Verständlich, dass die Stolzingers so dachten, obwohl sie den jungen Agrarwirt Julian Bender sehr schätzten. Er war überaus tüchtig und tat alles, was in seinen Kräften stand.

»Der junge Bauer ist nun mal ein fesches Mannsbild«, seufzte Marie und rückte noch näher ans Fenster heran. »Ich kann die Marlene verstehen. Nur ein Vierteljahr war sie mit ihm verlobt, dann haben sie schon geheiratet. Und das ist nun auch erst fünf Monate her. Alles ging ganz schnell. Aber kann man als Madel so einem hübschen Burschen widerstehen?«

»Ich will so was net hören«, erwiderte Jackl griesgrämig. »Es kommt net nur aufs Äußere an. Außerdem hab ich auch meine Qualitäten. Ich zeig nur net gleich alles her. Mich muss man entdecken, Marie, nach und nach. Täglich biete ich eine neue Überraschung!«

»Das ist ja wie beim Adventskalender«, lachte sie. »Hinter jedem Türchen ein Zuckerl, net wahr? Lass gut sein, Jackl. An den Julian kommt so schnell keiner heran. Aber ich werd mich hüten, mehr zu sagen. Erstens ist er hier der Chef, das hat die Marlene so gewollt. Und zweitens soll man net herumtratschen.«

»Wie meinst du das, Marie?«

»Ach, was die Leut so reden! Du hast es doch auch schon gehört. Dass der Bender-Julian vor der Hochzeit kein Kostverächter war und dass er auch jetzt noch jedes Madel um den Finger wickeln kann, wenn er nur will.«

»Schmarrn«, wehrte Jackl ab. »Man muss wirklich net auf das Gequatsche hören. Na gut, ich hab’s auch schon gesehen, dass er manchmal mit einem Madel im Dorf spricht oder einen Blick auf die hübschen Skihaserln riskiert, aber was heißt das schon? Gar nix!«

»Eben.« Marie starrte weiter nach draußen. Julian und Marlene stiegen ins Auto, beide waren fesch gekleidet.

»Aufgerüscht«, meinte der Jackl, aber er meinte es ganz und gar nicht abfällig. Im Gegenteil. Auch er verstand es, sich bei passender Gelegenheit in Schale zu werfen und flott daherzukommen. Warum sollte er nicht ab und zu etwas aus sich machen und den anderen zeigen, dass er nicht auf der Brennsupp’n dahergeschwommen war?

Heute fand im Berghotel »Am Sonnenhang« die Neujahrsfeier der Bergwacht statt. Julian Bender war wie viele andere junge Männer aus dem Dorf in der Rettungsmannschaft und versäumte keine Übung, selbst dann nicht, wenn er einen langen Arbeitstag hinter sich hatte.

»Ein schönes Paar«, hüstelte Marie und nippte an ihrem Almräuscherl. »Sie schauen glücklich aus. Wenn’s nur so bleibt … ich würd’s den beiden wirklich von Herzen wünschen. Besonders der Marlene.«

»Müsst ihr Weiberleut immer überall ein Problem sehen?«, fuhr Jackl auf. »Das begreif ich net! Geh her, trink noch einen Schluck und dann bring ich dich heim. Sonst segelst du noch bei Eis und Schnee den Weg hinunter! Aber eins sag ich dir: Demnächst lass ich dich erst dann gehen, wenn die Sonne hinter den Bergen hervorspitzt.«

»Das könnte dir so passen«, erwiderte Marie. »Da kannst du lange warten, Jackl!«

Er lachte nur, denn er hatte genau die zarte Röte gesehen, die ihr bei seinen Worten ins Gesicht gestiegen war.

Donnerwetter, sie schaute ja aus wie ein Dirndl von achtzehn Jahren, das grad den ersten Kuss bekommen hat!

Und das alles meinetwegen, dachte der Jackl. Sakra, das neue Jahr lässt sich gut an!

Es blieb nur zu hoffen, dass alles so günstig weiterging. Nicht nur für ihn und Marie, sondern für alle Menschen im Tal.

***

Marlene Bender ging gerne mit ihrem Mann aus, denn sie war sehr stolz auf ihn.

Stolz spielte in ihrem Leben überhaupt eine große Rolle. Unter anderem auch in ihrem Mädchennamen. Ein paar Leut hatten früher gemeint, dass der Nachname »Stolzinger« genau passend für sie war. Marlene setzte sich über Bemerkungen dieser Art hinweg.

Sie wusste, was sie wollte, ohne jedoch stur oder dickköpfig zu sein. Niemand konnte ihr so leicht nicht an den Karren fahren, denn sie hatte gelernt, wie sie sich lästige Zeitgenossen vom Hals halten konnte.

Man musste sich ja nicht mit jedem einlassen. Was hinter dieser Haltung steckte, war ein »gesunder« Stolz. Marlene wollte sich nicht demütigen oder veralbern lassen – in diesem Punkt setzte sie ganz klare Grenzen.

Von ihrem Ex-Verlobten Steffen Hinzinger hatte sie sich getrennt, weil er sie hinter ihrem Rücken gegenüber Freunden und Bekannten als »zickige Henne, die sich aber im Kammerl leicht rupfen lässt« bezeichnet hatte.

Was sonst noch alles über seine Lippen gekommen war, wollte sie heute gar nicht mehr wissen.

Seine Entschuldigung hatte sie zwar angenommen, aber sie vermied es, ihm über den Weg zu laufen.

Seine Entgleisung war nicht zu begreifen. Sie hatte ihn immer mit Achtung behandelt und nie ein schlechtes Wort über ihn verloren. Umso schmerzlicher war es gewesen, dass er sie auf so üble Weise verunglimpft hatte.

Doch das war schon eine ganze Weile her. Inzwischen hatten sich in Marlenes Leben die Weichen umgestellt – ganz von selbst!

Sie war seit einigen Monaten Julians Frau und liebte ihn hingebungsvoll.

Die junge Hoferbin hätte nie gedacht, dass sie jemals so tiefe Gefühle empfinden würde. Ihn zu sehen, sich zu verlieben und nur noch an ihn zu denken, das war für sie wie Schritt in eine wundervolle Zukunft gewesen.

Sie hatte ihr Glück kaum fassen können, als er ihr gestanden hatte: »Du bist mein Engel, ich will nur dich – für immer und ewig.«

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