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Der Bergdoktor - Folge 1692

Das Drama am Wasserfall

Schwere Stunden für die Bergwacht und Dr. Burger

Von Andreas Kufsteiner

Der Weg zur Hasselbachschlucht ist ein beeindruckendes Naturschauspiel. Durch einen dichten Wald geht’s steil hinauf, immer entlang an einem geheimnisvoll murmelnden Wildbach. Kurz vor dem Ziel wartet dann das größte Abenteuer: eine schmale Hängebrücke, auf der man von der aufspritzenden Gischt nass gespritzt wird.

Da es in den letzten Tagen pausenlos geregnet hat, ist der Bach stark angeschwollen. Es gurgelt und brodelt, wenn die Wassermassen mit unheilvollem Tosen über die Felsen in die Tiefe stürzen.

»Gib mir lieber die Hand!«, sagt Verena Lechtaler zu ihrer sechsjährigen Tochter Kathi, die sich weit über das Geländer beugt. Zu weit – denn noch bevor die besorgte Mutter ihr Kind packen kann, verliert Kathi plötzlich das Gleichgewicht und stürzt ab …

Die Jeggl-Alma sah aus dem Fenster ihres Gemischtwarenladens in St. Christoph und nickte zufrieden.

Endlich schien die Sonne und verdrängte die düsteren Wolken, die seit Wochen wie eine schwere Last über dem idyllischen Bergdorf brüteten und dem Frühling verwehrten, Einzug ins Land zu halten. Nach dem langen Winter hatte die nasskalte Witterung den Menschen in dem abgeschiedenen Hochtal noch mehr aufs Gemüt gedrückt.

Die Alma wandte den Kopf und gewahrte Georg Manger, der mit tapsigen Schritten dem Laden zustrebte. Aufgrund eines Gendefektes war der Fünfzehnjährige, der mit seinem Vater und der vier Jahre älteren Schwester auf einem Einödhof am Rautenstein lebte, von Geburt an behindert.

Georg war sehr groß und kräftig, weshalb seine unbeholfenen Schritte noch grotesker wirkten. Dazu besaß er ein kindliches Gemüt und war unfähig, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Er strahlte jeden treuherzig an und war dann umso betroffener, wenn man ihn verhöhnte. Besonders die Dorfjugend von St. Christoph sparte nicht an Spott.

Die Ladenbesitzerin seufzte tief, als sie auf der anderen Seite der Straße die Huber-Zwillinge daherkommen sah. Das hatte noch gefehlt! Die vierzehnjährigen Buben waren im ganzen Dorf wegen ihres frechen Verhaltens verschrien und hatten auch schon so einiges auf dem Kerbholz. Wann immer sie Georg begegneten, machten sie sich einen Spaß daraus, ihn zu hänseln.

Rasch lief die Ladenbesitzerin zur Tür und bezog dort Posten, um dem Jungen zu Hilfe zu kommen, sollten die Zwillinge ihm gar zu sehr zusetzen. Diese verharrten und lachten lauthals.

»Guck mal, dort kommt der Dorftrottel«, riefen sie im Chor.

Georgs argloses Grinsen verstärkte sich noch und tat Alma in der Seele weh. Sie wusste, dass er unter dem Spott litt. Aber sein sanftes Gemüt machte es ihm unmöglich, die Lästerzungen in ihre Schranken zu weisen, obwohl er ihnen körperlich überlegen war.

Er hätte die Zwillinge allein mit dem Griff seiner Hand in die Knie zwingen können. Ebenso war er keinesfalls dumm. Doch seine langsame Sprechweise verwehrte ihm eine scharfe Erwiderung, die den Spöttern schnell den Wind aus den Segeln nehmen würde.

Alma ahnte, dass sich hinter der Fassade des scheinbaren Trottels ein kluger Kopf verbarg, der nur entsprechend gefördert werden müsste. Georg half oft im Laden, wenn sie eine Lieferung schwerer Waren bekam. Dann wuchtete er nicht nur die Kartons umher, als wären sie mit Watte gefüllt, er räumte auch gewissenhaft die Regale ein. Nie stand etwas am falschen Ort. Dafür zahlte sie dem Jungen ein Taschengeld.

Georg schlenkerte nervös mit dem Einkaufskorb, während Jens Huber ihn umkreiste wie der Wolf das Lamm. Alma fürchtete, dass Georg einen epileptischen Anfall erleiden könnte. Besonders Angst und Stress lösten bei ihm die Krämpfe aus.

Sie wollte schon eingreifen, als sie aus den Augenwinkeln Ludwig Sirch daherkommen sah. Der Gendarm machte seine übliche Runde durchs Dorf, hatte aber diesmal aufs Motorrad verzichtet und ging zu Fuß, weshalb ihn die Zwillinge nicht bemerkten.

Boshaft trieben sie weiter ihre derben Scherze mit Georg.

»Geht weg, ich will einkaufen«, stammelte Georg hilflos.

»Oh, einkaufen will der Trottel!«, äffte Jens nach und gab dem Jungen mit der flachen Hand einen Schubs gegen die Schulter, dass er strauchelte.

»Hat dir denn dein Papi auch Geld mitgegeben, oder lässt er bei der Jeggl-Alma anschreiben, weil du zu dumm zum Zahlen bist?«, stieß Lorenz in das Horn des Bruders.

»Kann zahlen«, antwortete Georg trotzig und versuchte an den Zwillingen vorbeizukommen. Doch sie verstellten ihm abermals den Weg.

»Dann zeig doch mal her, wie viel du vom Papi bekommen hast.« Jens verzog geringschätzig die Lippen und riss Georg den Korb aus den Händen.

»Es reicht!«, grollte da die tiefe Stimme des Gendarmen.

Die Zwillinge fuhren auseinander und blickten erschrocken zu dem Gesetzeshüter auf, der schon aufgrund seiner massigen Gestalt eine Respektsperson war.

Ludwig Sirch hakte die Daumen in den Bund seiner Hose und unterzog die Brüder einer strengen Musterung. Der Blick seiner stahlgrauen Augen ließ die eben noch überheblichen Burschen zu Zwergen zusammenschrumpfen.

»Diesmal kommt ihr mir net davon«, knurrte er. »Nötigung ist eine Straftat.«

Die Drohung fruchtete jedoch nicht. Wie immer wähnten sich die Zwillinge aufgrund ihrer Jugend vor dem Zugriff des Polizisten sicher und grinsten nur hämisch. Sie hatten ihren Schreck überwunden.

Ludwig Sirch nahm seine Mütze ab und drehte sie bedächtig in den Händen.

»Ihr habt vor Kurzem euren vierzehnten Geburtstag gefeiert«, erläuterte er in gleichmütigem Ton. »Somit seid ihr nun strafmündig und müsst für eure Vergehen geradestehen.« Er setzte den Hut wieder auf, rückte ihn zurecht und lächelte triumphierend. »Also, fühlt euch net so sicher.«

Nun erlosch das Grinsen der Zwillinge. In ihren Mienen zeigte sich Unsicherheit.

»Aber wir haben doch gar nix getan«, beschwerte sich Lorenz und hob abwehrend beide Hände. »Was können wir dafür, wenn der Trottel nix begreift?«

»Beleidigung kommt also auch noch dazu«, bemerkte der Gendarm ungerührt und zückte sein Notizbuch. »Nur weiter so, da kommt einiges zusammen.« Er hob den Kopf und bohrte seinen Blick abermals in die Augen der Burschen. »Wolltet ihr den Georg vielleicht bestehlen?«

»Oh, nein, wirklich net!«, beteuerte Jens und wippte unbehaglich auf den Zehenspitzen. »Wir haben doch nur Spaß gemacht.«

»Ein dummer Spaß, den nur Hohlköpfe wie ihr lustig finden«, brummte der Sirch und steckte das Notizbuch wieder weg. Er hatte die Burschen nur einschüchtern wollen. »Nun trollt euch. Aber solltet ihr den Georg nochmals provozieren, fällt mir schon etwas ein, um euch Strolchen soziales Verhalten zu lehren.« Er zog mahnend eine Augenbraue hoch.

Daraufhin warfen sich die Zwillinge hastig herum und liefen unter dem verächtlichen Lachen des Gendarmen davon.

***

Georg marschierte rasch zum Gemischtwarenladen und schlüpfte hinein.

»Die haben’s aber gekriegt«, keuchte er ein wenig außer Atem vom schnellen Lauf und grinste schadenfroh.

Die Jeggl-Alma nickte grimmig. »Wurde auch Zeit, dass jemand den Strolchen die Leviten liest.« Sie bückte sich und holte eine Zeitschrift unter dem Ladentisch hervor. »Ist heute gekommen«, sagte sie und reichte Georg die Computerzeitung zu, die er bestellt hatte. »Was machst du nur mit dem Zeug?«, wunderte sie sich. Es war nicht die erste Zeitung dieser Art, die sie für ihn besorgen musste.

»Ich lese darin«, antwortete Georg gleichmütig und warf stolz den Kopf zurück. »Kann schon sehr gut mit dem Computer vom Papa umgehen.«

Die Alma zog die Augenbrauen hoch. Sie wusste, dass der Bauer dem Sohn wohl niemals erlauben würde, seinen Computer zu benutzen. Peter Manger kam mit Georgs Behinderung nicht zurecht und traute dem Jungen nichts zu.

Jetzt senkte Georg den Kopf. »Papa hat mir verboten, an den Computer zu gehen«, gestand er und scharrte nervös mit dem Fuß. »Er hat Angst, ich könnte was kaputt machen oder seine Dateien löschen.« Der Stolz gewann wieder die Oberhand, und seine Augen funkelten listig, als er verstohlen hinzufügte: »Aber immer, wenn Papa net da ist, übe ich heimlich daran. Ich hole mir Bücher aus der Gemeindebücherei und bringe mir alles selbst bei.«

Für jemanden, der nur eine Förderschule besucht hat, eine beachtliche Leistung, dachte die Alma erstaunt. Sie rieb versonnen ihr Kinn.

»Dein Vater hat seinen Computer doch bestimmt mit einem Passwort gesichert?«, hakte sie argwöhnisch nach.

Georg winkte lässig ab. »War leicht zu knacken.« Er sah sich um. »Ich mag der Irmgard was schenken«, verkündete er unvermittelt. »Sie ist immer so gut zu mir.«

Die Alma wusste, wie sehr Georg an der älteren Schwester hing. Irmgard war für ihn Mutterersatz, seit die Mutter die Kinder und den Vater vor sieben Jahren verlassen hatte.

Gerlinde Manger war aus der Großstadt Innsbruck gekommen und hatte das Leben auf dem Einödhof nicht länger ertragen. Es war ihr dort zu einsam gewesen und das weltabgeschiedene Zillertaler Bergdorf zu bieder. Außerdem hatte sie die Behinderung ihres Sohnes als persönlichen Makel empfunden, seit dieser älter geworden war und sich nicht mehr so leicht auf dem Hof verstecken ließ.

Der Jeggl-Alma war es ein Rätsel, warum die kapriziöse Frau, die sich nur ungern die Finger schmutzig gemacht hatte und stets wie aus dem Ei gepellt dahergekommen war, überhaupt in einen Bauernhof eingeheiratet hatte. Aber Peter Manger war ein fesches Mannsbild und durch den Verkauf einiger ererbter Grundstücke auch nicht unvermögend gewesen. So manches Madel aus St. Christoph hätte gern mit Gerlinde getauscht.

Doch der Bauer war der hübschen Städterin regelrecht verfallen gewesen. Er hatte sie auf Händen getragen und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Es gab kaum ein modernes Gerät, das nicht in der großen Wohnküche vom Bauernhaus zu finden war, und Gerlindes Kleiderschrank quoll von all den Gewändern über, die sie gekauft oder sich bei der Dorfschneiderin von St. Christoph hatte anfertigen lassen.

Als die Innsbruckerin ihren Mann verließ, hatte sie ihm nicht nur das Herz gebrochen, sondern sie hatte auch sein Vermögen durchgebracht. Heute war der vormals herzliche und immer gut gelaunte Peter Manger ein verbitterter, mürrischer Mann, dem keiner etwas recht machen konnte. Am wenigstens der Sohn, dem er insgeheim die Schuld an der Flucht der Mutter gab.

Wenigstens liebt die neunzehnjährige Irmgard den kleinen Bruder abgöttisch und entschädigt ihn für die Missachtung des Vaters, dachte die Alma bei sich. Aber auch die Hoftochter hatte ihr Packerl zu tragen und war ein unglücklicher, vom Leben benachteiligter Mensch.

»Was guckst du so komisch, Alma?«, holte Georg die Ladenbesitzerin aus ihren Gedanken. »Musst kein Mitleid haben, weil die Huber-Buben so gemein zu mir waren. Der Gendarm hat sie verscheucht.«

Alma nickte. Für Georg war die Sache erledigt und seine Welt wieder in Ordnung. Sie wandte sich um und nahm eine Haarbürste aus einem Schaukasten hinter der Verkaufstheke, in dem auch Kosmetikartikel aufbewahrt wurden. In ihrem Laden konnte man alles kaufen, was man zum täglichen Leben brauchte. Nur für den Großeinkauf musste man nach Mayrhofen fahren.

»Wäre das net ein schönes Geschenk für die Irmgard?«, lächelte sie.

Die Bürste war etwas Besonderes, sie hatte weiche Borsten und war mit schimmerndem Perlmutt besetzt. Eigentlich passte die kleine Kostbarkeit eher in eine exklusive Drogerie als in den Gemischtwarenladen. Aber die Alma hatte sich vom Vertreter aus reiner Nostalgie beschwatzen lassen. Sie selbst hatte in jungen Jahren eine Ähnliche besessen.

»Oh, ist die schön!«, schwärmte Georg und klatschte in die Hände. Doch dann ließ er unglücklich die Schultern sinken. »Aber … bestimmt teuer. Hab nur wenig Geld.«

»Mach dir mal keine Gedanken«, tröstete die Ladenbesitzerin. »Nächste Woche bekomme ich eine große Lieferung, da brauche ich deine Hilfe. Die Bürste verrechnen wir damit.«

Das war zwar ein Verlustgeschäft, weil die Ware wirklich ihren Preis hatte und Georg ihr noch das Geld für diverse Zeitungen schuldete, doch sein glückliches Lächeln genügte ihr. Alma mochte den immer freundlichen Jungen gern und verstand nicht, warum man ihn verspottete. Auch so mancher Erwachsene belächelte den Trottel vom Rautenstein.

***

Irmgard Manger saß auf einem Felsen, einige Meter vom Wohnhaus entfernt, und ließ ihre Blicke versonnen über die Berge gleiten.

Sie genoss die Strahlen der Frühlingssonne, die gierig die letzten Schneereste fortleckte, um Platz für die Frühlingsboten zu machen.

Nur zögerlich schoben die bunten Krokusse ihre Köpfe aus der weichen Erde, und die lilafarbenen Blüten des Alpenglöckchens ließen noch ganz auf sich warten. Auch die Bäume hüllten sich dieses Jahr nur langsam in ihr grünes Kleid.

Doch Irmgard war zuversichtlich. Sobald die Sonne erst ihre volle Kraft entfaltet hatte, würde sich das Wachstum der Natur beschleunigen.

Die Hoftochter lächelte versonnen. Sie liebte ihre Heimat und die sechs Berge, die das Hochtal wie schützende Wächter umstanden. Wenn sie den Kopf wandte, konnte sie auf den Feldkopf blicken, den höchsten Berg der Gegend, auf dessen Gipfel ein Gletscher schimmerte.

Daran schmiegte sich rechts der Hexenstein, der wiederum in die Beerenhalde mündete, einem lang gestreckten Tafelberg. Diesem schloss sich dann der Rautenstein an. Unterbrochen von der Bergstraße, folgten der Achenkegel und schließlich das Frauenhorn.

Nur eine einzige kurvenreiche Straße führte von Mayrhofen in das abgeschiedene Tal, was St. Christoph und seine Weiler vor dem Massentourismus bewahrte. Hier oben blieb die Natur noch in ihrer ursprünglichen Schönheit erhalten.

Die junge Frau drehte sich um und blickte zum Einödhof. Jetzt verdüsterte sich ihre eben noch verträumte Miene. Das einst stolze Gehöft bot einen trostlosen Anblick. Der Putz blätterte von den Mauern, die Tür zum Kuhstall hing schief in den Angeln, und in den Wänden vom Schober klafften Löcher. Dazu lag überall Unrat umher, und vormals teure Gerätschaften rosteten vor sich hin.

Irmgard seufzte. Der Vater hatte den Verrat der Mutter nie überwunden. Aus dem arbeitsamen und energischen Bauer, der seinen Hof wie ein Kleinod gepflegt hatte, war ein Griesgram geworden, dem alles egal war. Seit dem Tod des Altbauern vor fünf Jahren ließ der Vater die Zügel gänzlich schleifen.

Irmgard selbst tat zwar, was sie konnte, aber sie war schon mit der Wirtschaft im Haus und dem Gemüsegarten ausgelastet. Sie kochte, machte die Wäsche und sorgte für ein wohnliches Heim. Dazu ging sie dem Vater beim Melken zur Hand und mistete die Ställe aus.

Georg versuchte ebenfalls, sich nützlich zu machen, aber er brauchte oft Stunden, nur um den Kuhstall auszumisten. Dann geriet der Vater oft in Rage und schimpfte den Bruder einen Nichtsnutz. Natürlich taten ihm seine Ausraster hinterher leid. Aber seine lasche Entschuldigung konnte Georg auch nicht trösten.

Irmgard kaute verdrossen auf ihrer Unterlippe. Auch sie hatte es nicht leicht mit dem Vater. Zwar nörgelte er nicht an ihr herum und ließ ihr in allem freie Hand, aber seine Gleichgültigkeit ...

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