Logo weiterlesen.de
Der Bergdoktor - Folge 1690

Herbergssuche in St. Christoph

Unvergessliche Weihnachten mit dem Bergdoktor

Von Andreas Kufsteiner

St. Christoph im Weihnachtsschmuck. Verträumt und idyllisch liegt das Bergdorf unter einer dichten Schneedecke, auf dem Kirchplatz erstrahlt der große Christbaum im Glanz vieler Lichter, und überall in den Häusern wird fleißig gebacken und gebastelt.

Die Menschen sind voller Vorfreude – und niemand ahnt, dass in dieser klirrend kalten Winternacht ein junges Paar verzweifelt durch die stillen Gassen irrt und den Glauben an Frieden und Barmherzigkeit verliert …

In St. Christoph herrschte Adventsstimmung. Der große Christbaum war auf dem Dorfplatz aufgestellt worden, und nun waren die jungen Burschen und Madeln eifrig und mit roten Wangen dabei, die Tanne zu schmücken.

»Na, wenn da bloß keiner runterfällt«, murmelte die Jeggl-Alma, als sie pünktlich zu Mittag ihren Laden schloss. Es war Samstag, und somit hatte sie jetzt Feierabend.

»Aber geh, die haben doch die Feuerwehrleiter«, meinte die Bachhuber-Zenzi, die gerade noch ein paar Einkäufe für das Wochenende gemacht hatte.

Almas Gemischtwarenladen lag für sie sehr günstig an der Ecke vom Marktplatz zur Kirchgasse. Und am Ende der Kirchgasse befand sich das Doktorhaus, in dem die Zenzi seit über vierzig Jahren Haushälterin war.

»Geh, komm, schauen wir ein bisserl zu«, forderte sie Alma auf. Die beiden Frauen waren etwa im gleichen Alter, etwas über sechzig, und sie waren seit Jahrzehnten befreundet.

»Bei der Kälte?«, fragte die Alma zweifelnd und rieb sich die kalten Hände. »Mir scheint, es fängt schon wieder an zu schneien.«

Zenzi lachte. »Mei, sei doch froh! Es geht auf Weihnachten zu. Da gehört doch der Schnee dazu.«

»In Bethlehem wird’s wohl net geschneit haben«, brummte die Alma. »In Gottes Namen, ich hol nur meinen Mantel und die Fäustlinge«, gab sie dann doch nach.

Zenzi stellte ihren Einkaufskorb in Almas Hausflur ab, dann gingen die beiden Frauen die paar Schritte zum Kirchplatz, wo die Dorfjugend mit dem Schmücken des hohen Christbaums beschäftigt war.

»Schön ist der heuer wieder«, meinte die Zenzi bewundernd, und ihre grauen Augen glänzten. »So dicht und gerade gewachsen.«

»Der Madleitner soll ihn gespendet haben«, wusste Alma zu berichten und schlang ihren dicken Wollschal um den Kopf. Sie tat es vorsichtig, um ihre kunstvoll am Hinterkopf aufgerollten, weißen Löckchen nicht zu zerzausen.

»So, so, der Madleitner«, bemerkte die Zenzi und sah zu, wie die Burschen die Lichterkette am Baum befestigten. »Ausgerechnet er spendet einen Christbaum. Drückt ihn am Ende das Gewissen?«

Alma sah sie kurz an, doch dann wendete auch sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Baum zu.

»Du meinst, weil er seine Tochter, die Greta, damals kurz vor Weihnachten vom Hof gejagt hat?«

»Mei, er hat sie doch net verjagt«, verteidigte Zenzi den Bauern. »Die Greta ist doch selber mit diesem Italiener auf und davon. Vor zwei Jahren war das, und uns geht das auch gar nix an.«

»Jesses!«, entfuhr es der Alma entsetzt, und Zenzi folgte ihrem Blick.

Eben war ein Bursch der Bergwacht dabei, den goldenen Stern auf der Spitze des Baumes zu befestigen, als er kurz das Gleichgewicht verlor und sich an das Sicherungsseil der Hebebühne klammerte. Es war nur ein kurzer Ausrutscher, und der Bursch hatte sofort wieder Halt. In aller Seelenruhe befestigte er den Stern, kletterte über das Schutzgeländer zurück auf die Hebebühne, klinkte das Seil aus und ließ sich hinunterfahren.

»Da hätte jetzt weiß Gott was passieren können«, murmelte die Jeggl-Alma düster.

»Ich weiß net, was du alleweil hast«, brummte die Bachhuberin. »Die Burschen machen das ja net zum ersten Mal, die sind net leichtsinnig. Du, ich muss jetzt heim und den Lebkuchen machen. Der braucht ein paar Wochen, damit er so richtig schön weich wird.«

Sie wandte sich um und ging auf die Kirchgasse zu. Alma folgte ihr rasch.

»Zenzi! So warte doch, du hast ja den Korb noch bei mir im Flur stehen!«

Die Bachhuber-Zenzi sprach nicht mehr mit ihrer Freundin, die immer alles so schwarzsah. Das ging ihr manchmal schon sehr auf die Nerven, aber so richtig bös konnte der Alma doch nicht sein.

»Kriegst heuer wieder einen Lebkuchen«, versprach sie, als sie sich mit dem vollen Einkaufskorb auf den Heimweg machte.

Der Weg war nicht lang, und die Bachhuberin beeilte sich nicht. Dicke Flocken fielen aus den grauen Wolken, sanft und ruhig, als würde es keinen Wind geben.

Bald ist Weihnachten … Die Zenzi lächelte und dachte an ihre Lieben im Doktorhaus. Es waren »ihre« Lieben, eine andere Familie hatte sie nicht, und sie war sehr dankbar, dass sie hier eine gefunden hatte.

Sie war als junges Madel ins Doktorhaus gekommen, als die Frau von Dr. Pankraz Burger so plötzlich gestorben war. Sein Sohn Martin war damals gerade elf Jahre alt gewesen, und der Verlust der Mutter hatte ihn hart getroffen.

Nicht nur ihn, auch Vater Pankraz. Der hatte sich in seiner Praxis vergraben und nur noch für seine Arbeit und seinen Sohn gelebt. Die Zenzi hatte dafür gesorgt, dass Vater und Sohn ein geregeltes Leben führen konnten, und war zur Vertrauten der beiden geworden. Das war nicht immer leicht gewesen, aber die Zenzi hatte es mit viel Diplomatie geschafft.

Martin war Arzt geworden, wie sein Vater. Nach dem Studium war er in die Praxis seines Vaters eingetreten und hatte seine Jugendliebe, die Oberndorfer-Christl, geheiratet. Das Glück der beiden war vollkommen gewesen, als Christl schwanger geworden war.

Es war jedoch von Anfang an eine Problemschwangerschaft gewesen. Pankraz und Martin hatten alles gewesen, um es Christl leichter zu machen, doch es war zu einer Frühgeburt mit Komplikationen gekommen. Weder Pankraz noch Martin hatten verhindern können, dass Christl innerhalb weniger Minuten verblutet war, und auch das Baby hatte nicht überlebt.

Um nicht vollends zu verzweifeln, hatte Martin nach diesem Schicksalsschlag die Heimat verlassen und war nach München an ein großes Krankenhaus gegangen. Dort hatte er sehr erfolgreich eine Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie gemacht.

Er hatte an der Klinik bestimmt Karriere gemacht, wenn ihm die Zenzi nicht eines Tages einen ganz verzweifelten Brief geschrieben hätte. Darin hatte sie ihm mitgeteilt, dass sein Vater die Praxis verkaufen wollte, weil er den Anforderungen eines Landarztes nicht mehr gerecht werden konnte.

Da hatte Martin nicht gezögert und war wieder heimgekehrt. Er war männlicher, gereifter und seines Könnens sicher geworden. Aber er war derselbe einfühlsame Mensch geblieben, der er immer gewesen war.

Sein Lachen hatte er wiedergefunden, als er Sabine Rodenwald kennengelernt hatte. Die hübsche Wiener Ärztin mit dem Fachgebiet der Anästhesie war bei ihrer Tante Rika in St. Christoph zu Besuch gewesen. Zwischen Sabine und Martin hatte es sofort gefunkt, und nur ein Jahr später hatten sie geheiratet.

Zenzi lächelte in der Erinnerung und stieß das Gartenürl auf. Inzwischen hatten die beiden drei Kinder, den frechen Rauhaardackel Poldi, zwei Zwerghasen und eine Schildkröte.

»Geh, Poldi, sei doch still!« Zenzi sperrte die Haustür auf, und der Dackel entwischte sofort in den Garten. »Na, wenigstens hab ich vor dir Ruh, wenn ich endlich den Lebkuchen mache«, meinte sie und ging sofort an die Arbeit.

***

»Hm, das riecht’s aber gut«, stellte Sabine Burger fest, als sie mit Laura, ihrer Jüngsten, auf dem Arm zu Zenzi in die Küche kam.

»Gut«, plapperte die gerade zweijährige Laura nach und streckte ihr Ärmchen nach einem Blech mit frisch gebackenem Lebkuchen aus.

»Vorsicht, Mauserl, heiß!«, warnte die Zenzi, und Sabine drückte die Kleine an sich.

»Sag mal, Zenzi, hättest du vielleicht einen Kaffee für mich?«, fragte sie vorsichtig.

Wenn die Zenzi beim Backen war, konnte sie ungehalten werden, wenn man sie störte. Doch Sabines Befürchtung war grundlos.

»Ich hab eben erst einen gemacht«, erwiderte die Zenzi und lächelte. »Ich hab nämlich selbst schon einen richtigen Kaffeedurst. Den krieg ich immer, wenn ich Lebkuchen backe.«

Sabine setzte sich an den Küchentisch und stellte das Laura-Mauserl auf die gepolsterte Bank. Die Kleine hielt sich schon selber an der Tischkante fest, doch Sabine war immer bereit, sie zu stützen, wenn das Gleichgewicht noch nicht so mitspielte.

»Wo sind denn die zwei Großen?«, wollte Zenzi wisse, als sie zwei Kaffeetassen füllte.

»Bei der Probe zum Hirtenspiel«, erwiderte Sabine und nahm der Zenzi dankend das dampfende Kaffeehaferl ab. Sie trank einen Schluck und stellte das Haferl außer Lauras Reichweite auf den Tisch.

»Tessa spielt einen Engel und Filli einen Schäfer. Die zwei Sätze Text kann er immer noch net auswendig, aber es ist ja noch Zeit.«

»Da hast du recht, es sind ja noch ein paar Wochen. Du, unser Filli packt das schon!«

Sabine nahm noch einen Schluck. Der heiße Kaffee tat ihr gut, doch sie bezweifelte tief in ihrem Inneren, ob ihr fünfjähriger Bub die beiden langen Sätze des Hütebuben wirklich flüssig sprechen würde.

»Tessa macht den Engel sicher gut«, meinte sie und stahl sich einen Lebkuchen vom Blech. Er war frisch gebacken und noch weich, und sie schloss die Augen, als sie ihn aß. »Warum kriegen wir den immer erst am Heiligen Abend?«

»Weil er erst wieder weich werden muss, und das dauert halt lang. Sag mal, ist der Martin noch net da?«, wechselte Zenzi das Thema.

»Nein, er und Pankraz sind mit zur Probe. Filli hat sich das gewünscht, er will nämlich dem Opa und vor allem dem Papa beweisen, welch großer Schauspieler er ist. Tessa ist das peinlich, aber du weißt ja, wenn Filli sich was in den Kopf setzt, führt er es auch aus.«

Zenzi nickte lächelnd. Ja, der Bub hatte mit seinen fünf Jahren schon seinen eigenen Kopf. Eigentlich hieß er ja Philipp, aber als er zu sprechen begonnen hatte, hatte er sich selber immer Filli genannt. Dieser Kosename war ihm geblieben, sogar im Kindergarten rief man ihn so.

Tessa fühlte sich mit ihren acht Jahren dem kleinen Bruder haushoch überlegen, und das ließ sie ihn gerade jetzt beim Hirtenspiel spüren.

»Ich muss der Tessa sagen, dass sie net immer am Filli rumnörgelt«, meinte Sabine aus ihren Gedanken heraus und gab der kleinen Laura ein Stückerl vom frischen Lebkuchen. »Gerade bei den Proben bremst sie den Buben schon arg.«

»Ja«, bestätigte die Zenzi und schichtete den Lebkuchen vorsichtig in eine Blechdose. »Aber wehe, jemand anderer sagt etwas über ihn. Da kann das Madel fuchsteufelswild werden!«

»Es sind halt, Gott sei Dank, ganz normale Kinder«, meinte Sabine auf und trank ihre Kaffeetasse leer. »Kann ich dir ein bisschen helfen?«

Zenzi winkte ab. »Net nötig. Ich hab nur die zwei Bleche zu backen, dann bin ich für heute fertig. Ah ja, der Poldi ist heut noch net richtig gelaufen. Könntest du mit ihm und Laura noch eine Runde gehen, bevor es ganz dunkel wird?«

Sabine nickte zustimmend und verließ mit der Kleinen die Küche. Sie dachte an das erste Weihnachtsfest im Doktorhaus. Martin und sie waren damals gerade ein paar Monate verheiratet gewesen, und Sabine hatte zum ersten Mal in ihrem Leben eine ländliche Tiroler Weihnacht erlebt.

Sie war ja in Wien geboren und auch dort aufgewachsen. Ihr ganzes Leben hatte sich immer in der Stadt abgespielt.

Natürlich hatte sie als Kind immer wunderschöne Weihnachten erlebt, aber mit der Zeit war ihr der Sinn des Festes verloren gegangen. Erst hier im Zillertal hatte sie alte Brauchtümer kennengelernt und dadurch erkannt, dass Weihnachten nicht nur aus Christbaum und gegenseitigen Geschenken bestand.

Sogar das Weihnachtsessen war nicht der Höhepunkt. Der Höhepunkt war die Mitternachtsmette, bei der sich alle Dorfbewohner und die Bauern aus dem Umkreis in der kleinen Kirche einfanden, um gemeinsam die Geburt des Erlösers zu feiern. Freudig und in geselliger Stimmung, und jeder hatte eine Laterne mit einer brennenden Kerze dabei.

Sabine hatte die Kleine auf den Schlitten gepackt und zog sie die Kirchgasse entlang dem Dorfplatz zu. Es schneite, und das Dunkel der Winternacht brach leise und behutsam über das Dorf herein.

Die meisten Fenster der Häuser waren schon weihnachtlich geschmückt, und im warmen Lichtschein in den Räumen blitzten und funkelten die Sternchen und Glöckchen.

Sabine wurde es ganz warm ums Herz. Sie zog den Schlitten neben sich und beugte sich zu ihrer Tochter.

»Schau mal, Laura«, flüsterte sie. »Wenn das Christkind diese Lichter sieht, wird es bald kommen.«

Die Kleine streckte die Ärmchen aus, und Poldi sauste schwanzwedelnd davon. Er hielt vor zwei Erwachsenen und zwei Kindern, die auf dem Weg nach Hause waren.

Sabine wartete, bis die kleine Gruppe sie erreicht hatte.

»Liebling!« Martin Burger gab seiner Frau ein herzhaftes Busserl auf die kalte Wange. »Wie schön, dass ihr uns entgegenkommt«, freute er sich und hob Laura aus dem Schlitten. »Na, was ist, Mauserl?«, wandte er sich an seine Jüngste. »Versuchen wir ein paar Schritte im Schnee?«

»Lass ihn nur«, riet Pankraz Burger und nahm Sabine am Arm. »Nach ein paar Schritten wird er sie sowieso tragen müssen.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Bergdoktor - Folge 1690" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen