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Der Bergdoktor - Folge 1689

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Wenn niemand deine Wünsche hört …
  4. Vorschau

Wenn niemand deine Wünsche hört …

Dr. Burger und ein stiller Traum in Kinderaugen

Von Andreas Kufsteiner

Traurig hockt die kleine Trixi am Fenster und schaut hinaus ins Schneetreiben. Vor ihr liegt ein leeres Blatt Papier – ihr Wunschzettel. Dabei ist es nicht so, dass sie gar keine Wünsche hätte, im Gegenteil. Aber keinen davon kann das Christkind erfüllen! Trixi will endlich kein Bauchweh mehr haben! Und sie wünscht sich, dass ihre liebe Mama zurückkommt. Aber die ist bei den Engerln droben im Himmel!

Ihr Papa hat deshalb beschlossen, schon bald die Stöger-Katrin zu heiraten, damit wieder eine Frau auf den Hof kommt. Aber das will Trixi auf gar keinen Fall!

Plötzlich fällt ihr etwas ein: Vielleicht kann man auf einen Wunschzettel auch schreiben, was man sich nicht wünscht …

Und schon nimmt Trixi den Stift zur Hand …

Trixi hockte auf der untersten Treppenstufe und beobachtete, wie ihr Vater seinen Anorak aus dem großen Einbauschrank im Flur nahm.

In diesem Schrank hingen Janker und Joppen, Windjacken, Regencapes und allerlei praktische Kleidungsstücke, die man täglich und das ganze Jahr hindurch brauchte.

Natürlich waren auch Trixis Sachen dabei und ebenfalls die von Großmama und Großpapa, weil sie mit im Haus wohnten. Zwar in einer separaten Wohnung neben dem Wintergarten, aber jederzeit erreichbar. Im Schrank waren neben Schubkästen und Kleiderstangen nämlich auch noch viele Fächer vorhanden für Handschuhe, Schals, Tücher, Trachtenhüte und Mützen. Ein ganzer »Kramladen« hatte darin Platz.

Hin und wieder kamen Dinge zutage, die mit Erinnerungen verbunden waren. Das konnte manchmal ganz schön wehtun. Zum Beispiel, als Trixi kürzlich Mamas Seidentuch mit den gestickten Enzianblüten gefunden hatte.

Das siebenjährige Madel dachte oft daran, dass ihre Mutter im sonntäglichen Dirndl mit dem feinen Tuch um die Schultern so schön wie eine Prinzessin gewesen war.

Mama hatte immer so wunderschön gelächelt. Sogar dann noch, als sie gewusst hatte, dass sie bald in den Himmel gehen würde. Sie war unheilbar krank gewesen, aber ihren neunundzwanzigsten Geburtstag hatte sie noch erleben dürfen, zusammen mit ihrer über alles geliebten Familie.

Warum muss jemand sterben, wenn er noch jung ist und so gern weiterleben will?, grübelte Trixi.

Während ihr Vater hinten im Schrank nach seinen Schuhen suchte, rollten dem blonden Schulmädel ein paar Tränen über die Wangen.

Papa merkte es anscheinend nicht, denn er polterte ungeduldig umeinander, weil er die »Treter« für das derzeitige Regenwetter nicht fand. Selbstverständlich enthielt der Schrank auch ein geräumiges Abteil für Schuhe aller Art.

Nichts im ganzen Haus war so praktisch wie dieses altehrwürdige Möbelstück, in dem man auch allerlei verstecken konnte. Zum Beispiel lästige Diktathefte, in dem die Fehler rot unterstrichen waren, oder ein Zettel, auf den Trixis ein Jahr älterer Schulfreund Benni geschrieben hatte: »Morgen um dreih Uhr in der alten Scheune, du must drahn dencken!«

Sie gingen beide in die zweite Klasse, Benni hatte wegen seiner Abneigung gegen das Lernen einmal eine so genannte »Ehrenrunde« gedreht.

Er liebte abenteuerliche Unternehmungen. Trixi bewunderte ihn dafür. Ein bisschen abenteuerlich durfte es schon hergehen, das vertrieb jede Art von Langeweile!

Die alte, verlassene Scheune drüben am Hochecker Brückl, die Benni als Treffpunkt ausgesucht hatte, fiel unter die Rubrik »Spiel, Spaß, Spannung.« Ein bisserl unheimlich war’s dort, weil Eulen im Gebälk wohnten und weil man auf den Heuboden klettern konnte.

Benni hatte es geschafft, einen rückwärtigen Durchschlupf ausfindig zu machen. Die Scheunentür war nämlich fest verriegelt. Trixi fand, dass Benni sehr mutig war, denn er hatte vor gar nichts Angst, auch wenn es manchmal so merkwürdig in den Ecken des alten Gebäudes knisterte.

Mit der Rechtschreibung haperte es bei ihm aber bedenklich. Da musste dringend etwas passieren.

Benni war nach wie vor faul in der Schule. Er hasste die Lernerei inzwischen so sehr, dass er die Hausaufgaben weit von sich schon. Trotzdem wollte er später Professor für alles Mögliche werden, vor allen Dingen im Bereich Archäologie. Weil das Wort so schwer war, sprach er von »Ausgrabungen in Ägypten, wo die ganzen Pyramiden sind.«

So ein großspuriges Gerede!

Trixi schüttelte den Kopf, wenn er mal wieder davon anfing. Weiterhin störte sie sich daran, dass er nicht richtig zuhörte, wenn sie ihm ihre Sorgen anvertrauen wollte. Meistens zuckte er nur die Schultern und meinte: »Ich kenn mich gar net aus. Aber du kannst ein Lakritzstangerl haben. Willst du eins mit rosa Streifen oder mit gelben?«

Benni trug immer Lakritzstangen mit sich herum, weil sie so schön klebrig waren und daher nie aus den Hosentaschen fielen.

Freilich durfte Trixi nur wenig Süßigkeiten essen und nie mehr als eine einzige Lakritzstange, denn sonst bekam sie sofort Bauchweh. Dr. Burger, der Bergdoktor, hatte ihr erklärt, dass sie bestimmte Nahrungsmittel nicht vertrug, weil sie eine Erkrankung im Bauch hatte.

Den Namen der Krankheit hatte er ihr zwar gesagt, aber sie vergaß ihn immer wieder. Es war irgendetwas mit C, das sich aber wie »Krone« anhörte.

Er hatte zum Glück gemeint, dass die Krankheit bei ihr ganz bestimmt wieder verschwinden würde, weil sie erst vor zwei Jahren nach Mamas Tod aufgetreten und daher nicht angeboren war.

Ziemlich oft war sogar alles gut, dann merkte Trixi nichts von dem Grummeln im Bauch, aber manchmal tat ihr vom Magen an abwärts alles so weh, dass sie weinen musste. Sie hatte dann große Angst vor den schmerzhaften Krämpfen. In diesem Fall kam Dr. Burger sofort auf den Hof, oder Papa brachte sie ganz schnell in die Praxis.

Trixis Vater kramte immer noch im Schrank.

»Hast du meine Allwetterschuhe gesehen, Engerl?«, fragte er kopfschüttelnd.

»Nein. Nur deine Bergschuhe, Papa.«

»Die brauch ich jetzt net.«

»Wohin gehst du?«

»Auf einen Sprung in den Ochsenwirt. Der Fabian ist dort. Wir wollen ein bisserl reden. Ich hab ihn schon eine Weile net gesehen, das ist schade. Immerhin ist er mein Freund und Bergkamerad. Ich kenn ihn schon sehr lange. Ach, da sind ja die Schuhe! Dann will ich mich jetzt beeilen.«

Marius Sonngruber schlug den Kragen seiner Windjacke hoch.

Draußen goss es, und stürmisch war’s auch, aber er wollte trotzdem zu Fuß gehen. Ihm war jedes Wetter recht, auch wenn es Katzen und Hunde regnete.

In zwei Tagen begann der November, was wollte man also von Petrus erwarten? Einen klaren, funkelnden Sternenhimmel etwa? Ausgeschlossen! Das gab’s jetzt nicht.

In den Dezembernächten vielleicht wieder, wenn es frostig war und die Sterne wie eisige Kristalle strahlten und wenn der Schnee unter den Füßen knirschte. Dann glänzte auf dem Kirchplatz von St. Christoph jedes Jahr eine prächtige Bergtanne im Schein der festlichen Weihnachtslichter.

Derzeit musste man freilich damit rechnen, dass man vom stürmischen Wind zusammengepustet wurde wie ein Häuflein Blätter.

Aber auch das konnte seine schönen Seiten haben.

Gegen den Sturm ankämpfen und merken, dass man eben doch der Sieger in diesem Wettkampf blieb – das war genau das Richtige für den sportlichen, feschen Hofbesitzer.

Vor neun Jahren hatte er als fünfundzwanzigjähriger Diplom-Agrarwirt den großen Berghof von seinen Eltern übernommen. Damals hatte er an eine wunderbare Zukunft zusammen mit seiner geliebten Lena geglaubt – ein Leben lang.

Aber Lena, seine große Liebe, war fort. Für immer gegangen, dorthin, wo es kein Leid und keinen Schmerz gab. Seine Liebste war ganz leise eingeschlafen, denn sie hatte keine Kräfte mehr gehabt. Die Krankheit – akute lymphatische Leukämie – war trotz Lenas Tapferkeit und ihres Willens, wieder gesund zu werden, schließlich doch stärker gewesen.

Aber Trixi war da, das gemeinsame Töchterchen, das den wunderschönen Taufnamen Patricia erhalten hatte. Trixi, das Herzblatt mit den blauen Augen, die wieder einmal tränennass schimmerten.

Marius wusste, wie traurig seine Kleine immer noch war, weil sie ihre Mutter so sehr vermisste.

Doch das Leben musste weitergehen. Auf dem Hof sollten geordnete Verhältnisse herrschen, auch ein bisserl Fröhlichkeit gehörte dazu. Lena hätte es so gewollt und nicht anders.

»Gehst du ganz bestimmt nur in den Ochsenwirt, Papa?«, wisperte Trixi.

»Freilich. Ich bleib auch net lang aus. Aber für dich wird’s langsam Zeit zum Schlafen. Wenn du magst, kannst du nebenan bei Oma und Opa schlafen.«

»Au ja. Und im Ochsenwirt ist nur der Fabian?«

»Es werden auch noch andere Gäste dort sein.« Marius seufzte. »Was soll denn die Fragerei?«

»Ich will net, dass die Katrin auch da ist.«

»Natürlich nicht. Fang net wieder mit diesem dem an, Trixi. Katrin Stöger ist eine nette Person, sie mag dich sehr gern.« Marius räusperte sich. »Gib dir mal ein bisserl Mühe und sei net immer so abweisend zu ihr, wenn sie uns besucht«, fuhr er fort. »Es kann niemand so sein wie deine Mama, das ist klar. Aber du musst lernen, dass auch andere Menschen ihre guten Seiten haben. Die Katrin hat eine herzliche und freundliche Art.«

»Ich will aber net, dass sie bei uns daheim in den Stuben herumgeht und sich alles anschaut«, maulte Trixi. »Sie möchte ja bloß, dass ihr alles gehört.«

»Das ist ein Schmarrn.« Marius Sonngruber öffnete die Haustür. Ein Windstoß fuhr herein. Über dem Eingang verbreitete die Hoflampe ein helles Licht. Ansonsten war’s aber stockfinster draußen.

»Schlaf schön, Spatzl. Und zerbrich dir net den Kopf. Ich schau noch mal nach dir, wenn ich zurückkomme. Das merkst du nicht, weil du dann schon etwas Schönes träumst. Aber ich werd dir ein Busserl geben, das versprech ich dir.«

»Ich hab dich lieb, Papa.«

»Ich dich auch, mein Engerl.«

Die Tür fiel ins Schloss. Trixi blieb auf der Treppenstufe hocken. Gleich würde Oma von nebenan rufen: »Der Bettzipfel winkt, Putzerl!« Und der Großvater hatte sicher schon sein berühmtes Gutenacht-Getränk bereitgestellt: Tee mit Honig.

Für sich selbst gab er immer ein Stamperl Kirschgeist mit hinein, das wusste Trixi ganz genau. Zwar behauptete er, dass es nur ein bisserl Melissentinktur sei, aber er zwinkerte dabei immer so lustig mit den Augen.

Wenn mir doch jemand mal wirklich zuhören würde!, grübelte Trixi.

Alle meinten es so gut mit ihr. Papa, die Großeltern, die beiden Knechte und Fine, die Hauserin. Sie kam jeden Vormittag aus dem Weiler Bergfelden herüber. Aber keiner von den Erwachsenen kümmerte sich wirklich um ihre Wünsche! Immer hörten sie weg, weil sie es ja eh viel besser wussten. Lebenserfahrung nannten sie das.

Eine feuchte Hundeschnauze stupste Trixi sachte an.

»Ach, Leo, du schaust ja ganz müde aus. Aber du bist ja auch schon ziemlich alt. Dreizehn Jahre!« Das Madel streichelte den braven Vierbeiner, der zwar nicht mehr der Jüngste war, aber dennoch jeden Tag seine »wichtigen Aufgaben« als Familienhund wahrnahm. Unter anderem wusste Leo natürlich, welche Wünsche durch Trixis Kopf geisterten. Sie hatte es ihm schon oft erzählt, aber er behielt es selbstverständlich für sich.

So recht wollte es ihm nicht gefallen, dass sie sich unter anderem ein schneeweißes Kätzchen mit schmuseweichem Fell zum Weihnachtsfest wünschte, das »Flöckchen« heißen sollte. Zwei Katzen auf dem Hof, nämlich die getigerte Susi und die perlgraue Mimi, waren seiner Meinung nach mehr als genug.

Außerdem befürchtete Leo, dass er – ein gewichtiger Berner Sennenhund – in puncto Streicheleinheiten den Kürzeren ziehen würde, falls ein weißes Kuschelkätzchen unter dem Christbaum miaute. Aber was sollte er machen? Ein Glück, dass Herrchen dagegen war, noch eine Katze anzuschaffen.

Gutmütig legte er sich seiner kleinen Freundin zu Füßen. So saßen sie eine Weile friedlich beisammen, bis es wirklich Zeit zum Schlafengehen wurde. Burgl Sonngruber hielt Ausschau nach ihrer Enkelin.

»Trixi, mein Putzerl!«, rief die Altbäuerin in den Flur. »Wo steckst du denn? Warum hockst du da auf der Treppe umeinander? Ich hab im Kammerl schon das Bett aufgeschüttelt. Und der Honigtee ist auch gleich fertig. Aber vorher ratschen wir noch ein bisserl miteinander, net wahr? Bring den Leo mit, er bekommt noch ein Schälchen Futter. Und nun geschwind!«

***

»Wie immer wind- und wettererprobt«, begrüßte Fabian Herder seinen Freund. »Marius, der Stolz unserer Bergwacht! Zu Fuß durch Regen und Sturm, während ich natürlich das Auto genommen hab. Tapfer, tapfer! Schau an, so tropfnass bist du gar net, wie ich dachte.«

»Ich achte auf Qualität«, erhielt er zur Antwort. »An meinem Anorak perlt der Regen ab. Man muss eben ein bisserl mehr investieren, wenn man etwas Vernünftiges haben will.«

Fabian lachte. »Stimmt. Deshalb hab ich für uns auch schon mal ein Flascherl St. Magdalener bestellt. Und zwar nicht die billigste Sorte. Ich dachte mir, dass wir bei diesem grauslichen Herbstwetter ein gutes Tröpfchen verdient haben.«

»Richtig gedacht. Ein milder Rotwein ist wie Medizin, das sagt sogar der Doktor.« Marius Sonngruber hing seine Jacke an den Haken.

Im Gastraum beim Ochsenwirt war es urig und gemütlich, der große Kachelofen strahlte eine wohlige Wärme aus.

Nelli, das flinke Serviermadel, brachte zum Wein hausgemachte Laugenbrez’n und ließ anschließend seinen Blick über die zwei feschen Mannsbilder schweifen.

Freilich achtete sie darauf, dass dieser Blick so unauffällig wie möglich war.

»Solche Gäste hab ich gern«, raunte sie ihrer Kollegin Hannerl zu. »Zwei echte Sahneschnitten sind das! Net solche Waldschrate wie der Sebi und der Jockl drüben am Ecktisch. Und auch keine aufgeblasenen Platzhirsche wie die Söhne vom Steilwanger-Hof. Die hocken dort hinten und sind ausnahmsweise – was für ein Wunder – richtig handzahm. Der Lorenz hat mich sogar gefragt, ob’s mir wieder gut geht nach der Erkältung, die ich neulich hatte. So einfühlsam kenn ich ihn gar net!«

»Mei, so schlecht find ich sie nicht, die Steilwanger-Burschen, vor allem den Michi net«, meinte Hannerl. »Jedenfalls würde ich die Leiter net wegstoßen, wenn er bei mir zum Fensterln käme.«

Heute Abend hatte das ungute Wetter scheinbar die meisten Stammgäste davon abgehalten, ihren Feierabendschoppen oder ein frisch gezapftes Bier im »Ochsen« zu trinken.

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