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Der Bergdoktor - Folge 1688

Lass mich keine Nacht allein

Viel zu lange war sie einsam

Von Andreas Kufsteiner

Aus Liebe zu seiner Frau hat Horst Haderecker seinen Beruf als Musiker aufgegeben und ist Bauer geworden. Doch so sehr er sich auch bemüht, den Hof in Schuss zu halten, die Arbeit macht ihm keine Freude. Zudem nörgelt seine Schwiegermutter ständig an ihm herum.

Immer öfter wünscht sich Horst, aus dem tristen Alltag auszubrechen und wieder als Sänger durch die Lande zu ziehen. Abends flüchtet er sich in den »Ochsen«, um seinen Frust im Bier zu ertränken.

Für Linda, seine junge, schöne Frau, ist die Situation kaum noch auszuhalten. Da führt das Schicksal selbst eine Entscheidung herbei: Horst hat einen schweren Unfall …

Stahlblau überspannte der Himmel an diesem schönen Frühlingstag Ende Mai das Hochtal um das idyllische Bergdorf St. Christoph. Die Vögel tirilierten, und der sanfte Wind säuselte leise in dem Bergahorn, in dessen Schatten sich der Bauer Horst Haderecker niedergelassen hatte.

Versonnen blickte er den Achenkegel hoch, der seinen Namen dem konisch geformten Gipfel verdankte. Dort hangelten sich gerade zwei Bergsteiger über einen Felsvorsprung.

Horst wanderte dagegen lieber gemütlich durch die schöne Natur und genoss wie jetzt die Einsamkeit und Stille. Sein Blick schweifte ab und verfing sich in dem idyllischen Dorf tief unter ihm. Im warmen Licht der Nachmittagssonne wirkte St. Christoph noch reizvoller.

Schmucke Häuser und blitzsaubere Bauernhöfe scharten sich um die weiße Dorfkirche, auf deren Turm sich ein goldener Wetterhahn im Wind drehte. An den Hängen der Berge zogen sich tiefgrüne Wälder bis weit in die Felsen hinauf, und auf einem sanft geschwungenen Hügel am Frauenhorn, das sich dem Achenkegel anschmiegte, erhob sich das stilvoll restaurierte Barockschlössl des Barons von Brauneck. Das prächtige Anwesen befand sich schon seit Generationen im Besitz der Adelsfamilie.

Gegenüber behauptete das Berghotel »Am Sonnenhang« am Fuß der Beerenhalde, einem lang gestreckten Tafelberg, seinen Platz. Es war das einzige Zugeständnis des Gemeinderates an den Fremdenverkehr und fügte sich mit seinem rustikalen Holzbau hervorragend in die Landschaft ein.

Der vierunddreißigjährige Bauer wandte den Kopf und sah zum Feldkopf hinüber, dem höchsten Berg der Gegend, auf dessen Gipfel ein Gletscher schimmerte. Auf diesen führte eine Kabinenbahn hoch.

Über samtene Wiesenmatten gelangte man dann zum Hexenstein hinüber, der stolzer Besitzer von gleich zwei Gipfeln war, einer leicht zu besteigen und der andere schrundig und steil.

Die Gratwanderung führte weiter über die Beerenhalde und mündete schließlich in den Rautenstein, dem letzten der sechs steinernen Wächter um das Hochtal. Dort führte eine kurvenreiche Bergstraße von Mayrhofen herauf, die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Ein verträumtes Lächeln umspielte die Lippen des Bauern. Er lebte gern an diesem idyllischen Ort. Dabei hatte er sich früher nie vorstellen können, einmal sesshaft zu werden.

Als Scheidungskind mit einem pflichtvergessenen Vater und einer alkoholkranken Mutter war er schon früh von zu Hause weggegangen und als Straßenmusikant durch die Lande getingelt. Er war ein Meister auf dem Akkordeon und hatte eine schöne Tenorstimme.

Doch dann war er vor sieben Jahren der Hoftochter Linda Einmüller begegnet und hatte sich Hals über Kopf in das bildhübsche Madel verliebt. Trotzdem hatte er sich nicht zum Bauern berufen gefühlt und Abstand gewahrt.

Aber die Liebe war stärker gewesen. Als Linda dann unerwartet schwanger geworden war, hatte Horst nicht mehr gezögert, sie zum Traualtar zu führen.

Inzwischen hatte ihre Liebe reiche Früchte getragen. Zu dem Stammhalter Michael, der demnächst seinen sechsten Geburtstag feierte, waren noch zwei süße Mädchen hinzugekommen, die vier Jahre alte Mara und die knapp zweijährige Rosalie.

Horst seufzte. Seine Familie war sein größtes Glück, aber ein guter Bauer war trotzdem nicht aus ihm geworden. Das lag vor allem an seiner Schwiegermutter Traudl, die ihm mit ihrem ständigen Genörgel den Spaß an der Arbeit vergällte.

Das Lächeln des jungen Bauern wich einem verdrossenen Ausdruck. Es könnte alles so wundervoll sein, würde die Traudl ihn endlich akzeptieren. Von Anfang an hatte ihn die verwitwete Altbäuerin abgelehnt und einen Schmarotzer genannt, der sich ins gemachte Nest setzen wollte. Ebenso hatte sie keinen Hehl daraus gemacht, dass ihr der zweitgeborene Sohn des Nachbarbauern als Schwiegersohn lieber gewesen wäre.

Georg Wörner war auch ein netter Bursche und Linda zugeneigt gewesen. Trotzdem hatte sie seine Gefühle nicht erwidern können und ihr Herz schließlich an Horst verloren.

Georg hatte sich damit abgefunden und war Horst heute ebenfalls ein guter Freund.

Nur Traudl begegnete ihrem Schwiegersohn noch immer voller Missgunst und Ablehnung. Selbst den Spaß an der Musik verleidete sie ihm.

Horst nahm das Akkordeon auf, das neben ihm lag, und hängte es um. Dann setzte er sich auf dem großen Felsstein zurecht und begann zu spielen. Seine flinken Finger entlockten dem Instrument die herrlichsten Töne. Dazu sang er ein wunderschönes Heimatlied.

Sofort besserte sich seine Laune, und er vergaß den Ingrimm auf die Schwiegermutter. Doch da endete das Musikstück mit einem jähen Misston.

Wütend ließ Horst von dem Instrument ab und betrachtete seine Hände. Mit diesen Schwielen an den Fingern war es ihm einfach nicht möglich, mit der Leichtigkeit zu spielen, die ihm früher so eigen war. Dabei war die Musik sein Leben und er ein begnadeter Musiker, wie man ihm bescheinigte.

Doch da hatte er auch noch nicht als Holzfäller gearbeitet und sich die Hände ruiniert. Ohne das Zubrot kamen sie aber nicht über die Runden. Der Hof warf einfach nicht genug ab, um die Familie zu ernähren.

Wieder entwich dem Bauern ein inbrünstiger Seufzer, und seine Miene wurde noch düsterer.

Die ersten Jahre seiner Ehe hatte er noch auf Hochzeiten und Familienfesten aufgespielt und so gutes Geld verdient. Dabei war er jedoch manchmal erst nach Mitternacht nach Hause gekommen. Daraufhin hatte die Schwiegermutter Zweifel an seiner Treue gestreut, und seither verfolgte ihn Linda mit ihrer Eifersucht.

Um den Ehefrieden zu retten, hatte Horst mit dem professionellen Musizieren aufgehört und spielte nur noch im Freundeskreis.

Grimmig verzog er das Gesicht. Wie sehr er die Arbeit als Holzfäller hasste! Zwar war der Baron von Brauneck ein loyaler Arbeitgeber und zahlte gut, aber Horst war nun mal nicht dazu geschaffen, mit schwerem Werkzeug Bäume abzuholzen.

Er wollte musizieren! Das lag ihm im Blut. Entschlossen griff er in die Tasten des Akkordeons und stimmte ein neues Lied an.

»Hätte ich mir denken können«, erklang da eine gehässige Stimme in seinem Rücken. »Der Herr frönt mal wieder seinem Vergnügen, statt die Hofarbeit zu verrichten. Das Nachmittagsmelken ist schon überfällig. Die Kühe schreien sich die Seele aus dem Leib, weil ihnen das Euter schmerzt.«

Horst atmete tief durch und bezwang den aufsteigenden Ärger, bevor er sich zu seiner Schwiegermutter umwandte, die ihn zornig anfunkelte.

»Die Linda wollte die Kühe melken«, erwiderte er ruhig. »Ich muss üben. Der Anderl Weber feiert am Sonntag seinen achtzigsten Geburtstag. Da soll ich aufspielen.«

Der Hotelier aus Mayrhofen, dessen Sohn inzwischen die Geschäfte führte, gehörte nicht unbedingt zu seinem Freundeskreis. Aber die Feier zog sich wegen des hohen Alters des Jubilars nicht bis in die Nacht hinein, weshalb Linda diesmal nichts gegen das Engagement einzuwenden hatte. Außerdem brauchten sie das Geld dringend für den Kauf einer neuen Waschmaschine.

»Die Linda ist mit der Rosalie zum Bergdoktor gefahren«, antwortete Traudl barsch. »Die Kleine hat wieder einen Hustenanfall erlitten.« Sie zerrte unwirsch an dem Halstuch, das sie wegen des noch immer frischen Winds umgebunden hatte, der von den Bergen blies. Beim schnellen Lauf war ihr warm geworden.

Horst presste die Lippen aufeinander, bevor ihm noch ein falsches Wort herausrutschte.

Rosalie litt an Asthma. Doch Dr. Burger, der Landarzt von St. Christoph, hatte sie mit Medikamenten gut eingestellt und auch Hoffnung gemacht, dass sich die Erkrankung mit zunehmendem Alter des Mädchens bessern würde. Trotzdem eilte Linda bei jeder Unregelmäßigkeit mit dem Kind zu dem Bergdoktor, wie der warmherzige Arzt von seinen Patienten respektvoll genannt wurde.

Die Altbäuerin stemmte die Hände in die mageren Hüften.

»Soll ich die Kühe vielleicht allein melken?«, mokierte sie sich, als Horst nicht schnell genug auf die Beine kam. Sie warf sich herum und marschierte davon.

Ergeben stand der Bauer auf, hängte sich das Akkordeon über die Schulter und folgte der Schwiegermutter. Er wunderte sich selbst, wie ruhig er nach außen blieb, während es in seinem Innern brodelte. Aber er war schon immer Auseinandersetzungen aus dem Weg gegangen und hatte lieber seinen Ärger hinuntergeschluckt. Als Kind hatte er viel zu oft die lauten Streitigkeiten seiner Eltern mit anhören müssen.

Horst knirschte mit den Zähnen. Wenn Linda verhindert und er beim Holzfällen war, machte es Traudl nie etwas aus, das Melken der knapp zwanzig Milchkühe zu übernehmen.

Die zweiundsechzigjährige Bäuerin erfreute sich noch bester Gesundheit. Dazu besaßen sie eine Melkanlage, und die Kühe trotteten meist von allein zum Melkstand, wenn das Euter voll war.

Aber Traudl konnte es nicht leiden, wenn Horst sich einen Lenz machte. Dabei hatte er bereits acht Stunden Waldarbeit hinter sich und die Ställe ausgemistet, bevor er sich zum Üben in die Berge zurückgezogen hatte.

***

Als sie auf dem Hof ankamen, war Linda mit dem Kind wieder zurück.

»Schon fertig mit dem Üben?«, wunderte sich die zweiunddreißig Jahre alte Bäuerin und hängte ihre Jacke an die Garderobe in der Diele.

Sonst kam Horst nicht vor dem Abendessen nach Hause, wenn er in die Berge ging, um ungestört zu musizieren. An seinem Lieblingsplatz musste er nicht das Genörgel der Schwiegermutter ertragen.

»Deine Mutter braucht Hilfe beim Melken«, brummte Horst mürrisch und stellte das Akkordeon auf die Kommode.

»Schmarrn!«, fuhr die hübsche Bäuerin auf. »Mutter hat gemeint, sie käme gut allein klar. Sonst wär ich doch net mit Rosalie zu Dr. Burger gefahren.« Sie verzog das Gesicht. »Die Kleine macht so komische Geräusche beim Atmen, weshalb ich in Sorge war.«

Ihre Miene entspannte sich wieder, während sie sich zu ihrem Nesthäkchen beugte und ihm sanft über den seidigen Blondschopf strich. »Es ist gottlob nix Ernstes. Der Bergdoktor meint, unser Butzerl sei nur ein bisserl erkältet.«

Traudl war jetzt ebenfalls ins Haus gekommen und hatte das Gespräch gehört.

»Ich bin halt auch net mehr die Jüngste«, rechtfertigte sie sich, ohne Horst eines Blickes zu würdigen. »Außerdem macht mir heute meine Arthritis wieder zu schaffen. Da ist’s gewiss net zu viel verlangt, wenn der Drückeberger mal mit anpackt.«

»Mama!« Linda blitzte die Altbäuerin zornig an. »Bitte halt …« Sie brach ab, als ihre beiden älteren Kinder den Kopf durch die offene Tür der Wohnstube steckten. Ihre laute Stimme hatte sie herbeigerufen. »Hör auf, ständig auf Horst herumzuhacken«, zischte sie der Mutter leise zu.

»Nimm ihn nur wieder in Schutz, deinen Musikanten«, gab Traudl verstimmt zurück. »Ein Bauer sollte sich um seine Arbeit kümmern und net den Kopf voller Flausen haben.«

»Schon gut, hab eh keine Lust mehr zum Spielen«, ging der Bauer verdrossen dazwischen. Er wollte nicht schon wieder Zankapfel zwischen Mutter und Tochter sein. »Ich melke die Kühe und geh danach noch auf ein Bier in den ›Ochsen‹. Mit dem Abendessen musst du net auf mich warten, Linda. Mir ist der Appetit vergangen.« Mürrisch stampfte er davon.

In der Dorfwirtschaft »Zum Ochsen«, die sich gleich neben der Kirche befand, trafen sich die Bauern der Umgebung beim Stammtisch.

Früher war Horst nicht so gern hingegangen, weil er als Fremder nicht willkommen gewesen war. Nicht nur die Traudl hatte ihn einen Schmarotzer genannt. Inzwischen wurde er von den jüngeren Bauern akzeptiert, und das Gerede der starrköpfigen Alten war ihm egal. Die Wirtschaft wurde ihm immer mehr zum Zufluchtsort, um den Zorn über die Demütigungen seiner Schwiegermutter im Bier zu ertränken.

Linda runzelte ärgerlich die Stirn. Warum wehrt sich Horst nicht gegen die unberechtigten Vorwürfe der Mutter?, dachte sie grimmig. Dann hätte die Traudl vielleicht mehr Achtung vor ihm und würde ihre Lästerzunge besser im Zaum halten.

»Dank dir, dass du mal wieder den Familienfrieden durchgeschüttelt hast«, stieß sie erbittert hervor, packte ihren Einkaufskorb und trug ihn in die Küche. Sie hatte die Fahrt ins Dorf gleich für Besorgungen im Gemischtwarenladen der Jeggl-Alma genutzt.

»Pah, dafür hat der Horst schon selbst gesorgt«, verteidigte sich Traudl und folgte der Tochter mit dem Nesthäkchen an der Hand nach.

Sie setzte das Kind auf die Eckbank, wo es müde sein Köpfchen auf einem Kissen bettete. Dann half sie Linda beim Auspacken des Einkaufskorbes.

»Ich werde nie begreifen, warum du diesen Hungerleider heiraten musstest, statt dem Georg eine Chance zu geben«, zündete sie die Lunte weiter an.

Linda knallte die Tür zum Küchenschrank so heftig zu, dass das Geschirr darin klirrte. Sie atmete tief durch, um den aufwallenden Zorn zu bezwingen.

»Mama, net wieder die alte Leier«, bat sie mühsam beherrscht. Sie wusste, wenn Traudl erst mal loslegte, würde sie so schnell nicht wieder aufhören.

Doch diese war schon nicht mehr zu bremsen.

»Der Georg ist ein aufrechter Bursche und hat’s als Vorarbeiter in der Holzwirtschaft des Barons von Brauneck weit gebracht«, hielt sie Linda abermals vor. »Dazu ist er ein guter Bauer. Net wie der Horst, der zwei linke Hände hat.«

»Der Horst ist halt net zum Bauern geboren«, verteidigte Linda spröde ihren Mann. Müde strich sich eine Strähne ihres langen Haares zurück, die sich aus dem Pferdeschwanz gelöst hatte. »Manchmal denk ich, ich hätte ihn net in diese fremde Welt bringen dürfen. Er war glücklich als Musiker. Jetzt ist er nur noch unglücklich, besonders, seit du Zwietracht zwischen uns gesät hast.«

Vorwurfsvoll bohrte sich ihr Blick in die Augen der Mutter.

»Ich hätte niemals die Treue meines Mannes anzweifeln und ihn auch noch um sein letztes Vergnügen bringen dürfen. Als Holzfäller ist er unzufrieden und wird immer launischer. Früher war der Horst kein Kneipengänger. Aber jetzt …« Sie brach ab und schniefte trocken.

Empört warf Traudl den Kopf zurück und stemmte die Hände in die Hüften.

»Gib nur mir wieder die Schuld! Es ist kein Geheimnis, dass dein Mann anderen Weibern schöne Augen macht, wenn er aushäusig aufspielt. Gelegenheit macht Diebe, das solltest du wissen.«

»D

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