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Der Bergdoktor - Folge 1684

Dr. Burger und eine traurige Liebe

Roman um bittere Tränen am ersten Hochzeitstag

Von Andreas Kufsteiner

Erst ein Jahr ist es her, dass Eva neben dem feschen Hofbesitzer Luis als strahlende Braut vor dem Altar gestanden hat. Damals hat sie geglaubt, dass ihre Ehe ein nie endendes Fest sein würde.

Heute, an ihrem ersten Hochzeitstag, sitzt sie allein in der Wohnstube und zieht eine bittere Bilanz. Sie hat den falschen Mann geheiratet! Die Süße, die Leichtigkeit und der Zauber ihrer Liebe sind Vergangenheit. Luis ist ein Egoist und Heimlichtuer, der immer öfter unbekannte Wege geht.

Da – die Haustür wird aufgeschlossen, Schritte poltern in der Diele … Luis kommt nach Hause! Evas Hände beginnen zu zittern, sie ringt nach Luft und kramt hastig ihr Tablettendöschen hervor. Nur so kann sie die Nähe ihres Mannes noch ertragen!

Eva hörte das Rascheln in den Büschen schon seit geraumer Zeit. Sie wusste eh, wer sich dort drüben im Unterholz zu schaffen machte und Reisig sammelte. Ein Grund zur Unruhe bestand nicht, ganz im Gegenteil.

»Ja, da schau her«, klang eine brüchige Stimme zu ihr herüber. »Das Everl! Was tust du denn da herinnen im finsteren Wald? Hast du denn gar keine Angst, Madel, dass der böse Wolf im Tannengrund herumschleicht? Genau der, vor dem sich so ein liebes Rotkäppchen wie du besser in Acht nehmen muss?«

»Reherl hab ich gesammelt, wahrscheinlich sind’s die letzten Pfifferlinge in diesem Herbst«, antwortete Eva. »So langsam wird’s für die Schwammerln doch schon ein bisserl zu kalt. Sie wachsen net mehr nach. Ich finde unseren Bergwald übrigens wunderschön und gar net finster. Außerdem weiß ich, wie man mit Wölfen jeder Art umgehen muss. Man darf sich net einschüchtern lassen.«

»Recht hast du, Madel«, kam es krächzend zurück.

Eva Falkner beobachtete, wie sich eine knorrige Gestalt durch die Büsche kämpfte.

Es war der Huber-Anton, der von allen nur »Jager-Toni« genannt wurde. Das in die Jahre gekommene Jägerhütl war sein Erkennungszeichen.

Der Toni war früher ein sehr gewissenhafter Aufseher im Forst gewesen, bis er nach seiner Pensionierung plötzlich den Boden unter den Füßen verloren und eine Zuneigung zum Birnen- und Enziangeist entwickelt hatte.

In St. Christoph hieß es, er sei sich nutzlos vorgekommen und habe keinen Sinn mehr in seinem Leben gesehen. Und wer von solchen Gedanken gequält wird, dem ist bald alles egal. So war’s auch beim Toni gewesen.

Zum Glück war er dem Alkohol aber noch einmal entronnen. Mit der Hilfe einsatzfreudiger und verständnisvoller Menschen wie Dr. Martin Burger, Förster Reckwitz und Pfarrer Roseder hatte er es geschafft, dem Branntwein und auch dem Starkbier zu entsagen.

Ein bisserl seltsam war der Toni freilich geworden, das ließ sich nicht leugnen. Das Alter nagte an ihm, obwohl er es nicht wahrhaben wollte. Zum Beispiel vergaß er vieles, sodass er sich manchmal nicht mehr so recht auskannte.

Doch trotz vieler Zipperlein fand er das Leben wieder lebenswert und machte sich nützlich, indem er auf Wunsch von Förster Reckwitz die Pfade und Waldwege im Auge behielt und eventuelle Schäden meldete.

Es war eine Tätigkeit, die ihn an seinen früheren Beruf erinnerte. Freilich wäre sein Einsatz nicht nötig gewesen, denn um die Wege kümmerten sich neben dem Förster persönlich auch die Waldarbeiter und die beiden derzeitigen Forstaufseher. Aber dem Toni half es, dass er wieder eine Aufgabe hatte.

In seinem Waldhäusl samt Schuppen, Wiese und einer Scheune lebte er allein mit seinem Hund, sechs Kaninchen und einer zahmen Bergdohle, die er vor dem Zugriff eines Steinadlers bewahrt hatte.

Ohne seinen grünen Hut, der ihm schon in seinen besten Jahren lieb und teuer gewesen war, ging der Toni nie vor die Tür. Es war ein echter Jägerhut mit einer mittlerweile zerfransten Auerhahnfeder.

Weil der Hut bereits ein biblisches Alter hatte, war er tatsächlich ein Überbleibsel aus längst vergangenen, guten Tagen.

Seine Form hatte er weitgehend verloren. Erstaunlich war es jedoch, dass der Filz noch immer tannengrün schimmerte. Der kräftigen Farbe hatten weder die Zeit noch das wechselnde Wetter etwas anhaben können.

In seiner zerrupften Lodenjoppe kroch der Toni unter einem Schlehenbusch hervor und fluchte: »Sakra, dieses Gesträuch, das vermaledeite! Stechen tut’s ohne Ende!«

»Warum krauchst du denn auch in den Schlehen herum?«, fragte Eva. »Die sind nun mal sehr grob mit ihren spitzen Stacheln.«

Der Jager-Toni wies auf den Korb, der an seinem Arm baumelte.

»Schlehbeeren hab ich gepflückt. Es ist noch net lang her, da hab ich Schnaps daraus gebrannt. Leider zu viel. Es war eine Sünde, was ich da gemacht hab, ein Vergehen gegen unseren Herrgott. Aber ich denk, dass er mir meine Unvernunft net nachträgt, wenn ich irgendwann einmal vor dem Himmelstor stehe. Der Pfarrer meint, dass es nur darauf ankommt, was in meinem Herzen geschrieben steht. Und das ist nix Schlechtes.«

»Ganz gewiss net, Toni. Es ist dir übel ergangen, du hast keinen Halt mehr gehabt. Da war dann eben der Schnaps an der Reihe. Aber es ist ja wieder alles gut geworden«, tröstete Eva den reuigen Sünder.

»Schlehengeist, dazu einen Becher Met aus Wildhonig und ein süßer Wein, das war ein heftiges Gemisch«, murmelte der Toni vor sich hin. »Heilige Notburga! Wenn du das trinkst, geht’s ab im Hirnskastl! Ich sag dir, da hört man die Engel im Himmel singen und sieht die roten Teufel in der Höllenglut stochern, alles miteinander in einem einzigen Augenblick. Es könnte passieren, dass man sich mit dem Gebräu ins Jenseits befördert – wenn man ein paar Becher zu viel in sich hineinschüttet.«

Reuevoll fügte er noch hinzu: »Jetzt mach ich Saft aus den Beeren. Man braucht viel Zucker, weil das herbe Zeug sonst im Hals kratzt. Schmecken tut’s net, aber es ist gesund. Jedenfalls sagt das die Trudel von der Ganten-Alm. Sie kennt sich mit allem aus, was draußen wächst. Der Schlehensaft muss eine Weile köcheln, hernach zieh ich ihn heiß auf Flaschen. Gut verschließen und trocken lagern, dann hat man das ganze Jahr einen Vorrat.«

Toni verstummte und zog keuchend ein Bündel Reisig hinter sich her.

»Das hab ich auch gesammelt«, erklärte er, während er sich auf einen Baumstumpf setzte und Eva aufmerksam aus seinen kleinen, geröteten Augen betrachtete. »Reisig kann ich überall finden, jeden Tag. Ich bin auch sonntags unterwegs. Auf den Winter zu will ich immer genug Holz und Zweigerl im Schuppen haben, sonst werd ich unruhig. Das darf net sein. Sobald ich unruhig bin, fühl ich mich arg schlecht. Geh her, Everl, komm ein bisserl näher heran. Ich will dich genau anschauen.«

Eine Brille lehnte der Toni strikt ab, weil er Gläser vor den Augen für einen Schmarrn hielt. In die Ferne schaute er noch recht gut, nur beim Lesen hatte er Schwierigkeiten.

Achtundsiebzig war er inzwischen, und wenn man ihn aufmerksam anschaute, dann sah er aus wie ein alter, windzerzauster Baum, dessen Borke langsam abblätterte.

Er dachte jedoch nicht daran, sich tatenlos in den einzigen Sessel zu setzen, der zwischen den alten Lärchenholzstühlen in seiner Stube stand.

Bei jedem Wetter streifte der Toni also auch heute noch durch den Wald, wie er’s früher als Aufseher getan hatte – wochentags und feiertags. Der Wald war sein Zuhause.

»Ich muss dich von ganz nah ansehen, Madel«, wiederholte der Toni beharrlich. »Ja, eine Feine und Hübsche warst du immer, das weiß ich noch, obwohl ich manches vergess. Schon als Schulmadel hast du immer ein ordentliches Kleidl angehabt und fesche Spangen im Haar. Und gelacht hast du, so recht von Herzen! Ein liebes Sonntagskind bist du gewesen. Und das bist du ja immer noch.«

»Es nützt freilich im Alltag nix, wenn man ein Sonntagskind ist«, seufzte Eva.

»Was hör ich da! Bist du denn net zufrieden? Nachdem du doch seit fast einem Jahr die Frau vom Falkner-Luis bist?« Der Toni schüttelte ungläubig den Kopf. »Du hast ihn doch von Herzen lieb gehabt und er dich, das konnte jeder sehen an eurem Hochzeitstag. Er hat dir viel besser gefallen als der andere, mit dem du vorher beisammen warst. Wie hieß er eigentlich, dieser Bursch?«

»Niklas Hornbacher.«

»Aus der Stadt, net wahr? Aus Innsbruck?«

»Niklas hat in Mayrhofen gewohnt, Toni.«

»Wie? Ich hab gemeint, dass er ein Städter war. Die Stadtleut taugen nix. Dieser Niklas wollte etwas Besonderes sein. Ein Platzhirsch. Zu dir passt so was net. Gut, dass er weg ist.«

Eva seufzte. »Hör zu. Niklas wollte nie etwas Besonderes sein, und ein Platzhirsch war er schon gar net. Das wäre im nie eingefallen, er hatte ein aufgesetztes Getue net nötig. Aber wir haben uns net einigen können, ob und wann wir heiraten. Er wollte gerne als Gartenbau-Fachmann Karriere machen und hat ein tolles Angebot für eine Parkanlage in Spanien bekommen, deshalb ist dorthin gegangen. Ich wollte net mit. Manchmal muss man Entscheidungen treffen, die vielleicht auch wehtun können. Ich gehöre hierher in meine Heimat.«

»Gut so.« Der Alte nickte und öffnete seinen Rucksack. »Ich hab ein hausgebackenes Brot dabei. Und ein Stückerl Bergkäs, das hat mir die Trudel gebracht. Iss mit, es langt für uns beide. Und dann erzählst du mir alles noch mal ganz genau. Wie du den Luis kennengelernt hast und wie es dazu gekommen ist, dass ihr geheiratet habt.«

»Toni, ich muss heim.«

»Ja, ja, heim musst du. Zu deinem Mann«, nuschelte der Alte. »Ein bisserl kannst du aber noch bleiben. Ich hab’s gern, wenn junge Leut von der Liebe reden. Mich hat’s nie so recht erwischt. Das rechte Gefühl war net da, obwohl mir ein paar fesche Dirndln über den Weg gelaufen sind. Jetzt hock ich am Abend allein in der Stube mit meinen Viecherln. Es ist schon gut so, ich will net klagen. Und nun hör ich dir zu, Madel.«

Eva schüttelte den Kopf. »Toni, da gibt’s nix mehr zu sagen. Ich hab dir alles schon oft genug erzählt. Net schon wieder.«

»Ich weiß es aber gar net mehr«, brabbelte der Alte vor sich hin und säbelte zwei dicke Scheiben von dem harten Brotkanten ab. »Kruzitürken, warum ist das Messer denn so stumpf? Jetzt red doch, Madel. Gleich muss ich zurück durch den Wald, bevor die Sonne untergeht.«

Natürlich wollte Eva dem vergesslichen Toni nicht zum x-ten Mal berichten, dass sie ihren Mann einfach »nur so« bei einem Fest auf der Feldkopfhütte kennengelernt hatte und sofort bis über beide Ohren in ihn verliebt gewesen war.

Damit der alte Wäldler Ruhe gab, plauderte sie ein bisserl mit ihm über dies und jenes.

Auf sein Drängen hin nahm sie sich eine Scheibe Brot und ein Stück Käse, damit er nicht glaubte, dass ihr seine Brotzeit nicht gut genug sei.

Tonis Gedächtnis war wirklich nicht mehr das beste. Manchmal funktionierte es aber noch überraschend gut.

Das waren dann die sogenannten »Blitze«, wie er es nannte. Die »Blitze« wurden jedoch immer seltener. Man musste ihm oft auf die Sprünge helfen, wenn sein »Hirnskastl« sich plötzlich vernebelte und die grauen Zellen nur noch auf Sparflamme arbeiteten.

Zum Glück vergaß Toni während der bescheidenen Mahlzeit ganz und gar, was er mit Eva vorhin beredet hatte. Damit war das Zusammentreffen der beiden beendet.

Er packte seine Habseligkeiten zusammen und lud sich den Korb wieder auf. Das Reisigbündel verstaute er in einem Sack, band ihn mit einem Strick zusammen und zerrte dieses seltsame Transportmittel über den Erdboden hinter sich her.

»Pfüat di, Madel!«, nuschelte er zum Abschied. »Ich weiß net so recht, wie ich’s dir sagen soll, aber glücklich schaust du net aus. Was ist denn passiert? Du musst etwas tun, damit du wieder lachen kannst. Grüß deine Eltern daheim bei euch in Mautz.«

»Toni, ich wohne doch jetzt drüben auf dem Falkner-Hof und net mehr in Mautz. Mein Elternhaus haben wir vermietet. Der Vater und die Mutter leben schon im zweiten Jahr bei meiner Schwester und deren Mann in Südtirol.«

»Ach! Das glaub ich net!«

»Es ist so. Allen geht’s sehr gut. Katrin ist mit einem Winzer in Kaltern verheiratet, sie haben ein schönes Weingut. Aber das hab ich dir auch schon an die hundert Mal erzählt.«

»Nein. Davon weiß ich gar nix. Aber wenn du es sagst.« Der Alte trottete davon. Das Schleifgeräusch seines Sackleinen-Bündels wurde leiser und leiser, bis es ganz verstummte.

***

Auch die junge Falkner-Bäuerin machte sich auf den Heimweg. Sie musste nicht länger als zwanzig Minuten gehen. Der große Hof, der seit einem Jahr ihr Zuhause war, lag auf einem Wiesenhügel und war von schon aus einiger Entfernung gut zu erkennen.

Die Dämmerung des frischen Oktobertages hüllte das idyllische Hochtal rund um St. Christoph in ein mildes, rauchblaues Licht, aus dem die goldenen Strahlen der untergehenden Sonne wie auf einem Gemälde hervorleuchteten.

Noch waren die Wiesen grün, Raureif und Frost schienen in weiter Ferne zu liegen. Aber nach drei herbstbunten Oktoberwochen, die den Menschen im Tal eine sonnige und gesegnete Zeit beschert hatten, musste man damit rechnen, dass es von heute auf morgen anders werden konnte.

Kalt, rau, auch windig bis stürmisch oder neblig und nass, so zeigte sich die andere Seite des Herbstes, wenn man Pech hatte, von Anfang November bis kurz vor Weihnachten.

Bei Dauerregen fröstelte man, schlüpfte in dicke Lodenjacken und hoffte, dass es vor dem Winter doch noch einige schöne Tage geben würde.

In den Bergen und auf den höher gelegenen Almen verwandelte sich im November der Regen meistens in Schnee.

Bis zum Ende des Monats Oktober waren es noch zehn Tage. Eine Galgenfrist? Oder hatte der November vielleicht ausnahmsweise vor, an seinen stillen Tagen statt Schnürlregen milde, friedliche Sonnenstrahlen ins Tal zu schicken?

Es war ein Montag. Eva verschwand mit ihrer Ausbeute – die Reherl würden fürs Nachtessen reichen – in der Küche des großen Bauernhauses.

Klara, die Hauserin, war schon gegangen.

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