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Der Bergdoktor - Folge 1683

Die heimliche Herrin vom Alpenhof

Packender Roman um Bauernstolz und Mädchenträume

Von Andreas Kufsteiner

Seit einem Jahr arbeitet Eva Kofler als Magd auf dem Alpenhof und ist von früh bis spät auf den Beinen, um alle Pflichten, die man ihr auferlegt, zu erfüllen. Dennoch hat sie keinen leichten Stand auf dem Hof. Vor allem Barbara Eibinger, der stolzen Bäuerin, kann sie einfach nichts recht machen. Je mehr Mühe Eva sich gibt, umso gemeiner behandelt die Chefin sie.

So manches Mal flüchtet sich Eva in ihre Kammer, damit niemand ihre Tränen sieht. Sie ahnt nicht, dass jemand nur darauf lauert, ihr heimlich zu folgen und sie auf besondere Weise zu trösten …

Der Mann küsste sie, als gäbe es kein Morgen. Nichts anderes schien mehr wichtig zu sein. Seine Hände waren überall und ließen sie alle Entbehrungen vergessen. Sie schloss die Augen und …

Ein leises Seufzen entfuhr Eva Kofler. Sie war so versunken in ihre Lektüre, dass sie die Schritte nicht hörte, die rasch lauter wurden. Erst, als eine belustigte Männerstimme sie fragte: »Träumst du schon wieder?«, schreckte sie hoch.

»Was?« Eva ließ ihren Roman sinken, und ihre Wangen begannen zu glühen.

»Hab ich dich erwischt.« Rupp Bartl zwinkerte ihr zu.

Mit seinen vierundzwanzig Jahren war der Knecht eine unauffällige Erscheinung. Seine Haare waren mittelbraun und rahmten ein blasses Gesicht ein, das zu regelmäßig war, um im Gedächtnis zu bleiben. Seinen schmalen Händen sah man nicht an, dass sie fleißig zupacken konnten. Rupp hatte einen Janker mit Hirschhornknöpfen über seinem Hemd an, weil der Herbstwind über die Berge fauchte und die Temperaturen spürbar abgekühlt hatten.

Er beugte sich über ihr Buch.

»Was liest du denn da?«

»Eine Liebesgeschichte.« Die Wärme in Evas Wangen vertiefte sich. Sie hatte sich vor ihrer Almhütte in eine warme Decke gekuschelt, um beim Lesen die letzten Sonnenstrahlen zu genießen.

Insgeheim sehnte sich nach der ganz großen Liebe, wie sie oft in den Romanen beschrieben wurde, die sie so gern las. Sie wünschte sich eine Familie und Menschen, zu denen sie gehörte, aber dieser Wunsch war bisher unerfüllt geblieben. Seit einem Jahr stand sie allein auf der Welt.

Die Bank vor ihrer Hütte war so gemütlich, dass Eva beim Lesen die Zeit vergessen hatte. Inzwischen neigte sich die Sonne den Bergen im Westen zu und tauchte den Himmel in einen rötlichen Feuerschein.

Den Sommer über wohnte Eva auf der Alm und hütete Schafe. Achtzig Tiere waren ihr anvertraut.

Eva liebte die Wochen, die sie auf dem Rautenstein verbringen durfte, allein mit den Tieren und der Natur. Die Alm gehörte der Familie Eibinger, die den Alpenhof in St. Christoph führte.

Die Almwirtschaft war seit Generationen von großer Bedeutung für die Bauern im Zillertal. Das Weidevieh pflegte im Sommer die hochgelegenen Wiesen und verhinderte, dass diese verwilderten. Im Tal wurde das Gras derweil getrocknet und für den Winter eingelagert. Auf diese Weise mussten die Bauern kein Futter kaufen.

Evas Hütte bestand aus zwei Zimmern: einer Küche und einer Schlafkammer. Daran schloss sich der Stall an.

Eva hatte auch einen Garten angelegt, in dem sie Kräuter, Salat und Tomaten zog. Fließendes Wasser gab es hier oben nicht.

Eva wusch sich an der Quelle und holte dort auch das Wasser, das sie zum Kochen und Saubermachen benötigte. Aber Strom hatte sie, denn die Hütte verfügte über einen Generator.

Rupp nahm seinen Rucksack ab und setzte sich neben sie. Er war Knecht auf dem Nachbarhof, wobei Nähe in den Bergen ein dehnbarer Begriff war. Das Gehöft lag einen Fußmarsch von einer guten Dreiviertelstunde entfernt.

»Ich finde es net gut, dass du hier oben allein wohnst«, brummte er.

»Ich bin ja net allein. Schau, ich habe achtzig Schafe und Fleckerl zur Gesellschaft.« Eva deutete auf den orangefarbenen Kater, der sich neben ihren Füßen zusammengerollt hatte und döste.

»Einen schönen Wächter hast du da«, schnaufte Rupp. »Er würde einen Eindringling glatt verschlafen. Hast du keine Angst, so alleine hier?«

»Warum sollte ich? Hierher kommen nur Wanderer und Bergsteiger, und von denen tut mir niemand etwas.«

»Mir ist trotzdem wohler, wenn du wieder im Dorf wohnst. Dann sehen wir uns auch öfter.« Rupp lächelte sie an. »Am Samstag ist Tanz im ›Ochsen‹. Die Hexensteiner spielen. Das wird bestimmt eine Riesengaudi. Gehst du mit mir hin?«

»Das würde bedeuten, die Schafe eine Nacht lang allein zu lassen, weil ich im Dunkeln nimmer heraufkomme. Das möchte ich net. Im Winter komme ich gern mit, aber jetzt geht es net.«

»Schade, aber ich hab mir schon so etwas gedacht. Nun, zum Glück ist es nimmer so lange hin bis zum Almabtrieb. Ich zähle schon die Tage bis dahin.«

»Ich auch«, bekannte Eva, klang aber alles andere als begeistert.

Der Winter rückte mit Riesenschritten näher. Die Tage wurden spürbar kürzer. Vogelschwärme zogen am Himmel gen Süden. Und morgens glitzerte der erste Reif auf den Wiesen. Noch gab es genügend Futter für die Tiere, aber schon bald würde Eva mit ihnen ins Tal hinabsteigen müssen. Drüben auf dem Feldkopf lag bereits Schnee.

Mit einem verheißungsvollen Lächeln öffnete Rupp seinen Rucksack.

»Ich hab dir übrigens etwas mitgebracht.«

»Wirklich? Aber ich hab noch gar net Geburtstag.«

»Dann soll ich es wohl wieder mitnehmen?« Schmunzelnd deutete er auf den Stapel Liebesromane in seiner Hand. Die Umschlagbilder versprachen spannende Lesestunden.

»Du hast mir neue Bücher mitgebracht?« Evas Augen leuchteten auf.

»Freilich.« Rupp legte den Stapel neben ihr auf die Bank. »Ich weiß doch, womit du dir am liebsten die Zeit vertreibst.«

»Danke schön. Das ist furchtbar lieb von dir!« Sie umarmte ihn und wollte ihre Schätze dann näher betrachten, aber Rupp hielt sie fest und drückte sie an sich. »Net. Was machst du denn da?« Mit einem verlegenen Lächeln löste sie sich von ihm.

Rupp machte keinen Hehl daraus, dass er gern mehr für sie wäre als ein Freund, und sie wünschte sich, ihr Herz würde in seiner Nähe schneller schlagen, aber das tat es leider nicht.

Oder machte sie sich selbst etwas vor?

Wollte sie sich nur nicht eingestehen, dass sie mehr für ihn empfand? Hatte sie unbewusst Angst vor der unweigerlich folgenden Veränderung?

Manchmal war Eva sich selbst nicht sicher, was sie empfand. Woher sollte sie wissen, wann ein Band tiefer war als jedes andere? In ihren Büchern gab es selten Zweifel, aber im wahren Leben sah das anders aus. Ein Seufzen entfuhr ihr.

Von ganz unten holte Rupp eine schwarze Spraydose aus seinem Rucksack und reichte sie ihr.

»Nimm das auch, Eva.«

»Was ist denn das?«

»Ein Pfefferspray. Damit kannst du dich im Notfall schützen.«

»Pfeffer?« Sie riss die Augen auf. »Den nehme ich lieber aufs Rührei und net zur Verteidigung.«

»Ich meine es ernst, Eva. Du lebst hier oben ganz allein, und man weiß nie, wann jemand vorbeikommt, der es net gut mit dir meint.«

»Das ist mir noch nie passiert. Ich weiß auch gar net, ob ich so ein Spray gegen einen Menschen einsetzen könnte. Pfeffer brennt bestimmt furchtbar in den Augen und der Nase.«

»Das ist auch Sinn der Sache. Das Spray ist für den Notfall gedacht. Nimm es, dann bist du wenigstens net wehrlos und ich bin etwas beruhigter.«

»Na gut. Wenn es dir so wichtig ist, nehme ich es.«

»Gut.« Rupp zog seinen Janker aus und kratzte sich am linken Arm. Dabei verzog er das Gesicht. »Der Ausschlag macht mich noch ganz narrisch. Es juckt wie verrückt.«

»Drinnen hab ich eine Kräutersalbe, die helfen könnte, aber du solltest unbedingt einmal zum Bergdoktor gehen und ihm den Ausschlag zeigen. Es ist net normal, dass du ständig diese Flechten auf der Haut hast.«

»Ich halte es schon aus«, winkte er ab.

»Überleg es dir, ja?«

Er nickte dankbar, als sie ins Haus eilte und ihm sie Salbe holte. Wenig später setzte sie sich wieder zu ihm.

»So ein Ausschlag ist net normal, Rupp.«

»Ach, ich weiß schon, wo er herkommt. Zurzeit geht es auf dem Hof ziemlich hektisch zu. Der Stress ist es. Weiter nix.«

»Trotzdem wäre es net verkehrt, wenn du dich einmal untersuchen lassen würdest.«

»Ach, Eva, ich habe keine Zeit, um stundenlang im Wartezimmer zu sitzen. Auf der Arbeit gibt es alle Hände voll zu tun. Wir müssen …«

Rupp kam nicht dazu, seine Aufgaben näher aufzulisten, weil eine Frau den Berg heraufkam und sich zielstrebig der Hütte näherte.

Es war Barbara Eibinger. Ihrem Mann und ihr gehörten der Alpenhof und die Alm.

Die Bäuerin war eine kräftige Frau Ende vierzig, mit blond getönten Haaren und sorgfältig gezupften Augenbrauen, die sie oft missbilligend hochzog – ganz besonders, wenn ihr Blick auf Eva fiel. Aus einem unerfindlichen Grund konnte sie ihre Magd nicht ausstehen und hätte Eva wohl lieber heute als morgen entlassen, aber das ließ ihr Mann nicht zu.

»Zum Faulenzen haben wir dich net auf die Alm geschickt«, begrüßte Barbara sie und stemmte die Hände auf die Hüften. »Was sitzt du hier draußen in der Sonne? Hast du nix zu tun?«

»Mei …« Eva sprang so hastig von der Bank auf, als hätte sie sich auf einen Holzspan gesetzt. Sie hätte sich verteidigen können, dass sie gerade die erste Pause seit fünf Uhr in der Früh machte, aber die Bäuerin ließ sie gar nicht zu Wort kommen, sondern wetterte gleich weiter.

»Du bist auf der Alm, um das Vieh zu versorgen und net für deine Männergeschichten.«

»Moment mal, Bäuerin«, mischte sich Rupp nun ein. »Wir haben hier keine ›Geschichten‹.« Er malte mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft. »Ich habe Eva nur besucht.«

»Sei du lieber still, Rupp. Ich weiß schon, was du im Sinn hast.« Barbara funkelte ihn an.

»Vielleicht gehst du jetzt besser, Rupp«, meinte Eva. »Ich muss ohnehin gleich nach den Schafen schauen.«

»Aber sie darf dich net so behandeln. Du hast nix Unrechtes gemacht. Wir haben uns doch nur unterhalten.«

»Ist schon gut.« Sie biss sich auf die Lippen.

Auf dem Alpenhof hatte Eva keinen leichten Stand. Sie konnte der Bäuerin nichts recht machen. Barbara fand immer etwas an ihrer Arbeit zu beanstanden.

Dabei war Eva froh gewesen, die Stellung als Magd zu bekommen. Ihre Mutter war vor einem Jahr gestorben, und allein hatte sie die gemeinsame Wohnung nicht behalten können. Als sie nicht gewusst hatte, wohin sie gehen sollte, hatte Franz Eibinger ihr angeboten, für ihn zu arbeiten. Dankbar hatte sie die Stellung angenommen, aber ihre Erleichterung war bald in Ernüchterung umgeschlagen, denn seine Frau sah sie nicht gern auf dem Hof.

»Sag mir Bescheid, wenn du mich brauchst«, bot Rupp ihr an. »Ich schaue morgen wieder bei dir vorbei.«

»Ist gut. Komm gut heim.« Eva lächelte ihn an, ehe sie sich ihrer Besucherin zuwandte. »Möchten Sie ein Glas Milch?«

»Ich will nix«, wehrte Barbara Eibinger schroff ab. »Ich bin nur hier, um den Tee abzuholen, den du für mich machen solltest. Aber vermutlich hast du den Auftrag verbummelt und es ist nix fertig.«

»Doch, die Tüten stehen in der Hütte auf dem Tisch.« Eva deutete über ihre Schulter zurück.

Sie sammelte im Sommer wilde Kräuter wie Brombeerblätter, Kamille und dergleichen, die sie trocknete und Tees daraus mischte. Ihre Mutter hatte es ihr beigebracht. Die Kräutermischungen schmeckten nicht nur gut, sondern halfen auch bei so manchem Unwohlsein.

»Ich hätte Ihnen den Tee auch ins Tal gebracht.«

»Am Sankt Nimmerleinstag vielleicht«, winkte die Bäuerin ab. »Wenn ich mich darauf verlassen würde, dass du dich auf deine Pflichten besinnst, könnte ich warten, bis ich schwarz werde.«

Eva zuckte zusammen.

Was hatte ihre Chefin nur gegen sie? Sie hatte ihr doch nichts getan. Im Gegenteil. Sie bemühte sich, jede Aufgabe nach besten Kräften auszuführen.

Trotzdem hatte die Bäuerin ständig etwas an ihr auszusetzen. Im Sommer war die Alm ihre Zuflucht, aber schon bald würde sie ins Tal zurückkehren und tagein tagaus mit Barbara unter einem Dach leben müssen.

Bei diesem Gedanken schlang Eva die Arme unbehaglich um sich.

»Mein Mann schickt dir das hier mit.« Die Bäuerin holte eine Papiertüte aus ihrem Korb und reichte sie Eva mit spitzen Fingern, als hielte sie ein Insekt in der Hand.

Verwundert nahm die junge Magd die Tüte und spähte hinein.

»Ein Gugelhupf!«, rief sie überrascht aus und schlug sich eine Hand vor die Brust. »Wie schön! Ein bisserl Backwerk vermisse ich hier oben sehr. Ich habe ja keinen Herd und …«

Eva brach ab, als sie den giftigen Blick ihrer Chefin bemerkte. Offenbar war Barbara nicht erfreut über ihre Begeisterung.

Ihr Lächeln erlosch. »Sagen Sie Ihrem Mann bitte vielen Dank von mir, ja?«

»Bin ich etwa der Postbote?« Die Eibingerin schob das Kinn vor. Ihre Abneigung war nicht zu übersehen.

Im Gegensatz zu ihr war ihr Mann stets gut zu Eva und behandelte sie mit großer Güte. Seinetwegen ertrug Eva alle Sticheleien. Wäre er nicht gewesen, hätte sie den Alpenhof längst verlassen.

***

In den langen Jahren seiner Arbeit als Landarzt hatte Dr. Martin Burger schon vieles gesehen. An diesem Morgen blickte er jedoch in einen Abgrund, der selbst ihm neu war.

Ruth Mayer suchte seine Hilfe. Die Bäuerin hatte ihren Mann vor einem Monat bei einem Traktorunfall verloren. Das Fahrzeug war auf einem steilen Hang gekippt und hatte den Landwirt unter sich begraben.

Seitdem bewirtschaftete Ruth den Bauernhof allein. Sie hatte nach dem Schicksalsschlag nicht aufgegeben, sondern kämpfte sich durch jeden neuen Tag. An diesem Morgen jedoch wirkte sie blass und verzweifelt.

»Ich weiß net, was ich tun soll, Herr Doktor«, sagte sie und knetete ein Taschentuch.

»Was ist denn passiert, Ruth?« Alarmiert verschränkte Dr. Burger die Hände vor sich auf der Schreibtischplatte und beugte sich ein wenig vor.

»Gestern hat mich ein Mann besucht. Er sagte, er käme von der Dachdeckerfirma und Anton hätte die Rechnung für unser neues Dach noch net beglichen. Ich sollte ihn bezahlen. Er hat es dringend gemacht und mir die Rechnung gezeigt. 4500 Euro hab ich ihm gegeben.«

»Das ist eine Menge Geld.«

»Es war alles, was ich gespart hatte. Als er fort war, ist mir die Sache dann aber doch merkwürdig vorgekommen. Mein Mann hat ...

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