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Der Bergdoktor - Folge 1682

Kennst du die Wünsche deiner Frau?

Hat Sabine Burger ein Geheimnis?

Von Andreas Kufsteiner

Herrlich, so ein Herbst mit bunten Blättern, blauem Himmel, Sonne und Sackerln voller Nüsschen, Kastanien, Eicheln und Bucheckern! Eine Jahreszeit zum Kuscheln, Sammeln, Wandern und Genießen, aber auch zum Träumen und »Kerzerln«, wenn die stillen Abende kommen.

Im Doktorhaus jedoch herrscht in diesen Tagen keine romantische Stimmung, sondern eher »dicke Luft«. Dabei ist es nicht so, dass Martin Burger und seine Frau sich streiten – im Gegenteil. Sie sehen sich ja kaum noch. Der Bergdoktor ist beinahe rund um die Uhr im Einsatz, sogar an den Wochenenden.

Aber auch Sabine ist neuerdings ständig unterwegs. Wohin? Das verrät sie nicht. Aber es gibt Gerüchte, dass sie sich im Berghotel mit einem fremden Mann trifft …

»Es ist ein Glück, dass wir den Oberlinden-Hof übernommen haben«, sagte Benno Kranzeder und lehnte sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück. »Drei erfolgreiche Jahre sind vorbei. Das macht mich stolz. Ich bereue die Entscheidung keine Sekunde. Und du, Spatzl?«

Der junge Bauer blickte seine Frau erwartungsvoll an. Bis vor einiger Zeit war Lisa auf dem Hof mit viel Freude bei der Sache gewesen, aber jetzt ließ sie den Kopf hängen.

»Lass mich ein bisserl ausrasten«, erwiderte sie ausweichend. »Am Abend bin ich immer sehr müd, das weißt du ja.«

»Bist du denn so müd, dass du rein gar nix sagen kannst?«

Lisa zuckte nur die Schultern und schwieg.

Benno wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Auf seine Fragen erhielt seit einiger Zeit keine oder nur unklare Antworten. Vielleicht war es besser, eine Weile nur noch das Nötigste zu reden.

Mittlerweile kam es ihm so vor, als ob seiner Frau alles zu viel wurde, allem voran die Arbeit und die beiden Kinder Florian und Vevi mitsamt dem Hofhund Terzl. Flori war heuer im Mai sechs Jahre alt geworden und ging nun ins erste Schuljahr, Veverl besuchte den Kindergarten.

Beide vertrugen sich wie die Engerl miteinander. Bruder und Schwester können ja manchmal wie Hund und Katz sein, aber im Hause Kranzeder herrschte der pure Geschwisterfrieden.

Flori und Vevi hingen aneinander wie die Kletten. Es war eine Freude, ihnen zuzuschauen, denn sie teilten alles miteinander – Süßigkeiten, Geschenke und auch die kleinen Pflichten im Alltag. Selbstverständlich auch die Freuden wie das Spielen im Freien und das Herumtollen mit Terzl, einem treuen Golden Retriever.

Sein Name lautete eigentlich – sehr vornehm – Tertius, was aus dem Lateinischen herrührte und »Der Dritte« bedeutete.

Tertius von der Eschenweide – so hatte es in den Papieren gestanden, mit denen er bei der Familie vor drei Jahren Einzug gehalten hatte, und zwar als Winzling von zehn Wochen. Aber wer wollte einen verspielten, fröhlichen Vierbeiner schon so nennen?

Terzl, das hörte sich lieb und freundlich an. Und so benahm sich der Vierbeiner auch.

Benno seufzte.

Eigentlich war es unverständlich, dass die zwei Kinder und der Hund seiner Lisa auf die Nerven gingen.

Das muntere Dreiergespann musste man einfach ins Herz schließen! Der stolze Vater hatte bereits unzählige Fotos von seinen Kindern samt Hund in einem Album gesammelt.

Von Lisa gab es ein Extra-Album. Besonders in der Verlobungszeit und in den ersten Ehejahren war er so verliebt in sie gewesen, dass er sie ständig abgelichtet hatte.

Es war dreiviertel zehn am Abend, Flori und Veverl hatten sich Punkt acht Uhr folgsam in ihre Zimmer verzogen. Auch Terzl schlief droben im ersten Stock in seinem gemütlichen Korb, natürlich in unmittelbarer Nähe der beiden Kinderzimmer. Denn schließlich musste er seine kleinen Freunde ja bewachen!

»Wenn dir alles zu anstrengend ist, dann sag es mir klipp und klar, Lisa«, fuhr der junge Agrarwirt auf. Er wartete eine Weile, aber sie schwieg und sah an ihm vorbei.

Ein plötzlicher Zorn ergriff ihn, als er in ihr Gesicht blickte.

»Schau net immer nur zum Fenster hinaus, während ich mit dir rede«, grollte er finster. »Wenn wir am Abend Zeit füreinander haben, wünsch ich mir wirklich ein bisserl mehr als nur dieses Schweigen und Starren, Kruzitürken noch mal!«

Lisa war eine hübsche Person von neunundzwanzig Jahren, ihr hellbraunes Haar trug sie meistens aufgesteckt. Manchmal wirkte diese Frisur ein bisschen streng, besonders dann, wenn sie kaum lächelte und so ernst dreinschaute wie derzeit.

Früher hatte sie ihr schönes Haar auch mal offen getragen oder locker und ein wenig verspielt im Nacken zusammengebunden, aber das tat sie nun schon eine ganze Weile nicht mehr. Dabei wusste sie ganz genau, dass Benno sie gern so sah.

Welcher Mann freute sich nicht darüber, wenn seine Frau sich Mühe gab, ihm zu gefallen? Ein bisschen verführerisch sollte sie schon ausschauen, ohne aufgerüscht zu wirken.

Lisa schien es jedoch egal zu sein, dass sie jeden Tag gleich aussah. In den einfachen, häufig gewaschenen Baumwollkleidern, die sie bei der Arbeit trug, wirkte sie farblos und fad. Abends richtete sie sich auch nicht mehr her, obwohl sie früher Spaß daran gehabt hatte, hübsch auszusehen und ihrem Mann ein Kompliment zu entlocken.

Derzeit schlüpfte sie nach dem Feierabendläuten rasch in ihren Freizeitdress: Bequeme Jeans und ein weites T-Shirt, darüber ein selbst gestricktes Jackerl, wenn sie fröstelte. Jetzt – Mitte September – war es nach Sonnenuntergang schon sehr frisch.

»Du hast dich verändert«, murrte Benno. »Manchmal erkenn ich dich kaum wieder. Ich weiß gar net, was mit dir los ist. Wir können nach dem Herbst eine Hauserin einstellen, wenn du net mehr zurechtkommst.«

Endlich tat Lisa den Mund auf.

»Ich brauche keine Hauserin. Wir haben zwei Knechte, das reicht. Willst du noch eine dritte Hilfskraft bezahlen?«

»Das können wir uns leisten, denke ich.«

»Schmarrn. Du weißt genau, dass wir jetzt schon genug Ausgaben haben.« Ihre Stimme klang leise und abwehrend. »Der Hof ist noch lang net abbezahlt. Aber du musstest ihn ja unbedingt kaufen. Wir hätten das Anwesen auch pachten können.«

»Ich wollte endlich etwas Eigenes auf die Beine stellen, nachdem wir beide jahrelang auf dem Schlössl im Gutshof gearbeitet haben«, grantelte Benno. »Du als Hauswirtschafterin, ich als rechte Hand des Verwalters. Das hat mir net sonderlich gefallen, denn ich bin Agrarwirt mit Diplom und will net irgendwo als eine Art Großknecht in Lohn und Brot sein. Dazu brauch ich meine Ausbildung net.«

»Wir haben beide ein ordentliches Gehalt bekommen.«

»Freilich, der Baron von Brauneck zahlt nach Leistung, und wir waren net faul«, brummte der junge Bauer. »Aber du kannst doch net behaupten, dass ich im Schlössl eine Aufstiegsmöglichkeit gehabt hätte. Vielleicht wäre ich eines Tages Verwalter geworden, wenn der Herr Köchel seinen Dienst quittiert hätte. Aber wann wäre das gewesen? Irgendwann in ferner Zukunft. Zu lang für mich. Warten und nochmals warten, bis die Chancen besser stehen – nein, danke, so was ist nix für mich!«

Lisa schwieg erneut.

»Wir haben außerdem geerbt«, setzte Benno hörbar gereizt hinzu. »Eine ansehnliche Summe von deinem Ahnl und Sparbriefe von meinem Onkel in Eisenstadt, das ist eine beachtliche Grundlage für die Zukunft. Deshalb war es auch gar kein Risiko, den Hof zu kaufen. Die Finanzierung steht. Besser, man zahlt sein Eigentum ab, anstatt jeden Monat eine fette Summe für den Pachtzins hinzuwerfen.«

»Ja, das stimmt.« Müde zupfte die junge Bäuerin an ihrem Jackenärmel herum.

Heute war es eigentlich gar net so kühl wie an den vorangehenden Abenden, aber sie fror fast so sehr wie im Winter.

»Also, wenn bei uns alles in Ordnung ist, Lisa, warum hängst du dann umeinander wie ein leeres Hafersackerl?«

Sie zuckte die Schultern. »Geh, übertreib net«, brachte sie schließlich hervor. »Ich hab dir ja schon gesagt, dass ich derzeit ziemlich müde bin. Das geht vorbei.«

»Müde! Immer wieder plapperst du dasselbe daher wie ein Papagei«, brauste Benno auf. »Müdigkeit kann nicht der Grund sein. Aber du brauchst mir nicht zu antworten, wenn du net willst. Ich denk mir mein Teil. Vielleicht hast du mich ja satt. Als wir verlobt waren, hat’s dir sehr geeilt mit der Hochzeit, weil du auf Nummer sicher gehen wolltest. Du warst auf die Gabler-Marei eifersüchtig, weil ich mal mit ihr beisammen war. Deshalb sollte ich ganz schnell einen Ehering überstreifen, damit ich dir net auskomme.«

Lisa wurde noch blasser.

»Wie kannst du so etwas sagen«, brachte sie tonlos hervor. »Du hast mir damals geschworen, dass du nur mich liebst. Es war Liebe bei uns, einen anderen Grund für unsere Hochzeit gab es nicht.«

»Mag sein. Vielleicht hätten wir trotzdem länger warten sollen, obwohl wir uns ja schon vorher eine ganze Weile gekannt haben. Aber wenn man verliebt ist, bleibt die Vernunft auf der Strecke. Jedenfalls meistens. »Benno stand auf und griff nach seiner Joppe, die über der Stuhllehne hing. »Ich schau noch einen Sprung im Ochsenwirt vorbei.«

»Aber es geht auf zehn!«

»Ja, und? Ich kann ein frisch gezapftes Bier jetzt gut vertragen. Länger als eine Stunde bin ich net aus.«

Sie hörte, wie er das Haus verließ. Ganz leise, damit die Kinder nicht wach wurden. Seine beiden »Mäuse« sollten auf keinen Fall in ihrem Schlaf gestört werden.

Lisa ahnte, dass er vor Mitternacht nicht heimkommen würde. Von wegen nur eine Stunde! Eventuell ging er noch zu einem Freund, wenn das Wirtshaus schloss, um »Männergespräche« zu führen. Sie durfte ihm deswegen nicht einmal böse sein, denn es war ihr klar, dass sie die Schuld an der Ehekrise trug.

Es war ein Teufelskreis, in dem sie steckte. Sie wollte ihm aus Rücksicht und Liebe nicht sagen, was sie bedrückte, und er rätselte herum, weshalb sie sich so verändert hatte. Das Rätseln machte ihn grantig – und je grantiger er wurde, desto mehr entfernten sie sich beide voneinander.

Langsam ging Lisa die Stiege hinauf.

Sie wurde gebraucht, als Ehefrau, Mutter und als Bäuerin, die jeden Tag hundertprozentig funktionierte. Schwachstellen waren nicht eingeplant, genauso wenig wie eigene Wünsche. Es durfte nicht sein, dass sie schlappmachte und ausfiel, womöglich sogar wegen einer Krankheit …

***

Droben im Schlafzimmer warf sie sich schluchzend aufs Bett. Seitdem die Arbeit auf dem Oberlinden-Hof den Punkt erreicht hatte, an dem einfach nichts mehr an Belastungen hinzukommen durfte, gab es gemeinsame Unternehmungen mit Benno nicht mehr.

Sie hätte gern wieder einmal mit ihm ein Wochenende zu zweit erlebt und die Kinder ihrer Mutter in Kufstein »aufs Auge gedrückt«, die eh darüber klagte, dass sie ihre Enkel zu wenig sah. Vevi und Flori hingen sehr an der Kufsteiner Oma, die so herrliche Geschichten erzählen konnte und die besten Marillenknödel von ganz Tirol machte.

Oder man hätte eine kleine »Familien-Auszeit« verbringen können, zusammen mit Veverl und Flori. In einer urigen Hütte am Waldrand, zum Beispiel, oder beim fröhlichen Zelten unterhalb der hofeigenen Alm. Die Kinder hätten ihren Spaß gehabt.

Der zurückliegende, durchweg prächtige Sommer war eh eine großartige Zeit für allerlei Unternehmungen gewesen.

Auch jetzt im September gab es noch viele wunderbare Möglichkeiten, die Schönheiten der herrlichen Bergwelt zu genießen und die Seele baumeln zu lassen.

Freilich hatte Benno durchblicken lassen, dass der neue Stall bis Ende Oktober fertig sein musste. Das alte Stallgebäude mit der angrenzenden Scheune sollte dann abgerissen werden. Eine nagelneue Scheune mit allem Drum und Dran war bereits im Frühjahr erstellt worden.

Es verstand sich von selbst, dass Benno als Hausherr und Hofbesitzer bei den Bauarbeiten mit dabei war und den Ton angab. Der neue »Laufstall und Offenstall«, in dem sich die siebzig Milchkühe samt Kälbern frei bewegen konnten, war schon jetzt Bennos Stolz, obwohl er den Bau momentan nur auf dem Plan des Architekten bewundern konnte.

Aber bald, sehr bald ging’s los – ein Vorzeigestall würde es werden, den alle, die sich dafür interessierten, bei einer fröhlichen Feier anschauen durften. So und nicht anders hatte es Benno geplant.

Es wäre Lisa nie in den Sinn gekommen, ihn zu enttäuschen und ihm zu sagen, dass sie sich viel mehr nach einem zärtlichen Eheglück als nach ständigem Erfolg sehnte. Für Benno war mit dem schmucken Oberlinden-Hof ein ganz großer Wunsch in Erfüllung gegangen, vielleicht der größte, den er jemals gehabt hatte.

Lisa weinte in die Kissen.

Sie fühlte sich unendlich traurig und wie gelähmt, leer und schwach wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Ihr war, als seien nicht nur ihre Träume von der großen Liebe zerbrochen, sondern auch ihr Herz.

Benno war der einzige Mann gewesen, den sie wirklich mit Haut und Haar gewollt hatte, aber plötzlich kam er ihr so fremd vor. Sie machte sich Vorwürfe deswegen, denn eigentlich tat er ja nichts anderes als früher. Abgesehen von dem übertriebenen Arbeitseifer gab es nichts, was man ihm vorwerfen konnte.

An manchen Tagen war sie kaum imstande, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Und das, obwohl sie ihn immer noch über alles liebte. Sie kam sich genauso kraftlos vor wie eine Pflanze ohne Wasser. Ihr war, als müsse sie verdursten. Ihr sonniges Lächeln, das Benno immer so sehr geliebt hatte, gab es nicht mehr.

Früher war alles anders gewesen …

Als sie beide noch auf dem Schlössl des Barons von Brauneck gearbeitet hatten, waren sie in einem verwinkelten Häuschen auf dem Gutsgelände untergekommen, dem so genannten »Stallmeister-Häusl«. Ein kleiner Garten mit Blumen und Gemüse hatte dazugehört.

Gleich nach der Hochzeit waren sie dort eingezogen. Die Kinder waren pumperlgesund zur Welt gekommen, der Platz hatte für alle ausgereicht. Obwohl im Häuschen nur achtzig Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung gestanden hatten, war Lisa sehr glücklich gewesen.

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