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Der Bergdoktor - Folge 1681

Kleiner Engel in Gefahr

Als Dr. Burger ein bewusstloses Kind im Wald fand

Von Andreas Kufsteiner

Große Aufregung herrscht in St. Christoph. Am helllichten Tage ist ein fünfjähriges Mädchen verschwunden. Angelina hat blonde Zöpfe und trägt einen knallroten Anorak – und sie ist krank! Erst gestern hatte sie einen schweren Asthmaanfall mit Atemstillstand und war in der Praxis des Bergdoktors.

Natürlich beteiligt sich Dr. Burger an der Suchaktion. Mit Dackel Poldi wählt er eine Route, die durch den Wald zur Alm von Katja Jell führt. Die junge Sennerin hat das Herz des mutterlosen Kindes im Sturm erobert. Doch der Weg ist weit und voller Gefahren.

Plötzlich fängt Poldi an zu bellen. Dr. Burgers Blick fällt auf niedergedrückte Farne, die aussehen, als habe hier noch vor Kurzem jemand gesessen. Doch das ist es nicht, was Entsetzen in ihm hervorruft. Es sind die Überreste von hochgiftigen Pilzen, die hier verstreut liegen! Sie sind angebissen, als habe jemand probiert, wie sie schmecken …

Die Prognosen sehen gut aus.

Zufrieden überflog Georg Hochfellner den Bericht, den seine Sekretärin ihm auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er hatte ein Stück Land geerbt, in einer abgelegenen Region der Berge.

Er hatte zunächst den Straßenatlas wälzen müssen, um herauszufinden, wohin es seinen Patenonkel verschlagen hatte. Dabei war ihm aufgefallen, dass es sich um ein ungeschliffenes Juwel handelte. Der Grundbesitz lag an einem idyllischen Fleckchen Erde: in einem hoch gelegenen Seitenarm des Zillertals, wo es nichts als grüne Wiesen und Einsamkeit gab.

Höchstwahrscheinlich verirrte sich höchst selten jemand dorthin, aber das würde sich ändern. Sobald Georg seine Pläne umsetzte, würde das Tal bald in aller Munde sein. Daran zweifelte er nicht. Die Berechnungen für sein Projekt waren ermutigend. Wenn alles gut ging, würde er in zwei Jahren seine Kredite getilgt haben und die ersten Gewinne einfahren.

So weit, so gut, grübelte er. Ich möchte trotzdem gern wissen, was Onkel Helmut ausgerechnet ins Zillertal verschlagen hat. Er hatte eine Villa und seine Firma in Salzburg, aber er hat alles aufgegeben, um in den Bergen zu leben. Warum? Er hat sich stets geweigert, darüber zu sprechen. Ob eine unglückliche Liebe dahintergesteckt hat? Schade, dass ich es vermutlich nie herausfinden werde.

Georg warf noch einen Blick in seine Unterlagen. Es bereitete ihm Magendrücken, dass ein Teil seines Grund und Bodens verpachtet war. An eine Sennerin.

Er verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen.

Diese Frau war ein Stachel in seinem Fleisch. Ein Kiesel in seinem Schuh. Ja, ein Stein in seiner Galle!

An diesem Morgen war schon wieder ein Brief von ihr gekommen, in dem sie ihn bat, ihre Pacht zu verlängern.

Herrschaftszeiten! Hatte sie sein erstes und zweites Schreiben überhaupt gelesen? Er hatte ihr doch klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er die Kündigung ihres Pachtvertrags ernst meinte und andere Pläne mit dem Land hatte.

Aber vermutlich hatte sie seine Briefe schlicht und ergreifend nicht verstanden. Das konnte man wohl auch nicht erwarten von einer Frau, die tagein, tagaus nichts anderes tat, als Kühe zu melken.

Georg seufzte leise. Früher oder später würde sie schon einsehen, dass er andere Pläne mit ihrer Alm hatte. Große Pläne. Ja, um diese Sennerin würde er sich später kümmern müssen, sobald er sich alles persönlich anschaute.

»Herr Hochfellner?« Die Bürotür wurde geöffnet, und Luise Schreiber kam herein. Seine Sekretärin legte ein Paket auf seinen Schreibtisch. Es war in buntes Geschenkpapier gewickelt, das über und über mit Luftballons bedruckt war. »Es wird Zeit, Herr Hochfellner. Ich sollte Sie daran erinnern, dass Sie nach Hause müssen.«

»Ist es schon so spät?« Er zuckte zusammen und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Himmel noch mal, Sie haben recht! Ich sollte längst weg sein.«

Er nahm das Paket, das sein Geburtstagsgeschenk für seine Tochter enthielt. Frau Schreiber hatte es in seinem Auftrag besorgt. Er hatte keine Ahnung, was es enthielt, aber der Rechnung nach zu urteilen, die dabei lag, musste es etwas Ordentliches sein.

Geld war kein Problem mehr für ihn, seit die Sportartikel seiner Firma nicht mehr nur in Österreich, sondern auch im Ausland verkauft wurden.

Georg hatte seinen Betrieb mit harter Arbeit aufgebaut und zum Erfolg geführt. Inzwischen waren Hochfellner-Sportschuhe weit über die Landesgrenzen hinaus begehrt. Erst vor wenigen Wochen war in seiner Heimatstadt Salzburg ein neuer Kletterschuh vorgestellt worden, der sich inzwischen wie von selbst verkaufte.

Der Preis für seinen Erfolg war hoch, denn er kannte so gut wie kein Privatleben mehr. Auch jetzt nahm er zwei Aktenordner und seinen Laptop vom Schreibtisch und packte alles in seine Umhängetasche.

Er musste ins Zillertal fahren, um sein Projekt persönlich anzustoßen, aber er würde sich Arbeit mitnehmen, denn er konnte nicht einfach tagelang verreisen und in seiner Firma alles stehen und liegen lassen.

Der Zweiunddreißigjährige wünschte seiner Sekretärin einen schönen Feierabend und verließ sein Büro, um zum Parkplatz zu eilen.

Ein kräftiger Wind blies ihm entgegen, als er das Firmengebäude verließ und auf seinen Kombi zusteuerte. Es war bereits dunkel. Der Herbst nahte mit Riesenschritten. Blätter wurden herumgewirbelt. Und die Abendluft war schneidend kalt.

Wenig später fuhr Georg Hochfellner nach Hause. Konzentriert lenkte er seinen Wagen durch die Altstadt von Salzburg. Ein Fiaker rumpelte vor ihm über den Asphalt und fuhr Touristen herum, die wohl nicht genug von dem Ausblick auf die Festung Hohensalzburg bekommen konnten.

Mit leisem Zähneknirschen reihte Georg sich hinter dem Fuhrwerk ein und rollte die Hauptstraße hinunter.

Seine Villa lag südlich von Salzburg, in Elsbethen. Der Fluss Salzach rauschte an seinem Grundstück vorbei. Es gab sogar einen kleinen Sandstrand in der Nähe.

Georg stellte sein Auto im Carport ab, nahm seine Tasche und das Paket vom Beifahrersitz und lief über den mit Kies bestreuten Gartenweg zum Haus.

Licht fiel aus den Fenstern ins Freie und beleuchtete die Lampions und Luftschlangen, die überall auf dem Rasen verteilt waren. Außerdem baumelte eine Girlande zwischen den Apfelbäumen, mit der Aufschrift: Alles Gute zum 5. Geburtstag, Angelina!

Der Anblick des verlassenen Gartens gab ihm einen Stich. Offenbar war die Geburtstagsfeier seiner Tochter bereits vorbei. Und er hatte sie verpasst. Wieder einmal.

Nachdenklich kramte Georg den Hausschlüssel aus der Tasche.

Er hatte kaum die Tür aufgeschlossen, als ihm schon Frau Wendt entgegenkam. Sie war das Kindermädchen seiner Tochter, eine mütterliche Frau in den Fünfzigern, mit braun getönten Haaren, die sie im Nacken zusammengerollt trug. Sie hatte ein rundes Gesicht und stets offene Arme, um seine Tochter zu trösten und zu beschützen.

An diesem Abend grub sich jedoch ein Vorwurf in ihre Miene.

»Sie kommen spät, Herr Hochfellner. Die Feier ist seit einer Stunde vorbei. Die anderen Kinder sind längst gegangen. Angelina hat ständig nach Ihnen gefragt.«

Georg unterdrückte einen Stoßseufzer.

»Ich hatte zu arbeiten, aber ich bin Ihnen dankbar für die Schuldgefühle, die Sie mir machen, Frau Wendt.«

»Jederzeit zu Ihren Diensten.« Der Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. »Brauchen Sie mich noch?«

»Heute nimmer. Vielen Dank, dass Sie die Feier ausgerichtet haben.«

»Das hab ich gern gemacht«, erwiderte Frau Wendt.

Sie war seit fast fünf Jahren bei ihm. Seine Frau war bei Angelinas Geburt gestorben, deshalb war er allein für sie verantwortlich. Ihr Geburtstag war stets hart für ihn, denn er erinnerte ihn daran, was er verloren hatte.

Vor fünf Jahren war ihm eine reizende Tochter geschenkt worden, aber dafür hatte ihm der Himmel auch das Liebste auf der Welt geraubt: seine Frau.

Georg hatte seinen Schmerz mit Arbeit betäubt, was ihn beruflich vorangebracht, aber auch einen Teil seines Herzens gekostet hatte.

Meistens gelang es ihm, den Verlust erfolgreich zu verdrängen, aber an diesem einen Tag im Jahr fiel es ihm schwer, nicht in der Trauer um das Verlorene zu versinken.

»Vati! Vati!« Jubelnd stürmte ein kleiner Wirbelwind durch den Flur und fiel ihm um den Hals.

Angelina hatte die leuchtend blauen Augen ihrer Mutter, eine sommersprossige Nase und lange blonde Zöpfe, die bei jedem Schritt munter wippten. Ihr kleiner Mund stand selten still.

Er nahm sie auf die Arme und wirbelte sie einmal im Kreis herum.

»Hallo, Spatzerl. Sag bloß, du bist schon wieder gewachsen?« Er tat, als würde er ihre Körpergröße mit seiner Handkante abschätzen.

»Ganz bestimmt«, bejahte sie lebhaft. »Mindestens zwölfzig Zentimeter.«

»So viel? Dann solltest du dir unbedingt dein Geschenk ansehen.« Er setzte sie ab und schaute lächelnd zu, wie seine Tochter andächtig nach dem Paket griff. Als sie an diesem Morgen aufgestanden war, war er längst im Büro gewesen.

Angelina schüttelte das Paket sacht.

»Was ist da drin, Vati?«

Er stockte kurz, denn ihm ging auf, dass er nicht den Hauch einer Ahnung hatte, was seine Sekretärin besorgt hatte. Schuldgefühle verdunkelten seinen Blick sekundenlang, dann hatte er sich wieder gefasst.

»Pack es doch aus und finde es selbst heraus«, ermunterte er sie.

Frau Wendt warf ihm einen langen Blick zu, und ihre Stirn kräuselte sich missbilligend. Offenbar hatte sie ihn durchschaut. Georg räusperte sich unbehaglich.

Angelina riss unterdessen das Geschenkpapier auf.

»Oh, ein Pony! Ein süßes Pony!«, jubelte sie. Strahlend presste sie das Plüschpony ans Herz, ehe sie ihm um den Hals fiel. »Danke schön, Vati!«

Er drückte sie an sich. »Gefällt es dir?«

»Und ob! Es ist toll!« Angelina sprang auf und ab wie ein kleiner Gummiball.

»Net so aufregen, Liebes«, mahnte Frau Wendt. »Das ist net gut für dich.«

Doch es war zu spät.

Angelina ließ das Pony plötzlich fallen und griff sich an die Kehle. Ihr Atem kam schwer und rasselnd, und ihm sank das Herz, denn er kannte sie Anzeichen. Kannte sie nur zu gut.

Ein Asthmaanfall! Seit zwei Jahren litt seine Tochter unter wiederkehrenden Anfällen. Er war mit ihr bei drei verschiedenen Kinderärzten gewesen, aber keiner hatte ein Mittel gefunden, das die Anfälle verhindern konnte.

Georg wurde immer noch angst und bange dabei.

»Hier ist dein Spray, Liebes.« Frau Wendt hielt den Inhalator stets griffbereit in ihrer Schürze und sorgte dafür, dass Angelina mehrere Sprühstöße des Medikaments inhalierte.

Sie blieb ganz ruhig, als sie die Fünfjährige nun auf einen Stuhl setzte und sie daran erinnerte, sich vorzubeugen und die Lippen beim Ausatmen zu spitzen, als würde sie Seifenblasen machen.

Nach einer Weile kam Angelinas Atem ruhiger.

Das Schlimmste war überstanden.

»Das war schon der zweite Anfall in dieser Woche«, stellte Georg sorgenvoll fest. »Du brauchst Ruhe, Spatzerl. Vielleicht sollte ich dich lieber daheim lassen, wenn ich ins Zillertal fahre. Die Reise könnte zu anstrengend für dich sein.«

»O nein!« Angelina blickte zu ihm hoch. Ihre Augen waren weit aufgerissen vor Schreck. »Bitte, nimm mich mit, Vati.«

»Na gut«, gab er nach und ahnte dabei noch nicht, dass er damit eine Flut von Ereignissen in Gang setzte, die ihr Leben für immer verändern sollten.

***

»Liabei, Erna, kommt! Es geht los!« Katja Jell schnalzte mit der Zunge.

Daraufhin setzten sich die beiden Milchkühe träge in Bewegung und trotteten zum Melken in den Stall.

Die Jungbullen, die ebenfalls auf der Weide standen, hielten die Köpfe weiterhin ins Gras gesenkt und kümmerten sich nicht weiter um den Ruf der Sennerin.

Katja war seit halb fünf auf den Beinen. Auf ihrer Alm begann der Tag stets so früh. Sie molk ihre Kühe und bereitete die Milch für die Käsezubereitung vor. Danach mistete sie den Stall aus und kochte sich einen heißen Kaffee, in den sie etwas von der frisch gemolkenen Milch schüttete.

Die junge Sennerin liebte ihre Arbeit. Im Winter war sie unten im Tal beschäftigt, aber sobald der Schnee schmolz, zog es sie auf ihre Alm.

Es war ihr dritter Alpsommer, und sie bedauerte, dass er sich bereits dem Ende zuneigte. Die Tage wurden kürzer und die Nächte kälter. Bald würde sie ihre Herde zurück ins Tal treiben müssen.

Gut herausgemacht hatten sich die Tiere. Und ein Schatz an Almkäse hatte sich angesammelt. Dazu kamen die Heilkräuter, die in ihrer Hütte zum Trocknen aufgehängt waren.

Ja, sie konnte zufrieden mit dem Sommer sein. Trotzdem sehnte sie sich bereits nach dem nächsten Frühjahr.

Katja trank ihren Kaffee vor der Almhütte, die ihr Zuhause geworden war. Über ihr zog ein Vogelschwarm am blassblauen Morgenhimmel in Richtung Süden.

Es war so kühl, dass die Sennerin fröstelnd das Schaltuch um ihre Schultern enger zog. Morgentau glitzerte auf den Wiesen, und die Sonne hatte noch nicht genug Kraft, um die Luft zu erwärmen.

Die Enzian-Alm lag gut eine Stunde Fußweg von St. Christoph entfernt. Hier oben, am Rand der Baumgrenze, hatte man einen weiten Ausblick über das Tal. Eine Quelle sprudelte in der Nähe. Und auf den Wiesen wuchs saftiges Gras.

Die Hütte selbst bestand aus zwei Wohnräumen und dem Stallanbau. Neben der Haustür wuchsen Kräuter und Salat.

Bald würde Katja wieder unten im Dorf arbeiten und für die Wintersportler einen Imbiss und Getränke bereithalten. Sie mochte den Kontakt zu den Gästen, aber es war nicht dasselbe wie im Sommer. So frei und leicht lebte sie nur auf ihrer Alm.

Plötzlich stutzte sie. Das Pony auf der Wiese schabte sich mit der Nase den linken Fuß. Immer wieder.

»Was ist denn los, Nepomuk?« Katja stellte ihre Tasse auf dem Geländer ab und ging zu dem Pony. Es half ihr beim Sammeln von Beeren und Kräutern, indem es ihre Funde in einem Weidenkorb auf seinem Rücken nach Hause trug. Jetzt jedoch wieherte es und leckte sich über die Fessel.

Katja bückte sich, um sein linkes Bein zu untersuchen. Sofort fiel ihr die verkrustete, blutige Haut um die Fessel herum auf. Mauke nannte man diese Hauterkrankung. Oder auch Fessel-Ekzem. Unbehandelt konnte die Entzündung bis zum Gelenk vordringen und es beschädigen.

Die Sennerin holte einen Eimer mit warmem Wasser und wusch die betroffenen Hautstellen sorgfältig mit Kernseife ab, bis sich die Kruste löste. Das Pony hielt still. Es schien zu spüren, dass sie ihm helfen wollte.

Als sich die Kruste gelöst hatte, trug Katja eine Heilsalbe auf, die Keime bekämpfen und die Entzündung lindern sollte.

»Heute Abend bekommst du einen Sauerkrautumschlag«, versprach sie dem Pony und legte ihre Hand auf seine Flanke. »Damit wird das Jucken und Brennen bald nachlassen.«

Nepomuk schnaubte und rieb den Kopf an ihrem Bauch.

»Rührend«, sagte da unvermittelt eine dunkle Stimme hinter ihr.

Ihr Herz machte einen erschrockenen Satz. Katja wirbelte herum und stand unversehens einem Fremden gegenüber.

Der Mann war einen Kopf größer als sie selbst und hatte kurz geschnittene, braune Haare und braune Augen, die sie eindringlich musterten. Sein weißes Hemd war lässig an den Ärmeln aufgekrempelt, aber das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es aus feinster Baumwolle war und tadellos saß, ebenso ...

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