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Der Bergdoktor - Folge 1680

Nie mehr einsam und allein

Clara hat das Glück verdient

Von Andreas Kufsteiner

Seit frühester Kindheit ist Clara Weidinger Diabetikerin. Doch da sie von Dr. Burger gut eingestellt ist, macht die Krankheit ihr keine Probleme. Die täglichen Insulinspritzen und die Bestimmung des Blutzuckerspiegels gehören für sie zum Alltag.

Clara blickt voller Optimismus in die Zukunft – vor allem, seit sie bei einem Spaziergang in den Bergen einen Mann kennengelernt hat, zu dem sie sich sehr hingezogen fühlt. Stefan Wenz könnte die Lücke in ihrem Herzen füllen, die der Tod ihres Verlobten vor über einem Jahr gerissen hat.

Es gibt niemanden, der Clara ihr neues Glück nicht gönnen würde – bis die junge Frau von einem Rendezvous nicht nach Hause zurückkehrt. Wo ist sie nur? Die Angst wächst. Schließlich braucht Clara rechtzeitig ihre Insulinspritze …

»Mei, was für ein schöner Morgen! Wie gemalt, gelt?« Dr. Pankraz Burger wiegte den grauhaarigen Kopf ein wenig hin und her. »Genau richtig, um einen Spaziergang zu machen.«

Der alte Bergdoktor musste schmunzeln. Nun unterhielt er sich schon mit Dackel Poldi, dem Familienhund im Doktorhaus von St. Christoph. Aber das Zamperl schaute ihn auch gar so klug und verständig an. Und bei der Erwähnung des Spaziergangs fing Poldi sogar an zu wedeln.

»Gelt, Poldi, magst nachher mit mir Gassi gehen«, setzte Pankraz Burger noch eins drauf. Und der Vierbeiner bellte einmal wie zur Bestätigung.

Als der alte Landarzt sich vom Fenster abwandte, bemerkte er die Bachhuber-Zenzi. Die Wirtschafterin und Seele des Haushalts war damit beschäftigt, den Frühstückstisch zu decken, wobei sie ihm immer wieder vielsagende Blicke zuwarf. Die sahen ziemlich deutlich nach Missbilligung aus.

Und so klang auch ihr Kommentar, als sie sich das leere Tablett schnappte und feststellte: »Es soll ja Menschen geben, die ziehen es vor, sich mit einem Tier zu unterhalten. Aber frei herumlaufen hab ich noch keinen gesehen.«

»Zenzi, deine charmanten Kommentare versüßen mir jede Mahlzeit ebenso sehr wie dein Marillengelee«, scherzte Pankraz heiter, was ihm einen weiteren bedeutsamen Blick einbrachte.

»Was ist denn los, Zenzi?«, fragte Martin Burger, der nun mit seiner Frau Sabine die Stube betrat.

»Nix ist. Nur, dass der Senior mit den Tieren spricht wie der Heilige Franz von Assisi«, versetzte sie spitz und verschwand in der Küche.

Dr. Burger lachte und ließ sich am Frühstückstisch nieder.

Der Bergdoktor, wie ihn die Menschen in St. Christoph und Umgebung ebenso respektvoll wie anerkennend nannten, war ein fesches Mannsbild. Man sah ihm nicht an, dass er die Fünfzig bereits überschritten hatte. Mit seiner sportlichen, durchtrainierten Figur machte er den Eindruck eines jungen Mannes. Nur die kleinen Lachfältchen um die Augen und das erste Silber, das an den Schläfen seines vollen, braunen Haares schimmerte, sprach von einer Reihe von gelebten Jahren.

»Hast du die Zenzi wieder geärgert, Vater?«, wollte er mit leisem Amüsement wissen. Die liebevolle Neckerei zwischen der Hausperle und dem Senior im Doktorhaus hatte unbestritten einen gewissen Unterhaltungswert.

»Schmarrn. Ich hab nur festgestellt, was für ein schönes Wetter wir haben und beschlossen, nachher mit dem Poldi einen Spaziergang zu machen. Die Zenzi muss da etwas falsch verstanden haben.«

»Ich höre noch gut«, versetzte sie und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. »Und ich weiß, was ich gesehen habe.«

»Am Vater ist wohl ein Viehdoktor verloren gegangen«, ulkte Dr. Burger, und sein Vater schlug in die gleiche Kerbe.

»Damit hast du wohl recht, Bub. Manch einer meiner ehemaligen Patienten wird dir das sicher bestätigen können.«

Sabine, Martins Frau, schenkte Kaffee aus und mahnte dann die beiden älteren Kinder, nicht zu trödeln. Schließlich musste die achtjährige Tessa pünktlich in der Schule sein und der fünfjährige Filli im Kindergarten.

»Heut wird die Sprechstunde gewiss stressig werden«, überlegte Dr. Burger. »Der Herbst kommt und mit ihm die Erkältungszeit.«

Sabine, die ebenfalls Ärztin war, fragte ihren Mann, ob sie ihm helfen könne. Wenn sehr viel zu tun war, sprang sie selbstverständlich ein.

»Wenn es eng wird, sag ich dir Bescheid. Oder hast du schon etwas vor heute?«, fragte er.

»Ich wollte nachher zum Einkaufen nach Mayrhofen fahren. Aber das eilt net, ich kann’s auch verschieben.«

»Du bist eben meine Beste«, freute er sich.

»Horch, der Papa raspelt Süßholz«, sagte Filli leise zu seiner Schwester.

Diesen Ausdruck hatte er gestern zum ersten Mal gehört. Und er gefiel ihm so gut, dass er ihn unbedingt anbringen musste.

Tessa hob nur ungnädig die Augenbrauen, eine Erwiderung schenkte sie sich hoheitsvoll.

Die zweijährige Laura, das Nesthäkchen der Familie, krähte dagegen fröhlich in ihrem Hochstuhl: »Dütholz, Dütholz …«

»Was soll denn das bedeuten?«, wunderte Martin sich. »Ich habe den Eindruck, dass hier jemand sehr vorlaut ist.«

»Ja, das stimmt«, pflichtete Filli seinem Vater naseweis bei und erhob sich rasch. »Die Laura, gelt? Pfüat euch, ich muss in den Kindergarten. Kommst du, Tessa?«

»Ach, herrje, jetzt muss ich mich auch noch von dem Zwerg hetzen lassen«, stöhnte die gequält. »Es ist schon net leicht, die ältere Schwester von so einem kindischen … Kind zu sein!«

Sabine stand auf und sorgte dafür, dass ihre beiden Großen sicher auf den Weg kamen. Als sie sich wieder an den Frühstückstisch setzte, seufzte Dr. Burger auf.

»So stelle ich mir allerdings kein gemütliches Frühstück vor.«

Prompt fing das Laura-Mauserl an zu weinen. Die junge Frau lächelte schmal.

»Ich fürchte, daran wird sich jetzt auch nichts ändern. Komm, Laura-Spatz, wir werden deine Windeln wechseln müssen.«

Pankraz, der sich die ganze Zeit in die Morgenzeitung vertieft hatte, ließ das Blatt nun sinken und meinte launig: »Das sind nun mal die Freuden des Familienlebens. Warte nur ab, bis du so alt bist wie ich. Hernach wirst du die Ruhe, die dann herrscht, net wirklich zu schätzen wissen und dich nach dem Trubel der frühen Jahre zurücksehnen.«

»Den du mit Gelassenheit erträgst, wie ich sehe.«

»Freilich.« Der Senior schmunzelte. »Ich weiß es zu schätzen, dass ich noch mittendrin sein darf. Das Glück hat leider net jeder, wenn er mal in die Jahre kommt.« Er lächelte Zenzi freundlich zu, die schon dabei war, den Tisch abzudecken. »Ich mache dann jetzt mit dem Poldi meinen angekündigten Spaziergang. Komm, Zamperl, auffi geht’s an die frische Luft.«

Und dann saß Martin Burger noch ein paar Minuten in aller Ruhe da, trank seinen Kaffee und warf einen Blick in die Morgenzeitung. Allerdings nur, bis Zenzi ihn mahnte, dass seine Sprechstunde gleich anfing. Außerdem spitzte sie auf sein Gedeck.

Seufzend räumte er das Feld.

Sabine kam gerade die Treppe herunter, als er hinüber in den Anbau gehen wollte, in dem sich die Praxis befand.

»Du gehst schon? Schade, ich dachte, wir könnten noch ein paar Minuten beisammensitzen.«

»Ich fürchte, dagegen hat die Zenzi was. Der Tisch ist bereits abgeräumt. Uns bleibt also nichts, als aufs Mittagessen zu hoffen«, erwiderte er trocken.

»Unser Familienleben gestaltet sich eben meistens doch recht hektisch«, sinnierte die junge Frau. »Man müsste einfach mal überlegen, wie man ein bisserl mehr Ruhe hereinbringt.«

»Lass nur, Schatzerl.« Er drückte ihr ein Busserl auf die zarten Lippen und lächelte vielsagend. »Es ist schon so okay, wie es ist. Ich möcht’s gar net anders haben.«

***

Bärbel Tannauer, die langjährige Sprechstundenhilfe von Dr. Burger, saß bereits hinter ihrem Schreibtisch, als der Doktor erschien.

»Eine lange Liste«, stellte sie fest und deutete auf die Namen der Patienten, die an diesem Vormittag einen Termin hatten. »Da wird es nix werden mit einem pünktlichen Mittagessen.«

Der Mediziner lächelte schmal. »Hatte ich auch net erwartet. Dann fangen wir am besten gleich an.«

Dr. Burger betrat sein Sprechzimmer, zog den weißen Kittel über, und dann meldete Bärbel auch schon die erste Patientin.

Es war Clara Weidinger, ein hübsches Madel mit weizenblondem Haar und tiefblauen Augen.

Augen, in denen eine tiefe Traurigkeit lag, denn Clara hatte vor einer Weile ihren Verlobten begraben müssen. Der tragische Unfalltod von Bernhard Stein, der als Mitglied der Bergwacht bei einem Rettungseinsatz abgestürzt war, hatte die Menschen in St. Christoph sehr erschüttert.

Clara hatte den Schock noch längst nicht überwunden. Die Trauer um den geliebten Burschen war nach wie vor ihr Begleiter, auch wenn sie gelernt hatte, damit umzugehen und ihr Leben ohne Bernhard weiterzuführen.

Die fesche Hoftochter war von Geburt an Diabetikerin und von Dr. Burger perfekt eingestellt. Es gab praktisch nie Probleme, denn die tägliche Insulinspritze und das Bestimmen des Blutzuckerspiegels waren für sie schon selbstverständlich gewesen, als sie noch Zöpfe gehabt hatte und in die Grundschule gegangen war.

In letzter Zeit hatte Clara allerdings unter diversen körperlichen Beschwerden zu leiden. Nach einem gründlichen Check-up sah der Bergdoktor nun klar.

»Grüß dich, Clara. Wie fühlst du dich heute?«, fragte er.

»Es geht so. Ein bisserl müde und abgespannt«, gab das Madel zu. »Aber das ist in letzter Zeit ja nix Neues. Ich hoffe, Sie haben keine schlechten Neuigkeiten für mich, Herr Doktor.«

Dr. Burger schlug die Krankenakte auf und überflog noch einmal die Befunde.

»Was das rein Körperliche angeht, da kann ich zunächst mal Entwarnung geben. Wir haben deine Diabetes im Griff, dein Allgemeinzustand ist als gut zu bezeichnen.«

Die Hoftochter atmete hörbar auf. »Dann bin ich gesund?«

»Rein körperlich schon. Aber ein Mensch ist eben mehr als die physische Erscheinung. Die Beschwerden, unter denen du seit einer Weile zu leiden hast, sind psychosomatisch. Ich nehme an, sie hängen mit deiner Trauer um Bernhard zusammen.«

»Aber was soll ich machen? Ich war bei einem Psychologen, hab Trauerarbeit geleistet. Und das Leben muss ja nun mal weitergehen. Ich bemühe mich jeden Tag aufs Neue, mich damit abzufinden, dass der Bernhard fort ist und nimmer zurückkommt.«

Sie schluckte. »Damals, als es passiert ist, da hab ich’s net fassen können. Und auch heute denke ich noch manchmal, dass alles nur ein böser Traum gewesen ist, dass der Bernhard gleich zur Tür hereinkommt und alles gut ist. Ich weiß natürlich, dass das net stimmt. Trotzdem denke ich noch jeden Tag an ihn. Ist das denn falsch? Soll ich mich zwingen, ihn zu vergessen?«

»Gewiss wäre das nicht der richtige Weg. Ich bin kein Psychologe, deshalb kann ich dir nur aus meiner eigenen Erfahrung heraus raten, Clara. Als meine erste Frau starb, da war ich so verzweifelt, dass ich nimmer leben wollte. Alles erschien mir sinnlos ohne die Christl. Ich war total am Boden. Und das ging eine ganze Weile so.«

»Aber was hat Ihnen denn geholfen, die Trauer zu überwinden?«

»Ich hab die Sabine kennengelernt. Damals wollte ich von der Liebe nichts mehr wissen, das Leben war mir ja zuwider. Aber das Schicksal hat es anders gewollt. Es hat mir meine große Liebe über den Weg geschickt. Und so ist mein Herz wieder geheilt. Das soll net heißen, dass ich die Christl einfach vergessen hätte. Sie wird immer einen Platz in meinem Herzen haben.«

»Eine neue Liebe?«, sinnierte Clara und schüttelte dann den Kopf. »Ich glaube net, dass das richtig wäre. Da käme ich mir ja vor wie eine Verräterin.«

»Aber das wärst du net. Der Bernhard ist nimmer da, sein irdisches Leben ist vorbei. Deines allerdings nicht. Und ich bin sicher, dass er dich glücklich sehen wollte. Er war ein gutherziger Mensch, der dich sehr lieb gehabt hat. Ich kann mir net denken, dass er erwartet hätte, dass du dein Leben lang um ihn trauerst.«

Die Worte des Bergdoktors hatten Clara sehr berührt. Auf dem Heimweg dachte sie in aller Ruhe darüber nach.

Konnte es denn wirklich sein, dass ihre Herzbeschwerden, Rückenschmerzen und das ständige Kopfweh, das sie plagte, nur äußerliche Anzeichen ihrer Trauer waren? Wenn sie ihr Herz befragte, wurde ihr klar, dass Dr. Burger durchaus recht hatte.

Noch immer quälte der Verlust sie. Fast jede Nacht träumte das Madel von dem geliebten Burschen und wachte am Morgen weinend auf.

Clara war zu Fuß unterwegs und genoss die frische und klare Herbstluft. Sie hatte St. Christoph bald hinter sich gelassen und nahm dann einen Steig, der hinauf zum Berghof führte. Der schmale Weg schmiegte sich an die Westseite des Feldkopfes. Auf halber Höhe befanden sich die Höfe der Familie Weidinger und ihres Nachbarn Matthias Dornhauser.

Der Nachbar der Weidingers war nur ein paar Jahre älter als Clara. Als Kinder hatten sie manchmal zusammen gespielt. Matthias hatte aber früh die Eltern verloren und den Hof übernehmen müssen.

Er war ein ernster, verschlossener Charakter, mit dem nicht jeder auskam. Clara sah in ihm immer noch den Freund aus Kindertagen. Dass Matthias schon seit einer ganzen Weile in sie verliebt war und davon träumte, sie zu seiner Bäuerin zu machen, ahnte sie nicht einmal.

Das Madel erreichte als Erstes den Dornhauser-Hof, der direkt am Weg lag. Matthias schien auf sie gewartet zu haben, denn er kam ihr bereits entgegen.

Mit seiner hohen Statur, dem dunklen, etwas wirren Haar und dem Bart konnte er einem schon ein wenig Angst einjagen. Jedenfalls dann, wenn man ihn nicht kannte.

Clara hatte nie so empfunden. Sie liebte Matthias wie einen Bruder.

»Grüß dich, Matti«, sagte sie freundlich.

»Hallo, Clara, wie war es beim Doktor? Was hat er gesagt? Du bist doch gesund, dir fehlt nix Ernstes, oder?«, fragte er mit besorgter Miene, wobei die Blicke seiner braunen Augen mit einem warmen Glanz auf ihrer schmalen Erscheinung ruhten.

»Freilich bin ich gesund. Kein Grund zur Besorgnis«, versicherte sie ihm.

»Deine Mutter hat erzählt, dass es dir in letzter Zeit net so gut geht. Deshalb hab ich mir eben Sorgen um dich gemacht.«

»Das musst du net, wirklich net. Ich hab halt den Tod vom Bernhard noch net so recht überwunden. Weißt du, Matti, man kann sich vom Verstand her sagen, ich nehme es hin, weil es eh net zu ändern ist. Aber das Gefühl hat da auch noch ein Wörterl mitzureden. Und wenn man das ausklammert, dann kann es schon vorkommen, dass es wo zwickt, versteht du, was ich meine?«

Der Bergbauer hob die breiten Schultern.

»Net wirklich«, gab er zu. »Aber wenn du mir sagst, dass es dir gut geht, dann bin ich zufrieden.«

»Das tut’s. Also dann, ich muss weiter.«

»Bleibt es denn bei Sonntag? Ich meine, unsere Kraxeltour am Achenkegel«, hakte er noch nach.

»Freilich. Wie es abgemacht ist. Bis dann!«

Clara eilte nun nach Hause, denn sie wusste aus Erfahrung, dass Matthias beim Reden nur schwer ein Ende finden konnte.

Wenn sie zusammen kraxeln gingen, war das anders. Dann konzentrierte der Bursch sich auf die Wand und gab sich eher wortkarg.

Clara, die schon als Madel mit ihrem Vater eine Leidenschaft fürs Bergsteigen entwickelt hatte, wusste das zu schätzen. Die zwei waren seit Langem eine gute Seilschaft, bei der sich einer auf den anderen verlassen konnte.

Matthias schaute dem Madel sehnsüchtig hinterher, dann ging er wieder in den Stall zurück.

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