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Der Bergdoktor - Folge 1678

Hast du ein Herz aus Stein, Bauer?

Warum ein Mann seine Frau wie eine Fremde behandelte

Von Andreas Kufsteiner

Für Antje ist jeder Gang ins Dorf ein Spießrutenlauf. »Giftmischerin! Mörderin!«, tuscheln die Leute hinter her, denn natürlich hat es sich in Windeseile herumgesprochen, dass ihr Mann an einer vergifteten Kräutersoße, die sie zubereitet hat, fast gestorben wäre. Noch immer liegt Hannes auf der Intensivstation – und er will sie nicht sehen! Hat er etwa Angst vor einem neuen »Anschlag«?

Antje ist am Boden zerstört. Sie liebt ihren Mann doch und kann sich nicht erklären, wie das Gift in die Soße gekommen ist. Deshalb muss sie unbedingt die Wahrheit herausfinden, bevor Hannes nach Hause zurückkehrt …

»Wie hältst du das nur aus, Antje?« Die Anruferin schnappte nach Luft. »Ich würde schleunigst meine Koffer packen und wäre verschwunden. Adieu. Goodbye. Auf Nimmerwiedersehen!«

»So einfach ist das net, Nina.« Antje Strobl presste ihr Mobiltelefon fester ans Ohr. Es hatte geklingelt, als sie ihr Auto gerade vor dem Supermarkt geparkt hatte. Während die Sonne nun auf das Wagendach brannte, kurbelte die junge Bäuerin die Seitenscheibe herunter, um frische Luft hereinzulassen.

Ihre Freundin war Journalistin und selten länger als eine Woche im Monat daheim. Den größten Teil ihrer Zeit war Nina für ihre Reportagen und Interviews unterwegs. Das tat ihrer Freundschaft jedoch keinen Abbruch.

Nina und sie hatten zusammen studiert. Wenige Jahre nach ihrem Abschluss hatten sich ihre Wege getrennt. Während Nina beruflich ständig auf Achse war, war Antje ins Zillertal gezogen und bewirtschaftete den Bauernhof ihres Mannes mit.

»Es könnte einfach sein«, gab ihre Freundin zu bedenken. »Du musst nur einen Schlussstrich unter alles ziehen, was dich stört, und nach vorn schauen. Bloß net zurück.«

»Ich bin eigentlich glücklich …«

»Da höre ich ein dickes Aber heraus.«

»Na ja, du weißt ja, wie es mit meiner Schwiegermutter ist.«

»Ah, jetzt kommen wir zum springenden Punkt. Macht sie dir das Leben immer noch schwer?«

»Ich fürchte, wir machen uns gegenseitig das Leben schwer. Barbara ist net glücklich, dass ich da bin.«

»Ich frage mich nur, warum. Du hilfst von früh bis spät mit und reibst dich auf. Was verlangt sie denn noch von dir?«

»Ein Enkelkind.« Antje seufzte tonlos.

Ihre Schwiegermutter war seit vielen Jahren Witwe und hatte bis vor zwei Jahren das Leben auf dem Hof bestimmt. Nun musste sie sich diese Aufgabe mit Antje teilen, und sie machte keinen Hehl daraus, dass sie einer Städterin nichts Gutes zutraute.

»Ich mache immer noch Fehler bei der Arbeit, und die hält sie mir natürlich vor.«

»Was denn für Fehler?«

»Ich vergesse, die Kühe heimzutreiben, weil ich gerade am Kochen bin. Oder ich wende das Heu net ordentlich, sodass es noch feucht ist, wenn wir es einbringen. Ich habe keine Ahnung, worauf ich dabei achten muss.«

»Solche Sachen passieren, wenn man eine Arbeit net gewohnt ist. In ein paar Jahren wird dir alles leichter von der Hand gehen. Deine Schwiegermutter hält dir deine Fehler nur aus einem Grund vor: Sie hat Angst, das Zepter auf dem Hof an dich zu verlieren. Sie befürchtet, dass du alles an dich reißt.«

»Aber das habe ich net vor. Ich möchte nur, dass wir alle friedlich miteinander auskommen.«

»Sie glaubt sicherlich, du würdest ihr den Sohn und den Hof wegnehmen«, vermutete Nina.

»Und wie kann ich ihr klarmachen, dass ich das net will?«

»Gar net, schätze ich.«

»Danke. Du machst mir wirklich Mut.«

»Ich meine ja nur, dass es vielleicht net der richtige Weg ist, dich zu ducken und stillzuhalten. Womöglich solltest du lieber durchgreifen und die Organisation des Hofes tatsächlich an dich nehmen. Drück eurem Leben deinen Stempel auf. Und weise deiner Schwiegermutter einen festen Platz darin zu. Dann weiß sie, wo sie hingehört. Das könnte euch helfen.«

»Ich will mich aber net aufdrängen«, wandte Antje ein.

»Schmarrn. Du bist jetzt die Bäuerin. Immerhin hast du den Bauern geheiratet. Also steh auch dazu und tritt die Flucht nach vorn an.«

Antje schwieg verunsichert. Auch zwei Jahre nach ihrer Hochzeit hatte sie immer noch das Gefühl, auf dem Hof nichts als eine Zuschauerin zu sein.

»Vielleicht wäre es leichter, wenn Hannes und ich ein Baby hätten, aber es klappt einfach net.«

»Kein Wunder, bei dem Druck, unter dem ihr steht. Deine Schwiegermutter wartet ja wie ein Fuchs am Hühnerstall, dass es endlich passiert. Es würde mich gar net wundern, wenn sie jeden Monat deinen Tamponvorrat durchzählen würde.«

»Nina!«, rief Antje halb bestürzt, halb belustigt aus.

»Ist doch wahr. Lass dich bloß net unter Druck setzen. Setz dich lieber durch.«

»Und wie stelle ich das am besten an? Ich will Barbara doch nix wegnehmen.«

»In ihren Augen hast du das aber schon getan. Du hast ihren Sohn geheiratet. Du musst klare Grenzen setzen, sonst werdet ihr alle zusammen net glücklich.«

Antje seufzte hörbar. »Seit wann bist du so weise?«

»Das war ich schon immer. Es ist dir nur nie aufgefallen.« Ein Lachen schwang in der Stimme ihrer Freundin mit.

»Wir müssen uns bald wieder zum Essen treffen.«

»Auf jeden Fall. Ich melde mich, wenn ich wieder im Lande bin. Morgen fliege ich erst einmal nach Köln. Dort soll ich eine Reportage über einen Verlag schreiben, der neue Wege in der Vermarktung seiner Bücher geht.«

»Das wird bestimmt spannend.«

»Das glaube ich auch. Ich hoffe auf ein paar Leseexemplare. Im Moment habe ich wirklich eine Durststrecke, was neue Bücher angeht.«

»Gut zu wissen. Immerhin hast du bald Geburtstag.« Antje machte sich in Gedanken eine Notiz.

Wie immer brauchten ihre Freundin und sie mehrere Anläufe, um sich zu verabschieden, denn sie fanden stets noch etwas, über das sie reden wollten. Als Antje schließlich auflegte, stellte sie erschrocken fest, dass der Supermarkt in einer halben Stunde schließen würde.

Rasch kurbelte sie das Fenster hoch und eilte mit ihrem Korb in das Geschäft. Nach dem Gespräch mit ihrer Freundin war ihr das Herz leichter.

Nina kannte sie so gut wie kaum ein anderer Mensch. Seit dem viel zu frühen Tod ihrer Eltern war die Freundin ihre engste Vertraute. Nicht einmal Hannes wusste so viel über sie. Nina hatte eine patente Art, die Dinge ins rechte Licht zu rücken und sie aufzumuntern.

Antje brauchte noch einige Zutaten für das Abendessen und erledigte ihre Einkäufe. Der Strobl-Hof stand einsam auf einer Anhöhe und war einigermaßen abgelegen, deshalb war jede Fahrt zum Supermarkt eine kleine Weltreise.

Die Bäuerin erledigte ihre Einkäufe und ging anschließend noch in den Laden mit französischen Spezialitäten. Hier wurden nicht nur Lebensmittel angeboten, sondern auch Dekorationen und Heimtextilien. Antje war noch nie in Frankreich gewesen, aber eines Tages würde sie mit ihrem Schatz einmal hinfahren. Davon träumte sie schon lange.

Eine halbe Stunde später fuhr sie zurück nach Hause. Sie hatte mehr Tüten im Kofferraum, als sie eingeplant gehabt hatte. Zum Glück war der Wagen ihres Mannes groß genug, um alle Einkäufe aufzunehmen.

Es war ein sonniger Abend. Die Berge hüllten sich in leichten Dunst, ein Zeichen, dass es auch am nächsten Tag wieder schön werden würde. Der Duft von frischem Heu lag in der Luft, als Antje das Fenster herunterkurbelte, um frische Luft hereinzulassen.

An der Ausfahrtsstraße von Mayrhofen stand ein Mann und hielt den Daumen hoch.

»Dominik?« Die Bäuerin stoppte und ließ den Anhalter einsteigen. »Was machen Sie denn hier? Noch dazu zu Fuß?«

»Ich habe frische Farben eingekauft und darüber den letzten Bus nach Hause verpasst.« Dominik Lugner deutete auf die Tragetasche, die er zwischen seinen Füßen abgestellt hatte. Dann schnallte er sich an und warf ihr ein dankbares Lächeln zu. »Ich bin froh, dass Sie angehalten haben.«

»Freilich, ich kann Sie doch net den ganzen Weg zurück zum Dorf laufen lassen.« Antje lächelte.

Der Künstler wohnte ebenfalls in St. Christoph. Er hatte ein Atelier und lebte von den Landschaftsbildern, die er an Urlauber und Ausflügler verkaufte.

Seine dunkelblonden Haare wurden im Nacken von einem Lederband gehalten. Sie ließen sein markantes Gesicht mit den leuchtend blauen Augen frei, denen kein Detail zu entgehen schien. Er war kräftig gebaut, aber seine Hände waren schmal und feingliedrig. Es waren Künstlerhände.

»Was malen Sie gerade?«, fragte Antje ihn, während sie ihr Auto die steil gewundene Straße bergauf steuerte.

»Meistens male ich mehrere Bilder gleichzeitig. Zurzeit sind es unterschiedliche Ansichten vom Rautenstein. Die Bilder sind bei den Urlaubern ziemlich beliebt. Die Farbe ist kaum trocken, dann werden mir die Bilder schon aus den Händen gerissen.«

»Wirklich? Das ist schön. Ich freue mich für Sie.«

»Danke.« Dominik nickte bedächtig und sah sie von der Seite an. »Sie sind bildhübsch, wissen Sie das? Ich würde Sie sehr gern einmal malen.«

»Oh.« Antjes Wangen begannen zu glühen. »Wer weiß, vielleicht komme ich irgendwann darauf zurück. Mir geistert nämlich schon eine Weile eine Idee durch den Kopf.«

»Sie sind mir jederzeit willkommen.«

Antje warf dem Mann auf dem Beifahrersitz einen Blick von der Seite zu. Er sah sie so intensiv an, dass ihr ein wenig seltsam zumute wurde. Da erreichten sie jedoch schon sein Atelier, und sie hielt an.

»Da wären wir also.«

»Vielen Dank, dass Sie mich mitgenommen haben.« Dominik Lugner nahm seinen Beutel auf. »Dafür haben Sie etwas gut bei mir.«

»Ach, das war doch nix weiter.«

»Doch, ich finde schon. Bis bald, Antje.«

»Ja, bis bald!« Sie winkte ihm kurz zu, ehe sie Gas gab und nach Hause fuhr.

Der Strobl-Hof lag auf einer Anhöhe. Dominiert wurde das Anwesen von einem Bauernhaus, an das sich der Stall und eine Scheune anschlossen. Auch eine Garage gab es, in der der Traktor, eine Egge und noch weitere landwirtschaftliche Geräte standen.

Vor der Garage hielt die Bäuerin nun an, stieg aus und holte ihre Einkäufe aus dem Kofferraum.

Eine Katze strich ihr um die Beine, als sie zum Haus ging.

»Ja, ja, ich weiß schon, wie hungrig du bist«, lächelte Antje. »Komm mit. Du bekommst gleich etwas, Schnurrle.«

Sie nahm die Katze mit in die Küche und stellte ihre Tüten auf dem Tisch ab. Dann öffnete sie eine Büchse mit Katzenfutter und schüttete den Inhalt in einen Napf. Hungrig machte sich der Kater über sein Mahl her.

Antje begann indessen auszupacken. Neben den Sachen, die auf ihrem Einkaufszettel gestanden hatten, hatte sie zwei Blumentöpfe mit Lavendel gekauft, ein Bild von Mittelmeerküste, Platzdeckchen mit der französischen Flagge und dazu verschiedene typische Lebensmittel. Damit konnte sie sich ihre Traumreise ein wenig nach Hause holen …

»Was hast du bloß alles eingekauft?« Ihre Schwiegermutter kam herein und starrte entgeistert auf die vielen Sachen.

Man sah Barbara Strobl nicht an, dass sie die sechzig längst überschritten hatte. Sie hielt sich stets kerzengerade. Ihr Kleid war schlicht, aber blitzsauber. Nur ihre schwieligen Hände verrieten, dass sie hart arbeitete. Sie hob eine Augenbraue.

»Was sollen wir mit dem ganzen Zeug?«

»Ich möchte die Stube neu dekorieren. Wir sollten auch renovieren. Es wird mal wieder Zeit. Vielleicht streichen wir net alle Wände weiß, sondern eine davon lavendelfarben. Das würde bestimmt hübsch aussehen. Was meinst du?«

»Lavendel an der Wand?« Ihre Schwiegermutter schnaubte zweifelnd und griff nach der Pappschachtel mit französischem Weichkäse. »Chabichou du Poitou? Was soll das sein?«

»Eine Käsespezialität aus Frankreich.«

»Aus Frankreich? Unser Alpenkäse ist dir wohl nimmer gut genug?«

»Doch, natürlich, aber manchmal braucht man ein bisserl Abwechslung. Heute Abend gibt es Baguette mit Knoblauchbutter und dazu französische Fleischspieße.«

»So etwas esse ich net«, wehrte die Ältere ab.

»Probiere es wenigstens, ja? Du wirst es bestimmt mögen.«

»Auf keinen Fall. Hannes wird auch net mitessen. Das kann ich dir garantieren.«

»Aber das wird wirklich lecker. Das Fleisch wird mit Kräutern der Provence gewürzt.«

»Und wenn schon. Ich esse lieber, was ich kenne.«

Antje sank das Herz. Ob ihr Mann das genauso sehen würde? Hatte sie einen Fehler gemacht? Hätte sie lieber Aufschnitt und Graubrot kaufen sollen?

Ihre Schwiegermutter verließ die Küche, aber ihre Missbilligung schien zurückzubleiben wie ein schlechter Geruch.

Antje seufzte leise. In letzter Zeit sehnte sie sich immer öfter nach ihrem unbeschwerten Leben in Salzburg zurück.

Als sie noch Journalistin gewesen war, hatte sie keine anderen Sorgen gekannt als die Frage, wann ihr nächster Artikel erscheinen würde und ob sie mit den vorgegebenen Druckzeilen auskam.

Jetzt jedoch war alles kompliziert. Antje hatte jeden Tag aufs Neue das Gefühl, sich vor ihrer Schwiegermutter bewähren zu müssen – und zu versagen.

Niedergeschlagen musterte sie ihre Einkäufe.

War es ein Fehler gewesen, sich einzubringen und etwas Neues auszuprobieren?

Während sie überlegte, polterten Schritte im Flur, und ihr Mann kam herein. Ein sanftes Lächeln erhellte sein gebräuntes Gesicht.

»Guten Abend, Schatzerl«, sagte Hannes warm, nahm sie in die Arme und drückte ihr ein zärtliches Busserl auf die roten Lippen.

Antje schmiegte sich an ihn und vergaß die trüben Gedanken für eine Weile.

Hannes und sie gehörten zusammen. Alles andere würde sich schon finden. Darauf vertraute sie fest.

***

Mitten in der Nacht schreckte Antje aus dem Schlaf.

Zunächst wusste sie nicht, was sie geweckt hatte. Silbriges Mondlicht fiel durch die Vorhänge herein und erhellte das Schlafzimmer genug, um erkennen zu lassen, dass ihr Mann neben ihr schlief. Hannes hatte seine Hand mit ihrer verschlungen. Seine Atemzüge waren tief und gleichmäßig. Seine braunen Haare waren ein wenig zerzaust.

Noch immer spürte Antje seine Lippen zärtlich auf ihrer Haut, und eine Woge Liebe stieg in ihr auf.

In diesem Augenblick hörte sie das Rumpeln. Es kam von unten. Aus der Küche. Zumindest hörte es sich so an.

Ihr Blick flirrte zum Wecker. Es war gerade halb zwölf. Wer ging da im Haus um? Ein Einbrecher?

Wohl eher nicht. Ein Einbrecher hätte niemals so viel Lärm gemacht. Es hörte sich an, als würde ein Mischmopp gegen die Fußleiste knallen. Immer wieder.

Unruhe stieg in der jungen Bäuerin auf. Antje zog ihre Hand unter der ihres Mannes hervor. Dann stand sie auf und angelte ihren Morgenmantel vom Stuhl. Anschließend huschte sie die Treppe hinunter zur Küche, spähte in den hell erleuchteten Raum und stutzte.

»Barbara?« Ungläubig sah sie ihre Schwiegermutter an, die noch vollständig angezogen war und gerade die Küche wischte. Sie hatte die Stühle auf den Tisch gestellt und wirbelte mit dem Wischmopp herum, als wäre heller Tag und nicht eine halbe Stunde vor Mitternacht. »Was machst du denn hier?«

»Ich muss saubermachen«, schnaufte ihre Schwiegermutter, ohne innezuhalten.

»Aber das habe ich heute Vormittag schon gemacht.«

»Es liegt überall noch Staub.

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