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Der Bergdoktor - Folge 1676

Lass dir dein Glück nicht stehlen

Eine junge Frau zweifelt an der Treue ihres Liebsten

Von Andreas Kufsteiner

Schon seit einer Weile läuft es in der Beziehung von Patrick und Carola nicht mehr gut. Dabei behaupten beide, sich von Herzen lieb zu haben! Warum nur hat Carola dann so oft Tränen in den Augen? Irgendetwas bedrückt sie. Doch sie spricht nicht über ihren Kummer – mit niemandem!

Unterdessen nehmen der Bergdoktor und seine Familie ein kleines, schwer krankes Waisenmädchen bei sich auf. Obwohl Katalin erst sieben ist, hat sie bereits Schreckliches erlebt …

Dr. Martin Burger saß in seinem Garten und fühlte sich umzingelt. Vor ihm auf dem grob gescheuerten Holztisch waren die medizinischen Fachzeitschriften ausgebreitet, die in den vergangenen Monaten mit der Post gekommen waren und die er noch nicht gelesen hatte.

Es war ein ansehnlicher Stapel. Sein Vater hatte ihm einige besonders interessante Artikel mit bunten Klebezetteln markiert.

Schmerzmittel: eine neue Droge?

Was können Abnehmpillen wirklich leisten?

Rückkehr der Tuberkulose alarmiert die Mediziner in Tirol.

Die Überschriften versprachen allesamt lesenswerte Beiträge. Wenn, ja, wenn er bloß die Zeit gefunden hätte, sie zu lesen!

Er hatte die Praxis seines Vaters vor einigen Jahren übernommen. Als Landarzt war er von früh bis spät auf den Beinen und kümmerte sich um die Menschen in St. Christoph. Dass er häufig nachts oder am Wochenende zu Notfällen ausrücken musste, machte ihm nichts aus.

Er liebte seinen Beruf – nur leider blieb kaum Zeit zum Lesen. Manchmal schmökerte er abends im Bett noch in einem Krimi, aber meistens fielen ihm schon nach wenigen Seiten die Augen zu.

Auch an diesem Abend war es spät geworden. Die Sonne war vor einer halben Stunde hinter dem Achenkegel untergegangen, und das Dorf kam allmählich zur Ruhe.

Ein Bauer tuckerte noch mit seinem Traktor die Dorfstraße herunter, sonst war kein Mensch zu sehen.

Die Urlauber waren längst wieder in ihrem Hotel. Nur eine Katze huschte über den Gehsteig. Dunst stieg von den Wiesen auf. Nachmittags hatte es einen Gewitterguss gegeben, aber die Wolken zogen bereits weiter, und das Regenwasser verdunstete wieder.

Das Doktorhaus lag unmittelbar am Waldrand am Ende der Kirchgasse. Morgens wagte sich manchmal ein Reh bis an den Gartenzaun heran und zupfte an den Blättern der Johannisbeeren, die dort reiften. Hin und wieder kam auch ein Waschbär und wühlte auf der Suche nach Futter in der Mülltonne hinter dem Haus.

Martin Burger hatte seinen Sohn vor wenigen Minuten zu Bett gebracht. Filli hatte gebadet. Als er den Buben aus der Wanne gehoben hatte, hatte seine Hose einen Schwall Badewasser abbekommen, aber der trocknete in der sommerlichen Wärme rasch wieder.

Während Martin nun über seinen Zeitschriften brütete und sich nicht entscheiden konnte, welchen Artikel er lesen sollte, klapperten auf einmal schnelle Schritte auf dem Holzfußboden im Inneren des Hauses.

Dann wirbelte Tessa ins Freie. Mit ihren acht Jahren war sie die älteste seiner drei Kinder. Ihr rosafarbenes Nachthemd war mit gelben Pünktchen bedruckt und wurde ihr allmählich zu klein.

Du liebe Zeit, wie schnell das Madel heranwuchs! Man konnte förmlich dabei zusehen! Ihre dunklen Zöpfe wippten munter, als sie auf ihn zusprang.

»Gute Nacht, Vati.« Sie beugte sich vor und umarmte ihn.

»Schlaf schön, Spatzerl. Hast du deine Zähne geputzt?«

»Schon längst.«

»Und die Hausaufgaben erledigt?«

»Wir hatten gar keine auf. Bei dieser Hitze net.«

»Euer Lehrer ist wirklich sehr verständnisvoll.«

»Ja, ganz anders als Frau Mangoldt.« Tessa krauste ihr Näschen, als sie sich an die Schulleiterin erinnerte, die bis vor wenigen Wochen ihre Schule mit harter Hand geleitet hatte, inzwischen jedoch abgelöst worden war. Sie hatte für allerhand Aufregungen im Dorf gesorgt und ihre Klasse am Ende in eine große Gefahr gebracht. Martin Burger erinnerte sich mit Schrecken daran.

»Herr Werth hat noch mehr geschwitzt als wir alle zusammen.« Tessa kicherte. »Gustl hat nämlich einen Heizlüfter von daheim in die Schule geschmuggelt und heimlich unter dem Lehrerpult aufgestellt.«

»Ach, herrje! Euer armer Lehrer muss ja Blut und Wasser geschwitzt haben.«

»Ja, aber er hat es ganz schnell bemerkt. Leider. Er hat den Lüfter behalten und gesagt, dass er ihn für den Winter aufhebt. Er gibt ihn nur heraus, wenn Gustls Vater zu ihm kommt und ihn abholt.«

»Dann wird dein Schulfreund seinen Streich wohl daheim beichten müssen. Davon wird sein Vater net begeistert sein.«

»Stimmt. Vermutlich brummt er Gustl eine Strafe auf.« Tessa streckte den Arm zu dem Rosenspalier am Gartentor aus. »Guck mal, Vati!«

»Was siehst du denn da?« Er brauchte einige Sekunden, bis er das hauchfeine Spinnennetz entdeckt hatte, das zwischen den Streben aufgespannt war. Eine Kreuzspinne lauerte am Rand des Netzes auf ihr Abendessen.

»Wozu sind diese Netze eigentlich gut, Vati?«, wollte Tessa wissen, die mit ihren acht Jahren zahllose Fragen hatte.

»Darin verfangen sich kleine Insekten, die an den Fäden hängen bleiben und net wieder loskommen. Die Fäden sind nämlich ziemlich klebrig. Auf diese Weise fängt sich die Spinne ihr Essen.«

»Ziemlich eklig.«

»Aber auch sehr nützlich.«

»Und warum bleibt die Spinne net selbst an ihrem Netz kleben? Sie klettert doch auch darüber, oder net?«

»Stimmt. Das liegt daran, dass sie verschiedene Fäden herstellen kann. Manche davon sind klebrig, andere wiederum net. Siehst du die Fäden, die wie Fahrradspeichen zum Mittelpunkt des Netzes führen? Sie halten das Netz, sind aber ungefährlich. Aber die Fangseide, die sich wie eine Spirale um das Zentrum windet, ist sehr wohl klebrig. Würde die Spinne darauf geraten, wäre sie selbst gefangen.«

»Also muss die Spinne aufpassen, wo sie hintritt?«

»Ganz genau.«

»Das wusste ich net.« Tessa zupfte an ihrem Zopf. »Ich mag Spinnen trotzdem net. Mit ihren langen Beinen sehen sie gruselig aus.«

»Das findet deine Mutter auch, deshalb greift sie zum Staubsauger, sobald sie eine sieht.«

»Oder zum Pantoffel.« Tessa kicherte. »Ich gehe noch ein bisserl lesen. Gute Nacht, Vati!« Sie wirbelte herum und stob davon.

Wenig später kam ihre Mutter aus dem Haus. Sabine Burger war ebenfalls Ärztin und hatte viel Verständnis, wenn es bei ihm einmal später wurde. Sie hatte schulterlange blonde Haare und eine patente Art, mit der sie jedes Problem anpackte und nichts lange vor sich herschob.

An diesem Abend waren ihre Augen gerötet, und sie umklammerte einen Kaffeebecher, als würde sie sich daran festhalten.

»Mir raucht der Kopf«, klagte sie. »Den ganzen Nachmittag habe ich die Unterlagen für den Fortbildungskurs am Wochenende durchgelesen, und jetzt kann ich eine Angina nimmer von einem Hammerzeh unterscheiden.«

»Musst du denn alles schon vorher lernen?«

»Das ist keine Bedingung, aber ich bin gern vorbereitet, dann hat man mehr von solchen Seminaren.«

»Da ist was dran. Du siehst aus, als könntest du eine Pause gebrauchen, Liebes. Wollen wir einen Spaziergang machen? Die Kinder sind im Bett. Filli und Laura schlafen schon, und Tessa liest. Mein Vater kann auf sie aufpassen.«

»Frische Luft wäre wirklich wunderbar.« Sabine stellte ihren Kaffeebecher auf dem Tisch ab und nickte lebhaft.

Martin Burger stapelte die Zeitschriften ordentlich übereinander und verschob ihre Lektüre auf einen anderen Abend. Er griff nach der Hand seiner Frau und spürte ein leises Glücksgefühl in seinem Inneren, als sie den Druck erwiderte.

Was wäre er nur ohne sie?

Nach einem schweren Schicksalsschlag hatte er geglaubt, sich nie wieder verlieben zu können. Er hatte sich schon beinahe damit abgefunden gehabt, für den Rest seines Lebens allein zu bleiben, aber dann war er der temperamentvollen Ärztin begegnet, die sein Herz mit ihrem Lächeln und ihrer Wärme erobert hatte und die ihm seit vielen Jahren eine patente Gefährtin war.

Zusammen ließen sie das Dorf hinter sich und folgten dem Pfad, der sich zwischen goldgelben Weizenfeldern und grünen Wiesen hindurchschlängelte. Er führte um das Dorf herum. Vogelgezwitscher erfüllte die Luft, und ein tiefer Frieden lag über dem Tal. Ein Hase hoppelte wenige Meter vor ihnen über den Weg, ehe er wieder zwischen den Getreidehalmen verschwand.

Hand in Hand schlenderte das Paar durch den Abend.

Martin Burger warf seiner Frau einen Blick zu.

»Ich bin froh, dass wir uns in Ruhe unterhalten können. Ich möchte dich nämlich etwas fragen.«

»Wenn es um ein Schwimmbecken im Garten geht, ist meine Antwort immer noch nein, Martin. Ich weiß, dass Tessa und Filli von nix anderem reden. Für sie wäre das bestimmt schön, aber Laura ist noch zu klein. Wenn sie ins Wasser fällt …« Sabine schüttelte den Kopf. »Das ist zu riskant. Lass uns damit noch ein paar Jahre warten. Vorerst reicht das aufblasbare Planschbecken völlig.«

»Das sehe ich genauso. Wir brauchen keinen Pool. Wenn wir schwimmen wollen, können wir zum Kuckuckssee gehen.«

»Eben. Darüber wolltest du also gar net reden?«

»Nein. Es geht um etwas anderes.« Er holte tief Luft, ehe er fragte: »Wie ist dein Ungarisch, Liebes?«

»Mein Ungarisch?« Verblüfft weiteten sich ihre Augen. »Ist das eine rhetorische Frage?«

»Eigentlich net. Pfarrer Roseder war heute bei mir in der Praxis. Er hat mir erzählt, dass seine Kirche ein Ferienprogramm für Waisenkinder organisiert. Die Kinder sollen ein paar Wochen hier in den Bergen verbringen, neue Kräfte sammeln und eine schöne Zeit haben. Er wollte wissen, ob wir ein Madel bei uns aufnehmen könnten. Es kommt aus Ungarn und hat sonst niemanden mehr.«

»Spricht die Kleine überhaupt unsere Sprache? Es wird schwierig, wenn wir uns net verständigen können.«

»Ja, Katalin ist zweisprachig aufgewachsen. Ihre Mutter war Deutsche. Sie haben in Ungarn gelebt. Ihre Eltern sind vor einem Jahr ums Leben gekommen. Seitdem lebt sie in einem Heim. Den staatlichen Einrichtungen dort fehlt das Geld, um den Waisenkindern eine Erholungsreise zu ermöglichen, deshalb springt die Kirche ein.«

»Ich verstehe. Wann soll die Kleine denn ankommen?«

»Schon bald. Eine andere Gastfamilie ist ausgefallen, weil zwei ihrer Kinder die Masern haben. Wir sollen einspringen.«

»Wie bald denn genau?«

»Sie kommt morgen hier an.«

»Morgen schon?« Sabine riss die Augen auf. »Das ist wirklich kurzfristig. Dann werden wir net einmal Zeit haben, um ein paar Sachen für sie vorzubereiten. Außerdem haben wir beide viel zu tun. Wird das neben der Arbeit net zu viel?«

»Das schaffen wir schon. Außerdem hat der Pfarrer sonst niemanden, der auf die Schnelle einspringen kann. Die anderen drei Kinder, die ebenfalls herkommen, sind bereits untergebracht, nur die kleine Katalin net.«

»Hast du hast schon zugestimmt?«

»Noch net. Ich habe Pfarrer Roseder gesagt, dass ich erst mit dir darüber reden möchte.«

»Na ja, ich denke, das bekommen wir schon hin. Wir können mit ihr zu einer Almwirtschaft wandern. Und mit der Bergbahn fahren. Das wird ihr bestimmt gefallen.« Ein Lächeln huschte über das gebräunte Gesicht seiner Frau. »Ich bin einverstanden. Meinetwegen soll sie kommen. Wir müssen uns nur noch überlegen, wo sie schlafen soll.«

»Bei Tessa, denke ich. Die beiden Madeln sind im selben Alter und werden sich schon vertragen.«

»In Ordnung. So machen wir es.«

»Ich bin froh, dass du einverstanden bist.« Er blieb stehen und zog seine Frau in die Arme. Ein zärtliches Busserl machte ihm das Herz weit vor Liebe. Sabine erwiderte es.

Sekundenlang standen sie eng umschlungen, und ihre Gefühle füreinander schienen sie einzuhüllen wie ein warmer, schützender Mantel.

Da drang plötzlich ein Schrei aus der Ferne zu ihnen.

»Hilfe! Zu Hiiiilfe!«

Martin Burger ließ seine Frau los.

»Hast du das auch gehört? Wo kam das her? Da stimmt doch etwas net!«

***

Patrick Hochfilzer stand der Schweiß auf der Stirn.

Seit einer geschlagenen Stunde wirbelte er durch seine Wohnung, wischte Staub, stellte die Möbel um und fand immer noch etwas Neues zu tun: Die gelben Rosen auf dem Esstisch waren ihm plötzlich zu lang. Die Hähnchenrouladen waren noch nicht durchgegart. Und im Flur lag eine ungewaschene Socke herum.

Während Patrick in Windeseile die Rosen kürzte, nach dem Essen sah und alles wegräumte, das einen romantischen Abend zu zweit stören könnte, klopfte ihm das Herz bis zum Hals.

Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Du liebe Zeit, er führte sich ja auf wie ein verliebter Teenager! Sollte er mit seinen neunundzwanzig Jahren nicht abgeklärter sein?

Es war ja nicht so, dass Carola ihn an diesem Abend zum ersten Mal besuchte. Nein, sie waren seit drei Jahren zusammen glücklich.

Trotzdem war er aufgeregt wie vor seiner ersten Verabredung. Das hatte auch seinen Grund. Dieser Abend sollte etwas ganz Besonderes werden. Für sie beide …

Der junge Bauer hatte sich eine Wohnung auf dem Gehöft seiner Eltern ausgebaut. Die drei Zimmer waren mit rustikalen Bauernmöbeln eingerichtet. Gardinen und Teppiche waren in frühlingshaftem Gelb und Zartgrün gehalten. Und es gab zahlreiche Bücher.

Oh, seine Bücher! Es waren so viele, dass er ihre Zahl nicht benennen konnte. In jedem Zimmer standen welche. Sie stapelten sich in den Regalen übereinander, und er mochte sich von keinem davon trennen.

Thriller, Western, Klassiker und Sachbücher … Es gab kaum ein Thema, zu dem er kein Buch besaß. Nach einem bestimmten System hatte er sie nicht geordnet, trotzdem fand er rasch, was er suchte, auch wenn seine Freundin behauptete, das würde ihm in tausend Jahren nicht gelingen.

Carola … Ein Lächeln huschte über Patricks gebräuntes Gesicht. Sie war alles, was er sich je von einer Frau gewünscht hatte, und noch mehr. Sie war warmherzig und klug, hatte Fantasie und Humor und obendrein war sie mit ihren hellblonden Haaren und den blitzenden blauen Augen bildhübsch.

Patrick war bis über beide Ohren verliebt in sie.

Carola war vor dreieinhalb Jahren nach St. Christoph gezogen und hatte eine kleine Töpferwerkstatt aufgemacht. Sie stand auf eigenen Beinen und war stolz darauf. Ihre Eltern und ihre Schwester lebten in Salzburg und kamen hin und wieder zu Besuch. Patrick mochte sie und verstand sich gut mit ihnen.

Alles hätte wunderbar sein können, wenn … ja, wenn Carola in letzter Zeit nicht so zurückhaltend gewesen wäre.

Früher hatten sie jede freie Minute miteinander verbracht, jetzt sahen sie sich manchmal tagelang nicht. Es kam häufiger vor, dass Carola Verabredungen im letzten Moment absagte, wenig Zeit hatte oder in Gedanken weit weg war, wenn sie sich sahen. Sie schien ihm aus dem Weg zu gehen, aber wenn er sie danach fragte, stritt sie es ab und behauptete, es wäre alles in ...

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