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Der Berg der toten Tibeter

Eliot Pattison

DER BERG DER TOTEN TIBETER

Roman

Aus dem Amerikanischen von Thomas Haufschild

Impressum

Titel der Originalausgabe

Prayer of the Dragon

ISBN 978-3-8412-0245-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Juli 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2007 bei Rütten & Loening, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Prayer of the Dragon © by Eliot Pattison, 2006

Published by arrangement with Eliot Pattison

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabüro Di Stefano, Berlin

unter Verwendung eines Fotos von © Schapowalow/SIME

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Inhaltsübersicht

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Glossar der fremdsprachigen Begriffe

Mit herzlichem Dank an Natasha Kern und Matthew Pattison.

Kapitel Eins

Bevor Shan Tao Yun nach Tibet gekommen war, hatte er nicht geahnt, daß man auf so verschiedenartige Weise sterben konnte und daß es dermaßen viele Bezeichnungen für den Tod gab. Und er hatte nie in Betracht gezogen, das Wunder des Todes für ebenso großartig zu erachten wie das Wunder der Geburt. Tibet war ein von Rätseln durchdrungenes Land, und am unergründlichsten blieb für Shan die Frage, wie an einem Ort, an dem das Leben so beschwerlich war, das Sterben derart makellos zu sein vermochte.

Der grauhaarige Tibeter auf der Lagerstatt vor ihm habe nun schon seit mehr als fünf Tagen mit übergeschlagenen Beinen im Lotossitz ausgeharrt, hatte Shans einstiger Mithäftling Lokesh ihm eine Viertelstunde zuvor bei seiner Ankunft erklärt. Der Fremde ließ nur noch minimale Lebenszeichen erkennen, doch obwohl der Tod in unmittelbarer Nähe lauerte, hielt etwas im Geist des Mannes ihn vorerst in Schach. Der Unbekannte befand sich an einem Ort, den nur wenige je erreichten, und nach den ersten zwei Tagen hatten die Bewohner des entlegenen Dorfes die Sakralgegenstände der Todesriten an seiner Seite gegen Opfergaben aus Obst sowie kleine Butterskulpturen der heiligen Symbole ausgetauscht. Manche der Dörfler waren davon überzeugt, daß sich unter der Haut des Mannes – sofern man ein Stück davon abkratzte – nichts als gleißendes Licht zeigen würde.

Gendun, der Lama, der in seinem roten Gewand am Kopfende des Lagers saß, sprach nicht die Worte der Todesriten, sondern rief mit einem ungewohnten Mantra eine Gottheit an, die Shan nicht vertraut war. Lokesh ließ sich neben Shan nieder, lehnte sich an die trockene graue Holzwand des Stalls, rieb sich die grauen Bartstoppeln und sah dabei zu, wie eine Frau über der reglosen Gestalt am Boden ein Weihrauchstäbchen schwenkte. »Es heißt, er habe einen Zustand spiritueller Vollkommenheit erlangt«, verkündete der alte Tibeter mit tonloser Stimme.

Shan musterte seine beiden Freunde. Gendun, dessen Antlitz geglättet wie ein Flußstein war, nickte Shan zum Gruß gemächlich zu, ohne in seinem gleichförmigen Gebet innezuhalten. Lokesh betrachtete die friedliche Miene des Mannes auf der Lagerstatt und hielt dabei seine Gebetskette so fest umklammert, daß seine Knöchel sich weiß verfärbten. Shan wußte, daß man ihn nicht eilends herzitiert hatte, damit er nach hundertfünfzig Kilometern auf tückischen Gebirgspfaden nun Zeuge der wundersamen Erleuchtung eines unbekannten Bauern wurde.

»Aber?« fragte er.

Lokesh schloß beide Hände um die Gebetskette. In seinem Flüstern schwang eine seltsame Mischung aus Staunen und Schwermut mit. »Aber er ist ein Mörder.«

Shan ließ sich gegen die Wand zurücksinken und schaute zu Gendun. Der alte Lama war der Abt der für vogelfrei erklärten Mönche, bei denen Shan lebte. Da er dem Fremden bereits seit einigen Tagen Gesellschaft leistete, mußte er inzwischen mehr über den Mann erfahren haben als jeder andere, und das auf eine Art und Weise, die nur ihm möglich war, obwohl er nichts davon jemals in Worte fassen würde. Wie so viele der alten Buddhisten mißtraute Gendun der Sprache und hielt sie lediglich für ein plumpes und unzulängliches zwischenmenschliches Bindeglied. Daher würde er keinesfalls direkt über das eigentümliche Gemenge aus Angst und Ehrfurcht reden, das dieses Dorf ergriffen zu haben schien. Doch Shan kannte seinen Lehrer gut. Er hatte das kurze Zögern in dessen Nicken registriert und in Genduns ruhigem Blick – gleich einem Wolkenfetzen am weiten blauen Himmel – einen Anflug von Unsicherheit wahrgenommen. Shan dachte an die anderen Tibeter, die entlang der Wand der verräucherten Kammer saßen und nervös den Mann auf dem Lager und den betagten Lama beobachteten. Gendun und Lokesh hielten ihre unbequeme Wacht nicht wegen irgendeines Mordes, sondern weil diese verarmten Bauern bis ins Mark erschüttert waren.

Für den Mord hatten sie Shan geholt.

Er war völlig erschöpft in dem Dorf eingetroffen. Hinter ihm lag ein Gewaltmarsch durch die Berge, bei dem es ihm nur mühsam gelungen war, mit den wortkargen Hirten Schritt zu halten, die man nach ihm ausgesandt hatte. Die ganze Zeit lang hatte er befürchtet, den beiden Männern, die für ihn wie eine Familie geworden waren, könnte etwas Schreckliches widerfahren sein. Als er sie wohlauf vorgefunden hatte, war die Anspannung von ihm abgefallen. Er hatte die Augen geschlossen, eine Weile schweigend zugehört und Genduns sanft tönende Stimme wie heiße Kraftbrühe in sich aufgenommen. Nun hatten Lokeshs beunruhigende Worte den letzten Rest Schwäche vertrieben und ihn schlagartig munter werden lassen. Shans Blick wanderte durch den Rest des alten Stalls. Am Eingang stand ein Mann von auffallend massiger Statur. Er wirkte wie ein Wachposten. Am Fußende der Lagerstatt lag ein rissiges Brett, in dem mehrere abgebrannte Weihrauchstäbchen steckten. Davor standen in einer Reihe einige kleine tormas, aus Butter und Gerstenmehl geformte Bildnisse heiliger Symbole, darunter eine kunstvoll gearbeitete Göttin mit anmutig erhobenen Armen. Auf einer nahen Wand war Kreide verschmiert worden. Shan kniff die Augen zusammen. Jemand hatte dort das mani-Mantra aufgeschrieben, die Anrufung des Mitfühlenden Buddhas. Jemand anders hatte die Worte weggewischt.

Eine stämmige Frau in einem schwarzen Kleid beugte sich zu Shan herunter und reichte ihm eine Schale Buttertee, wie die tibetische Gastfreundschaft es gebot. Er nickte dankbar, hielt jedoch unwillkürlich inne, als er der Frau ins Gesicht sah. Ihr mattes, gekünsteltes Lächeln konnte nicht über den tiefen Kummer hinwegtäuschen, der sich tief in ihre Züge gegraben hatte. Die dünne Rußschicht auf ihrem Gesicht – charakteristisch für all jene Menschen, deren Heime von Butterlampen beleuchtet wurden – war von Tränenspuren durchzogen.

Der Tibeter auf dem Lager war groß und schlank, sein struppiges schwarzes Haar leicht ergraut. Seine wettergegerbte Haut, die schwieligen kräftigen Hände und die abgetragene Kleidung entsprachen dem Aussehen der Leute, die entlang der Wände saßen. Er trug sogar eine schmutzige Schaffellweste, genau wie einige der Bauern. Und in der Tat – hätten die Dörfler den Mann für die Todesriten vorbereitet und seine Füße zwecks Waschung entkleidet, hätte Shan keinerlei Anlaß gehabt, ihn nicht für einen der Einheimischen zu halten. So aber fiel Shans Blick auf die schweren, mehr als knöchelhohen Lederstiefel mit genagelten Sohlen und akkurat gefertigten metallenen Ösen. Ihr Preis mußte ungefähr das halbe Jahreseinkommen jeder beliebigen Familie des Dorfes betragen. Der Mann dort vor ihnen, der wie ein Gott auf einem Altar thronte, stammte aus der Ferne, aus der Welt in den Tälern.

Shan kam ein Dutzend Fragen gleichzeitig in den Sinn, aber am meisten interessierte ihn der Anlaß für das rätselhafte Verhalten seiner beiden Freunde. Der Mann saß dicht vor der Rückwand des Gebäudes. Ausgebreitete Decken zu beiden Seiten verbargen andere, zusammengerollte Decken, die seine Beine im Lotossitz hielten. Gendun und Lokesh wußten, daß der Mann nicht etwa meditierte, sondern verletzt war, doch sie gingen auf das Spielchen ein.

Eine Viertelstunde lang saß Shan einfach nur da, musterte Gendun sowie den Fremden auf dem Lager und verfolgte, wie nervös die Dorfbewohner sich näherten, sobald eine der Lampen nachgefüllt werden mußte, und wie argwöhnisch sie Gendun dabei beäugten. Die meisten von ihnen hatten vermutlich seit Jahren keinen echten Mönch mehr gesehen, die Jüngeren womöglich noch nie. Peking hatte das Land dermaßen gründlich gesäubert, daß neuerlicher Glaube nur schwer wieder Halt fand.

Schließlich beugte Shan sich zu seinem alten Freund. »Wer erhebt sich?« erkundigte er sich flüsternd. Er wußte, daß Lokesh die Frage verstehen würde.

»Die Rote Tara«, lautete die stockende Antwort. Shan betrachtete erneut die sorgenvollen Mienen der Anwesenden. Gendun rief mit seinem Gebet eine grimmige Verkörperung der tibetischen Muttergottheit an, zu deren Aufgaben es gehörte, Dämonen zu bekämpfen und dem Mitgefühl zum Sieg zu verhelfen. Das Mantra war offenbar nicht für den Mann auf dem Lager bestimmt, sondern für die Dorfbewohner.

Lokesh wirkte merkwürdig rastlos, stand auf, um bei den Lampen zu helfen, setzte sich ein Stück von Shan entfernt neben die Tür, erhob sich dann, stellte sich in den Eingang und schaute hinaus, nahm abermals Platz und ließ seine Gebetskette, die mala, durch die Finger gleiten. Shan hatte seinen Freund selten so unstet erlebt und konnte sich nicht entsinnen, ihn jemals dabei beobachtet zu haben, wie er mehrfach sein Mantra abbrach. Lokesh erwiderte Shans Blick nur ein einziges Mal, und dabei nahm Shan in seinen Augen etwas wahr, das er dort noch nie gesehen hatte, nicht einmal während ihrer gemeinsamen Jahre im Arbeitslager: eine furchtbare Verzweiflung, eine quälende Hilflosigkeit.

Als Lokesh letztlich nach draußen ging, wollte Shan ihm schon folgen, hielt dann aber inne und wich in die Schatten zurück, weil eine neue Gestalt auftauchte, ein untersetzter Mann mittleren Alters, der sich kurzerhand an dem Posten vorbeidrängte und mit wutverzerrtem Gesicht auf das Lager zusteuerte. Noch bevor Shan reagieren konnte, holte der Eindringling mit der flachen Hand aus und verpaßte dem Bewußtlosen eine Ohrfeige. Die Frau in dem schwarzen Kleid stöhnte entsetzt auf. Ein alter Mann neben Gendun rief etwas und wollte dem Unruhestifter in den Arm fallen, wurde jedoch zu Boden gestoßen. Im nächsten Moment packten der Wächter und ein anderer kräftiger Bauer den Eindringling von hinten und zerrten ihn zurück.

»Strichmann!« Der Fremde stieß das Wort wie den Namen eines bösen Geistes hervor und riß sich los. »Wir wissen, wie der Tod auf diesem Berg aussieht!« knurrte er. Einer der Wächter hob ein dickes Stück Holz auf und drohte ihm damit. Der Eindringling schnaubte verächtlich. »Blutbringer!« zischte er. Dann griff er in die Tasche, schleuderte etwas nach dem Mann auf dem Lager und wich zur Tür zurück. Nach wenigen Schritten besann er sich eines anderen, lief zu den torma-Opfergaben, beugte sich über sie und warf noch etwas nach dem Mann, bevor die Wächter ihn erreichten und hinausbeförderten.

Die Frau in Schwarz, die Shan den Tee angeboten hatte, trat hastig vor, hob etwas vom Ende der Lagerstatt auf und verbarg es unter ihrem Kleid. Shan konnte einen kurzen Blick darauf erhaschen. Es war die kleine, nunmehr verstümmelte Göttin. Der Eindringling hatte ihr die Arme abgerissen und nach dem Bewußtlosen geworfen.

Gendun hatte nicht auf die Störung reagiert und rezitierte unbeeindruckt sein Mantra. Seine sanfte Stimme erfüllte den Raum und beruhigte die Gemüter. Bald darauf war es, als hätte der Zwischenfall sich gar nicht ereignet. Alle ignorierten das kleine Bündel, das von der Brust des Angegriffenen abgeprallt war, und niemand schien zu bemerken, daß Shan sich bückte und es aufhob. Es bestand aus vier geraden und entrindeten Zweigen. Jeder war kurz vor dem oberen Ende mit drei schmalen Streifen versehen, der erste davon blau, die anderen beiden rot. Blutbringer. Der Begriff kam Shan irgendwie bekannt vor.

Er verstaute die Zweige in der Tasche, nahm seinen verbeulten Hut von dem Haken, auf den er ihn gehängt hatte, und ging nach draußen. Die strahlende Nachmittagssonne blendete ihn, und er zog den Hut tief in die Stirn. Im selben Moment ertönte überall um ihn herum das Getrappel kleiner Hufe. Shan geriet ins Stolpern und wäre beinahe gestürzt. Als er sich wieder fing, war die Schafherde auch schon an ihm vorbeigelaufen und wurde von einem Hirten nach oben auf einen grasbewachsenen Hang geführt. Weder Lokesh noch der Eindringling waren irgendwo zu entdecken.

Das Dorf hieß Drango, was auf tibetisch »Felsspitze« bedeutete. Es bestand aus etwa vierzig Gebäuden in zumeist traditioneller Bauweise: kompakte zweigeschossige Häuser, die unten das Vieh und oben die Einwohner beherbergten, ein jedes mit einem von bröckelnden Steinmauern begrenzten Hinterhof ausgestattet, in dem häufig ein paar Ziegen das Unkraut abweideten. Die bei den meisten Häusern verwendete Tünche war ausgeblichen und die kastanienbraune Zierbemalung zu rötlichem Grau verblaßt. An den Pfaden, die zu den Gerstenfeldern führten, standen zwei runde steinerne Kornspeicher. Jenseits der Häuser lagen die Fundamente ehemaliger Gebäude. Sie dienten mittlerweile als Gemüsegärten, was hier im Gebirge ein vertrauter Anblick war. Die chinesische Armee, die derartige Regionen als zu abgelegen für den Einsatz von Infanterie erachtete, hatte die Orte so lange aus der Luft bombardiert, bis der jeweilige Dorftempel mit Sicherheit als zerstört gelten konnte.

Shan schlenderte zwischen den Häusern umher, bewunderte die Lotosblüten, die in einen der Dachbalken geschnitzt waren, den kleinen leuchtendbunten Teppich, der halbfertig in einem sichtlich oft genutzten Webstuhl hing, und den riesigen Stapel handgeflochtener Körbe für die Getreideernte. Motorisierte Fahrzeuge konnten sich allenfalls bis auf achtzig Kilometer nähern, und so würde der Weg zum nächsten Markt eine zermürbende Reise mit Yaks und Maultieren erfordern, was vermutlich bedeutete, daß das Dorf sich wie schon seit Jahrhunderten autark ernährte und kleidete. Shan folgte einem kleinen Labyrinth gewundener Mauern an einer Schmiede vorbei, einem Backofen, mehreren Vorratskammern für Dung und Holz sowie Reihen großer Tongefäße mit eingelegtem Gemüse. Die kühle Sommerluft roch durchdringend nach gebutterter Yakmilch, vermischt mit den erdigen Düften von Boden, Dung und Tee.

Drango war bemerkenswert, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einerseits schien hier die Zeit stillzustehen, so daß die stolze, friedliche Gemeinde noch weitgehend den gleichen Anblick bot wie vor fünfzig Jahren. Andererseits deutete kaum etwas auf die buddhistische Tradition hin, abgesehen von ein paar zerfledderten Gebetsfahnen, die von einem Steinhügel oberhalb des Dorfes flatterten, den verblaßten Symbolen, die neben ein halbes Dutzend Türen gemalt waren, klapprigen Holzaltären hinter manchen der Häuser und einem großen Haufen getrockneter Wacholderzweige – dem Duftholz, das verbrannt wurde, um Götter anzulocken – am Rand der einzigen Straße. Es gab hier keine der Gebetsfahnen, die in solchen Dörfern häufig zwischen den Gebäuden hingen, keine Gebetsmühlen, keine Bemühungen, die von der chinesischen Armee angerichteten Schäden zu beseitigen. Shan überkam eine immer stärkere Vorahnung. Er erkundete den Bereich hinter dem Dorf und musterte den großen Kreis aus festgetretener Erde am Ende der Straße, wo weder Steine lagen noch Gerste wuchs. Vielleicht wurde hier das Getreide gedroschen. Vielleicht war es ein Hubschrauberlandeplatz. Shan verspürte plötzlich einen Stich im Innern. Der einstige Inspektor aus Peking regte sich, jener Teil von Shan, der sich standhaft weigerte zu sterben.

Aus den Schatten nahm er jedes der Häuser genau in Augenschein. Er hatte ein Dutzend kahler Pfähle gesehen, an denen eigentlich Gebetsfahnen aufgehängt wurden. Nun aber fiel ihm auf, daß der Pfahl neben dem größten und am besten erhaltenen Haus mit einer Funkantenne versehen war. Shan ging weiter zwischen den Gebäuden umher, bis er zwei Jungen von ungefähr vier Jahren sah, die auf der steinernen Schwelle eines der Häuser saßen. Sein Magen zog sich zusammen. Shan wich zurück. Die Kinder spielten mit kleinen Tonfiguren buddhistischer Heiliger. Sie nahmen eine nach der anderen in die Hände und drückten mit beiden Daumen zu, bis die Köpfe abbrachen. Das rief bei ihnen jedesmal aufs neue schallendes Gelächter hervor. Die kopflosen Statuetten wurden auf der Schwelle aufgereiht.

Shan fand seinen Freund fünfzig Meter hangaufwärts, wo Lokesh mit übergeschlagenen Beinen auf einem langen flachen Felsen saß. Von hier aus konnte man nicht nur das gesamte Dorf, die Felder und den vorbeifließenden Bach überblicken, sondern auch die flacheren Bergketten, die nach Süden und Westen hin stufenweise abfielen. Shan umrundete den Felsen und genoß den weiten Ausblick, bevor er sich dem gewaltigen zerklüfteten Gipfel zuwandte, der über ihnen aufragte und den in weitem Umkreis höchstgelegenen Punkt darstellte.

Lokesh schien seine Gedanken zu lesen. »Man nennt ihn den Schlafenden Drachen. Es ist ein heiliger Berg, und in ihm wohnt ein mächtiger Landgott«, erläuterte er matt. »Einige der Dorfbewohner behaupten, aus diesem Grund seien sie so gesegnet.« Normalerweise hätte Lokesh eine derartige Neuigkeit voller Begeisterung verkündet. Als er und Shan zuletzt einen solchen Berg besucht hatten, waren sie einen ganzen Tag lang hinaufgeklettert, hatten unterwegs Steine zu kleinen Schreinen aufgetürmt und dann in der Nähe des Gipfels im Licht des aufgehenden Mondes meditiert. Die Kinder dieses Berges hingegen lachten, während sie Heiligen die Köpfe abbrachen.

»Unsere Ankunft hat sie überrascht«, sagte Lokesh auf einmal. »Chodron, der Dorfvorsteher, hat gesagt, niemand habe nach uns geschickt. Er wurde zornig, als eine alte Frau rief, unser Besuch sei der Vorsehung zu verdanken, und uns dann in diesen Stall führte. Seitdem hat Gendun den Platz neben dem Lager lediglich für ein paar Stunden Schlaf verlassen, und das auch nur, weil ich unterdessen die Mantras fortgeführt habe. Immer wenn ich aus dem Haus gehe, folgen die Leute mir mit Tee und tsampa, als wollten sie mich von etwas fortlocken. Sie verraten uns nicht, was geschehen ist, nur daß zwei Fremde tot seien und der Außenseiter im Stall die Verantwortung dafür trage. Chodron läßt uns so gut wie nie aus den Augen. Er hat diesen Mann an der Stalltür postiert, der uns genau beobachten soll.«

»Aber jemand hat nach euch geschickt«, sagte Shan und wunderte sich über die Schwäche in Lokeshs Stimme. Er hatte eine Zeitlang in völliger Abgeschiedenheit meditiert und bei der Rückkehr in ihre geheime Einsiedelei festgestellt, daß seine Freunde nicht da waren. Eine Stunde später waren zwei halbwüchsige Hirten eingetroffen, die nach dem Lauf durch die Berge keuchend nach Luft rangen, und hatten Lokeshs dringende Botschaft überbracht, Shan möge den beiden nach Drango folgen.

Nun nahm Shan neben seinem Freund Platz und fragte sich besorgt, ob Lokesh womöglich krank war. Dann folgte er dem Blick des alten Tibeters die Steinmauer entlang, die das nächstgelegene Feld begrenzte. In rund fünfzig Metern Entfernung, wo die Mauer zur Seite abknickte, um einem windschiefen Wacholderbaum Platz zu lassen, bot sich Shan ein dermaßen seltsames Bild, daß er eine Weile benötigte, um das Gesehene zu begreifen.

Eine Frau in traditionellem Kleid mit Schürze fütterte einen Mann von etwa dreißig Jahren. Geduldig schob sie ihm kleine Bissen in den Mund, vielleicht Obststücke oder tsampa, geröstetes Gerstenmehl. Der Mann war auf diese Hilfe angewiesen, denn man hatte seine Arme an einen anderthalb Meter langen Holzbalken gekettet, der eine Aussparung für den Hals besaß und quer über seinen Schultern lag.

»Ein canque«, erklärte Lokesh. »Ich hatte einen solchen Kragen seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen. Bis heute ist dieser Mann auf dem Hang oberhalb des Ortes geblieben.« Hinter den beiden Tibetern kam ein großer brauner Hund zum Vorschein, einer der Mastiffs, von denen die Schafe bewacht wurden. Er musterte Shan und Lokesh und warf dann einen Blick auf die kleine Herde, die ganz in der Nähe graste. Schließlich ließ er sich neben dem Mann nieder.

Shan kannte diese Form der Bestrafung nur aus den Geschichten, die die alten Häftlinge in langen Winternächten erzählt hatten. In Tibet hatte es früher keine Gefängnisse und nahezu keine Kriminellen gegeben. Wenn jemand dennoch zur Rechenschaft gezogen werden mußte, wurde daher je nach lokalem Brauch unterschiedlich verfahren. Bei geringeren Vergehen wurde der Täter bisweilen an einen solchen Balken gekettet und freigelassen, so daß er sein Gefängnis mit sich herumschleppte. »Das kann doch auf keinen Fall ...«, setzte Shan an, aber seine Stimme erstarb. Auf keinen Fall real sein? Aber er sah es mit eigenen Augen, wurde Zeuge der Tortur, die sogar eine simple Mahlzeit für diesen Mann bedeutete. Auf keinen Fall gestattet sein? In manchen Bezirken schenkten die Behörden solch entlegenen Ansiedlungen kaum Beachtung.

»Verbrechen sind in Drango äußerst selten«, sagte Lokesh. »Falls es doch dazu kommt, entscheidet der Vorsteher. Er hat ein altes Buch, in dem er nachschlägt. Auf Diebstahl steht der Kragen.«

Shan ahnte, was seinem Freund so große Pein verursachte. »Und auf Mord?«

»Zu Lebzeiten der jetzigen Einwohner ist hier noch nie jemand ermordet worden. Sie haben in ihrem Buch nachgesehen. Es wurde noch nicht endgültig entschieden, aber sie treffen Vorkehrungen.«

»Vorkehrungen?«

»Falls der Fremde stirbt oder in seinem glückseligen Zustand verweilt, gilt das als Zeichen seiner Vereinigung mit den Göttern. Falls er erwacht ...« Lokesh blickte zu den Schatten hinter dem nächstgelegenen Haus, wo ein Mann sich über einen Schleifstein beugte. »Sie schärfen die Löffel«, erläuterte er mit zittriger Stimme.

»Wie bitte?«

»Falls er erwacht, wird man ihn entweder von der Klippe werfen oder ihm mit einem Löffel die Augen ausstechen.«

Shan lief ein eisiger Schauder über den Rücken. Schweigend betrachtete er das stille kleine Dorf. »Deshalb hast du nicht versucht, ihn zu heilen«, stellte er schließlich fest.

»Sobald ich ihn aufwecke, verdamme ich ihn zu der Bestrafung.«

Die Luft schien sich abgekühlt zu haben. Shan zog sich den Kragen seiner Steppjacke enger um den Hals. »Weißt du etwas über die Todesopfer?«

»Zwei Männer aus der Ferne, heißt es«, sagte Lokesh. »Ein paar Dorfbewohner haben den Mann aus dem Stall oben auf dem Berg vorgefunden. Er saß in der Nähe der Leichen an einen Fels gelehnt, als würde er meditieren. Neben ihm war das Bild einer heiligen Vase aufgemalt.« Ein Einsiedler würde so etwas tun: sich hoch im Gebirge niederlassen und als Fokus für seine Meditation ein heiliges Symbol zeichnen.

»Keine Schrift?«

»Nur die Vase und ein weiteres Zeichen, das den Leuten unbekannt war. Gemalt mit Blut. Chodron sagt, der Mörder habe es infolge seiner Reue gezeichnet, und das sei so gut wie ein Geständnis. Seine Finger waren blutbefleckt, und zu seinen Füßen lag ein Hammer.«

»Ein Hammer?«

»Man will mir die Toten nicht zeigen«, lautete Lokeshs einzige Antwort. Der alte Tibeter kramte in seinen Taschen und nahm einen runzligen Apfel heraus. Dann erhob er sich und ging langsam auf das Paar am Ende der Steinmauer zu. Die Frau sprang auf, wobei ihr – wie Shan nun sah – Walnüsse aus der Schürze fielen, packte eine der eisernen Handfesseln des Mannes und zog ihn auf die Beine. Lokesh fing an zu reden und hielt den Apfel ausgestreckt, als wolle er ein scheues Pferd besänftigen. Seine ruhigen Worte hatten nicht das Dorf zum Thema, sondern einen großen Felsen oberhalb der Weide, der nach Lokeshs Meinung wie die Behausung eines Erdgeistes aussah.

Mit sichtlich geübter Bewegung verdrehte der Mann den Kragen und befreite sich dadurch aus dem Griff der Frau. Dann wandte er sich mit freundlicher Miene Lokesh zu, nickte in Richtung des Felsblocks und erwiderte etwas, allerdings so leise, daß Shan es nicht verstehen konnte. Die Frau sammelte die Nüsse vom Boden auf und eilte davon. Der Hund kam näher, beschnüffelte Lokesh und wedelte mit dem Schwanz. Als die beiden Männer im Schatten des einzelnen Baumes Platz nahmen, legte der Mastiff sich zwischen ihnen nieder.

Shan zog das Zweigbündel hervor. Er hatte solche bemalten Stöckchen noch nie gesehen, aber die schwarze Kordel, von der sie zusammengehalten wurden, war etwas aus Shans Vergangenheit, das auf gar keinen Fall in irgendeiner Verbindung zu diesem einsamen Dorf stehen konnte. Es handelte sich um ein Zeichen, wie es von gewissen Verbrecherbanden in den größeren chinesischen Städten benutzt wurde, um andere einzuschüchtern und den Besitzanspruch der Gangster anzumelden. Voll neuerlicher dunkler Vorahnungen stand Shan auf.

Lokesh und der Fremde waren angeregt in ihr Gespräch vertieft und schienen gar nicht zu registrieren, daß Shan sich neben sie setzte. Der Mann hatte offenbar herausgefunden, daß Lokesh über die Kenntnisse eines Heilkundigen verfügte, und unterhielt sich mit ihm über die Kräuter, mit denen man verwaiste Lämmer stärken konnte. Shan sah einen Kochtopf und eine Feuergrube, neben der ein paar Zweige und getrockneter Yakdung als Brennstoff bereitlagen. An der Mauer lehnten eine zusammengerollte Decke und ein kräftiger, sechzig Zentimeter langer Holzstab ohne Rinde, der mit geschnitzten Lotosblüten verziert war. Auf halber Höhe steckte waagerecht zwischen den Steinen ein Brett, auf dem mehrere hohle Schilfstengel lagen. Auf einem großen flachen Stein im Gras lag mit Kieseln beschwert ein rechteckiges Stück Papier, ein Blatt aus einem peche, einem traditionellen tibetischen Buch aus losen Seiten.

Shan bemerkte plötzlich, daß die beiden Männer nicht mehr redeten. Er wandte den Kopf und erwiderte den stummen Blick des Fremden. »Verzeih, ich hatte nicht vor, unbefugt in dein Heim einzudringen.«

Die wachen Augen des Mannes funkelten vergnügt. Er wies mit den Fingern einer gefesselten Hand auf die Gegenstände bei der Mauer. »Dieses prächtige Steinhaus der Meditation wurde von mir errichtet, einem Bettler.« Er zitierte Milarepa, Tibets bedeutenden Einsiedler und Dichter. »Wenn der Wind weht, bieten meine Schüler, die Schafe, mir ihre Felldecken an«, fügte er freundlich hinzu. »Und du«, fuhr er fort, bevor Shan etwas entgegnen konnte, »bist der chinesische Zauberer, der Gefängnissen entflieht und auf Feldern voller Krähen Wahrheit erntet.«

Shan sah den Mann forschend an, entnahm seiner Miene jedoch keinerlei Spott. »Mein Vater hat immer behauptet, ich sei mit zuviel Neugier gestraft«, sagte er. »Als Kind bekam ich eine kleine Uhr geschenkt. Bereits am nächsten Tag hatte ich alle Schrauben, Stifte und Federn gelöst, um die Magie zu ergründen, die das Gerät funktionieren ließ.«

»Du hast also schon in jungen Jahren die Illusion der Zeit und Realität durchbrochen«, merkte der Gefesselte an.

»Ich habe schon in jungen Jahren dafür gesorgt, daß man mir nie mehr eine Uhr anvertrauen wollte«, korrigierte Shan ihn.

Der Mann lachte leise auf. Shan entging nicht, wie nervös er in Richtung der Gebäude blickte. »Ich heiße Yangke«, stellte der Fremde sich vor. »Hirte und Dichter.« Er musterte Shan einen Moment lang und beugte sich vor, um unter die Krempe von Shans Hut zu schauen. »Ich hatte von dem Alten mit den fröhlichen Augen gehört, der den verborgenen Mönchen beisteht«, sagte er und lächelte dabei Lokesh an. »Und von dem geheimnisvollen Lama, den man oberhalb des Tals von Lhadrung hin und wieder im Mondschein in Begleitung eines Phantoms aus dem Gulag sieht. Sogar von dem in die Verbannung geschickten chinesischen Inspektor, der bisweilen Unmögliches vollbringt, um Tibetern zu helfen. Aber mir war nicht klar, daß das Phantom und der Verbannte ein und dieselbe Person sind. Die Hirten, die dein Freund nach Lhadrung geschickt hat, dachten voller Angst, sie würden einen weiteren der illegalen Lamas holen. Doch du warst ein noch viel größerer Schrecken für sie. Du stammst von einem gänzlich anderen Ort«, erklärte der Mann. »Ich habe von Orakeln aus fremden Welten gelesen, die zu uns kommen, um zu deuten, was wir nicht von allein begreifen können.«

»Ich habe viel über Orakel gelernt«, sagte Shan. »Es handelte sich zumeist um schwermütige, kränkliche Menschen, deren Köpfe von zahlreichen Stimmen erfüllt waren und deren Lebenslicht doppelt so heiß wie das der anderen brannte. Ihre Zeitgenossen hatten zuviel Angst, um sich ihrer entweder anzunehmen oder sie zu vertreiben. Sie starben früh, einsam und unglücklich.«

Yangke vollführte eine Bewegung mit den Schultern, die durch den Balken merklich eingeschränkt wurde. Es sollte wohl ein Achselzucken sein. »Wie ich schon sagte«, stellte er fest.

»Mit dem Unterschied, daß ich Freunde habe«, erwiderte Shan tonlos.

Yangke gab einen zufriedenen Laut von sich, drehte die Hände in den Fesseln und klopfte auf den Balken. Er klatschte Beifall. »Dann fürchtest du dich nicht vor Wundern«, sagte er.

Shan und Lokesh sahen sich an. Vor seinem inneren Auge blitzten Bilder auf. Alte Lamas, die den größten Teil ihres Lebens im Gefängnis verbracht hatten, pflegten den an Leib und Seele geschundenen Shan nach seiner Ankunft im Lager. Ein tibetischer Mithäftling verlor einen Fuß, weil er vor einen Lastwagen gesprungen war, um einen verletzten Vogel zu retten. Gendun und seine geächteten Mönche arbeiteten heimlich in ihren Höhlen, um Gebetbücher für zukünftige Generationen zu illustrieren, und riskierten dadurch eine Verhaftung oder Schlimmeres, anstatt sich nach Indien in Sicherheit zu bringen. »Seit ich in Tibet eingetroffen bin, erlebe ich ein Wunder nach dem anderen«, sagte Shan.

»Lha gyal lo«, flüsterte Lokesh, um seine Freude zum Ausdruck zu bringen. Den Göttern der Sieg. Der alte Tibeter brachte ein kleines abgenutztes Taschenmesser zum Vorschein und fing an, den Apfel für Yangke zu zerteilen. Währenddessen tauchte ein kleines Mädchen von höchstens fünf Jahren auf. Es ging ein Stück seitwärts, um Lokesh und Shan ständig im Blick zu haben, und stellte eine Schale Buttertee auf das Brett, das zwischen den Mauersteinen klemmte. Dann steckte die Kleine einen der Schilfstengel in das Getränk, wich ein paar Schritte zurück, drehte sich um und lief weg. Yangke musterte unschlüssig seine Gäste. Erst nach einer aufmunternden Geste von Lokesh kroch er auf Knien zu der Schale und fing an zu trinken.

»Erzähl uns von den Wundern des Dorfes Drango«, forderte Shan ihn auf, nachdem er die Schale geleert hatte.

»Ein robustes, schimmerndes Fährschiff auf dem Ozean der Existenz«, verkündete Yangke. »Und«, fügte er mit theatralisch hochgezogenen Augenbrauen hinzu, »wir haben eine Menge heiliges Holz. Zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit umschwärmen uns Götter wie Motten das Licht.« Seine Ausgelassenheit war echt, genau wie die Melancholie, die seinen Blick umschattete.

»Unser größtes Wunder aber ist die Abgeschiedenheit«, fuhr er nach einem Moment fort. »Überall versuchen Leute, die Welt zu vergessen, doch es kommt nur selten vor, daß die Welt ein paar Leute vergißt. Wir sind all unsere Ketten losgeworden.«

»Nicht ganz«, merkte Shan an.

Yangke grinste. »Meine Gefangenschaft hat mich befreit. Ich bin ein Baum geworden, und der Baum ist tief in den Lehren verwurzelt. Ich hüte die Schafe und präge mir heilige Texte ein. An dem Tag, an dem es mir wieder möglich sein wird, mich in den Staub zu werfen, wird mein Körper sich wie eine reife Frucht öffnen und ein Feuerball daraus hervorschießen.«

Shan wies auf das altersschwache kleine Dorf. »Der Tempel, in dem du dein Wissen erlangt hast, ist gut versteckt.«

»Mein Tempel und ich hatten keine weitere Verwendung füreinander«, erwiderte Yangke und klang dabei auf einmal zurückhaltend.

Deutlicher würde er sich wohl nicht äußern, glaubte Shan. Obwohl es Tibet inzwischen gestattet war, einige Klöster allmählich wiederaufzubauen, übte Peking unter anderem dadurch Kontrolle aus, daß es die Reihen der Mönche regelmäßig von allen mutmaßlichen Abweichlern säuberte.

»Dieses Paradies, in dem du dich niedergelassen hast, benötigte keinen Lama, bis ein Mörder zuschlug?« fragte Shan.

»Dem Paradies, in das ich zurückgekehrt bin«, berichtigte Yangke, »ist schon der Gedanke an einen Mord völlig fremd, ganz zu schweigen von der furchtbaren Tat, die sich hier zugetragen hat. Wir sind nicht dafür verantwortlich, doch es kann unser Ende bedeuten. Drango ist es wert, erhalten zu bleiben, trotz all seiner Fehler.«

»Und wir sollten Gendun schützen«, warnte Shan. »Er muß von hier weg.« Manch anderem mochte das Dorf vielleicht erhaltenswert erscheinen, aber Shan kam es wie eine Falle vor.

Yangke hielt inne und blickte zu dem Stall. »Ich habe schon vor vielen Jahren zum erstenmal von ihm gehört. Man nennt ihn den Lama des Reinen Wassers, weil er seine Gelübde noch vor der Flucht des Dalai Lama abgelegt hat und sich aus einer Quelle speist, die kein Eindringling je verunreinigen konnte.«

»Er hat keine Papiere«, sagte Shan, »genau wie Lokesh und ich. Als er außerhalb seiner Einsiedelei aktiv wurde, hat man einen Preis auf ihn ausgesetzt.« Shan schaute schuldbewußt zu Lokesh. Es gab für ihn nur eine Möglichkeit, sich auf jeden Fall Genduns Tadel zuzuziehen: indem er seine Sorge um das Wohlergehen des Lama zum Ausdruck brachte. Gendun hatte den versteckten Höhlenkomplex nie verlassen, bis er durch Shan mit den Geheimnissen und dem Leid der Außenwelt in Kontakt gekommen war. »Aus freien Stücken wird er nicht von der Seite des Fremden weichen, und wenn die Öffentliche Sicherheit hier auftaucht, sehen wir ihn nie wieder.«

Yangkes Miene umwölkte sich.

»Keiner von uns kennt hier jemanden«, fuhr Shan fort. »Wieso hat man nach Gendun und Lokesh geschickt?«

»Du hast es gerade selbst gesagt. Er ist ein Illegaler.« Yangke wandte den Kopf zu Lokesh, der den Rücken des Hundes streichelte. »Nur mit Geächteten ist es hier sicher. Stimmt es denn nicht, daß es früher in den Klöstern eigene Polizisten und Richter gab, die sich um straffällige Mönche gekümmert haben?«

Lokesh beugte sich mit jähem Interesse vor. »Ranghohe Lamas, manchmal die Äbte, haben über Sünder aus den eigenen Reihen Bußen verhängt«, bestätigte er.

»Die Leute, die letzte Woche so schrecklich gestorben sind, waren ebenfalls wie heilige Männer. Auch sie standen außerhalb der Legalität. Genau wie der, der jetzt im Stall liegt.«

Der große Hund stand plötzlich auf. Aus seiner Kehle stieg ein leises Knurren empor. Als Yangke in die Richtung des Dorfes schaute, sah Shan, daß seine Muskeln sich anspannten.

»Aprikosen!« erklang eine eifrige Stimme. »Frisch aus dem Obstgarten!« Am anderen Ende der Mauer lief ein gedrungener Mann auf sie zu. Er trug eine verschlissene Fuchsfellmütze und rief, als wolle er Yangke unbedingt übertönen.

»Chodron«, murmelte Lokesh. Es war der genpo, der Dorfvorsteher, und er trug einen kleinen Korb bei sich.

Yangke erhob sich mühsam und drehte dem sich nähernden Mann den Rücken zu. »Vergebt mir, was ich euch angetan habe«, flüsterte er gequält. »Und alles, was ich noch tun werde. Lha gyal lo.« Dann stolperte er unter der Last des schweren Kragens auf die grasenden Schafe zu. Der Hund begleitete ihn.

Das joviale Gehabe des Vorstehers wurde noch sehr viel leutseliger, als er Shans Namen erfuhr. Chodron beugte sich vor und schob sein vierschrötiges, fleischiges Gesicht unter die Krempe von Shans altem Hut, als müsse er sich vergewissern, daß dort tatsächlich ein Chinese steckte. Er drückte Shan ein paar der Früchte in die Hand, winkte Lokesh, ihm zu folgen, und führte die beiden zu einem kleinen Schuppen hinter der Hauptstraße, auf dessen rauhem Holzboden drei Strohlager vorbereitet waren. Außerdem standen dort Shans abgewetzter Rucksack, ein vertrauter Leinenbeutel, der mit heiligen Symbolen bestickt war und Lokesh seit langem treue Dienste leistete, sowie die ausgetretenen Arbeitsstiefel, die Gendun auf Reisen unter seinem Gewand trug.

»Es gibt noch ein anderes Haus«, sagte der Vorsteher zu Shan. »Es ist größer, und du hättest es dort bequemer. Dolma, die Witwe, die dort wohnt, wird sich um deine Bedürfnisse kümmern.«

»Wir brauchen lediglich ein Stück Fußboden für unsere Decken«, sagte Shan. Bei ersten Begegnungen mit Tibetern schlug ihm oft Furcht und gelegentlich offene Abneigung entgegen, weil er Chinese war. Weitaus unangenehmer waren ihm aber die seltenen Fälle, in denen er aus dem gleichen Grund hofiert wurde.

»Ich muß darauf bestehen«, drängte der genpo.

»Nur wenn meine Freunde mitkommen können«, erwiderte Shan.

»Natürlich«, willigte Chodron zögernd ein. »Es ist das Haus neben dem Stall. Ich werde euer Gepäck dorthin bringen lassen.«

Draußen arbeitete eine Frau an dem Webstuhl, den Shan eine Weile zuvor bewundert hatte, und ein Mann war damit beschäftigt, die Fassaden der Häuser neu zu tünchen. »Bereitet ihr euch auf ein Fest vor?« fragte er und deutete auf den Haufen Wacholderzweige.

»Es gibt sogar zwei bedeutende Ereignisse zu feiern«, bestätigte Chodron. »Die Getreideernte und den ersten August. Wir werden die ganze Nacht singen. Und viele Becher chang trinken.« Damit war das tibetische Gerstenbier gemeint. Shan sah mehrere Männer bei den alten steinernen Kornspeichern, wo sie mit Steinen ihre Sicheln schärften. Schon bald würden sie auf den Feldern sein und die Getreidegarben auf Karren laden, die von breitschultrigen Yaks gezogen wurden. An den Wänden der Speicher lehnten hölzerne Dreschflegel und die breiten flachen Körbe, mit deren Hilfe man die Spreu vom Korn trennte. Shan wußte, daß es für ein Dorf wie Drango nichts Wichtigeres als die Ernte gab und keine größere Bedrohung als ein Feuer, solange die knochentrockene Gerste noch auf den Feldern stand.

Während Shan dem genpo zu dem größten der Gebäude folgte, die entlang der staubigen Straße standen, warf er Lokesh einen kurzen Blick zu und entnahm dem besorgten Antlitz des Freundes, daß er sich nicht verhört hatte. Der erste August. Dieses kleine Dorf, das dermaßen abgeschieden lag, daß es der Aufmerksamkeit der Behörden entgangen zu sein schien, schickte sich an, einen von Pekings patriotischsten Feiertagen zu begehen, der zu Ehren von Chinas Militär eingerichtet worden war.

In dem karg möblierten Wohnzimmer im ersten Stock von Chodrons Haus servierte seine Frau ihnen schweigend Buttertee. Der Vorsteher pries derweil die Vorzüge seines Dorfes. Die meisten der Familien lebten seit acht oder mehr Generationen in Drango, erklärte er, und die Einwohner seien einst berühmt für ihre prächtigen Webteppiche gewesen, von denen einige diesen Raum zierten. Shans Blick fiel auf ein Regal hinter dem genpo, das zahlreiche Bücher enthielt – modern gedruckte Bände mit festem Einband, allesamt auf chinesisch. An der Wand hing das gerahmte Foto eines sehr viel jüngeren Chodron in der Uniform der Volksbefreiungsarmee.

Als sie wieder ins Freie traten, ertönte irgendwo eine Glocke. Lokesh lächelte. Man lockte auf diese Weise Gottheiten an und begleitete den Rhythmus der Mantras. Dieses Läuten jedoch wurde immer schneller, und die Männer auf den Hängen riefen etwas. Süßlich beißende Rauchschwaden wehten um die Häuser. Chodron keuchte erschrocken auf und rannte auf die Straße, dicht gefolgt von Shan. Jemand hatte den Haufen Wacholderholz angezündet.

Im Dorf brach hektische Aktivität aus. Einige Leute liefen mit Eimern zum Bach, andere mit Besen und Decken zu den Feldern. Die kostbare Ernte war durch Funkenflug bedroht. Shan eilte mit den Dörflern zunächst auf die dunkle Rauchsäule zu, bemerkte dann aber eine einzelne Gestalt, die in entgegengesetzter Richtung zwischen den Häusern verschwand: Lokesh war zu dem Stall am anderen Ende der Ansiedlung unterwegs. Shan blieb stehen und sah, daß Chodron mit einem kräftigen Bauern sprach. Der Mann rannte los, nahm bei den Kornspeichern ein schweres Erntemesser von einer Bank und bog auf einen Pfad am Bachufer ein, der entlang der Felder verlief.

Kurz darauf holte Shan seinen Freund ein. An der Tür stand kein Posten mehr, und im Innern hielten sich nur noch Gendun und sein Schützling auf. Lokesh ging sogleich zu der Lagerstatt, nahm den Arm des Mannes und fühlte dessen Puls erst am Handgelenk, dann am Hals und an der Schläfe. Shan füllte aus dem Kessel am Eingang eine Schale mit Tee.

Lokesh hob abwehrend eine Hand. »Das könnte ihn aufwecken. Wasser, kein Tee. Ich habe ihm alle paar Stunden Wasser gegeben.«

Er beugte den Kopf des Mannes in den Nacken. Shan brachte Eimer und Schöpfkelle und ließ Wasser in den Mund des Bewußtlosen tropfen. Lange knochige Finger schlossen sich um die leblose Hand des Fremden. Gendun hatte sein Mantra beendet. Lokesh löste die Beine des Mannes aus dem Lotossitz und massierte sie. Dabei hielt er zweimal inne, um sein Ohr an die Brust des Unbekannten zu pressen und erneut den Puls zu nehmen. »Sein Fleisch kann nicht aus eigener Kraft durchhalten«, verkündete Lokesh besorgt.

»Dieses besondere Leben ist nicht vervollkommnet«, erklang eine Stimme wie raschelndes Gras. Lokesh und Shan blickten auf. Abgesehen von seinen Gebeten waren dies die ersten Worte, die Gendun seit Shans Ankunft gesprochen hatte. Shan folgte dem Blick des Lama zum Gesicht des Fremden. Genduns Äußerung war charakteristisch für die Bewohner der geheimen Einsiedelei oder die Mönche, die Shan im Arbeitslager kennengelernt hatte, und bezog sich auf einen starken Geist, der ins Straucheln geraten war und sich gegen den Tod stemmte.

»Der Berg«, sagte Lokesh. »Vielleicht ist er deswegen hier.«

»Eine Pilgerreise«, führte Shan den Gedanken weiter. Fromme Tibeter unternahmen mitunter geheime Wallfahrten zu entlegenen Schreinen, um einer Gottheit zu danken, Vergebung zu erbitten, geheilt zu werden oder ein Versprechen zu erfüllen und auf diese Weise ihrer geplagten Seele Linderung zu verschaffen.

»Lha gyal lo!« rief Lokesh mit Blick auf das Antlitz des Fremden. Als Reaktion auf das Wasser hatte die Zungenspitze des Mannes sich zwischen die Lippen geschoben. Shan ließ den Mann zurück in Lokeshs Arme sinken. Dieser strich dem Fremden über die Kehle, woraufhin der Mann schluckte.

Sie gaben ihm noch eine halbe Kelle, vermischt mit Honig aus einem Gefäß neben der Tür, immer nur wenige Tropfen auf einmal. Dann legten sie ihn auf das Lager. Shan ging zum Eingang. Die Dorfbewohner hatten die brennenden Wacholderzweige auseinandergezogen und mit Wasser gelöscht. Im Augenblick schlugen sie einige kleine Brandherde auf den Feldern aus. Die Ernte war weitgehend gerettet.

»Jemand bittet um Hilfe«, sagte Lokesh, als Shan zurückkehrte. Der alte Mönch sah ihn verwirrt an. »Begreifst du denn nicht? Es ist wie ein flehentliches Gebet. Jemand ist gewillt, die Ernte zu riskieren, um die Götter herbeizurufen.«

Sein Freund hatte womöglich recht, dachte Shan, wenngleich das Feuer ebensogut ein Ablenkungsmanöver oder gar eine Warnung darstellen konnte.

Er durchsuchte die Taschen des Mannes und fand darin nichts außer ein paar chinesischen Münzen und einem kleinen Stück Holz, das etwa so dick wie sein Zeigefinger und halb so lang war. Man hatte es erst kürzlich von der Rinde befreit und an einem Ende mit drei Löchern versehen, die wie zwei Augen und ein Mund wirkten. Das andere Ende, wo die Taille und die Beine hätten sein müssen, war abgebrochen. Shan musterte den Zweig auf seiner Handfläche einen Moment lang und steckte ihn dann ein. Der Mann trug keinen Ring, keine Uhr und kein Amulett bei sich, aber sein Unterarm wurde von einer überaus merkwürdigen Tätowierung geschmückt: einer dicken blauen Linie, die fast vom Handgelenk bis zum Ellbogen reichte und den Körper einer Gestalt darstellte, mit rechteckigem Kopf, gezackten Gliedmaßen, die an Blitze erinnerten, und einem langen Dreieck, das wie ein Rock den Unterleib bedeckte.

Shan und seine Freunde neigten verwundert die Köpfe. Strichmann. Der Eindringling hatte den Namen wie einen Fluch ausgestoßen. In Tibet war es gemeinhin nicht üblich, sich die Haut mit Tinte zu verzieren, und auch das Motiv der Tätowierung wirkte fremd. Der Unbekannte stammte offenbar aus ganz besonders großer Ferne. Shan untersuchte die Kleidung des Mannes, fuhr mit einer Fingerspitze über den Stoff, befühlte jeden Knopf und jede Verunreinigung. Wortlos registrierte er die schmale Linie aus winzigen rostbraunen Tropfen quer über dem Hemd und das Fächermuster aus vergleichbaren Flecken auf dem oberen Teil der Hosenbeine. Es handelte sich in beiden Fällen um getrocknetes Blut, und es mußte aus kurzer Entfernung auf die Kleidung gespritzt sein.

Der Eindringling hatte noch einen zweiten Namen benutzt. Blutbringer. Nun fiel Shan plötzlich ein, woher er den Begriff kannte. Er hatte ihn vor vielen Jahren gehört, zu Beginn seiner Karriere. Manche der alteingesessenen Verbrecherbanden im Osten Chinas bezeichneten damit ihre Meuchelmörder.

Shan betrachtete das ausdruckslose Gesicht des Mannes und strich mit der Hand dann über die Innenseite von dessen Weste, um nach einer verborgenen Tasche zu suchen. Er hielt abrupt inne. »Da ist etwas eingenäht«, sagte er und bemühte sich vergeblich, die Gegenstände zu ertasten. Weder Lokesh, der die Beine des Mannes massierte, noch Gendun, der weiterhin eine Hand des Bewußtlosen hielt und erneut die Gebete angestimmt hatte, reagierte darauf. Shan stand auf, lief zur Tür hinaus und kehrte nach weniger als einer Minute mit einer kleinen hölzernen Röhre aus seinem Rucksack zurück. Er entfernte den Korkverschluß, holte aus dem Behältnis eine lange Nadel und Faden hervor und trennte dann mit seinem Messer den Saum des Futters auf. Darunter kamen drei fachmännisch eingenähte enge Taschen zum Vorschein. In ihnen steckten die Feder eines großen Vogels, ein kleiner lederner Schnürbeutel und ein längliches Plastikfläschchen voll gelbem Pulver.

Nachdenklich musterten sie ihren unerwarteten, rätselhaften Fund. Genduns Mantra wurde langsamer, als der Lama den Arm ausstreckte und mit einem schmalen Finger dicht über den Gegenständen entlangfuhr, ohne sie zu berühren. Lokesh öffnete den Mund und schloß ihn wieder, sagte aber nichts. Als Shan ihm ins Gesicht sah, wußte er, daß der alte Tibeter ebenfalls an Yangkes Worte denken mußte.

»Was für ein heiliger Mann ist das?« fragte Lokesh schließlich.

Was für ein Blutbringer ist das? hätte Shan beinahe hinzugefügt.

Ein Ruf von irgendwo draußen brach den Bann. Lokesh stand auf, stellte sich in den Eingang und beobachtete die Straße, während Shan den Saum der Weste mit hastigen Stichen wieder zunähte.

Die Dorfbewohner kehrten zu zweit oder dritt in den Stall zurück. Kurz vor der Tür verklang ihr Geplauder, doch sobald sie sahen, daß der Heilige sich bewegt hatte, brachen sie in aufgeregtes Flüstern aus.

Dann tauchte plötzlich der Wächter wieder auf, gefolgt von Chodron. »Was habt ihr getan?« fragte der genpo barsch, als er den nun liegenden Mann sah. »Er ist erwacht! Ich muß mit ihm sprechen.« Er ließ sich neben dem Lager auf ein Knie nieder und stieß den Arm des Fremden an.

»Wie oft habt ihr schon eine solch große Säule aus Wacholderrauch gesehen?« fragte Shan laut und mit feierlichem Ernst.

Der Vorsteher sah ihn stirnrunzelnd an. Die Dorfbewohner beugten sich vor.

»Der Wacholderrauch hat den Himmel berührt«, erklärte Shan und hielt Chodrons Blick ruhig stand. »Und dann hat dieser Mann sich geregt, ohne aufzuwachen.« Die Zuschauer raunten verwundert.

»Die Götter sind gekommen!« rief eine Frau. »Sie haben ihn bewegt.«

Der Vorsteher starrte Shan wütend an. Ihm schienen seine Mitbürger einzufallen, denn er ging zu der Holzschale mit den Weihrauchstäbchen, entzündete eines an einer Lampe und steckte es in das rissige Brett zu den anderen. Dann ließ er sich vor der Wand nieder. Sein zutiefst neugieriger Blick war nicht auf den ausgestreckt daliegenden Fremden gerichtet, sondern auf Shan. Nach einigen Minuten stand der genpo wortlos auf und ging.

Zwei Stunden später, als die untergehende Sonne den Horizont mit violettem Schimmer überzog, aßen sie geröstete Gerste und momos, tibetische Klöße. Shan und Lokesh saßen gemeinsam mit vielen der Dorfbewohner um eine Feuergrube hinter dem Haus des Vorstehers. Die Leute hörten gespannt zu, wie Lokesh von seinen vielen Reisen durch die Randgebiete des modernen Tibet erzählte und sogar vorsichtig durchblicken ließ, daß er vor vielen Jahrzehnten als Beamter in der Regierung des Dalai Lama gearbeitet hatte. Schließlich waren nur noch der Vorsteher und drei grauhaarige Einwohner übrig, die Chodron als die Dorfältesten vorstellte: zwei Männer sowie die Frau in dem schwarzen Kleid, die Shan bei dessen Ankunft Tee gebracht hatte.

In Chodrons Blick lag ungewohnte Härte, und obwohl der genpo seine Pflichten als Gastgeber keineswegs vernachlässigte und nun ihre Becher ein weiteres Mal füllte, war sämtliche Herzlichkeit aus seinem Antlitz verschwunden. »Wir bekommen nur selten Besuch«, sagte der Vorsteher. »Ihr habt uns geehrt. Doch wie ihr seht, steht unsere Ernte unmittelbar bevor. Alle werden bei der Arbeit gebraucht.« Er forderte sie auf, sich zu verabschieden.

»Ein Glück, daß meine Freunde und ich hier sind. So können wir uns nämlich um den Fremden im Stall kümmern«, erwiderte Shan ungerührt.

»Du meinst den Mörder in unserem Gefängnis.« Die Ehrerbietung, die Chodron gegenüber Shan zunächst an den Tag gelegt hatte, war einer gewissen Verstimmung gewichen.

Die Ältesten sagten nichts. Einer starrte in seine Teeschale. Die Frau hatte die Hände im Schoß verschränkt, kaute beiläufig auf einem Stück getrocknetem Käse herum, warf Shan gelegentlich einen Blick zu und schaute dann wieder in die Schatten.

»Es ist ziemlich schwierig, über jemanden zu Gericht zu sitzen«, sagte Shan.

»Ich werde mich meiner Pflicht nicht entziehen«, gab Chodron zurück.

»Er ist krank. Wenn er aufwacht, kann er womöglich gar keine Aussage machen.«

Chodron stand schweigend auf, ging durch die Hintertür in sein Haus und kehrte gleich darauf mit einer kleinen Holzkiste zurück, die er neben dem Feuer abstellte. Dann holte er ein Bündel daraus hervor, legte es vor Shan auf den Boden und schlug den Stoff beiseite. »Wir wissen über seine finsteren Taten bereits Bescheid.«

Es war ein Hammer, ein moderner Felshammer mit einer stumpfen, viereckigen Seite und einer langen, leicht gebogenen Klaue, an der getrocknetes Blut und eine graue Substanz klebten, wie Shan trotz der schlechten Lichtverhältnisse erkennen konnte. »Seine Hände waren mit dem Blut seiner Opfer bedeckt«, erklärte der Vorsteher. »Einem der Männer hat er diesen Hammer in den Hinterkopf geschlagen.« Chodron schob das Werkzeug mit dem Stiefel weg. Es lag noch etwas darunter. »Was er mit dem anderen gemacht hat, möchten wir uns nicht mal vorstellen.«

Es handelte sich um eine dünne Stange aus rostfreiem Stahl, die in einem gekrümmten Haken endete. Die Spitze war voller Blut. Shan benötigte einen Moment, um zu erkennen, daß er ein zahnärztliches Instrument vor sich hatte.

Die Frau erschauderte und schaute weg. Die beiden anderen Ältesten starrten ins Feuer und vermieden es, die Gegenstände anzusehen.

»Die Leute aus dem Ort sagen, es gebe keine Zeugen«, mahnte Lokesh.

»Wenn es um Dinge der Außenwelt geht, sind meine Mitbürger wie Kinder«, sagte Chodron. »Man muß sie lehren, was richtig ist und was falsch.«

»Und dazu mußt du diesen Fremden töten?« fragte Shan.

»Falls die Götter es verhindern wollen, können sie ihn zu sich holen, bevor er erwacht. Andernfalls werden wir, die wir für das Dorf verantwortlich sind, unserer Pflicht gehorchen«, sagte Chodron gereizt. »Wir werden eine Versammlung einberufen. Wir werden das Geschehene darlegen und begründen, warum wir tun müssen, was wir zu tun haben. Ich habe gemeinsam mit den Ältesten die alten Aufzeichnungen studiert. Vielleicht wird es ausreichen, etwas von seinem Körper zu nehmen, eventuell nur ein Auge. Früher hat man es manchmal bei einem Auge belassen. Wir haben gelernt, mitfühlend zu sein.«

»Das Mitgefühl von Drango ist wahrlich etwas ganz Besonderes«, stellte Lokesh entsetzt fest. Die alte Frau umklammerte etwas unter ihrer Bluse. Sie trug ein gau um den Hals, begriff Shan, ein Gebetsmedaillon, wie er es noch bei keinem anderen der Dorfbewohner bemerkt hatte.

Chodron ignorierte den alten Tibeter. »Die Strafe wird gemäß unserer Bräuche vollstreckt. Falls er danach noch lebt, bringen wir ihn zur nächsten Straße. Unser Dorf hat sich schon immer selbst um seine Missetäter gekümmert. Erst unter widrigen Umständen erweisen sich die wahren Qualitäten eines Anführers. Ich werde meiner Pflicht nachkommen.«

»So wie bei Yangke?« fragte Shan.

Chodrons Züge verhärteten sich. »Ich habe Yangke dabei erwischt, wie er etwas aus meinem Haus stehlen wollte. Er hat vor dem ganzen Dorf ein Geständnis abgelegt, und ich habe die traditionelle Bestrafung verlesen. Manche wandten ein, man solle ihn in die Bezirkshauptstadt bringen, nach Tashtul. Wir könnten nicht über ihn urteilen, weil er so lange in der Fremde gelebt habe. Ich ließ ihm die Wahl. Ich sagte, ich würde einen Bericht schreiben und ihn damit an die Öffentliche Sicherheit überstellen, wo es bereits eine Akte über ihn gibt. Ich erinnerte ihn daran, daß es für Leute wie ihn stets einen Platz hinter Gittern gebe und andauernd neue Gefängnisse gebaut würden. Am nächsten Morgen bat er mich, ihm diesen alten Kragen anzulegen. Was glaubt ihr, wie würde man unten in der Welt wohl mit einem zweifachen Mörder verfahren? Wünscht ihr euch wirklich, daß ich die Behörden verständige? Man würde einen Hubschrauber schicken, voller Soldaten mit Maschinenpistolen. Falls ihr so weitermacht, bleibt mir keine andere Wahl.«

Shans Mund wurde trocken. »Weitermacht? Ich bin doch gerade erst angekommen.«

»Die Anwesenheit von dir und deinen beiden Freunden hat dazu geführt, daß hinter meinem Rücken getuschelt wird. Leute, denen man schon vor Jahren die Gebetsketten abgewöhnt hat, bitten euren Lama heimlich um seinen Segen. Die eine Hälfte meiner Mitbürger weiß, daß dieser Kerl ein Mörder ist, die andere nennt ihn beharrlich einen Heiligen. In unserem Stall gab es schon vorher jede Menge Lampen, aber einen Tag nachdem euer Lama hier eingetroffen war bestanden die Leute darauf, es müßten unbedingt einhundertacht sein«, spottete Chodron. Die Hundertacht war eine heilige Zahl. Es war die Anzahl der Perlen einer Gebetskette und bei besonderen Zeremonien die Anzahl der Lampen auf einem Altar. »Meine Leute sprechen mit völlig Fremden über unsere Privatangelegenheiten. Meine Autorität wird in Frage gestellt. Unser Fortschritt ist gefährdet.«

»Weißt du, wer Gendun ist?« fragte Shan.

»Ich habe von irgendeinem Lama des Reinen Wassers gehört, der wie ein einsamer Yak durch die Berge streift. Was er macht, weiß ich nicht.«

»Er sammelt zarte Blüten in alten rissigen Gefäßen«, sagte Lokesh.

Einer der alten Männer warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu.

Chodron ignorierte den Kommentar. »Ich habe von diesem Lama gehört, genau wie von sprechenden Yaks und von fliegenden Bergen.«

»Er ist hier, weil diese Leute ihn brauchen«, sagte Lokesh. »Er wäre schon längst hergekommen, falls er früher vom Lauf der Dinge erfahren hätte.«

Chodron funkelte ihn wütend an. »Bildet ihr euch allen Ernstes ein, ihr könntet einfach in unser Dorf einfallen und alles zerstören, was wir uns mühsam aufgebaut haben?« Der Zorn ließ seine Augen leuchten. »Ich weiß jetzt, wieso ihr diesen Shan hinter meinem Rücken hergeholt habt. Ihr dachtet, ein Chinese auf eurer Seite würde alles verändern. Ihr dachtet, unsere Leute würden so große Angst vor einem Chinesen haben, daß ihr uns kurzerhand befehlen könntet, diesen Mörder freizulassen.«

»Das Dorf muß die Todesfälle verstehen«, protestierte Lokesh. »Es muß ...«

»Ich habe keine Angst«, fiel Chodron ihm ins Wort. »Über ehrloses Pack wie euch weiß ich Bescheid. Was von diesem Chinesen zu halten ist, kann man an seinem Arm ablesen.«

Lokesh streifte seine Gebetskette vom Handgelenk und streckte sie dem genpo entgegen. »Wenn du uns kennenlernen willst, nimm das hier.«

Shan legte seinem Freund beruhigend eine Hand auf die Schulter. Dann wandte er sich den verwirrten Ältesten zu, zog seinen Ärmel hoch und hielt die Innenseite seines Unterarms ins Licht des Feuers.

Einer der alten Männer stöhnte auf. Die Frau schlug eine Hand vor den Mund. Die Ältesten mochten wenig von der Außenwelt wissen, aber genug, um die eintätowierte Nummer auf seiner Haut zu erkennen. Shan begriff endlich, weshalb Chodrons Verhalten sich geändert hatte. Er mußte mit den Hirten gesprochen haben, die Shan hergeführt und an manch einem Gebirgsbach mit hochgekrempelten Ärmeln gesehen hatten.

»Sag mal, Häftling, hast du eigentlich deine Entlassungspapiere?« fragte Chodron siegessicher.

Die Frage hing eine ganze Weile in der Luft. Irgendwo bellte ein Hund. Ein Lamm blökte.

»Nein«, räumte Shan schließlich ein. Er war zwar kein Ausbrecher, aber seine Freilassung war inoffiziell erfolgt.

»Manche unserer Leute haben Erfahrungen mit Flüchtlingen und anderen wilden Tieren«, fuhr Chodron fort. »Falls sie hiervon erfahren, werden sie dich mit Knüppeln aus dem Dorf jagen.«

Shan registrierte neben sich eine Bewegung, sah aber nicht, was Lokesh tat, bis der alte Tibeter ebenfalls einen nackten Arm ins Licht hielt und seine eigene Tätowierung vorzeigte. »Shan ist der Grund, daß ich nicht bis an mein Lebensende hinter Stacheldraht bleiben mußte«, sagte Lokesh. »Seit dem Tag, an dem er in unser Lager geworfen wurde, hat Shan den Tibetern geholfen.«

»Du darfst dich ihm gern anschließen«, erwiderte Chodron mit eisiger Stimme. »Ihr könnt einander stützen, wenn ihr zu dem Loch zurückhumpelt, aus dem ihr gekrochen seid.«

»Und was wäre die Alternative?« fragte Shan und hielt seinen eigenen Ärger im Zaum, während er immer noch zu ergründen versuchte, welch seltsame Macht der Vorsteher über dieses Dorf hatte.

Chodrons schmale Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, und er nickte zufrieden. »Die Alternative lautet, daß ihr mir bei der Durchsetzung der alten Bräuche helft. Der Dorfvorsteher hat Beweise für das Verbrechen vorzulegen und dann mit dem Segen unseres Abtes die Strafe zu vollstrecken. Ihr werdet meine Leute von ihrer reaktionären Anwandlung kurieren, es gäbe so etwas wie leibhaftige Heilige. Ihr werdet dafür sorgen, daß meine Leute wieder Vertrauen fassen, indem ihr mir die erforderlichen Beweise verschafft und dadurch die Autorität meines Amtes stützt.«

»Wir werden nicht lügen«, sagte Shan ausdruckslos. »Es gilt, Antworten zu finden.«

»Nein, lediglich eine Bestätigung«, entgegnete Chodron. »Stellt euch morgen früh mit eurem Lama hin und verkündet, daß dieser Mann ein Mörder ist. Bei Sonnenuntergang könnt ihr drei dann bereits dreißig Kilometer von hier weg sein. Ihr seid diejenigen, die unser Problem verursacht haben, und ihr müßt es wieder aus der Welt räumen. Bestätigt unsere Tradition.«

»Die Tibeter, die ich kenne, stechen niemandem die Augen aus oder werfen ihn von einer Klippe.«

»Die du kennst!« höhnte Chodron. »Du bist ein Außenseiter. Ein Verbrecher. Maße dir nicht an, uns unsere Traditionen zu erklären.«

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Eine jähe Windbö fachte das Feuer an und stieß die Hintertür von Chodrons Haus auf. Shan sah dort im Halbdunkel etwas Rotes mit gelben Tupfern. Die Anordnung dieser Flecke war ihm nur zu vertraut. Anstatt einen Altar einzurichten, hatte Chodron im Eingang die Flagge der Volksrepublik China aufgehängt.

Shan musterte die Ältesten. »Wo sind die Kinder?« fragte er plötzlich.

»Welche Kinder?« Chodron warf den drei Alten einen argwöhnischen Blick zu. Die Frau starrte in ihre hohlen Hände. Der Betagteste von allen, ein gebrechlicher Mann mit weißem dünnem Bart, sah Shan nur freudlos und sehnsüchtig an. Der genpo stand auf und stellte sich zwischen Shan und die Ältesten.

»Ich habe hier niemanden zwischen ungefähr fünf und achtzehn Jahren gesehen«, fuhr Shan fort. »Verrat uns, wohin du sie geschickt hast.«

»Weg«, murmelte Chodron.

»Auf eine chinesische Schule«, sagte Lokesh, der begriff, worauf Shan hinauswollte. »Wo sie ihre tibetischen Namen verlieren. Wo man sie zwingt, nur Chinesisch zu sprechen und Pekings Lieder zu singen. Wo der Dalai Lama ein Verbrecher genannt wird.«

Chodron leugnete es nicht.

»Wie oft bist du zur Schule gegangen, Chodron?« fragte Shan. Für Gemeindevorstände gab es besondere Schulen, in denen der Unterricht von ranghohen Politfunktionären abgehalten wurde. Chodron sprach und kleidete sich wie ein Bauer, aber seine Gebete verrichtete er in einem Tempel, dessen Lamas allesamt der Parteispitze angehörten.

Chodron verzog verächtlich das Gesicht. »Wer bist du?« knurrte er. »Wieso warst du in diesem Arbeitslager?«

Shan ignorierte die Frage, aber erwiderte den Blick. »Welche Übereinkunft hast du getroffen, damit Drango so belassen bleibt, wie es ist?«

Lokesh zog einen Weihrauchkegel aus der Tasche und ließ ihn in die Glut am Rand des Feuers fallen. Der Mann mit dem dünnen weißen Bart starrte die schmale Rauchfahne an und streckte geistesabwesend seine Finger hinein.

Chodrons Miene kühlte noch weiter ab. »Ihr werdet dem Dorf die Bestätigung geben, die es braucht«, befahl er. »Bei der Vollstreckung harter Strafen stand dem Vorsteher stets ein Lama zur Seite. Ihr werdet dafür sorgen, daß euer Lama bei der Bestrafung zugegen ist, um mir seinen Segen zu erteilen. Sofern ihr mir die benötigten Beweise liefert, dürft ihr auf meinem Berg bleiben. Wir behalten solange euren Lama. Falls er mich zum festgesetzten Zeitpunkt nicht dabei unterstützt, die Ordnung wiederherzustellen, werde ich wissen, wie es um seine Gesinnung steht.« Der genpo sah Shan triumphierend an. »Unsere Hirten kennen nun euer Versteck. Mal angenommen, ich erzähle der Öffentlichen Sicherheit von den Geächteten in Mönchsgewändern, welch andere Vögel würde man dann wohl in eurem Nest vorfinden?«

Die grauhaarige Frau stellte ihren Becher hin und wandte das Gesicht ab.

»Falls die Götter allerdings tatsächlich auf eurer Seite stehen, wissen sie, was zu tun ist«, fügte Chodron hinzu und machte einen Schritt in Richtung der Hintertür. »Sie werden den Mörder in ihre Arme schließen und nie mehr erwachen lassen.«

»Er beweist seine Unschuld, indem er stirbt?« fragte Shan.

»In einem Land der Reinkarnation gilt der Tod den Tugendhaften sogar als Belohnung«, gab Chodron spöttisch zurück. »Doch falls der Mann aufwacht ... werden wir uns am Ende der Ernte um ihn kümmern. Vor unserem Fest. Euch bleiben sieben Tage.« Er drehte sich um und verschwand im Haus.

»Bitte habt Verständnis«, erklang eine Stimme, die trocken wie Stroh war. Die grauhaarige Frau meldete sich endlich zu Wort. »Seht euch unser Dorf an! Wir leben von Versprechungen und Angst. Chodron hat sich nach besten Kräften bemüht, unsere Bräuche zu erhalten. Wir wollen für Drango Gerechtigkeit, unsere eigene Gerechtigkeit. Ihr müßt uns dazu verhelfen.«

Lokesh und Shan sahen sich betrübt an. Gerechtigkeit. Dieses Thema war für sie schon seit langem erledigt, und in Shans Ohren besaß das Wort inzwischen einen seltsamen, fremdartigen Klang. Anfangs hatte er geglaubt, mit seiner Hilfe könne auch den Tibetern Gerechtigkeit widerfahren, doch Lokesh hatte ihn eines Besseren belehrt und ihm gezeigt, daß die Behörden sich kaum für die Verbrechen in den entlegenen Winkeln des Landes interessierten. Für Tibeter wie diese gab es nur die Wahrheit – und ihre schrecklichen Konsequenzen.

Kapitel Zwei

Im grauen Licht des anbrechenden Tages machte Shan sich auf den Weg und ließ das schlafende Dorf hinter sich zurück, nachdem er einen Blick durch die rissige Stalltür und über die Schulter des Postens geworfen hatte, der zusammengesunken an der Innenwand lehnte. Gendun wachte weiterhin über den Fremden. In ihrer Einsiedelei hatten Shan und seine Gefährten sich an einem solchen Morgen oft nach draußen geschlichen, um die Sonne zu begrüßen und ein paar Gerstenkörner für die Vögel auszustreuen. Nun fragte Shan sich voller Sorge, ob er wohl je wieder zu einem vergleichbaren Seelenfrieden zurückfinden würde.

Vor ihm fiel ein Kiesel auf den blanken Erdboden, dann noch einer. Shan blieb stehen und rechnete damit, auf dem dunklen Hang über sich ein Schaf zu erspähen, doch er sah nichts. Ein weiterer Kiesel flog an ihm vorbei. Hinter sich auf dem Pfad vernahm Shan hastige Schritte, noch bevor er erkennen konnte, wer dort auf ihn zulief.

»Nicht nur du brauchst einen morgendlichen Segen«, sagte Lokesh, als er Shan erreichte. Manche der alten Tibeter betrachteten die ersten Sonnenstrahlen des Tages als ein wertvolles Geschenk der Erdgötter.

»Am Ende dieses speziellen Pfades liegt ganz gewiß kein Segen«, warnte Shan.

»Wir haben gestern nur eine einzige Antwort gefunden, nämlich die, daß wir im Dorf keine Antworten finden werden«, entgegnete Lokesh, beschleunigte seinen Schritt und verschwand hinter einem großen Felsvorsprung.

Als Shan den tatkräftigen Tibeter, der mehr als anderthalbmal so alt wie er selbst war, wieder einholte, saß Lokesh mit übergeschlagenen Beinen auf einem hohen flachen Sims, blickte hinaus auf die zerklüfteten Silhouetten der Berge im Osten und ließ flüsternd seine Gebetskette durch die Finger gleiten. In der Nähe stand ein halbes Dutzend Schafe und starrte ebenso angestrengt wie Lokesh gen Horizont.

Um seinen Freund nicht zu stören, setzte Shan sich in drei Metern Entfernung auf einen Felsen. Er kannte diese Momente und hatte Lokesh bei Tagesanbruch schon unzählige Male mit genau der gleichen freudigen und erwartungsvollen Miene gesehen. Und obwohl Shan nach den Ereignissen des Vortages nicht mehr zur Ruhe kam, schöpfte er stille Kraft daraus, seinen Freund zu beobachten und auf das unausweichliche Ereignis zu warten.

Lokesh würde bei zusehends schwindender Dunkelheit sein Mantra rezitieren, um dann unmittelbar vor dem ersten Sonnenstrahl abrupt zu verstummen, die Luft anzuhalten und erst weiterzuatmen, wenn die Sonne zu sehen war. Shan hatte noch nie erlebt, daß sein Freund sich irrte und gezwungen war, einen weiteren kurzen Atemzug einzuschieben, bevor das gleißende Licht erstrahlte. Zu Anfang hatte er versucht, die geheimnisvollen Berechnungen zu ergründen, die Lokesh offenbar anstellte, aber irgendwann war ihm klargeworden, daß es keine Berechnungen gab und daß Lokesh auf eine Weise mit der Natur in Verbindung stand, die Shan stets verborgen bleiben würde. Bei einer früheren Gelegenheit, im Anschluß an vierundzwanzig Stunden Meditation und völlig übermüdet, hatte Shan sich dabei ertappt, daß er Lokesh bei dieser morgendlichen Prozedur beobachtete und einen Moment lang voller Panik befürchtete, sein Freund würde nicht rechtzeitig mit dem Mantra innehalten und die Sonne daraufhin nicht aufgehen.

Nun sah er, wie Lokeshs Brustkorb verharrte, und hielt unwillkürlich selbst den Atem an, bis über den fernen Berggraten blendende Helligkeit aufblitzte. Lokesh nickte Shan zu und lächelte sein seit vielen Jahren schiefes Lächeln, das er den Tritten eines Wärters zu verdanken hatte. Dann beendete er sein Gebet, erhob sich und bog wieder auf den Pfad ein. Es war eines jener vielen kleinen Rituale, die das Leben von Männern wie Gendun und Lokesh kennzeichneten.

Nach ungefähr anderthalb Kilometern sahen sie eine zweite Gruppe Schafe vor sich, ein Dutzend zottiger, langhaariger Tiere, die im Schutz eines Felsvorsprungs oberhalb eines Baches standen und aufmerksam nach unten schauten. In dreißig Metern Entfernung entdeckte Shan den vertrauten braunen Mastiff auf dem Abhang, der ebenso neugierig wie die Schafe das seltsame Geschehen am Ufer verfolgte. Die Gestalt bei dem Wasserlauf war leicht zu erkennen, aber das Gebaren des Mannes mit dem canque-Kragen gab Rätsel auf.

Yangke schien eine Art Tanz aufzuführen, bei dem er emporsprang und mit einem Fuß zur Seite austrat. Seine Arme waren nicht länger an den Balken gefesselt, aber er sah sich genötigt, die Last mit einer Hand festzuhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Shan und Lokesh wurden nun Zeugen, wie er sein Bein mehrmals hervorschnellen ließ, zuletzt so heftig, daß das Gewicht des Kragens ihn rücklings zu Boden zwang. Er stand auf, vollführte mit einem Ende des Balkens eine weit ausholende Bewegung, die etwas Erde aufscharrte, lief dann fünfzehn Meter stromabwärts und fing von vorn an.

»Ich kenne dieses Ritual nicht«, verkündete Lokesh verwirrt.

Yangke begann eine feinfühligere Übung. Mit den Zehen nahm er Steine von einem kleinen Haufen zu seinen Füßen, schob sie dann am Ufer entlang und schlug sie ins schnell strömende Wasser.

»Er übt eines dieser Spiele, die mit Stöcken und Bällen gespielt werden«, vermutete Lokesh.

»Er macht seiner Wut Luft«, sagte Shan.

Als sein Hund zu bellen anfing, drehte der junge Tibeter sich nicht sofort um, sondern ging noch ein Stück weiter stromaufwärts, bevor er einen hohen Ton ausstieß, einen der Laute, mit denen die streunenden Schafe herbeigerufen wurden.

Der Hund lief schweifwedelnd auf sie zu. Shan bückte sich und hob einen Stock auf, der unweit der Stelle lag, an der Yangke zunächst auf den Boden eingetreten hatte. Das Holz war mehr als einen halben Meter lang und fast drei Zentimeter dick. Man hatte den Ast entrindet und kurz vor dem oberen Ende mit drei schmalen Ringen bemalt: ein gelber zwischen zwei roten. Shan zog die kleinen Zweige aus der Tasche, die der wütende Eindringling im Stall nach dem Bewußtlosen geworfen hatte. Die Art der Markierungen stimmte überein, nicht jedoch die Farben.

»Zu dieser Jahreszeit laufen die Schafe ganz schön weit weg«, erklärte Yangke, nachdem er sich sichtlich überrascht umgedreht und die beiden Männer begrüßt hatte.

Shan erwiderte nichts darauf, sondern ging zu der anderen Stelle, an der Yangke den merkwürdigen Tanz absolviert hatte. Dort lag unter ein paar Steinen ein zweiter Stock, der mit den gleichen roten und gelben Ringen versehen war wie das erste Exemplar.

Shan ging auf den jungen Tibeter zu und klopfte dabei mit den bemalten Enden beider Stöcke auf seine Handfläche. »Vielleicht sind die Tiere beunruhigt, weil ihr Hirte sich dermaßen über ein paar Hölzer aufregt«, stellte er fest.

Yangkes Gesichtszüge schienen einen Moment lang zu entgleisen, dann ging er wortlos ein Dutzend Schritte den Hang hinauf und setzte sich neben seinen Hund, wobei er ein Ende des schweren Kragens auf einem nahen Felsen abstützte. Der Mastiff leckte ihm das Gesicht, und Yangke fing an, den Rücken des Tieres zu streicheln. »Chodron gestattet mir, meine Hände zu benutzen, wenn ich mit den Herden arbeite. Solange ich meine Handgelenke zurück in die Fesseln stecke, falls ich mich dem Dorf nähere«, sagte der ehemalige Mönch. »Für ihn ist das Mitgefühl.«

Shan ließ sich neben Yangke ins Gras sinken und betrachtete schweigend die Landschaft. Am anderen Ufer des Baches entdeckte er einen weiteren bemalten Pfahl, dann noch einen dreißig Meter stromaufwärts. »Im Arbeitslager habe ich einen alten Lama kennengelernt«, sagte Shan nach einem Moment. »Der hat immer gelacht, wenn er hörte, Chinesen würden Grundstücke auf heiligen Bergen erwerben. Er fragte, wer denn die Papiere in Vertretung der Landgottheit unterzeichnet habe.« Sie sahen, wie Lokesh durch das knöcheltiefe Wasser watete und die restlichen Pfähle einsammelte. Dann zog er zwischen den Uferfelsen ein Seil und eine zerfetzte Plane hervor.

Yangke klopfte dem Hund auf die Schultern. »Als ich noch klein war, bin ich an Festtagen mit meinen Onkeln, Tanten und Cousins auf den Berg gestiegen. Die Kinder sammelten die hübschen gelben Kiesel aus den Bächen, schichteten sie auf und schmückten sie mit Gebetsfahnen und mani-Steinen«, erklärte er und bezog sich damit auf die Steine mit eingeritzten Gebeten, die von frommen Besuchern an heiligen Stätten zurückgelassen wurden. »Bei jedem unserer Ausflüge errichteten wir einen neuen Steinhaufen, manchmal bis zu zwei Meter hoch, um die goldene Erdgottheit zu ehren, die in dem Berg wohnt.« Er hielt inne und starrte in den klaren kobaltblauen Himmel. »Nachdem ich in die Welt hinabgestiegen war, hat meine noch lebende Tante mir Briefe geschrieben. Als sie schilderte, daß Männer gekommen seien und alle Steinhaufen niedergerissen hätten, habe ich es nicht begriffen. Dann schrieb sie, man habe den Lauf einiger Bäche geändert und einen Wasserfall gestoppt. Ich dachte, sie macht irgendeinen seltsamen Scherz.«

Shan beobachtete einen Bartgeier, der hoch über ihnen seine Kreise zog. Dann ließ er den Blick nachdenklich über den langgestreckten breiten Hang schweifen. Überall entlang des Baches lagen Steinhaufen, nicht ordentlich aufgetürmt, sondern wild durcheinander, wie die Überreste jener frommen Monumente. »Das verstehe ich nicht«, sagte er. »Goldabbau bedeutet Straßen und riesige Maschinen.« Er schaute zu dem großen Greifvogel. Die Feder aus der Weste des Bewußtlosen stammte von einem solchen Tier.

»Mal angenommen, ein Berg sei so abgelegen, daß er keinem der chinesischen Geologen aufgefallen ist, die vor Jahrzehnten das ganze Land nach Mineralien abgesucht haben«, sagte Yangke. »Und zufällig würde auf der anderen Seite des Berges eine geheime Militärbasis errichtet, die alle Neugierigen auf Distanz hält. Irgendwann könnten ein paar der Soldaten entdecken, daß es in den Bächen dort Gold gibt und im Fels sogar die eine oder andere Goldader. Wegen der Basis würde die Armee aber niemals einen regulären Abbau gestatten. Also machen einige der Männer es zu ihrem Hobby, sich nach der Schneeschmelze über den Berg zu schleichen und heimlich einige Unzen Gold zu schürfen. Danach dauert es höchstens ein paar Jahre, bis Gerüchte durchsickern und andere Leute anlocken, die mit deutlich mehr Eifer an die Arbeit gehen.«

»Illegale Goldsucher«, sagte Shan. Er hatte von solchen Männern bereits gehört. Sie zahlten keine Steuern und kümmerten sich nicht um Abbaubestimmungen. Die Berge sind hoch, und der Kaiser ist fern, stand in einer uralten Schrift über sie zu lesen.

»Es ist ein gut gehütetes Geheimnis, und die davon wissen, sind zumeist Kriminelle. Diese Männer haben wenig zu verlieren und allen Grund, die Aufmerksamkeit der Behörden zu meiden. Anfangs haben sie sich versteckt. Vor uns und voreinander. Aber sie werden von Jahr zu Jahr dreister. Einige arbeiten mit Pfannen in den Bächen. Andere verschaffen sich mit Dynamit Zugang zu den Adern. Sie kommen im Anschluß an die Schneeschmelze und reisen im September wieder ab. Wie Zugvögel. Nur daß diese Vögel das Land auffressen.«

»Warum machen sie sich die Mühe, Claims abzustecken?«

»Sie respektieren einander. Sie haben angefangen, sich zu organisieren, um Regeln für eine friedliche Koexistenz zu erlassen. Untereinander und mit dem Dorf Drango.«

»Aber jemand aus Drango könnte die Behörden verständigen.«

»Und was dann? Es würde überall von Soldaten wimmeln. Die Öffentliche Sicherheit würde Fragen über Drango stellen, deren Beantwortung niemandem recht wäre. Das Bergbauministerium. Die Bezirksverwaltung. Das Büro für Religiöse Angelegenheiten«, zählte er schaudernd auf.

»Aber du hast gesagt, die beiden Toten seien heilige Männer gewesen«, rief Shan ihm ins Gedächtnis.

»Sie hatten bei ihrem Lager einen Steinhaufen wiederaufgebaut. Manchmal habe ich mich in ihre Nähe gewagt, zumindest soweit es mir mit diesem Baum um meinen Hals möglich war. Sie interessierten sich nicht für die Bäche, sondern schrieben nur etwas in ihre Bücher und säuberten alte Gemälde. Kurz vor ihrer Ermordung hatten sie mit einem kyilkhor angefangen.«

»Einem Sandbild?«

Yangke nickte. »Doch vielleicht waren sie ebenfalls Goldsucher. Sie haben Stücke vom Fels abgeschlagen und sind in kleine Höhlen gekrochen. Sie waren vorsichtiger als die anderen. Und sie haben sich besser versteckt. Ich glaube, sie hatten Angst vor den anderen. Die Goldgräber kampieren meistens ganz offen, als Warnung für die Konkurrenten. Aber die, die gestorben sind, wollten nicht auffallen und haben sich immer abseits gehalten.«

Goldsucher und Mönche. Das kam Shan wie eine unmögliche Kombination vor. »Sind das ihre Stöcke?«

»Nein. Sie haben nie ein Gebiet abgesteckt. Die hier sind neu. So dicht an Drango wie noch nie zuvor. Manche der Fremden behaupten, das Dorf stehe genau über der dicksten Ader von allen. Ich hatte mal einen Alptraum, in dem das Dorf von der Bergflanke gesprengt wurde, um an das Gold zu gelangen.«

Yangke folgte Shans Blick den Hang hinauf. »Ihr werdet nur noch mehr Ärger anrichten«, sagte er. »Chodron hat allen verboten, den Ort aufzusuchen. Er hat den Dorfbewohnern gesagt, die Gottheiten dort seien aufgeschreckt worden.«

»Und du und Chodron glaubt an dieselben Götter?« fragte Shan und schämte sich noch im selben Moment für den barschen Tonfall. Der Name des Vorstehers rief ungewohnten Zorn in ihm hervor. Chodron pervertierte nicht nur die alten Traditionen, sondern versuchte darüber hinaus, Genduns Mitgefühl in etwas Finsteres und Häßliches zu verwandeln und den Lama zu seinem Handlanger zu degradieren, der ihm die Macht erhalten sollte.

Yangke dachte lange über Shans Frage nach. »Chodron und ich haben den gleichen Überlebenswillen.«

»Für manche Menschen ist das die schwierigste Erkenntnis überhaupt: zu wissen, wofür sie weiterleben sollen«, sagte Shan und grübelte nicht etwa über die Morde, sondern über Yangke nach. Er war im Dorf geboren und später in ein Kloster gegangen. Dann aber hatte er sich wissentlich wieder Chodrons eigentümlicher Art von Tyrannei unterworfen.

Yangke erwiderte nichts.

Sie beobachteten die Schafe, die sich auf dem weiten, wogenden Hang verteilten. Die Morgensonne badete sie in goldenem Licht, die leichte Brise duftete nach Bergblumen. Shan genoß die behagliche Stimmung, als urplötzlich ein Donnerhall ertönte und die Erde zu erbeben schien. Mehrere der Schafe liefen blökend auf Yangke zu, der sein Gesicht einen Moment lang in den Händen barg und dann auf eine Staubwolke in ungefähr drei Kilometern Entfernung wies. Was sie gehört hatten, war kein gewöhnlicher Donner gewesen.

Während Shan verfolgte, wie der Staub sich allmählich wieder legte, näherte sich von irgendwo ein anderes Geräusch, ein unangenehmes Knattern und Schwirren, das er nicht zuordnen konnte. Lokesh rief eine Warnung. Die Schafe blökten erschrocken auf. Als Shan sich zum Pfad umdrehte, schoß dort hinter einem Felsen ein Mann auf einem Fahrrad hervor und raste weiter. Der Fremde trug eine schmutzige grüne Steppjacke und einen Soldatenhelm, der mit schwarzen und gelben Streifen bemalt war. Die verängstigten Schafe rannten in alle Richtungen davon. Shan duckte sich ins Gras. Der Radfahrer lachte und schwenkte ein Bündel Markierungspfähle über dem Kopf.

Yangke bückte sich flink, holte aus, warf einen Stein und traf den Radfahrer am Rücken, obwohl dieser sich bereits ein Dutzend Meter entfernt hatte. Der Mann lachte erneut und verschwand hinter einem Felsvorsprung außer Sicht.

»Das ist dieses Jahr neu«, sagte Yangke leise und wütend. »Die Goldsucher haben zwei oder drei dieser Mountainbikes mitgebracht. Nun tauchen sie ständig wie aus dem Nichts auf. Der Berg ist von zahllosen Wildpfaden durchzogen, die sich offenbar gut für diese schweren Räder eignen. Die Schafe hassen sie. Ich auch.«

Lokesh schien sich von der jähen Störung als einziger nicht beeindrucken zu lassen, und bei seinem Anblick hellte Yangkes finstere Miene sich schnell wieder auf. Der alte Tibeter hatte die Pflöcke rechtwinklig zum Bach in einer langen Reihe aufgepflanzt, jeweils durch einen kleinen Steinhaufen am Boden verankert und mit dem Seil verbunden. Danach hatte er die Plane in kleine Stücke gerissen, die er nun an dem Seil befestigte. Lächelnd kämpfte Yangke sich auf die Beine und ging zu den Überresten eines alten Lagerfeuers am Ufer. Shan eilte hinterher und hob ein Stück verkohltes Holz für ihn auf, damit er sich nicht mühsam bücken mußte.

Lokesh hatte angefangen, die Stoffstreifen mit vertrauten tibetischen Worten zu beschriften. Er verwandelte die Goldgräberausrüstung in eine Vielzahl von Gebetsfahnen, die sich wie zur Abwehr zwischen den Fremden und dem Dorf Drango aufspannten.

»Lha gyal lo«, sagte Shan.

Der junge Tibeter öffnete den Mund und schloß ihn dann wieder, als versuche er sich zu erinnern, wie man die Worte aussprach. »Lha gyal lo«, wiederholte er schließlich voller Ergriffenheit, stolperte den Hang hinab und half dabei, weitere Fahnen anzufertigen.

Eine Stunde später führte Yangke sie auf eines der langen breiten Felsplateaus, die sich wie eine Folge ungleichmäßiger Stufen bis zur Basis des schroffen Gipfels in rund acht Kilometern Entfernung erstreckten.

»Einer der anderen Hirten hat sie entdeckt«, erklärte der einstige Mönch. »Sie hatten ihr Lager da drüben bei den Bäumen«, sagte er und deutete auf ein paar knorrige Wacholderbäume und Kiefern, bei denen eine kleine Quelle entsprang. Mehrere hohe Felsvorsprünge sorgten dafür, daß der Ort von weiter oben am Hang nicht eingesehen werden konnte. »Er hätte das Lager gar nicht bemerkt, aber einer seiner Hunde fing an zu knurren, als wäre ein Wolf in der Nähe, und dann sah er einen Rucksack im Freien herumliegen. Der Hirte wollte das Lager umgehen, aber der Hund lief hin und kam nicht zurück.«

»Wo sind ihre Ausrüstung und die Schlafsäcke?« fragte Shan, als sie sich dem Gehölz näherten. Die Erde unter den Bäumen war an einigen Stellen festgetreten. Ansonsten deutete kaum etwas auf die Anwesenheit von Menschen hin.

»Weg. Ich bin zwei Tage danach hergekommen. Früher ging es nicht, sonst hätten Chodrons Männer mich entdeckt. Ich habe die erkaltete Asche eines kleinen Lagerfeuers gesehen. Außerdem jede Menge getrocknetes Blut und überall Stiefelabdrücke. Die Goldsucher behalten einander ständig im Auge. Sobald einer stirbt, wird seine Ausrüstung entweder sofort geplündert oder eingesammelt und an die anderen versteigert. Die sind wie die Geier.«

Shan blieb stehen und sah Yangke an. »Soll das heißen, daß noch andere der Goldgräber ums Leben gekommen sind?«

»Es ist eine gefährliche Tätigkeit«, sagte der Mönchsdieb. »Und diese Männer regeln alle Probleme selbst. Von den anderen Hirten höre ich hin und wieder Gerüchte. Letztes Jahr soll einer der Goldsucher ermordet worden sein, einen anderen hat man angeblich letzten Monat tot aufgefunden. Aber ich weiß es nicht mit Sicherheit. Diese Leute und ich, wir gehen uns aus dem Weg.« Der Aufstieg hatte Yangke sehr angestrengt. Er setzte sich zwischen zwei Felsen, so daß er die beiden Enden seines schweren Kragens darauf abstützen konnte. Dann wies er erschöpft auf einen kleinen Steinhaufen unweit der Bäume. »Da war das Feuer.«

Jemand hatte versucht, die Stelle zu tarnen und wie die Basis eines der heiligen Steinhaufen aussehen zu lassen. Shan kniete sich hin, rollte die Steine beiseite und untersuchte die Asche, wobei er sich bemühte, die aufsteigenden Gerüche zu identifizieren. Er schloß die Augen. Verkohlte Federn. Verschmortes Plastik. Reis und wilde Zwiebeln, die sich in einen Topf eingebrannt hatten. Versengte Butter. Shan stocherte in den Resten umher und fand einen harten blauen Klumpen von etwa acht Zentimetern Länge, dann noch einen. Es konnte sich um die Überbleibsel von Wasserflaschen oder Plastikbechern handeln, vielleicht auch um zwei kleine Nylontaschen. Darüber hinaus fanden sich in der Asche nur noch zahlreiche graue Kiesel. Shan ließ einige durch die Finger rieseln. Sie sahen alle identisch aus, waren ungefähr einen Zentimeter lang, auf einer Seite eingebeult und auf der anderen entsprechend nach außen gewölbt. Shan legte eines der Steinchen auf einen flachen Felsen und schlug mit einem faustgroßen Stein darauf. Es trug eine Delle davon, ging aber nicht entzwei. Diese Dinger bestanden aus Kunststoff.

Neben ihm griff Lokesh in die Asche, nahm sich auch einige der grauen Kiesel und schichtete sie zu einem kleinen Haufen auf. Shan war noch immer verblüfft. Er behielt eines der Plastikstücke in der Hand und fing an, die Feuerstelle in immer größerem Abstand zu umkreisen. Die Aasgeier waren gründlich vorgegangen. Bei seiner ersten Runde fand Shan lediglich einen Bleistiftstummel, bei der zweiten eine kleine rote Feder und ein silbernes Objekt, das ein schwerer Stiefel in den Staub getreten hatte: Es war zwanzig Zentimeter lang, bleistiftdünn und endete in gebogenen Spitzen. Ein weiteres Zahnarztinstrument. Die dritte und vierte Runde erbrachten ein Dutzend gleichartiger, sich verjüngender Holzspäne. Zahnstocher. Shan ging zu dem Gehölz und erkannte am Boden den Abdruck eines Schlafsacks. Die Erde unter den Bäumen war trocken und locker. Shan zog seine Fingerspitzen wie eine Harke durch die Erde am Rand des Abdrucks. In den kleinen Furchen kamen Kiesel zum Vorschein, dann ein harter weißer Brocken. Getrockneter Käse, eine traditionelle tibetische Speise, die ebenso wie Buttertee nur wenigen Fremden schmeckte. Vielleicht hatte sich dennoch ein Fremder hier aufgehalten, den Käse höflich entgegengenommen und dann heimlich verscharrt, um niemanden zu kränken. Shan versuchte es noch einmal und stieß auf einen kleinen Zweig, mehrere Stücke Quarz und einen alten Knochensplitter. Der Ort bot sich als Lagerplatz an und war zweifellos schon öfter zu diesem Zweck genutzt worden. Shan stand auf, hielt inne und nahm den Zweig. Man hatte die Rinde abgeschält und eine flache Furche hineingeschnitzt, als wolle man Beine andeuten. Shan nahm das Stück Holz, das er bei dem bewußtlosen Fremden im Stall gefunden hatte. Die beiden Teile paßten zusammen und ergaben eine primitive Figur, die ihn an die kleinen tönernen Heiligenstatuetten erinnerte, wie sie bei traditionellen Tibetern üblich waren. Und wie die Figuren im Dorf war auch diese zerbrochen worden, womöglich von der Hand des Mörders.

Shan musterte den Boden, sah keine weiteren Spuren und roch dann an dem Holz der Figur. Es war erst vor wenigen Tagen abgeschnitten worden. Er umrundete jeden der sechs Bäume und fand vier Schnittstellen, allesamt noch feucht. Eine davon schien zu einer der Schnittkanten der Figur zu passen. Hatte es vier Zweigfiguren gegeben? Aber hier hatten nur drei Leute gelagert. Shan steckte die Figur ein, ging ein Stück und wandte sich dann zu den Bäumen um. Es gab dort zahlreiche Äste von passender Größe, aber die Schnittstellen lagen alle auf der Ostseite der Bäume.

Er schaute zu Lokesh und sah, daß dieser die Plastikstückchen in einer Reihe hingelegt hatte und mit leiser Stimme zählte. Als Shan näher kam, erreichte der alte Tibeter einhundertacht und verstummte.

»Die stammen nicht von einer Gebetskette«, sagte Shan zu seinem Freund. »Sieh her!« Er nahm eine Handvoll und legte zögernd eine zweite Reihe parallel zu der ersten aus. Nach ungefähr fünfzig Zentimetern hörte er auf, nahm zwei der Plastikteile und zeigte Lokesh, daß die Wölbung des einen Stücks genau in die Einbuchtung des anderen paßte. »Ein Reißverschluß«, erklärte er.

Lokesh wies auf den Haufen grauer Stückchen. »Aber der wäre mindestens anderthalb Meter lang.«

»Riechst du die Asche? Man hat einen Schlafsack verbrannt. Vom Nylon und den Federn ist nichts mehr übrig. Allerdings weiß ich nicht, wieso man etwas verbrennen sollte, das hier in den Bergen dermaßen nützlich ist.«

V

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