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Big Sky Mountain – Der Berg der Sehnsucht

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Lael Miller

Big Sky Mountain – Der Berg der Sehnsucht

Aus dem Amerikanischen von Ralph Sander

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

willkommen in der Kleinstadt Parable, Montana.

Hutch Carmody ist ein genauso fester Bestandteil dieser Gegend wie sein liebster Zufluchtsort: der Berg, von dem aus er die Whisper-Creek-Ranch überblicken kann, die er seit dem Tod seiner Eltern allein führt, was auch so bleiben soll, wenn es nach seinem Willen geht. Nachdem er seine Braut am Altar hat stehen lassen, sucht er keineswegs nach einer Nachfolgerin, doch seine Gefühle für seine frühere Flamme Kendra Shepherd kann er nicht so einfach ignorieren. Sie ist schön, sexy und klug und hat damit alles, was Hutch bei einer Frau sucht und bewundert. Er hat sich an ihr jedoch schon einmal die Finger verbrannt, als sie kurz entschlossen auf die Idee gekommen war, einen Mann mit einem Adelstitel und sehr viel Geld zu heiraten. Jetzt ist sie gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter nach Parable zurückgekehrt, und Hutch ist seitdem die Unruhe in Person.

Für Kendra ist das bodenständige Parable mit seinen ehrlichen Bewohnern genau der richtige Ort, um ihrer Tochter jenes Gefühl von Sicherheit zu geben, das sie selbst als Kind nicht hatte. Sie will ihr Leben durch einen Ehemann nicht unnötig verkomplizieren, denn immerhin hat sie auf die harte Tour lernen müssen, dass sie sich allein besser durchschlagen kann als in einer Ehe. Und selbst wenn sie noch einmal einen Mann in ihr Leben lassen würde, dann ganz sicher nicht einen Cowboy wie Hutch - auch wenn ihr Herz bei seinem Anblick jedes Mal durchgeht wie eine Herde Wildpferde.

1. KAPITEL

Schweißtropfen liefen Hutch Carmody über den Rücken. Er hatte das Gefühl, als stünde er kurz davor, sich in eine laufende Kreissäge zu stürzen. Der geliehene Smoking kratzte auf der Haut, und der Kragen schien jedes Mal ein wenig enger zu werden, wenn er den Blütengeruch einatmete.

Die Luft war zum Schneiden dick und machte ihm das Atmen schwer. An diesem sonnigen Tag Mitte Juni war es in der kleinen Kirche auch viel zu warm. Auf den Holzbänken drängten sich die Gäste, die ja nichts verpassen wollten, dazwischen saßen ein paar in Tränen aufgelöste Frauen und nicht wenige Skeptiker.

Hutchs Trauzeuge Boone Taylor stand neben ihm und trat von einem Bein auf das andere.

Plötzlich stimmte der Organist einen durchdringenden Akkord an, gefolgt von einer fröhlichen Melodie, die Hutch nicht erkannte. Die erste der drei Brautjungfern, deren alberne rosafarbene Kleider seiner Meinung nach besser zu kleinen Mädchen als zu erwachsenen Frauen passten, ging in die Kirche und näherte sich gemessenen Schrittes dem Altar, wo sie Hutch und Boone gegenüber ihren Platz einnahm.

Vor Hutchs Augen begann sich alles zu drehen, doch er riss sich schnell wieder zusammen und rief sich ins Gedächtnis, dass seine Ranch nur ein paar Meilen außerhalb der Stadt lag und er sicher noch mit neunzig damit aufgezogen werden würde, falls er am Tag seiner Hochzeit vor dem Altar in Ohnmacht fiel.

Als sich die nächste Brautjungfer auf den Weg zum Altar machte, gab Hutch sich alle Mühe, keinen Blick auf seine Zukünftige Brylee Parrish zu werfen, die ganz hinten bei ihrem Bruder Walker am Eingang zur Kirche wartete. Er wusste nur zu gut, wie sie in ihrem über Generationen weitervererbten Hochzeitskleid mit dem wallenden Schleier und dem funkelnden Strassbesatz aussah.

Brylee war wunderschön, sie hatte volles rotbraunes Haar, das ihr bis zur Taille reichte, wenn sie es offen trug. Ihre nussbraunen Augen versprachen Leidenschaft, die sich mit überragender Intelligenz, Humor und jener Sachlichkeit paarte, mit der die Mädchen vom Land schon zur Welt kamen.

Er konnte sich glücklich schätzen.

Brylee konnte von sich nicht dasselbe behaupten, war sie doch an einen Mann wie ihn geraten, obwohl sie einen Ehemann verdiente, der sie auch liebte.

Plötzlich schaute sein Halbbruder Slade Barlow ihn an. Er saß in der vordersten Reihe zusammen mit seiner hochschwangeren Ehefrau Joslyn und schüttelte den Kopf, als könnte er nicht fassen, was sich da vor seinen Augen abspielte. Sein Gesichtsausdruck war so ernst, dass man hätte meinen können, hier fände eine Totenfeier statt, nicht jedoch die Hochzeit einer der fantastischsten Frauen, die Parable County je hervorgebracht hatte.

Hutchs Magen verkrampfte sich.

Die letzte Brautjungfer hatte ihren Platz eingenommen.

Der Geistliche stand vor ihm und wartete.

Der Duft der Blumen verstärkte sich und schien Hutch beinahe die Luft zu rauben.

Und dann ertönten die ersten Takte des Hochzeitsmarschs.

Wieder begann sich der Raum um Hutch zu drehen.

Brylee, die hinter ihrem hauchdünnen Schleier strahlend lächelte, reagierte mit einem Nicken auf etwas, das ihr Bruder ihr zuflüsterte, dann trat sie einen Schritt nach vorn.

„Einen Moment“, hörte sich Hutch plötzlich laut genug sagen, damit er die Orgel übertönen konnte. Er hob beide Hände wie ein Schiedsrichter, der eine Partie wegen eines Foulspiels unterbrach. „Halt!“

Im nächsten Moment kehrte Totenstille ein, sogar die Orgel verstummte.

Die Braut und ihr Bruder blieben stehen und schauten ihn verwundert an.

Hutch hätte schwören können, dass sich nicht nur hier in der Kirche niemand mehr regte, sondern dass Zeit und Raum scheinbar zum Erliegen gekommen waren.

„Das ist einfach verkehrt“, sagte er leise. Er sprach das Thema nicht zum ersten Mal an. Vielmehr versuchte er seit Wochen, mit Brylee darüber zu reden und Klarheit zu schaffen. Erst gestern Abend hatte er sich wieder mit ihr in der Silver Lanes Snackbar zusammengesetzt und ihr erklärt, die Hochzeit bereite ihm erhebliche Bedenken und er brauche erst einmal eine Auszeit, um in Ruhe über alles nachzudenken.

Brylee war sofort in Tränen ausgebrochen, woraufhin ihre Mascara verlaufen war, und hatte erwidert: „Das meinst du doch gar nicht so!“ Es war ihre Standardantwort auf jeden seiner Versuche, die Notbremse zu ziehen, noch bevor der Punkt erreicht war, an dem es kein Zurück mehr für sie gab. „Du bist bloß nervös, das ist alles. Das ist doch ganz normal. Sobald die Hochzeit vorbei ist und wir in den Flitterwochen sind …“

Hutch ertrug es nicht, wenn eine Frau weinte, und schon gar nicht, wenn er der Grund für ihre Tränen war. So wie bei den Malen zuvor hatte er auch gestern Abend einen Rückzieher gemacht und sich einzureden versucht, dass Brylee ja eigentlich recht hatte. Er hatte im letzten Moment kalte Füße gekriegt, weiter nichts.

Doch jetzt war der Punkt erreicht, an dem er sich nicht noch länger etwas vormachen konnte.

Jetzt oder nie.

Er sah Brylee in die Augen.

Zeit und Raum setzten sich ächzend wieder in Bewegung, und gleich darauf war der Teufel los.

Brylee schleuderte ihren Blumenstrauß zu Boden und trampelte wutentbrannt darauf herum, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stürmte aus der Kirche. Walker warf Hutch einen nicht allzu freundlichen Blick zu, dann lief er seiner Schwester hinterher.

Die Gäste, die sich zu Ehren der Braut erhoben hatten, begannen alle gleichzeitig zu reden, weil sie nicht fassen konnten, was sich vor ihren Augen abgespielt hatte. Solche Dinge passierten den Leuten in Romanen oder Filmen, aber ganz sicher nicht in Parable, Montana.

Es gibt für alles ein erstes Mal, dachte Hutch betrübt.

Er wollte Brylee folgen, was nicht so einfach war, da die Gäste ebenfalls auf den Ausgang zuströmten und den Gang verstopften. Was er zu ihr sagen sollte, wusste er jetzt noch nicht, doch auf jeden Fall musste er mit ihr sprechen.

Ehe er aber auch nur zwei Schritte weit gekommen war, traten Slade und Boone von beiden Seiten auf ihn zu und griffen nach seinen Armen, um ihn zurückzuhalten.

„Lass sie gehen“, meinte Boone leise.

„Du kannst jetzt sowieso nichts tun“, fügte Slade hinzu.

Dann führten sie ihn aus der Kapelle in einen kleinen Lagerraum gleich nebenan. Hutch fragte sich, ob sich vor der Kirche eine Meute versammelte, die ihn lynchen wollte.

„Du hast dir ja genau den richtigen Zeitpunkt ausgesucht, um es dir noch einmal anders zu überlegen“, stellte Boone fest, allerdings funkelten seine Augen und ließen erkennen, dass er in erster Linie erleichtert war.

Hutch nahm seine Fliege ab und steckte sie in die Jackentasche. Dann knöpfte er den Kragen auf und atmete tief durch. „Ich habe ein paar Mal versucht, mit ihr darüber zu sprechen“, erwiderte er, was nach einer faulen Ausrede klang, aber tatsächlich die Wahrheit war.

Obwohl er und Slade den gleichen Vater hatten, waren sie sich ihr Leben lang nicht grün gewesen. Erst seit dem Tod ihres alten Herrn und der anschließenden Aufregung kamen sie etwas besser miteinander aus, dennoch sah keiner in dem anderen einen guten Freund, geschweige denn einen Bruder.

„Komm mit zu uns“, schlug Slade zu seiner großen Überraschung vor. „Es wird das Beste für alle sein, wenn du dich wenigstens für ein paar Stunden rarmachst. Gib Brylee und Walker etwas Zeit, damit ihre Wut verrauchen kann.“

Hutch versteifte sich zwar ein wenig, doch seltsamerweise kam ihm diese Einladung sehr gelegen. Sein Zuhause, die Whisper-Creek-Ranch, lag ziemlich einsam und abgeschieden, was vermutlich auch der Grund war, warum er sich überhaupt überwunden hatte, Brylee einen Heiratsantrag zu machen.

„Ich muss mit Brylee reden“, beharrte er.

„Dafür ist später immer noch Zeit“, widersprach ihm Slade.

„Ja, Slade hat recht“, stimmte Boone ihm zu. Er selbst reagierte hochgradig allergisch auf Begriffe wie Hochzeit oder Ehe und war vermutlich froh, dass Hutch dieser sprichwörtlichen Kugel in letzter Sekunde noch ausgewichen war.

Oder aber er erinnerte sich gerade daran, dass Brylee mit Pistole, Gewehr und Bürgerkriegskanone hervorragend umgehen konnte und momentan wohl damit beschäftigt war, eine Kanone zu laden, die sie auf Hutch richten würde.

Leise seufzte Hutch. „Also gut, ich tauche für eine Weile bei dir unter. Aber ich muss erst nach Hause fahren und mich umziehen. Ich halte es in diesem Smoking nicht mehr aus.“

„Okay“, entgegnete Slade. „Ich sammele die Frauen ein, und dann treffen wir uns in ein oder zwei Stunden auf der Windfall-Ranch.“

Mit den „Frauen“ meinte Slade seine reizende Ehefrau Joslyn, seine Stieftochter Shea und die Haushälterin Opal Dennison, die im Haus der Barlows wie eine Naturgewalt ihre Arbeit erledigte. Slades Mutter Callie war einsichtig genug gewesen, nicht an der Zeremonie teilzunehmen, da sie wusste, dass in einem Städtchen wie Parable alte Skandale nur selten in Vergessenheit gerieten. Jeder hatte ihre Affäre mit Carmody senior noch immer gut in Erinnerung, nicht zuletzt auch, weil Slade das Resultat dieser Affäre war.

Allerdings würden die heutigen Ereignisse das alles in den Schatten stellen. Die Leute zerrissen sich schon jetzt das Maul und spekulierten auf Teufel komm raus. Und im Internet kursierten auf den einschlägigen Seiten sicher längst detaillierte Berichte darüber, was sich wie abgespielt hatte. Bevor Hutch von Slade und Boone aus der Kapelle geführt worden war, hatte er noch gesehen, wie etliche Gäste ihre Smartphones in der Hand hielten und hastig SMS schrieben. Natürlich hatten sie mit diesen allgegenwärtigen Dingern auch noch Fotos geknipst, die sie gleich mitschicken konnten.

Der Gedanke an dieses Heer aus Amateurreportern und die Amateurberichte, die in allen möglichen sozialen Netzwerken auftauchen würden, veranlasste Hutch dazu, kurz die Augen zu schließen, dann murmelte er: „Shit.“

„Das ist noch harmlos ausgedrückt“, kommentierte Slade und klang so mutlos wie Hutch.

Kendra saß in der Küche ihrer besten Freundin Joslyn, ihr gegenüber hatte Callie Barlow Platz genommen. Im Ranchhaus war es ungewöhnlich ruhig, da sich fast alle auf den Weg in die Stadt gemacht hatten, da sie bei der Hochzeit dabei sein wollten. Ein kurzer Blick über die Schulter zeigte ihr, dass ihre vier Jahre alte Adoptivtochter Madison immer noch auf der Sitzbank lag, ihr lila Känguru Rupert an sich gedrückt, und fest schlief. Der Anblick dieses engelsgleichen Gesichts, das von kupferfarbenen Locken umrahmt wurde, berührte Kendra jedes Mal zu tief.

Ihr Kind. Ihr so lange herbeigesehntes und so hart erkämpftes Kind. Ihr kleines persönliches Wunder.

Nicht jede Frau hätte die Situation genauso gesehen wie Kendra, war Madison doch der Beweis für Jeffreys Untreue und dafür, dass es gefährlich war, einen anderen Menschen zu lieben und ihm zu vertrauen. Aber das alles hatte sie letztlich nicht gekümmert. Sie selbst war als Kind von einer desinteressierten Großmutter aufgezogen worden - was mit ein Grund dafür war, dass sie so eine tiefe Bindung zu Madison verspürte. Außerdem hatte Jeffrey, der nach dem Ende ihrer Ehe nach England zurückgekehrt war, im Sterben gelegen.

Einige Männer hätten sich in diesem Fall wohl hilfesuchend an ihre Familien gewandt. Zumal wenn man aus einer so wohlhabenden und einflussreichen Dynastie stammte wie Jeffrey. Doch in seinem Fall war das nicht möglich gewesen. Seine ältlichen Eltern gehörten zum niederen Landadel und besaßen eine ganze Reihe von Titel, mehrere ausgedehnte Güter und ein Vermögen, das seine Wurzeln in der Kolonialzeit in Indien hatte. Bei ihnen wäre Madison so aufgewachsen wie er und sein Bruder, nämlich in der Obhut von Kindermädchen und Haushälterinnen, bis sie mit sechs Jahren auf ein Internat geschickt worden wäre.

Verständlicherweise hatte Jeffrey sich für seine Tochter ein anderes Leben gewünscht. Deshalb hatte er Kendra benachrichtigen lassen, dass er sie persönlich treffen müsse, um ihr etwas Wichtiges zu erzählen.

Sie hatte den ersten von einer Reihe Kurztrips nach England unternommen und im Krankenhaus an der Seite ihres Exmannes gesessen, während der immer wieder in tiefe Bewusstlosigkeit versank.

Irgendwann hatte er es jedoch geschafft, zu sagen, was ihm auf dem Herzen lag. Er berichtete ihr von Madison, die irgendwo in den USA lebte, und flehte Kendra an, seine Tochter zu finden und sie liebevoll und behütet aufzuziehen. Sie war, so sagte er, der einzige Mensch auf Erden, dem er sein Kind anvertrauen mochte.

Kendra hatte so sehr ein Kind gewollt, doch während ihrer kurzen Ehe war Jeffrey nie auf ihren Wunsch eingegangen, eine Familie zu gründen. Umso verletzter war sie gewesen, als er ihr gestand, dass eine andere Frau, der er auf einer Geschäftsreise begegnet war, von ihm ein Kind bekommen hatte.

Dennoch hatte sie versucht, seinen Wunsch zu erfüllen. Allerdings hatte sie das nicht so sehr für ihn getan, sondern vielmehr für Madison … und auch für sich selbst.

Die Suche war, trotz der beträchtlichen Summe, die Jeffrey ihr für diesen Zweck überlassen hatte, schwierig verlaufen, und mehr als einmal hatte sie kurz davor gestanden, aufzugeben.

Doch dann war es ihr endlich gelungen, Madison ausfindig zu machen.

Kendra konnte sich nicht vorstellen, wie es sein würde, dem lebenden Beweis der Untreue ihres Exmannes gegenüberzutreten. Aber alle Bedenken, die sie gehabt haben mochte, verflüchtigten sich in dem Moment, als sie das zurückhaltende, reizende kleine Mädchen zum ersten Mal sah.

Diese erste Begegnung lief in dem schäbigen Büro einer Sozialarbeiterin in einer kalifornischen Wüstenstadt ab, und für Kendra war es Liebe auf den ersten Blick.

Eine Liebe, von der sie wusste, dass sie für immer andauern würde.

Ein monatelanges juristisches Tauziehen folgte, doch irgendwann waren Kendra und Madison dann endlich offiziell Mutter und Tochter. Sie liebte dieses Kind genauso sehr, als wäre sie selbst mit ihm schwanger gewesen.

Callie holte sie aus ihren Gedanken, da sie nach der Teekanne in der Tischmitte griff, um sich und Kendra nachzuschenken.

„Was meint ihr, ist die Hochzeit schon vorbei?“ Kendra bereute ihre Frage im gleichen Moment, in dem sie sie gestellt hatte.

Mit einem sanften Lächeln auf den Lippen schaute Callie zur Wanduhr. „Wahrscheinlich ja“, antwortete sie und drückte leicht Kendras Hand.

Plötzlich regte sich Madison auf der gepolsterten Sitzbank. „Mommy?“

„Ich bin hier, Honey“, sagte Kendra und drehte sich zu ihr um.

Obwohl Madison sich erfreulich schnell an die neue Lebenssituation gewöhnt hatte, wurde sie in Abständen dennoch von Albträumen geplagt. Außerdem neigte sie dazu, leicht in Panik zu geraten, wenn sie ihre Adoptivmutter für einen Moment aus den Augen verlor.

„Hast du Hunger, Kleine?“, fragte Callie sie. Slades Mom würde eine wundervolle Großmutter abgeben; sie hatte so eine entspannte und offene Art mit Kindern.

Madison schüttelte den Kopf, sprang von der Bank und kam zu Kendra, um auf ihren Schoß zu klettern.

„Das Mittagessen ist ja schon eine Weile her.“ Kendra gab ihr einen Kuss auf den Scheitel und drückte sie an sich. „Möchtest du ein Glas Milch und einen von Opals Rosinenkeksen?“

Wieder schüttelte Madison den Kopf und kuschelte sich enger an sie. „Nein, danke“, sagte sie und klang wie so oft eher wie eine kleine Erwachsene, allerdings nicht wie eine Vierjährige.

Kendra war mit der Kleinen am Abend zuvor auf der Ranch angekommen. Die Nacht hatten sie auf Joslyns Beharren hin im Gästezimmer der Barlows verbracht.

Das alte Haus, das das Herzstück der Windfall-Ranch bildete, wurde momentan umfassend renoviert, was den herrschenden Trubel nur noch umso größer machte, da sich alle möglichen Leute im Haus aufhielten. Madison begegnete ihnen allen mit Skepsis, ausgenommen der Haushälterin Opal.

Plötzlich regte sich Jasper, der Hund von Slade und Joslyn, der bislang auf seinem Kissen vor dem neuen Kamin in der Küche gelegen hatte. Er hob den Kopf und setzte zu einem leisen fragenden Winseln an, wobei er seine Schlappohren spitzte. Joslyns Katze Lucy-Maude dagegen zeigte keinerlei Regung.

Madison musterte den Hund interessiert, unschlüssig, ob sie sich mit ihm anfreunden oder ihn besser in Ruhe lassen sollte.

„Tja, sie sind auf jeden Fall ziemlich früh zurück“, stellte Callie fest, nachdem sie aufgestanden war und vom Fenster über der Spüle nach draußen geschaut hatte. „Dann werden sie wohl den Empfang ausgelassen haben.“

Laut bellend eilte Jasper zur Tür, was ihm schon vor Langem von Joslyn die Bezeichnung „Ein-Hund-Empfangskomitee“ eingebracht hatte. Amüsiert öffnete Callie die Hintertür, und der Hund schoss wie eine Fellrakete nach draußen, um diejenigen ausgelassen zu begrüßen, die sich dem Ranchhaus näherten.

Diese Freude wurde von der älteren Frau nicht geteilt, denn sie drehte sich vom Fenster weg und sah Kendra irritiert an. „Sehr eigenartig“, murmelte sie. „Ich hoffe, mit Joslyn ist alles in Ordnung.“

Slades Stieftochter Shea, gerade erst siebzehn geworden, rannte ins Haus und berichtete Callie außer Atem: „Das wirst du nicht glauben, Grands! Die Musik hat gespielt, die Brautjungfern standen da, der Pfarrer war bereit, und weißt du, was dann passiert ist?“

Kendra hatte das Gefühl, als hätte ihr Herz aufgehört zu schlagen, aber sie brachte keinen Ton heraus. Alle möglichen Katastrophen gingen ihr durch den Kopf - ein Gast, der einen Herzschlag erlitt, ein Lastwagen, der von der Straße abkam und in die Kirche raste, ein Blitz, der das Kirchendach in Brand setzte und den Bräutigam auf der Stelle tot umfallen ließ.

Sie verdrängte all diese maßlos übertriebenen Horrorszenarien und wartete gebannt darauf, dass Shea fortfuhr.

„Was denn?“ Callie schaute das Mädchen fragend an. Sie und Shea standen sich nah. Shea arbeitete ein paar Stunden in der Woche in Callies Curly Burly Hair Salon in der Stadt und kümmerte sich in ihrer Freizeit außerdem um die Pflege der Website, die sie für den Salon eingerichtet hatte.

„Hutch hat die Hochzeit abgesagt!“, antwortete sie aufgeregt. „Die Hochzeit ist geplatzt!“

„O nein“, stieß Callie hervor. Die Tür war noch offen, und Kendra konnte Joslyn und Opal reden hören, die sich dem Haus näherten. Falls Slade auch bei ihnen war, gab er sich wie üblich schweigsam.

Kendra bemerkte, dass sie Madison vor Anspannung viel zu fest an sich drückte, und zwang sich, den Griff um sie zu lockern. Gleichzeitig bekam sie den Mund nicht mehr zu, hoffte allerdings, dass das niemandem auffiel. Sie war so sprachlos, dass sie nicht mal einen Ton herausgebracht hätte, wenn das Haus auf einmal in Flammen gestanden hätte.

Opal, die sich in ihrem selbst genähten, farbenfrohen Jerseykleid ganz besonders herausgeputzt hatte, betrat als Nächste das Haus und schüttelte ungläubig den Kopf, während sie ihren altmodischen Hut abnahm. Ihr folgten Slade und die hochschwangere Joslyn, deren dicker Bauch ihr „eine halbe Stunde vorauseilte“, wie ihr Ehemann es liebevoll formulierte.

Inzwischen hatte sich Shea zu Madison umgedreht und versuchte einmal mehr, mit einem strahlenden Lächeln das Mädchen für sich zu gewinnen. „Na, Kleine“, sagte sie. „Nachdem wir auf die Hochzeitstorte verzichten mussten, könnte ich jetzt einen Teller voll Kekse verschlingen. Willst du mir dabei helfen?“

Zu Kendras Erstaunen kletterte Madison von ihrem Schoß und ging - mit Känguru Rupert im Arm - langsam auf Shea zu, so als würde sie ihr nicht so ganz trauen. „Okay“, sagte sie etwas zögerlich.

Joslyn kam zu ihr an den Tisch und setzte sich. In ihrem sommerlich bunten Umstandskleid sah sie aus wie ein riesiges blaues Bonbon mit weißen Punkten Ihr Gesicht war gerötet, und sie fächelte sich eine Weile mit ihrer schmalen weißen Handtasche Luft zu, dann packte sie die Tasche zur Seite.

„Möchtest du dich lieber hinlegen?“, fragte Callie ihre Schwiegertochter besorgt.

Madison und Shea fielen unterdessen über die Keksdose her.

„Nein, nein“, wehrte Joslyn ab. „Mir geht‘s gut.“

„Ihr zwei werdet mir nicht alle Kekse wegessen“, rief Opal den Mädchen zu, während sie sich die Schürze umband. „Ich habe keine Lust, dass ihr die Hälfte vom Abendessen stehen lasst, das bald fertig sein wird.“

Als Kendra den Trubel beobachtete und Opal schimpfen hörte, fühlte sie sich in die schönen Zeiten ihrer Kindheit zurückversetzt. Opal war für sie wie eine Mutter gewesen, fast schon eine Schutzheilige.

Slade hängte seinen Hut an die Garderobe und beugte sich dann vor, um den Hund hinter den Ohren zu kraulen.

„Die arme Brylee“, meinte Opal seufzend. Sie öffnete den Kühlschrank und suchte nach weiteren Zutaten für eine ihrer legendären Mahlzeiten.

„Für mich hört sich das so an, als ob sie selbst schuld ist“, merkte Slade an und wusch seine Hände unter dem Hahn der Küchenspüle. Momentan trug er noch einen dunklen Anzug, aber Kendra wusste, sobald er die Gelegenheit dazu erhielt, würde er den gegen seine Jeans, die abgewetzten Stiefel und ein locker sitzendes Hemd eintauschen. „Hutch hat erzählt, dass er Brylee ein paar Mal gesagt hat, er wolle nicht heiraten, doch sie wollte davon nichts hören.“

Für Slades Verhältnisse war das ein wahrer Sturzbach an Worten. Er war ein ruhiger, nachdenklicher Mann, der die Dinge gerne ausgiebig durchdachte, bevor er seine Meinung kundtat - ganz im Gegensatz zu seinem Halbbruder Hutch, der erst drauflosredete und später überlegte, ob es wohl wirklich klug gewesen war, so viel zu sagen.

Joslyn hatte Kendra während dieser Unterhaltung nicht aus den Augen gelassen. Sie konnte in ihrer Miene lesen wie in einem offenen Buch, auch wenn Kendra sich noch so verschlossen gab. Seit frühester Kindheit waren sie miteinander befreundet, und im vergangenen Jahr waren sie auch Geschäftspartnerinnen gewesen. Joslyn hatte die Leitung von Shepherd Real Estate im nahegelegenen Parable übernommen, während Kendra das ganze Land nach Jeffreys Tochter abgesucht hatte.

„Ein Glück, dass er noch zur Vernunft gekommen ist“, erklärte Joslyn erleichtert. „Brylee ist ein wunderbarer Mensch, aber sie und Hutch passen überhaupt nicht zusammen. Die beiden hätten es kein Jahr lang miteinander ausgehalten.“

Die Menschenansammlung in der Küche begann, sich aufzulösen. Shea zog sich mit Madison, dem Hund und den Keksen ins Wohnzimmer zurück, dicht gefolgt von Callie, die von Shea im Detail beschrieben bekam, wer was zu wem gesagt und wer was angehabt hatte.

Slade stieg die hintere Treppe in den ersten Stock, zweifellos, um sich schnellstmöglich umzuziehen. Von Bankern und Anwälten abgesehen gab es in den ländlichen Gegenden Montanas kaum einen Mann, der regelmäßig Anzug trug. Der blieb Kirchgängen, Beerdigungen und Hochzeiten vorbehalten.

Opal murmelte kopfschüttelnd vor sich hin, während sie Mehl und Schmalz für die Biskuits abwog, die sie backen wollte. „Um Himmels willen“, sagte sie immer wieder leise zu sich selbst. „Meinen Lebtag werde ich nicht …“ Der Rest blieb unverständlich.

Joslyn legte die Hände auf ihren Bauch und stöhnte leise. „Ich schwöre, dieses Baby trainiert jetzt schon dafür, am Rodeo teilzunehmen. Man könnte meinen, dass es da drinnen einen Bullen zureiten muss.“

Leise lachte Kendra. Zum Teil wegen des Bildes, das ihre Freundin soeben gezeichnet hatte, zum Teil jedoch auch, um die schwindlig machende Anspannung zu lösen, die Sheas atemlose Ankündigung in ihr hervorgerufen hatte. Hutch hat die Hochzeit abgesagt! Die Hochzeit ist geplatzt!

„Dann sei doch so gut“, zog sie Joslyn auf, während sie versuchte, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen, „und lass die Wehen einsetzen, damit der Kleine möglichst bald seine Cowboykarriere in Angriff nehmen kann.“

Joslyn lächelte so hinreißend wie eine Madonna von Botticelli. „Ja, er lässt sich allerdings viel Zeit“, stimmte sie Kendra amüsiert zu. Dann flackerte ein Anflug von Sorge in ihren Augen auf, als sie ihre Freundin eindringlich musterte. „Ich glaube, ich sollte dich vorwarnen, dass Slade für heute Hutch zum Abendessen eingeladen hat …“

Joslyn sprach weiter, allerdings hörte Kendra davon kaum noch etwas. Sie war unter keinen Umständen bereit, Hutch Carmody zu begegnen, auch nicht im Haus ihrer besten Freundin. Und das aus gutem Grund, denn bei ihrem letzten Zusammentreffen nach diesem albernen, machohaften Pferderennen zwischen ihm und Slade hatte sie ihm einen ordentlichen Tritt gegen das Schienbein verpasst.

Weil er sie einfach geküsst hatte.

Weil er ohne vernünftigen Grund sein Leben riskiert hatte.

Weil ihres nur eines von vielen Herzen war, das er auf seinem Weg gebrochen hatte.

Außerdem sah sie schrecklich aus. Drei Tage war sie mit dem Wagen unterwegs gewesen, und selbst nach einer Nacht in Joslyns Gästezimmer und zweimaligem Duschen fühlte sie sich immer noch wie erschlagen.

Sie stand auf. Sie würde mit Madison in die Stadt zu ihrem eigenen Haus fahren, wie sie es von vornherein hätte tun sollen, anstatt hierher auf die Ranch zu kommen. Aber das riesige Herrenhaus war für sie und Madison eigentlich viel zu groß, und mit jedem der Zimmer verband sie zu viele Erinnerungen.

„Kendra, setz dich wieder hin“, forderte Joslyn sie freundlich auf, während Opal noch immer vor sich hin murmelnd im Vorratsschrank herumkramte.

Slade kam nach unten und sah wieder ganz wie er selbst aus in seiner abgewetzten Jeans, dem verwaschenen Flanellhemd und den abgetragenen Stiefeln. Als er an Joslyn vorbeilief, beugte er sich vor und gab ihr einen Kuss. Kendra ließ sich auf ihren Stuhl zurücksinken.

„Fangt ja nicht ohne mich an“, sagte Slade und strich strahlend über Joslyns Babybauch.

Dieses Bild genügte Kendra fast schon, um wieder an die Liebe zu glauben.

„Auf gar keinen Fall“, erwiderte Joslyn. „Das ist unser gemeinsames Baby, und wir werden es auch gemeinsam bekommen.“

Kendra fühlte sich beim Anblick der beiden Turtelnden allmählich wie eine Voyeurin, doch dann tauchte Opal aus dem Vorratsschrank wieder auf, musterte Slade durch ihre dicken Brillengläser hindurch und fragte energisch: „Wo willst du denn hin, Slade Barlow? Hatte ich nicht eben davon gesprochen, dass das Abendessen gleich fertig ist?“

Slade richtete sich auf und blickte Opal an. „Jetzt reg dich nicht auf“, konterte er amüsiert. „Ich habe nicht vor, eine Viehherde nach Texas zu treiben, sondern ich will bloß kurz nach den Pferden sehen.“

„Sehe ich etwa aus, als wär ich von gestern?“, fragte sie im gleichen gespielt forschen Tonfall. „Du willst ein Pferd satteln und losreiten, das sehe ich dir genau an.“

Lachend und kopfschüttelnd durchquerte er das Zimmer und fuhr sich durchs Haar, dann setzte er seinen Hut auf. „Ich verspreche dir, Opal, wenn die Glocke zum Essen läutet, stehe ich wieder hier in der Küche.“

Opal schnaubte, auch wenn sie es erkennbar nicht so meinte. Sie winkte Slade hinterher und widmete sich dann wieder dem Abendessen.

„Du kannst ruhig bleiben und warten, bis Hutch hier auftaucht“, fuhr Joslyn fort, als hätte es die kleine Unterbrechung nicht gegeben. „Du weißt, Parable ist eine Kleinstadt, und früher oder später werdet ihr euch sowieso über den Weg laufen. Dann kannst du das auch gleich heute erledigen.“

Wäre Joslyn keine so gute Freundin gewesen, hätte Kendra auf das Funkeln in ihren Augen wütend reagiert. Aber so wie alle glücklich Verheirateten wollte auch Joslyn, dass jeder in ihrem Bekanntenkreis schnellstens unter die Haube kam. Sie musste an Brylee Parrish denken und stellte fest, dass die Frau ihr leidtat. Hutch Carmody zu lieben, das war so, als würde man den Ärger gezielt suchen. Davon konnte Kendra ein Lied singen. Natürlich hätte Brylee jetzt genauso wenig zugehört wie sie selbst vor ein paar Jahren, als alle ihre Freundinnen sie vor einer übereilten Ehe mit Jeffrey gewarnt hatten.

„Madison muss sich an ihr neues Zuhause gewöhnen“, erwiderte Kendra. „Ich muss noch einkaufen, und ich habe mich schon so lange nicht mehr ums Geschäft gekümmert.“

„Das Geschäft läuft bestens“, versicherte Joslyn ihr, „und Madison kann sich später immer noch an ihr neues Zuhause gewöhnen.“

Wie auf Kommando drang ein fröhliches Lachen aus dem Nebenzimmer zu ihnen, was die Kleine viel zu selten tat und das Kendra die Tränen in die Augen steigen ließ. „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, gestand sie sehr leise. „Ich meine, wenn ich Hutch so schnell wiedersehe, ich … ich war davon ausgegangen, dass ich mich erst mal einlebe und …“

Joslyn griff nach ihrer Hand und drückte sie sanft. „Du schaffst das“, beteuerte sie. „Glaub an dich, Kendra. Zwischen dir und Hutch wird nichts passieren, wenn du es nicht willst.“

„Genau das ist ja das Problem“, erwiderte sie mutlos. „Ich habe jetzt eine Tochter. Ich möchte, dass sie in Parable aufwächst, dass sie die gleichen Schulen besucht wie ich damals. Ich will ihr ein Gefühl von Sicherheit geben, das Gefühl, hier zu Hause zu sein. Ich kann mir nichts Dümmeres vorstellen, als wieder was mit Hutch anzufangen.“

„Wirklich nicht?“, fragte Joslyn und zog eine Augenbraue hoch, da die Antwort auf ihre Frage eine Weile auf sich warten ließ.

„Natürlich nicht“, beharrte Kendra im Flüsterton. „Der Mann hat mir das Herz gebrochen, oder hast du das schon vergessen? Und jetzt hat er eine andere Frau vor dem Altar stehen lassen. Das zeigt doch, dass er sich kein bisschen geändert hat!“

„Ist dir eigentlich schon mal der Gedanke gekommen“, fragte Joslyn unbeeindruckt, „dass Hutch die liebe Brylee am Altar hat sitzen lassen, weil nicht du diejenige warst, die da in der Kirche stand?“

„Nein“, entgegnete Kendra nachdrücklich, wobei ihr bei der bloßen Vorstellung ein Schauer über den Rücken lief. „Der Gedanke ist mir nicht gekommen. Er hat es nämlich getan, weil er sich an nichts und niemanden langfristig binden kann und weil es für ihn auf dieser Welt nicht Wichtigeres gibt als seine Whisper-Creek-Ranch. Außerdem ist er ein herzloser Mistkerl, der jedem Rock nachjagt.“

Ehe Joslyn darauf etwas erwiderten konnte, tauchten Madison, Shea, Callie und der Hund in der Küche auf, womit jede weitere Diskussion über Hutch Carmody unmöglich wurde.

Doch Kendra war immer noch nervös. Ihr Herz raste, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Hatte sie sich irgendetwas eingefangen? All ihre Instinkte trieben sie förmlich dazu an, von hier zu verschwinden, solange noch Zeit war, allerdings erschien ihr der Gedanke an sich schon feige. Und außerdem fühlte Madison sich allmählich dazugehörig.

Jetzt übereilt in die Stadt zu fahren würde die Kleine nur noch mehr durcheinanderbringen.

Also beschloss Kendra zu bleiben, zumindest bis nach dem Essen. Sie war eine erwachsene Frau und Mutter. Joslyn hatte völlig recht, es war an der Zeit, dass sie begann, sich selbst zu vertrauen. Früher war es ihr nicht gelungen, sich Hutchs Anziehungskraft zu entziehen, aber inzwischen war sie älter und weiser, und sie hatte sich viel besser unter Kontrolle.

Die folgende Stunde verging wie im Flug mit den Vorbereitungen fürs Essen, Tisch decken und angeregten Unterhaltungen. Slade kehrte wie versprochen aus dem Stall zurück, und nachdem er sich im Badezimmer im Erdgeschoss gewaschen hatte, ließ er sich von allen Anwesenden das Versprechen geben, Hutch nicht mit Fragen zur abgesagten Hochzeit zu belästigen.

Als ob er ihn dazu irgendwas fragen würde, ging es Kendra durch den Kopf. Sie selber würde vermutlich auch nicht mehr als ein paar höfliche Worte mit ihm wechseln - wenn überhaupt.

Sie fühlte sich stark, selbstbewusst und auf alles vorbereitet.

Bis zu dem Augenblick, in dem er die Küche betrat.

Sowie er sie entdeckte, presste er die Lippen zusammen und warf seinem Halbbruder einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Hatte ich nicht gesagt, dass Kendra hier ist?“, fragte Slade und bereitete der abrupt eingetretenen Stille vorübergehend ein Ende. Er klang leicht amüsiert, doch in seinen Augen spiegelte sich die reinste Unschuld.

Hutch, in dessen dunkelblondes Haar die Sonne goldene Strähnen gezaubert hatte, brauchte nur einen Moment, um zu seiner umgänglichen Art zurückzufinden.

Er brachte sogar ein Lächeln zustande. Der Anblick genügte, damit Kendra unruhig wurde.

„Hallo, Kendra“, begrüßte er sie und nickte ihr zu, nachdem er seinen Hut abgenommen hatte. So wie Slade trug er die typische Cowboykleidung aus Jeans, Hemd und Stiefeln, die ihm hervorragend stand.

Sie erwiderte das Nicken. „Hutch“, sagte sie kurz und widmete sich wieder der Vorbereitung des gemischten Salats. Sie wünschte sich, sie hätte sich erst noch geräuspert, dann wäre ihr sein Name nicht wie ein Krächzen über die Lippen gekommen.

Sein Blick wanderte geradewegs weiter zu Madison, und Kendra sah kurz eine Frage in seinen Augen aufblitzen, bevor er sie hinter einem breiten Lächeln verbarg. Madison hielt unterdessen Rupert hoch, als wollte sie ihr Stofftier dem Fremden zur Begutachtung überlassen.

„Howdy, kleine Lady.“ Er ließ seinen gesamten Charme spielen. „Täusche ich mich oder hast du da ein Känguru?“

2. KAPITEL

Wenn es nach Hutch gegangen wäre, hätte eine Woche ausreichen müssen, um wieder Ruhe einkehren zu lassen. Aber als der nächste Samstagnachmittag näher rückte und er sich an seinen Computer setzte, um sich ein Bild davon zu machen, ob die nicht stattgefundene Hochzeit nun wie erwartet tatsächlich kein Thema mehr war, musste er sich eines Besseren belehren lassen.

Die Kritik an seiner Person und an seinem Verhalten hatte sich nur noch mehr ausgeweitet, und wie es schien, hatte er im Cyberspace Einzug in Hasslisten aus aller Welt gehalten. Empörte Frauen auf den Philippinen ereiferten sich, er solle geteert und gefedert werden, und ein paar von Brylees besonders rachsüchtigen Freundinnen hatten bei einem der sozialen Netzwerke eine Seite eingerichtet, die allein dem Zweck diente, Frauen weltweit vor Hutch Carmody zu warnen.

Mit einer Mischung aus Verärgerung und Belustigung wertete er diese Seite als das moderne Gegenstück zu den „Gesucht: tot oder lebendig“-Plakaten aus dem Wilden Westen.

Natürlich gehörte zum digitalen Zeitalter auch, dass es von Fotos nur so wimmelte. Da war die Braut Brylee in ihrem übertriebenen Kleid, wie sie den Blumenstrauß in der Kirche zertrampelte, ein anderes zeigte sie wohl nur ein paar Minuten später, wie sie das „Just married“-Schild vom Heck der Limousine abriss, mit der sie für den Empfang ins Community Center hätten fahren sollen. Die nächsten Bilder dokumentierten wie in einem Fotoroman, wie sie das Schild in Stücke riss, die dann in der Gosse landeten. Er sah Brylee, wie sie irgendwann danach die Haare nachlässig zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden hatte, ungeschminkt und mit geröteten Wangen. Sie trug Jeans und dazu ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Männer sind scheiße“. Umgeben war sie dabei von gut einem Dutzend Freundinnen, die an einem Tisch in der Boot Scoot Tavern saßen. Die beleuchtete Jukebox im Hintergrund spielte garantiert irgendeinen Song von einer Frau, die von ihrer großen Liebe verlassen worden war.

Hutch seufzte. Dann war er also noch immer nicht aus den Fängen der Amateur-Paparazzi. Heutzutage hatte jeder Trottel ein Smartphone, ob er es brauchte oder nicht, und jeder meinte, er müsse alles im Internet hochladen, was ihm vor die eingebaute Kamera kam.

Ein denkwürdiges Foto zeigte ihn mitten im Altarraum. Ihm war deutlich anzusehen, wie unbehaglich er sich in dem Smoking fühlte, den er im Nachbarstädtchen Three Trees bei Wally‘s Wedding World geliehen hatte. Er war bleich und fest entschlossen, nicht zu heiraten, ganz gleich, was er tun musste, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Und das waren nur die Fotos. Videos gab es auch noch. In einem dreißig Sekunden langen Clip war mitanzusehen, wie er auf dem mit Kies bedeckten Parkplatz der Presbyterianerkirche in seinen rostigen Pick-up stieg und eine riesige Staubfahne hinter sich aufwirbelnd in Richtung Horizont fuhr.

Ja, das war er, wie er in aller Eile den Rückzug antrat, wie ein Feigling, der nicht schnell genug weglaufen konnte.

Dieses Bild von ihm hinterließ einen unangenehmen Geschmack im Mund.

Trotz allem ging er davon aus, dass Brylee eines Tages den richtigen Mann finden, heiraten und viele Kinder bekommen würde - und dann würde sie ihm noch mal dankbar dafür sein, dass er diese Hochzeit abgesagt und eine Katastrophe verhindert hatte. Allerdings ging er auch davon aus, dass „eines Tages“ momentan noch in weiter Ferne lag.

Das Zusammentreiben der Ausreißer aus der Herde gemeinsam mit seinen Ranchhelfern hatte Hutch müde gemacht, und sein Ausflug ins Internet hatte keine Ablenkung gebracht. Also fuhr er den Computer herunter und drehte sich vom Sekretär weg, der sich bereits zu Lincolns Zeiten als Präsident im Besitz seiner Familie befunden hatte. Er stand auf, streckte sich ausgiebig, schnappte sich den Kaffeebecher und ging hinüber die Küche.

Er hatte sich an Slades Ratschlag gehalten und die Woche über jegliches Auftauchen in der Öffentlichkeit vermieden. Auch wenn es ihm schwergefallen war, war er nicht zu Brylee gefahren, hatte sie nicht angerufen und ihr nicht einmal eine E-Mail geschickt.

Nicht in Schuldgefühlen zu ersticken war ihm hingegen erstaunlich leichtgefallen. Was vermutlich der Beweis dafür war, dass es sich bei ihm tatsächlich um einen „egoistischen, herzlosen, selbstverliebten Mistkerl“ handelte, wie das einhellige Urteil des Brylee-Fanclubs lautete, der sich mittlerweile vor Neuanmeldungen nicht mehr retten konnte.

Natürlich tat es ihm leid, dass er Brylee wehgetan hatte, und er hätte ihr diese öffentliche Blamage liebend gern erspart. Trotzdem verspürte er vor allem eine so intensive Erleichterung, dass ihm auch jetzt noch, beinahe eine Woche später, immer noch ein wenig schwindlig wurde.

Er hatte die Apokalypse abgewendet, nur das zählte.

Was ihm aber seit einer Woche wirklich zu schaffen machte, das war das Wiedersehen mit Kendra Shepherd im Haus von Slade und Joslyn. Als er sie dort gesehen hatte, war ihm die Luft weggeblieben, so als hätte ein Mustang ihn abgeworfen und rücklings auf einem steinharten Untergrund landen lassen.

Er hatte Kendra einmal geliebt und war der Meinung gewesen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Er war davon ausgegangen, mit ihr den Rest seines Lebens zu verbringen, viele Kinder zu zeugen und mit ihr auf der Whisper-Creek-Ranch zu leben, die sie beide als gleichberechtigte Partner führen würden.

Doch dann hatte Jeffrey Chamberlain die Bühne betreten, ein Mann mit Titel und Ländereien in England. Für eine Frau wie Kendra war er praktisch so etwas wie ein Prinz, war sie doch in einer Kleinstadt in Montana von der Großmutter aufgezogen worden, der es überhaupt nicht gefallen hatte, sich um das Kind ihrer Tochter kümmern zu müssen. Chamberlain hatte zu der Zeit Freunde besucht - irgendwelche Hollywoodgrößen, die im prunkvollen Stil das führten, was sie für das Leben auf einer Ranch hielten -, und wie der Zufall es so wollte, kam Sir Jeffrey im Postamt mit Kendra ins Gespräch. Daraus entwickelte sich innerhalb weniger Wochen eine Romanze so epischen Ausmaßes, dass sie einfach kein gutes Ende hatte nehmen können. Dabei hatte Kendra sich nicht einmal Hals über Kopf in Chamberlain verliebt. Anfangs bezeichnete sie ihn nur als einen Freund, einen interessanten und witzigen Freund. Hutch hatte ihre Erklärung akzeptiert, wenn auch unübersehbar zähneknirschend und innerlich vor Eifersucht kochend. In kurzer Zeit wurde das Verhältnis zwischen ihm und Kendra immer angespannter. Chamberlain wusste ganz genau, was er da in Gang gesetzt hatte, und präsentierte immer neue Ausreden, um zu erklären, warum er noch nicht aus Parable abreisen musste. Geduldig wartete er ab und beobachtete, wie sich Kendra und Hutch immer heftiger und bösartiger stritten.

Schließlich hatte Kendra ihn vor die Wahl gestellt: Entweder er vertraute ihr oder er sollte sich von ihr trennen.

Als starrköpfiger und rechthaberischer Cowboy, der einer langen Linie von starrköpfigen und rechthaberischen Cowboys entstammte, entschied er sich für Letzteres. Er glaubte nicht, dass sie tatsächlich aus Parable wegziehen würde. Jeder hier wusste, sie beide gehörten zusammen. Doch dann verließ sie ihr Zuhause, ging mit Jeffrey weg und kehrte eben nicht nach kurzer Zeit zurück, wie Hutch es sich ständig eingeredet hatte.

Seitdem hatte es immer wieder Momente gegeben, in denen er sich gefragt hatte, wie es dazu hatte kommen können - so wie gerade jetzt. Er stand mit geschlossenen Augen in der Küche und ließ die Erinnerungen Revue passieren.

Drei Tage nach der Hochzeit in Vegas hatte Kendra ihn angerufen, und selbst da hätte er am liebsten zu ihr gesagt: „Das ist verkehrt. Komm zurück nach Hause.“ Aber er war viel zu stolz gewesen und hatte „Lady Chamberlain“ alles Gute gewünscht und dann voller Wut den Hörer auf die Gabel geknallt.

Danach waren sie sich ein paar Mal begegnet, insbesondere in der Zeit, nachdem sich Chamberlain praktisch aus seiner Ehe freigekauft und den Großen Teich überquert hatte, um wieder den Lebensstil eines englischen Adligen zu pflegen. Kendra war in Parable geblieben, ganz allein in dem Herrenhaus an der Rodeo Road, das die Dimensionen eines mittleren Hotels aufwies.

So klein, wie Parable war, blieb es gar nicht aus, dass sie sich von Zeit zu Zeit über den Weg liefen. Ein paar Mal waren sie beide sogar dicht davor gewesen, sich wieder zu vertragen und einen Neuanfang zu versuchen, doch es kam immer irgendetwas dazwischen, was vermutlich damit zusammenhing, dass keiner von ihnen bereit war, dem jeweils anderen ernsthaft zu vertrauen.

Letzten Samstag am Esstisch in Joslyns lauter Küche waren sie höflich miteinander umgegangen, doch Kendra hatte auf ihn den Eindruck gemacht, als wollte sie jeden Moment aus der Haut fahren. Kaum hatten sie aufgegessen und Geschirr und Besteck in die Spülmaschine sortiert, war sie mit ihrem Mädchen aufgebrochen und in ihrem praktischen Mommy-Van nach Hause gefahren. Was war nur aus dem kleinen BMW-Cabrio geworden, das sie früher gefahren hatte?

„Sie hat nicht damit gerechnet, dir heute hier zu begegnen“, hatte Joslyn zu ihm gesagt und seine Hand berührt, nachdem Kendra sich mit dem Kind auf den Weg gemacht hatte.

Hutch hatte seinem Halbbruder daraufhin einen wütenden Blick zugeworfen. „Ich kann mir gut vorstellen, wie sie sich gefühlt haben muss.“

Aber Slade hatte ihn einfach nur von oben herab angesehen.

Dieses Essen war nur noch eine ferne Erinnerung, und nach einem langen schweißtreibenden Arbeitstag im Staub stand Hutch nun in seiner lachhaft großen Küche. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, sich irgendetwas zum Abendessen zuzubereiten, aber keines der wenigen potenziellen Wissenschaftsexperimente im Kühlschrank vermochte ihn anzusprechen. So wenig, wie ihn sein allzu leeres Haus ansprach, in dem es eigentlich von lärmenden Kindern und geretteten Hunden aus dem Tierheim nur so wimmeln sollte. Niemand machte Lärm, niemand rannte durch die Zimmer und Gänge, stattdessen war alles stumm und kalt und leer.

Seufzend fuhr er sich durchs Haar und schloss die Kühlschranktür. Er ging nach oben, duschte und zog eine saubere Jeans, ein weißes Hemd und seine besten Stiefel an. Er hatte sich jetzt verdammt noch mal lange genug versteckt, und er hatte die Nase voll davon, darauf zu achten, ja von niemandem gesehen zu werden.

Stattdessen würde er jetzt einen seiner Trucks nehmen, nach Parable zum Butter Biscuit Café fahren, sich auf einen Hocker an der Theke setzen und wie üblich Cheeseburger, Pommes und einen Milkshake bestellen. Und was die Fragen und abschätzigen Blicke anging, die er bestimmt ernten würde, dachte er nur: Traut euch nur. Kommt ruhig her.

Eine Woche hatte Kendra Zeit gehabt, um die Begegnung mit Hutch am letzten Samstagabend zu verarbeiten, und zum größten Teil war es ihr auch schon gelungen.

Aber eben nur zum größten Teil.

Schließlich hatte sie ja auch andere Dinge zu erledigen. An erster Stelle stand der Umzug ihres Maklerbüros aus dem Herrenhaus an der Rodeo Road in das kleine Ladenlokal nahe dem Butter Biscuit Café. Dann hatte sie Madison in der ganzjährig geöffneten Kindertagesstätte mit Vorschule angemeldet und parallel Ausschau gehalten nach einem gemütlichen Haus mit zwei Schlafzimmern, das nicht zu weit von Parable entfernt lag.

In einer Stadt wie dieser waren kleinere Häuser nicht so leicht zu finden, da die Leute nicht zwangsläufig ihr Eigentum verkauften, wenn sie nach Florida oder Arizona umsiedelten oder in ein Seniorenheim zogen. Vielmehr gaben sie ihre Häuser oft an die nächste Generation weiter.

Derzeit konnte Kendra nur wählen zwischen einem doppelt breiten Trailer auf genau dem Gelände, auf dem sie ihre unglückliche Kindheit bei ihrer Großmutter zugebracht hatte - was also überhaupt nicht infrage kam -, einem Objekt auf der anderen Seite von Three Trees, das damit über dreißig Meilen weit entfernt lag und auch noch nach einem umgebauten Hühnerstall aussah, und dem beengten Apartment über der Garage der alten Mrs Lund in der Cinch Buckle Street. Das Problem dort war eine unverschämt hohe Miete, die umso dreister war, da diese Wohnung nicht einmal einen eigenen Eingang besaß.

Da sie das mit seinen fast 1 400 Quadratmetern monströs große Herrenhaus bereits in ihre Angebotsübersicht aufgenommen hatte und Reinigungspersonal und Maler momentan dafür sorgten, das Gebäude für Besichtigungen herzurichten, wohnte sie mit Madison derzeit im kleinen Gästehaus auf dem gleichen Anwesen.

Zwei Interessenten, beide durchaus seriös, hatten sich bereits bei ihr gemeldet, weil sie sich das Herrenhaus ansehen wollten, weshalb Kendra nicht die Absicht hegte, sich in dem gemütlichen und günstig gelegenen Cottage allzu sehr wie zu Hause zu fühlen. Luxushäuser ließen sich in diesem Teil von Montana sehr gut verkaufen, weil es für Jetsetter zum guten Ton gehörte, hier ein Anwesen zu besitzen, auch wenn man es nur alle Jubeljahre einmal aufsuchte.

Für den Augenblick erfüllte das Gästehaus alle ihre Bedürfnisse. Madison spielte liebend gern im riesigen Garten mit seinen bunten Blumenbeeten und benutzte oft die Schaukel auf der Veranda. Die Vierjährige machte sich nichts daraus, das einzige Schlafzimmer im Cottage mit Kendra zu teilen und in der winzigen, von der Sonne gefluteten Küche zu essen. An das Vorschulprogramm in der Kindertagesstätte wurde sie ganz gemächlich gewöhnt, indem sie jeden Tag für eine oder zwei Stunden daran teilnahm. Die vielen Kinder in ihrem Alter lenkten sie zum Glück so sehr ab, dass sie inzwischen nicht mehr sofort in Tränen ausbrach, sobald sie für kurze Zeit von Kendra getrennt war.

Tara Kendall betrat genau in dem Moment das Büro, als Kendra Feierabend machen wollte. Sie und Madison hatten geplant, sich im Butter Biscuit etwas zu essen zu holen und es sich damit an dem kleinen weißen schmiedeeisernen Tisch am Rand des Rosengartens an der Rodeo Road gemütlich zu machen.

„Holen wir jetzt einen Hund?“, fragte Madison zum x-ten Mal, als Tara ins Büro gerauscht kam. Ihr schulterlanges braunes Haar war perfekt stufig geschnitten und sie war so geschickt geschminkt, dass sie vollkommen ungeschminkt aussah.

„Da habe ich genau das Richtige für euch“, verkündete Tara mit breitem Grinsen. Sie trug ein gelbes Sommerkleid, das ihre zierliche, aber weibliche Figur und ihre braun gebrannten Beine betonte. „Mein Golden Retriever Lucy hat eine Schwester, die noch immer ein Zuhause sucht.“

„Sieh an“, sagte Kendra, die sich in ihrer Kombination aus Jeans und T-Shirt mit einem Mal unbehaglich fühlte. „Ich danke dir für dieses tolle Angebot, Tara.“

Madison hüpfte schon vor Freude auf der Stelle. „Mein Hund! Mein Hund!“, krähte sie begeistert. „Mein eigener Hund!“

Tara lachte leise und strich mit ihrer sorgfältig manikürten Hand über Madisons kupferfarben leuchtende Locken. „Hoppla“, sagte sie. „Bin ich da gerade in ein Fettnäpfchen getreten?“

„Weniger ein Näpfchen als ein riesengroßer Napf“, gab Kendra trocken zurück.

Tara, die noch nicht lange in Parable wohnte, hatte sich schnell mit ihr und Joslyn angefreundet und die beiden so gut ergänzt, dass aus dem Duo ein Trio geworden war.

„Wir sind noch nicht auf einen Hund eingestellt, weil wir nicht wissen, wo wir zukünftig wohnen werden“, machte Kendra ihr klar und sah zu Madison, die vor lauter Vorfreude strahlte.

„Wir haben das Cottage“, erwiderte Madison. „Wir haben einen Garten, und schlafen kann Lucys Schwester bei uns.“

„Das sagst du so“, konterte Kendra liebevoll. Sie konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie sehr sie sich als kleines Mädchen ein Haustier gewünscht hatte. Ihre Großmutter war strikt dagegen gewesen und hatte immer gesagt, sie habe schon genug damit zu tun, ein Kind großzuziehen, da würde sie nicht auch noch hinter einem Hund oder einer Katze sauber machen.

„Du hast es versprochen“, hielt Madison ihr vor. Sie war Jeffrey so ähnlich; sie hatte seine Augen, seine rötlichen Haare, und wie er war sie fest davon überzeugt, dass letztlich alles so ausgehen würde, wie sie es sich wünschte - was auch für Golden-Retriever-Welpen mit Schwestern galt, die auf den Namen Lucy hörten.

„Ich habe gesagt, wir können uns nach einem Haustier umsehen, wenn wir eine neue Wohnung oder ein Haus haben. Wir werden bald umziehen“, stellte Kendra geduldig klar, nachdem sie der äußerst starrsinnigen Tara einen Blick zugeworfen hatte, der so viel bedeutete wie: „Da siehst du, was du angerichtet hast.“

„Die Hündin wird auch bald umziehen“, warf Tara ein. „Martie Wren kann sie nur für eine bestimmte Zeit im Heim behalten, danach muss sie weg nach … na ja, wohin auch immer.“

„Und noch einmal danke, Tara“, knurrte Kendra. Sie wusste, dass ihre Freundin es nur gut meinte, aber Tara war nicht gerade für ihr gutes Urteilsvermögen bekannt. Immerhin hatte sie in New York einen Spitzenjob als Managerin eines Kosmetikunternehmens von Weltruf gekündigt, um sich am Rand von Parable, Montana, eine baufällige Hühnerfarm zu kaufen.

Tränen standen in Madisons Augen. „Will denn keiner Lucys Schwester haben?“

Jetzt endlich begann Tara zu bedauern, was sie so unüberlegt von sich gegeben hatte. „Sie ist eine schöne Hündin“, sagte sie zu dem kleinen Mädchen. „Irgendjemand wird sie ganz bestimmt adoptieren.“

„Wie wäre es denn mit dir?“, fragte Kendra.

„Na ja, eine Weile könnte sie bestimmt bei Lucy und mir leben“, überlegte Tara und schob ihre teure Tasche auf die andere Schulter.

Madison griff nach Kendras Hand und drückte sie. „Können wir uns Emma nicht mal ansehen? Nur ansehen?“

„Emma?“, wiederholte Kendra erschrocken, da sie ahnte, was die Kleine vorhatte.

„So nennen wir Lucys Schwester“, erklärte Madison wie selbstverständlich. Ihr Gesicht strahlte jetzt noch intensiver als vor ein paar Minuten. „Emma.“

Emma. Das war der Vorname von Madisons leiblicher Mutter. Wusste sie das? Aber wie sollte das möglich sein? Sie war erst ein Jahr alt gewesen, als Emma sie weggegeben hatte.

„Wieso ausgerechnet Emma?“, fragte Kendra und hoffte, dass das Kind ihr nicht ihr Erstaunen anmerkte.

Tara hatte ihr bereits angesehen, dass etwas nicht stimmte, aber sie konnte nicht wissen, welche Bedeutung dieser Name besaß.

„Weil das ein schöner Name ist“, antwortete Madison. „Findest du nicht, Mommy?“

„Doch, er ist schön“, stimmte sie ihr zu. „So, jetzt sollten wir aber unser Abendessen abholen und uns auf den Heimweg machen, nicht wahr?“ Sie sah wieder Tara an. „Willst du mitkommen? Wir holen nur was zum Mitnehmen, nichts Besonderes, aber wir teilen gern.“

Tara stutzte, da sie einfach nicht wusste, welche Antwort von ihr erwartet wurde. „Tja, also …“

„Dann können wir auch Lucy treffen“, rief Madison. „Du hast sie doch dabei, oder?“

„Ich … ähm … ja“, sagte sie. „Sie ist im Wagen. Wir kommen gerade vom Tierarzt und …“

„Ihr seid beide willkommen“, unterbrach Kendra sie. Zum einen wollte sie sie dabeihaben, weil Tara eine gute Freundin war, zum anderen genoss sie es, dass Tara nach ihren unüberlegten Äußerungen ein wenig verlegen war und nicht so recht wusste, was sie sagen oder nicht sagen sollte. „Du und Lucy.“

„Na, dann …“, murmelte Tara und lächelte andeutungsweise. „Ja, okay.“

„Dann wollen wir mal“, meinte Kendra und klimperte mit ihrem Schlüsselbund, den sie aus der Handtasche geholt hatte. Sie machte das Licht aus, verließ als Letzte das Ladenlokal und schloss hinter sich ab. Ihren Volvo ließ sie auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude stehen, und gemeinsam überquerten sie die Straße in Richtung Butter Biscuit Café, vor dem Tara ihren leuchtend roten Sportwagen abgestellt hatte. Lucy drückte die Nase gegen das Seitenfenster auf der Fahrerseite, was bewirkte, dass die Scheibe bei jedem Atemzug beschlug.

Kendra schmolz sofort dahin, als sie die Hündin sah. Madison lief ganz aufgeregt zum Wagen, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte beide Hände an die Scheibe.

„Hallo, Lucy!“, rief sie fröhlich, was die Hündin mit ausgelassenem Bellen beantwortete. Gleich darauf leckte sie von innen das Glas an der Stelle ab, an der sich außen Madisons rechte Hand befand.

Tara lachte. „Siehst du das?“, fragte sie und stieß ihre Freundin mit dem Ellbogen an. „Das ist Schicksal.“

„Das wird dir noch leidtun“, raunte Kendra ihr zu.

„Nein, du wirst mir noch dankbar sein“, gab sie zurück, da sie fest davon überzeugt war, das Richtige getan zu haben. „Ich zähle darauf, dass Emma dich rumkriegt“, fügte sie im Flüsterton hinzu.

Sie mussten Madison förmlich vom Wagen wegzerren, damit sie gemeinsam ins Butter Biscuit Café gehen konnten.

Wie immer herrschte im Lokal Hochbetrieb. Kellnerinnen eilten hin und her, unter die Musik aus der Jukebox und das Stimmengewirr mischten sich die Geräusche von Tellern, die aufeinandergestapelt wurden, von den Bestecken, die scheppernd sortiert wurden.

Doch der Lärm und die Betriebsamkeit im Lokal traten zumindest für Kendra schnell in den Hintergrund, als ihr Blick auf Hutch Carmody fiel.

Er saß allein an der Theke und sah in seiner üblichen Kombination aus Jeans, weißem Hemd und schwarzen Stiefeln unverschämt gut aus. Vor ihm stand ein Teller mit einem zur Hälfte aufgegessenen Cheeseburger, ein paar Pommes frites sowie einigen kleinen Gurken.

Das Ganze wäre Kendra nicht so unangenehm gewesen, hätte er sie nicht bemerkt oder hätte er wenigstens so getan, als würde er sie nicht bemerken. So jedoch drehte er sich prompt zu ihr um, als hätte ihm ein Radar gesagt, dass sie hinter ihm stand.

Ein gemächliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel, seine grünlich-blauen Augen funkelten amüsiert.

Madison stürmte zu ihm, als wäre er ein alter Freund von ihr. „Wir kriegen einen Hund!“, rief sie aufgeregt. „Also … vielleicht.“

Mit sanfter Miene lächelte Hutch das Mädchen an. Einen solchen liebevollen Gesichtsausdruck hatte Kendra bei ihm noch nie beobachtet, nicht mal in den intimsten und zärtlichsten Augenblicken, die sie beide geteilt hatten. Dieser Mann konnte mit Kindern offenbar gut umgehen.

„Ist das wahr?“, fragte er interessiert. „Ist der Hund denn lila, so wie dein Känguru?“

Madison kicherte, als sie diese Frage hörte. „Nein, du Dummer“, antwortete sie. „Es gibt doch gar keine lila Hunde!“

„Es gibt aber auch keine lila Kängurus, wenn ich mich richtig erinnere“, hielt er lachend dagegen. „Allerdings hüpfen hier in Montana auch nicht so viele von der Sorte herum.“

„Die leben alle in Australien“, erklärte Madison ganz ernst. „Rupert ist nur lila, weil er ein Spielzeug ist.“

„Aha, das erklärt natürlich alles.“ Hutch hob langsam den Blick, bis er Kendra ansehen konnte. Sofort hatte sie das Gefühl, dass Funken zwischen ihnen übersprangen. „Dann bin ich ja froh, dass wir das Rätsel des lila Kängurus gelöst haben. Das hatte mir jetzt großes Kopfzerbrechen bereitet.“

Und es war nicht das Einzige, was ihm Kopfzerbrechen bereitet hatte, wie Kendra in dem Moment begriff. Sie sah ihm an, dass er überlegte, wie sie ein Kind hatte kriegen können, ohne jemals schwanger gewesen zu sein.

Als ob ihn das etwas anging!

„Hallo, Hutch“, sagte Kendra und fand, dass ihre Stimme merkwürdig steif klang.

Er nickte nur.

„Wie geht es dir?“, fragte Tara ein wenig nervös.

Etwas blitzte in Hutchs Augen auf und machte deutlich, dass er verstanden hatte, worauf ihre Frage eigentlich abzielte. „Ganz gut, Tara“, erwiderte er ruhig und gelassen. „Natürlich abgesehen von dem ganzen Theater rund um die abgesagte Hochzeit.“

Tara bekam einen roten Kopf, Kendra ebenfalls.

„G…gut“, murmelte Tara.

„Wir sollten jetzt besser unsere Bestellung aufgeben“, warf Kendra ein und kam sich sogleich wie ein Idiot vor. Sonst wusste sie immer, wie sie sich ausdrücken musste, aber wenn sie Hutch gegenüberstand, redete sie prompt irgendwelchen Unsinn, sofern sie überhaupt einen zusammenhängenden Satz herausbekam. „B…bevor es hier noch voller wird, meine ich.“

„Außerdem wartet Lucy draußen im roten Auto auf uns“, meldete sich Madison zu Wort.

„Ja, das auch“, bekräftigte Kendra unnötigerweise.

„Lucy?“, fragte Hutch.

„Mein Hund“, erklärte Tara.

„Ja, richtig“, gab er zurück, ohne den Blick von Kendra abzuwenden - einen Blick, der bei ihr alle möglichen unerwünschten Erinnerungen weckte, zum Beispiel an seine Hände, die über ihre nackten Schenkel glitten, oder an seinen Mund, der ihre Brüste berührte. „Schön, dich wiederzusehen“, merkte er beiläufig an.

Wenn er sie so ansah, bekam sie immer das Gefühl, Kleidung aus Cellophan zu tragen - ein Gedanke, bei dem sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Und ihre Brustwarzen wurden hart, was unter dem weiten T-Shirt zum Glück nicht auffiel.

Trotzdem drehte sie sich schnell um und widmete sich der großen Menükarte an der Wand hinter der Theke. Dabei war ihr nur zu deutlich bewusst, dass Hutch sie weiter betrachtete, während die kleine Madison ihn anhimmelte und Tara versuchte, irgendwie die Unterhaltung wieder in Gang zu bringen.

„Die Rodeotage stehen bald bevor“, sagte Tara mit bemühter Fröhlichkeit. Jeweils am Wochenende, das dem Unabhängigkeitstag am nächsten lag, fand in Parable das County Rodeo statt, begleitet von Feuerwerk und einer Kirmes. Aus der gesamten Umgebung kamen die Leute her, um im Park zu grillen, ihre jeweils bevorzugten Cowboys und Cowgirls anzufeuern und auf der Kirmes Riesenrad zu fahren. „Die Putzkolonne sucht noch Freiwillige. Soll ich dich bei ihnen auf die Liste setzen, Hutch?“

Diese Frau vergeudet als Hühnerfarmerin ihr Talent, fand Kendra, während sie versuchte, sich zwischen Maisbrotauflauf und frittiertem Catfish zu entscheiden. Tara wäre besser bedient gewesen, wenn sie versucht hätte, Eis an Pinguine zu verkaufen.

„Ja, klar“, hörte sie Hutch sagen.

Sie entschied sich für den Maisbrotauflauf, der ihr lieber war als Frittiertes in welcher Form auch immer. Aus dem Augenwinkel sah sie zu Tara, während sie ein wenig die Stimme anhob, um ihre Bestellung aufzugeben. „Zum Mitnehmen“, fügte sie vielleicht ein wenig zu energisch an.

Plötzlich fiel ihr auf, dass Hutch wieder leise lachte.

Was war gerade so lustig gewesen?

Tara stellte sich zu ihr und begann in ihrer Handtasche zu kramen.

„Ich spendiere das“, sagte Kendra und beobachtete unauffällig, wie Madison sich von Hutch entfernte und sich zu ihr und Tara an die Kasse gesellte. Das Essen wurde eingepackt und überreicht, Kendra bezahlte und wandte sich zum Gehen. Auf dem Weg zur Tür winkte Madison Hutch noch einmal zu.

„Ich mag den Cowboy-Mann“, verkündete sie mit ihrer glockenhellen Stimme.

Ein paar Gäste im Lokal reagierten amüsiert, und Kendra selbst überspielte mit einem Lächeln ihren Seufzer, als sie sich zu ihrer Tochter umdrehte. „Komm, wir gehen“, sagte sie und nahm Madisons kleine und ein wenig klebrige Hand. Gemeinsam warteten sie an der Ampel, um die Straße zu überqueren.

„Wir treffen uns bei dir“, rief Tara ihr nach. Sie schloss den Wagen auf und lachte, weil sie Mühe hatte, die stürmische Hündin zurückzuhalten und in den Fußraum vor dem Beifahrersitz zu dirigieren, damit sie überhaupt einsteigen konnte.

Kendra nickte, und als die Fußgängerampel auf Grün umsprang, ging sie mit Madison zusammen zu ihrem Volvo.

„Magst du den Cowboy-Mann nicht, Mommy?“, fragte Madison und kniff wegen der grellen Nachmittagssonne die Augen zusammen.

Diese Frage kam so aus heiterem Himmel, dass Kendra beinahe mitten auf der Straße stehen geblieben wäre. „Warum fragst du mich denn so etwas, Madison Rose Shepherd?“, erwiderte sie in einem unbeschwerten Tonfall.

„Wenn er dich anguckt, dann guckst du weg“, erklärte Madison ihr, als sie sich dem Volvo näherten.

Kendra wunderte sich einmal mehr darüber, was Kinder doch für scharfsinnige Beobachter waren und welche Schlüsse sie zogen. Sie rang sich zu einem noch fröhlicheren Lächeln durch und drückte sanft Madisons Hand. „Ist das wahr?“, gab sie zurück, obwohl sie natürlich wusste, dass es stimmte.

Madison nickte. „Er guckt dich nämlich ganz viel an“, ergänzte sie dann.

Zum Glück hatten sie den Wagen erreicht, und die nächsten Minuten war sie damit beschäftigt, Madison in den Kindersitz zu setzen. Die Tüte mit dem Essen stellte sie vor dem Sitz auf dem Boden ab, damit nichts umfallen konnte.

Angesichts der üblichen Aufmerksamkeitsspanne einer Vierjährigen hatte Kendra Grund zur Hoffnung, dass das Thema bereits vergessen war, als sie am Lenkrad Platz nahm, den Gurt anlegte und den Motor anließ, der laut aufheulte, da sie unbeabsichtigt das Gaspedal zu weit durchtrat.

„Weißt du, ob der Cowboy-Mann Hunde mag?“, erkundigte sich Madison von ihrem Platz auf dem Rücksitz.

Kendra nahm Gas weg und fuhr aus der Lücke, dann verließ sie den Parkplatz und sah aufmerksam nach links und rechts, ehe sie auf die Straße einbog, auf der so wie meistens praktisch nichts los war. „Ja, ich glaube schon“, antwortete sie so beiläufig, wie sie nur konnte.

„Das ist gut“,

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