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Der Baron und die widerspenstige Schöne

Sarah Mallory

Der Baron und die widerspenstige Schöne

PROLOG

„Zum Teufel, Darvell, hören Sie endlich auf, mit diesem Vögelchen herumzupoussieren, und achten Sie auf das Spiel!“

Luke Ainslowe, fünfter Baron Darvell, löste sich sanft aus den Armen seiner Mätresse und bat um Pardon. Nach dem überwältigenden Sieg bei Waterloo gab es nur wenige Vergnügungen für die Besatzungsmacht in Paris. Frauen und das Kartenspiel waren zwei der beliebtesten Amüsements. Luke frönte im Augenblick beidem. Beim Anblick der vom Wein geröteten Gesichter der Gentlemen am Tisch musste er lächeln. Sie alle beneideten ihn, das wusste er, saß er doch neben der elegantesten Kurtisane von Paris, die unter dem unwahrscheinlichen Namen Angélique Pompadour bekannt war. Eng schmiegte sie sich an ihn und legte ihren Kopf an seine Schulter, während er den Blick über seine Karten schweifen ließ.

Der Offizier ihm gegenüber, der ihn getadelt hatte, legte seine Karte ab und blickte Luke fragend an. Seine silbernen Epauletten glitzerten im Kerzenschein. „Wie ich höre, ist von Laages Gemahlin erneut in anderen Umständen. Sie behauptet, sie trage Ihr Kind unter dem Herzen, Darvell.“

Luke zuckte mit den Schultern. „Lady Sophia hat eine blühende Fantasie, Denby. Mindestens ein halbes Dutzend anderer Männer kommt dafür eher in Frage als ich.“

„Warum nennt die Dame dann Ihren Namen?“

Ein rotgesichtiger Gentleman in grauem Gehrock lachte auf. „Na, das liegt doch auf der Hand. Darvell ist der Einzige, den von Laage nicht zum Duell zu fordern wagt! Er ist sowohl mit dem Degen als auch mit Pistolen ein absolut tödlicher Gegner. Man hat Sie noch nie im Zweikampf besiegt, nicht wahr, Darvell?“

„Bisher noch nicht, Clayman.“

„Sie waren also nie einer von Lady Sophias Liebhabern?“, rief Major Denby ungläubig.

Luke schüttelte den Kopf. „Wir hatten einige nette Scharmützel, doch die Festung habe ich nie erobert, da ich schon bald entdeckte, dass die Dame ihre Gunst viel zu freizügig verschenkt.“

„Ein Mann muss über ein stattliches Vermögen verfügen, damit er sich eine elitäre Mätresse exklusiv halten kann, und auf Sie trifft das wohl eher nicht zu, oder, Darvell?“, spöttelte Sir Neville Clayman.

„Nicht im Geringsten. Mein Vater hat das Familienvermögen verspielt.“

Nach einer kurzen Pause, in der Sir Neville seine Karten betrachtete, meinte er: „Aber immerhin besitzen Sie einen Titel, und das ist sicherlich von Vorteil. Le Bruns Witwe hofft gar, bald Lady Darvell zu werden.“

Angélique hob den Kopf. „Mon cher, c’est vrai?“, fragte sie und zog eine Schnute.

Sir Neville nickte. „Die Dame hat es mir vorgestern selbst anvertraut.“

„Aber Sie haben dergleichen nicht von mir gehört“, entgegnete Luke. Er ergriff Angéliques Hand und küsste sie auf die Innenfläche, bevor er sie wieder losließ. „Die Frau ist ein Emporkömmling. Le Brun war geblendet von Ihrer Schönheit. Indes hat sie außer einem hübschen Gesicht nichts vorzuweisen, weder Kultiviertheit noch Manieren.“

„Wenn Sie auf Kultiviertheit Wert legen, die kleine Tregennick stammt aus einer sehr guten Familie“, sagte Major Denby. „Dennoch haben Sie sie gestern Abend geschnitten. Sie war außer sich vor Wut.“

Luke strich ein unsichtbares Staubkorn von seinem Ärmel. „Ihre Mutter hat mir auf Lady Gressinghams Ball ihre Gesellschaft förmlich aufgezwungen. Ich habe ihr der Höflichkeit halber einige Komplimente gemacht.“

„Sie haben sich am nächsten Tag nicht einmal mehr an ihren Namen erinnert.“ Major Denby schüttelte missbilligend den Kopf. „Liebe Güte, Sie sind ein wahrer Teufel! Kein Rock ist sicher vor Ihnen.“

„Unfug! Tugendhafte Jungfern langweilen mich zu Tode und haben daher nichts von mir zu befürchten. Und Sie werden mich auch niemals um unschuldige Backfische herumscharwenzeln sehen. Doch ein Mann braucht ab und an Zerstreuung, und ich finde diese eben bei schönen Damen.“ Luke blickte auf die Karten, die Sir Neville auf den Tisch legte. „Zwei Könige! Verflucht, Clayman, das Glück ist Ihnen heute Abend hold. Ich bin draußen.“

Angélique lächelte ihn einladend aus braunen Augen an. „Nun, Mylord, du hast gesagt, wenn du beim Kartenspiel verlierst, wirst du mir zu Füßen huldigen.“

Mit einem mutwilligen Funkeln in den Augen griff Luke nach ihrem schlanken Fuß und hob ihn auf seinen Schoß. Ein erwartungsvolles Raunen ging durch den Raum, während Angélique sich lachend im Stuhl zurücklehnte.

„Also, was wird der sündhafte Baron Darvell tun?“

„Ich halte mein Wort.“ Er ließ seine Hand über ihren Seidenstrumpf nach oben gleiten. Kurz hielt er inne, dann fuhr er zärtlich mit seinen schlanken Fingern über ihr Bein wieder nach unten, bis zu ihrem Knöchel. Während er die Bänder ihres rosa Seidenslippers löste, orderte er beim Kellner eine weitere Flasche Champagner.

„Was haben Sie vor, Darvell?“, rief Major Denby amüsiert. „Wollen Sie die Dame etwa vor aller Augen entkleiden.“

„Mitnichten! Geduld, dann werden Sie schon sehen.“ Luke streifte Angélique den Schuh vom Fuß und hielt ihn hoch. Als der Ober den Champagner brachte, nahm Luke die Flasche. „Ich möchte auf dein Wohl trinken, mein Engel.“ Er schüttete ein wenig Schaumwein in den Schuh und hob ihn rasch an seine Lippen.

„Darvell, Sie Narr, der Schuh wird völlig durchweicht!“, rief Sir Neville lachend.

Doch Luke hörte ihm gar nicht zu, er trank einen Schluck Champagner, der Rest tropfte durch den Satinstoff, lief über seine Hand und nässte die weißen Rüschen an seinem Handgelenk.

„Siehst du, mein Engel, ich habe den Schuh dir zu Ehren ganz geleert.“

Angélique klatschte in die Hände. „Bravo, Mylord. Ich bin entzückt. Doch wir sollten nun lieber Gläser verwenden. Vielleicht ziehst du es auch vor, den Champagner mit mir in meinen Privatgemächern zu nehmen?“

„Ich bedaure, mein Engel, das ist leider nicht möglich, denn ich muss dich verlassen. Ich reise morgen früh nach England.“

„England!“, rief Major Denby. „Erzählen Sie mir nicht, es zieht Sie nach Hause.“

„Das tut es in der Tat. Es liegt mir nicht, in Friedenszeiten Armeedienst zu verrichten. Ich habe einen Winter in Paris verbracht, das ist genug.“

„Sie wollen sich also auf Darvell Manor zurückziehen und ein veritabler Gutsherr werden?“

„Wo denken Sie hin! Ich habe vor, mich noch einige weitere Jahre zu amüsieren. Allerdings in England. Außerdem habe ich einen Auftrag meines Bruders auszuführen. Wie Sie wissen, befindet er sich mit seiner Braut auf Hochzeitsreise durch Europa und weilte vergangenen Monat in Paris. Er bat mich, auf seinem neuen Anwesen in Malberry nach dem Rechten zu sehen und dafür zu sorgen, dass bis zu seiner Rückkehr im Sommer die Arbeiten abgeschlossen sind.“

„Ah, der glückliche James“, kommentierte Sir Neville. „Er hat sich mit einer wohlhabenden Tochter aus gutem Hause vermählt.“

„Er kann sich in der Tat glücklich schätzen“, stimmte Luke zu. „Seine Gattin ist nicht nur reich, sondern auch hübsch und von angenehmem Wesen.“

„In der Ehe könnten auch Sie Ihr Glück finden“, meinte Major Denby.

„Ich denke nicht, mein Freund. Die Frau, für die ich meine Freiheit aufgebe, müsste in jeder Hinsicht wahrhaft außergewöhnlich sein.“

Angélique strich ihm sanft mit dem Finger über die Wange. „Mylord, es ist keineswegs notwendig, dass du bei einer Heirat alles aufgibst.“

Einen kurzen Augenblick wurde Lukes Miene ernst. „Oh, doch, das ist es, denn nur eine tiefe, dauerhafte Liebe könnte mich in den Stand der Ehe locken.“

„Und was würde die Dame wohl locken? Seine Talente im Schlafgemach vielleicht?“, warf ein anderer Offizier in scharlachroter Uniform ein.

„Das und sein Titel“, erwiderte Major Denby.

Luke stimmte in das allgemeine Gelächter ein. „Ja, damit würde sie sich wohl zufriedengeben müssen, Gentlemen, denn ich besitze kein nennenswertes Vermögen.“

Angélique hob ihr Glas. „Wirst du nach Paris zurückkehren, mon cher?“

„Möglicherweise.“ Er reichte ihr den feuchten Satinschuh. „Es ist schon weit nach Mitternacht, ich muss mich nun verabschieden.“

1. KAPITEL

Im Frühstückszimmer von Broxted House lag Streit in der Luft. Carlotta fixierte ihren Onkel mit einem Anflug von Trotz in den dunkelbraunen Augen. Lord Broxted erwiderte verärgert ihren Blick.

„Begreif doch, Carlotta, du bist keine gewöhnliche Debütantin. Deine Mutter ist zwar die Tochter eines Earls, allerdings ist sie vor zwanzig Jahren mit einem mittellosen italienischen Künstler durchgebrannt. Und als wäre das nicht genug, verdienen sie sich beide mit der Malerei ihren Lebensunterhalt.“ Leichte Abscheu spiegelte sich flüchtig in seinen aristokratischen Zügen.

Carlotta ballte die Hände. „Ich schäme mich meiner Eltern nicht, Onkel.“

Beschwichtigend ergriff Lady Broxted, die neben Carlotta auf dem eleganten kleinen Sofa saß, die Hand ihrer Nichte. „Nein, natürlich nicht, Liebes. Und es sagt ja auch keiner, dass du sie verleugnen sollst, bloß …“

„Ja, Tante?“

Carlottas Blick meidend, wedelte Lady Broxted nervös mit ihrem Fächer. „Heute Abend sind wir bei Lady Prestbury zu Gast. Es ist dein allererster Ball in der feinen Gesellschaft. Nicht umsonst haben wir dich in Miss Curriers nobles Institut für höhere Töchter geschickt, nachdem wir dich im vergangenen Juni aus Malberry zu uns genommen haben. Wenngleich ich auch den Besuch der Akademie nicht für unbedingt nötig hielt, denn die Gouvernante, die deine Mutter in Rom für dich engagierte, hat dich die wünschenswerte Kultiviertheit gelehrt. Was dir fehlte, war lediglich ein wenig Schliff, aber dein Onkel hat auf dem Besuch der Akademie bestanden …“

„Ja, das habe ich, Madam, aber ich fürchte, wir schweifen ab“, warf der Earl mit einem ärgerlichen Blick auf seine Gattin ein.

„Natürlich, mein Lieber. Also, was ich sagen wollte, Carlotta, da wir jetzt in London weilen und …“ Lady Broxted blickte verlegen drein. „Nun, wie du weißt, haben wir gleich zu Beginn entschieden, dass du unseren Familiennamen Rivington verwendest, da dies für uns alle so viel einfacher ist und überhaupt auch Usus, wenn man von Verwandten aufgenommen wird. Wenn wir also deine Chancen nicht schmälern wollen, sollten wir deine Eltern möglichst nicht erwähnen. Broxted meint, es sei das Beste, wenn wir auf Nachfragen lediglich antworten, dass sie zurückgezogen auf dem Land leben.“

„Ach, und was genau würde meinen Ruf ruinieren – die Tatsache, dass meine Mutter mit meinem Vater durchgebrannt ist oder doch eher die Peinlichkeit, dass sich mein Vater mit seiner Kunst den Lebensunterhalt verdienen muss?“, gab Carlotta erbost zurück.

„Nun, du wirst zugeben, dass beides ein gefundenes Fressen für die Klatschbasen sein wird“, antwortete ihre Tante unverblümt. „Und jegliches Gerede könnte deine Aussichten auf eine gute Partie vollständig ruinieren. Du sollst natürlich nicht lügen“, fügte sie hastig hinzu. „Das verlangen wir keineswegs. Lediglich sollst du ungefragt möglichst keine Informationen über deine Eltern preisgeben.“

„Sollte ein Gentleman ernstes Interesse an dir zeigen, ist es natürlich erforderlich, ihn über dein Elternhaus aufzuklären“, bemerkte Lord Broxted. „Wenn er dir aufrichtig zugetan ist, wird es dann auch gewiss keinen Unterschied mehr für ihn machen.“

Carlotta biss sich auf die Zunge, damit sie nicht damit herausplatzte, wie gleichgültig ihr die Meinung der anderen war. Sie wollte nicht undankbar wirken, wo sich doch ihre Tante und ihr Onkel im vergangenen Jahr ihr gegenüber so freundlich erwiesen hatten. Tief im Inneren wünschte sie, zu ihren Eltern zurückkehren zu können, doch die beiden waren überglücklich darüber gewesen, dass sich ihr die Chance bot, ein Mitglied der feinen Gesellschaft zu werden und eine gute Partie zu machen. Sie wollte sie nicht enttäuschen.

Seit Mai lebte Carlotta mit Lord und Lady Broxted in deren Stadthaus in London. Zahlreiche Einkäufe und Besuche bei der Schneiderin hatten ihre Tage gefüllt, und nun stand ihr erster Ball kurz bevor. Sie wünschte, sie könnte sich mehr dafür begeistern, aber es gelang ihr nur mühsam, die tiefe Traurigkeit, die von ihr Besitz ergriffen hatte, zu überwinden. Obwohl fast ein Jahr seit ihrer letzten Begegnung verstrichen war, träumte sie immer noch jede Nacht von einem großen, attraktiven Mann mit funkelnden Augen. Nur ihr eiserner Wille vermochte, dass sie ihren Kummer vor Tante und Onkel hinter einem aufgesetzten Lächeln verbergen konnte.

Lady Broxted tätschelte die Hand ihrer Nichte. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue, dich in die Gesellschaft einzuführen, Liebes. Broxted und ich waren untröstlich, dass uns das Glück eigener Kinder nicht vergönnt war, und so ist es eine doppelte Freude für uns, dich bei uns zu wissen.“ Tränen der Rührung standen in ihren Augen, und sie suchte nach ihrem Taschentuch.

Lord Broxted zückte das seine und reichte es ihr. „Wir sind in der Tat froh, dich aufgenommen zu haben, Carlotta. Es ist das Mindeste, was ich für deine arme Mutter tun kann. Als unser Vater sie nach ihrer Heirat enterbte, war ich zutiefst erschüttert, aber mir waren die Hände gebunden. Leider haben wir im Laufe der Jahre den Kontakt verloren, doch nun liegt es, wie ich denke, in meiner Macht, dir zu dem Platz in der Gesellschaft zu verhelfen, der dir zusteht.“

Ob solcher Freundlichkeit versiegte Carlottas Wut so schnell, wie sie gekommen war. Unwillkürlich umarmte sie ihre Tante.

„Bitte, Tante, weine doch nicht. Wenn es euer Wunsch ist, werde ich selbstverständlich niemandem von meinen Eltern erzählen. Lass uns nach oben gehen. Du musst mir raten, welche meiner neuen Roben ich heute Abend tragen soll.“

In dem Bemühen, die Gedanken ihrer Tante auf erfreulichere Dinge zu lenken, nahm Carlotta sie am Arm und geleitete sie in ihr Schlafgemach. Die Zofe brachte schnell die Ballkleider herbei. Lady Broxted verwarf sofort das rosa Kleid mit dem apfelgrünen Blättermuster. Sie behauptete, fast jede andere junge Dame würde gewiss Rosa tragen. Kurz schwebte ihre Hand über dem zitronengelben Satinkleid, bevor sie sich schließlich für das weiße Musselinkleid entschied.

„Dieses Kleid ist perfekt für deinen ersten Ball“, meinte sie. „Es wird deinen dunklen Teint vorteilhaft betonen. Ich lasse dir von meiner Zofe das Haar frisieren. Wenn sie es gebürstet hat, wird es schimmern wie poliertes Ebenholz, und wir werden dir kleine weiße Rosenknospen in die Locken einflechten. Das wird zwar teuer werden, weil es noch sehr früh für Rosen ist, aber das Geld ist es wert. Und ein Anstecksträußchen lasse ich dir auch machen. Was sagst du dazu?“

Carlotta konnte nicht verleugnen, dass sie bei dem Bild, das ihre Tante vor ihren Augen entstehen ließ, ein leichtes Kribbeln der Aufregung verspürte. In ihrer Kindheit in Rom hatte sie nicht einmal davon zu träumen gewagt, einmal in einem der größten Häuser am Berkeley Square zu wohnen und sich auf einen eleganten Ball vorzubereiten. Sie schenkte ihrer Tante ein Lächeln. „Ich werde wie eine Märchenprinzessin aussehen.“

Lady Broxted gab der Zofe die Robe, dann umarmte sie Carlotta herzlich. „Das wirst du, Liebes“, meinte sie mit belegter Stimme. „Du wirst uns alle sehr stolz machen.“

Luke blickte auf den imposanten Eingang von Prestbury House. Fackeln brannten zu beiden Seiten des massiven Portals, und Lakaien in Livree halfen den Herrschaften aus den Kutschen, um sie hernach die Stufen hinauf zur prachtvollen Eingangshalle zu geleiten, die von hohen Marmorsäulen geziert wurde.

Ein letztes Mal zupfte er seine Manschetten zurecht, bevor er sich der langen Reihe von Gästen anschloss. Als er das Haus betrat, drang von den Empfangsräumen im ersten Stock das Gewirr vieler Stimmen und der Klang mehrerer Violinen zu ihm. Er stieg die Prunktreppe hinauf, an deren oberem Treppenabsatz Lady Prestbury bereitstand, um die eintreffenden Gäste zu begrüßen. Lächelnd hieß sie ihn willkommen.

„Cousin, welche Ehre, dass du meine kleine Gesellschaft besuchst.“

Luke beugte sich über ihre Hand. „Ich habe es dir doch versprochen.“

„Nun, aber wie oft haben dich dann im letzten Augenblick andere, weit aufregendere Vergnügungen vom Kommen abgehalten?“ Sie lachte.

Er stimmte in ihr Lachen in. „Vielleicht habe ich mich ja zum Besseren gewandelt, Letty. Das ist nicht gänzlich unmöglich.“

Sie zwinkerte ihm zu. „Wohl wahr, Luke, aber doch höchst unwahrscheinlich. Ich weiß ohnehin, was dich hierher geführt hat.“

„Ach tatsächlich?“

„Ja. Nämlich allein die Neugier. Du willst dir die frisch in London eingetroffene Debütantin ansehen.“

Rasch schaute er zu Boden, damit sie nicht in seinen Augen las, wie recht sie mit dieser Vermutung hatte. „Ach ja?“, sagte er leichthin, sich eine unsichtbare Fluse vom Frack streifend. „Und wer soll das sein?“

„Das weißt du sehr gut, Cousin“, erwiderte Lady Prestbury und gab ihm mit dem geschlossenen Fächer einen neckischen Klaps auf den Arm. „Broxteds Nichte, natürlich. Miss Rivington. Wir alle waren erpicht darauf, sie kennenzulernen, als wir hörten, er habe vor, sie in die Gesellschaft einzuführen. Zehntausend Pfund hat er dem Küken als Mitgift ausgesetzt. Und als ob das nicht längst genug wäre, die Aufmerksamkeit eines jeden jungen Mannes in der Stadt zu erregen, ist das Mädchen obendrein eine wahre Schönheit. Aber sei gewarnt, Luke, lass die Finger von ihr. Lady Broxted hat mir selbst erzählt, dass ihr Gatte große Pläne für seine Nichte hegt. Er wird nach einem Gemahl von höherem Stand Ausschau halten und sich nicht mit einem einfachen Baron zufriedengeben.“

„Das steht ihm natürlich frei. Indes ist dies kein Grund für mich, darauf zu verzichten, ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Na schön, wie du meinst, geh nur in den Saal.“ Lady Prestbury machte eine scheuchende Bewegung mit den Händen. „Aber du vergeudest deine Zeit, Cousin.“

Nach einer galanten Verbeugung betrat Luke den Ballsaal. Es war also bereits entschieden, dass die schöne Miss Rivington zu gut für ihn war. Nun, möglicherweise dachte sie ja anders darüber. Er ließ seinen Blick durch den Saal schweifen. An der Wand standen einige junge Männer, die mit unverhohlener Bewunderung auf die Tanzfläche starrten. Luke folgte ihrem Blick und sah, dass ihre Augen auf ein zierliches, elegant gekleidetes Geschöpf gerichtet waren.

Das musste Miss Rivington sein.

Sein Herz setzte einen Schlag lang aus. Sie war bezaubernd. Rosen zierten wie Sterne am Nachthimmel ihr dunkles Haar, das in anmutigen Locken ihr Gesicht umschmeichelte. Das weiße Musselinkleid umfloss sie beim Tanzen und betonte ihre schlanke Figur äußerst vorteilhaft. Sie lachte, strahlte vor Vergnügen. Nun wusste er, dass seine Entscheidung, Malberry im vergangenen September zu verlassen, richtig gewesen war, obgleich er sich nur schwer dazu hatte überwinden können. Indes gehörte sie hierher, in die feine Gesellschaft, wo jeder ihre Schönheit bewundern konnte. Sie sah so glücklich aus. Als die Musik verklang, blieb sie stehen, um lachend mit einem anderen jungen Paar zu plaudern, und er unterdrückte einen Seufzer. Seine Vermutung, sie würde ihn bald vergessen haben, hatte sich also bestätigt. Sie bewegte sich so natürlich in dieser Umgebung, als hätte sie nie ein anderes Leben gekannt. Er freute sich aufrichtig für sie und wollte ihr ganz bestimmt keinen Grund zur Annahme geben, dass er ihr dies alles missgönnte.

Carlottas Selbstvertrauen wuchs mit jedem Tanz. Ihre Musselinrobe war federleicht, die Komplimente ihrer Tanzpartner berauschten sie. Der Abend bereitete ihr großes Vergnügen, weshalb sie, als ihre Tante in Begleitung eines schlaksigen jungen Mannes zu ihr kam, den sie als Viscount Fairbridge vorstellte, auch freundlich lächelte. Zwar schien ihr seine Miene eher ausdruckslos und nichtssagend, aber sie ermunterte ihn, von sich zu erzählen, und schon bald waren sie in ein anregendes Gespräch vertieft. In der Tat ist es unmöglich, bei einem solch fröhlichen Anlass trübsinnigen Gedanken nachzuhängen, dachte sie, als Viscount Fairbridge sie von der Tanzfläche führte.

In der Tanzpause plauderte sie fröhlich mit einigen anderen jungen Gästen, bis sie die Stimme ihrer Tante hinter sich vernahm. „Ah, da bist du ja, Liebes. Ich möchte dir gerne Lord Darvell vorstellen.“

Unvermittelt stand für Carlotta die Welt still. Gelächter und Gespräche der anderen Gäste nahm sie nicht mehr wahr. Sie hatte gewusst, dass sie ihm eines Tages unweigerlich wieder begegnen würde, hatte die Situation in Gedanken Tausende Male heraufbeschworen und geprobt, was sie sagen sollte. Dennoch war sie nicht auf den Übelkeit erregenden Stich vorbereitet gewesen, den sie verspürte, als sie nun seinen Namen hörte. Allerdings hatte sie ihn als Major Ainslowe kennengelernt. Erst als sie im Haushalt ihrer Tante lebte, hatte sie von seinem Titel erfahren. All ihre Kraft sammelnd, wappnete sie sich für den folgenden Augenblick und drehte sich um. Langsam hob sie den Blick von seiner weißen Satinweste und dem blendend weißen Krawattentuch zu seinem Gesicht, und die leise Hoffnung, dass es doch ein anderer sein könnte, erstarb. Der Gentleman, der vor ihr stand, war ihr schmerzlich vertraut. Ein flüchtiger Blick auf sein schmales attraktives Gesicht genügte, um ihn wiederzuerkennen, denn sein Bild war ihr unauslöschlich in die Seele eingebrannt. Als er sich über ihre Hand beugte, schaute sie auf sein gewelltes braunes Haar. Sie wusste noch genau, wie seidig sich seine Locken anfühlten, und bemühte sich, nicht an seine Küsse zu denken. Küsse, bei dem seine Lippen nicht ihren Handschuh berührten, sondern ihren Mund – zärtlich, leidenschaftlich. Rasch verbannte sie die Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis; sie hatten keinen Platz mehr in ihrem Leben. Er hatte keinen Platz mehr in ihrem Leben.

Forschend blickte sie ihn an. Hatte er sie vielleicht vergessen? Nein, sein Blick sagte ihr, dass auch er sie wiedererkannt hatte. Nicht das geringste Zeichen von Unbehagen stand in seinen haselnussbraunen Augen. Strahlend lächelte er sie an. Er war sich sicher, dass sie sich freute, ihn wiederzusehen. Wie konnte er nur so selbstherrlich sein? Wusste er denn nicht, was er ihr angetan hatte? Natürlich wusste er es, aber wahrscheinlich kümmerte es ihn nicht. Inzwischen kannte sie ja den Ruf, in dem er stand. Den Gerüchten zufolge hatte er den Damen in Frankreich reihenweise die Herzen gebrochen. Wogen der Verbitterung, der Wut und des Kummers überfluteten sie, doch sie hatte gelernt, ihre Gefühle zu verbergen. Seinen Gruß erwiderte sie mit einem aufgesetzt höflichen, ausdruckslosen Lächeln. Ihre Tante ahnte nicht, dass sie Lord Darvell seit Längerem kannte, und sie sollte es auch nicht erfahren. Ihm ihre Hand entziehend, grüßte Carlotta kühl: „Mylord.“

„Miss Rivington.“

Seine Selbstsicherheit ließ Zorn in ihr aufbrodeln. Er machte sich lustig über sie!

„Ihre Tante sagte mir, Sie seien für den nächsten Tanz noch frei. Würden Sie mir die Ehre geben?“

Luke ließ den Blick prüfend über Carlottas aufrechte, grazile Gestalt wandern. Himmel, sie war noch schöner als in seiner Erinnerung. Nur ein einziger flüchtiger Blick in ihre großen dunklen Augen ließ sein Herz erneut schneller schlagen. Ihre weichen roten Lippen hatten ihm einst süße Küsse geschenkt. Bei der Erinnerung geriet sein Blut in Wallung, doch Carlotta senkte den Blick, sodass ihre schwarzen Wimpern ihre Gedanken vor ihm verbargen. Mit leicht geneigtem Kopf nahm sie seine Einladung an, und er entfernte sich nach einer höflichen Verbeugung, um das Ende der Tanzpause abzuwarten. Natürlich muss Carlotta vorgeben, mich nicht zu erkennen, dachte er. Niemand durfte erfahren, dass sie sich zuvor bereits begegnet waren.

Während er darauf wartete, dass die Musiker erneut zu ihren Instrumenten griffen, erlaubte sich Luke in der angenehmen Erinnerung seines ersten Besuchs in Malberry zu schwelgen. Er hatte nicht vorgehabt, seine Reise nach Darvell Manor für mehr als ein paar Tage zu unterbrechen, und ganz gewiss hatte er nicht erwartet, dass bei seiner Ankunft ein anmutiger Engel von einem hohen Gerüst auf ihn herabblicken würde.

Damals war er die wenigen Stufen zum Haupteingang von Malberry Court hinaufgeeilt, als eine sanfte, melodische Stimme ihn abrupt innehalten ließ. Lebhaft stand die Szene ihm noch vor Augen.

„Entschuldigung, Sie dürfen das Haus nicht betreten.“ „Oh? Und warum nicht?“, erwiderte Luke und blickte nach oben, in die Richtung, aus der die Stimme kam.

„Weil dies ein Privatgrundstück ist. Das Haus gehört einem Gentleman.“

Luke breitete die Hände aus. „Bin ich etwa kein Gentleman?“, fragte er. Eine schnelle Bewegung auf dem Gerüst erregte seine Aufmerksamkeit, und er sah ein schlankes, knabenhaft wirkendes Geschöpf auf ihn herunterblicken.

„Sind Sie der Eigentümer?“

„Nein“, antwortete Luke. „Aber ich komme in seinem Namen.“

„Oh, Mr. Kemble ist nicht hier.“

„Das sehe ich. Wo ist er denn?“

„Er ist mit den Arbeitern in den Gasthof zum Lunch gegangen. Zur Mittagsstunde haben sie immer Hunger.“

„Und du nicht?“

„Nein, ich muss das Fresko beenden, solange der Putz noch feucht ist.“

Luke legte schützend die Hand an die Stirn, um einen besseren Blick auf die schattenhafte Gestalt über ihm zu erhaschen. „Bist du dafür nicht noch ein wenig zu jung?“

„Ich bin achtzehn.“ Die Stimme wurde einen Ton dunkler.

„Komm herunter, damit ich dich anschauen kann“, sagte Luke neugierig.

„Nein, Sir, ich kann die Arbeit jetzt nicht unterbrechen.“

„Dann komme ich eben zu dir hinauf.“ Luke stellte seinen Fuß auf die Leiter und hörte einen unterdrückten Aufschrei. „Nun? Wirst du also herunterkommen?“

„Na schön, aber nur für einen Augenblick.“

Er trat einen Schritt zurück und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als er sah, dass kein Junge, sondern ein Mädchen die am Gerüst lehnende Leiter herunterkletterte. Ihr Oberkörper war von einem weiten Hemd verhüllt, doch als er die eng anliegenden Kniehosen sah, blieb nichts mehr seiner zugegebenermaßen blühenden Fantasie überlassen. Es war eindeutig zu sehen, dass dies kein Junge war!

Wenige Augenblicke später stand sie vor ihm. Ihre großen dunkelbraunen Augen musterten ihn mit einem Blick, der herausfordernd und besorgt zugleich war. Sie war sehr zierlich, besaß üppiges, glänzendes, fast pechschwarzes Haar, das ein mohnrotes Band im Nacken ihres langen schlanken Halses zusammenhielt. Ihr von Farbklecksen übersätes Hemd konnte trotz seiner Weite die sanften Hügel ihres Busens nicht verbergen. Die eng anliegenden Kniehosen trug sie mit einer Nonchalance, die jeder Schauspielerin in der Drury Lane zur Ehre gereicht hätte. Er verkniff sich ein genüssliches Lächeln.

„Weiß mein Bruder, dass er eine Dame beauftragt hat, sein Haus zu verschönern?“

„Sind Sie Mr. Ainslowes Bruder?“

„Der bin ich. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“

„Ich bin Carlotta Durini.“ Sie krauste die Stirn. „Vielleicht sollte ich Ihnen meine Anwesenheit erklären.“

„Ich bitte darum.“

„Mein Vater wurde beauftragt, Malberry Court mit Wandgemälden auszustatten, doch er hat sich ein Bein gebrochen. Daher beende ich die letzten Fresken für ihn, damit das Haus rechtzeitig zur Ankunft Ihres Bruders fertig wird. Bitte, Sir, wir wollten Ihren Bruder keineswegs hintergehen, aber niemand sonst hätte die Arbeit ausführen können, und wenn die Fresken nicht rechtzeitig fertig sind, erhält Papa nicht den vollen Lohn, und dann kann Mama keine Magd als Hilfe einstellen. Ich habe ja auch nur diese eine Decke gemalt …“

Lachend griff er nach ihren Händen. „Ruhig Blut, Miss Durini. Es besteht kein Grund zur Aufregung.“

Ihre Hände waren sehr klein und fühlten sich weich in den seinen an. Immer noch blickten ihre funkelnden dunklen Augen ihn wachsam an, doch er entdeckte den Anflug eines schüchternen Lächelns um ihre rosigen Lippen. Unwillkürlich hatte er sich gefragt, wie es wohl sein würde, diese sanft geschwungenen weichen Lippen zu küssen. Sein Lächeln wurde herzlicher; einige wenige wohlgewählte Worte, die sie verführen sollten, lagen ihm auf den Lippen. Indes wurden sie nie ausgesprochen, denn im selben Augenblick schallten Stimmen zu ihnen herüber. Er blickte hinaus in den Hof und sah eine Gruppe von Männern, die sich nun dem Haus näherte. In Luke machte sich Enttäuschung breit.

„Die Arbeiter kommen zurück. Ich werde mit Kemble reden.“

Verängstigt blickte sie ihn an. „Sie werden mich doch nicht kündigen lassen?“

„Das steht nicht in meiner Macht. Wenn Ihre Arbeit allerdings nicht den Ansprüchen genügt …“

Zu seiner Überraschung verschwand die Sorge in ihrem Blick sofort.

„Oh, sie wird den Ansprüchen genügen, Sir. Ich hatte einen guten Lehrer.“ Sie entzog ihm ihre Hände und trat zurück. „Wenn Sie mich nun bitte entschuldigen würden, ich muss weiterarbeiten. Wenn der Putz zu trocken wird, ist das Fresko ruiniert.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, kletterte sie die Leiter hinauf und war bald darauf seinen Blicken vollständig entschwunden. Seufzend drehte sich Luke um. Kemble eilte bereits auf ihn zu.

Selbstverständlich wollte James Ainslowes Verwalter dem Bruder seines Arbeitgebers zeigen, welche Fortschritte die Renovierungen nahmen. Er führte ihn durchs ganze Haus und versicherte ihm, dass die Arbeit termingerecht voranging. Irgendwann konnte sich Luke nicht länger zurückhalten. „Sagen Sie, Kemble, ist es jetzt neue Mode, Malerinnen zu beauftragen?“

Der Verwalter schaute ziemlich verlegen drein. „Sicher sprechen Sie von Signor Durinis Tochter, Mylord.“

Luke schwieg abwartend, und kurz darauf fuhr Kemble fort: „Signor Durini hat sich unglücklicherweise das Bein gebrochen. Bald danach ist sein Lehrling nach Italien ausgebüxt. Da der Herr bereits in drei Wochen zurückerwartet wird, blieb Signor Durini nichts anderes übrig, als seine Tochter seine Gemälde beenden zu lassen, damit die Fresken rechtzeitig fertiggestellt werden. Ich glaube, sie ist mehr oder weniger im Atelier ihres Vaters aufgewachsen. Er hat sie all seine Techniken gelehrt. Ich gebe zu, ich bin nicht glücklich darüber, das Mädchen hier arbeiten zu lassen, aber Mr. Durini versicherte mir, sie könne malen.“

„Aber ist sie nicht eine zu große … Ablenkung?“

Mr. Kemble hatte geschmunzelt. „Ich gebe zu, dass ich einigen Arbeitern eins hinter die Löffel geben musste, weil sie das Mädchen anstarrten.“

Im überhitzten Ballsaal von Lady Prestbury dachte Luke nun, dass selbst Kemble sie anstarren würde, könnte er Signor Durinis Tochter jetzt sehen. Sie stellte jede andere junge Frau im Saal eindeutig in den Schatten.

Carlotta sah Luke nach, bis er in der Menge verschwunden war, bevor sie sich auf eine der gepolsterten Bänke sinken ließ, die an den Wänden standen. Am ganzen Körper bebend, rieb sie sich über die Schläfen, um die Erinnerungen zu vertreiben. Doch es half nicht. In Gedanken war sie erneut in Malberry. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie sie vom Gerüst kletterte, nachdem sie das Fresko beendet hatte. Selbst jetzt noch überkam sie ein wohliges Gefühl der Zufriedenheit über die gute Arbeit, die sie geleistet hatte, und sie glaubte förmlich zu spüren, wie die Sonne ihren Rücken wärmte …

„Da sind Sie ja endlich“, hatte er gesagt.

Sie war bei seinen Worten erschrocken zusammengezuckt. Mit einer Hand immer noch das Gerüst umklammernd, hatte sie sich umgedreht und Luke auf den Steinstufen sitzen sehen, den Rücken an eine Säule gelehnt. Sein sinnliches Lächeln verursachte ihr ein ungekanntes Prickeln, das sie bis in die Fußspitzen spürte.

„Mr. Ainslowe!“

„Ja, der bin ich.“ Lachend sprang er auf die Füße. „Nach meinem Parkspaziergang stellte ich fest, dass Sie noch hier sind. Arbeiten Sie immer so lange?“

„Manchmal sogar noch etwas länger.“ Carlotta musterte ihn wachsam. Die Arbeiter waren alle längst nach Hause gegangen. Selbst Mr. Kemble würde sich zu dieser späten Stunde in seinem Cottage hinter den Stallungen aufhalten. Luke lächelte. Dabei stand ein Funkeln in seinen haselnussbraunen Augen, das es ihr schwer machte, sein Lächeln nicht zu erwidern.

„Es ist spät, ich sollte Sie besser nach Hause begleiten.“

„Oh! Ich meine, hm … Ich muss erst noch die Pinsel reinigen“, antwortete Carlotta ausweichend.

„Natürlich.“ Er nickte bedächtig. „Lassen Sie sich nicht aufhalten. Ich werde hier auf Sie warten.“

Es dauerte eine Weile, bis sie die Pinsel ausgewaschen und die Farben weggeräumt hatte, und sie hatte angenommen, dass er in der Zwischenzeit längst gegangen war. Doch als sie um die Hausecke bog, saß er immer noch auf den Stufen.

„Ich dachte schon, Sie seien heimlich davongeschlichen“, sagte er, während er sich erhob.

Ihre Wangen brannten, denn sie hatte tatsächlich darüber nachgedacht, nicht mehr zurückzukehren und sich auf dem Weg, der zur Rückseite des Hauses lag, davonzustehlen. Er bot ihr seinen Arm, den sie kopfschüttelnd ablehnte, bevor sie raschen Schrittes die Auffahrt hinunterging, bemüht, einen möglichst großen Abstand zwischen sich und ihn zu bringen. Sie wollte eine sichere, vernünftige Distanz einhalten. Wenngleich sie sich in seiner Gegenwart vielmehr beschwingt als vernünftig fühlte. Mühelos passte er sein Schritttempo dem ihren an. Sie spürte seine Nähe und war stark versucht, die Hand nach ihm auszustrecken, sich bei ihm unterzuhaken, um ihm näher zu sein. Und dieser Drang, dieses Gefühl verwirrte sie zutiefst.

„Kemble erzählte, der Lehrling Ihres Vaters sei davongelaufen. Deshalb müssten Sie nun die Decken für ihn beenden.“

„Es handelt sich lediglich um zwei der kleineren Szenen. Papa hat die Hauptarbeit bereits vollendet.“

„Ja, ich habe mir die Wandgemälde im Haus angesehen. Sie sind aufsehenerregend.“

„Papa ist ein überaus angesehener Künstler in Rom.“

„Sie müssen sehr stolz auf ihn sein.“

„Das bin ich.“

„Wollen auch Sie Ihren Lebensunterhalt mit dem Malen lebensgroßer Wandgemälde verdienen?“

Sie lachte. „Nein, man würde es für ungebührlich halten.“ Errötend schaute sie zu ihm hinüber. „Das soll nicht heißen, dass meine Werke schlecht sind. Mein Vater hätte sich niemals einverstanden erklärt, mich die Decke beenden zu lassen, wenn er der Ansicht gewesen wäre, meine Gemälde könnten Anlass zu Beschwerden geben.“

„Keine Sorge. Das, was ich gesehen habe, gibt durchaus keinen Anlass zu Beschwerden.“

Sie schlenderten über den Rasen zum Rand des Parks. Schon waren die ersten Häuser des Dorfes zu sehen. In Carlotta erwachte ein leises Gefühl der Enttäuschung, weil sich ihr gemeinsamer Spaziergang dem Ende zuneigte.

Die Sonne war bereits untergegangen, das Dämmerlicht des Frühsommers tauchte den Park in gedämpfte Farben. Kurze Zeit später erreichten sie den Zauntritt. Er kletterte hinüber und bot ihr seine Hand, die sie nach kurzem Zögern ergriff. Doch seine Berührung brachte sie derart aus der Fassung, dass sie beim Hinabsteigen über die letzte Stufe stolperte und beinahe gefallen wäre, hätte er sie nicht aufgefangen. Über ihre eigene Unbeholfenheit lachend schaute Carlotta auf. Sein Gesicht war dem ihren sehr nahe. Das Lachen erstarb ihr in der Kehle, als sie in seine Augen blickte, die nun nicht mehr fröhlich funkelten, sondern dunkel und geheimnisvoll wirkten. Sie spürte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Nie zuvor war sie von einem Mann gehalten worden, ganz zu schweigen in dieser Weise. Ihre Hände lagen auf seiner Brust; unter dem weichen Stoff seiner Weste fühlte sie harte Muskeln. Während sie sich noch fragte, was sie sagen sollte, umschloss er sie fester und gab ihr einen Kuss.

Zu gelähmt, um sich dagegen zu wehren, ließ Carlotta es geschehen. Seine Lippen nahmen die ihren gefangen. Angst und Glück zugleich erfüllten ihre Sinne und machten jeden klaren Gedanken unmöglich. Sie erwiderte seinen Kuss, ließ sich nicht von den Regeln und Schranken der Gesellschaft zurückhalten, denn es schien ihr das Natürlichste der Welt, sich an ihn zu schmiegen und die Wonnen seiner Umarmung zu genießen. Körperlich wie auch geistig stand sie ganz in seinem Bann. Sie spürte seine männliche Kraft, als er sie an sich drückte. Es war ein beängstigendes, aufregendes Gefühl, sie wusste, sie sollten das nicht tun. Dennoch erwachte zugleich in ihr eine solch tiefe, gefährliche Zuneigung, wie sie diese nie zuvor gekannt hatte. Im selben Augenblick hob er den Kopf und gab sie frei. Unerklärlicherweise fühlte sie sich beraubt, ohne zu wissen, was ihr fehlte.

„Ich bitte um Vergebung“, sagte er zerknirscht. „Ich wollte Sie keineswegs verängstigen, Sie sahen nur so verflixt entzückend aus, ich konnte nicht widerstehen.“

Sie schluckte schwer, bemüht ihre Fassung wiederzugewinnen. Mit einem Mal hatte sich ihre ganze Welt verändert, und sie fragte sich, ob sie je wieder so sein würde wie zuvor. „Sie haben mich nicht verängstigt, Sir.“ Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, er könne es hören. „Ich … ich muss nach Hause.“

„Wollen Sie meinen Arm nicht nehmen?“

Die Wangen blutrot vor Verlegenheit, schüttelte sie den Kopf. Bis zu diesem Augenblick hatte sie nicht bedacht, wie sie aussehen musste, in den Kleidern eines Jungen, nach Farbe riechend. Mama hatte sie angewiesen, einen Umhang überzuziehen, wenn sie nach draußen ging. Doch sie hatte den Rat ignoriert und nur lachend gefragt, was ihr auf dem kurzen Weg zwischen Malberry Court und ihrem Elternhaus schon geschehen solle. Nun wusste sie es.

„Nein. Wenn Sie erlauben, gehe ich von hier ab allein weiter.“

Wie ein schwarzer Schatten ragte er im Dämmerlicht über ihr auf. Bei dem Gedanken, er würde versuchen, sie erneut zu küssen, setzte ihr Herz einen Schlag lang aus. Sie bezweifelte, dass sie stark genug war, sich ihm zu widersetzen, und mit Schrecken wurde ihr bewusst, dass sie das auch gar nicht wollte. Schließlich trat er einen Schritt zurück. Sie wusste nicht, ob sie enttäuscht oder erleichtert darüber war.

„Natürlich, wenn das Ihr Wunsch ist“, sagte er und ließ sich auf dem Zauntritt nieder. „Gehen Sie nur“, sagte er, als sie zögernd stehen blieb.

Sie hatte sich umgewandt und war die Straße hinuntergegangen. Ein prickelnder Schauer war ihr über den Rücken gelaufen, denn sie hatte geglaubt, seinen Blick auf sich ruhen zu spüren. Hinter der Biegung, als sie vor seinen Augen sicher war, hatte sie sich nicht länger zurückhalten können und war so schnell wie sie ihre Beine trugen nach Hause gelaufen …

„Ist dir nicht wohl, Liebes?“ Die Stimme ihrer Tante riss sie abrupt aus ihren Erinnerungen. Carlotta zwinkerte und ließ den Blick durch den überfüllten Ballsaal schweifen.

Ihre Tante betrachtete sie mit sorgenvollem Blick. „Bitte sag jetzt nicht, dass du Kopfschmerzen hast, wo der Abend doch so gut für dich läuft. Komm, Kindchen, dein nächster Tanzpartner wird bereits auf der Suche nach dir sein. Ach, ich freue mich für dich. Für alle Tänze, bis auf zwei, bist du vergeben. Für manche Debütantinnen, die neu in der Stadt sind, lässt es sich ja eher schwierig an, aber ich wusste, dass die Gentlemen reihenweise darum bitten würden, dir vorgestellt zu werden, wenn sie erst gesehen hätten, wie hervorragend du tanzt.“

„Hat auch Lord … Lord Darvell darum gebeten, mir vorgestellt zu werden, Tante?“ Carlotta bemühte sich, ihre Stimme beiläufig klingen zu lassen.

„Oh ja! Er kam geradewegs mit diesem Wunsch zu mir.“ Sie senkte die Stimme und sprach in vertraulichem Ton weiter: „Du sollst wissen, Carlotta, dass Darvell ein sehr stürmischer junger Mann ist, um nicht zu sagen, ein Schwerenöter.“

„Ich weiß, Tante, man hat es mir erzählt. Man nennt ihn den Sündhaften Baron.“

„Oh, nun, ich würde ihn nicht unbedingt als sündhaft bezeichnen“, beschwichtigte Lady Broxted. „Tatsächlich hat er sogar in den vergangenen Monaten zu keinerlei Klatsch Anlass gegeben. Doch sein Benehmen davor, als er noch dem Militär angehörte … Nun ja, es ziemt sich nicht, dass ich dir gegenüber näher darauf eingehe. Lass mich dir nur eines sagen, du solltest dich vor ihm in Acht nehmen, Liebes.“

„Wenn er gar so gefährlich ist, überrascht es mich doch sehr, dass du ihn mir überhaupt vorgestellt hast.“

Lady Broxted seufzte. „Nun ja, ich hätte auch lieber darauf verzichtet. Allerdings ist dein Onkel mit der Familie befreundet, deshalb wäre es höchst ungehörig, Lord Darvell zu schneiden. Wäre er nicht aus der Armee ausgetreten, würde sich dieses Problem nicht stellen. Vielleicht überlegt er ja, sesshaft zu werden.“ Sie tippte Carlotta mit ihrem Fächer auf den Arm. „Soweit ich weiß, besitzt er keinen Penny. Womöglich will er sich eine vermögende Gattin suchen. Sollte dies der Fall sein, ist es nicht auszuschließen, dass er dich umgarnen wird, Carlotta. Dein Onkel würde eine solche Verbindung jedoch sicher nicht gutheißen.“

Carlotta lachte auf. „Was das betrifft, musst du dir ganz gewiss keine Sorgen machen, Tante!“

„Gut. Wie dem auch sei, man kann nicht bestreiten, dass Lord Darvell ein charmanter, attraktiver Mann ist. Übrigens gehört Malberry Court seinem Bruder James. Ich sage dir dies nur, damit du auf deine Worte achtest und nicht durch eine unbedachte Bemerkung bekannt wird, in welcher Verbindung deine Familie zum Herrenhaus steht.“

Bis Lord Darvell sie zum vereinbarten Tanz abholte, hatte Carlotta beschlossen, sich ihm gegenüber kühl und unnahbar zu geben. Sie wollte Seine Lordschaft behandeln, als seien sie sich nie zuvor begegnet. Als er jedoch ihre Hand fest mit der seinen umschloss, wurde sie unvermittelt von einer Welle der Emotionen überschwappt. Sie hatte die Erinnerungen an diese ersten, langen dunklen Monate nach ihrer Abreise aus Malberry in den hintersten Winkel ihres Gedächtnisses verbannt, in dem Bemühen, die einsamen Nächte, in denen sie sich in den Schlaf geweint hatte, zu vergessen. Mit einer einzigen Berührung aber hatte er die Erinnerung an diese Zeit wiederauferstehen lassen, hatte die Sehnsucht geweckt, die Leidenschaft und den qualvollen Schmerz, der sie schier zu verschlingen drohte, als sie feststellen musste, dass er fort war.

Carlotta biss sich auf die Lippe. Sie wollte nicht länger an diese einsame Zeit denken, da sie befürchtete, ihr Kummer könne dadurch wieder wachsen und sie verzehren. Sie tat besser daran, sich auf ihre Wut zu konzentrieren. Er hatte sie schmählich belogen und ihr Vertrauen missbraucht, sie wollte ihn nun ebenso tief verletzen, wie er sie verletzt hatte. Allerdings musste sie sich noch überlegen, wie sie das am besten anstellen sollte. Einsilbig antwortete sie auf seine Versuche, ein Gespräch anzufangen, was ihr ein Stirnrunzeln von ihm eintrug. Als die Musik verklang, schlug er vor, den nächsten Tanz auszulassen und sich stattdessen auf einer Bank ein wenig zu erholen. Schweigend folgte sie ihm in eine stillere Ecke des Ballsaals. Nachdem sie Platz genommen hatten, sagte er lächelnd: „Du siehst gut aus, Carlotta. Ich erkenne dich kaum wieder.“

Sie ließ ihren Fächer aufschnappen. „Nun, darüber kann ich nur froh sein, Mylord! Ich war ja ein solch naives, unbeholfenes Ding, als wir uns kennenlernten.“

„Du warst bezaubernd.“

Nun kam Carlotta ihre Zeit in Miss Curriers Akademie für höhere Töchter gut zupass.

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