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Der Babylon Code

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitate
  8. Erstes Buch DER FUND
  9. Kapitel 1
  1. Zweites Buch DIE RÜCKKEHR
  2. Kapitel 2
  3. Kapitel 3
  4. Kapitel 4
  5. Kapitel 5
  6. Kapitel 6
  7. Kapitel 7
  8. Kapitel 8
  9. Kapitel 9
  10. Kapitel 10
  11. Kapitel 11
  12. Kapitel 12
  13. Kapitel 13
  1. Drittes Buch DIE ENTDECKUNG
  2. Kapitel 14
  3. Kapitel 15
  4. Kapitel 16
  5. Kapitel 17
  6. Kapitel 18
  7. Kapitel 19
  8. Kapitel 20
  9. Kapitel 21
  10. Kapitel 22
  11. Kapitel 23
  12. Kapitel 24
  13. Kapitel 25
  14. Kapitel 26
  15. Kapitel 27
  16. Kapitel 28
  1. Viertes Buch DIE VERSUCHUNG
  2. Kapitel 29
  3. Kapitel 30
  4. Kapitel 31
  5. Kapitel 32
  6. Kapitel 33
  7. Kapitel 34
  8. Kapitel 35
  9. Kapitel 36
  10. Kapitel 37
  1. Fünftes Buch DAS KREUZ
  2. Kapitel 38
  3. Kapitel 39
  4. Kapitel 40
  5. Kapitel 41
  6. Kapitel 42
  7. Kapitel 43
  8. Kapitel 44
  9. Kapitel 45
  10. Kapitel 46
  11. Kapitel 47
  12. Kapitel 48
  13. Kapitel 49
  1. Epilog
  2. Dichtung und Dank
  3. Hinweise zu den verwendeten Zitaten

Über das Buch

Die erzählte Geschichte ist frei erfunden. Ebenso sind alle Protagonisten, Antagonisten und sonstige Personen sowie ihre in dieser Geschichte beschriebenen Handlungen, Äußerungen und ihre Darstellung vom Autor frei gestaltet. Auch die Darstellung, die Äußerungen und Handlungen von historischen und zeitgeschichtlichen Personen und Institutionen entspringen der Fantasie des Autors, auch wenn sie ein reales Vorbild haben oder sich an realen Ereignissen orientieren.

Über den Autor

Uwe Schomburg, geb. 1957 in Bad Lauterberg, ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Brandenburg nahe Potsdam. Er ist leitender Angestellter eines mittelständischen Unternehmens und widmet sich in seiner Freizeit dem Schreiben. Mit seinem Erstlingswerk DIE SIRIUS VERSCHWÖRUNG feierte er einen großen Erfolg. Derzeit schreibt Uwe Schomburg an seinem nächsten Thriller.

 

Für meine Kinder

»Was soll ich viel lieben, was soll ich viel hassen?
Man lebt doch nur vom Lebenlassen!«
Johann Wolfgang von Goethe

 

Ihr haltet die Welt für erklärbar. Das ist aber nicht wahr: Es gibt unglaubliche Geheimnisse. Ihr habt euch von eurer Rationalität leiten lassen. Ihr glaubt, die Welt wäre ohne Zauber. Dabei könnt ihr nicht einmal die einfachsten Begriffe verstehen: Wann begann die Zeit? Wo endet die Unendlichkeit des Raumes? Habt Mut, traut euch, einem Geheimnis zu begegnen.

PAPST JOHANNES PAUL II.

Die größte Tragödie ist das Schweigen Gottes, der sich nicht mehr offenbart, der sich im Himmel zu verbergen scheint, als sei er angewidert vom Handeln der Menschheit.

PAPST JOHANNES PAUL II.

 

Papst Benedikt XVI. diskutierte Anfang September 2006 in seiner Sommerresidenz Castelgandolfo die Frage von »Schöpfung und Evolution«.

Nach der neueren Lehre der katholischen Kirche widersprechen sich der Glaube an Gott und die Evolution nicht – auch wenn es hierzu innerkirchlich erheblichen Widerstand gibt.

Einer der Diskussionsteilnehmer erklärte öffentlich: »Mir scheint, es ist für ein Bündnis zwischen Philosophen und Naturwissenschaftlern immer noch zu früh« und zitierte hierzu Friedrich Schiller: »Feindschaft sei zwischen euch, noch kommt das Bündnis zu frühe. Wenn ihr im Suchen euch trennt, wird erst die Wahrheit erkannt.«

Was bewog den Papst, das Thema aufzugreifen?
Gab es einen Grund?

 

Kapitel 1

 

OSMANISCHES REICH
DISTRIKT MESOPOTAMIEN
1916

Babylon.

Welch ein Klang. Tausende von Jahren menschlichen Daseins hallen in diesen drei Silben wider. Größe, Macht, Eroberung und Zerstörung, mächtige Mauern und kriegerische Herrscher, Hammurapis Gesetze und der Turmbau zu Babel.

Nichts davon war noch zu sehen. Nur noch Schutthügel.

Die einstige Größe war zerfallen, Erde zu Erde, Staub zu Staub.

Karl Steiner und Albert Krüger kauerten auf dem quadratischen Schutthügel namens Babil, der die nördliche Grenze des alten Babylons bildet.

Allein der Name des Hügels erinnerte an die einstige Macht und Pracht Babylons. Babil ragte mit seinen steilen Böschungen turmhoch aus der Ebene heraus und zog sich über einen viertel Kilometer hin. Seine lehmige Oberfläche war zerklüftet, von Schächten und Stollen durchzogen wie ganz Babylon.

Seit der Römerzeit hatten Diebe überall im Gelände Gräben ausgehoben, um die gebrannten Lehmziegel zu rauben. Sie waren längst wieder in Häusern, Kornkammern und Staudämmen verarbeitet worden, während die ungebrannten Lehmziegel ein Festschmaus für Hitze, Sonne und Wasser geworden waren. Zerstört. Schutt.

Steiner roch seinen eigenen Schweiß. Es war kurz vor Sonnenuntergang, aber die Luft flimmerte immer noch vor Hitze, und der Euphrat, nur mehr ein Rinnsal, brachte keine Abkühlung.

Seine dünne Kleidung aus Hose und langem Oberteil war zwar wüstentauglich, aber sie waren in brütender Hitze aus Bagdad kommend durch die Wüste gefahren. Sie hatten einen der wenigen fahrtüchtigen Laster requiriert, über die die 6. Osmanische Armee in Bagdad noch verfügte. Der 3-Tonner-Opel stand hinter dem Hügel, weit genug von den Ausgrabungen entfernt, um nicht bemerkt zu werden.

Ein letztes Mal mit dem Wüstenwind den Hauch der einstigen Größe spüren, dachte Karl Steiner, vor dem geistigen Auge Paläste und Mauern wieder aufleben lassen … Er hatte dieser Vorstellung nicht widerstehen können.

In ihrer kauernden Haltung verschmolzen sie mit den Spalten und Klüften des Hügels. Sie waren aus der Ferne nicht auszumachen und konnten doch selbst die Reste der ehemaligen Königsstadt überblicken, würden frühzeitig jede Bewegung bemerken.

Nichts als grau-braune Wüste erstreckte sich bis in die Ferne, die nur von einem grünen Gürtel aus Dattelpalmen an den Ufern des Euphrat unterbrochen wurde. Der Flusslauf lag einen knappen Kilometer westlich des Hügels; er näherte sich aus Nordwest kommend der Stadt, um dann in einem Knick leicht nach Westen einzuschwenken und entlang der Ruinen Richtung Süden zu fließen. Die Dattelpalmen wuchsen beiderseits des Flusses etwa einen halben Kilometer in das Land hinein, dann beendete die Wüste schlagartig die grüne Pracht.

Die Palmen versperrten den Blick auf das kleine Dorf Kweiresch, wo der deutsche Ausgrabungsleiter Robert Koldewey das Expeditionshaus am nördlichen Dorfende eingerichtet hatte.

Etwa zwei Kilometer südlich ihres Standortes lag mit dem Schloss der zweite markante Hügel des alten Babylons. Das Kasr ragte nicht so hoch auf wie Babil, war aber etwa vier Mal so groß und eben jener Ort, an dem die Ruinen der Königspaläste ausgegraben wurden. Dort lag das zerfallene Zentrum des einst so mächtigen Reiches. Dort befand sich Irsit Babylon, der Platz Babylon, oder das Bab Ilani, die Pforte der Götter mit dem Zugang zum größten und berühmtesten Heiligtum Babylons, dem Tempel des Gottes Marduk.

Einen knappen Kilometer südlich des Kasr erhob sich mit etwa 25 Metern Höhe der Hügel Amran, benannt nach dem auf dem Hügel stehenden islamischen Grabheiligtum Amran Ibn Ali, des Sohnes Alis. Dieser Hügel war der höchste im ganzen ehemaligen Stadtgebiet Babylons und lag in der Ebene Sachn, wo auch die Reste des Etemenanki, des Turmbaus von Babel, zu finden waren.

»So wandeln sich die Zeiten«, hatte Robert Koldewey, der kauzige deutsche Ausgrabungsleiter, Steiner bei einer früheren Begehung erklärt. »Sachn bedeutet nichts anderes als Pfanne und beschreibt den Charakter des Geländes als Ebene. Dabei war dies zu Babylons Blütezeit der heilige Tempelbezirk! Innerhalb der Ringmauern lagen der Turmbau zu Babel und der Tempel des Marduk. Und heute? Die Reste des Marduk-Tempels sind tief unter dem Schutt des Amran-Hügels begraben, vom Turmbau gibt es noch ein paar Fundamentgräben voller Grundwasser, und eine Straße zwischen zwei Dörfern führt durch das ehemals heilige Gebiet.«

So ist das, dachte Steiner. Alles ist vergänglich. Die berühmteste Stadt des Orients – zerstört, so vollkommen zerstört wie kaum ein anderer Ort. Gott und Könige vergessen und die Paläste einfach nur Schutt.

Unter seinen Schuhen wirbelte der Wüstensand bei jeder Fußbewegung. Er hob den Kopf und sah zu Albert Krüger, der nach Osten in die grau-braune Wüste blickte, wo keine 50 Kilometer entfernt die alte Königsstadt Kišh lag, in der das Königtum in die Welt gekommen war, auf das sich auch Babylons Herrscher berufen hatten.

Steiner glaubte mit einem Mal im Flimmern der Wüstenhitze Heerscharen wilder Krieger, prunkvolle Paläste voller Gold und Edelsteine und massenhaft die grauen Gesichter der Namenlosen zu sehen, die unter der jahrtausendelangen Knechtschaft des Königtums gestorben waren. Es war wie eine Fata Morgana. Er schloss kurz die Augen, wandte den Kopf, und die Bilder verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren.

Im Westen, wo immer wieder Trupps marodierender Beduinen aus der Wüste auftauchten und die Ausgrabungsstätten überfielen, verschmolz die gleißende Sonne mit dem Wüstensand, und erste violette Schattenwürfe ließen das Ruinenrelief immer plastischer werden.

Es wurde Zeit. Karl Steiner schlug Krüger auf die Schulter. Sie richteten sich auf und stiegen steifbeinig den Hügel hinab. Auf der Ebene beeilten sie sich, den Gürtel der Dattelpalmen zu erreichen, um in dessen Schutz Richtung Kasr zu marschieren.

»Werden sie kommen?«, murmelte Albert Krüger. Er war einen Kopf kleiner als Karl Steiner, schmächtig und drahtig, mit hellen, wachen Augen und so misstrauisch wie ein Schakal.

»Wir werden sehen.«

Plötzlich wurde die Stille in den Dattelhainen durch ein Geräusch unterbrochen.

»Dschird«, knurrte Steiner. Eine Wasserhebeanlage, so alt wie Babylon selbst. Angetrieben von einem Stier, hob sie das Wasser des Euphrats in einem Lederschlauch hinauf in Bewässerungskanäle, die zu den höher gelegenen Feldern führten. Ohne Bewässerung würde dort keine einzige Frucht wachsen. Der Strick am Ende des Wasserschlauchs lief über eine auf zwei vorkragenden Palmenstämmen gelagerte Walze und verursachte das knarrende Geräusch.

»Wir müssen aufpassen. Jetzt bloß keine Scheiße bauen«, sagte Krüger und bewegte sich noch vorsichtiger durch die Haine.

Krüger war seit Jahren im Grenzgebiet zu Persien bis hinauf in das Zagrosgebirge und hinunter in das vorgeschichtliche Elam unterwegs. Als Geheimagent Seiner Majestät Kaiser Wilhelm II. versuchte er, den Einfluss der Briten zurückzudrängen, die mit einzelnen Scheichs Schutzverträge abschlossen, obwohl ihre Stammesgebiete zum Osmanischen Reich gehörten.

Die Briten hatten gerade erst eine Niederlage erlitten. Nachdem das Osmanische Reich 1915 auf Seiten der Achsen-Mächte in den Ersten Weltkrieg eingetreten war, waren die Briten mit einer Expeditionsarmee in Basra gelandet und hatten versucht, Bagdad zu erobern. Aber Kut-al-Amara hatte am 29. April 1916 nach monatelanger Belagerung kapituliert, und General Townsend war mit 13 000 zumeist indischen Soldaten in Gefangenschaft geraten.

Karl Steiner war in Bagdad stationiert und Verbindungsoffizier der deutschen Botschaft in Istanbul zu den siegreichen osmanischen Streitkräften, die bis vor wenigen Tagen vom preußischen Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz befehligt worden waren. Seit April 1915 hatte der Freiherr, der 1909 beinahe deutscher Reichskanzler geworden wäre, in Diensten des Osmanischen Reiches gestanden und die osmanischen Streitkräfte in Mesopotamien und Persien befehligt, nachdem er bereits ein Vierteljahrhundert zuvor die große Osmanische Militärreform maßgeblich beeinflusst hatte und einer der angesehensten Ausländer im Osmanischen Reich überhaupt gewesen war.

Aber Goltz–Pascha, wie sie ihn nannten, war tot. Zehn Tage vor dem großen Sieg war er in Bagdad an Flecktyphus gestorben, den er sich in einem Lazarett beim Besuch Verwundeter geholt hatte.

Steiner war fünf Jahre vor Goltz-Pascha in Bagdad eingetroffen und beobachtete seitdem die verdächtigen Aktivitäten der Briten. Deren Agenten waren als Händler getarnt im ganzen Land unterwegs, und außerdem bereisten zu viele Archäologen Arabien und Persien, von denen so mancher nebenbei spionierte.

»Behalten Sie auch unsere Ausgrabungen in Babylon im Auge«, hatte ihn die deutsche Botschaft angewiesen. »Wenigstens diese Funde gehören nach Berlin!«

Seit einem drei viertel Jahrhundert durchwühlten Schatzjäger den Boden und verschleppten die Funde in die großen Museen der Welt. Archäologie war dabei keine Wissenschaft, sondern ein wildes Buddeln und Plündern von Abenteurern, die mit ihren Schätzen Reichtum und Anerkennung in der Heimat suchten.

Dabei tauchten viel zu viele der archäologischen Funde im Britischen Museum und im Louvre auf. Das Deutsche Reich wollte mit seinen Museen nicht nachstehen und förderte insbesondere die Grabungen in Assur und Babylon. Aber mittlerweile verhinderte der Krieg den Abtransport der ausgegrabenen Schätze. Robert Koldewey und seine Expedition gruben seit siebzehn Jahren in Babylon, ohne Pause, Sommer wie Winter, und die Funde stapelten sich im Schatzhaus.

Es war an der Zeit, die Zelte abzubrechen. Trotz der Niederlage der Briten bei Kut-al-Amara, dachte Steiner. Mesopotamien war eine der vernachlässigten Provinzen des Osmanischen Reiches, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich das Blatt wenden würde. Ägypten war faktisch britische Provinz, und T. E. Lawrence hetzte die arabischen Fürsten erfolgreich auf. Es gab zu viele Überraschungen in der osmanischen Politik, und Bagdad war zu weit weg von Istanbul, um auf Dauer wirksam verteidigt zu werden.

Er und Albert Krüger hatten einen Plan entwickelt, der ihr Überleben sichern sollte. Sie wollten sich absetzen, bevor die für sie bestimmten Kugeln die Gewehrläufe verließen.

Sie bestiegen das Kasr von Nordosten her und betraten die Überreste der breiten Straße, die zum Ishtar-Tor führte.

Nichts war von der einstigen Pracht erhalten geblieben. Keine erhabenen Säulen wie in Griechenland, keine Tempelreste wie in Ägypten oder Persien, sondern nur Lehmziegel, gebrannt, ungebrannt, mit Schilf vermengt, gelegentlich mit Erdpech isoliert.

An manchen Stellen war noch der mit Asphalt übergossene Ziegelbelag zu sehen, der als Untergrund für die monumentale Quaderpflasterung gedient hatte. Jeder der Quader trug auf der Seitenfläche eine Inschrift, die auf den Erbauer Nebukadnezar II. hinwies, unter dessen Herrschaft Babylon nach einer Phase des Niedergangs erneut zu einem der mächtigsten Reiche jener Zeit geworden war.

Marduk, Herr, schenke ewiges Leben, lautete die Schlussformel auf jedem der Quader.

Sie marschierten weiter; rechts von ihnen lagen die Überreste des äußeren Palasts und der Nordzitadelle. Nachdem sie einen kleineren Schutthügel erklommen hatten, waren sie in unmittelbarer Nähe der Stelle, wo das Ishtar-Tor ausgegraben worden war.

Der Platz glich einer Kraterlandschaft. Die Ausgrabungen hatten über zwanzig Meter in die Tiefe geführt. Vom Tor war allerdings nichts zu sehen, weil alle Ziegel ordentlich durchnummeriert und zum Schatzhaus abtransportiert worden waren. Rechts von ihnen lagen die Reste des ausgegrabenen Königspalasts, begrenzt durch die nördliche innere Stadtmauer.

Babylon war in seiner Blütezeit eine Festung mit Doppelmauern gewesen. Die Stärke der äußeren Mauer hatte fast acht Meter betragen, und in einem Abstand von zwölf Metern hatte eine gut sechs Meter starke innere Mauer weiteren Schutz geboten. Alle 44 Meter hatten beidseitig vorspringende Türme die Stadtmauer verstärkt. Mit über zehn Metern Höhe galten die Befestigungsanlagen im Altertum als unbezwingbar, zwei Streitwagen hatten auf deren Krone nebeneinander herfahren können.

Trotzdem war Babylon zerstört worden, verraten von den Tempelpriestern des Gottes Marduk, die persischen Truppen die Tore geöffnet hatten.

»Sie kommen.«

Albert Krüger sah sie zuerst.

Schatten in der Dämmerung.

Steiner starrte in die Richtung, in die Krüger wies. Zunächst sah er nichts zwischen den Schutthügeln, die Koldewey, von der Ausbildung her Architekt, mit seinen 250 Arbeitern selbst im unmenschlich heißen Sommer Tag für Tag auftürmte. Schilf und Lehm. Hier gab es seit Anbeginn der Zeit nichts anderes zum Bauen. Keine Steine, kein Metall, kaum Holz.

Die Schienen der Kleinbahn wanden sich als schwarze Schlangen um die Abraumhalden oder verschwanden in den Ausgrabungssenken. Eine Gestalt huschte von einer Lore weg zum nächsten Schutthügel.

Steiner gab Krüger einen Stoß in den Rücken und kletterte von seiner erhöhten Position hinunter auf die Ausgrabungsebene. Er stellte sich in die Mitte der freigelegten Fläche, während Krüger am Fuße des Hügels wartete.

Die Dämmerung senkte sich nun rasch über die Ausgrabungsstätten. In wenigen Minuten würde es stockdunkel sein.

Plötzlich lösten sich zwei Gestalten aus dem Schatten der Schutthügel und kamen auf Steiner zu. Sie trugen einfache schwarze Arbeitskleidung. Der eine war mit Hose und langem Obergewand, der andere mit einem Kaftan bekleidet. Beide bedeckten ihr Haar mit einfachen runden Mützen.

»Masâ’ al-chair«, murmelte Steiner, als der Araber vor ihm stand. »Schön, dich zu sehen, Abdullah.«

»Masâ’ an-nûr«, antwortete der mit Abdullah Angesprochene, und sein Blick wanderte zu Krüger, der langsam näher kam.

Beide Araber trugen Gewehre. Es waren türkische Armeegewehre M87 im Kaliber 9,5 mm der deutschen Firma Mauser mit Röhrenmagazin.

Steiner speicherte dieses Detail, denn eine solch moderne Ausrüstung war bei den Arabern selten zu finden. Vorderlader waren da schon eher üblich. Andererseits hatte es für ihn keine Bedeutung mehr.

»Auf Beduinenjagd?«, fragte Steiner Abdullah, und überging damit das übliche Begrüßungszeremoniell, sich zunächst nach Abdullahs Befinden zu erkundigen.

»Man kann sich nie sicher sein.«

»Oder hast du Angst vor mir?«

»Abdullah hat vor niemandem Angst – das weißt du doch.«

»Was ist mit den anderen?«

»Entweder sind sie im Dorf, oder sie arbeiten weiter südlich an den Tempelanlagen, die ihr ›Turm von Babel‹ nennt. Aber das Grundwasser macht ihnen immer wieder zu schaffen.«

Steiner nickte. Koldewey hatte oft genug geflucht, dass er nur die neubabylonischen Ruinen aus der Zeit Nebukadnezar II. und nicht auch die alten Schichten der Stadt aus der Zeit Hammurapis freilegen konnte, weil das Grundwasser in diesem Gebiet zu hoch war.

»Was ist mit dem Gebet?«, fragte Steiner.

»Allah ist voller Güte. Wir holen es nach.«

»Du hast von einem Schatz gesprochen.«

»Und du von englischen Pfund in Gold.«

Steiner kannte Abdullah seit Jahren. Der Araber war Vorarbeiter einer Ausgrabungsgruppe, hatte den Boden aufzulockern und mit wachen Augen zu suchen und zu finden, während drei weitere seiner Leute den Schutt in Tragekörbe füllten, die dann von sechzehn Trägern weggeschafft wurden.

Die fünf Piaster Tageslohn als Vorarbeiter reichten Abdullah nicht. Für Geld lieferte er neben Informationen über die Ausgrabungen alles, was er bei seinen Verwandten, im Dorf und in der Gegend über die englischen Aktivitäten aufschnappte.

Steiner war auf Menschen wie Abdullah angewiesen. Er selbst fiel mit seiner Größe und seiner extrem hellen Haut sofort als Fremder auf. Und er tat sich schwer mit der arabischen Sprache. Er hätte sich nie wie Krüger unter die Einheimischen mischen können.

»Zeig sie mir.« Abdullahs Augen glühten vor Erregung.

Steiner zog ein weißes Tuch aus dem kleinen schwarzen Lederbeutel an seinem Gürtel und ließ die Goldmünze in Abdullahs geöffnete Handfläche fallen.

»Allemal besser als osmanisches Geld.«

»Wie viel davon gibst du mir?«, fragte Abdullah und schloss die Hand um die Münze.

»Das kommt darauf an …«

Abdullah wiegte verschwörerisch den Kopf. »Ich habe etwas Besonderes!«

Sie zündeten Fackeln an.

Abdullah und der schweigsame Kamal führten sie an aufragenden Ziegelmauern vorbei. Sie passierten die Reste der mächtigen inneren Stadtmauern und stiegen hinab in das Wirrwarr der ausgegrabenen Hauptburg.

Die Flammen der Fackeln warfen Geisterwesen an die Ziegelwände und lockten Insekten in Schwärmen an. Steiner fluchte und unterdrückte den ständigen Drang, mit der Hand nach den Plagegeistern zu schlagen.

»Wo führst du uns hin?«, fragte er misstrauisch, als er die Orientierung in dem Labyrinth aus Mauern und engen Gängen verlor.

»Nebukadnezar hat seine Beute verborgen, manchmal aber auch ausgestellt«, sagte Abdullah lachend. »Es hat sich nichts geändert in den Tausenden von Jahren. Die Großen der Welt waren und sind alle gleich. Heute wie damals. Die Babylonier durften nur das Plünderungsgut aus den siegreichen Feldzügen bewundern, das für ihre Augen bestimmt war. Aber was ich dir zeige, hat keiner gesehen. Wir sind gleich da.«

Abdullah lachte kehlig, und Kamal gluckste zufrieden.

Steiner wusste plötzlich, wohin Abdullah sie führte. Sie waren unterwegs zu den Grabgewölben. Die einzigen, die Koldewey bei den Ausgrabungen gefunden hatte.

»Die Grabgewölbe waren doch leer«, sagte er und griff nach Abdullahs Arm. »Was wollen wir da?«

Abdullah schüttelte seinen Arm ab, bog plötzlich um eine Mauerecke und hielt dann vor einer hohen Ziegelwand an. Er richtete seine Fackel nach unten und suchte den Boden ab. Dann scharrte er mit dem rechten Fuß im Sand, stampfte mehrfach auf.

Es klang dumpf.

Holz, dachte Steiner.

»Wir haben es hier vergraben«, flüsterte Abdullah verschwörerisch und gab Kamal ein Zeichen. Der reichte Abdullah seine Fackel und scharrte mit den Händen im Sand, bis Holzbohlen sichtbar wurden. Kamal zog die Bohlen zur Seite und legte ein Loch von einem Meter im Quadrat frei.

»Wir haben ein Grab gefunden, das nicht leer war.« Abdullah grinste breit.

»Ich glaube es nicht«, knurrte Steiner. »Wo? Hier?«

»Nein. Beim Tempel, der von den Ausgräbern auf den Plänen mit ›EP‹ bezeichnet wird. Aber wir haben die Fundstücke hier versteckt.«

Mit einem Schlag pochte das Adrenalin in Steiners Adern. Sollte da tatsächlich zum Schluss noch etwas mitzunehmen sein, das so etwas wie die Krönung seiner eigenen Grabräuberkarriere darstellen würde?

Babylon wurde seit Jahrtausenden geplündert. Allen war bekannt, wo die Ruinen lagen. Und Koldewey hatte in den vielen Jahren nur etwa die Hälfte der Fläche ausgraben können. Es gab noch Tausende von Stellen, wo etwas gefunden werden konnte, dachte Steiner. Insbesondere dort, wo das hohe Grundwasser bisher das Graben verhindert hatte.

Kamal verschwand im Loch. Abdullah reichte die Fackeln und Waffen hinunter, dann krochen sie Kamal hinterher.

Sie gelangten in ein niedriges, aus gebrannten Lehmziegeln gemauertes Gewölbe. Die Luft war trocken und klar. Kein Modergeruch, stellte Steiner zufrieden fest. Beste Lagerbedingungen.

Abdullah führte sie in die hintere rechte Ecke und blieb stehen. Auf sein Zeichen hin bückte sich Kamal und griff nach einem Stück Stoff.

Wüstensand rieselte, dann zog Kamal das Stück Stoff zur Seite.

»Mein Gott!«, stieß Steiner aus. Er fiel auf die Knie und griff nach den Gegenständen.

Da waren Tierfiguren aus Gold, klein und filigran gearbeitet, manche nur wenige Zentimeter groß. Und Schmuckstücke mit Lapislazuli-Einlagen, Männer- und Frauengestalten, Rollsiegel mit feiner Gravur, Opferschalen aus getriebenem Gold. Steiner sah Schmuck aus Korallen, Saphiren und Elfenbein, Ketten mit Perlen, Götter- und Weihestatuetten in verschiedenen Größen und einen bronzenen Gründungsnagel in Form einer Figur, die das erste Material zum Bau eines Tempels herantrug.

»Unglaublich, unfassbar.«

Seine Hände glitten wie verzaubert über die Gegenstände, fingerten an Golddraht und Nieten, strichen über Lötverbindungen. Neben dem Schmuck lagen dreizehn Keilschrifttafeln und drei graubraune Knochen, die Steiner zur Seite schob.

Sein ganzes Nervensystem schien sich in den Fingerkuppen zu bündeln. Das getriebene Gold reizte die Nervenenden und sandte Glücksgefühle in jede Faser seines Körpers. Er streichelte den Schmuck und ächzte wohlig, als sei er im Himmelreich angekommen.

Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, riss sich seine rechte Hand los und wühlte neben den Kostbarkeiten im Sand. War da noch mehr?

»Das ist alles«, sagte Abdullah gelassen, aber mit einem herablassenden Knurren in der Stimme.

Steiner ruckte mit dem Kopf herum, als habe er das Zischen einer Wüstenviper gehört. Sein Blick fand die Augen Krügers, der seine Fackel fallen ließ.

Kamal hielt in beiden Händen Fackeln. Dieser Fehler kostete ihn das Leben. Ein schmaler, dunkler Gegenstand, etwa so dick wie ein Schilfrohr, raste auf seine Brust zu.

Der geschwärzte Ringdolch in Krügers Faust, der nichts anderes als ein großer Zimmermannsnagel mit einer Öse am Ende war, bohrte sich direkt neben Kamals Brustbein in den Körper und durchstieß das Herz.

Kamal ächzte, und Abdullahs Nackenhaare stellten sich auf. Er riss das Gewehr hoch.

Er hatte die Drehung zur Hälfte vollendet, da wuchs hinter ihm ein Schatten in die Höhe, und Steiners linker Arm legte sich um seinem Hals, riss ihn nach hinten.

Abdullahs Zeigefinger rutschte vom Abzug.

Krügers Gesicht vor ihm war verzerrt, eine Mischung aus Gier, Hass, Mordlust und Irrsinn. Die Fratze schoss auf ihn zu, und Abdullah durchzuckte ein bohrender Schmerz.

Der Ringdolch fraß sich in sein nächstes Opfer.

Zweites Buch
DIE RÜCKKEHR

Ihr Denken und Tun ist nun einmal böse von Jugend auf.
Genesis

Kapitel 2

 

VATIKAN
ENDE MAI 2005
NACHT VON DIENSTAG AUF MITTWOCH

Zuerst sah er den Krummstab. Er dachte sofort an einen Baculus pastoralis. Aber dieser war anders. Er war schlicht, ohne den glänzenden goldenen Überzug, ohne Elfenbeinschnitzereien und ohne den typischen Schneckenkopf des Bischofsstabes.

Er war gerade, aber nicht so gerade wie ein mit Werkzeugen gefertigter Krummstab. An mehreren Stellen sah er kleine Knoten, an denen junge Triebe als Äste hatten wachsen wollen, die jedoch abgeschnitten worden waren.

Der Stab war glatt, seltsam glatt. Ganz besonders oben, kurz bevor die Krümmung begann. An der Stelle, wo die Hand ihn immer griff, millionenfach, war die Fläche so glatt wie bei einem geschliffenen Diamanten. Einem schwarzen Diamanten. Denn der Schmutz der Hände hatte den Stab dort dunkel werden lassen.

Es konnte kein Bischofsstab sein, dachte er. Die Hände eines Bischofs waren nicht schmutzig.

Ansonsten war der Stab dunkelgrau, von seiner Rinde befreit, knochentrocken und eingefärbt von Licht und Regen.

Auf die Erde gestellt, reichte er einem mittelgroßen Träger vielleicht bis zur Stirn, überragte ihn aber nicht. Unten, am geraden Ende, wo ein Bischof seinen Stab nicht anfasste, schloss er mit einer Metallspitze ab. Die Rundung des Stabes oben war anstelle der Schnecke mit einem Haken versehen, der sich gut um die Hinterbeine der Tiere legte.

Dann sah er den Mann, der den Krummstab in der Hand hielt. Der Mann war tatsächlich mittelgroß. Er wusste es. Er hatte ihn jetzt schon gut zwei Dutzend Male gesehen. Oder war es noch häufiger gewesen?

War es von Bedeutung?

Er wusste keine Antwort darauf.

Der Mann trug einfache und farblose Kleidung, gewoben aus der Wolle der Tiere. Seine Schuhe waren fest, und auf dem Kopf trug der Mann einen verbeulten Strohhut mit breiter Krempe.

Das Gesicht des Mannes war hager wie seine Gestalt auch. Entbehrung und körperliche Anstrengung zehrten an dem Mann, der im hellen Sonnenschein auf einem karstigen Felsen stand, der an wenigen Stellen mit trockenem Gras überzogen war. Die Gesichtshaut war von der Sonne ledern gegerbt und dunkel getönt, und es war ihm unmöglich, das Alter des Mannes einzuschätzen. Aus der Haut der kräftigen Unterarme und Hände sprossen dunkle Haare, die fast so dicht wie die Wolle der Tiere waren.

Sein Bild erweiterte sich, und der Papst sah die Schafherde. Wie immer.

Die Tiere standen nicht dicht beieinander, sondern grasten auf der Suche nach saftigem Futter weit versprengt in dem hügeligen Felsgebiet.

Der Mann lehnte auf seinem Krummstab, das Gewicht des Oberkörpers mit den Händen auf dem geraden Ende des Stabes abfangend, das runde Ende schräg nach vorn auf den Boden gestemmt.

Er stand auf einem kleinen Felsvorsprung oberhalb der Herde, von wo aus er einen guten Überblick über das Gelände hatte. Trotzdem hatte der Mann nicht alle seine Tiere im Blick. Große Felsbrocken im Gelände versperrten ihm die Sicht, und wenn eines seiner Tiere dahinter verschwand, war es für ihn nicht mehr zu sehen.

»Wo ist dein Hund? Wache über deine Herde!«, schrie er.

Aber der Hirte hörte ihn nicht.

Er hörte den Flügelschlag. Kraftvoll, mächtig, nicht hektisch, sondern ruhig und entschlossen. Wie immer.

Der Hirte aber rührte sich nicht. Er verharrte in seiner Stellung, als interessiere ihn die Herde nicht.

Der Hirte musste ihn doch sehen! Er sah ihn doch auch!

Ein Punkt am Himmel, plötzlich mächtig groß. Die Krallen ausgefahren an kräftigen Beinen. Übergroß sah er den gelblichen Schnabel und die gierigen Augen des todbringenden Jägers.

Dann bohrten sich die Krallen an den steif ausgestreckten Beinen tief in den Schädel des Lamms. Der Adler überschlug sich, riss das Lamm mit zu Boden, ließ nicht los. Er kämpfte mit langsamen und kraftvollen Flügelschlägen gegen das Gewicht zwischen seinen Krallen an, hob ab, sackte wieder zu Boden, als der Körper seines Opfers im Todeskampf zuckte und dem Adler den Aufstieg erschwerte.

Sie fielen zu Boden. Der Hakenschnabel des Adlers hackte in die Knochen zwischen seinen Beinkrallen.

Der Mann auf dem Felsvorsprung regte sich nicht.

Der Adler erhob sich mit schweren Flügelschlägen vom Boden. Die Beute zwischen seinen Krallen bewegte sich nicht mehr. In Sekunden gewann der Adler an Höhe und verschwand.

»Die Schuld trifft den Hirten!«

****

Schweißgebadet richtete sich Papst Benedikt im Bett auf. Sein Herz raste, und mit den Gedanken war er sofort wieder bei dem Fehler, den er womöglich begangen hatte. Der Traum erinnerte ihn immer wieder an seine Mission.

Er tastete nach dem Lichtschalter und quälte sich mühsam aus dem Bett. Aus einer Karaffe goss er Wasser in ein geschliffenes Glas und trank mit hastigen Schlucken.

Die Kühle tat ihm gut. Das Wasser rann durch seine Kehle wie durch ein ausgetrocknetes Flussbett. Er wartete, bis das Herzrasen nachließ.

Noch fehlte ihm die Vertrautheit in den neuen Privaträumen im dritten Stock des Apostolischen Palastes, der unter Pius V. und Sixtus V. im 16. Jahrhundert von Domenico Fontana erbaut worden war.

Der Papst ging in die kleine Privatkapelle, die zu den Privatgemächern gehörte und die immer noch so gestaltet war, wie sie sein Vorgänger hinterlassen hatte.

In der Mitte des Raumes lag auf dem von intensiven Mustern durchzogenen Marmorboden ein Teppich, auf dem ein Stuhl mit eiserner Rückenlehne stand. Die Decke war mit ausdrucksstarken Glasmalereien ausgestaltet, die sich im Bereich des Altars in einem schmalen Band von der Decke zum Boden fortsetzten. An den Seitenwänden standen sechs Hocker aus dunklem Holz, die Sitzfläche mit hellem Stoff bespannt.

Der Raum endete in einem Halbrund mit einem kleinen Altar, auf dem sechs Kerzen standen. Das Bildnis des leidenden Christi am Kreuz erstrahlte vor einem hellroten Hintergrund.

Der Papst trat vor den Altar, kniete nieder und bekreuzigte sich. Dann erhob er sich und setzte sich an die linke Wand auf den Hocker, der dem Altar am nächsten stand. Erschöpft lehnte er den Kopf gegen die Wand.

Sein Vorgänger hatte stets den direkten Rat des Herrn erfleht und immer wieder um dessen Hilfe gebeten, hatte geglaubt, dass der Unfassbare in die konkrete Welt eingreifen konnte.

Heute verstand er seinen Vorgänger besser als noch vor Jahren. Er würde die mächtige Aufgabe nicht allein bewältigen. Auch er sehnte nichts mehr als den Rat des Herrn in der einen Frage herbei.

Unvermittelt stand er auf und warf sich vor dem Bildnis des Herrn mit zur Seite ausgestreckten Armen auf den kalten Marmorboden.

Er brauchte Rat.

»Hilf!«, flehte er.

Und Kraft.

Schon bald.

Die Träume kamen immer häufiger, immer heftiger.

Und er war jetzt der Hirte.

Kapitel 3

 

MÜNCHEN
MITTWOCHABEND

Noch genau fünfzehn Minuten.

Sein Handy klingelte.

»So ungeduldig? Ich bin da, Ina«, sagte Chris in das Mikro des Headsets. Seine leicht raue Stimme klang spöttisch und zufrieden.

Ihr Jubelschrei explodierte in seinem rechten Ohr. Sie war noch immer in der Firma, hatte gewartet, dass der Auftrag glatt über die Bühne ging.

Chris verzog das Gesicht. Inas überbordende Fröhlichkeit nervte ihn, wenn er sie wie jetzt als aufgesetzt empfand. Aber so hat eben jeder seine Macken, dachte er grinsend. »Ina, es ist doch nur das Ende eines normalen Auftrags.«

Ina war die Seele seines kleinen Unternehmens, jederzeit einsatzbereit, mit einer Telefonstimme, die jeden Anrufer um den Finger wickelte. Sie managte sein gesamtes Backoffice.

»Ich habe auch eine gute Nachricht«, flötete sie. »Willst du sie hören?«

So war sie. Er verlangte vollen Einsatz und bekam immer noch etwas mehr. Ina war knapp fünfzig, lebte allein und ging in ihrer Arbeit auf. Nach schweren Jahren an der Seite ihres alkoholsüchtigen Mannes suchte sie nach dessen Tod Abstand im Job. Chris wusste, dass sie ein Juwel war.

»Gleich, wenn die Helden mich hier reingelassen haben. Kannst du so lange noch an dich halten?«

»Wenn du wüsstest … aber gut … Doch platz mir nicht vor Neugier.« Sie legte auf.

Sein Ziel lag nahe München, gut versteckt abseits der Hauptverkehrsadern und war mit einem hohen Metallzaun umgeben. Dahinter ragten mächtige Bäume in den Nachthimmel. Das Einfahrtstor war geschlossen, und zwei Jeeps einer Sicherheitsfirma standen davor.

Vier Männer in dunklen Uniformen starrten ihn an, als er stoppte.

Er ließ das Seitenfenster herunter.

»Ich bin der Mann, auf den der Boss wartet«, sagte Chris zu dem Muskelprotz, der sich neben seinem Wagenfenster aufbaute. »Ich bringe das Wichtigste zum Gelingen des Abends.«

Es folgten zwei Minuten Funkverkehr, dann öffnete sich das Tor. Er fuhr unter einem Blätterdach alter Kastanien, Linden und Eichen die Auffahrt hinauf, an deren Ende nach etwa einhundert Metern das Hauptgebäude lag.

Das gut zwanzig Meter lange Gebäude war hell erleuchtet und protzte mit einer klassizistischen Fassade. Auf dem Parkplatz standen etwa dreißig Nobelkarossen. Chris parkte unter einer mächtigen Kastanie und rief Ina zurück.

»Beeil dich, ich muss da rein, diesen Auftrag zu Ende bringen. Hast du einen neuen Job?«

»Der Graf hat angerufen. Er hat den Auftrag ab morgen bestätigt.«

»Was steht diesmal an? Seine Schmutzwäsche nach Hause bringen? Oder ein billiges Imitat eines Kunstwerks transportieren?«

»Er bucht dich für rund eine Woche.« In Inas Stimme klangen die Glückshormone mit.

»Das hatte er ja angekündigt. Und wo steckt er?« Der Graf war ein Spitzname, den Chris einem seiner besten Kunden gegeben hatte. Der Mann war Kunsthändler, lebte in der Schweiz und in der Toskana. Er war reich, steinreich, und hatte an Chris einen Narren gefressen.

Sein erster Auftrag als selbständiger Unternehmer war eine Fahrt für den Grafen gewesen. Seitdem bekam Chris regelmäßig gut dotierte Jobs von ihm. Beim letzten Mal vor einem halben Jahr war er dem Grafen hinterher gereist und hatte ein kleines Paket nach Dubai gebracht, wo der agile Mittsechziger in einem der exklusivsten Hotels logiert hatte.

Das Hotel war ein Treffpunkt der Wirtschaft und Hochfinanz. Der Graf hatte zwei Tage lang mit arabischen Freunden verhandelt; die aus München stammende junge Generaldirektorin des Hotels hatte persönlich den perfekten Service überwacht. Zusammen mit Antonio Ponti, seinem Leibwächter, hatte Chris den Grafen begleitet und das Paket nicht aus der Hand gegeben, bis man sich am Abend des zweiten Tages einig geworden war.

»Glückwunsch«, hatte Chris gesagt. »So zufrieden, wie Sie aussehen, haben Sie richtig gut verdient.«

»Im Gegenteil. Keinen Cent bekomme ich. Ich gebe ihnen zurück, was ihnen ohnehin gehört. Wir haben darüber verhandelt, wo und wie sie es ausstellen.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Unwichtig. Wenn die Zeit reif ist, werde ich es Ihnen vielleicht erklären«, hatte der Graf gesagt.

Inas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Hast du gehört? Er hat bereits einen Wagen für dich gemietet. Du brauchst ihn nur abzuholen.«

»Dann wird es ja wieder nichts mit meinen freien Tagen. Ich hatte gehofft, er würde noch absagen oder es verschieben.«

»Können wir uns gar nicht leisten. Du schuldest mir noch das halbe Gehalt vom letzten Monat. Außerdem hat er bereits bezahlt. Der Betrag ist heute eingegangen. Ein verrückter Kerl.« Ina lachte verlegen, weil sie wusste, dass ihn ihre Äußerung über das Gehalt ärgerte. Ihr war klar, wie sehr er rackerte, um genau und pünktlich zu zahlen. »Aber das reicht immer noch nicht, um ehrlich zu sein …«

Er schwieg eine Sekunde. »Ich hol uns jetzt erst einmal hier unsere Prämie. Geh endlich nach Hause.«

Chris beendete das Gespräch und nahm die zwei Päckchen von der Rückbank, für deren Inhalt er um die halbe Welt gereist war. Dann stieg er aus.

****

Nicht schlecht, dachte Susan Achternbusch überrascht, als Chris eintrat. Schlank, kräftig, aber doch irgendwie feingliedrig, etwas über eins achtzig, volle dunkle Haare mit modisch kurzem Schnitt an den Seiten. Schnelle, straffe Bewegungen und etwa ihr Alter. Nur der Oberlippenbart und das belustigte Grinsen störten sie.

Susan Achternbusch war fünfunddreißig, leitete seit drei Jahren den Event-Service des Vorstands und wartete in der vier Meter hohen Eingangshalle der firmeneigenen Residenz, die vor anderthalb Jahren extra als angemessene Schlafstatt für den neuen Vorstandschef und seine Frau angeschafft worden war.

Chris wurde soeben von zwei Sicherheitsleuten mit einem Handdetektor nach metallischen Gegenständen gescannt. Er hielt dabei die beiden Päckchen in den erhobenen Händen und sah sich suchend um.

»Zarrenthin«, stellte er sich mit seiner leicht rauen Stimme vor, als er vor ihr stand. »Beeindruckend.« Seine graublauen Augen ruhten für eine Sekunde auf ihrer schlanken Figur, die von dem dunklen Kostüm noch betont wurde, und huschten dann weiter durch den Raum, sogen alles auf. Nicht verstohlen, sondern ganz offen neugierig.

An den Seiten der Halle gingen die Repräsentationsräume ab, während die Privaträume oben lagen. Auf dem aufwändig restaurierten Mosaikboden mit römischen Motiven lagen kostbare Perserteppiche, und die Empire-Möbel waren vermutlich von den renommiertesten Antiquitätenhändlern herangeschafft worden.

»Sie haben mich ganz schön ins Schwitzen gebracht. So auf die letzte Minute zu kommen.« Sie überging seine unverhohlene Neugier und musterte seinen dunklen Teint. »Die Gelegenheit zu einem Sonnenbad genutzt und dabei den Flieger verpasst, was?«

»Natur.« Er lachte amüsiert auf. Die Lachfalten um die Augen machten ihn noch sympathischer, und der dunkle, kurz gehaltene Bart über den geschwungenen Lippen störte sie plötzlich kaum noch. »Freuen Sie sich doch. Ich bin pünktlich und habe das, wonach Ihr Herz begehrt.«

Wieder zog dieses optimistische, gewinnende Lächeln über sein leicht kantiges Gesicht und verdrängte die nüchterne Entschlossenheit, die das kräftige Kinn und die Adlernase vermittelten.

Susan war irritiert, konnte ihn nicht einordnen. Schon am Telefon hatte er spielend die Zusatzprämie ausgehandelt, weil der vom Unternehmen gebuchte Flug wegen technischer Probleme gestrichen worden war. Er hatte eine Alternative suchen müssen, um jetzt hier zu sein.

Hinter ihr wurde es plötzlich laut.

Sein Blick wanderte sofort in Richtung des neuen Reizes. Susan Achterbusch bemerkte kleine gelbe Sprenkel in seiner Iris, dann dröhnte die Stimme des Bosses in ihren Ohren.

»Mitternacht! Wo ist der Höhepunkt des Abends? Susan!«

»Hier!«, rief sie und drehte sich um.

Der Boss kam auf sie zu. Groß, ungeschlacht, ein Berg von einem Mann in perfekt sitzendem Smoking.

»Sie sind der Kurier?«, donnerte er und starrte auf die beiden Päckchen.

»Ja, ich bin der Logistiker.«

Der Boss lachte auf, und seine Pranken fielen auf die Schultern von Chris und Susan Achternbusch.

»Langer Flug, was?«, fragte er und musterte Chris’ verknitterten Anzug. Herbert Scharff wurde in der Firma nur kurz »Boss« genannt, nachdem er vor anderthalb Jahren die kränkelnde Kaufhauskette als Vorstandsvorsitzender übernommen und gegen alle inneren Widerstände mit einem brutalen Sanierungskurs wieder in die Gewinnzone geführt hatte.

Tausende Arbeitsplätze waren dem zum Opfer gefallen. Die Aktionäre bejubelten und die gefeuerten Angestellten hassten ihn.

Heute war die Nacht, seinen Erfolg und das Kursfeuerwerk der letzten Wochen an der Börse zu feiern. Und der Boss verlangte daher nach einer ganz persönlichen Freude.

»Ich bin direkt vom Flughafen zu Ihnen gekommen, wollte Ihnen die Überraschung nicht verderben.«

»Schon gut, Jungchen«, brummte Scharff ungeduldig. Er drängte sich zwischen Chris und Susan Achternbusch und zog sie mit sich zum Salon, die feisten Hände auf ihren Schultern.

»Lass sie ja nicht fallen«, murmelte er zu Chris, als sie den Raum betraten. »Und benimm dich, sonst …«

****

Der Saal war voller Menschen in Abendgarderobe. Chris schätzte die Zahl auf Hundert, die sich ihnen nach und nach zuwandten.

Links neben dem Eingang waren Buffet und Bar aufgebaut, und am anderen Ende des Saales spielte auf einem kleinen Podest eine Band. Die Tanzfläche davor war voll. Die Tische standen rechts vom Eingang entlang der inneren Saalwand und waren festlich gedeckt.

Scharff zog ihn mit in Richtung Podium. Die Türen auf der linken Seite zum Garten hin standen offen, und auf der hell erleuchteten Terrasse genossen plaudernde Gäste die frische Abendluft.

»Reinkommen!«, rief Scharff in Richtung Terrasse und marschierte weiter auf das Podest zu.

Chris sah Gesichter, die ihm bekannt vorkamen. Politiker, Künstler, Leute, deren Konterfei die bunten Medienseiten zierten. Er unterteilte die Menschen in zwei Gruppen. Da gab es diejenigen, die mit Haltung, Gestik und Mimik das ausstrahlten, was auch Scharff ausstrahlte: Geld und Macht.

Und dann waren da die anderen, die im Schatten der Mächtigen segelten. Die Begleitpersonen jeder Couleur, die der Rahmung und Staffage dienten.

Chris dachte an die Nobelkarossen auf dem Parkplatz. Hier war so etwas wie das Eldorado für sein kleines Logistik-Unternehmen. Wenn er es geschickt anstellte, konnte er den Samen für den ein oder anderen Auftrag streuen.

Scharff zog ihn mit auf das Podium vor das Mikrofon.

»Herhören!«, rief Scharff in das Mikro, und die Musik brach abrupt ab. »Meine ganz persönliche Überraschung ist eingetroffen.« Er wandte sich an Zarrenthin. »Sie haben da zwei Kästchen. Unseren heutigen Schatz. Wo kommen Sie gerade her?«

»Guten Abend«, sagte Chris locker in das Mikrofon. »Ich bin Chris Zarrenthin von Zarrenthin Logistik und Ihr Dienstleister für die besonderen, kostbaren und vertraulichsten Transporte. Sowohl im persönlichen als auch unternehmerischen Bereich …«

»Das reicht aber als Werbung«, knurrte Scharff neben ihm.

»… und ich komme gerade aus der Karibik.«

Er machte eine Pause und lächelte gewinnend.

Chris fand den ganzen Auftrieb albern, aber wenn sein Auftraggeber es wünschte, dann machte er das Spiel eben mit. Es war leicht verdientes Geld.

Chris reichte die beiden Päckchen weiter. Augenblicklich wieselten zwei Kellner heran, die sie Scharff wieder abnahmen.

Auf einem kleinen Tisch, der urplötzlich wie hingezaubert dastand, rissen die Kellner das Papier von den Päckchen und brachen die Siegel.

Scharff beobachtete die Kellner bei jedem ihrer Handgriffe und forderte eines der Kästchen ungeduldig zurück.

Breit grinsend drehte er sich zum Mikrofon.

»Wie Sie wissen, bin ich leidenschaftlicher Zigarrenraucher. Und zur Feier des Tages habe ich daher eine echte Siegeszigarre einfliegen lassen.«

Scharff öffnete das Kästchen und nahm eine der Zigarren heraus. Sie war vom Format »corona grande«, dick und lang, die Einlage bestand aus fünf Tabakblättern, das sechste Blatt als Umblatt war besonders glatt und geschmeidig. Darüber war als zweite Haut das Deckblatt gewickelt, wofür nur die feinsten und teuersten Tabakblätter überhaupt verwendet wurden.

»Havanna?«, rief eine Stimme laut in das amüsierte Raunen, als Scharff an der Zigarre roch und den Duft sichtbar genüsslich einsog.

»Sag es ihnen«, knurrte Scharff zu Chris und sog weiter das Aroma genüsslich ein.

»Santiago de los Caballeros«, sagte Chris.

»Das liegt doch in der Dominikanischen Republik!«

»Richtig.«

»Also zweite Wahl.« Die Stimme des Mannes klang arrogant und verächtlich.

Chris schätze den Rufer auf Mitte vierzig. Zwei weibliche Schönheiten rahmten ihn ein, und seine Hände umfassten die Taillen der amüsiert kichernden Frauen.

»Nichts geht über eine Havanna. Sie liefern zweite Wahl. Wenn überhaupt … Hoffentlich sind das keine Bananenblätter.« Der Mann wieherte amüsiert auf. »Oder ›Davidof‹, mit einem ›f‹ geschrieben. Am Strand gekauft. Mann, Scharff!«

Schallendes Gelächter schlug Chris entgegen. Die beiden Frauen an der Seite des Mannes krümmten sich vor Lachen.

»Scheiße!«, zischte Scharff. Dabei lächelte er breit und winkte ab, als ein Kellner die Zigarre einschneiden wollte. »Das ist einer meiner wichtigsten Geschäftspartner. Hubert Schuster. Unendlich viel Geld und Einfluss. Er hat von nichts ’ne Ahnung, aber das darf man ihm nicht zeigen.«

Du Pfeife!, schoss es Chris durch den Kopf. Ich bin müde, seit ewigen Zeiten auf den Beinen und komme hierher, um mich verarschen zu lassen?

»Vermutlich nur geerbtes Vermögen. Nichts selbst erarbeitet, was?«, murmelte er bissig.

Er spürte ein Kribbeln im Nacken, direkt unter dem Haaransatz. Er kannte dieses Kribbeln. Es war ein Warnsignal, das ihn noch nie im Stich gelassen hatte. Sein Problem war, dass er es manchmal ignorierte.

In solchen Sekunden hasste er seinen Job. Fußabtreter, missachtet, Knallcharge für die, die es sich leisten konnten. Lächeln und schlucken, damit die Aufträge reinkamen. Der Kerl hatte Kohle, aber das gab ihm noch lange nicht das Recht, sich auf seine Kosten lustig zu machen.

»Machen Sie keine Dummheiten!«, murmelte Scharff, der Chris’ versteinertes Gesicht sah. »Kein Platzhirschgehabe.«

Lass es sein! Schlucken! Wieder einmal! Okay.

Chris tat, als wäre er selbst amüsiert, grinste, nickte anerkennend und hob geschlagen die Arme. Dann drehte er sich ab, um vom Podest zu steigen.

»Stopp!« Die Stimme dröhnte herrisch.

Chris drehte sich um.

Schuster grinste frech.

Alle konzentrierten sich auf die Kraftprobe. Die Spannung war in die Gesichter geschrieben, denn sie gierten auf einen Höhepunkt, auf den Tratsch danach.

»Lass gut sein, Jungchen! So wirst du nie Entrepreneur des Jahres. Eher eine Ich-AG.«

Das brüllende Gelächter explodierte wie eine Handgranate. Die Splitter der Geringschätzung zerfetzten Chris’ Beherrschung.

Polier ihm die Visage, lass dich nicht von so einem Typen auf den Arm nehmen, flüsterte eine innere Stimme namens Stolz.

»Woran machen Sie das fest?«, fragte Chris. »Ich bin Logistiker …«

»… so nennt man Boten heute, ja?«

Wieder erscholl Gelächter, wenn auch diesmal gespannt.

»… und ich bin kein Zigarrenexperte. Sie sehr wohl, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Keine Dummheiten!«, zischte der Boss neben ihm wieder. »Der Mann ist nachtragend. Und ich auch!«

Hubert Schuster zögerte einen Moment, sah zu seinen beiden Begleiterinnen, die ihn aufmunternd anstießen: Na los, zeig es ihm, setz noch einen drauf.

»Allein der besondere Boden in Kuba, auf dem die Pflanze wächst, Mineralien aufnimmt. Das ist wie mit Wein. Der Boden macht sehr viel aus.« Die Stimme von Schuster klang satt und zufrieden. Er hatte mittlerweile eine der Zigarren in der Hand und roch daran. Dann verzog er das Gesicht, als habe er die minderwertige Qualität sofort erkannt.

»In der Dominikanischen Republik werden drei Mal so viel Zigarren gerollt wie in Kuba«, sagte Chris.

»Sage ich doch: Masse statt Klasse.«

Schuster stieß es höhnisch aus, und die umstehenden Gäste lachten wieder. Chris registrierte den nervösen Unterton bei einigen. Sie waren neugierig auf das Duell, solange die richtige Seite gewann.

»Der Boden ist der gleiche wie in Kuba«, sagte Chris laut in das abebbende Gelächter hinein. »Daran kann es nicht liegen.«

Die Stimmen verstummten, und in die Gesichter trat interessierte Spannung.

»So?«

Hubert Schuster starrte böse auf das Podium. Er war Widerspruch nicht gewohnt.

»Beide Inseln gehören zu den Großen Antillen. Beide haben tropisches Klima, beide liegen zwischen dem 18. Breitengrad und dem Wendekreis des Krebses …«

»… machen wir jetzt Erdkunde?« Hubert Schuster schob seine beiden Schönen etwas zur Seite.

Chris stand mit beiden Beinen fest und gerade auf dem Boden, die Arme halb geöffnet, die Hände in Brusthöhe. Er strahlte mit seiner Ruhe und seiner freundlichen Gelassenheit absolute Überzeugung aus.

»… und beide Inseln bestehen aus denselben Graniten, aus demselben alten Eruptivgestein mit identischen Sedimenten aus der Kreidezeit …« Chris’ raue Stimme klang nachsichtig, fast schon herablassend.

»… nun ja«, erwiderte Hubert Schuster plötzlich schwach.

»… und nichts, aber auch gar nichts an der Bodenqualität ist im Westen Kubas, in der Vuelta Abajo, besser als im Cibao-Tal in der Dominikanischen Republik.« Chris lächelte falsch. Er war plötzlich froh, so ausführlich mit dem Zigarrenhersteller gesprochen zu haben.

Die Köpfe wandten sich zu Schuster, der mit zornesrotem Gesicht dastand und einen Moment überlegte, ehe er in die Falle tappte.

»In Kuba haben sie ganz andere Tabakpflanzen. Die Pflanze an sich, das ist es, was diesen entscheidenden Unterschied letztlich wirklich ausmacht.« Seine Stimme triefte vor Lässigkeit. Er sah zufrieden in die Runde, und einige der Gäste nickten heftig.

»Ich muss Ihnen da leider erneut widersprechen.« Chris’ Stimme war leise, freundlich und klar.

Der Blick der Blondine an Schusters Seite hakte sich in Chris’ Augen fest. Ihre Iris weitete sich, und sie öffnete den Mund, biss die Zähne fest aufeinander und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Chris registrierte ihre Warnung, aber jetzt musste er es zu Ende bringen.

So war das mit den Kämpfen. Das hatte er in seinem Leben immer wieder erfahren müssen: Ab einem bestimmten Punkt musste er durch, egal, was danach passierte.

Chris wartete, bis Schuster aufbrausen wollte, und wechselte die Tonlage. Kalt und ätzend fuhr er ihm über den Mund.

»Sie kennen offensichtlich die Siedlungsgeschichte Kubas nicht. Was meinen Sie, was die dominikanischen Siedler mitbrachten, die im 18. und 19. Jahrhundert vor den ständigen Unruhen auf ihrer Insel flohen und in Kuba den Tabakanbau aufzogen?« Chris bemerkte den leicht triumphierenden Unterton in seiner Stimme und legte erneut eine kalkulierte Pause ein. Der Kerl hatte ihn zu sehr gereizt mit seiner arroganten Art. Für seine letzten Worte schaltete er auf triefenden Hohn um. »Ich will es Ihnen verraten. Sie brachten ihren Tabaksamen mit. Noch Fragen?«

Schuster schwieg und presste die Lippen zusammen. Sein wütender Blick wanderte zu Scharff. Die Gäste starrten peinlich berührt zu Boden.

»Idiot«, murmelte Scharff. Er gab dem Orchester ein Zeichen, die peinliche Stille mit einer schwungvollen Melodie zu durchbrechen, damit die Gäste auf die Tanzfläche ausweichen konnten.

Scharff stieg vom Podium, ohne Chris eines Blickes zu würdigen. Er legte Schuster den rechten Arm um die Schulter und zog ihn weg.

Chris stand allein auf dem Podium. Neben ihm kramte einer der Kellner die Zigarrenutensilien zusammen und gluckste in sich hinein.

Unten bahnten sich Scharff und Schuster einen Weg. Plötzlich drehte Schuster sich um. Er streckte die rechte Hand aus, tat, als sei der Zeigefinger der Lauf einer Waffe, die auf Chris gerichtet war, und deutete einen Schuss an. Dann bedeckte er mit seiner linken Hand kurz die Augen.

Kapitel 4

 

TOSKANA
DONNERSTAG

Chris war locker und entspannt. Es war wie eine Fahrt in den Urlaub. Die Höhen des Apennins im Hintergrund, schweifte sein Blick über die Weiten der Ackerflächen und endlosen Weinberge. Die Bergrücken verschwammen im Schein der Sonne wie sanft fließende Wellen, weich gezeichnet mit einem breiten Pinsel. Endlose Trockensteinmauern säumten die Wege.

Er hatte in einer Pension in München übernachtet und am frühen Morgen den vom Grafen vorbestellten Mietwagen übernommen. Über Innsbruck und Bozen war er mit dem silberfarbenen Mercedes E 220 nach Verona, dann weiter Richtung Bologna und Florenz gefahren. Auf einem Parkplatz hatte er spontan ein junges Tramperpärchen mitgenommen, das per Anhalter Richtung Rom unterwegs war.

Anja und Philipp wollten die Ewige Stadt erkunden und den Papst sehen. Die ganze Zeit hatten sie über Gott und die Welt geredet, und Chris genoss die Ausgelassenheit und das Lachen der knapp Zwanzigjährigen, als sein Handy klingelte.

»Seid bitte mal einen Augenblick ruhig, ja?« Er sah die Nummer auf dem Display und stöpselte sich den Hörer ins Ohr.

Es war Ina. Sie wollte ausnahmsweise früher nach Hause gehen und schnell noch die Aufträge für die anderen Kuriere in der kommenden Woche durchsprechen. Als sie anschließend nach dem Wetter fragte, unterbrach er sie.

»Ina, sag, was du sagen willst.«

Sie druckste herum. »Der Steuerberater hat angerufen«, sagte sie endlich. »Er macht sich Sorgen um uns. Klar ausgedrückt: Wir machen im Moment kräftig Miese. Die ersten Monate waren katastrophal. Das deckt sich mit dem Kontoauszug, den die Bank geschickt hat. Lauter Minus-Zeichen.«

»Ich weiß, dass es nicht rosig aussieht.« Die Bank hatte ihm beim letzten Besuch gedroht, die ohnehin knappe Kreditlinie zu kappen, wenn nicht bald etwas geschah.

Chris blickte kurz zu Philipp auf dem Beifahrersitz. Der junge Tramper horchte interessiert. Ihre Augen trafen sich. Philipp verstand und hörte weg.

»Das ist nun einmal so in Wachstumsphasen. Da muss erst investiert werden, bevor …«

»Hör auf«, flüsterte Ina beschwörend durchs Telefon. »Ich habe dich gewarnt. Die zwei neuen Jungs sind zu viel auf einmal. Und mit den Dumpingpreisen holen wir zwar mehr Aufträge, aber keine Gewinne.«

Er hatte im Herbst zwei neue Kuriere eingestellt, als er mit seinen beiden Studenten nicht mehr hinterhergekommen war. Sie waren jetzt zu fünft plus Ina im Büro. Aber er hatte sich verkalkuliert, was die Steuerung und die Akquise von Aufträgen für fünf Kuriere anging. Außerdem gab es Kunden, die Wert darauf legten, dass nur er ihre Aufträge erledigte. Sie sahen es als ausgesprochenen Vertrauensbeweis, dass er ihre Urlaubskleidung in den Ferienort transportieren durfte. Jede Änderung war irritierend, und Chris hatte die Empfindlichkeit mancher Kunden einfach unterschätzt.

Wie er es auch anstellte, er kam auf keinen grünen Zweig. Entweder reiste er selbst und stand für die Jagd nach Aufträgen nicht zur Verfügung oder umgekehrt.

»Der Graf hat doch schon bezahlt, sagtest du gestern Abend.«

Ina schwieg, und er dachte schon, die Verbindung sei abgebrochen.

»Klar«, sagte sie schließlich. »Aber dafür gibt es andere Ausfälle. Da sind heute Morgen telefonisch vier Kündigungen reingekommen. Die werden uns nicht mehr beauftragen. Das Schlimme ist: Es waren feste, regelmäßige Aufträge.«

Chris stutzte. Er sah im Rückspiegel, dass die junge Anhalterin aus dem Fenster sah und sich bemühte, nicht auf seine Worte zu achten.

»Was soll das heißen?«

Ina lachte nervös.

»München lässt grüßen. Du musst gestern Nacht einen eindrucksvollen Auftritt gehabt haben.«

»Scharff? Das Kaufhaus?«

»Eine – ja. Zwei Kündigungen kamen von Sprenger in Augsburg und der Niederlassung hier in Köln. Die vierte stammt von Könemann in Essen. Hast du jemandem mit dem Vorschlaghammer die Füße platt geschlagen?«

»Schwachsinn.«

»Jedenfalls scheint ein Chef mit dem anderen gesprochen zu haben, und wir sind raus.«

Zarrenthin fluchte. »Woher weißt du das?«

»Die Kündigung des Kaufhausauftrages hat eine Frau Achternbusch durchgegeben. Sie sagte, sie rufe ausdrücklich im Auftrag ihres Chefs an … auch die Prämie gäbe es nicht, der Boss sei sauer.« Ina hielt inne. »Was hast du gemacht?«, fragte sie dann. »Hast du dich wieder einmal hinreißen lassen?«

»Warum mach ich diese Scheiße überhaupt?« Chris drosch wütend auf das Lenkrad. »Ich hätte ein braver Bulle bleiben sollen.«

»Ärger?«

»Und ob!« Chris erinnerte sich an die beiden Tramper und lächelte schief. »Sorry. Mein kleines Unternehmen hat gerade ein paar Probleme.«

»Soll es ja geben.« Philipp nickte ernst. »Meine Eltern hatten mal ein Geschäft für Musikinstrumente. Auch vorbei.«

»Pleite?«, fragte Chris.

»Nee, verkauft. Sie haben einen guten Schnitt gemacht. Sie leben jetzt auf Mallorca, und ich hab genug für das Studium.«

»Und bei Ihnen?« Chris sah in den Rückspiegel. Philipps Freundin Anja fuhr sich mit beiden Händen durch die kurzen, dunklen Haare, die ihrem Gesicht einen strengen Ausdruck verliehen. Ihre Stimme war dagegen weich und samtig.

»Mein Vater ist Arzt, eigene Praxis – Urologe. Über die Jahre aufgebaut. Heute geht es schlechter als früher, aber insgesamt ist es wohl okay.«

Gute Startbedingungen, dachte Chris. Seine Eltern, Maurer und Verkäuferin, hatten mit nichts in der Hand ihren Lebenstraum vom eigenen Haus verwirklicht und sich beinahe übernommen, als die Mutter nicht mehr hatte dazuverdienen können, weil sie die Großeltern pflegen musste. Da war lange Zeit für nichts anderes Raum gewesen.

»Sie waren bei der Polizei?«, fragte Philipp nach einer kleinen Pause.

»Ganz schön neugierig.«

»Ihre Andeutung eben. Wenn das zu persönlich ist … Entschuldigung!«

Sie hatten sich die ganze Zeit unterhalten, und Chris wusste mittlerweile eine ganze Menge über die beiden. Warum sollte er nicht die Offenheit erwidern?

»Ich bin nach der Realschule in den Aktenkellern eines Amtsgerichts gelandet. Ich sollte eine Ausbildung zum Rechtspfleger machen. Mein leuchtendes Vorbild war ein Beamter, der seit ewigen Zeiten Grundbuchauszüge bearbeitete und darüber dem Suff verfallen war. Seine Frau betrog er mit der Schreibkraft regelmäßig auf den Tischen zwischen den Aktenbergen.«

»Blendende Aussichten …«

»Eben. Ein Albtraum. Bloß weg. Ich glaube, keine drei Monate habe ich es ausgehalten. Ich bewarb mich bei der Polizei – Grundausbildung, Bereitschaftsdienst, Kriminalpolizei. Irgendwann Morddezernat – die Niederungen des menschlichen Daseins. Und mehr Schreibtischarbeit, als man jemals annehmen würde. Anfang der Neunzigerjahre ging ich zu einem Mobilen Einsatzkommando. Ich genoss den abenteuerlichen Kitzel – die Under-cover-Einsätze verlangten eigenständige und schnelle Entscheidungen. Die Zentrale war manchmal weit weg.«

»Was macht man da denn so?« Philipps weiche Gesichtszüge unter dem weißblonden Haar spannten sich vor Neugier.

»Observationen. Den ganzen Kofferraum voller falscher Nummernschilder zum Austauschen, um nicht aufzufallen.« Chris lächelte ihn spöttisch an. »Verdeckt ermitteln. Mit falschen Papieren und Legenden in die Drogenszene eintauchen, vor Ort Informationen sammeln. Drogenkuriere von der polnischen Grenze über die Autobahn bis nach Köln verfolgen und dann zuschlagen. Oder einen Ingenieur über Monate observieren, der die Baupläne des Eurofighters meistbietend verkaufen will.«

»Ich dachte immer, die SEKs machen die gefährlichen Sachen.«

»Das habe ich meiner Frau auch erzählt, um sie zu beruhigen. Aber ganz so ist es nicht. Die Leute von den SEKs werden zum Showdown gerufen, gefährliche Zugriffe, Geiselnahmen. Sie handeln als Team, schwer bewaffnet, mit klaren Fronten, eindeutiger Gefahrensituation. Einsätze der Mobilen Einsatzkommandos laufen häufig anders ab: eher in der Ermittlungsphase, manchmal auch unbewaffnet. Je nach Auftrag ist man auf sich allein gestellt und nicht abgeschirmt – wie ein Geheimagent im Feindesland.«

»Und das hat Ihre Frau mitgemacht?« Anja staunte, dass es in solch einem Leben wohl auch einen Platz für eine Frau gab.

»Eben nicht.«

»Hätte mich auch gewundert!«, entfuhr es ihr.

Chris erinnerte sich an die spontanen Gefühle und stürmischen Monate, in denen er Petra kennen gelernt hatte. Sie hatten schnell geheiratet, und die Liebe hatte eine Weile über seinen Drang triumphiert, noch mehr zu erleben als ermüdende Schreibtischarbeit.

»Sie war gegen meinen Wechsel zum Mobilen Einsatzkommando. Oft wusste sie tagelang nicht, wo ich mich rumtrieb. Anrufen war manchmal einfach nicht möglich. Sie wollte, dass ihr Mann abends nach Hause kam und sich mit um die Kinder kümmerte, die wir zeugen wollten.«

»Ist das denn das Schlechteste, was einem passieren kann?«, hielt Anja dagegen.

»Sicher nicht.« Chris erzählte von dem samstäglichen Einkaufsbummel, als er plötzlich von einem Mann unter ganz anderem Namen angesprochen worden war. Der Kerl hatte ihm auf der Straße gedroht und hatte dabei Petra düster gemustert. Chris hatte sie noch am gleichen Nachmittag für drei Wochen zu ihrer Mutter geschickt, bis sein Einsatz beendet war.

»Sie hat mir danach erklärt, Kinder kämen so lange nicht in Frage, wie ich solch gefährliche Jobs machen würde.«

»Würde ich auch so halten«, sagte Anja. »Ich hätte das bis dahin schon nicht mitgemacht.« Sie schwiegen eine Weile. »Aber wie wird man dann … Logistiker?«

Chris schnaufte, als schüttele er einen Schlag auf die Nase ab.

»Meine Frau fand die Bestätigung zum Eignungstest bei der GSG 9 in meiner Jackentasche.«

»Das ist doch diese Spezialeinheit auf Bundesebene«, sagte Philipp. »Da haben Sie ja noch einen draufgesetzt.«

»Angeblich kann ich stur sein.« Chris hatte plötzlich die hässlichste Szene ihrer Ehe vor Augen. Ihr beider Geschrei hatte das ganze Haus geweckt, und es war so viel Geschirr zu Bruch gegangen, dass Nachbarn besorgt die Polizei gerufen hatten.

Am meisten hatten sie sich mit Worten verletzt: wie mit einem Skalpell ins Herz hinein. Sie hatte ihn verlassen, hatte mit seinen eigenmächtigen Entschlüssen nicht weiterleben wollen.

»Und dann?«

»Ich scheiterte beim Aufnahmetest.«

»Autsch.« Philipp biss sich auf die Unterlippe.

Chris sah zum Seitenfenster hinaus. Er hatte die Situation immer noch klar vor Augen: Sie saßen in einer Betonbaracke. Der Raum war absolut kahl, bestand nur aus weißen Wänden und Neonlampen, und der Scharfrichter war so emotionslos wie ein toter Fisch. Der Psychologe der GSG 9 bescheinigte ihm einen Hang zu spontanen, eigenmächtigen und unabgestimmten Handlungen. Seine große Schwäche läge somit in einer nur begrenzten Teamfähigkeit, weil seine impulsiven und manchmal sehr überraschenden Entschlüsse ein ganzes Team gefährden könnten. Das aber sei ein eindeutiges Ausschlusskriterium für die GSG 9.

Diese Beurteilung hatte ihn wenig später auch bei seinen bisherigen Vorgesetzten in die Klemme gebracht. Er hatte bei einem Einsatz gegen Drogendealer die Entscheidung zum Zugriff getroffen, weil ihm die Gelegenheit günstig erschienen war, anstatt auf die anderen Jungs zu warten. Sein Partner hatte einen Schuss in die Brust davongetragen und nur knapp überlebt. Sein Chef hatte ihn dafür verantwortlich gemacht und die Bewertung des Psychologen gezückt …

»Alles auf einmal«, murmelte Philipp.

»Ich schmiss hin«, sagte Chris, der immer noch an der Beurteilung zu kauen hatte. »Ich hatte den Chef eines privaten Sicherheitsdienstes kennen gelernt, der Prominente schützte und Firmen in Sicherheitsfragen beriet. Damit ließ sich gutes Geld verdienen.«

»Hört sich auch spannend an.«

»Aber auch da lief es so wie überall im Leben. Das Ende kam nach zwei Jahren, als ich einer zweitrangigen Schlagersängerin bei einem Konzert als Personenschutz zugeteilt war und verhinderte, dass ein übereifriger Fan ihr zu nahe kam. Der junge Mann ließ sich nicht bändigen, ich schlug irgendwann zu, als er mir die Finger in die Augen stoßen wollte, und brach ihm eine Rippe. War nicht beabsichtigt, ist aber passiert. Dummerweise war es der Sohn der Sängerin, der seine Mutter hatte überraschen wollen. Es drohte eine Anzeige wegen Körperverletzung, Schmerzensgeld, und die Sängerin verlangte meinen Rausschmiss, wenn es weitere Aufträge für das Unternehmen geben sollte. Stress mit dem Chef – klar!«

»Und da haben Sie Ihr eigenes Unternehmen gegründet.«

»Ja – mit einer geklauten Geschäftsidee.« Chris lachte. »Das Unternehmen baute gerade einen Geschäftszweig auf, in dem es für Prominente und Firmen all das transportierte, was diese nicht der Post anvertrauen wollten. Dazu gehörte der Schmucktransport zum Urlaubsort für die reiche Millionärsgattin ebenso wie der Transport von Blaupausen für eine neue U-Boot-Generation von einer Werft zum Verteidigungsministerium. Ich sagte mir, das kann ich auch.«

»Hört sich einfach an«, meinte der Tramper.

»Na ja – ich hatte die Telefonnummer eines Kunsthändlers, den ich noch als Angestellter der Sicherheitsfirma mehrmals zu Auktionen begleitet hatte. Einmal hatte ich verhindern können, dass ein Taschendieb ihm eine kostbare assyrische Statuette entwendete. Den rief ich also an. Zwei Wochen später war er mein erster Auftraggeber. Er hat mir danach Referenzen ausgestellt und auch weitere Kunden vermittelt.«

»Und zu dem Kunsthändler fahren Sie jetzt!«, sagte Philipp.

»Zu dem fahre ich.«

»Auch wenn es gerade nicht so gut läuft – der Mann hat etwas gut bei Ihnen, oder? Sie wären damals doch sonst kaum auf die Beine gekommen.« Anja sagte es ganz nüchtern, ohne Wertung. Chris sah in den Rückspiegel. »O ja, der Graf hat tatsächlich etwas gut bei mir.«

****

Nachdem Chris die Tramper wieder abgesetzt hatte, genoss er die entspannende Ruhe der einsamen Fahrt.

Sein Ziel lag auf einem flachen Bergrücken in der Senese, nicht weit von Siena entfernt. Eine Zypressenallee führte durch Felder und Weinberge an endlosen Trockensteinmauern zum Anwesen des Grafen hinauf, das durch eine über zwei Meter hohe Mauer aus Feldsteinen geschützt wurde. Das hohe schmiedeeiserne Einfahrtstor stand weit offen.

Vier Wachposten hielten ihn an. Sie waren mit weißen, kurzärmeligen Hemden und dunkelblauen Hosen bekleidet. Alle trugen schwere Gürtel mit Pistolenholster, zwei hielten Maschinenpistolen in den Händen.

»Ziel woanders hin«, knurrte Chris, denn einer der Wachposten richtete den Lauf der Maschinenpistole auf seinen Unterbauch. Sie nickten stoisch, holten über Funk Anweisungen ein und durchsuchten den Wagen, tasteten ihn ab und öffneten seine Reisetasche, wühlten ungeniert in seiner Schmutzwäsche.

Endlich konnte er die breite Auffahrt zum Haus hinauffahren. Beide Seiten der Zufahrt waren mit Beeten begrenzt. Blumenamphoren und Orangenbäumchen in Terrakottakübeln säumten die Wege an streng symmetrisch ausgerichteten Standorten. Pergolen aus Wein und Kletterpflanzen spendeten Schatten, und die Wege waren mit farbigen Kieseln bedeckt.

Das Gebäude mit seiner hellen Putzfassade entsprach dem klassisch antiken Stil. Lediglich zwei kleine Türme an der Vorderfront waren die letzten Hinweise auf die ursprüngliche Form, als toskanische Villen mit ihren Wehrtürmen und Umgängen mittelalterlichen Burgen geglichen und als Fluchtort vor der Pest und städtischer Sommerhitze gedient hatten. Ein Springbrunnen plätscherte am Ende der Auffahrt, eingerahmt von zugeschnittenen Figuren aus Buchsbaum und Lorbeer.

Chris stieg aus und machte die steifen Glieder durch ein paar Streckübungen geschmeidiger, bis sich die Eingangstür öffnete.

Antonio Ponti stand in der Tür. Schlank, mit einer Eleganz in der Haltung, wie sie nur echte Südländer ausströmen.

Chris hob grüßend die Hand und ging auf den Italiener zu. Der Ex-Carabiniere war seit Jahren Forsters Sicherheitschef und Leibwächter. Antonio Ponti war wie er Ex-Polizist und hatte davor in der Spezialeinheit GIS Gruppo di Intervento Speciale in Livorno gedient, die zu den besten polizeilichen Spezialeinheiten Europas gehört.

Chris hatte Ponti gleich bei seinem ersten Auftrag kennen gelernt, als er Forster von Köln nach Genf chauffiert hatte. Auch bei späteren Gelegenheiten hatten sie den Kunsthändler gemeinsam begleitet, sich beschnuppert und Erfahrungen ausgetauscht.

Statt der nachdenklichen Fröhlichkeit, die Pontis schmales Gesicht sonst auszeichnete, zerfurchten heute steile Falten seine Stirn. Er grüßte kühl, dann ging er zur Seite.

Forster trat in die Tür, den rechten Arm zur Begrüßung weit ausgestreckt, während er sich mit der Linken auf einem Krückstock abstützte.

Chris betrachtete den kunstvoll geschnitzten Stab, den oben am Knauf eine weiße Hand mit blauen Adern umklammerte. Überrascht starrte er den Grafen an. Er kannte einen Karl Forster, der nur so vor Vitalität strotzte, auch wenn er bei der letzten gemeinsamen Reise nach Dubai etwas wackelig gewirkt hatte.

Dieser Karl Forster jedoch war ein Wrack.

****

Forsters Villa war im klassischen Stil erbaut. Neben dem großen Saal gab es den cortile, den Innenhof, der einfach und landestypisch gestaltet war.

Die ockerfarbenen Wände harmonierten mit den einfachen Steinplatten des Fußbodens, und der Freskenschmuck diente als dezente Ergänzung. Terrakottakübel mit blühenden Pflanzen grenzten als Blickpunkte einzelne Bereiche des Innenhofes ab, der sparsam möbliert war. Zwei Bänke, ein Tisch, zwei Stühle, alles war aus einfachem Holz gezimmert und dunkel gebeizt.

Ponti zog sich zurück, und ein Kellner brachte Getränke, während Forster sich keuchend eine Bank aussuchte und sich schwer darauf fallen ließ.

Chris war dankbar für das Wasser und trank das Glas in einem Zug leer. Forster winkte, und der Kellner schenkte zwei Gläser Brunello di Montalcino ein. Forster schnalzte anerkennend mit der Zunge, nachdem er den Wein gekostet hatte.

Zunächst blieb das Gespräch allgemein. Forster erkundigte sich nach der Fahrt, fragte, wie die Geschäfte gingen, und verzog das Gesicht, als Chris ihm von seinen Schwierigkeiten berichtete. Er nickte verstehend, als Chris ihm die Hintergründe erläuterte.

Während Forster über mögliche Gegenmaßnahmen sinnierte, musterte Chris seinen Auftraggeber kritisch. Forster war über sechzig Jahre, aber er sah aus wie ein Greis.

Von seiner früheren Vitalität war nichts geblieben. Er war klapprig, schaukelte selbst im Sitzen unbeholfen hin und her und stützte sich auf den fein geschnitzten Krückstock. Beim Reden rasselte sein Atem, manchmal wirkte er zerstreut, suchte nach dem Gesprächsfaden.

Chris war entsetzt. Das Gesicht des Grafen war eingefallen, ausgemergelt, grau, kraftlos, die Haare strähnig. Der Zerfall des Mannes tat ihm weh, weil sich zwischen ihnen, ohne dass sie je darüber gesprochen hatten, fast so etwas wie Vertrautheit entwickelt hatte.

»Sehen Sie mich nicht so an«, murmelte Forster. »Ich weiß, wie wackelig ich wirken muss. Was Sie noch nicht mal ahnen: Ich fühle mich noch viel elender, als ich aussehe.«

Chris sah Forster fragend an, der böse lächelte.

»Sie wissen nicht viel über mich. Ich weiß viel mehr über Sie, richtig?«

Chris nickte und trank einen Schluck Rotwein. Mit all seinen Fragen und Kommentaren hatte er doch nie die unsichtbare Grenze übertreten, die Forster um sein Leben aufgebaut hatte und die immer dann erreicht war, wenn er einfach keine Antwort auf Chris’ Fragen gab.

Forster war da ganz anders, er hatte immer ungeniert Fragen gestellt, penetrant nachgehakt und Chris Details entlockt, die sonst ein Auftraggeber nie erfahren würde. Chris sah in seiner Offenheit mit einen Grund, warum der Graf ihn immer wieder für Jobs heranzog.

»Dies wird der letzte Auftrag sein, den Sie für mich ausführen. Sie werden mir helfen, Buße zu tun. Und dann werde ich diesem Jammertal den Rücken kehren.«

»Ich verstehe nicht.«

Chris überkam eine unangenehme Spannung, die er so noch nie in der Gegenwart des Grafen gespürt hatte. Sein Nacken war mit einem Schlag steif und die Muskelstränge hart wie Stahlseile.

»Natürlich nicht.« Forster lachte keuchend und sah Chris mit seinen blassblauen Augen durchdringend an. »Morbus Parkinson. Sie haben bei mir Parkinson festgestellt. Sie sehen ja selbst, mein Körper zerfällt unaufhaltsam.«

Chris schlug die Augen nieder.

»Ich kenne mich da nicht so aus …«

»Eingeschränkte Motorik, unkontrollierte Körperreaktionen, frühzeitige Vergreisung der schlimmsten Art. Am Ende völlige Hilflosigkeit, vollkommene Bewegungslosigkeit. Ganze Gehirnregionen sterben ab. Scheißleben!«, krächzte Forster erregt. »Noch bin ich geistig voll da, aber Depressionen, Psychosen und Demenz haben ihre Kundschafter schon ausgesandt. Ich verstecke mich zwar vor ihnen, aber bald werden sie mich gefunden haben.«

Chris wartete und schwieg. Forsters plötzliche Erregung ebbte nur langsam ab. Chris ahnte eine unangenehme Woche und fragte sich, ob er neben seinen eigenen Problemen auch noch die seines Auftraggebers verkraften wollte.

»Daher habe ich beschlossen, Buße zu tun und dann zu sterben.«

Als Chris überrascht den Mund öffnete, hob Forster schlaff die rechte Hand.

»Kein Wort zu meiner Entscheidung. Ich erzähle Ihnen das nicht, damit Sie es kommentieren. Ich will nur erklären …«

»… aber …«

»In der Schweiz gibt es zum Glück Sterbehilfeorganisationen, die einem dabei helfen, den Wunsch nach dem eigenen Tod in angemessener Weise zu erfüllen. Das alles ist eingeleitet und vorbereitet.«

»Man geht nicht so einfach von dieser Welt«, murmelte Chris nach einer Weile.

»Ich schon.« Forster lachte böse auf. »Es ist entschieden, und ich will nicht weiter mit Ihnen darüber diskutieren. Ich habe Ihnen das nur gesagt, damit Sie besser verstehen, was ich von Ihnen will. Mit mir geht es rapide abwärts. Jeden Tag wird es schlimmer. Die Pillen, mit denen ich durchhalte, sind reine Wasserstoffbomben. Trotzdem helfen sie immer nur eine gewisse Zeit und kompensieren längst nicht mehr alle Ausfälle.«

Chris starrte Forster an. Es gab in diesem Moment nichts Vernünftiges, was er sagen konnte. Der Mann hatte ein ganzes Leben hinter sich, und es schien, dass er immer gewusst hatte, was er tat.

»Ich will nicht in den Zustand kommen, vollkommen hilflos ans Bett gefesselt zu sein, während in meinem Kopf Psychosen den letzten klaren Gedanken zerfressen. Verstehen Sie das?«

Ihre Blicke verhakten sich.

Die Leere in Forsters reglosen Augen war unendlich. Obwohl sie sich anstarrten, sahen sie sich nicht. Nach einer Weile zuckten Forsters Augenlider und lösten den Bann.

Schließlich nickte Chris, nur um eine Reaktion zu zeigen. Er konnte nicht mitreden. Seine Großeltern waren im Alter klaglos von seiner Mutter betreut worden. Und da seine Eltern vor zehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte er die Nöte und Sorgen eines hohen und durch Krankheit geprägten Alters noch nicht aus der Nähe kennen gelernt.

»Wenn es denn so weit ist, wird die Linie der Forsters aussterben. Und die der Steiners auch.«

»Gibt es keine Verwandten?«, fragte Chris, ohne zu wissen, wen Forster mit dem zweiten Namen meinte.

»Entfernte. Sehr weit entfernte. Nichts von Bedeutung für die Sicht, die ich habe. Nein, meine Linie stirbt aus.«

»Sie haben keine Kinder?«

Forster starrte vor sich hin, dann lachte er geringschätzig auf.

»Wenn dem so wäre, würde ich vielleicht anders handeln. Aber nein, ich habe keine Kinder.« Der Graf hob den Stock und schlug auf die Tischplatte. Es knallte. Er drosch den Stock noch einmal auf die Platte. »Ich habe alles Mögliche getan, um diesen Zustand zu ändern. Ich habe mich mit jungen Frauen liiert, wollte sie als Gebärmaschine benutzen, habe ihnen viel Geld geboten, wenn sie mir Kinder zur Welt bringen. Aber Geld nützt da leider nicht viel.«

Chris meinte, Feuchte in den Augen des alten Mannes zu sehen. Forster drehte den Kopf kurz zur Seite. Als er Chris wieder ansah, war die Feuchte verschwunden.

»Meine Spermien sind tot. Absolut tot. Keine Fortpflanzungskraft. Mein Versagen wurde mir von drei der besten medizinischen Fakultäten der Welt bestätigt. Nicht einmal eine künstliche Befruchtung würde erfolgreich sein.«

Chris war unangenehm berührt und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Da saß ein im Grunde fremder Mensch, für den er seit ein paar Jahren regelmäßig gut bezahlte Aufträge erledigte, und eröffnete ihm das Innerste seiner Seele, übergoss ihn mit einem Strom an Bitterkeit.

Forster wurde mit einem Mal todernst. »Und so habe ich beschlossen, etwas von der Schuld abzutragen, für die meine Familie und ich verantwortlich sind.« Er rief mit brüchiger Stimme mehrmals nach seinem Diener, der kurz darauf mit einem großen Tablett erschien und das Abendessen servierte.

»Crostini, Wildschwein, Carciofini, Fasan, Pecorinokäse. Hervorragend!« Forsters Augen leuchteten kurz auf, und er nickte Chris aufmunternd zu. »Das ist es, was mir in der Hölle fehlen wird.«

Kapitel 5

 

MONTECASSINO
DONNERSTAG

Monsignor Tizzani starrte aus dem Fenster des Wagens. Die breite Ebene am Fuß des Berges trat immer mehr in den Hintergrund. In der Ferne sah er die Autobahn Rom-Neapel, auf der sich eine endlose Schlange von Fahrzeugen wand.

Die schmale Straße vor ihnen quälte sich neun Kilometer den Berg hinauf. Umberto fuhr vorsichtig, lenkte den Fiat dicht am Fels entlang. Über sechs Kehren gelangten sie zum Gipfel des Berges, zum Ursprung aller abendländischen Klöster.

Etwa anderthalb Millionen Wallfahrer besichtigten alljährlich Montecassino. Langobarden und Sarazenen hatten das Benediktinerkloster zerstört, und im Zweiten Weltkrieg hatten die Bomber der Alliierten die Deutschen vertrieben. Dabei war alles in Schutt und Asche versunken, doch wie durch ein Wunder war das Kloster neu erstanden.

Ihre Fahrt endete vor dem wuchtigen Bau in 520 Meter Höhe. Als sie ausstiegen, war nichts mehr zu hören vom Lärm der Ebene. Tizzani war schmal, feingliedrig, eher klein, und der dunkle Anzug mit dem Priesterkragen ließ ihn noch zierlicher erscheinen. Umberto dagegen war groß, kräftig, durchtrainiert und arbeitete als Faktotum an einer Tankstelle in Ostia. Wann immer Tizzani einen vertrauenswürdigen Chauffeur brauchte, stand er bereit.

Während Umberto eine einfache Seele war, geradlinig im Denken und mit einem unverbrüchlichen Glauben gesegnet, kannte Tizzani die andere Seite. Sein Glauben musste sich tagtäglich mit den taktischen Finessen arrangieren, mit denen die Kirche ihre Stellung in der Welt behauptete. Sein Denken stand im krassen Gegensatz zu Umbertos einfachen Wahrheiten.

Tizzani betrat das Kloster, das Benedikt von Nursia im Jahre 529 an einer Stelle hatte errichten lassen, wo zuvor ein heidnischer Tempel gestanden hatte.

Fast achtlos ging er an der kleinen Gruppe von Bronzefiguren vorbei, die den heiligen Benedikt inmitten der Mönche darstellte, wie er aufrecht stehend verstarb. Der Innenhof mit seinen gut 1200 Quadratmetern vermittelte Weite und heitere Gelassenheit, aber Tizzani hielt mit düsteren Gedanken vor der achteckigen Zisterne in der Mitte des Platzes inne. Er liebte die korinthischen Säulen und das prächtige Krönungsgebälk, doch sein Auftrag nahm ihm jede Muße. So eilte er weiter in Richtung des zum Tal hin trutzig aufragenden Fronthauses, wo er im zweiten Stock erwartet wurde.

Ein junger Pater empfing Tizzani kühl und distanziert. Ein Monsignore aus der Kurie in Rom war niemand, den ein junger Pater überschwänglich begrüßte. Der Pater bedauerte, dass der Abt den Monsignore nicht empfangen könne, weil er selbst auf Reisen war.

Tizzani war froh, dem Abt nicht begegnen zu müssen. Jede dumme Bemerkung seinerseits konnte rasch den Weg in die Ohren derer finden, die seine Mission nichts anging. Das Kloster war in aller Welt der Inbegriff monastischen Lebens, und der Abt als Bischof verfügte über ein Netzwerk, das zumindest das gesamte gesellschaftliche Leben Italiens umfasste.

Der Pater führte Tizzani in ein Zimmer, dessen Wände mit rotem Stoff beschlagen waren. Gemälde mit biblischen Szenen zierten den Raum, dessen Möblierung aus zwei Stühlen, einem Schreibtisch und einem einfachen Schrank bestand.

Tizzani wartete und blickte durch das Fenster hinaus in das tief gelegene Tal des Liri mit seinen kleinen Ortschaften. Am Horizont verschwammen die Ausoni-Berge.

»Ein wunderbarer Ausblick, nicht wahr?«

Die dröhnende Stimme war unverkennbar.

Henry Marvin war nahe der sechzig und noch etwas kleiner als Tizzani, dafür aber mit der bulligen Statur eines Ringkämpfers ausgestattet. Marvin trug einen schwarzen Chormantel. Das fleischige Gesicht des amerikanischen Verlegers war entspannt, seine Haut glänzte rosig, und die dunklen Augen funkelten voller Tatendrang.

»Ja, ja, schauen Sie nur«, donnerte Henry Marvin amüsiert. »Ich kann es selbst kaum glauben. Eine Woche in einer Zelle in absoluter Abgeschiedenheit, und schon steht ein neuer Mensch vor Ihnen. Der heilige Benedikt wusste, wie nahe man hier Gott kommen kann.«

Tizzani grüßte kühl. Er hielt nichts davon, dass Klöster ihre Pforten öffneten und normalen Sterblichen erlaubten, sich gegen Geld für ein paar Wochen hinter ihre Mauern zurückzuziehen. Wenigstens bot Montecassino nicht auch noch Seminare zur Selbstfindung wie manch andere Klöster an. Hier gab es nur das reine Klosterleben.

Sie setzten sich an den Tisch.

»Selbst an die harten Stühle gewöhnt man sich«, sagte Marvin lachend und schlug Tizzani mit seiner rechten Pranke fest auf die Schulter.

Tizzani hasste die joviale und laute Art des Amerikaners. Er fragte sich unvermittelt, wie die knapp vierzig Mönche des Klosters auf diese laute Stimme in ihrem Reich der Stille reagierten.

»Monsignore, Sie sind zu ernst. Gott hat die Freude nicht verboten.«

»Die Botschaften des Stellvertreters auf Erden zu überbringen kann manchmal eine Last sein.«

»Aber doch nicht hier, am Ursprung des klösterlichen Lebens. Welch besseren Ort gibt es für eine gute Nachricht? Kommt er heute oder morgen? Ist die Laienbruderschaft Prätorianer der Heiligen Schrift als Orden oder gar als Personalprälatur anerkannt worden? Wann wird es bekannt gegeben? Bringt er die Botschaft mit? Nun sagen Sie schon …«

»Die Beratungen sind bedauerlicherweise immer noch nicht beendet«, antwortete Tizzani mit bekümmerter Miene. »Ein neuer Papst, alles ist im Umbruch, die vielen Gesandten, die ihre Aufwartung machen … die Bittsteller, die allesamt ihre wichtigen Anliegen vortragen wollen – die Probleme des Glaubens, so manch sündiges Schaf in der Kurie selbst …« Der Monsignore hob hilflos die Hände.

»Ich verstehe nicht.« Henry Marvin starrte den Monsignore kalt an.

Marvin war Geschäftsmann, und die Regeln waren immer gleich. Da machte die Kirche keine Ausnahme, ganz besonders die Kirche nicht. Sie hatte den Ablasshandel erfunden, den Handel mit dieser genialen Dienstleistung, deren Gegenwert sich erst in ferner Zukunft zeigen würde.

»Lieber Henry Marvin«, kam es Tizzani nur schwer über die Lippen.

»Monsignore, beleidigen Sie mich nicht.«

»Der Heilige Vater sieht sich derzeit außerstande, mit Ihnen zusammenzutreffen. Auch der Wunsch der Bruderschaft ist im Augenblick unerfüllbar. Vielleicht … in ein paar Monaten … aber jetzt …«

Henry Marvin hob den Körper leicht aus dem Stuhl, beugte sich über den Tisch und packte mit seinen kräftigen Händen zu. Tizzani starrte auf die Fäuste an seiner Brust. Der Amerikaner zog die Jacke derart zusammen, dass der Stoff im Rücken spannte.

»Ich verstehe ja noch, dass er im Augenblick keine Privataudienz wünscht wegen der vielen Zuhörer, Lauscher und Flüsterer in dieser Schlangengrube. Deshalb habe ich mich ja hier einquartiert, damit wir uns wie zufällig treffen. Warum nun dieser Sinneswandel?«

Tizzani fixierte einen Punkt an der Wand.

»Es gibt mehr als zweitausend Ordensgemeinschaften«, zischelte Marvin giftig. »Warum werden wir nicht in diesen Stand erhoben? Keiner der Orden ist wie wir. Nach den neuesten Zahlen sind wir schon mehr als hundertfünfzigtausend Mitglieder. Wir sind größer als Opus Dei. Die Laienbrüder der Prätorianer der Heiligen Schrift erobern die Welt. Unser Zulauf ist ungebrochen. Jeden Tag kommen treue Seelen zu uns, die unverbrüchlich an die wortwörtliche Wahrheit glauben, wie sie in der Heiligen Schrift niedergeschrieben ist. Sie würden ihre Seele dafür hergeben, um die Heilige Schrift gegen jeden zu verteidigen.«

Tizzani sah die eiskalten Augen und stöhnte innerlich auf.

»Wir wachsen schneller als das Opus Dei in seinen besten Zeiten. Wir stehen für die Wahrhaftigkeit der Heiligen Schrift. Wir geben den Menschen ein Zuhause, einen Schutz vor der Auflösung und allgemeinen Haltlosigkeit. Wir interpretieren die Schrift nicht, wir nehmen ihre Worte, wie sie sind.«

Tizzani nickte. Die Laien der Prätorianer der Heiligen Schrift kämpften radikal gegen den Zerfall der kirchlichen Werte. Mit Erfolg.

Sogar unter den Protestanten in den Vereinigten Staaten, die die Worte der Bibel wortwörtlich nahmen und deren Anhängerschar mittlerweile zig Millionen umfasste, rekrutierte der Laienorden neue Anhänger und zog sie wieder in die Arme der einzigen, der wahren Kirche.

»Wir sind diejenigen, die nicht den Protestanten den Kampf gegen die Lügen der Wissenschaft überlassen, wir sind das neue Schild und Schwert der katholischen Kirche. Wir tun das, was Mutter Kirche eigentlich schon längst tun müsste.«

Henry Marvin löste die Hände von Tizzanis Brust und lehnte sich zurück.

Der Monsignore atmete tief durch. Er hatte am Abend zuvor das umfangreiche Dossier gelesen, das der Laienrat der Kurie über die Laienorganisation zusammengestellt hatte.

Marvin war schon lange Motor und faktischer Herrscher in der Laienbruderschaft, die ein gläubiger katholischer Vater aus San Diego Anfang der Siebzigerjahre spontan gegründet hatte, weil sein Sohn wieder einmal verstört und weinend von seinen Zweifeln erzählt hatte. In der Schule hatten Lehrer die schönen biblischen Geschichten von der Entstehung des Menschen mit den Zufallsmutationen der Evolutionstheorie zertrümmert.

Henry Marvin war einer der ersten hundert Gläubigen gewesen, die der Laienbruderschaft beitraten.

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