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Der Auftrag

Über den Autor

DAVID BALDACCI, geboren 1960, war Strafverteidiger und Wirtschaftsanwalt, ehe er 1996 mit DER PRÄSIDENT (verfilmt als ABSOLUTE POWER) seinen ersten Weltbestseller veröffentlichte. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und erschienen in mehr als achtzig Ländern. Damit zählt er zu den Top-Autoren des Thriller-Genres. Er lebt mit seiner Familie in Virginia, nahe Washington D.C.

DAVID BALDACCI

DER AUFTRAG

Thriller

Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Uwe Anton

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Michelle

Zwanzig Jahre verheiratet und zwanzig Bücher.
Der Weg meines Lebens mit der Frau, die ich liebe.

KAPITEL 1

Oliver Stone zählte die Sekunden, eine Übung, die ihn immer beruhigt hatte. Und er musste ruhig sein. Er traf sich heute Abend mit einer sehr wichtigen Person. Und er wusste nicht genau, wie es laufen würde. Er wusste nur eins: Er würde nicht davonrennen. Nie mehr.

Stone war eben erst aus Divine, Virginia, zurückgekehrt, wo Abby Riker wohnte, die erste Frau, für die er etwas empfunden hatte, seit er vor dreißig Jahren seine Ehefrau verloren hatte. Trotz der Zuneigung, die sie einander entgegenbrachten, hatte Abby die Stadt nicht verlassen wollen, Stone aber konnte nicht dort leben. Was immer auch geschehen war, ein Teil von ihm gehörte nun zu dieser Stadt, trotz allen Schmerzes, den sie ihm bereitet hatte.

Doch der Schmerz würde vielleicht noch stärker werden. Die Nachricht, die er eine Stunde nach seiner Rückkehr erhalten hatte, war unmissverständlich gewesen: Sie kamen ihn um Mitternacht holen. Gespräche waren nicht erwünscht, Verhandlungen nicht zugelassen, Kompromisse nicht möglich. Die Gruppe auf der anderen Seite der Gleichung diktierte die Bedingungen, so wie immer.

Stone hörte zu zählen auf, als er das Geräusch von Autoreifen hörte, die sich durch den Kies wühlten, der die Auffahrt zum Mt. Zion Cemetery bedeckte. Dieser Friedhof war ein historischer, wenn auch bescheidener Ort der letzten Ruhe für schwarze Amerikaner, die Berühmtheit erlangt hatten, indem sie für Rechte kämpften, die ihre weißen Gegenstücke für sich selbst stets als selbstverständlich betrachtet hatten. Zum Beispiel, wo man aß oder schlief, oder dass man mit dem Bus fahren und öffentliche Toiletten benutzen durfte.

Die Ironie, dass der Berg Zion das schmucke Georgetown überragte, war Stone nie entgangen. Es war noch gar nicht so lange her, dass die wohlhabenden Weißen ihre dunkleren Brüder und Schwestern hier nur geduldet hatten, wenn sie eine gestärkte Dienstmädchentracht trugen oder Getränke und Imbisse reichten und den Blick demütig auf den von ihnen selbst gebohnerten Fußboden richteten.

Draußen wurden Wagentüren geöffnet und zugeschlagen. Stone zählte drei Mal das dumpfe Geräusch. Drei Türen. Ein Trio. Männer. Sie würden keine Frau schicken, da war Stone ziemlich sicher, obwohl er dabei vielleicht einem Vorurteil seiner Generation anhing, wie ihm bewusst war.

Die Waffen waren Glocks oder Sigs, vielleicht auch Spezialanfertigungen, je nachdem, wen sie schickten. Wie dem auch sei, es würden tödliche Waffen sein, unter eleganten Anzugjacken verborgen. Im idyllischen Georgetown mit den guten Verkehrsanbindungen würden sich keine schwarz gekleideten Sturmtruppen aus lärmenden Hubschraubern abseilen. Die Extraktion würde leise vonstattengehen, um nicht den Schlaf wichtiger Leute zu stören.

Sie klopften.

Höflich.

Stone öffnete.

Um Respekt zu zeigen.

Diese Leute hegten keinen persönlichen Groll gegen ihn. Sie wussten vielleicht nicht einmal, wer er war. Es war ein Job. Stone selbst hätte diesen Job auch erledigt, obwohl er nicht angeklopft hätte. Sein Markenzeichen war stets die Überrumplung gewesen: rein, abdrücken, raus.

Ein Job.

Jedenfalls habe ich das immer so betrachtet, weil ich nicht den Mut hatte, der Wahrheit ins Gesicht zu blicken.

Als Soldat hatte Stone nie Bedenken gehabt, das Leben eines Menschen zu beenden, der versuchte, das seine auszulöschen. Krieg war Darwinismus in höchster Ausprägung; die Regeln wurden vom gesunden Menschenverstand bestimmt. Und die wichtigste Regel lautete: Töte, oder du wirst getötet.

Doch Stones Leben nach seiner militärischen Laufbahn hatte ihn so sehr verändert, dass er Machthabern, gleich welcher Art, mit beständigem Misstrauen begegnete.

Nun stand er auf der Schwelle, das Licht in der Hütte in seinem Rücken. Er selbst hätte diesen Augenblick gewählt, um abzudrücken, hätte er den Finger am Abzug gehabt. Schnell, sauber, keine Gefahr, das Ziel zu verfehlen.

Okay. Er hatte ihnen diese Chance gegeben. Sie hatten sie nicht genutzt. Also würden sie ihn nicht töten.

Es waren vier Männer, wie Stone erst jetzt bemerkte. Er war ein bisschen besorgt, dass seine Beobachtungen fehlerhaft gewesen waren. Das wäre ihm früher nicht passiert.

Der Anführer war ein schlanker Bursche, eins fünfundsiebzig groß, mit kurzem Haar und wachen, aufmerksamen Augen, die alles registrierten, aber nichts verrieten. Er deutete zu dem Fahrzeug, das am Tor stand, ein schwarzer Escalade. Es hatte Zeiten gegeben, da hätte man ein Riesenaufgebot an erstklassigen Killern zu Stone geschickt, die gleichzeitig über Land, See und durch die Luft gekommen wären. Diese Tage waren offensichtlich vorbei. Vier Typen in Anzügen und auf Steroiden in einem Cadillac genügten.

Es wurden keine überflüssigen Worte gewechselt. Stone wurde fachmännisch durchsucht und in den Wagen gedrängt. Dann saß er auf der Rückbank zwischen zweien der vier Männer. Er konnte ihre muskulösen Arme spüren, die sich gegen seinen Oberkörper drückten. Die Männer waren angespannt, bereit, jeden seiner Versuche abzuwehren, an ihre Waffen zu kommen.

Doch Stone dachte nicht daran, einen solchen Versuch zu unternehmen. Nicht, wo er vier zu eins in der Unterzahl war. Das würde ihm nur ein geschwärztes Tattoo auf der Stirn einbringen, ein drittes Auge als Belohnung für seine tödliche Fehleinschätzung. Vor dreißig Jahren hätte er diese Männer wahrscheinlich geschafft – bessere als die hier, wesentlich bessere. Aber diese Zeiten waren lange vorbei.

»Wohin?«, fragte er. Er erwartete keine Antwort und erhielt auch keine.

Minuten später stand er allein vor einem Gebäude, das fast jeder Amerikaner auf den ersten Blick erkennen würde. Er stand nicht lange dort. Weitere Männer tauchten auf, höherrangige als die, die ihn gerade abgesetzt hatten. Er befand sich nun im inneren Kreis. Das Personal wurde umso qualifizierter, je näher man dem Zentrum kam.

Sie führten ihn über einen Gang mit zahlreichen Türen, die allesamt geschlossen waren, was aber nicht an der späten Stunde lag. Dieser Ort schlief nie.

Eine weitere Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Stone war allein, blieb es aber nicht lange, denn in einem anderen Teil des Raumes wurde eine andere Tür geöffnet, und ein Mann trat ein. Er blickte Stone nicht an, bedeutete ihm jedoch, Platz zu nehmen.

Stone setzte sich.

Der Mann trat hinter seinen Schreibtisch und setzte sich ebenfalls.

Stone war inoffizieller Besucher. Normalerweise wurde in einem Protokoll jede Person verzeichnet, die diesen Raum betrat, aber nicht heute Abend. Nicht er.

Der Mann war leger gekleidet: Khakihose, ein Hemd ohne Krawatte, Slipper. Er setzte eine Brille auf, raschelte mit Papieren auf seinem Schreibtisch. Eine einsame Lampe leuchtete neben ihm.

Stone betrachtete den Mann. Er sah konzentriert und entschlossen aus. Das musste er auch sein, wenn er an diesem Ort überleben wollte. Wenn er mit dem unmöglichsten Job auf diesem Planeten klarkommen wollte.

Er legte die Papiere wieder hin, schob die Brille hoch und runzelte die faltige Stirn.

»Wir haben ein Problem«, sagte James Brennan, Präsident der Vereinigten Staaten. »Und wir brauchen Ihre Hilfe.«

KAPITEL 2

Stone war überrascht, ließ es sich aber nicht anmerken. Erstaunen zu zeigen war in Situationen wie diesen niemals ratsam. »Ein Problem womit?«

»Mit den Russen.«

»Verstehe.« Das ist nichts Neues. Wir haben oft Probleme mit den Russen.

»Sie waren dort«, fuhr der Präsident fort. Es war keine Frage.

»Oft.«

»Sie sprechen die Sprache.« Erneut keine Frage, also schwieg Stone. »Sie kennen ihre Taktiken.«

»Ich habe sie früher gekannt. Ist lange her.«

Brennan lächelte grimmig. »Das ist genauso wie mit Frisuren oder mit der Kleidung. Wenn man lange genug dabeibleibt, kommt jeder Stil zurück. Offensichtlich gilt das auch für Spionagetechniken.« Der Präsident lehnte sich zurück und legte die Beine auf den Schreibtisch, den Königin Victoria den Vereinigten Staaten Ende des 19. Jahrhunderts geschenkt hatte. Rutherford B. Hayes hatte als erster Präsident hinter diesem Schreibtisch gesessen, Brennan als bislang letzter.

»Die Russen haben ein Netzwerk aus Spionageringen in den USA etabliert. Das FBI hat mehrere Agenten verhaftet und mehrere Netzwerke infiltriert, aber es gibt noch einige, über die wir keine Informationen haben.«

»Staaten spionieren einander ständig aus«, sagte Stone. »Es würde mich überraschen, wenn wir bei den Russen keine Geheimdienstoperationen laufen hätten.«

»Darum geht es nicht.«

»Na schön«, sagte Stone, obwohl er der Ansicht war, dass es genau darum ging.

»Die russischen Kartelle kontrollieren sämtliche bedeutenden Pipelines des Drogenhandels in der östlichen Hemisphäre. Es geht um gewaltige Summen.«

Stone nickte. Das war ihm bekannt.

»Und jetzt kontrollieren sie den Drogenhandel in der westlichen Hemisphäre ebenfalls.«

Das war Stone neu. »Wie ich hörte, haben die Mexikaner die Kolumbianer hinausgedrängt.«

Brennan nickte. Stone erkannte am müden Gesichtsausdruck des Präsidenten, über wie vielen Einsatzprotokollen er an diesem Tag gebrütet hatte, um dieses und ein Dutzend andere brisante Themen zu verstehen. Das Präsidentenamt saugte aus jedem, der diesen Job anständig erledigen wollte, jedes Quäntchen körperlicher und geistiger Energie.

»Die Wege sind wichtiger als das Produkt, das haben sie endlich herausgefunden«, sagte Brennan. »Man kann das Scheißzeug überall herstellen, entscheidend ist, es zum Käufer zu schaffen. Und in diesem Teil der Welt sind Amerikaner die Käufer. Die Russen haben unseren südlichen Nachbarn in den Arsch getreten, Stone. Sie haben sich den Weg an die Spitze hinaufgemordet, -gebombt, -gefoltert und -bestochen, mit dem Ergebnis, dass sie jetzt mindestens neunzig Prozent des Geschäfts kontrollieren. Und das ist ein großes Problem.«

»Wie ich hörte, ist Carlos Montoya …«

Der Präsident wischte den Kommentar ungeduldig beiseite. »Das schreiben die Zeitungen. Fox und CNN berichten darüber, die Experten konzentrieren sich darauf, aber Montoya ist erledigt. Er war der Schlimmste von dem ganzen Abschaum in Mexiko. Er hat zwei seiner eigenen Brüder getötet, um die Kontrolle über das Familienunternehmen an sich zu reißen, und doch war er den Russen nicht annähernd ebenbürtig. Unsere Geheimdienstinformationen lassen darauf schließen, dass er liquidiert wurde. In der Drogenwelt kann man sich keine Skrupel leisten.«

»Verstehe«, sagte Stone.

»Solange wir es mit den mexikanischen Kartellen zu tun hatten, sind wir damit klargekommen. Zumindest hat diese Sache nicht die nationale Sicherheit gefährdet. Wir konnten an unseren Grenzen und in den Ballungszentren dagegen ankämpfen. Die Kartelle hatten die Metropolen vor allem durch Bandenkriege infiltriert. Bei den Russen ist es etwas anderes.«

»Sie meinen, es gibt eine Verbindung zwischen den Spionageringen und den Kartellen?«

Brennan musterte Stone; vielleicht war er überrascht, dass er die Zusammenhänge so schnell erkannt hatte. »Wir nehmen jedenfalls an, dass eine solche Verbindung besteht. Wir gehen sogar davon aus, dass die russische Regierung und die russischen Drogenkartelle ein und dasselbe sind.«

»Eine sehr unangenehme Schlussfolgerung.«

»Aber die vermutlich richtige. Illegale Drogen sind einer der Exportschlager Russlands. Die Russen stellen sie in den alten sowjetischen Labors her und verschiffen sie auf unterschiedliche Weise in alle Welt. Sie bezahlen die Leute, die sie bezahlen müssen, und töten diejenigen, die sie nicht bestechen können. Es geht um Hunderte von Milliarden Dollar. Eine gigantische Summe, an der die Regierung gern ihren Anteil hätte. Und das ist nicht der einzige Bestandteil der Gleichung.«

»Sie meinen, je mehr Drogen die Russen bei uns verkaufen, desto schwächer werden die USA? Die Drogen ziehen Geld und Gehirnzellen ab. Sie erhöhen sowohl die Kleinkriminalität als auch das Kapitalverbrechen, beanspruchen unsere Ressourcen und verlagern Aktivposten von produktiven Bereichen zu unproduktiven.«

Erneut musterte Brennan sein Gegenüber aufgrund dessen gekonnter Ausdrucksweise. »Stimmt. Und die Russen wissen einiges über die Macht der Sucht. Drogen- und Alkoholmissbrauch sind in Russland weit verbreitet. Jedenfalls, wir haben absichtliche und verstärkte Bemühungen der Russen festgestellt, die USA mit Drogen zu überschwemmen.« Brennan lehnte sich zurück. »Und es gibt einen weiteren offensichtlichen Faktor, der alles noch viel komplizierter macht.«

»Die Russen sind eine Atommacht«, erklärte Stone. »Sie haben genauso viele Sprengköpfe wie wir.«

Der Präsident nickte. »Sie wollen wieder in der höchsten Liga mitspielen. Vielleicht wollen sie die einzige Supermacht sein und an unsere Stelle treten. Darüber hinaus haben sie großen Einfluss im Nahen und Fernen Osten. Selbst die Chinesen und Israelis fürchten sie, und sei es nur, weil sie unberechenbar sind. Die Balance gerät aus dem Gleichgewicht.«

»Na schön. Warum ich?«

»Die Russen sind zu den Taktiken der alten Schule zurückgekehrt, Stone. Zu denen aus Ihrer Zeit.«

»So alt bin ich nun auch wieder nicht. Gibt es bei der Agency keine Spione aus meiner Zeit mehr?«

»Nein. Vor dem 11. September gab es einen Einstellungsstopp, und jede Menge älteres Personal ist freiwillig oder unfreiwillig in den Ruhestand gegangen. Nachdem die Flugzeuge in die Twin Towers gerast sind, gab es eine beträchtliche Aufstockung. Das Ergebnis ist, dass drei Viertel der CIA heute aus Leuten in den Zwanzigern besteht. Über Russland wissen sie nur, dass es dort kalt ist und dass man dort guten Wodka brennt. Aber Sie, Stone, kennen Russland. Sie kennen sich mit den Schützengräben der Spionage besser aus als die meisten Leute, die in Langley in den Büros der Führungskräfte sitzen.« Er hielt kurz inne. »Und wir alle wissen, dass Sie besondere Fähigkeiten haben, die Ihnen einzubläuen die USA viel Geld gekostet hat.«

Der Schuldfaktor. Interessant.

»Aber meine Kontakte gibt es nicht mehr. Tot.«

»Das ist sogar ein Vorteil. Sie ziehen als unbeschriebenes Blatt los.«

»Wie fangen wir an?«

»Indem Sie inoffiziell zu uns zurückkehren. Sie bekommen eine Ausbildung, die Sie auf den neuesten Stand bringen wird. Ich gehe davon aus, dass Sie in einem Monat bereit sein werden, die USA zu verlassen.«

»Und nach Russland zu gehen?«

»Nein, nach Mexiko und Südamerika. Wir brauchen Sie dort, wo die Drogen durchgeschleust werden. Das wird harte Arbeit und nicht ungefährlich. Aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen.« Er hielt inne. Sein Blick glitt über Stones kurz geschnittenes weißes Haar.

Es bereitete Stone keine Mühe, diesen Blick zu interpretieren. »Ich bin nicht mehr so jung, wie ich mal war.«

»Das ist keiner von uns.«

Stone nickte. Er dachte bereits über die Konsequenzen des Gesprächs nach. Eigentlich hatte er nur eine Frage. »Warum?«

»Das habe ich Ihnen doch schon gesagt. In vieler Hinsicht sind Sie der Beste, den wir haben. Und das Problem ist sehr real und wird schlimmer.«

»Kann ich den Rest auch noch hören?«

»Den Rest wovon?«

»Weshalb ich wirklich hier bin.«

»Ich verstehe nicht«, erwiderte Brennan leicht gereizt. »Ich dachte, ich hätte mich deutlich ausgedrückt.«

»Als ich das letzte Mal hier war, habe ich Ihnen einiges klipp und klar gesagt und anderes durchblicken lassen.«

Der Präsident reagierte nicht.

»Dann haben Sie mir die Ehrenmedaille angeboten.«

»Und Sie haben abgelehnt«, sagte Brennan. »Das war vermutlich eine Premiere in der Geschichte der Vereinigten Staaten.«

»Man muss ablehnen, was man nicht verdient.«

»Unsinn. Sie hätten die Ehrenmedaille allein schon wegen Ihrer Taten auf dem Schlachtfeld verdient.«

»Auf dem Schlachtfeld, vielleicht. Aber insgesamt gesehen habe ich sie nicht verdient. Und bei so einer Ehre muss man alles berücksichtigen. Ich glaube, deshalb bin ich in Wirklichkeit hier.«

Die beiden Männer starrten einander über die Breite des alten Schreibtisches an. Die Miene des Präsidenten verriet, dass er genau wusste, was »alles« bedeutete. Ein Mann namens Carter Gray. Und ein Mann namens Roger Simpson. Beides prominente Amerikaner. Beides Freunde des Präsidenten. Und beide tot – getötet von Oliver Stone. Er hatte gute Gründe gehabt, aber es gab keine legale oder moralische Entschuldigung. Das hatte er allerdings schon gewusst, als er auf die beiden Männer geschossen hatte.

Es hat mich trotzdem nicht davon abgehalten. Denn wenn jemand den Tod verdient hatte, dann diese beiden.

»Sie haben mir das Leben gerettet«, sagte Brennan.

»Und zwei andere Leben genommen.«

Der Präsident stand abrupt auf, ging zum Fenster und blickte hinaus.

»Gray wollte mich töten«, sagte er.

»Ja.«

»Also stört es mich nicht so sehr, dass Sie ihn erschossen haben, wie es mich normalerweise gestört hätte, um es offen zu sagen.«

»Und Simpson?«

Der Präsident drehte sich um und musterte Stone. »Ich habe Nachforschungen über ihn anstellen lassen. Ich kann verstehen, warum Sie den Mann eliminieren wollten. Aber niemand ist eine Insel, Stone. Und kaltblütiger Mord ist in einer zivilisierten Welt nicht hinnehmbar.«

»Wenn er nicht von den entsprechenden Stellen autorisiert wurde«, stellte Stone klar. »Von Leuten, die auf dem Stuhl gesessen haben, auf dem Sie nun sitzen.«

Brennan schaute zu seinem Schreibtischstuhl; dann wandte er den Blick ab. »Das ist eine gefährliche Mission, Stone. Sie bekommen jede Hilfe, die Sie brauchen, um sie erfolgreich abzuschließen. Aber es gibt keine Garantien.«

»Die gibt es nie.«

Der Präsident setzte sich wieder und legte die Fingerspitzen aneinander, als wollte er eine Art Schild zwischen sich und dem anderen Mann bilden.

»Das ist meine Buße, nicht wahr?«, fuhr Stone fort, als Brennan schwieg.

Der Präsident senkte die Hände.

»Das ist meine Buße«, wiederholte Stone. »Statt einer Gerichtsverhandlung, die niemand will, weil zu viele unerfreuliche Wahrheiten über die Regierung ans Licht kämen und der Ruf gewisser verstorbener Staatsdiener befleckt würde. Und Sie sind nicht der Mann, der meine Exekution befehlen würde, da zivilisierte Menschen ihre Meinungsverschiedenheiten nicht auf diese Art und Weise austragen.«

»Sie nehmen kein Blatt vor den Mund«, sagte Brennan.

»Aber es stimmt, was ich sage.«

»Ich glaube, Sie verstehen mein Dilemma.«

»Entschuldigen Sie sich nicht dafür, dass Sie ein Gewissen haben, Sir. Ich habe anderen Männern in Ihrem Amt gedient, die keine Spur davon hatten.«

»Wenn Sie scheitern, scheitern Sie. Die Russen sind so skrupellos, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie wissen das besser als die meisten anderen.«

»Und wenn ich Erfolg habe?«

»Müssen Sie nie mehr befürchten, dass die Regierung noch einmal an Ihre Tür klopft.« Er beugte sich vor. »Akzeptieren Sie?«

Stone nickte und stand auf. »Ja.« An der Tür blieb er stehen. »Sollte ich nicht zurückkommen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie meine Freunde wissen ließen, dass ich im Dienst für mein Land gestorben bin.«

Der Präsident nickte.

»Danke«, sagte Oliver Stone.

KAPITEL 3

Am nächsten Abend stand Stone da, wo er seit Jahrzehnten immer wieder gestanden hatte, im sieben Morgen großen Lafayette Park gegenüber vom Weißen Haus. Ursprünglich hatte man ihn den Präsidentenpark genannt, doch nun umfasste diese Bezeichnung das Gelände des Weißen Hauses, den Lafayette Park selbst und die Ellipse, ein Grundstück von zweiundfünfzig Morgen auf der Südseite des Weißen Hauses. Der Lafayette Park hatte einst zum eigentlichen Gelände des Weißen Hauses gehört, war aber von diesem majestätischen Besitz abgetrennt worden, als Präsident Thomas Jefferson die Pennsylvania Avenue hatte anlegen lassen.

Der Park hatte im Laufe zweier Jahrhunderte vielerlei Verwendungszwecke gefunden. Er war als Friedhof genutzt worden, als Sklavenmarkt, sogar als Rennstrecke. Außerdem war er bekannt dafür, dass es hier mehr Eichhörnchen pro Quadratmeter gab als an jedem anderen Ort auf Erden. Bis zum heutigen Tag wusste niemand, warum das so war.

Das Gelände hatte sich dramatisch verändert, seit Stone zum ersten Mal sein Schild mit der Aufschrift Ich will die Wahrheit in den Boden gerammt hatte. Doch die Dauerprotestler von damals, ihre zerlumpten Zelte und ihre Fahnen und Spruchbänder waren verschwunden. Die prachtvolle Pennsylvania Avenue vor dem Weißen Haus war seit dem Bombenattentat von Oklahoma City für den Fahrzeugverkehr gesperrt.

Die Menschen, Institutionen und Staaten hatten Angst. Stone konnte es ihnen nicht verdenken. Würde Franklin Roosevelt noch leben und wieder im Weißen Haus regieren, würde er vielleicht seinen berühmten Ausspruch zitieren: »Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.« Aber selbst diese Worte wären vielleicht nicht genug gewesen. Der Schwarze Mann schien den Krieg der Wahrnehmung im Herzen und Verstand der Bürgerschaft zu gewinnen.

Stone warf einen Blick zur Mitte des Parks, zur Reiterstatue von Andrew Jackson, dem Helden der Schlacht von New Orleans und siebenten Präsidenten der USA. Jackson saß auf einem Giebel aus majestätischem Marmor aus Tennessee. Es war das erste Bronzestandbild eines Mannes auf einem Pferd, das je in den Vereinigten Staaten gegossen worden war. Das Monument wurde von einem niedrigen gusseisernen Zaun umschlossen, hinter dem sich mehrere antike Kanonen befanden. Vier weitere Statuen, die ausländische Helden des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges darstellten, standen auf den Ecken der Rasenfläche.

Hinter dem Jackson-Denkmal waren farbenfrohe Blumenbeete angelegt und ein großer Ahorn gepflanzt worden. Gelbes Band war an biegsamen Pfosten befestigt, die in drei Metern Entfernung von dem Baum in den Boden eingelassen waren, damit niemand in das tiefe Loch fallen konnte, das einen Meter größer als der riesige Wurzelballen war. Neben dem Loch hatte man blaue Folien ausgebreitet, auf denen sich das ausgehobene Erdreich häufte.

Stones Blick fiel auf erhöhte Stellen auf dem Gelände, von denen er wusste, dass dort Scharfschützen postiert waren, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Er ging davon aus, dass einige von ihnen Zielübungen mit seinem Kopf veranstalteten.

Jetzt bitte nicht mit dem Zeigefinger abrutschen, meine Herren. Ich mag mein Gehirn genau da, wo es ist.

Das Staatsbankett im Weißen Haus ging langsam zu Ende, und die ersten wohlgesättigten Promis verließen das »Peoples House«. Einer dieser Gäste war der britische Premierminister. Die Fahrzeugkolonne wartete bereits auf ihn und würde ihn das kurze Stück zum Blair House fahren, der Residenz für Würdenträger, die zu Besuch weilten. Sie befand sich auf der linken Seite des Parks. Es wäre nur ein kurzer Spaziergang gewesen, doch Stone vermutete, dass Regierungschefs nirgendwo mehr sicher zu Fuß gehen konnten. Auch für sie hatte die Welt sich schon lange verändert.

Stone drehte den Kopf und sah eine Frau, die auf einer Bank neben dem ovalen Brunnen auf der rechten Seite des Parks saß, auf halber Strecke zwischen Jackson und der Statue des polnischen Generals Tadeusz Kościuszko, der vor mehr als zweihundert Jahren den englischen Kolonien geholfen hatte, sich von der britischen Herrschaft zu befreien. Die Ironie, dass der Regierungschef ebendieser Monarchie nun in einem Gebäude weilte, von dem aus man das Monument sehen konnte, entging Stone keineswegs.

Die Frau trug eine schwarze Hose und einen dünnen weißen Mantel. Neben ihr stand eine große Tasche auf der Bank. Sie schien zu dösen.

Seltsam, dachte Stone. Niemand döste zu dieser Nachtzeit im Lafayette-Park vor sich hin.

Sie war nicht die einzige Person im Park. Als Stone zu den Bäumen am nordwestlichen Ende des Park schaute, erspähte er einen Mann in einem Anzug. Er trug eine Aktentasche und hatte Stone den Rücken zugewandt. Der Mann blieb stehen, um die Statue des deutschen Heeresoffiziers Friedrich Wilhelm von Steuben zu betrachten, der ebenfalls den Kolonisten geholfen hatte, den verrückten König George in das monarchische Hinterteil zu treten.

Und dann bemerkte Stone einen kleinen Mann mit einem gewaltigen Bauch, der den Park vom oberen Ende betrat, wo sich die St. John’s Church befand. Er trug Joggingkleidung, obwohl er aussah, als könne er nicht mal schnell gehen, ohne mit einem Herzkasper zusammenzubrechen. An einem Gürtel um seinen Wanst war etwas befestigt, das wie ein iPod aussah, und er trug Ohrstöpsel.

Und da war ein vierter Besucher im Park. Er sah aus wie das Mitglied einer Straßengang: tief hängende Jeans, dunkle Pudelmütze, Muscleshirt, Tarnanzugjacke, Springerstiefel. Der Bursche schlenderte gemächlich durch den Park, was ebenfalls seltsam war, da Gangmitglieder wegen der starken Polizeipräsenz fast nie in den Lafayette Park kamen. Und diese Präsenz war heute aus naheliegenden Gründen noch stärker und wachsamer als sonst. Staatsbankette machten alle nervös. Wenn ein Staatschef erschossen wurde, entging niemand seiner Verantwortung. Köpfe und Pensionen rollten.

Aber Stone war nicht hergekommen, um über solche Dinge nachzudenken. Er war hier, um ein letztes Mal den Lafayette Park zu besuchen. In zwei Tagen würde er zu seiner einmonatigen Trainingseinheit abreisen. Dann ging es nach Mexiko. Er hatte bereits einen Entschluss gefasst. Er würde seinen Freunden, den Mitgliedern des Camel Club, nichts davon erzählen. Wenn er es doch tat, würden sie vielleicht die Wahrheit spüren, und daraus konnte nichts Gutes erwachsen. Er hatte es verdient, geopfert zu werden, sie nicht.

Wieder atmete er tief ein und sah sich um. Er lächelte, als er den Gingkobaum in der Nähe der Jackson-Statue sah. Er stand gegenüber von dem Ahorn, der gerade gepflanzt worden war. Als Stone zum ersten Mal in diesen Park gekommen war, war Herbst gewesen, und die Gingkoblätter hatten in einem prachtvollen Hellgelb geleuchtet. Es war großartig gewesen. In der ganzen Stadt gab es Gingkobäume, aber der hier war der einzige im Park. Gingkos konnten über tausend Jahre alt werden. Stone fragte sich, wie dieser Ort in einem Jahrtausend aussehen würde. Würde der Gingko noch hier stehen? Und das große weiße Gebäude auf der anderen Straßenseite?

Er wollte diesen Ort gerade zum letzten Mal verlassen, als seine Aufmerksamkeit sich auf die Fahrzeugkolonne richtete.

KAPITEL 4

Es waren der Klang starker Motoren, blitzende Lichter und Sirenen, die Stone aufgeschreckt hatten. Er beobachtete, wie die Fahrzeugkolonne des Premierministers an der unteren Seite des Weißen Hauses losfuhr und Kurs auf das Blair House nahm. Das Gebäude, das eigentlich aus drei zusammengefügten Stadthäusern bestand, war trügerisch groß. Es hatte sogar mehr Grundfläche als das Weiße Haus und befand sich unmittelbar westlich vom Park, an der Pennsylvania Avenue, gegenüber vom geradezu monströs großen Old Executive Office Building, in dem die Stäbe des Präsidenten und des Vizepräsidenten Büros unterhielten. Stone war überrascht, dass der Secret Service die Gegend nicht geräumt hatte, bevor der Fahrzeugkonvoi sich in Bewegung gesetzt hatte.

Wieder schaute er sich um. Die Frau war jetzt wach und sprach in ihr Handy. Der Mann im Anzug verweilte noch immer bei der Von-Steuben-Statue und hatte Stone den Rücken zugedreht. Der Jogger näherte sich der Jackson-Statue. Das Bandenmitglied schlenderte noch immer durch den Lafayette, obwohl der Park so groß nun auch wieder nicht war. Er hätte ihn mittlerweile durchquert haben müssen.

Irgendetwas stimmte nicht.

Stone beschloss, zuerst nach links zu gehen. Obwohl er nicht mehr als Protestler hier war, betrachtete er den Lafayette Park mittlerweile als seine Heimat, die es gegen Bedrohungen zu verteidigen galt. Selbst seine unmittelbar bevorstehende Abreise nach Mexiko hatte daran nichts geändert. Zwar fühlte er sich noch nicht bedroht, hatte aber das Gefühl, dass sich das schnell ändern könnte.

Er blickte zu dem Jogger hinüber, der sich schräg gegenüber von ihm auf der anderen Seite des Parks befand. Der Mann war stehen geblieben und fingerte an seinem iPod herum. Stones Blick glitt zu der Frau auf der Bank. Sie steckte gerade ihr Handy ein.

Stone ging weiter zur Statue des französischen Generals Comte de Rochambeau in der südwestlichen Ecke des Parks. Mittlerweile postierten sich an der angrenzenden Kreuzung des Jackson Place und der Pennsylvania Avenue Sicherheitsteams und bildeten Wälle aus Kevlar und Maschinenpistolen, während sie auf die Ankunft des Premierministers warteten. Als Stone weiterging, kam ihm das Gangmitglied entgegen. Der Mann schien in Treibsand zu gehen; er bewegte sich, kam aber nicht von der Stelle. Und er trug eine Waffe unter seiner Jacke: Stone konnte selbst im Dunkeln die schwere, aber vertraute Delle im Stoff sehen.

Ganz schön mutig, überlegte er. Man kam nicht bewaffnet hierher, es sei denn, man legte es darauf an, dass ein Scharfschütze auf einem Dach das Schlimmste annahm, was dazu führte, dass der nächste Angehörige nach der Beerdigung vielleicht eine offizielle Entschuldigung erhielt.

Warum sollte dieser Mann sein Leben aufs Spiel setzen?

Stone schätzte die mögliche Schussbahn vom Bandenmitglied zu der Stelle ab, an der der Premierminister das Blair House betreten würde. Wenn das Bandenmitglied keine Waffe hatte, die den Gesetzen der Physik trotzen konnte, indem sie um Ecken schoss, gab es keine.

Stone richtete den Blick auf den Mann im Anzug an der nordwestlichen Ecke des Parks, der noch immer die Statue betrachtete, was normalerweise höchstens eine Minute dauern würde. Warum kam er überhaupt zu dieser Stunde hierher, um sich die Statue anzuschauen? Stone musterte die Aktentasche, die der Mann bei sich trug. Wegen der Entfernung konnte Stone die Tasche nicht allzu deutlich sehen, aber sie kam ihm groß genug vor, dass eine kleine Bombe darin untergebracht sein konnte. Doch die Entfernung zwischen dem möglichen Bombenattentäter und dem Premierminister machte jeden Attentatsversuch von vornherein zunichte.

Die Wagenkolonne näherte sich über die West Executive Avenue der Pennsylvania – ein Konvoi auf gepanzerten Rädern, einen halben Häuserblock lang. Auf der Pennsylvania würden sie nach links abbiegen und am Bordstein vor dem berühmten langen Rasen anhalten, der den Haupteingang zum Blair House säumte.

Stone nahm eine Bewegung rechts von sich wahr, im Park. Der Jogger war wieder unterwegs. Stone war sich nicht sicher, glaubte jedoch, dass der fettleibige Mann zu dem Anzugträger hinüberschaute.

Stones Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Frau. Sie war aufgestanden, hatte die Tasche über die Schulter geworfen und machte sich auf den Weg zur anderen Seite des Parks, zur St. John’s Church. Stone fiel auf, dass sie ziemlich groß war und unter der Kleidung eine gute Figur machte. Er schätzte ihr Alter eher auf dreißig als auf vierzig, obwohl er wegen der schlechten Lichtverhältnisse, der Entfernung und den vielen Bäumen ihr Gesicht nicht deutlich sehen konnte.

Sein Blick glitt weiter. Auf der anderen Seite des Parks hatte der Mann im Anzug sich wieder in Bewegung gesetzt, in nördliche Richtung, zum Decatur House Museum. Stone schaute an ihm vorbei. Das Bandenmitglied beobachtete ihn jetzt, bewegte sich überhaupt nicht mehr. Stone glaubte, den Zeigefinger des Mannes zucken zu sehen, als würde er einen Abzug betätigen.

Die Fahrzeugkolonne bog auf die Pennsylvania ab und hielt vor dem Blair House. Die Tür der vorderen Stretchlimousine wurde geöffnet. Die Türen solcher Limousinen ließen sich aus offensichtlichen Gründen schnell bedienen. Man war einer Kugel, ob sie aus großer oder geringer Entfernung abgeschossen wurde, nur der kürzest möglichen Zeit ausgesetzt. An diesem Abend jedoch kam es auf Schnelligkeit nicht an.

Der untersetzte, elegant gekleidete Premierminister stieg langsam aus und humpelte, unterstützt von zwei Assistenten, bedächtig die Treppe unter dem Vordach hinauf, das schon die Köpfe so vieler Staatschefs der Erde geschützt hatte. Der linke Knöchel des Premiers war mit einem dicken Verband umwickelt. Als er zur Tür des Gebäudes ging, spähte ein Meer von Augen in jede noch so kleine Spalte, um sich zu vergewissern, dass dort keine Bedrohungen lauerten. Darunter waren auch einige Angehörige des britischen Sicherheitspersonals, doch der Schutz wurde hauptsächlich – wie bei Staatsoberhäuptern stets der Fall – vom amerikanischen Secret Service gestellt.

Wegen seiner Position konnte Stone nicht sehen, wie der Premierminister mit dem verletzten Bein zuerst aus der Limousine stieg. Seine Aufmerksamkeit blieb auf den Park gerichtet. Der Jogger bewegte sich langsam zur Mitte des Rasens. Stones Blick glitt weiter. Die Frau hatte den Park fast verlassen. Der Mann im Anzug war bereits auf dem Bürgersteig vor der H Street.

Fünf Sekunden verstrichen. Dann fiel der erste Schuss.

Das Blei, das in den Boden schlug, ließ einen Meter links von Stone eine kleine Fontäne aus Erdreich und Gras emporspritzen. Weitere Schüsse folgten. Die Projektile bohrten sich ins Gras, zerfetzten Blumenbeete und schlugen gegen Statuen.

Während das Gewehrfeuer anhielt, schien für Stone die Zeit viel langsamer abzulaufen. Sein Blick huschte über das Schussfeld, während er sich flach auf den Boden warf. Der Mann im Anzug und die Frau waren aus seinem Sichtfeld verschwunden. Das Bandenmitglied war noch hinter ihm, lag aber ebenfalls auf dem Bauch. Der arme Jogger hingegen rannte um sein Leben. Und dann verschwand er aus Stones Blickfeld.

Die Schüsse verstummten. Sekunden der Stille. Stone erhob sich langsam. Dabei verkrampfte er nicht, sondern entspannte die Muskulatur. Ob dies sein Leben rettete, konnte er später nur vermuten.

Die Bombe detonierte. Die Mitte des Lafayette Parks wurde in Rauch und umherfliegende Trümmerstücke gehüllt. Die tonnenschwere Statue Jacksons kippte um, der Sockel aus Tennessee-Marmor brach in der Mitte durch. Ihre mehr als 150 Jahre währende Herrschaft über den Park war vorbei.

Die Gewalt der Explosion riss Stone von den Füßen und schleuderte ihn gegen irgendetwas Hartes. Ein Schlag gegen den Kopf machte ihn benommen und ließ Übelkeit in ihm aufsteigen. Einen flüchtigen Augenblick lang spürte er, dass überall um ihn her Trümmer durch die Luft flogen. Seine Lungen sogen Rauch, Erde und den ätzenden Gestank des Bombenrückstands ein.

Der Lärm der Explosion verebbte und wich Schreien, dem Heulen von Sirenen und dem Kreischen von Gummi auf Asphalt. Doch Oliver Stone hörte und sah nichts mehr davon. Er lag mit dem Gesicht auf dem Boden, die Augen geschlossen.

KAPITEL 5

»Oliver?«

Stone roch das Desinfektionsmittel und das Latex und wusste, dass er sich in einem Krankenhaus befand. Was viel besser war, als tot in einer Leichenhalle zu liegen.

Seine Lider öffneten sich flatternd. Er schaute in ihr Gesicht. »Annabelle?«

Annabelle Conroy, inoffizielles Mitglied des Camel Club und dessen einzige bekannte Hochstaplerin und Betrügerin, ergriff seine Hand. Sie war schlank, eins fünfundsiebzig groß und hatte rötliches Haar.

»Du musst aufhören, dich in die Luft jagen zu lassen.« Ihre Stimme war schnippisch, ihr Blick jedoch voller Besorgnis. Mit der freien Hand wischte sie sich das Haar aus der Stirn. Stone sah, dass ihre Augen verquollen waren. Annabelle weinte nicht so schnell, doch wegen ihm hatte sie Tränen vergossen.

Er berührte seinen verbundenen Kopf. »Keinen Sprung in der Schüssel?«

»Nicht mehr als sonst«, sagte Annabelle. »Eine leichte Gehirnerschütterung.«

Als Stone sich umschaute, stellte er fest, dass das Zimmer voller Besucher war. Auf der anderen Seite des Bettes saß Reuben Rhodes, groß wie ein Footballspieler. Der Bibliothekar Caleb Shaw wirkte neben ihm geradezu winzig. Alex Ford, Agent des Secret Service, saß rechts neben Annabelle und schaute besorgt drein. Hinter ihnen entdeckte Stone Harry Finn.

»Als ich gehört habe, dass im Park eine Bombe hochgegangen ist, wusste ich sofort, dass du wieder mittendrin steckst«, sagte Finn.

Stone setzte sich langsam auf. »Was ist passiert?«

»Das versuchen sie noch herauszufinden«, sagte Alex. »Erst Schüsse, dann die Explosion.«

»Ist noch jemand verletzt? Der britische Premier?«

»War vor der Explosion im Blair. Niemand wurde angeschossen.«

»Bei den vielen Schüssen? Kaum zu glauben, dass niemand getroffen wurde.«

»Ja. Das grenzt an ein Wunder.«

»Keine Theorien?« Stone blickte Alex an.

»Noch nicht. Der Park ist ein Chaos. Ist so dicht abgeschottet, wie ich es noch nie gesehen habe.«

»Aber der Premierminister?«

»Bislang gilt er als Ziel.«

»Das war dann aber ein ziemlich stümperhafter Versuch«, sagte Reuben. »Die Explosion ereignete sich in einem Park, in dem er gar nicht war, und auch die Schüsse fielen dort.«

Stone schaute wieder Alex an. »Wie willst du das entkräften?«, fragte er leise. Mit jedem Wort, das er sprach, schmerzte sein Kopf schlimmer. Vor dreißig Jahren hätte er den Schmerz ignoriert, aber jetzt ging das nicht mehr so einfach.

»Wie ich schon sagte, die Ermittlungen stehen noch am Anfang. Aber ich gestehe, dass es ziemlich verwirrend ist. War sowieso kein guter Tag für den Premier.«

»Was meinst du damit?«, fragte Stone.

»Er hat sich den Knöchel verstaucht. Bewegte sich ziemlich langsam.«

»Hast du es selbst gesehen?«

»Kurz vor dem Bankett ist er auf einer Treppe im Weißen Haus umgeknickt. War ihm ziemlich peinlich. Zum Glück sind in diesem Teil des Gebäudes keine Kameras zugelassen.«

»Was hast du gestern Abend im Park gemacht?«, fragte Annabelle. »Ich dachte, du wärst noch in Virginia, in Divine, bei Abby.«

Stone schaute aus dem Fenster. Der neue Tag war angebrochen. »Ich bin zurückgekommen«, sagte er schlicht. »Und Abby ist geblieben.«

»Oh«, sagte Annabelle enttäuscht, doch ihre Miene kündete von Erleichterung.

Stone wandte sich wieder Alex zu. »Gestern Abend waren außer mir noch vier Personen im Park. Was ist aus denen geworden?«

Alex schaute sich im Zimmer um und räusperte sich. »Das ist noch nicht ganz klar.«

»Heißt das, du weißt es nicht? Oder kannst du es uns nicht sagen?«

Annabelle starrte den Secret Service Agent wütend an. »Oliver wäre beinahe getötet worden, Alex.«

Alex Ford seufzte. Er hatte nie die Kunst beherrscht, professionelle Geheimhaltung mit dem ständigen Bedürfnis des Camel Club nach geheimen Informationen in den geheimsten Angelegenheiten auszubalancieren. »Sie sehen sich die Videoaufnahmen an und vernehmen die Augenzeugen, die gestern Abend im Park waren. Sie versuchen, sich ein Bild zu machen.«

»Und die vier anderen Personen im Park?«, beharrte Stone.

»Vier Personen?«

»Drei Männer und eine Frau.«

»Von denen weiß ich nichts«, erwiderte Alex.

»Wo genau hat sich die Explosion ereignet? Ich konnte es wirklich nicht genau sagen.«

»So ziemlich in der Mitte des Parks. Neben der Jackson-Statue, oder was von ihr übrig ist. Stücke davon wurden gemeinsam mit dem Zaun und der Kanone durch den gesamten Park geschleudert.«

»Also gab es beträchtliche Schäden?«

»Sämtliche Teile des Parks waren betroffen, aber den größten Schaden hat die Bombe in einem Radius von fünfzehn Metern angerichtet. In diesem Perimeter sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld. Woraus auch immer die Bombe bestand, sie war ein ganz schön großes Kaliber.«

»Als der Schusswechsel losging, war ein übergewichtiger Mann in einem Jogginganzug in der Nähe des Explosionsorts.« Stone furchte die Stirn und versuchte, sich zu erinnern. »Ich habe ihn beobachtet. Die Schüsse fielen, er rannte um sein Leben … und ist dann einfach verschwunden. Aber dann wäre er genau im Epizentrum der Explosion gewesen.«

Alle blickten Alex an, der sich in seiner Haut nicht wohlzufühlen schien. »Alex?«, sagte Annabelle erneut mit diesem vorwurfsvollen Unterton.

»Also gut. Es sieht so aus, als wäre der Bursche in das Loch gefallen, wo der neue Baum gepflanzt wurde. Die Explosion hat sich ganz in der Nähe ereignet. Aber noch ist nichts bestätigt.«

»Wissen wir, wer der Mann war?«, fragte Caleb.

»Noch nicht.«

»Die Herkunft der Bombe?«

»Ebenfalls noch unbekannt.«

»Wer hat die Schüsse abgegeben?«, fragte Reuben.

»Darüber weiß ich nichts.«

»Mich hat irgendwas getroffen«, sagte Stone. »Als ich fiel. Ein Mann hat mich beobachtet.«

»Könnte sein«, sagte Alex vorsichtig.

»Die Krankenschwester hat mir erzählt, dass sie einen Zahn aus deinem Kopf gegraben haben, Oliver«, sagte Annabelle.

»Einen Zahn? Dann bin ich bei der Explosion gegen diesen Mann geprallt?«

Annabelle nickte. »Sieht so aus. Falls ja, vermisst er jetzt einen Schneidezahn.«

»Hast du dir die Überwachungsvideos angesehen, Alex?«, fragte Stone.

»Nein. Ich gehöre technisch gesehen nicht zum Ermittlungsteam, deshalb kann ich auch nicht viele Antworten anbieten. Ich bin für den Personenschutz zuständig, und das bedeutet, dass mein Arsch gerade ganz gewaltig aufgerissen wird … und der vieler anderer Agenten auch.«

»Der Secret Service bekommt seine verdiente Strafe?«, fragte Reuben.

»Ja. Das war ein bisschen ernster als ein Silvester-Feuerwerk.«

»Ich war erstaunt, dass gestern Abend so viele Leute im Park waren«, sagte Stone. »Und ich hatte von dem Bankett gelesen, aber in der Zeitung stand, der Premierminister würde in der englischen Botschaft übernachten, wie normalerweise. Was ist da passiert?«

»Eine Planänderung in letzter Sekunde. Der Premier und der Präsident hatten für den nächsten Morgen eine frühe Arbeitssitzung anberaumt«, erklärte Alex. »Es ist logistisch viel einfacher, den Premier vom Blair House zum Weißen Haus zu bringen als von der Botschaft. Aber das wurde nicht öffentlich gemacht. Und du hast gestern Abend trotzdem gewusst, dass er zum Blair fährt?«

Stone nickte.

»Wieso?«

»Ich bin der Fahrzeugkolonne auf dem Weg zum Park begegnet. Es fuhr nur ein Motorradfahrer voraus, und das bedeutet, dass der Konvoi keine große Strecke zurücklegen muss und Verkehrskontrollen keine Rolle spielen. Die Polizeichefin von Washington verschwendet keine Ressourcen, wenn es nicht sein muss. Und der Personalschutz hatte sich um das Blair herum postiert. Bei den vielen Waffen, die ich dort gesehen habe, konnte es sich nur um jemanden der höchsten Kategorie handeln. Der Premierminister war der Einzige, der in dieses Schema passte.«

»Warum warst du zu dieser Stunde im Park?«, fragte Annabelle.

»Um in Erinnerungen zu schwelgen«, sagte Stone beiläufig und wandte sich wieder Alex zu. »Warum waren die Sicherheitsvorkehrungen gestern Abend so lasch?«

»Sie waren nicht lasch«, erwiderte Alex. »Und es ist nun mal ein öffentlicher Park.«

»Nicht, wenn es um die Sicherheit geht. Das weiß ich besser als jeder andere.«

»Ich befolge nur meine Befehle, Oliver.«

»Na schön.« Stone sah sich um. »Kann ich hier raus?«

»Ja, können Sie«, sagte eine Stimme. »Mit uns.«

Alle drehten sich zu den beiden Männern in Anzügen um, die auf der Türschwelle standen. Der eine war in den Fünfzigern, stämmig und grobknochig, mit breiten Schultern und einer deutlich sichtbaren Ausbeulung im Anzug, die von einer Pistole stammte. Der andere war in den Dreißigern und schlank, knapp eins achtzig groß, mit einem Marine-Corps-Stoppelhaarschnitt. Er war ähnlich bewaffnet.

»Sofort«, fügte der ältere Mann hinzu.

KAPITEL 6

»Nicht hierher«, murmelte Stone, als die schwarze Limousine im nördlichen Virginia auf das Gelände des National Intelligence Center rollte, kurz NIC, das ihn an den Campus einer Universität erinnerte. Sie fuhren durch den üppig gestalteten, vom Steuerzahler finanzierten Garten und zu dem niedrigen Hauptgebäude, das einen großen Teil der geheimdienstlichen Operationen der USA barg.

Eine Wand der Eingangshalle wurde von Fotos terroristischer Anschläge gegen die Vereinigten Staaten gesäumt. Eine Gedenktafel am Ende der Reihe der schrecklichen Bilder besagte: »Nie wieder.«

Die andere Wand zeigte die offiziellen Fotos der Männer, die das Amt des Geheimdienstchefs der NIC innegehabt hatten. Da diese Organisation erst nach dem 11. September gegründet worden war, handelte es sich nur um wenige Männer. Der bekannteste war Carter Gray, der viele hochrangige Regierungsposten bekleidet hatte. Grays würdevolles Gesicht blickte auf die Männer hinunter, als Stone und seine Begleiter an dem Foto vorbeigingen.

Vor Jahrzehnten hatte Stone für Grey gearbeitet. Damals war er noch unter seinem richtigen Namen bekannt gewesen, John Carr. Als effizientester Attentäter der Vereinigten Staaten hatte Carr all seinen Mut und seine Cleverness in die Waagschale geworfen, um seinem Land zu dienen. Zur Belohnung waren sämtliche Menschen, die ihm je etwas bedeutet hatten, von denselben Leuten, denen er treu gedient hatte, ausgelöscht worden – einer der Gründe dafür, dass Stone seinerseits Carter Grays Leben ausgelöscht hatte. Dieser Grund allein hätte schon ausgereicht.

Schmore in der Hölle, Carter, dachte Stone, als sich die Tür hinter ihm schloss. Wir sehen uns, wenn ich dir hinterherkomme.

Fünf Minuten später saß Stone an einem kleinen Holztisch in einem fensterlosen Raum. Er sah sich um, noch während er versuchte, ruhig zu atmen und nicht an seinen pochenden Kopf zu denken. Es handelte sich eindeutig um einen Verhörraum.

Der Raum wurde plötzlich dunkel, und ein Bild erschien auf der gegenüberliegenden Wand. Diskret in der Decke eingelassene Geräte projizierten es dort.

Das Bild zeigte einen Mann, der in einem bequemen Stuhl hinter einem polierten Schreibtisch saß. Der Blick über die Schulter des Mannes machte Stone klar, dass er sich in einem Flugzeug befand. Er war fünfzig, gebräunt und hatte lebhafte grüne Augen. Sein kurz geschnittenes Haar wies deutliche Geheimratsecken auf.

»Mir wird kein Gespräch von Angesicht zu Angesicht gewährt?«, fragte Stone.

Ein Lächeln legte sich auf das Gesicht des Mannes. »Leider nicht, aber Sie haben ja mich

Ich war der neue Direktor des NIC, Riley Weaver, Nachfolger des verstorbenen Carter Gray. Weaver musste in große Fußstapfen treten, doch in Regierungskreisen hieß es, er arbeite sich langsam, aber sicher in diese Aufgabe ein. Ob das gut für die USA war oder nicht, blieb abzuwarten.

Als Weavers Stimme ertönte, wurde die Tür zu dem Zimmer geöffnet, und zwei andere Männer traten ein und lehnten sich gegen die Wand hinter Stone. Oliver hatte es noch nie gemocht, dass Bewaffnete hinter ihm standen, aber im Augenblick konnte er nichts dagegen tun. Er war die Gastmannschaft, und die Heimmannschaft bestimmte die Regeln.

Weaver sah Stone an. »Erstatten Sie Bericht.«

»Warum?«

Das Lächeln wich aus Weavers Gesicht. »Weil ich Sie höflich darum gebeten habe.«

»Arbeite ich für Sie? Ich kann mich nicht entsinnen, so ein Memo erhalten zu haben.«

»Kommen Sie nur Ihrer Bürgerpflicht nach.«

Stone schwieg.

Weaver beugte sich schließlich vor. »Wie ich es sehe, haben Sie günstige Winde und nachlaufende See im Rücken.«

Weaver, fiel Stone ein, war Marine gewesen. Die Marines gehörten zur Navy, und der nautische Verweis zeigte, dass diese Zeit Weaver stark geprägt hatte – mehr, als Stone erwartet hatte. Mit den »günstigen Winden« und der »nachlaufenden See« – was in der Seemannssprache sehr günstige Bedingungen bedeutete –, bezog Weaver sich auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Aber wusste Weaver überhaupt von seinem Treffen mit dem Präsidenten?, fragte sich Stone. Davon, dass er nach Mexiko geschickt werden sollte, um sich dort mit den Russen zu befassen? Wenn nicht, hatte Stone nicht die Absicht, ihn darüber in Kenntnis zu setzen.

»Bürgerpflicht«, sagte er. »Nur damit wir uns verstehen. Das ist keine Einbahnstraße.«

Weaver lehnte sich zurück. Seine Miene verriet, dass er Stone unterschätzt hatte und diese Fehleinschätzung nun schnell korrigierte. »Einverstanden.«

Stone erstattete kurz und knapp Bericht über den Angriff im Park.

»Na schön«, sagte Weaver, als er fertig war. »Und jetzt schauen Sie nach links. Sehen Sie genau hin.«

KAPITEL 7

Stone sah eine Videoaufzeichnung der vergangenen Nacht vom Lafayette Park. Die Geschwindigkeit war verlangsamt worden, sodass er jedes Detail genau und in Ruhe betrachten konnte. Als die Schüsse fielen, rannten die Leute in sämtlichen Richtungen davon. Die Sicherheitsbeamten im Umkreis nahmen Verteidigungsposition ein und suchten nach der Quelle der Schüsse. Der Jogger rannte los – auf die kraftlose Art und Weise eines Mannes, der körperliche Betätigung nicht gewöhnt war. Seine Schritte waren kurze, zunehmend schwächere Hüpfer. Er lief mitten durch das gelbe Band. Einen Moment später fiel er in das Loch, in das der große Ahorn gepflanzt wurde. Vielleicht sprang er auch von selbst hinein.

Nun ergab das, was Stone gesehen hatte, endlich Sinn für ihn – namentlich der Mann, der sich in Luft aufzulösen schien. Es war wie ein Schützenloch, um sich vor den Kugeln in Sicherheit zu bringen.

Dann kam es zur Explosion. Stone sah, wie er selbst von den Füßen gerissen wurde und gegen das Bandenmitglied prallte. Beide gingen zu Boden. Eine Sekunde später zeigte das Bild nur noch Rauschen. Die Erschütterung der Explosion musste das Signal gestört haben.

»Beobachtungen?«, fragte Weaver.

»Spielen Sie es noch mal ab«, verlangte Stone.

Er schaute sich die Aufzeichnung noch zweimal an. Dann dachte er darüber nach, was er gesehen hatte. Der Jogger war in das Loch um den Ahorn gefallen. Sekunden später hatte sich die Explosion ereignet.

»Was hat die Detonation ausgelöst?«, fragte Stone. »Der Jogger?«

»Wir sind noch nicht sicher. Es könnte etwas in dem Loch gewesen sein.«

Stone blickte skeptisch. »In dem Loch? Sind im Park keine Gasleitungen verlegt?«

»Nein.«

»Ist Ihnen klar, was Sie damit andeuten? Eine Bombe, die im Lafayette Park versteckt wurde?«

Weavers Gesicht wurde noch dunkler. »Die Implikationen sind erschreckend, ich weiß, aber wir können die Möglichkeit nicht ausschließen.«

»Sie wollen also sagen, dass der Mann in das Loch gesprungen ist, um den Kugeln zu entgehen, und stattdessen von einer Bombe in die Luft gesprengt wurde, die zuvor dort versteckt worden war?«

»Falls es so war, hat er Pech gehabt. Er entkommt den Kugeln und stirbt trotzdem.«

»Wer ist am Tatort?«

»Derzeit das ATF und das FBI.«

Das hätte Stone klar sein müssen. Das ATF war für Ermittlungen zuständig, die mit Sprengstoff zu tun hatten, bis man zu der Ansicht gelangte, dass es sich um ein Verbrechen des internationalen Terrorismus handelte. Dann würde das FBI übernehmen. Doch Stone ging davon aus, dass eine Bombe, die vor dem Weißen Haus hochging, von vornherein als terroristischer Akt eingestuft würde. Das bedeutete, dass das FBI die Ermittlungen übernahm. Wahrscheinlich was das schon geschehen.

»Okay, lassen wir die Explosion für den Augenblick mal beiseite«, sagte Stone. »Wissen wir, wer geschossen hat? Auf dem Video schienen die Schüsse vom nördlichen Ende des Parks zu kommen. Aus Richtung H Street oder noch weiter weg.«

»Ja, das ist die vorläufige Schlussfolgerung.«

»Also von Norden nach Süden. Auf dem Video waren keine Mündungsblitze zu sehen«, betonte Stone. »Das bedeutet, dass sie vor den Kameraaugen verborgen waren.«

»Hinter Bäumen«, vermutete Weaver. »Am nördlichen Ende des Parks stehen sie ziemlich dicht. Aber die Überwachungskameras sind vor allem auf Beobachtungen auf Bodenhöhe ausgerichtet. Wenn die Schützen sich ziemlich weit oben befanden, haben die Kameras sie auf keinen Fall erfasst.«

»Sie müssen aus erhöhter Position geschossen haben«, meinte Stone.

»Wie kommen Sie darauf?« Riley fragte es in einem Tonfall, der Stone vermuten ließ, dass er die Antwort bereits kannte und ihn auf die Probe stellen wollte.

Stone beschloss, vorerst mitzuspielen. »Hätten sie hinter den Bäumen auf Straßenebene geschossen, wären die Kugeln wahrscheinlich über den Park und die Pennsylvania Avenue hinaus bis zum Weißen Haus getragen worden.«

»Und woher wissen Sie, dass das nicht der Fall war?«

»Weil Sie es mir anderenfalls gesagt hätten, oder weil ich ansonsten von mehr Todesfällen gehört hätte. Vor dem Weißen Haus halten sich immer sehr viele Menschen auf, auf der Pennsylvania Avenue waren Fahrzeuge. Wachen gingen Streife. Unvorstellbar, dass niemand getroffen worden wäre. Also Schüsse von oben nach unten. Stimmt mit meinen Beobachtungen überein. Ich habe gesehen, wie die Kugeln in den Boden schlugen. Und wenn sie zuerst die Baumkronen durchschlugen, müssen sie aus dieser Höhe oder noch darüber abgefeuert worden sein. Viele der Bäume sind ziemlich hoch und haben dichte Kronen. Hat jemand am nördlichen Ende des Parks etwas gesehen, was uns weiterhelfen könnte?«

»Da war das Wachpersonal. Und die Parkpolizei. Dazu ein paar uniformierte Agenten vom Secret Service und die Führer von Bombensuchhunden. Sie werden noch vernommen, hatten bislang aber nicht viel zu der Quelle der Schüsse zu sagen.«

Stone nickte. »Warum wurde der Park gestern Abend nicht geräumt?«

Weavers Gesichtsausdruck verriet, wie sehr ihm diese Frage missfiel. »Ich möchte nur Ihre Beobachtungen hören, wenn Sie sich dieses Video anschauen.«

»Ich hätte gern ein besseres Verständnis dafür, was vor sich geht, bevor ich mich aus dem Fenster lehne.«

»John Carr«, sagte Weaver erneut. »Ihre Akte ist so geheim, dass selbst ich sie nicht vollständig gesehen habe.«

»Manchmal kann selbst eine Regierung erfrischend diskret sein«, stellte Stone fest. »Aber wir sprechen über die Herkunft der Schüsse und die Parksicherheit, oder besser gesagt den Mangel daran.«

»Was die Herkunft der Schüsse angeht, wird noch ermittelt. Die Parksicherheit fällt unter die Zuständigkeit des Secret Service, und ich habe noch keinen Bericht von denen.«

»Natürlich haben Sie den.«

Weaver musterte ihn verwundert. »Wieso?«

»Die Sicherheit des Präsidenten geht über alles, was dem Secret Service absoluten Vorrang gibt, falls er den nicht sowieso schon hatte. Was nach Schüssen aus Automatikwaffen und einer Explosion direkt vor dem Weißen Haus aussieht, ist vor über fünfzehn Stunden passiert. Sie haben jeden Morgen um sieben Uhr eine Besprechung mit dem Präsidenten über die täglichen nationalen Sicherheitsvorkehrungen. Hätten Sie noch nicht mit dem Secret Service gesprochen, hätten Sie den Präsidenten heute Morgen in dieser Angelegenheit nicht unterrichten können. Und hätten Sie den Präsidenten heute Morgen nicht über einen Anschlag unterrichtet, der sich praktisch in seinem Vorgarten ereignet hat, wären Sie nicht mehr NIC-Direktor.«

Ein Zucken von Weavers rechtem Lid zeigte, dass dieses Gespräch für ihn nicht planmäßig verlief. Die beiden Männer, die sich gegen die Wand lehnten, verlagerten unbehaglich ihr Gewicht.

»Der Service behauptet, er habe den Park räumen wollen, die Pläne dann aber geändert. Da der Premierminister direkt zum Blair House fahren würde, war der Service der Meinung, vom Park ginge keine Bedrohung aus. Der Secret Service war der Ansicht, er habe den Park abgedeckt. Beantwortet das Ihre Frage?«

»Ja, aber es wirft eine andere auf.«

Weaver wartete gespannt.

»Welche Pläne genau haben sich geändert?«

Die Antwort auf Stones Frage war der lange Blick eines Marines. »Teilen Sie mir einfach die weiteren Beobachtungen mit, falls Sie welche haben.«

Stone sah den Mann an und erkannte die Absicht hinter den unverblümten Worten. Er konnte diese Sache auf vielerlei Art durchziehen. Manchmal bedrängte man sein Gegenüber, manchmal nicht.

»Zu viele Personen im Park haben Dinge getan, die sie zu dieser Stunde nicht hätten tun sollen«, sagte er.

Weaver lehnte sich im Sessel zurück. »Fahren Sie fort.«

»Ich habe viel Zeit im Lafayette Park verbracht. Um elf Uhr abends sind normalerweise nur noch die Leute von der Sicherheit dort. Gestern Abend waren vier Personen im Park, die dort nichts zu suchen hatten. Das Bandenmitglied, der Mann im Anzug, die Frau auf der Bank und der Jogger.«

»Sie alle hätten einen Grund für ihre Anwesenheit haben können«, hielt Weaver dagegen. »Es war ein warmer Abend. Und es ist ein öffentlicher Park.«

Stone schüttelte den Kopf. »Der Lafayette ist nicht der bevorzugte Ort, an dem man abends sitzt oder die Zeit totschlägt. Und der Service mag es nicht, wenn dort jemand herumhängt. Er wird Ihnen dasselbe sagen.«

»Das hat er schon«, gab Weaver freiwillig preis. »Was also glauben Sie?«

»Das Bandenmitglied hatte eine Waffe. Ich konnte sie auch ohne optische Hilfsmittel deutlich erkennen. Die Scharfschützen hätten sie sehen und die Information an die Kräfte auf dem Boden weitergeben müssen. Der Bursche hätte festgenagelt werden müssen, als er einen Fuß in die rote Zone setzte. Aber das war nicht der Fall.«

Weaver nickte. »Okay. Weiter.«

»Die Frau war gut gekleidet. Vielleicht arbeitet sie in einem Büro. Sie hatte eine Handtasche dabei. Aber um diese Stunde auf einer Bank zu sitzen, ergibt keinen Sinn. Sie telefoniert mit dem Handy und steht dann auf, als sich die Wagenkolonne nähert. Ein Glück für sie, da sie deshalb den Schüssen entgangen ist.«

»Weiter«, ermutigte Weaver ihn.

»Der Mann im Anzug betrachtete die Statue. Er ließ sich viel Zeit. Als die Frau denn den Park verließ, ging er weiter zum Decatur House. Als die Schüsse fielen, hatte ich beide aus den Augen verloren. Danach schaute ich zu dem Jogger, der zur Statue von Jackson rannte. Er schien einfach zu verschwinden, aber jetzt weiß ich, dass er in Wirklichkeit in das Loch gesprungen ist, um den Kugeln zu entgehen.«

»Und zum Dank für seine Mühe in die Luft gejagt wurde«, sagte Weaver.

»Trotzdem können eine oder mehrere der anderen Personen, die gestern Abend im Park waren, in die Sache verwickelt sein.«

Weaver schüttelte den Kopf. »Das ist zu weit hergeholt. Wir haben ein paar Salven Automatikfeuer und eine Bombe, die bereits dort versteckt war und wahrscheinlich zufällig von dem armen Schwein ausgelöst wurde, das versucht hat, vor den Kugeln in Deckung zu gehen. Der Bursche hat uns einen Gefallen getan. Er hat eine Bombe hochgejagt, bevor sie verheerende Schäden anrichten konnte. Jetzt müssen wir das Wer, Wie und Warum bei den Schüssen und der Bombe herausfinden.« Weaver betrachtete Stone. »Möchten Sie diesen Erkenntnissen noch etwas hinzufügen? Denn ehrlich gesagt, ich bin enttäuscht von dem, was Sie mir zu sagen hatten. Ich dachte, Sie wären spitzenklasse, aber Sie haben mir nichts gegeben, was ich nicht schon selbst herausgefunden hatte.«

»Ich wusste nicht, dass es mein Job ist, Ihren Job zu tun. Aber eine Beobachtung bekommen Sie noch kostenlos dazu«, fügte Stone hinzu. »Das Bandenmitglied war in Wirklichkeit ein Cop, nicht wahr?«

Nach dieser Bemerkung wurde der Bildschirm augenblicklich dunkel.

KAPITEL 8

Ohne dass Stone eine Anweisung erteilt hätte, setzte der Wagen ihn am Mt.-Zion-Friedhof ab. Das war natürlich Absicht. Ebenso gut hätte man sagen können: »Wir wissen genau, wo Sie wohnen. Wenn wir wollen, können wir Sie jederzeit holen.«

Stone ging an dem schmiedeeisernen Tor des Zauns vorbei, der den Friedhof umschloss, und betrat das kleine Friedhofsgärtner-Häuschen, das sein Zuhause war. Die Einrichtung war spartanisch und aus zweiter Hand und passte genau zu Stones Persönlichkeit und seinen begrenzten finanziellen Mitteln. Ein großer Raum war in eine kleine Küche und einen Sitzbereich geteilt. An einer Wand stand ein hohes Regal mit Büchern über esoterische Themen in den unterschiedlichsten Sprachen, die Stone über Jahrzehnte gesammelt hatte. Davor stand ein verkratzter Schreibtisch, der schon zum ursprünglichen Mobiliar des Häuschens gehört hatte. Ein paar abgenutzte Stühle standen vor einem geschwärzten Ziegelkamin. In einer Nische hinter einem ausgefransten Vorhang stand die Armeepritsche, auf der Stone schlief. Das und ein winziges Badezimmer bildeten die gesamte Grundfläche des Häuschens.

Stone nahm drei Ibuprofen, spülte sie mit einem Glas Wasser herunter, setzte sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch und rieb sich die Hände. Ob er noch immer nach Mexiko fliegen würde oder nicht, konnte er nicht sagen.

Er hielt vier Finger der rechten Hand und starrte darauf.

»Vier Personen«, murmelte er. Wenngleich es jetzt vielleicht nur noch drei waren, da aus dem Video hervorgegangen war, dass der Jogger nicht mehr unter den Lebenden weilte. Doch sie wussten noch immer nicht, wer dieser Mann war und warum er dort gewesen war. Also ließ Stone die vier Finger oben.

»War der Jogger zur falschen Zeit am falschen Ort, oder hat er mit der Sache zu tun?«, fragte er sich. »Und wo sind der Mann im Anzug und die Frau? Haben sie irgendwie miteinander zu tun?«

Und da war noch das Bandenmitglied, das wahrscheinlich ein Cop war. Stone wusste, dass der Mann nur aus diesem Grund mit einer Waffe in den Lafayette Park gekommen sein konnte. Er hatte eine Dienstmarke und die Befugnis, sich bewaffnet dort aufzuhalten. Der Bildschirm, der beim NIC schwarz geworden war, war die einzige Bestätigung, die Stone brauchte. Riley Weaver spielte mit den Leuten nicht fairer, als Carter Gray es getan hatte.

Doch es störte Stone, dass sowohl der Mann im Anzug als auch die Frau unmittelbar, bevor die Schüsse fielen, gegangen waren. Zufall? Hatten die beiden einfach nur Glück gehabt, so wie der Jogger Pech gehabt hatte?

Stone schloss die Augen und zwang seinen Verstand, auf den Vorabend zurückzugreifen. Seine Schläfen pochten noch immer, und seine Kopfhaut brannte nach wie vor von dem spitzen Zahn, doch allmählich kehrten die Bilder und Geräusche zurück.

»MP-5, vielleicht TEC-9s«, sagte er laut. In Wirklichkeit gab es zahlreiche Möglichkeiten, welche Waffen zum Einsatz gekommen sein konnten. »Auf Vollautomatik eingestellt.«

Wahrscheinlich Magazine mit dreißig Schuss, die man auf fünfzig oder mehr umstellen konnte. Wie viele Schüsse waren abgefeuert worden? Natürlich hatte Stone nicht jede Salve zählen können, aber er konnte auf der Grundlage der verstrichenen Zeit ziemlich gut schätzen. Vollautomatik, Magazine mit dreißig Schuss, zwei bis drei Sekunden, um die Munitionskammer zu leeren. Das Feuer hatte etwa drei- bis viermal so lange angehalten, zwölf bis fünfzehn Sekunden. Also ungefähr hundert Schuss. Aber nur, wenn lediglich eine Waffe abgefeuert worden war. Falls es mehr als eine Waffe gegeben hatte, ging es um Hunderte von Schüssen. Eine gewaltige Feuerkraft. Da die meisten Kugeln anscheinend im Boden gelandet waren, würde das FBI eine ziemlich genaue Schätzung hinbekommen. Aber das beantwortete nicht die bei Weitem wichtigere Frage. Wie genau war jemand so nahe herangekommen, um solch einen Angriff durchzuführen?

Stone stand auf, schaute aus dem Fenster und stellte im Geist die Topografie der Gegend um den Park zusammen. Nördlich und westlich entlang der H Street befanden sich das Gebäude der amerikanischen Handelskammer und das altehrwürdige Hay-Adams-Hotel. Im Nordosten lag die St. John’s Church. Dahinter erhoben sich Bürogebäude und Büros der Bundesregierung. Wenn er sich recht erinnerte, verfügte das Hay-Adams über einen Dachgarten. Und es war höher als die Kirche. Und Höhe war wichtig, um die Flugbahnen der Kugeln zu erklären.

Stone ging zur nächsten Frage weiter. Warum haben sie mich zum NIC gebracht? Nur wegen meiner Beobachtungen? Es waren andere Leute dort, die ihnen genau dasselbe wie ich berichten könnten. Es muss einen anderen Grund geben. Günstige Winde und nachlaufende See?

Stone schaute aus dem Fenster und sah, dass eine andere schwarze Limousine vor dem Friedhofstor hielt. Als die Insassen ausstiegen, musterte er sie. FBI, dachte er. Die Agenten vom Bureau gaben mehr für ihre Kleidung aus. Stone bezweifelte, dass sie kamen, um ihn zu einem Flugzeug nach Mexiko zu bringen. Der Präsident würde das FBI nicht in so eine Sache verwickeln. Zu viele gesetzliche Hindernisse. Die Bundesbehörde neigte dazu, die Buchstaben des Gesetzes zu befolgen. Und der FBI-Direktor war mächtig genug, um dem Präsidenten einen Wunsch abzuschlagen. Vielleicht hatte die Gleichung sich erneut verändert.

Und diesmal vielleicht zu meinen Gunsten.

Als die vier Personen näher kamen, erkannte Stone, dass seine erste Beobachtung richtig war. Er hatte gerade am Finger eines der Männer den Ring der FBI Academy gesehen. Es war auch eine Frau bei ihnen. Stone glaubte nicht, dass sie beim FBI war. Wenn er jedes äußere Merkmal berücksichtigte – von den Zähnen über die Gesichtsstruktur bis hin zum Gang –, kam er zum Schluss, dass sie Engländerin war. Höchstwahrscheinlich MI6. Beauftragt mit Geheimdiensttätigkeiten im Ausland.

Wenn der britische Premierminister das Ziel gewesen war, ergab das natürlich Sinn. Die Frau hatte den Premier möglicherweise auf seiner Reise begleitet. Oder sie war hier stationiert. Oder sie war heute erst in die USA geflogen, hatte gegen vierzehn Uhr eine Maschine genommen und war etwa zur gleichen Zeit hier eingetroffen. So, wie es aussah, hielt Stone die letzte Möglichkeit für die wahrscheinlichste.

Und es war ziemlich klar, weshalb die Frau und die Männer hier waren. Die Kugeln waren eine Sache, aber die Bombe hatte jemanden in die Luft sprengen sollen, und Stone ging nicht davon aus, dass es sich dabei um einen übergewichtigen Jogger handelte. Und nun glaubten sie, Stone könne ihnen irgendwie helfen, die Wahrheit herauszufinden.

Die reinste Ironie, dachte er. Die Wahrheit.

Er behielt sie im Auge, als sie sich seinem Häuschen näherten.

KAPITEL 9

Die Frau war tatsächlich beim MI6. Ihr Name lautete Mary Chapman. Aus der Nähe betrachtet stellte sich heraus, dass sie Mitte dreißig war, eins fünfundsiebzig groß, mit schulterlangem, schmutzig blondem Haar, das von einer Spange gehalten wurde, und durchdringenden, lebhaften dunkelgrünen Augen. Sie hatte ein kleines Kinn und dünne Lippen. Ihre Figur war schlank, fast drahtig, ihre nackten Waden muskulös. Ihre Finger waren lang, ihr Griff wie ein Schraubstock. Nach Stones Meinung war das Gesicht klassisch, aber nicht besonders attraktiv. Man würde sie niemals als »süß« bezeichnen. Selbstsicher, vielleicht sogar einschüchternd, aber niemals süß.

»Wie war der Flug über den großen Teich? Haben Sie keinen Jetlag?«, fragte Stone, nachdem die Besucher sich ihm vorgestellt und vor dem Kamin Platz genommen hatten.

Chapman warf Stone einen Blick zu und glättete dann umständlich eine Falte in ihrer Kostümjacke. »Keine verdammten Betten in einem Flugzeug, nicht mal bei der guten alten British Air.« Aus ihrem Akzent und ihren Worten hörte Stone Bescheidenheit und einen Sinn für Humor heraus.

»Man muss viel von Ihnen halten, dass man Sie über fast fünftausend Kilometer hierhergeflogen hat. Das MI6 hat eine ständige Niederlassung hier in Washington, nicht wahr?«

Chapman musterte das schäbige Mobiliar des Häuschens, bevor sie den Blick wieder auf Stones fadenscheinige Kleidung richtete. »Ich dachte immer, die Yanks würden ihre Leute besser bezahlen.«

Einer der FBI-Agenten räusperte sich. »Agent Chapman ist hier, um das FBI bei seinen Ermittlungen zu unterstützen.«

Stone richtete seine Aufmerksamkeit auf den massigen, kräftig gebauten Mann. Ein Schreibtischhengst, wenn man von seinem Taillenumfang und der schweißnassen Stirn ausging. Er war eindeutig nur der Bote und hatte in dieser Sache nicht viel zu sagen.

»Ich war schon beim NIC«, sagte Stone. »Die waren schneller als Sie. Die sind zu mir ins Krankenhaus gekommen.«

Der Dicke wirkte leicht verärgert, griff den Faden aber auf. »Und war das Treffen hilfreich?«

»Sie waren nicht besonders mitteilsam«, sagte Stone. »Ich hoffe, Sie machen Ihre Sache besser.«

Chapman schlug die Beine übereinander. »Tut mir leid, wenn ich darauf herumhacke, aber ich habe Ihre Legitimation noch nicht gesehen.«

»Ich habe keine, die ich Ihnen zeigen könnte«, erwiderte Stone freundlich.

Sie blickte den Dicken fragend an.

»Eine Formalität, die den Fortschritt der Ermittlung nicht behindern sollte«, sagte er steif.

Chapman runzelte die Stirn, blieb aber stumm.

»Gut«, sagte Stone. Er lehnte sich im Schreibtischstuhl zurück. Seine Miene wurde ernst. »Der Park.« Er gab den Besuchern einen detaillierten Bericht über das Geschehen dort. »Es gibt drei Personen, über deren Verbleib wir nichts wissen«, fügte er hinzu und blickte den Dicken an. »Kennen wir den Namen des Joggers?«

»Es wurden menschliche Überreste gefunden. Weit verstreut«, erwiderte der Mann und verzog vor Abscheu das Gesicht.

»Identifizierbar?«

»Es wird nicht einfach, ist aber machbar. Wir müssen allerdings auf die DNS zurückgreifen. Wenn der Tote in irgendeiner Datenbank verzeichnet ist, bekommen wir einen Treffer. Wir haben sein Foto von der Videoaufnahme auf unseren Websites gepostet und geben es an die Medien weiter, um ein paar Wellen zu schlagen. Wir hoffen, dass jemand sich meldet oder zumindest eine Vermisstenanzeige aufgibt.«

»Und die drei anderen?«

»Bei dem Mann im Anzug und der Frau lassen wir die Videoaufnahmen, die wir im Park gemacht haben, durch die Gesichtserkennungs-Datenbanken laufen, obwohl der Mann nie in die Richtung der Überwachungskameras geschaut hat. Vor vier Minuten hatten wir noch keinen Treffer. Außerdem haben wir die Fotos an die Medien weitergegeben und die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten.«

»Glauben Sie, diese Leute könnten mit der Sache zu tun haben?«, fragte Stone.

»Es ist noch zu früh, um diese Frage beantworten zu können. Vielleicht haben sie einfach Glück gehabt, dass sie den Park genau zur rechten Zeit verlassen haben.«

»Und das Bandenmitglied? War er Cop?«

»Hat das NIC Ihnen das gesagt?«

»Nicht ausdrücklich. Aber die haben es auch nicht dementiert.«

»Dann werde ich es auch nicht dementieren.«

»Sein Zahn steckte in meinem Kopf, bis die Ärzte ihn entfernt haben«, sagte Stone. »Sie könnten einen Zahnabdruck anfertigen lassen und wahrscheinlich auch eine DNS-Probe entnehmen.« Er hielt seinen Ärmel hoch. »Und das ist sein Blut. Haben Sie ein Testset im Kofferraum? Sie könnten sofort einen Abstrich machen.«

»Das wird nicht nötig sein«, sagte Chapman.

Stone drehte sich zu ihr um. »Warum nicht?«

»Weil der Zahn einem Angehörigen unseres Sicherheitspersonals gehört, der im Park Streife ging. Die Ärzte haben Ihnen den Zahn nicht zufällig zurückgegeben? Mein Mitarbeiter würde ihn gerne wiederhaben.«

»Warum war Ihr Mitarbeiter gestern Abend im Park?«

»Weil der Premierminister eigentlich vorhatte, zu Fuß durch den Lafayette Park zum Blair House zu gehen. Dann aber hat er sich den Knöchel vertreten, als er auf einer Treppe im Weißen Haus gestolpert ist. Um genau zwei Minuten nach elf. Das war sein Glück. Wäre er zu Fuß gegangen, hätte die Explosion ihm den Kopf abgerissen.«

KAPITEL 10

Nachdem die FBI-Agenten und Chapman gegangen waren, arbeitete Stone eine halbe Stunde auf dem Friedhof, richtete Grabsteine wieder auf, die kürzlich ein schwerer Wolkenbruch umgestürzt hatte, und beseitigte Geröll, das vom Unwetter über das Gelände verteilt worden war. Die körperliche Arbeit verschaffte ihm die Möglichkeit, klar zu denken. Und es gab eine Menge Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Als er ein paar Stöcke und kleine Zweige in einen Plastiksack warf, versteifte er sich plötzlich und drehte sich dann langsam um.

»Ich bin beeindruckt.« Mary Chapman trat hinter einem Strauch hervor. »Haben Sie Augen im Hinterkopf?«

»Manchmal.« Stone band den Müllsack zu und stellte ihn neben einen Bretterschuppen. »Wenn ich welche brauche.«

Chapman kam zu ihm. »Das ist eine erstaunliche Tarnung für einen Agenten. Ein Friedhofsarbeiter.«

»Eigentlich bin ich Hausmeister. Der Friedhof wird nicht mehr genutzt. Er ist eine historische Stätte.«

Chapman blieb stehen, hob das rechte Knie und rieb Schmutz von ihren schlichten schwarzen Pumps mit den niedrigen Absätzen. »Verstehe. Und es gefällt Ihnen, sich um die Toten zu kümmern?«

»Ja.«

»Warum?«

»Sie streiten nie mit mir.« Stone ging zu dem Häuschen zurück. Chapman folgte ihm. Beide setzten sich auf die Verandatreppe. Eine Minute verstrich schweigend, während beide dem Zirpen der Vögel lauschten, das sich mit den Geräuschen vorbeifahrender Autos mischte. Stone schien ins Leere zu schauen, während Chapmans Blick immer wieder wie ein verirrter Lichtstrahl zu ihm flackerte.

»Also Oliver Stone?«, sagte sie schließlich, ein belustigtes Funkeln in den Augen. »Ein paar von Ihren Filmen haben mir gefallen. Sind Sie hier, um Schauspieler für ein neues Projekt zu suchen?«

Stone blickte ihr ins Gesicht. »Warum sind Sie zurückgekommen?«

Chapman erhob sich und fragte zu seinem Erstaunen: »Haben Sie Zeit für eine Tasse Kaffee? Ich lade Sie ein.«

* * *

Sie fuhren in die Innenstadt von Georgetown und fanden sogar einen Parkplatz – ein fast beispielloser Glücksfall in diesem überfüllten Ballungszentrum. Das sagte Stone ihr auch.

»Ist bei uns genauso«, erwiderte sie. »Versuchen Sie mal, in London einen Parkplatz zu kriegen.«

Beide nahmen ihren Kaffee mit hinaus und setzten sich an einen kleinen Tisch. Chapman zog die Pumps aus, raffte den Rock bis zur Mitte der Oberschenkel hoch, legte die Füße auf einen leeren Stuhl, lehnte sich zurück, schloss die Augen und ließ die Sonne auf ihr bleiches Gesicht und die nackten Beine scheinen. »In England scheint die Sonne nur selten so kräftig«, erklärte sie. »Und wenn doch, ziehen normalerweise sofort Wolken auf, und es regnet. Das treibt eine Menge Leute an den Rand des Selbstmords. Besonders, wenn es im verdammten August regnet und man keinen Urlaub im Ausland geplant hat.«

»Ich weiß.«

Sie öffnete die Augen. »Ach ja?«

»Ich habe zwei Jahre in London gewohnt. Aber das ist lange her«, fügte er hinzu.

»Geschäftlich?«

»Ja, könnte man sagen.«

»John Carr?«

Stone trank seinen Kaffee und schwieg.

Chapman nippte an ihrem Becher, während das Schweigen sich hinzog.

»John Carr?«, sagte sie schließlich noch einmal.

»Ich habe Sie schon beim ersten Mal verstanden«, erwiderte er und musterte sie von der Seite.

Sie lächelte. »Möchten Sie wissen, wo ich diesen Namen zum ersten Mal gehört habe?«

Stone antwortete nicht, doch sie wertete sein Schweigen anscheinend als Zustimmung an und fuhr fort: »James McElroy. Er ist ein gutes Stück älter als Sie.« Sie ließ den Blick über seine große, schlanke Gestalt schweifen. »Und nicht annähernd so gut in Form.«

Stone schwieg auch diesmal.

»Er ist eine Legende in englischen Geheimdienstkreisen. Hat jahrzehntelang den MI6 geleitet. Aber das wissen Sie vermutlich alles. Jetzt hat er irgendeinen hochtrabenden Titel – welchen, weiß ich nicht genau. Aber er macht, was er will. Und das ist verdammt gut für das Land, das kann ich Ihnen sagen.«

»Geht es ihm gut?«

»Ja. Offensichtlich hat er das zu einem Teil auch Ihnen zu verdanken. Iran, 1977. Sechs Fanatiker wollten seinen Kopf auf einen Speer aufspießen. Sechs tote Fanatiker, nachdem Sie mit ihnen fertig waren. Er hat gesagt, er hätte nicht mal die Zeit gehabt, seine Waffe zu ziehen, um Ihnen zu helfen. Dann waren Sie verschwunden, einfach so. Er bekam nie Gelegenheit, Ihnen zu danken.«

»Ich habe keinen Dank verlangt. Er war unser Verbündeter. Es war mein Job.«

»Tja, dessen ungeachtet sagt er, dass er Ihnen seit Jahrzehnten ein Bier ausgeben will, weil Sie ihm den Hintern gerettet haben, nur sind Sie nie wieder aufgetaucht. Er will Ihnen noch immer einen ausgeben.«

»Ist nicht nötig.«

Chapman streckte sich, setzte die Füße auf den Bürgersteig, zog den Rock herunter und schlüpfte wieder in die Pumps. »Wie der Zufall es will, ist er in der Gegend.«

»Sind Sie deshalb zurückgekommen?«

»Ja und nein.«

Stone blickte sie erwartungsvoll an.

»Ja, weil ich wusste, dass er Sie gerne sehen würde. Nein, weil ich meine eigenen Gründe hatte.«

»Und die wären?«

Sie beugte sich vor. Stone sah die Walther PPK, die in dem schwarzen ledernen Schulterhalfter hing, das durch die Lücke zwischen ihrer Kostümjacke und der Bluse zu sehen war.

Er deutete mit dem Kopf auf die Pistole. »Ein ziemlicher Abzugswiderstand, nicht wahr?«

»Man gewöhnt sich daran.« Sie rührte den Rest des Kaffees mit einem Holzstäbchen um. »Sehen wir den Dingen ins Auge. Diese Sache ist von Anfang an verpfuscht. Die Amerikaner haben so viele Geheimdienste, dass ich von keinem eine klare Antwort bekomme. Mein Chef teilt diese Ansicht. Aber die USA sind unser wichtigster Verbündeter, und wir möchten nichts unternehmen, was unser Verhältnis beeinträchtigen könnte. Aber unser Premierminister ...

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