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Der Aufenthalt

Hermann Kant

Der Aufenthalt

Roman

 

 

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

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V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

XXVIII

XXIX

 

|5|So bildet sich der Mensch

 

Indem er ja sagt, indem er nein sagt

Indem er schlägt, indem er geschlagen wird

Indem er sich hier gesellt, indem er sich dort gesellt

So bildet sich der Mensch, indem er sich ändert

Und so entsteht sein Bild in uns

Indem er uns gleicht und indem er uns nicht gleicht

 

Bertolt Brecht

 

|6|Dem Andenken

von Edda Tennenbaum und Justyna Sierp

 

Und für Vera

|7|I

Meine Mutter ist nicht mit zum Bahnhof gegangen. Sie hat nicht gesagt, warum, und ich habe sie nicht gefragt. Es war kurz nach sechs, vierzehn Tage vor Weihnachten, und auch im Zug war es dunkel.

Ich fuhr nach Kolberg, und so lief alles falsch. Keine meiner Vorstellungen ging auf, außer der einen: daß ich gehen mußte.

Ich hatte geglaubt, meine Mutter würde mit zum Bahnhof kommen, denn sie ist auch hingegangen, als mein Vater abfuhr. Ich habe immer reifen Mais zu meinem Abschied gesehen, wohl weil der Mais gerade reifte, als mein Bruder eingezogen wurde, und ich bin auf Sennelager in Westfalen gefaßt gewesen.

Jetzt Kolberg und im Winter. Kalter Osten, wohin sie mich holten, und der Eisenbahner zog ein Gesicht, als er mein Einberufungspapier las. Seine Lampe war blau verdunkelt; das kannte ich lange, aber jetzt sah ich, wie häßlich dies Licht machte. Alles war häßlich. Alles ist häßlich gewesen, als ich fortgegangen bin, und ich habe nichts Gutes geahnt.

Dazu gehörte nichts, denn ich wußte, wohin ich fuhr. Ich fuhr in den Krieg, und ich wußte schon, wie der war. Meine Mutter wußte es auch; sie hatte einen Mann und einen Sohn an die Bahn gebracht.

Ich glaube, sie hat deshalb nicht mehr an den Zug gewollt; auch wäre sie diesmal auf dem Heimweg allein gewesen. So blieb sie wohl lieber allein in unserer Küche.

Auf der Fahrt hatte ich schon Heimweh nach ihr. Ich war kein Muttersohn; ich war, wie man mit achtzehn ist, wenn man schon selber Geld verdient und sich unter Familie nicht mehr vorstellt als genug zu essen und saubere Wäsche. Aber |8|im Zug hatte ich Heimweh. Und auf der Hochbrücke über den Kanal nahm ich bedrückt Abschied von meiner Heimat. Mir schien es der Augenblick dafür zu sein, und der Ort war auch richtig. Die Brücke ist lang genug für eine Menge Gedanken.

Für mich war sie immer ein Tor in die Fremde, oder, wenn ich sie von Ost nach West überquerte, das Tor in die Heimat. Seewärts vom Kanal beginnt Dithmarschen, und hier ist auch gleich die Grenze zwischen Geest und Marsch, und hinter den Marschen beginnen die Kooge, und hinter den Koogen beginnt das Meer. Die Bahn, die von Itzehoe und Wilster über die Brücke kommt, geht von St. Michaelisdonn über Marne nach Friedrichskoog. Ich bin selten mit dem Zug dorthin gefahren, denn es sah nicht viel anders aus als in Marne, aber wenn, dann fuhr ich mit dem Rad. Der Wind ist meistens steif, und die Entfernungen sind nicht groß, zehn Kilometer von Marne zur Schleuse, acht Kilometer an die Elbmündung und kaum zwanzig bis Hochdonn, wo an den steilen Geesthängen die Welt, die Erde, das Land beginnt. Wer über die Kanalbrücke ostwärts fährt, kommt in eine Fremde, in der es Wälder und Seen und trockene Heide und Straßen mit scharfen Kurven und große Städte gibt.

In Dithmarschen gibt es keine; Heide hat zehntausend Einwohner, und Meldorf bei uns im Süden nur knappe fünf, Marne noch weniger, etwas über dreieinhalbtausend, und ich glaube, damals, als ich fortfuhr von Marne, habe ich sie alle gekannt.

Ein paar von ihnen saßen sogar mit mir im Zug, und natürlich wußten sie, wohin meine Reise ging. Sie hatten es am selben Tag erfahren, an dem die Einberufung gekommen war; der Briefträger hatte es jedem erzählt. Es war längst nichts Besonderes mehr, daß einer Soldat wurde, aber in einem so kleinen Ort wie Marne ist jeder Fall ein besonderer.

Ich war der dritte von den Niebuhrs, und zwei waren schon gefallen, das war besonders; ich kam nach Kolberg in den Osten, das war auch besonders; und ich war Mark Niebuhr, |9|der einzige Drucker in Marne, der noch nicht über achtzig war, und da war mein Fortgang besonders schmerzlich.

Das alles war seit acht Tagen herum gewesen in Marne, und so hatten wir uns im Zug nicht viel zu erzählen, ganz zu schweigen davon, daß man sich in Dithmarschen sowieso nicht viel erzählt und schon gar nicht kurz nach sechs an einem Wintermorgen im Krieg.

Aber die ausstiegen in Wilster und Elmshorn, die sagten: Mookt man good, Jung!

Das ist das einzige gewesen, was an diesem Tage nicht häßlich oder traurig war.

Ich bin dreimal umgestiegen, in Hamburg, Berlin und Stettin, und jeder, den ich nach dem richtigen Zug fragte, gab mir Auskunft, aber in einem Ton, als helfe er mir bei etwas Verbotenem.

Es war spät, als ich in Kolberg in die Kaserne kam.

 

Der Hauptmann sagte: Kolberg ist berühmt durch Gneisenau, Nettelbeck und Leimhut. Leimhut bin ich. Gneisenau und Nettelbeck haben Kolberg für das Vaterland verteidigt. Ich verteidige Kolberg für Leimhut. Hier schießt mir keiner durch den Dickdarm, hier will ich bleiben. Ich sage euch das, damit ihr gerecht bleibt in eurem Zorn, wenn ich euch schleife. Leimhut, müßt ihr euch sagen, hat seine Gründe, daß er ein Unmensch ist. Weiterer Hinweis auf die Eigentümlichkeiten von Kolberg: Es ist eine schöne Stadt. Ich teile euch das mit, weil ihr nicht die Kraft haben werdet, es zu sehen. Für Schönheit muß man ausgeruht sein; dahin wird es mit euch nicht kommen. Das Kleinod von Kolberg ist Kolbergermünde, die Badestadt. Da es eben weihnachtet, haben wir den Strand für uns. Dort dürft ihr Burgen bauen, im Wasser tollen und euch von den Dünen stürzen wie Otto Lilienthal von den Rhinower Bergen. Kinder, das machen wir ja alles. Und wenn sich der Sand, der euch in die Nase gekommen ist, mit dem Sand trifft, der euch in die Ohren geriet, und wenn ihr meint, ihr schwitztet Salmiakgeist, und wenn ihr auf |10|euren Hackenblasen den Choral von Leuthen tuten könnt, und wenn euch die Ostsee schmeckt wie das Tote Meer und der Persanteschlick wie Himbeermarmelade, dann laßt euch nicht vom Zweifel beikommen, sondern glaubet fest: Kolberg ist schön, und Leimhut ist gut. Und Leimhut ist, das verrate ich euch jetzt, damit ihr es berücksichtigt und nicht das Barbarische in mir schürt, der Hauptmann Leimhut ist auf ein wenig Ordnung bedacht: Die Seitenrichtung immer eine Freude für einen alten Geometer, die Stube rein wie eine Gynäkologenhand, die Haare in der Nase sauber linksgescheitelt – da freut sich der alte Leimhut, Leimhuts Sohn. Soweit das Körperliche, und nun zum Seelischen eine weltanschauliche Maxime, die alles abdeckt, sie lautet: Leimhut soll sich immer freuen! Und über dies alles hinaus, Jungs, noch eine vertrauliche Mitteilung: Ich bin nicht das Übel, ich bin das Übliche.

 

Ich bin nicht lange in Kolberg geblieben, zehn Tage nur, aber ich mag Kolberg seither nicht mehr. Später gab es noch einen weiteren Grund für mich, Kolberg nicht zu mögen, aber als ich nach Gnesen verlegt wurde, reichte mir Kolberg schon, weil es Leimhuts Kolberg gewesen war.

Die Ostsee kann ich seit damals auch nicht mehr leiden. Ich kann mir den in Krieg und Winter verkommenen Badestrand nicht mehr fortdenken von ihren Rändern.

Andere haben ihren Stechschritt im Nordseesand geübt, und die wollen nichts mehr von Nordsee wissen; ich weiß, aber ich war an der Ostsee, in einem schmutzigen Dezember, und ich habe in die Ostsee geheult. Gnesen fand ich nicht besser, aber ich war schon zehn Tage gedient, als ich dort ankam, und der Gnesener Hauptmann kann, wenn ich es überlege, schwul gewesen sein. Vielleicht war er nur gutherzig, oder beides. Ein Mittelschullehrer aus Pommern; für Wärme sind die wenig bekannt, aber dieser war ein besorgter Trauerkloß, der wissen wollte, ob unsere Unterhosen richtig säßen.

Gnesen war für mich ein entlegener Punkt in der europäischen |11|Landmasse; von Kolberg zurück nach Marne ließ sich in Fußmärschen denken, von Gnesen nicht mehr. Der Führungsoffizier sagte uns, Gnesen sei eine deutsche Stadt, und wenn es mir auch egal war, geglaubt habe ich es nicht. Außer den Kasernen, die mir vertraut waren, wurde mir dort nichts vertraut. Als der Führungsoffizier sagte, Gnesen habe einmal Gniezno geheißen und sei der Krönungsort der polnischen Könige gewesen, dachte ich: Was erzählst du uns dann?

Es ist einem gleich, ob der Dom, an dem man vorbeimarschiert, wenn es zum Geländedienst geht, Sitz eines Erzbischofs ist und zu Zeiten von Thronvakanzen Sitz des polnischen Reichsverwesers war; Geschichte ist einem gleich, wenn es zum Geländedienst geht. Dann ist ein neunhundert Jahre alter Dom nur eine Entfernungsmarke, und ein Wald ist weder slawisch noch preußisch noch großdeutsch; der ist einfach eine Gemeinheit.

Und Weihnachtsabend, Heiligabend, ist dem deutschen Grenadier des Ausbildungsjahrgangs vierundvierzig eine Atempause, in der es einen Blechbecher voll Kümmel gibt. Wer auf sich hält, trinkt den Kümmel und kotzt ihn erst auf der Latrine aus und nicht schon im Lehrsaal, wo die Unteroffiziere »O Tannebaum« singen.

Als ich im Bett lag, wollte ich an Marne denken und an das Weihnachtsgedicht von Storm, der mein Landsmann ist, aber ich kam nicht dazu. Ersten Feiertag früh gab der traurige Hauptmann bekannt, der weitere Teil unserer Ausbildung werde mit einer Härteübung verbunden und wir würden weiter nach Osten verlegt. Er rückte seinen Kinnriemen zurecht und schrie beklommen: Marschalarm!

Als Weihnachten vorbei war, lagen wir in einer Bunkerstellung am Rande eines Ortes, der jetzt Tonningen hieß und früher Kłodawa geheißen hatte.

Der Mensch, das lernte ich bei dieser Härteübung, kann auch so leben: Zwei Stunden Posten stehen, zwei Stunden die Grabenpumpe hebeln, zwei Stunden schlafen. Kein Mensch, sage ich mir, sollte so leben. Ich weiß nicht, bis zu welchem |12|Härtegrad wir hätten üben sollen und bei welchem Härtegrad die Übung abgebrochen wurde, aber sie wurde abgebrochen, und an der Tonart merkte ich Änderung. Ein Feldwebel kam und sagte: Kommt mit, ihr Ärsche!

Wir gingen hinter ihm her durch die Stadt; marschieren war gar nicht, weil die Straße voll von schweren Fahrzeugen war; sie kamen uns entgegen, von Osten.

 

Der Feldwebel sagte: Ihr zieht hier jetzt einen der bekannten Gräben, und wenn er fertig ist, stellt ihr euch rein. Hinter euch ist dann die Heimat, und vor euch breitet sich die große kalte Scheiße aus. Ihr sollt verhindern, daß sie unsere schöne Heimat bedeckt. Um zu wissen, wann ihr mit verhindern anfangen sollt, müßt ihr die Straße beobachten. Sobald das fahrende Volk auf den Wagen nach richtigen Soldaten auszusehen beginnt, könnt ihr euch für den Besuch feinmachen. Zuletzt werden noch ein paar von unseren Panzern kommen, dann folgt eine Pause, und dann kommt Iwan der Schreckliche. Der Ortskommandant meint, Kłodawa kann gehalten werden; er muß an euch gedacht haben, als er das sagte. Spätestens morgen abend könnt ihr Geschichte machen und das Kłodawa-Wunder vollbringen. Fragt mich nicht, wie, denn Wunder sind unerklärlich. Nach allem, was ich höre, ist der ganze Laden in Bewegung gekommen; ich habe das schon einige Male mitgemacht, und ich lebe noch. Also heult nicht; man kann es überstehen. Napoleon rückwärts, wie ich das gern habe! Und Schnee kriegen wir auch.

 

Wir kriegten den Schnee, und wir hoben die Gräben aus, aber ich habe nicht in ihnen kämpfen müssen. Ich wurde abkommandiert in die Post. Dort wußte keiner, was ich sollte. Ich las Briefe, die mich nichts angingen, und ich las in einem Buch, das ich bald überhatte, »Die Narren des Kaganowitsch« hieß es. Ein Telefonist am Klappenschrank registrierte jede abgerissene Verbindung mit dem Spruch: Klappe tot, Affe kommt näher.

|13|Der Affe war schon lange zu hören, aber erst als sich Infanteriewaffen zwischen den Geschützen ausmachen ließen, bekannte ich mich zu dem Gedanken, daß ich an eine Front geraten war.

Ich habe die Angst in meiner Erinnerung längst abgetragen; wenn ich sie zurückrufen will, bringe ich es nur bis zur Verwunderung. Ich war verwundert, das weiß ich. Ich hatte hundertmal den Krieg gedacht und mich in ihm, aber ich hatte mich auch hundertmal als Indianer gedacht oder als Entdecker des Anilins. In Kłodawa besah ich betroffen meine rote Haut und meine blaugefärbten Finger. Der Telefonist sagte, es sei vertretbar, daß wir uns nunmehr von dannen machten, aber er sagte es etwas spät, denn als wir vom Posthof auf die Straße wollten, fuhr auf der anderen Seite ein Panzer vor und hielt an der Friedhofsmauer. Er stank wie eine blakende Petroleumlampe.

Hau ihn um! sagte der Telefonist, und ich tat das. Der Panzer schüttelte sich in weißem Feuer, und aus seinem Turm sprangen welche über die Friedhofsmauer. Einer muß noch im Fallen seine Handgranate geworfen haben, denn es fuhr mir etwas durchs Beinfleisch, das war heiß wie die Hülse der Panzerfaust, die ich eben losließ. Es hat mich nicht am Laufen gehindert. Ich lief durch die Stadt, und ungefähr dort, wo wir Wasser gepumpt hatten, nahm mich ein Sturmgeschütz an Deck.

Wenig später fuhr es in einen Graben, in dem sich andere hatten fangen sollen.

Wir haben uns dann erst einmal in dem Graben seitwärts verzogen; der Schnee auf seiner Sohle war fest, denn vor uns hatten schon viele diesen Haken von der Chaussee geschlagen. Dann drehten wir parallel zur Straße, und einer gab als Marschziel die Festung Posen an.

Nach zwei Nächten hatten wir die Nächte satt. Die Front hatte sich schon so weit davongemacht, daß sie uns nicht einmal mehr den Horizont beleuchtete.

Wir schliefen durch einen Vormittag, und ich träumte von |14|der Festung Posen, die wie ein Hauffsches Schloß aussah. Dann gingen wir bei Licht weiter, und als wir über eine verschneite Weide schnürten, flog ein grünes Flugzeug über uns hinweg. Ich sah nicht hinauf, weil ich wieder einmal dachte, das mache mich unsichtbar, aber die im Flugzeug hielten sich nicht an die Kinderregel; sie holten uns einen Wagen voll Soldaten auf den Hals, und als wir an das Ende der Weide und an den Anfang eines Waldes kamen, mußten wir uns mit denen schießen.

Vier von uns kamen noch in den Wald, ich auch, aber drei haben eine andere Richtung gewählt, da war ich allein.

Ich war immer gern allein. Immer, das ist: früher. Das war: vorher. Zu Hause war ich gern allein. Spätabends allein in der Druckerei, wenn Geschwister Bruhns schon lang im Bette lagen, zweimal achtzig Jahre alt, dann hatte ich den Setztisch für mich, und ich trug den grünen Augenschirm und war der Eigner des »Texas Herald«, der teilnahm mit leidenschaftlichem Appell am Kampf der Farmer gegen die Rancher. Ich fuhr gern allein mit dem Rad durch die Marsch, im Herbst, wenn Nebel über den blauen Kohlfeldern lag. Ich saß gern allein auf der Seeseite am Dieksanderdeich; ich saß da am Weltenrand in Wind und Vogelschrei und folgte den ablaufenden Wassern hinüber zu den schottischen Fjorden. Ich war gern allein, wo ich zu Hause war.

Im Wald, hinter dem die Festung Posen lag, im Wald hinter der verschneiten Weide, auf der wohl meine Kameraden lagen, dort war ich nicht gern allein.

Ich wollte in die Festung Marne, zurück an den sicheren Ort, der bewehrt war mit Samen- und Getreidehandlungen, Sauerkohlfabriken und Krabbenküchen, einer Brauerei und einem Pferdemarkt. Ich wollte die Brücke über den Kanal gewinnen und das Tor zuschlagen zwischen mir und Kolberg und Gnesen und Kłodawa und dem kalten Wald, der vor der Festung Posen lag. Ich wollte zurück in den Schutz von meiner Mutter Küche.

Ich lief auf Marne zu.

 

|15|Ich lag unter dem Bett, und da lag ich nun. Ich glaube, es war staubig unter dem Bett. In meinem Mundwinkel mengte sich Staub mit Fett. Ich hatte gerade Speck gegessen, gebratenen Speck. Ich hatte auch Tee getrunken, aber der Geschmack des Specks hielt sich länger, und nun kam der Geschmack des Staubs hinzu. Nun lag ich unter dem Bett.

Ich hatte das Koppel nicht geschlossen; das Schloß drückte in der rechten Leiste. Der linke Teil meiner Kragenbinde war lose; er polsterte das Stück der Diele, auf dem mein Backenknochen ruhte. Ich lag still, aber ich ruhte nicht. Ich ruhte wie der Hase, der eben den Jäger gesehen hat. Ich hatte eben die Jäger gehört, und nun lag ich unter dem Bett.

Ein Jahrhundert vorher hatte ich noch am Tisch gesessen. Gesättigt, getränkt, erwärmt, geborgen, schläfrig schon. Wir hatten vom Schlafen gesprochen. Ich hätte nur noch aufstehen müssen, nur noch einmal aufstehen und mich nach vorne fallen lassen. Dann hätten sie mich auf dem Bett gefunden. Nun würden sie mich unter dem Bett finden. Sie hatten mich gefunden.

Ich lag unter einem Bett etwas südlich der Straße zwischen Kutno und Konin, in Höhe von Koło etwa. Etwas und etwa; ich hatte keinen Kompaß und keine Karte. Es war am zwanzigsten Januar, sage ich seither; ich hatte keinen Kalender, und ich hatte keine Uhr. Die letzte Uhr hatte ich am dreizehnten Januar gesehen, und die letzte Uhrzeit sagte mir einer, als wir den sechzehnten Januar hatten, schätzungsweise.

Es ist schwer, so etwas zu schätzen, wenn keine Regel mehr gilt, außer daß es Tag wird und wieder Nacht. Wenn nicht mehr gilt, daß man morgens aufsteht und sich abends schlafen legt, daß man morgens zu essen kriegt und mittags auch und abends noch einmal, daß man auf Posten zieht von zwei bis vier oder von vierzehn Uhr bis sechzehn Uhr, daß Appell ist um sieben und Lale Andersen singt um Mitternacht – wenn das nicht mehr gilt, ist schwer zu schätzen, wie spät es ist. Und wenn es sein kann, daß es Sonntagvormittag war, als man den Küchensoldaten erschoß, anstatt in der Kirche zu |16|sitzen und vom Gott zu singen, der Eisen wachsen ließ, und wenn man nur noch weiß, es war ein heller Wintermorgen, an dem man doch gegen allen Vorsatz vom Schnee gefressen hat, und wenn man glaubt, es könnten auch Monate gewesen sein ohne Ofenwärme, dann ist nicht mehr wichtig, wann man unter einem polnischen Bauernbett liegt, weil es eben geklopft hat.

Wichtig ist nur, daß es geklopft hat. Es war wichtig genug, dich vom Schemel zu wirbeln in die Deckung. Es hat an die Muschel geklopft – zurück in ihre letzte Windung, zurück in den engsten Spalt der tiefsten Höhle, zurück in die Krumen der Furche, in den Staub, ah, in den deckenden Staub.

Es war gegen die Regeln, alles. Gegen die Regeln aus dem Handbuch und gegen die aus den Heldenepen. Man setzt sich nicht in Feindesland an Feindestisch und frißt und denkt nur ans Fressen. Man denkt nicht an Schlaf, wenn man nicht vorher an Sicherung gedacht hat. Man läßt den Bauern und seine Frau an der Mündung riechen, wenn man allein ist, und man sperrt sie in die Kammer; besser, man dreht ihnen vorher noch einen Strick durch die Zähne; dann kann man essen, Gesicht zur Tür, Mündung zur Tür, eine Hand am Gewehr und nur die andere im Speck.

So lebt man aus den Büchern, und anders lebt man nicht lange. Man springt nicht unters Bett, wenn es klopft. Sicht geht vor Deckung. Wo ist da Sicht unter diesem Bett? Da sind nur noch Empfindungen; da geht kein Krieg.

Wenn es geklopft hat, da, in solcher Lage, setzt man den Helm auf, zieht das Sturmgewehr in die Schulter und ruft wie ein Kleistscher Reiter: Herein, wenn’s kein Schneiderlein ist! und wenn es kein Schneiderlein ist, wenn es einer unter Waffen ist, läßt man es fliegen, den Stahl und das Blei, und wenn es mehrere sind unter Waffen, läßt man entsprechend mehr fliegen vom Blei und vom Stahl, und man ruft dazu wie ein Schillscher Husar: Mich kriegt ihr nicht, ihr Hunde! und man zählt die Schüsse und denkt dabei: Der letzte ist für michachdumeinschwarzbraunesmägdelein.

|17|Aber man springt nicht unter ein Bett. Aber ich bin unter das Bett gesprungen.

Auch hätte ich sie schon weit früher auffangen sollen, die Feinde, nicht erst hier neben dem Bett etwas südlich von Koło, und zurückwerfen hätte ich sie schon früher sollen, von Kłodawa fort und über den Ural zurück vorerst. Ich hatte die Bücher schon länger nicht mehr befolgt, als ich mich da unter das Bette warf.

Anstatt die Feinde zu werfen, hatte ich mich davongemacht, nur weil die Feinde auf mich schossen. Anstatt das Großeganze zu sehen, hatte ich alles persönlich genommen. Ich hatte an mein Fell gedacht, ich hatte meinem Magen gelauscht, hatte meine Füße angesehen, nur weil sie erfroren waren. Und als ich den Küchensoldaten erschoß, hatte ich es getan, weil sonst er mich erschossen hätte. Ich, mein, meine, mich. Ich hatte mich zu sehr meiner angenommen und darüber vergessen, daß die Feinde hinter den Ural gehörten und ich nicht unter ein polnisches Bauernbett.

Doch da lag ich, die Arme nach vorn gestreckt, die Hände flach auf den Dielen, die Beine leicht gegrätscht, Innenkanten der Stiefel auf den Dielen. Ich hatte die Augen offen; ich weiß noch von einer herabhängenden Matratzenfeder im geviertelten Licht der Petroleumlampe; von der Feder weiß ich noch und von Schmalz und Staub im Mundwinkel und vom Koppelschloß in der Leiste. Ich weiß auch noch, wie gut ich hörte. Mein besseres Ohr, das linke, lag auf dem Polster der Kragenbinde, aber ich hörte auch mit dem anderen nun sehr gut. Die Frau schrie, immerfort, immerfort sehr polnisch; ich hatte sie vorher für stumm gehalten. Der Mann schrie gegen die Tür, dann schrie er polnisch, und er schrie mir etwas zu unters Bett, das schrie er deutsch. Ich sollte hervorkommen, schrie er mir zu, und er schien in Eile, und zur Tür schrie er, denke ich mir, ich käme schon hervor, sie sollten noch etwas verweilen mit dem Schießen, er sähe genau, ich käme soeben hervor unter seinem Bett, und er schrie auch dies in Eile.

|18|Ich kann nicht behaupten, frohen Ton aus ihm gehört zu haben, dabei hatte er Grund: Ich war im Begriff, zu gehen. Kein Mann sieht gern einen Mann unter seinem Bett. Kein Mann sieht gern einen Mann mit Flinte auf seiner Schwelle. Aber er hatte mich eingelassen, unfroh, doch überzeugt.

Ich muß überzeugend ausgesehen haben mit der Nacht über den Schultern, mit Dreck im Kinderbart und mit einem deutschen Sturmgewehr. Ein Sturmgewehr ist für den Sturm gedacht. Es ist leicht, leicht handhabbar, zuverlässig, und ein zuverlässiger Mann schießt recht schnell damit. Ein unzuverlässiger Mann, einer, dem die Regeln abhanden gekommen sind, weil er nicht rechtzeitig zu essen bekommen hat und schon lange nicht, ein solcher Mann schießt noch schneller mit dem deutschen Sturmgewehr, und wer ihn auf seiner Schwelle trifft, Glock Mitternacht bei Krieg, der weiß die Regel: Einen solchen lasse man geschwind herein!

Der Mann, der mich so geschwind zu sich eingelassen hatte, schrie nun zur Tür, vermutlich, er werde mich geschwinde wieder herauslassen, und mir schrie er den Grund unters Bett: Draußen stünden viele und hätten viele Gewehre dabei, und nicht ihn wollten sie und seinen Speck, sondern mich wollten sie, mich da jetzt noch unter seinem Bett.

Er sprach, meine ich, von Schießen; die andern, meinte er, hätten von Schießen gesprochen.

Das wollte ich glauben. Wir alle sprachen damals recht häufig von Schießen. Wir alle ließen es damals beim Sprechen selten bewenden. Und auch die Regel galt nicht mehr, daß man zu sagen habe: Halt, oder ich schieße!, ehe man schösse. Man schoß; das verkürzte den Vorgang; das machte den andern schon halten.

Nur zielen mußte man gut. Der Küchensoldat, den ich erschossen habe, hat nicht gut gezielt gehabt. Er ist aus seinem Bunker gekommen, hat mich gesehen, hat hinter sich gegriffen, hat sein Feuerzeug auf mich gerichtet, linke Hand vor der Trommel am Lauf, rechte Hand am Kolbenhals, und hat auf mich gefeuert.

|19|Auf mich, der ich im Rauch von seinem anderen Feuer gestanden und in mich hineingerochen hatte, was über den sonnenglatten Schnee zu mir herübergekräuselt kam: Bohnen, ach, Zwiebeln, Speck und Lauch, mitten im tiefen Winterhunger, mitten im nächtelangen, tagelangen, kilometerlangen, fluchtweglangen Hunger. Mitten im schneewürzenden Hunger war ich auf einen Sturm aus Lauch- und Bohnenrauch getroffen, war schon in einem Traum von einem Bohnenberg, der trug einen Zwiebelturm, dem glänzten von Speck die Seiten. Da kam der böse Koch herfür, da kam der Koch aus seiner Tür, da kam aus der Tür ein Soldat in weißem Kittel und schoß mir durch den Traum.

Da schoß ich ihm durch den weißen Kittel. Da war ich achtzehn Jahre alt.

Dann rannte eins durch den Winterwald, das wußte: Viele Köche bewachen der Soldaten Brei, viele Köche rächen eines Koches Tod, viele Köche lassen vom Löffel und nehmen das Gewehr, wenn es vor ihrem Herd geschossen hat.

So rannte eins durch den Wald und sah das Rehlein nicht im Tann und sah das Einhorn nicht und hörte nicht den Schuhu flüstern und lauschte nicht dem Singen der Elfen.

Ich bin gerannt. Wie lange, weiß ich nicht. Wohin, weiß ich nicht. Wie, weiß ich nicht. Wie rennt einer am siebten von sieben Tagen Rennen? Wie rennt einer am siebten Hungertag? Wie rennt einer, dem die Zehen vom Frost schwarz sind unterm schwarzen Dreck?

Wenn er Gründe hat, rennt er. Ein toter Koch im Rücken ist viele Gründe. Ein toter Koch beschleunigt sehr. Ich rannte.

Machte ich halt? Ja, ich machte halt auf angemessene Weise; in den Büchern heißt es: Die Knie brachen ihm. Die Knie brachen mir, und ich machte halt in einem Graben, da war etwas unter dem Schnee neben mir: ein aufgerissener Sack Zement, ein Klotz unvermengt erstarrten Zements. Wie kamen wir hierher? Ich machte halt in einem Hühnerstall auf Rädern; in seinen Ecken türmte sich ein Gebirg aus |20|Stroh, zwei Handvoll verschissenen Strohs; in deren Tiefen verkroch ich mich, mochten sich die Köche an die Hühner halten, ich war geborgen. Ich machte auch halt auf einem Draht, der war der oberste von einem Zaun aus Drähten, hat aber keine Stacheln gehabt. Ich hätte auch auf den Stacheln haltgemacht; es wäre nicht anders gegangen. Ich bin in den Wald gerannt bis tief in die Nacht. Die Knie sind mir gebrochen im tiefen Schnee. Ich machte halt, wo es mich hielt. Es hielt mich nirgend lange. Ich hielt mich nicht mehr lange.

Ich kam an eine Hütte, ein Haus, ein Schloß, eine Burg? An eine Burg, in diese Burg, an einen Tisch, über einen Teller. Unter ein Bett. Da lag ich nun unten und hatte eben noch oben gesessen. Auf einem Schemelthron. Hatte die Gabel gehalten als Zepter. Hatte gerülpst wie ein König. Hatte mein Heer vergessen gehabt, das mich längst vergessen hatte. Hatte das Heer des Feindes vergessen gehabt, das mich nicht vergessen hatte. Hatte Auskunft gegeben gegen alle Königs- und Soldatenregel:

Deutscher? – Ja.

Allein? – Ja.

Schon lange? – Ich glaube, ja.

Warum? – Die andern sind gekommen, und wir sind gelaufen; erst viele, dann weniger, dann wieder mehr, dann immer weniger, dann nur noch ich allein.

Wo sind die andern hin? – In den Schnee sind sie hin, sie sind hin im Schnee; ein Schuß unter den Nabel, ein Schuß durch die Milz, ein Schuß ins Ohr, viele Schüsse.

Und auf den Feind, wie er da auf euch geschossen hat, habt ihr da nicht auch auf ihn geschossen? – Doch, haben wir, war die Regel so. Zuerst haben wir sehr viel geschossen, dann nicht mehr so viel. Einmal, sehr spät schon, haben wir uns noch einmal freigeschossen, nicht alle, aber einige.

Frei? – Ja, freigeschossen haben wir uns, als sie am Wald vom Wagen gesprungen sind; da sind wir durch, und danach war ich allein.

Und hast dich noch oft freigeschossen?

|21|Es ging, sagte ich und stellte den Teller schräg auf den Schaft von meinem Sturmgewehr; es war noch Fett in dem Teller, und Brot war noch da, und ich sagte dem Bauern nichts von dem Küchensoldaten.

Da kam wer, es dem Bauern zu sagen.

Es pochte an die Tür. Es pochte wie ein Pferdehuf. Es klopfte wie von einem Rammbock. Dreihundert Köche machten poch mit dreihundert Nudelhölzern. Dreihundert Mongolenrosse donnerten gegen die Bohlen. Dreihundert Pferdekräfte gingen los gegen des Bauern und meine Pforte. Die 1. Belorussische Front tat einen kollektiven Faustschlag an unsere Tür.

Da griff ich, von später weiß ich das, den leeren Teller und mein gefülltes Sturmgewehr und warf den Teller und das Gewehr und mich unter des Bauern Bett.

Das verstieß gegen viele Regeln: gegen die Regeln über den Umgang mit Tellern, über den Umgang mit dem deutschen Sturmgewehr, über den Umgang mit dem Feind und gegen die Regeln über den Umgang mit mir.

Was Wunder, daß ich reglos lag, Speck und Staub im Mund, ein eisernes Schloß in der Leiste, den Backenknochen auf der Kragenbinde, satt und überhörig unter bäuerlichem Bett etwas südlich der Straße von Konin nach Kutno in einer Winternacht bei Krieg.

Was Wunder, daß ich aufstand, als der Bauer aufstehn schrie.

|22|II

Es ist etwas mit meinem Gedächtnis nicht in Ordnung, mit meiner Art, mich zu erinnern, denn mir fällt leichter ein, was ich gedacht habe, als das, was geschehen ist.

Natürlich weiß ich, was geschehen ist: Man hat mich gefangengenommen, und ich habe eine Menge Angst gehabt, und ich habe die Angst mit hochgereckten Armen angezeigt. Aber ich weiß auch, wie sehr ich mich gewundert habe, weil so viele gekommen waren, mich zu holen. Ich erinnere mich an eine ungehörige Art von Erleichterung, die ich empfand, als ich an viele schreiende Menschen geriet und nicht nur an ein oder zwei kühle und stumme Schützen oder an einen einzigen, der voll Furcht gewesen wäre wie ich.

Niemals zuvor bin ich so sehr Mittelpunkt eines Auflaufs gewesen; einmal wäre ich beinahe ertrunken, und danach haben sich viele um mich gekümmert, und einmal habe ich im Krämerladen eine goldene Brosche gefunden und es gleich gesagt, und es hat mir Beachtung eingebracht, und einmal habe ich ein durchgehendes Pferd aufgehalten; dafür wurde ich von mehreren Leuten gelobt, auch wenn es eine Dummheit war, denn das Pferd hätte sich in der Marsch müde gelaufen, und der Wagen, den es zog, war leer.

Ich glaube, den Leuten, die mich gefangennahmen, war der Vorgang so ungewohnt wie mir. Sie standen in Halbringen um mich und die Hütte und redeten aufeinander ein und auf mich. Keiner kam mir sehr nahe, und sie riefen mich an wie über eine große und doch nur fragwürdig schützende Entfernung.

Ich verstand sie nicht, und ich sagte nichts, weil ich nicht wußte, was man in so einer Lage sagt.

Hinter mir, durch die angelehnte Tür, rief der Bauer, sie wollten von mir wissen, ob noch andere in der Hütte seien.

|23|Nein, schrie ich, es ist keiner mehr da; fragt doch den Bauern da drinnen!

Sie hörten mir zu, und dann hörten sie dem Bauern zu, der hinter seiner Türe übersetzte. Danach schrien wieder alle durcheinander, und nur mit Mühe konnte ich den Bauern rufen hören, er solle mich fragen, wo meine Waffen seien.

Unter seinem Bett, rief ich, und ich hoffte, sie meinten nicht, daß ich mich über sie lustig machte.

Hinter meinem Rücken, hinter der Tür hervor, hörte ich die Übersetzung.

Endlich verständigten sie sich ohne den Umweg über mich, und es kam einer an der Hauswand entlang, dem der Bauer mein Sturmgewehr aus der Hütte reichte. Das Gewehr wurde mir über die rechte Schulter geschoben; seine Mündung landete in der Bucht zwischen Ohr und Kiefer.

Ich dachte an das Loch im Trommelfell, das ich schon hatte, und ich hörte mich atmen.

Der das Gewehr hielt, verstand seine Sache; er ließ nur einen an mich heran, und der klopfte mich gründlich ab. Er fand sogar die Goldfeder, die ich aus dem Füller geschraubt und in die Uhrtasche gesteckt hatte. Der Federhalter war ein Konfirmationsgeschenk meines Onkels gewesen; die anderen hatten mir nur Geld gegeben, und meine Mutter hatte über ihren Bruder gesagt: Ja, Jonnie strengt sich immer an!

Der Bauer war schließlich hinter seiner Tür vorgekommen. Er sagte: Du sollst gehen!

Da ging ich, und vor und hinter mir und links und rechts von mir gingen viele mit. Es waren keine russischen Soldaten; es waren polnische Bauern und deren Frauen und die Kinder dazu.

 

Es wird die Bürgermeisterei gewesen sein, in die sie mich brachten. Mein Wirt dolmetschte beim Verhör, und er sagte, ich solle mich bei der Mutter Maria bedanken, er habe seinen Leuten gesagt, ich hätte ihn nicht bedroht.

Ich brauchte nicht viel, um auf einen Grund für Dankbarkeit |24|zu kommen. Ich wurde hier auch so wie ein Mörder angesehen.

Sie machten wohl ein Protokoll, schrieben auf, was ich sagte und was der Bauer sagte, und schrieben auch auf, was sie mir abgenommen hatten. Die Schreibfeder lag auf dem Soldbuch und der Brieftasche mit den Bildern.

Der Bauer, der mein Wirt gewesen war, mußte unterschreiben, und zwei andere Männer unterschrieben auch. Mein Bauer zeigte auf eine Zimmerecke, auf den Fußboden, und sagte, ich sollte mich dort niederlassen und still verhalten. Dann ging er. Die anderen erwiderten seinen Gruß nicht freundlich, und ich war nicht gemeint.

Ich war müde wie nach zu langer schwerer Arbeit, die auch den Kopf angestrengt hatte; ich brauchte Schlaf, aber ich hätte noch nicht schlafen können. Und ich fand es unangebracht, jetzt zu schlafen.

Als ich darüber nachdachte, merkte ich, daß ich für meinen Fall nicht ausgestattet war. Man hatte mich, trotz der Eile recht gründlich, im Gebrauch von Waffen unterwiesen, und man hatte mir mehrfach erklärt, was der Soldat nach dem Besuch eines Bordells zu tun habe. Über den Sinn des Fahneneids wußte ich Bescheid, und mit der Grabenpumpe kannte ich mich aus. Aber niemand hatte mir gesagt, was zu geschehen habe, wenn ich in Gefangenschaft geriete.

Es sagt einem, glaube ich, auch keiner, was man tun soll, wenn man in den Himmel oder in die Hölle kommt. Guter Rat reicht nicht so weit, und Gefangenschaft ist wohl zu entlegen.

In den Büchern hatte einiges gestanden, aber das war immer mit verzweifeltem Kampf und anschließender Ohnmacht, aus der man dann gefangen erwachte, verbunden gewesen. Es war entweder ritterlich oder rauh zugegangen, und man hatte dort englisch oder französisch gesprochen.

Aber ich war nicht Graf Luckner, und hier war nicht Neuseeland; mich hatten sie unter einem polnischen Bett vorgeholt, |25|und ich war ein Buchdrucker aus Süderdithmarschen, wo man mit Plattdeutsch gut zurechtkommt.

Ich hatte jetzt nur den Glauben, daß man mich nicht umbringen würde. Das war seltsam, denn soviel hatte ich immerfort gehört: daß man mich umbringen würde. Und ich hatte es immer geglaubt.

Wie man so glaubt an Sachen, von denen man weiß, daß es sie gibt, allgemein, an die man aber nicht denken kann, faßbar, als an Dinge, die einem selber geschehen könnten.

In diesem Sinne hatte ich geglaubt und nicht geglaubt, daß ich mit einer Panzerfaust durch einen Panzer schießen würde und mit einem Gewehr durch einen Menschen. An Sterben hatte ich auch so gedacht, aber an Gefangenschaft nicht.

Ich hätte zufrieden sein sollen mit der Art, in der sie mich traf, aber ich war es nicht. Das weiß ich und kann es nicht fassen. Es muß jedem, auch mir, unfaßlich sein, daß ich, kaum hatte ich den kalten Druck in der Ohrgrube vergessen, etwas auszusetzen fand an meiner Lage. Zu hadern, weil ich festgesetzt war unter Fremden, die bestimmt meine Feinde waren, das wäre in Ordnung gewesen, und soweit hielt ich mich auch an die Ordnung, aber ich mäkelte, anders kann man es nicht nennen, an der Sachlage herum, weil sie mir unordentlich vorkam.

Unwürdig? Nein, das Wort werde ich nicht benutzt haben, weil es mir nicht zustand in meinen Jahren, aber unordentlich, das kann sein, oder: nicht in Ordnung. Auf den Dielen einer Dorfschreibstube zu hocken und von der Gemeinde betrachtet zu werden wie ein endlich gefangener Hühnerräuber, das war mir peinlich – auch wenn ich wußte, daß solches Gefühl sich nicht gehörte.

Es hätte etwas geschehen sollen, dem ich aufrecht hätte begegnen können, mannhaft und soldatisch, aber so blieb mir nur die Sorge, wie ich denn jemals würde erzählen können von dieser läppischen Verdrießlichkeit.

Das ganze Dorf muß auf den Beinen gewesen sein in dieser Nacht; dem Verhör durch die Männer folgte immer wieder |26|Besichtigung durch die Frauen, und mir schien, sie waren sowenig zufrieden mit dem Fang wie ich mit meinen Fängern.

Wozu der Mensch doch seinen Kopf benutzt, kaum hat er ihn behalten dürfen. Ich benutzte den meinen, die Haltung der Frauen zu erraten, ihre Meinung über mich und über den Vorgang, dessentwegen sie aus den Federn gestiegen waren um diese Stunde, und ich sah mehr Kopfschütteln als geballte Fäuste, Belustigung gar und kaum Zorn, und wenn ich mir davon auch Erleichterung versprechen durfte, richtig eingeordnet fühlte ich mich nicht.

Bestimmt hätte ich um mein Leben geschrien, wenn es an das gegangen wäre, aber nun, kaum daß es schien, als sollte ich es behalten, bangte ich um mein Ansehen.

Ist man so? Ist man so als Mann? Ist man als junger Mann so? War ich so als junger Mann? Bin ich so?

Ich hoffe, ich war nur zu jung für die richtige Furcht.

Die Frauen hatten sich, trotz des Einspruchs eines Mannes, der sich wie der Bürgermeister benahm, über meine Brieftasche hergemacht und die Autogrammpostkarten gefunden. Es waren drei, von Marika Rökk, Ilse Werner und Zarah Leander. Natürlich waren die Unterschriften gestempelt, aber ich hing an den Damen, und ich hatte ihre Bilder zu den Familienfotos gelegt, als ich in Marne mein Bündel schnürte. Ich fand es unerlaubt, nicht zulässig, daß sich die Frauen über meine Sachen hermachten. Sie waren doch fremde Zivilpersonen, feindliche, polnische, und ich war immerhin Soldat, auch wenn man es mir jetzt nicht mehr so ansah. Ich kam mir sehr gedemütigt vor, und der Bürgermeister gefiel mir plötzlich, der mit den Frauen schimpfte. Aber die ließen sich von ihm nicht stören, redeten auf ihn ein, zeigten auf mich und auf die Bilder, und dann kamen sie zu mir in die Ecke, hielten mir Marika Rökk und Zarah Leander unter die Nase, und ich verstand nur ein Wort von dem, was sie sagten. Sie sagten immer wieder Artista, Artista, schwenkten die Bilder und stießen mich an und sagten im Frageton: Artista, Artista?

|27|Ich ließ, in Gottes Namen, Zarah Leander eine Artistin sein und nickte in meiner Bedrängnis, und gleich darauf meinte ich, die Frauen schnappten über. Als wären nicht eben alle Augenzeugen meiner bestätigenden Geste gewesen, teilten sie einander aufgeregt das Ergebnis ihrer Anfrage mit und riefen es auch dem Bürgermeister zu, der sich von seinem Schreibstuhl erhob, um mich mit befremdlichem Interesse zu betrachten. Es gab Zank, wie es aussah, und ich und das Wort Artista schienen eine wichtige Rolle dabei zu spielen. Schließlich winkte der Bürgermeister ab, wie die Männer auch bei uns zu Hause abwinken, wenn die Weiber ihr Teil gesagt haben, und nun geschah Seltsamstes: Mir wurde Tee gebracht, der noch lau war, und ein Stück Brot bekam ich mit Schmalz darauf; zwei Frauen brachten Stroh und Decken, und dann fingen sie an, mir die Stiefel auszuziehen.

Das war nicht einfach, denn ich hatte sie nur einmal ausgehabt seit Kłodawa, aber sie schafften es, und ich hatte noch die Stärke, mich zu genieren, als der Gestank meiner Fußlappen, Socken und Füße in die Stube fuhr.

Ich sah gar nicht hin; ich sah erst hin, als ich merkte, daß sie mir die Füße wuschen. Sie wuschen mir die Füße! Sie folgten der verklebten Spur das Bein hinauf und fanden das eitrige Loch in der Wade. Sie säuberten und verbanden es. Sie salbten mir die beuligen Füße, schmierten sie dick ein mit ihrem Schweineschmalz. Sie berührten mich behutsam, und sie seufzten behutsam, und sie legten mich behutsam auf das Stroh.

Verwirrt schlief ich ein, doch ich schlief wunderbar.

 

Sie haben mich auf einem Karren, den eine dürre Kuh gezogen hat, in ein Städtchen gefahren, das Koło hieß.

Ich wurde zwei Männern übergeben, die weiß-rote Bänder an ihren Ärmeln trugen. Der Bürgermeister erstattete lange und aufgeregt Bericht, aber die neuen Leute schienen nicht sehr beeindruckt.

Der eine fragte mich: Stimmt das?

|28|Ich habe doch nichts verstanden, sagte ich.

Nun gut, Sie sind also Schauspieler? sagte er.

Nein, ich bin Buchdrucker.

Nun gut, sagte er, ich werde das nicht übersetzen.

Die Männer, die mich gefangen hatten, stiegen auf ihren Kuhkarren und fuhren ab. Ich glaube, sie haben nach einer Form gesucht, in der sie sich von mir verabschieden könnten, aber sie haben keine gefunden.

Nun gut, sagte mein neuer Wächter, wir haben schon mehrere Exemplare Ihrer Gattung am Ort; man wird Sie gleich nach Konin bringen. Können Sie laufen?

Es ginge schon, sagte ich, und es ging wirklich. Ich hatte riesige Holzschuhe an die dick umwickelten Füße bekommen und einen abgescheuerten Schrubberbesen als Krücke. Aber ich brauchte die Krücke eigentlich nicht.

Die anderen Exemplare meiner Gattung standen vor der Tür; die beiden Männer mit den polnischen Bändern hängten sich Maschinenpistolen um, eine englische und eine deutsche, und der Sprecher sagte: Nun gut, gehen wir etwas!

Es sind nur achtundzwanzig Kilometer von Koło nach Konin, wie ich jetzt weiß, aber wir haben einen langen Tag gebraucht. Einmal ist mir eingefallen, daß die Festung Posen in derselben Richtung lag. Als wir in Konin waren, sind wir an die fünfzig gewesen, und das waren für das Gefängnis, in das man uns brachte, entschieden zuviel. Nach einer Nacht, in der mir niemand die Füße salbte, nicht mal im Traum, holten uns russische Soldaten ab, die in Eile waren. Ihr Chef war ein sehr kleiner Offizier, der einen sehr großen Knüppel bei sich führte.

Es war erstaunlich, was er alles mit diesem Knüppel konnte. Er schwang sich an ihm über die Schmutzlachen auf der Straße, korrigierte damit die Seitenrichtung unserer Kolonne, deutete mit ihm an, was er zu tun gedächte, falls sich jemand davonmachen wollte, und hieb ihn einem seiner Landsleute über den Hintern, der einem meiner Landsleute an der Nase drehte.

|29|Die Straße war mir beinahe vertraut; es war die von Konin zurück nach Koło. In Koło haben wir Pellkartoffeln bekommen, und ich habe keinen gesehen, der sie nicht mit der Schale aß. Ich habe darüber nachgedacht und gefunden, daß Gewohnheiten nicht so haltbar sind, wie man sagt. Sie zerfallen fast so rasch wie die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind. Aber sie stellen sich auch mit denen wieder her, und vielleicht ist das gemeint, wenn von ihrer Langlebigkeit die Rede ist. Mir ist erst aufgefallen, daß ich die Kartoffeln in der Schale gegessen hatte, als ich schon halbwegs satt war, und an die Kartoffeln zu Hause habe ich erst gedacht, als ich schon wieder hungrig war.

Bei uns gab es meistens Salzkartoffeln, weil mein Vater das Pulen an der Pelle nicht mochte, aber zum Matjeshering gehörten Pellkartoffeln, und Matjes mochten wir alle leiden, Matjes mit Speck-und-Zwiebel-Stipp.

Das ist eine gute Erinnerung, aber hinter Koło ließ ich bald von ihr, halb gezwungen, weil die zerrissene Straße und der gepanzerte Gegenverkehr meine Aufmerksamkeit forderten, und halb mit Vorsatz, weil ich merkte, daß ich jetzt nicht gut an Marne denken konnte, ohne dem Jammer nahe zu sein.

Wie lange wir bis Łódź gebraucht haben, weiß ich nicht; es muß aber sehr lange gewesen sein, obwohl es nur hundertzwanzig Kilometer waren, denn ich kann mich an vier Übernachtungen erinnern, in einer Kirche, in einem Pferdestall, in einem Gutshaus und in einem Landratsgebäude. Dort war es noch am wirtlichsten, weil wir zentnerweise Lebensmittelkarten fanden, auf denen wir uns schlafen legen konnten. In der Kirche war es mir unheimlich, denn einige von uns entdeckten hier, daß sie sehr fromm waren, und sie beteten laut, was ich genierlich fand, und andere machten Feuer aus dem Gestühl; das fand ich aber auch nicht richtig, und unheimlich war es mir, weil ich sah, daß keiner mehr fähig schien, eine richtige Haltung zu finden. Im Gutshaus ging es; da hatte ich mich in eine Kornkiste verkrochen, und immerhin |30|ist es jemandem eingefallen, mich zu wecken, als wir das Gebäude wegen eines Brandes verlassen mußten. In dem Pferdestall schließlich bin ich zur komischen Nummer geworden, und am anderen Tag war ich auf eine Weise berühmt, die mir nicht gefallen konnte. Der Stall war groß genug für unsere ganze Kolonne, fast fünfhundert Mann inzwischen, aber der Boden war mit verjauchtem Stroh bedeckt, und ich kam zu spät, um eine trockene Stelle zu finden. Anstatt aus der Sache mit der Kornkiste gelernt zu haben, suchte ich mir wieder einen Sonderplatz. Ich stieg in eine der Futterkrippen, klemmte meine Mütze zwischen mein Gesicht und die eisige Wand und fühlte mich halbwegs gut aufgehoben. Zwar merkte ich bald, daß es mich immer tiefer in den Winkel aus Wand und Krippensprossen drückte, aber ehe ich etwas daraus machen konnte, war ich eingeschlafen. Das Erwachen war fürchterlich. Es begann mit einem Traum, in dem ich in einem schräggestellten Sarg lag, der in einem Kiesberg steckte. Meistens ist man erleichtert, wenn man aus so einem Traum auffährt, aber ich konnte nicht erleichtert sein, denn ich konnte nicht auffahren, und atmen konnte ich auch kaum noch. Wenn man Glück hat in einem schweren Traum, dann sagt einem ein Quentchen Bewußtsein immer noch oder schließlich, man träume ja nur, und mit einiger Energie kann man sich da heraushelfen, aber hier kam ich aus einem eingebildeten Übel in ein wirkliches, und das sonst rettende Erwachen lag schon hinter mir. Es ist nicht so, daß ich mich zusammengenommen hätte, um meine Lage in angestrengter Ruhe zu erfassen; sie erfaßte sich ohne jeden Aufwand von Scharfsinn, denn sie konnte nicht eindeutiger und unverrückbarer sein. Ich bekam kaum noch Luft, und ich konnte mich nicht rühren. Im ersten Schlaf, der die Muskeln lockert, hatte sich mein Körper dem Winkelraum zwischen kaltem Stein und hartem Holz angepaßt, ich hatte meine Arme vor den Leib gezogen, und da waren sie nun eingeklemmt und taten ebensowenig wie meine Beine, was zu tun ich ihnen aufgeben wollte. Und die Mütze, mit der ich mich hatte |31|schützen wollen, die klebte mir kalt über Mund und Nase, und als ich schrie, merkte ich, daß ich durch vereistes Tuch gegen eine vereiste Wand anschrie und daß ich die Luft nicht hatte, die man für lautes und langes Schreien braucht. Ich weiß von der Versuchung, solche Zwangslagen mit einiger Übertreibung zu schildern, aber es ist die bare Wahrheit, daß in mir ein Gedanke war, der fragte, ob der Mensch in solcher Not nicht etwas Luft durch seine Ohren in sich ziehen könne.

Es hat mich dann doch einer gehört, einer der schlaflos lag auf einer Mistinsel in der Jauche, einer, der mein besonderes Stöhnen herausgehört hat aus dem allgemeinen Stöhnen, einer, der noch aufzustehen bereit war eines anderen wegen und sich zu kümmern. Er hat es natürlich nicht allein geschafft, mich aus der Krippe zu zerren, und er hat sich allerhand anhören müssen, und ich durfte mir anhören, wie sie mich Jesuskind nannten.

Aber der Spott hat sich nicht lange gehalten, denn auch zum Spott gehört eine Gemeinsamkeit oder Gemeinschaft, doch wir hatten kaum mehr miteinander gemein als die Postenkette, die uns alle einschloß.

Ich bin viel allein gewesen, vorher und seither, aber so allein wie auf diesen Straßen im späten Januar war ich selten. Ich hatte immer die Fähigkeit, mir eine Welt zu machen, wo es mir an Welt fehlte oder wo sie nicht so war, wie ich sie mir wünschte, aber in dieser Wirklichkeit der krummen Rücken, der schlurfenden Schritte, der Bettelblicke und Elendsseufzer war kein Bewegungsraum, in den ich hätte fliehen können.

Die Einsicht hatte ich noch, und viel war das nicht, und sie war nicht angenehm.

 

Zu einigem Seelenleben bin ich wohl erst wieder gekommen, als ich die Straßenbahnschienen in der Vorstadt sah. Sie kamen mir vor wie Anschlußstücke zu einer Welt, die schon verlorengegangen schien. Nun glaubte ich sie nicht mehr verloren und mich auch nicht. Es gab keinen anderen Punkt, |32|sich dran zu halten, als diesen, und so gab es keinen, aber ich klammerte mich an ihn wie an meinen Zopf, und da hielt ich mich. Aber nicht lange.

Wenn man in Marne aufgewachsen ist, kann man nur für Heidebauern ein Städter sein; man ist es nicht, und man hält sich auch nicht selber dafür, doch auf den Straßen von Łódź kamen mir dessen Bewohner fast wie meinesgleichen vor, und ich fühlte mich unter ihrem Schutz nach dem langen Marsch durch das verwinterte nasse und leere Land.

Das ging gegen allen Augenschein, denn niemand sah so aus, als wollte er uns schützen; sie riefen uns bei unfreundlichen Namen, und als wir an der Gefängnismauer standen, warf man mit vereister Schlacke nach uns.

Das war nicht schlimm, man konnte den Brocken ausweichen, und daß wir unter einer Gefängnismauer standen, berührte mich auch nicht sehr, das war Zufall, und ich nannte es ein Gerede, als es hieß, dies sei unsere Endstation.

Ich gehörte in kein Gefängnis; zwischen dem und mir gab es keine Verbindung, ich war kein Verbrecher, und die Nacht in der Zelle in Konin, das war eine Notlösung gewesen; wo hätten sie mit uns hingesollt?

Unser Transportoffizier stand vor einem eisernen Tor und hatte mit einigen Zivilpersonen etwas zu bereden. Er schwang seinen Knüppel, und so sah es nicht nach viel Übereinstimmung aus. Dann machten sie das Tor auf, und wir mußten in Schüben hindurch. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wußte, was los war. Unsere Kolonne wurde zu einer Reihe aufgeräufelt, und wir liefen in Abständen von einigen Metern über den Gefängnishof. Die meisten Zellenfenster in den wenigen Mauern, die noch standen, waren von schwarzen Brandflecken eingefaßt und von frischen Narben, die von Geschossen herrührten. Zuerst dachte ich, hier sei gekämpft worden, aber dann sah ich die Haufen der Toten, und obwohl sie unter einer Decke aus zerregnetem und dann wieder gefrorenem Schnee lagen, sah ich, daß sie nicht im Kampf gefallen waren; die meisten waren barfüßig, einige trugen Häftlingsdrillich, und ich |33|sah zwei Paar Handfesseln. Ich sah es genau, denn ich mußte über die Hügel steigen. Jemand hatte versucht, die Leichen zu verbrennen. Jemand? Wer war das? Und was waren das für Tote? Und wie kam jetzt ich zu ihnen? Und was sollte ich hier?

Es ist nicht leicht, so etwas zuzugeben, aber die Fragen schlugen in eine Antwort um, und die klang bedrohlich für mich. Ich hatte keine Zeit für die Opfer und keine Zeit für die Mörder; hier lief meine Zeit, ich lief hier unter verblakten Gefängnismauern an Leichen vorbei; es jagte mich etwas, und es erwartete mich etwas, und nur, daß es nicht gut sein konnte, wußte ich von ihm.

Mein Vordermann war hinter einer Baracke verschwunden; ich rannte, um zu ihm aufzuschließen, und dann bekam ich meine Prügel. Wenn ich sie woanders bezogen hätte und wegen etwas anderem, dann wären sie mir wohl grob vorgekommen, und ich will auch nicht sagen, sie hätten nicht weh getan, aber die Furcht hatte andere Maße gesetzt; vor denen waren die Schläge nicht viel, denn sie gingen mir nicht an mein Leben.

Ein Mann, ich glaube, ich hätte ihn mit einer Schulter umwerfen können, ein Alter, der scharf nach Tabak roch, zog mich an meinem Jackenkragen zu sich heran und schrie mich an: Hast du dich umgesehen?

Ich weiß nicht, ob ich ihm geantwortet habe; ich sah, daß er weinte, und er nahm mir die Luft. Er ließ mich los, und es waren nur noch wenige Sätze bis zum Tor, und ich hörte ihn noch einmal rufen: Hast du dich umgesehen?

 

In der Stadt schwang der Leutnant wieder seinen Knüppel und ließ niemanden mehr heran an uns. Dann lieferte er uns in einem Lager ab.

Von dem ist nicht viel zu erzählen. Es war überfüllt und schmutzig, an das Essen mag ich nicht denken. Eine Woche lang gab es statt Brot Hundekuchen von der Firma Spratt. Hunde leben ja ganz gut davon, aber die haben auch andere |34|Zähne. Mein Nachbar auf der Pritsche hatte ein künstliches Gebiß; er behauptete, er sei kein Soldat, auch nicht Volkssturm, er sei Zivilangestellter bei Siemens gewesen, Dr. Gansekehl, und er habe als Akustiker am ersten Tonfilm der UFA mitgemacht. Er ließ sich mit Sie anreden und sagte auch Sie zu mir. Ich habe ihm den Hundekuchen mit einem Stein geraspelt, dann hat er sich eine körnige Pampe daraus gemacht. Er wurde mir etwas lästig, weil er sich gehenließ, und ich konnte mich kümmern, aber dann hatte er wieder seine Sprüche, die nicht so öde waren wie die allgemeine Öde:

Passen Sie auf, Niebuhr, daß man mir nicht wieder von der Suppe gibt, wo sie am dünnsten ist. Sie verhalten sich gleichgültig zu diesem Problem, weil Sie meinen, die Suppe sei gleichmäßig dünn. Gleichmäßiges kommt aber höchst selten vor und verläßlich nur im Mathematischen. Wenn Sie mir berichten, man habe jetzt neben den Austeiler auch noch einen Umrührer an den Kübel gestellt, der die Suppe zur Umverteilung in Gang halten soll, so bitte ich Sie zu bedenken, daß ein geschickter Rührer die unterschiedlich gehaltreiche Materie nach seinem Willen lenken kann. Da sagen Sie mir, seit gestern seien Schöpfer und Rührer mit ihren Rücken gegen die Essenfasser aufgestellt, so daß sie nicht wüßten, für wen sie jetzt rührten und schöpften. Ich sage Ihnen, Niebuhr, mit einigem System können sie es dennoch. Dem kann nur ein anderes System entgegenwirken. Man muß zum Beispiel Schöpfer und Rührer ständig auswechseln, aber in überraschendem Rhythmus, und eine Aufsicht muß ihnen beigegeben werden, die natürlich auch ständig ausgewechselt werden muß. Relativ sichern ließe sich eine relativ gerechte Verteilung, wenn man die Aufstellung der Wartenden änderte; die traditionelle Schlangenform ist zu übersichtlich. Man müßte die Leute rotieren lassen und, wieder überraschend, abrufen zum Essenfassen. Das brächte einige Unwägbarkeiten in den Vorgang. Denken Sie mal mit, Niebuhr: Am Kessel das schon beschriebene System aus Rührer, Schöpfer und Aufsicht, den Wartenden abgekehrt und immer wieder ausgewechselt, dazu |35|ein Kreis aus marschierenden Essenholern, diese könnten ein Lied singen, und bei einem bestimmten Wort des Textes, das natürlich immer wieder ein anderes sein müßte, ist derjenige, der gerade einen vorher fixierten Punkt erreicht hat, wenn das festgelegte Textwort gesungen wird, an der Reihe, sein Essen entgegenzunehmen.

Meinen Einwand, es gäbe Lieder, in denen sehr lange Wörter vorkämen, zum Beispiel: Widewittjuchheirassa, und sie reichten aus, mehrere Leute den fixierten Abrufpunkt passieren zu lassen, nahm er als gelernter Wissenschaftler ohne Zorn entgegen; das Problem sei lösbar, sagte er, und dann dichtete er sehr einsilbige Lieder.

Dr. Gansekehl erfand auch einen Brotschneideapparat mit geringem Krümelanfall, und er entwickelte ein, wie er das bezeichnete, Brotverteilungsregime, das auf dem Prinzip der Pfänderspiele beruhte. Es kann aussehen, als wollte ich mich herausstreichen, aber es war nun einmal so: Ich sah uns manchmal doch etwas fassungslos zu. Da saßen dreißig Leute, so viele gehörten zu einer Pritschengruppe, um den Tisch, auf dem das aufgeschnittene Brot lag; der Zeiger vom Dienst zeigte mit einem Stöckchen auf einen Kanten; der Frager vom Dienst klopfte dem Sager vom Dienst, dem die Augen verbunden waren, auf die Schulter und sprach: Tipp, tipp, tipp, wem soll das sein?, und der Sager vom Dienst sagte einen Namen, und es schien sich so zu gehören, daß der Betroffene fluchte, wenn er seine Ration entgegennahm, womit er ausdrücken wollte, daß natürlich er wieder bei diesem Glücksspiel den kleinsten Bissen erwischt habe. Mit den Namen hatte es auch ein Problem gegeben, weil wir uns kaum bei Namen kannten. Das änderte sich, als es uns etwas besser ging, aber in der Anfangszeit hatte jeder nur an sich selbst Interesse, und seinen eigenen Namen kannte man ja. Erst als einer gestorben war und keiner sagen konnte, wie der hieß, haben wir unsere Namen auf eine Liste gesetzt.

Beim Brotverteilen benutzten wir Beschreibungen, und man konnte, wie Dr. Gansekehl mich belehrte, eine Menge |36|Abneigung dabei loswerden. Man konnte sich mit einer klaren Personenzeichnung begnügen, wie: Das Humpelbein mit dem Ast, oder man konnte einen aufs Korn nehmen und sagen: Der Kölner, der immer so stinkt, oder man konnte auch Fallen stellen: Der, der mir mein Stück Kamm geklaut hat.

Mich hatte gleich einer als: Dem Doktor sein Butler bezeichnet, weil Dr. Gansekehl sich kaum von der Pritsche rührte und ich ihm alles anschleppte, und so blieb ich eine Weile der Butler, gesprochen, wie’s geschrieben steht.

 

Wenn erst mittags gezählt wurde, war Sonntag, und für den Doktor und für mich war das kein guter Tag. Er mußte dann auch mit antreten, während er bei den Morgenappellen liegenbleiben konnte, und ich hatte meine Not mit ihm. Manchmal mußte man stundenlang warten, und ich konnte sehen, wie ich ihn auf den Beinen hielt. So wackelig, wie er war, redete er doch die ganze Zeit und jeden Sonntag dasselbe: Von den Sonntagen in seinem Haus am Wannsee. Er muß da abwechselnd auf die Insel Schwanenwerder und auf ein Bild von dem englischen Maler Gainsborough gesehen haben, denn von beiden kam er überhaupt nicht wieder weg, wenn er diese Nachmittage beschrieb.

Da konnte es nicht ausbleiben, daß ich ihm zu erzählen versuchte, was sonntags in Marne los war, und die Erinnerung machte mich krank. Ich hatte für mich eine Regel abgewandelt, die fürs Klettern gilt: Nicht nach unten sehen!, und ich hatte versucht, die schönen Bilder vom Zuhause mit den Ansichten der Wirklichkeit, die mich jetzt umgab, zu verdecken, weil ich mit der fertig werden mußte, und das wurde man nicht, wenn man wehleidig war und heimwehkrank, aber wenn Dr. Gansekehl mit seinem Wannsee anfing und seinem Bild im Salon, dann mußte ich das Kino von Marne dagegensetzen und die Eisdiele am Markt und die Tatsache, daß bei uns sonntags das beste Gulasch gekocht wurde, was es je auf der Welt gegeben hat.

|37|Mit Makkaroni, achhörauf, durch die man die Soße schlürfen konnte, achhörauf, und die Tomatenhaut hatte sich zu kleinen Tütchen gerollt, achhörauf, und der Speck war etwas mehr als glasig, achhörauf, und die Gurkenwürfel, achhöraufhöraufhörauf.

Reden Sie mir nicht von Gulasch, Niebuhr, wenn ich Ihnen von Gainsborough rede, und hören Sie mal, mir ist es doch sehr kalt jetzt!

Dafür hätte ich den Doktor glatt fallen lassen können, denn ich schwitzte nicht, oder ich hätte gehässig werden können und ihm sagen, er sei doch so ein großer Problemauflöser, aber ich brachte unsere Nebenleute dazu, ihn einen Augenblick zu halten, und ich rieb ihm die dünnen Beine.

Der Appelloffizier war diesmal ein Kapitän, und er wollte wissen, was mit alter Mann sei.

Ich mußte alter Mann zum Lazarett schleppen, und dort schwatzte mir alter Mann auch noch meine Strickjacke ab, grün und mit aufgesticktem Edelweiß, aber es war mein letztes Stück von zu Hause, und mir war auch kalt.

In der Aufnahme saßen schon ein paar andere herum, und einige hatten ihre Füße ausgepackt. Die sahen so ähnlich wie meine aus, und so wickelte auch ich meine Lappen von den Zehen. Eine Ärztin kam mit einem Sanitäter von uns, und der machte sich wichtig. Er schrieb unsere Namen auf und fuhr mir über den Mund, weil ich sagte, ich sei nur Begleitung. Dann besah er uns und empfahl mir, mich mit det bißken Pfote wieder ins Lager zu scheren. Dr. Gansekehl belegte er mit einem Namen, den ich gar nicht richtig zu verstehen wagte: Dystrophiker, sagte er zu ihm, und ich fand das ein starkes Stück, zumal in Gegenwart einer Frau.

Ich sagte ihm, er solle hier nicht solche Ausdrücke gebrauchen, aber nun sagte Dr. Gansekehl zu mir: Schwatzen Sie keinen Unsinn, Niebuhr! Der läßt sich alles gefallen, dachte ich, und fing an, meine Füße wieder einzuwickeln, da fragte mich die Ärztin: Sind Sie mit Barthold Niebuhr verwandt?

|38|Ich bin nicht mit Barthold Niebuhr verwandt, aber ich bin sein Landsmann, und ich bin natürlich sehr gut vertraut mit ihm, weil es in unserer Heimatchronik nicht von Leuten wimmelt, die Finanzberater vom Freiherrn vom Stein gewesen sind und preußischer Gesandter und auch noch Professor für römische Geschichte. Die Niebuhrs aus der Kreisstadt Meldorf, das waren die beschriensten Spezialköpfe in unserer Ecke, und in der Schule waren sie eine richtige Belästigung. Aber verwandt war ich nicht mit ihnen, und in meiner Klasse gab es noch drei Niebuhrs.

Der Ärztin sagte ich nicht, was für ein Wunder sie für mich war, Barthold Niebuhr nun auch noch auf russisch; sie besah meine Zehen und schickte mich ins Lazarett.

Ich kam in die Abteilung für Erfrierungen, und der Doktor kam in die mit dem unanständigen Namen, der aber, wie ich dann herausbekam, nichts weiter bedeutete als allgemeine Schwäche. Ich kümmerte mich noch um Dr. Gansekehl, und er nahm sich auch zusammen. Aber er konnte sein Problem doch nicht lösen.

Meine grüne Jacke sah ich dann später bei dem groben Sanitäter. Die aufgestickten Edelweißblüten hatte er abgetrennt.

|39|III

Von all den Leuten, die in diesem Frühjahr gestorben sind, habe ich nur drei mit Namen gekannt, und der eine ist Präsident von Amerika gewesen.

Als es bei uns hieß, er sei nicht mehr, hieß es auch gleich, nun komme etwas ganz anderes, und auf einmal schien es, als habe dieser Roosevelt alles eingerührt gehabt.

Wenn mein Nachbar nicht ein Friseur aus Britz gewesen wäre, dem es eine Wonne war, daß er hier niemandem mehr nach dem Munde reden mußte, hätte auch ich mich auf länger bei den Gerüchten eingehängt, aber der Friseur malte mir mit Worten die Weltkarte, und er konnte auf eine gemeine Art mitleidig sein.

Der Präsident ist an einer langgeschleppten Krankheit gestorben, mitten im Frühling, als es schon beinah Frieden war, und der Friseur ist um die gleiche Zeit durch eine Fensterscheibe umgekommen, aber die Ursache seines Todes war von solcher Unvernunft, daß es ihm überhaupt nicht gepaßt hätte.

Als ich neu in der Stube war und nach einem Verbandwechsel verwundert mitgeteilt hatte, mein Zehenknochen sähe viereckig aus, sagte der Friseur zu mir:

Schließ mal Bekanntschaft mit einige Bräuche: Wenn dir Veilchen aus dem großen Onkel sprießen, kannst du es melden; det wäre neu. Aber wie Knochen aussehen, ist bekannt, wie gefrorenes Fleisch duftet, auch, daß es weh tut, dito. Die Pritsche ist hart, das Essen zuwenig; du fragst dich, wann wir nach Hause kommen; nie hättest du gedacht, dies könnte einmal deine Lage sein – verlier kein Wort drüber, es handelt sich um weitverbreitete Ansichten. Und noch eins, sehr wichtig: Die Nachricht, jetzt glaubt er, jetzt stirbt er, hat jeder einmal frei; danach muß er entweder tot sein, oder er darf |40|nie wieder solche Versprechungen machen. Was glaubst du, ob du das alles behalten kannst?

Ich versprach es.

Gewiß, es konnte mich niemand hindern, von morgens bis abends zu maulen oder Bericht von der Beschaffenheit meiner Glieder zu geben oder davon, wie mir ums Herze war, aber ich war mit Ungemach genug versehen und brauchte den Zorn meiner Nachbarn nicht. Und wenn ich auch nicht geradezu auf ihre Freundschaft aus war, so wollte ich doch wohlgelitten sein.

Für Freundschaft war dies kein Ort; man wohnte zu eng, und man stank zu sehr.

Ich will nicht erst versuchen, den Gestank zu beschreiben; erfrorenes Fleisch entfernt sich durch Fäulnis von den Knochen, das ist alles.

Und es stimmt nicht, daß des Menschen Fähigkeit, sich einzugewöhnen, beinahe unendlich sei. Ich jedenfalls habe bei jedem Atemzug gemerkt, daß die Luft, von der ich leben sollte, nach brandiger Haut und fauligen Gliedern schmeckte.

Das Frühjahr ist mir eingebeizt für alle Lenze, die mir noch bleiben.

Und eine Liebe fürs Kino und für richtiges Erzählen habe ich mir auch von daher mitgenommen.

Ein sächsischer Mensch, der Erich hieß, hat mich mit solcher Neigung versehen. Er war von Hause her ein Spediteur, und später gab er mir Gelegenheit, ihm in sein Räuberherz zu blicken, aber im Gestank dieses vergehenden Winters hat er mich ahnen lassen, warum es gut sein könnte, sich auf die Künste zu verstehn.

Er hat uns an jedem Abend zwischen dem Stück Brot und dem Stück Schlaf einen Film erzählt, und ihm muß ich es danken, daß ich in diesen gefährlichen Stunden nicht in meinem Jammer ertrank. Sächsisch ist sicher ein Tonfall, durch den auch schwächliche Witze zu einigen Kräften kommen, und der Spediteur war aus Pirna, einem Ort, dessen Name mit deutschen Lautzeichen nur sehr unzulänglich wiedergegeben |41|werden kann, aber dieser Erich besiegte das Idiom, wenn er uns Filme erzählte. Ich glaube nicht, daß er seine Sprechweise verändert hat; die verlor sich nur hinter den Bildern, auf die uns der Spediteur mit seinem Erzählen brachte.

Ich weiß nicht, warum, aber ich habe nie einen Film mit Greta Garbo gesehen, doch ich bin sicher, ich kenne »Anna Karenina« und »Die Kameliendame« und »Die Königin Christine« sehr genau, und die Garbo ist mir göttlich und kommt mir nicht vor, als käme sie aus Dresdens Nähe; Erich hat sie so gezeigt, daß mir noch heute ist, als wäre sie einst eine ferne Geliebte gewesen.

Aber »Dr. Crippen an Bord« hatte ich gesehen und »Die Meuterei auf der Bounty« auch und ebenso »Elefantenboy«, und ich sage: Erich war besser.

Ich lag im Bettentrakt eins, so dicht unterm Stuck, daß ich ihn greifen konnte, und es atmete sich dort wie durch einen vergessenen Verband; ich lag auf meiner Jacke, und die lag auf Brettern, und ich war der Prinz auf der Erbse; ich konnte im Licht, das von den Zaunlampen blieb, den SS-Mann im Nebenbett sehen, und im Schlaf sah er noch afrikanischer aus; ich hörte den Ritterkreuzträger aus dem Vogtland im Traum von den Suppen seiner Heimat stöhnen, und ich hörte, wie ihm der Porzellanmacher Edwin dafür einen schlimmen Tod verhieß; vier Schritte weiter wußte ich einen ungarischen Musikanten, der seinem Tode schon sehr nahe war; ich wußte mich sehr fern von einem Leben, von dem ich jetzt erst ahnte, daß es schön gewesen war; ich hatte den Tag mit der Enttäuschung begonnen, die den versöhnenden Träumen folgt, und ich sehnte mich schon nach der Täuschung anderer Träume.

Ich weiß nicht, ob der Fuhrunternehmer aus Pirna in Sachsen von dieser Sehnsucht gewußt hat, die nicht nur die meine war; er hat uns aber jeden Abend einen Traum gemacht. Er dachte sich die Filme nicht aus, er änderte sie nicht; er hat etwas gekonnt, das ich, als ich es erst einmal begriff, sehr bewundert habe: Er ließ dem, der die Geschichte kannte, die Möglichkeit, sie sich mit seinen eigenen Erinnerungen näher |42|heranzuholen, doch wer zum ersten Mal von ihr erfuhr, trug sie fortan als Erichs Geschichte mit sich herum.

In dem Lazarett da war es so ganz schön.

 

Der Ungar ist noch dort gestorben, dann sind wir auf Transport gegangen. Das wird im März gewesen sein, aber es war noch heftig kalt. Wir sind nach Puławy an der oberen Weichsel gekommen. Der Porzellanmacher hat gesagt, dies sei eine reine Judenecke gewesen, und der Friseur hat geantwortet, dann hätten sie dort ja nun Platz für uns.

Der Porzellanmacher hatte es mit den Juden. Er nannte sie nur die krummbeinigen Söhne Zions, und der Friseur sagte zu ihm: Versuch dir mal an den Gedanken, daß krumm besser ist als abgefroren, du alter Eierbecher, du.

Ich weiß nicht, woher die beiden die Kraft dazu nahmen, aber sie haßten sich ausgiebig, und das hatte deutlich mit ihren Ansichten über Leben und Leute zu tun. Solche wie du, sagten sie zueinander, und das klang, als sprächen sie von einer abgrundtief verruchten Gattung, und immer schien mir, als machte der eine den anderen für sein Los verantwortlich.

Mir ging es seltsam mit den beiden: Der Porzellanmacher war eigentlich viel eher die Sorte Mann, zu der ich passen wollte; er war bestimmt geschickt und furchtlos, und sicher war man gut mit ihm dran gewesen, wo es nach Pulver roch, aber für den Pferch, in dem man nur aushält, wenn man sich zurücknimmt, war er ein denkbar schlechter Nachbar. Möglich, daß er ein guter Porzellanmacher war, aber darüber hinaus wußte er nicht viel, und er fand das in Ordnung, denn Bildung schien ihm etwas Verächtliches zu sein. Er war der Typ, der einem Astronomen die Sterne erklärt, und zwar laut und immer unter Berufung auf seinen gesunden Menschenverstand.

Daß es mich, wenn er sich mit dem Friseur stritt, immer mehr auf die Seite des Britzers zog, wunderte mich doch, denn ich bin nicht allzu scharf auf Friseure. Natürlich hat das mit Vorurteilen zu tun; ich bin überhaupt weitgehend nur aus meinen Vorurteilen erklärbar.

|43|Mein Bild von Friseuren hatte mit dem Blasenkopf in Marne zu tun, der beim Haareschneiden sang, und es hatte damit zu tun, daß ich beinahe zu dem in die Lehre gekommen wäre, weil mein Großvater es für günstig hielt, einen Friseur in der Familie zu haben.

Der Britzer hatte also keinen Kredit bei mir, und seine Ansichten waren auch mir nicht ganz geheuer, weil mir war, als müßte es Folgen haben, wenn man sie teilte, und dennoch merkte ich, daß es mich immer mehr zu dem Berliner Barbier hinzog und sogar zu seinen unbequemen Meinungen.

Wenn es den anderen auch so ging, so habe ich zumindest nichts davon gemerkt; ich glaube, sie mochten seine Logik nicht, denn die störte beträchtlich.

Es ging uns ja nicht gut, und Selbstmitleid ist dann wohl eine Art Schutz, in den man sich verkriechen kann, aber der Friseur jagte uns auf und machte uns in häßlichen Augenblicken mit niederträchtig einleuchtenden Behauptungen zu schaffen, und das ist nicht die beste Weise, Freunde zu gewinnen.

Einmal hat er den Porzellanmacher so in Rage gebracht, daß der schrie, solche wie er gehörten eingesperrt, und ich war zu meinem Glück in der Lage, dies als eine völlig idiotische Bemerkung zu erkennen.

Angefangen hat der Streit mit der Erklärung des Porzellanmachers, er erwarte nun stündlich jemanden mit seiner Rückfahrkarte, und der Friseur hat nur gesagt, er glaube, wir müßten noch was für die Herfahrt berappen.

Daß der Gedanke schlüssig war, konnte man kaum übersehen, aber ob er erlaubt sein sollte, wußte ich nicht, und wenn er den Porzellanmacher nicht so zum Wüten gebracht hätte, wäre ich heftiger gegen ihn gewesen.

Und für den Friseur war ich bestimmt nicht, weil mich seine Sprüche begeisterten; vielleicht hielt ich nur zu ihm, weil ich sah, daß gerade die Dümmsten und Gröbsten gegen ihn waren. Und die Landsbrüder auch. Die Landsbrüder waren eigentlich nur Cliquen, die sich in den verschiedensten |44|Bereichen, wo es was zu holen gab, festgesetzt hatten. Von den Berlinern wurde man in der Entlausung beklaut, von den Leipzigern in der Bäckerei, von den Hamburgern in der Küche und von den Wienern überall. Einer, von dem ich wußte, daß er aus Lingen in Ostfriesland war, ist bei den Wienern als Wiener untergekommen, der war ein Genie, und für mein Schweigen paßte er beim Baden auf meine Sachen auf.

Aber den Friseur machten sie beinahe fertig, und sie haben nicht getrauert, als es ihm andere ganz besorgten.

Es gibt diese Geschichten von der sizilianischen Mafia, aber ich sage dazu: Das zu sehen, muß ich nicht nach Italien.

Die Wiener hatten eine Nase für den Tod; wer an der Reihe war, der wurde von ihnen in einen Eckverschlag gebracht und mit einer Sterbewache versehen; keiner ist anders als steif und nackt dort herausgekommen, aber die Sterbewache hatte, solange der Patient noch auf der Liste der Lebenden stand, doppeltes Fressen, davon einmal Pflegediät.

Mit Sterbewache wurde belohnt, wer den Landsbrüdern etwas gepfiffen hatte, und ich brauche Sizilien nicht, seit ich weiß, wie viele Leute sich für diesen Posten fanden.

Man wird hernach sehr leicht gefragt, ob man nichts dagegen habe tun können, und ich sage: Ich habe zu der Zeit nicht darüber nachgedacht. Ich achtete, daß es mich nicht traf, und das war schon alles, aber es war gar nicht einmal so wenig, denn ich achtete ja auch, daß ich kein Teilhaber wurde.

Schon, ich habe einmal Lärm gemacht, als die Wiener den Ungarn in die Ecke bringen wollten, doch der ist dann auch so gestorben, und mich hat die Sache nicht viel Anstrengung gekostet. Wenn ich denke, welchen Aufwand ich bei anderen Gelegenheiten trieb, dann ist das bißchen Alarmgeschrei überhaupt nichts. Ich bin zum Beispiel zwei Tage durch das Lazarett gehinkt, um die passenden Anschlußstücke zu meinem Eßnapf zu finden. Diese Näpfe waren aus dem Blech amerikanischer Konservenbüchsen gefertigt und trugen noch Teile der Aufdrucke mit Inhaltsangaben und Herstellungsdaten. |45|Aber nur Teile, und ich war auf das Ganze erpicht; das geht mir mit Geschriebenem so.

Ich hatte zwei Tage mit den Dosen zu tun; das war unterhaltsam, weil die Leute sehr verschieden reagieren, wenn sich ihnen jemand mit der Bitte nähert, die Schrift in ihren Suppenschüsseln betrachten zu dürfen.

Es fanden sich übrigens nur wenige, die mir glaubten, daß ich lediglich an der Wortfolge interessiert war; der Argwohn folgte mir durchs Haus, aber schließlich wurde entschieden, daß es sich bei meinem Topflesen um eine weitere Form des Drahtklapses handle. Daß sie mich für einen Idioten hielten, merkte ich, als mich der Saalälteste zweimal hintereinander zum Scheißetragen einteilen wollte.

Ich konnte ihn davon abbringen und von meiner Vernunft überzeugen, als ich ihm drohte, zur Bayernbier-Partei überzutreten. Ich nehme an, er war vorher ein Henlein-Kerl, aber jetzt war er ein überzeugter Tscheche, und wenn er bei guter Laune war, setzte er die Diskussion über das beste Bier der Welt in Gang, wobei er natürlich dem Pilsner Urquell die Fanfare blies und in Wallung geriet, wenn einer die Säfte aus Dortmund und Kopenhagen oder gar München zu loben wagte.

So was wollte mir einen Klaps anhängen, weil ich anderen einmal in die leeren Suppenschüsseln sehen wollte, und einer hielt mich für so gestört, daß er meinen Löffel Zucker verlangte, ehe er mich sein bedrucktes Blech studieren ließe.

Ich weiß zwar nicht, wozu ich es je brauchen könnte, aber mir ist seit jenem Lazarettsaal bekannt, daß sich in den amerikanischen Kriegskonserven fast immer auch etwas Sojamehl befand, und mir ist geläufig, was sich für und wider die Biere der deutschen Gaue sagen ließe, und ich kann die lackierten russischen Holzlöffel nicht sehen, ohne auf dem Umweg über beschriftetes Dosenblech an erfrorene Füße zu denken.

Weil man uns diese Andenkenlöffel gegeben hatte als Ersatz für Messer und Gabel, denn mit Messer und Gabel hätten wir uns ja umbringen können. Das war schon gut bedacht, aber perfekt wäre es erst gewesen, wenn man auch |46|hölzerne Tröge verteilt hätte, denn es hat sich natürlich einer mit dem Blech seines Napfes den Unterarm weit genug aufgerissen, daß er anderntags leer vom Blute hinausgetragen wurde, vorbei am Sterbeeck der Wiener, das wir schon längst das Café Sacher nannten.

 

Zum Glück war der Friseur da, mit dem ich dann über so etwas reden konnte. Mit ihm ging das; er war ohne diese fleckige Leidenschaft, mit der sich manche Leute in jeden Streit stürzten, und er war nicht apathisch wie die meisten, die allem Geschehen den blaugelegenen Arsch zukehrten, und vor allem mußte ich ihm gegenüber nicht auf der Hut sein, nicht in Ängsten, er werde sich wehleidig an mich hängen, und nicht in der Furcht, er wollte eigentlich nur meine dickere Jacke.

Warum, fragte ich ihn, macht der das? Würdest du dich wegen einem halben Bein umbringen?

Im Moment, sagte der Friseur, kann ich dir das nicht beantworten, denn mir fehlt kein halbes Bein.

Aber vorstellen könntest du dir das doch.

Schon, meine eigene Gliedmaßen als abhanden, das könnte ich mir schon vorstellen, aber hier dreht es sich um dem armen Kerl sein Bein, und ich weiß nicht, wozu er geglaubt hat, daß er es nötig hat.

Ich könnte mir keinen so wichtigen Grund denken.

Nein, könntest du nicht? Dann versenk dir mal in das Problem. Ick gebe zwei vor, weil du jugendlich und von der Nordsee bist: Erste Möglichkeit, er liebt seine Frau, seine Frau liebt ihn nicht sonderlich, aber sie hat ihn genommen, weil sie eine scharfe Turniertänzerin ist, und er ist eine europäische Rumbagröße. Oder, zweitens, er litt an beknallte Ehrbegriffe: Durch Feind abgeschossener Kopf ist tragbar, abgefrorenes Bein jedoch unmöglich. Und sag nicht, solches gibt es nicht, oder hat sich bei euch keiner umgepustet, weil er nicht in Gefangenschaft wollte?

Schon, aber aus Angst doch.

|47|Ja, aus Angst. Angst hatten sie alle, und jetzt weiß keiner mehr, was wir eigentlich ausgefressen haben könnten.

Ein Feldwebel, sagte ich, hat es direkt vor meinen Augen getan. Ich hab das zuerst gar nicht begriffen; er hielt die Eierhandgranate an sein Ohr, da sah er aus wie mein Großvater, wenn der seine Uhr aufgezogen hatte. Aber es war nicht Ehre oder Angst; er wollte uns keine Last sein; sein Knie war durch.

Nu verkoof mir den nicht als Helden, sagte der Friseur, ich glaube an Gott, den Allmächtigen, aber an diese Helden nicht. Und einen Verein finde ich zum Kotzen, der es zuläßt, daß sich einer mit solchen Sprüchen abmurkst. Keine Last sein! Wie weit hättet ihr ihn denn tragen müssen, bis zum Mond?

Wir hatten ihn auf einem Schlitten, sagte ich, und als wir nicht mehr konnten, wollten wir ihn bei einem Bauern lassen, aber er hatte wohl Angst vor den Polen.

Also doch Angst. Und auf die Idee, einer oder auch zweie von euch könnten mit ihm bei dem Bauern bleiben, wenn ihr dem schon nicht trautet, seid ihr wohl nicht gekommen? Hast du dir schon mal überlegt, wieso euch das als unmöglich galt?

Was ich an dir nicht leiden kann, sagte ich, das ist, daß du immer ihr und euch sagst, und früher hast du sogar Trinkgeld genommen.

Er hat mich böse angesehen, und bis auf ein paar Sätze hat er in seinem Leben nichts mehr zu mir gesagt. Aber das habe ich da ja nicht gewußt, und ich wollte auch lesen.

Es muß spät im März gewesen sein; das Wetter vorm Fenster war ein fleckiger Übergang, die Posten trugen noch ihre Winterjacken, es war morgens, und ich war glücklich.

Ich war glücklich, weil ich ein Buch hatte. Wenn ich sagen müßte, was mir Glück ist, käme ich in Schwierigkeiten wie jeder. Aber ich wüßte einen Anfang: Ich könnte von Büchern reden. Es käme zwar die alte Sache dabei heraus von der Zuflucht in der Dachkammer und dem gestohlenen Licht nach dem Schlafengehen und dem Geschimpfe wegen der Augen, aber es wäre die Rede von Glück.

|48|Und wenn ich nun auch noch sagen müßte, was mir besonders hart angekommen ist, als ich warten mußte, daß mir das Zehenfleisch wieder wüchse, dann spräche ich bald von den Büchern, die mir fehlten. Dabei gab es immer einige, auch im Lazarettsaal von Puławy, aber wer nicht zu einer der Räuberbanden gehörte oder die unmäßige Leihgebühr bezahlen wollte, eine Zuckerration pro Lesetag oder die Hälfte des Brotes, der mußte sich, wie ich, damit behelfen, die Bücher von früher noch einmal im Kopf zu lesen.

Doch an dem Tag, von dem ich denke, daß es ein Märztag war, und von dem ich weiß, daß ich an seinem frühen Morgen noch glücklich war, hatte ich ein Buch. Erich, der sich zu den Leipziger Suppenräubern geschlagen hatte, hat eine Anwandlung von Weichmut gehabt und hat den Storm hergegeben auf nichts weiter als die Erinnerung an die schöne Zeit im Lazarett zu Łódź.

Natürlich war Storm auch nicht so gefragt wie John Knittel – bei uns zu Hause kam er weit hinter Gustav Frenssen, und nicht nur, weil er im entlegenen Husum und Frenssen im nahen Meldorf gelebt hatte. Storm war uns eine Art Bruder Grimm, und Frenssen war unsere Art John Knittel. In der Schule lernten wir »Oktoberlied« und »Abseits« und »über die Heide«, und vorher hatten wir schon vom »Kleinen Häwelmann« und von der »Regentrude« gehört, aber in »Jörn Uhl« war doch viel mehr los, und dann wußten wir auch, daß es Frenssens Bücher in vierzig Sprachen gab und über dreimillionenmal.

Mich ärgerte das richtig, wenn mir ein Hochdeutscher auf meine Herkunft aus Schleswig gekommen war und dann Nebel in die Augen kriegte und murmelte: Du graue Stadt am Meer …

Damit ist Husum gemeint, sagte ich, und er sagte: Klar! aber er war bestimmt nicht von der Vorstellung abzubringen, daß Marne ein Vorort von Husum sei und Theodor Storm mein Hausnachbar.

Doch dieser leise Gram war vergessen, als Erich mir den |49|Band Erzählungen gab; jetzt war das erst mal ein Buch, und nun war Storm doch ein enger Landsmann von mir.

Wie die Schleswiger das angestellt haben, weiß ich nicht, aber sie müssen die Gefangenschaft geschickt vermieden haben; in allen Lagern waren sie so rar, daß an eine Heimatgruppe nicht zu denken war, zu schweigen von einer friesischen Deichmannschaft, wie ich sie mir manchmal für den Kampf gegen die räuberischen Kölner und Leipziger und die Wiener vor allem erträumte.

Ich habe mich freiwillig zum Scheißesammeln gemeldet und bin mit dem Eimerkarren durch die Abteilungen gefahren, bis die Ärztin mich dabei erwischt und meiner Zehen wegen wieder auf die Pritsche gejagt hat, und ich habe es nur getan, weil ich in das Gerede lauschen und am nördlichen Schleppton einen Landsmann erkennen wollte.

Ich hatte kein Glück; ich fand nur einen Maklergehilfen aus Tondern, aber der hatte sich einen Danebrog an die Mütze gemalt und hielt sich für verkannt und verschleppt.

Dafür hatten andere manchmal ganz erstaunliche Begegnungen; bei den Dystrophikern lag ein Dessauer Zigarrenhändler mit seinem ehemaligen Verkäufer, sie quasselten beide schwächlich von Fehlfarben; im Lager später gab es Vater und Sohn, die sich immer in der Wolle hatten, und dort sah man auch einen westfälischen Landgerichtsrat Arm in Arm mit einem Kerl, den er einmal wegen Landstreicherei verdonnert hatte.

Aber ich hatte mein Glück, weil ich auf Storm getroffen war; ich sagte mir, als ich ihm zuhörte: Das ist doch besser als womöglich ein Rendsburger Schlachter oder gar der Marner Schulrektor. Es hat sicher mit meiner vergeblichen Suche nach einem Gesprächspartner und der dummen Stimmung im Lazarettsaal zu tun, daß ich die Geschichten weniger las als daß ich ihnen zuhörte; das war neu, sonst hatte ich eine Erzählung hingenommen wie eine fertige Sache; jetzt war ich dabei, als sie entstand. Es lag bestimmt auch daran, daß ich das alles schon einmal gelesen hatte und die Ausgänge |50|kannte. Ich wußte, daß es nichts werden würde mit Reinhard und Elisabeth, und ich war bei der Geschichte von Hans und Heinz Kirch eigentlich schon traurig, als sie noch freundlich klang.

Ich war gerade tief in die entlegenen Abenteuer des Malers Johannes verwickelt, da sagte der Friseur zu mir: Komm mal raus aus deine Scharteke, da is irgendein Hannibal ante portas.

Die Schießerei muß schon eine Weile in Gang gewesen sein; ich hatte mich nur nicht mit ihr befaßt, denn daß es hin und wieder knallt, wo Soldaten sind, ist nicht ungewöhnlich, und ich hatte mein Buch. Aber nun war Unruhe im Schlafsaal, und draußen war es doch sehr laut geworden. Unsere Experten stritten miteinander, ob die entfernteren Schüsse aus deutschen oder englischen MPis kämen; sicher ausgemacht hatten sie jedoch mehrere MG 42 und zwei Granatwerfer. Was laufen konnte, drängte sich an den Fenstern und erstattete den Schwerverletzten Kriegsbericht.

Der Friseur und ich konnten ohne Mühe hinaussehen; da wir Neue waren, hatten wir die zugigen Plätze am Pritschenende bekommen. Vom Turm, der uns am nächsten war, feuerte ein Posten auf ein Haus über der Straße, und unter ihm gingen andere am Zaun in Stellung.

Dem Österreicher, der uns die Vermutung anbot, nun beginne ein neues Ardennen-Wunder, sagte der Friseur: Jewiß, und an die Spitze von dem Wunder sollen sich Kaiser Franz Joseph und Prinz Eugen, der edle Ritter, gestellt haben!

Aber ratlos war auch er. Er fuhr mich an, ich sollte endlich die Schwarte aus der Hand legen und näher an die Wand rücken, er hätte keine Lust, sich zu seinen Erfrierungen noch etwas Heißes einzufangen. Seine Sorge war nicht unangebracht, denn am Saalende hatten Querschläger schon den Putz von der Decke gekratzt.

Die Ärztin erschien mit einem bewaffneten Soldaten und kommandierte alles in die Betten. Sie weigerte sich, etwas zu erklären, sie sagte nur: Noch ein paar Banditen, und sie hatte eine Pistole in der Hand. Der Ritterkreuzträger hatte sich |51|um seine Achse gedreht, aber das und sein Gebrülle war ihm wohl zuviel geworden; jetzt hing er hilflos mit Kopf und Arm über das Fußende seines Bettes.

Kommen Sie herunter und legen Sie ihn wieder hin, sagte die Ärztin, und der Friseur und ich erhoben uns.

Gehört habe ich nichts; ich saß nur sehr plötzlich erschrocken am Boden. Ich saß zwischen dem Glas der Fensterscheibe, und über mir sah ich die Beine des Friseurs, und ich sah die Stiefel der Ärztin, die oben auf meinem Pritschenplatz kniete.

Geh weg, Deutscher, sagte sie zu mir, als ich auf das Bett klettern wollte, aber ich sah doch, daß dem Friseur aus dem Stadtteil Britz in Berlin der Hals halb abgeschnitten war.

Das Fenster, sagte die Ärztin.

 

Er hieß Alfred Urban, und alle haben ihn nur den Friseur genannt, und begraben wurde er nicht weit draußen vorm Lagerzaun. Der Saalälteste hatte seine Adresse, und ich nahm mir vor, seiner Frau zu schreiben, später, wenn wieder Post ginge. Er mußte nicht über den Seziertisch, das hat mir die Ärztin versprochen. Er ist ja auch nicht an einer Seuche gestorben oder aus unbekanntem Grunde. Ein handgroßes Stück Fensterscheibe hat den Tod herbeigeführt, sehr schnell und sehr sauber. Was aber den schneidenden Splitter aus Fensterglas herbeigeführt hatte, und wo also die wirklichen Gründe für das Sterben des Friseurs gelegen haben, das ist mir lange verborgen geblieben. Die Ärztin war verschlossen; sie sprach auch nicht mehr mit mir über den Römerprofessor Niebuhr aus Meldorf, und ich wagte nicht zu fragen. Da verkroch ich mich in meinen Theodor Storm. Aber das Glücksgefühl kehrte nicht wieder.

|52|IV

Warum sollte ich widersprechen, wenn einer vom Sommer schwärmt? Ich könnte nur sagen: Aber es gibt auch andere!, doch das würde seine Sommergefühle nicht stören.

Mein Sommergefühl ist mein Problem; meine Erfahrungen sind mein Problem. Sie sind ein schmutziger Film, der sich über Weidengrün und Korngelb und Himmelsbläue legt, wenn ich ins Nachdenken über Jahreszeiten gerate. Zum Glück habe ich meistens über anderes nachzudenken, und es hält auch nie lange an. Aber »Geh aus mein Herz und suche Freud …« ist nicht mein Lied.

Mein Sommerlied hebt mit den Worten »Drei Matrosen in weißen Hosen« an, und es ist ein absolut widerlicher Singsang, weil ich ihn, ich weiß nicht, hundert Grasmonate lang gehört habe, Klavier und sechs Nachschlag-Künstler, die behaupteten, ein Ballett zu sein. Das waren aber Obergefreite mit entsprechenden Beinen.

Angefangen hat das Lager mit dem Gebrüll eines Feldwebels, der meinte, wir hätten ihn grüßen sollen. Allen Ernstes. Ich habe zu deutlich den Kopf geschüttelt, da schubste er mich. Da habe ich ihm eine gelangt. Auch allen Ernstes.

Es kann nicht viel an Gewalt gewesen sein, nach der Frühlingssuppe und der Bewegung zwischen Pritsche und Banja. Aber der Schubser tat, als müßte er sterben, und mir sagte er, nun müßte ich sterben. Die Lageraufsicht hat ihm seine Pläne ausgeredet, und mich hat sie in die Krawallbaracke gesteckt.

Wenn die meine Mutter gefragt hätten, wären sie unterrichtet worden, daß ich da nicht hingehörte. Meiner Mutter war ich immer zu still, und ich ließ mir viel zuviel gefallen. Ihr Vater ist ein schwindsüchtiger Schuster gewesen, aber einer, der mit Stiefeln warf, wenn er etwas loswerden mußte. Meine |53|Großmutter hat einmal mit der Petroleumlampe zurückgeworfen und die Schusterkugel getroffen; da haben sie sich gedroschen, und gestorben sind sie beide sehr früh. Mein Vater ist streng verwarnt worden, weil er Bleicke Thamms in einen Kornsack gesteckt und an der Winde unter den Speicherfirst gehievt hat – es ging in dem Streit um die Frage, ob Heringe Gleichgewichtsstörungen haben können oder nicht.

Meinem Bruder durfte auch keiner dumm kommen; er klatschte einem dann mit beiden Handflächen gleichzeitig gegen die Ohren; das sollte ungesund sein, hatte er gelesen, und es hat ihn dann auch tatsächlich mal einer für längere Zeit krankgeschlagen.

Bei so einer Familie hätte meine Mutter froh sein sollen, weil ich manierlich war, aber ich war ihr zu still. Mich in der Krawallbaracke zu wissen hätte sie so überrascht, wie es mich überraschte. Ich bestaunte mich und den Hergang, der mich dort hingebracht hatte, und ich bestaunte meine neuen Kameraden. Die waren brav wie niemand sonst. Sie hatten Kleiderbürsten und machten Gebrauch davon. Sie hatten eine Wanzenbrigade, die erfolgreich und wortlos ihrer Arbeit nachging. Sie hatten eine Wasserbrigade und Waschschüsseln, an denen es kein Gedrängel gab. Sie spielten Schach, und wer vergaß, daß Streit verboten war, der wurde in einer Ecke nachhaltig daran erinnert. Sie akzeptierten meinen Einweisungsgrund als ehrenhaft; das ersparte mir, wie ich erfuhr, eine Einführungsabreibung in der Beruhigungsecke.

Die meisten hatten einige Semester Strafkompanie und Wehrmachtsgefängnis hinter sich. Was sie gar nicht mochten, waren Feldgendarmen. Was sie fürchteten, war Sibirien.

Wer artig ist, sagten sie, kommt hier schnell wieder raus. Wer hier raus ist, kommt in eine beliebige Baracke. Wer in einer beliebigen Baracke ist, steht nicht an der Spitze der Transportliste. Hier stehen wir an der Spitze der Transportliste. Hier müssen wir raus. Wer also hier Krawall macht, hat ausgehustet.

Ohne die Aussicht auf das kalte Land wäre ich ganz gern in |54|der Abteilung geblieben. Es gab keinen Streit um das Essen, und die Köche versuchten lieber nicht, an uns fett zu werden.

Wir bekamen auch Arbeit. Vielleicht war das als Strafe gedacht, aber wer das so sah, konnte nicht wissen, wie Gefangenschaft ist. Und von Arbeit hatte er auch keine Ahnung.

Ich habe erst dort das Gerede der Alten in Marne begriffen und ihre lautlose Wut, wenn sie von der schlechten Zeit erzählten. Als ich ihnen zuhörte, verstand ich sie nicht, denn ich wäre ganz gern einmal ohne Arbeit gewesen, doch als ich keine hatte, wußte ich, was ihre Wut meinte.

Ich habe einen Film gesehen; in dem trieben sich die Männer auf einem Rummelplatz herum, weil sie nicht wußten, wohin mit sich. Die Schiffsschaukeln und die Holzpferde und vor allem die Musik der Orchestrions ist ihnen aber auf die Nerven gegangen, und sie sind Einbrecher geworden. Das leuchtete mir nicht ein, bis ich in der Krawallbaracke saß und die Obergefreiten immerfort »Drei Matrosen mit weißen Hosen« plärren hörte. Die probten für eine Lagerrevue; es war der schlimmste Unfug, den ich je gesehen habe. Da war diese Matrosennummer, und einer machte Hans Albers nach, das hätte aber auch Adele Sandrock sein können, und einer sagte »Frau Wirtin von der Lahn« auf, und er war der einzige, den er damit hochbrachte. Einen Flakhelfer hatten sie zum Fräulein Nummer gemacht; das dumme Tier hielt sich wirklich bald für ein Fräulein, und schon wegen dieser Leistung hätte die Revuebühne angesteckt gehört.

Und wegen des Liedes, das von einem Klavierzwischenspiel in seine unerträglichen Teile zerlegt wurde. Das Lager war nicht so groß, daß man dem stumpfsinnigen Gesang hätte ausweichen können; sogar den unbeholfenen Revuestep hörte man bis in die letzte Zaunecke, und vor dem Klavier schützten nicht Fenster noch Türen.

Einbrecher konnte man hier nicht werden, aber ich dachte an Ausbruch, und ich stellte mir vor, sie fingen mich wieder, und ich erzählte ihnen, wovor ich fortgelaufen war.

Als sie uns zum erstenmal zur Arbeit holten, hätte uns |55|niemand anmerken können, daß wir die Krawallbrüder waren. Die Stunde vor dem allgemeinen Wecken war schon verdächtig, und die Richtung Bahnhof auch. Wir fuhren dann aber nach Westen, ungefähr dreißig Kilometer. Wir waren auf die Trittbretter und auf den Tender und die Lokomotive verteilt worden. Ich saß auf dem Druckkörper der Lok und sah über die eiserne Verkleidung in den Sommermorgen. So hatte ich immer fahren wollen, und meine Mutter hatte gesagt: Das wird schon noch! Meiner Mutter Sprüche waren weit genug gefaßt für des Lebens ganze Vielfalt.

Zur Bahn hatte ich auch mal gewollt, aber ich war nicht völlig farbensicher, und der Reichsbahnarzt schilderte mir die Zugkatastrophen, die er verhinderte, indem er meine Einstellung ablehnte.

Auf der Lokomotive war ich mir aller Farben sicher. Der Himmel war juniblau, die Felder waren anders grün als die Kiefernstreifen und wieder anders als das Böschungsgras; braun von Beize, Wetter und Schlackenspuren waren die Schwellen voraus und grau der Schotter dazwischen. Polens Weiß und Rot an den Wärterhäuschen glänzten immer noch frisch, und der Russen Rot und Blau und Grün auf den Transparentresten war schon von verregneter Blässe.

Ich spürte einen starken Reiz, das Maul aufzutun und in den Wind zu singen, und ich fragte mich, woher mir diese Kühnheit kam; da merkte ich meinen Irrtum. Es war die Fahrtrichtung, in der Marne lag, und es war das Gleis unter mir, das nur ein Stück war von den anderen Gleisen, um die es jetzt marschgrün wuchs und geestgelb leuchtete. Ich merkte den Irrtum, aber es machte mich nicht traurig, denn so groß war die Täuschung nicht. Zwar fuhr ich nicht in die Heimat, doch zum erstenmal seit langem wußte ich wieder, daß sie war, daß es sie gab mit Himmelsblau und Schienensilber.

Die Arbeit riß mich nicht um, auch wenn mir der gewaltige Kuhfuß, mit dem ich Schwellennägel ziehen mußte, die Arme aus den Gelenken zerrte. Die Aufpasser, zwei Eisenbahner und |56|ein paar Soldaten, ließen uns Zeit; vielleicht gefiel es auch ihnen hier draußen.

Das Gleis war beim Vormarsch hastig und dürftig vernagelt worden, auf breite Spur; jetzt sollte es wieder Normalspur werden und haltbar.

Wir haben eine lange Strecke ausgebaut, und überall sind Lerchen über uns gewesen.

 

Zurück fuhren wir immer mit dem Personenzug Radom–Lublin. Ich weiß nicht, ob er jemals pünktlich gewesen ist; manchmal warteten wir bis in die Dämmerung auf ihn, aber es machte uns nichts aus, denn wir hatten nur das Lager vor uns und die Wanzen und den schlimmen Matrosenzirkus. Die Eisenbahner hielten auf ihren Feierabend, und die Raucher bekamen vom Tabak, und wir saßen an unserem Strang und redeten, wie man das tut, wenn man neben getaner Arbeit sitzt. Der Nachkrieg rollte langsam über unsere Baustelle, zerschundene Soldaten her und frische Soldaten hin, Wagen mit dem Roten Kreuz in beiden Richtungen, Züge mit zerschossenen Panzern und mit heilen Drehbänken von West nach Ost, Waggons mit Gefangenen auch von West nach Ost und auch von West nach Ost Waggons mit befreiten Gefangenen.

Da war es gut, neben dem frisch geschotterten Gleiskörper zu sitzen und auf den Abendzug von Radom nach Lublin zu warten. Für mich war es gut. Ich fuhr lieber auf dem Trittbrett nach Puławy als auf einer Lazarettpritsche der Oder zu. Ich hatte zu lange den Alltag der Krüppel gesehen. Zuerst hatten Fahnen und leere Jackenärmel im selben Heldenwind geflattert, aber dann wurden die Ärmel mit Sicherheitsnadeln aufgesteckt, und die Helden taugten selbst zum Schulhausmeister kaum; die großen, schweren Fahnen dort werden mit zwei Händen aufgezogen. Ich hatte auch Onno Menck gekannt; der war der beste Schlittschuhläufer von Marne gewesen, und dann saß er auf einem Wägelchen am Eis, und immer konnten wir nicht daran denken, wie gut Onno Menck gewesen war.

|57|Ich war auch lieber bewacht neben dem Gleis als bewaffnet auf ihm. Soldat sein, das hatte eine schrecklich totale Verbindlichkeit. Ich weiß, es gibt Streit, wenn ich das sage, aber ich sage: Ich wollte der Soldaten Unfreiheit nicht gegen meine Freiheit.

Der Radius meiner Freiheit war von der Reichweite einer Postenflinte bemessen; das scheint ein enger Zirkel, aber was alles konnte ich innerhalb seiner tun, und was alles durfte ich in ihm lassen! Ich mußte nicht beim Wecken aus der Koje, als habe es eben Mann über Bord geheißen. Ich mußte nicht zum Frühsport durch einen nassen Wald rennen. Ich mußte niemanden grüßen und also schon gar nicht auf eine bestimmte Weise. Ich mußte nicht fürchten, daß ein wildfremder Mensch den Sitz meiner Mütze bemängelte. Ich mußte nicht zu jeglicher Äußerung dieses wildfremden Menschen: Jawohl! schreien. Ich mußte mich nicht lauthals an Gesängen beteiligen, die meiner wahren Meinung spotteten, etwa: »Es ist so schön, Soldat zu sein!« Ich mußte nicht Tuchfühlung halten, Stiefelbrücken putzen, Kragenbinden tragen, Feldwebelscherze belachen, Giftgassorten unterscheiden, zu Gottesdiensten raustreten und Leute totschießen.

Ich war frei von hundert sinnlosen oder sinnwidrigen Zwängen. Ich war nicht frei bei der Wahl meines Aufenthalts, meiner Nachbarn, meiner Tätigkeiten oder meiner Genüsse, aber schon bei der Auswahl meiner Genüsse war ich freier jetzt. Ich konnte meine Jacke so weit offenlassen, wie ich Jackenknöpfe hatte. Ich konnte, sooft ich wollte, sagen, ich wollte lieber zu Hause als in Polen sein, und es war dann kein Vaterlandsverrat. Ich konnte jeglichem Landsmanne mitteilen, seine Witze gehörten zum Abdecker. Ich konnte meinen fremdsprachigen Bewachern, die meine etwas trägen Bewegungsabläufe erstaunlich fanden, ausführlich darlegen, daß ich seit längerem an balinesischer Gicht litte. Ich konnte mich Heidebrecht Finkenzöller nennen oder Sigismund Rüstig; ich konnte mich zum Narren machen oder zum König ausrufen; da es jeder konnte, störte es kaum jemanden, und |58|da konnte ich es auch lassen. Ich konnte vom Gros aller Regeln lassen, und das schien mir viel Freiheit zu sein.

Und so konnte ich auch dies: Ich konnte nach getaner Arbeit auf das Trittbrett des Abendzuges von Radom nach Lublin steigen, mich festhäkeln am Griff neben dem Einstieg für zahlende Passagiere, mit meinem Ärmel den Ruß vom Fenster wischen, meine Nase gegen die Scheibe drücken und den Inhalt des Abteils betrachten. Da es schon dämmert, dauert es länger, bis ich unterscheiden kann, wer mit wem von Radom nach Lublin reist, aber weil ich draußen an der Scheibe klebe und so eine Abwechslung bin zwischen Feldern, Waldstücken und Telegrafenmasten, wenden alle Reisenden mir ihre Gesichter zu und tauschen sich wohl auch aus über mich. Zwei ältere Frauen scheinen erschrocken über meine Erscheinung, da tut einer der mitreisenden Soldaten seine Pflichten, die der Uniform und die der Männlichkeit, er kommt heran und zieht die Scheibe in der Tür neben mir herunter, betrachtet mich, beugt sich aus dem Fenster und sieht des Zuges Länge behängt mit meinesgleichen, erfaßt die Lage und ruft etwas zurück ins Abteil. Dann faßt er schon wieder den Fenstergurt und fragt mich noch: Du wohin?, und ich sage, denn so frei bin ich hier: Nach Amerika!, und er sagt: Gutes Fahrt! und zieht das Fenster hoch. Er setzt sich auf seinen Platz und berichtet. Ich kann seiner Darstellung folgen: Kein Grund zur Aufregung, meine Damen, nur ein Gefangener, die Trittbretter sind voll davon, arbeiten wahrscheinlich hier in der Gegend, das wird ihnen guttun, noch ganz schön frech, der Kleine da draußen, sagt, nach Amerika will er, na, ich hab gesagt: Gute Fahrt!, soviel Deutsch kann man, soll ich ihm vielleicht in die Fresse hauen, weil er frech ist, das ist nicht meine Art, obwohl ich Gründe hätte, aber wer hat die nicht. Der Krieg ist aus, meine Damen, und der da ist noch ein junger Bengel.

Jetzt besehen sie mich und erzählen einander, was sie mit solchen wie mir alles schon erlebt haben, und darüber gewöhnen sie sich an meine Gegenwart hinter dem Glas.

|59|Und ich habe mich jetzt an das Halbdunkel auf der anderen Seite des Glases gewöhnt; ich erkenne zu den älteren Frauen und den beiden Soldaten noch einen schlafenden Mann und zwei schlafende Kinder, und greifbar nahe vor mir, nahe ja, aber doch nicht greifbar, erkenne ich etwas, das keinem Soldaten zugehört und überhaupt keinem Manne, und ich erkenne es erst jetzt, weil es mir zu nahe ist; nur durch ein paar Glasmillimeter von meinem Gesicht getrennt ist da eines Mädchens Brust, und darüber, eines Hauptes Höhe über meinem Haupte ist eines Mädchens Gesicht, zweimal weibliches Profil ist da, und ich muß sehr fest nach meinem Griffe fassen, denn so nahe war ich solchen Dingen lange nicht. Wo war denn die, denke ich, wo hat denn die gesteckt bis eben, hat sie in der Ecke geschlafen und ist nun aufgewacht vom Fahrtwind durchs offene Fenster? Das Trittbrett ist zu tief unten; so habe ich eine schöne Aussicht auf ihre schöne Brust, aber ich habe keine gute Sicht auf ihr Gesicht, und ich mag keine Brust, zu der ich das Gesicht nicht mag.

Ich bin noch nie, das kann man mir glauben, ich bin noch nie außen an einem fahrenden Zug gehangen, hab polnischen Wind dabei durch meine Ohren pfeifen lassen und meine Augen gerichtet gehabt auf einen nahegelegenen Mädchenbusen. So bin ich nur mit Annahmen versehen und nicht mit einer Gewißheit, doch nicht ohne Festigkeit nehme ich an: Anders als mit meiner neuen Freiheit versehen, jener, die zustande kam durch den Fortfall von hundert Verbindlichkeiten, hätte ich nicht getan, was ich tat auf dem schwingenden Brett am Abendzug von Radom nach Lublin.

Ich löste meine rechte Hand vom Einstiegsgriff und klopfte an die Scheibe. Was hätte das Mädchen anderes tun sollen, als hinauszusehen nach dem Klopfer, heraus und herabzusehen zu mir? Sie konnte nichts anderes tun, und so sah ich, auch wenn der Winkel immer noch etwas ungünstig von unten nach oben war, daß ihr Gesicht zu ihrem Busen stimmte. Ich sah es, obwohl sich das Mädchen nicht lange von mir in seinen Teilen vergleichen ließ, denn da sie nicht frei war wie ich, ließ |60|sie sich von einer der hundert Verbindlichkeiten, die für zugfahrende Mädchen gelten, in die Wagenecke und fast aus meinen Augen ziehen.

Sie muß noch sehr jung gewesen sein, und so hielt sie es nicht lange aus, gedeckt zwar, aber ohne Sicht auf den außerordentlichen Vorgang, der ich war, denn außerordentlich, des bin ich sicher, war ich, so wie ich da war dort, draußen an der Scheibe.

Sie beugte sich ein wenig vor, und ich winkte ihr zu. Sie versteckte sich noch einmal, aber dann schien ihr das wohl zu sehr ein Zeichen von Anteilnahme, und sie setzte sich gerade hin, verschränkte die Arme unter der schönen Brust und sah den schlafenden Kindern zu. Da sprach ich gegen das Fensterglas und achtete nicht des Fahrtwinds, der meine Worte über das Zugdach riß und über die polnischen Wiesen verteilte; da sprach ich:

Ich weiß, den Landweg nach Amerika benutzt kaum jemand, aber ich mache ganz gern, was andere nicht tun. Zum Beispiel esse ich meinen Hundekuchen ungeraspelt. Oder ich sage mir: Wenn schon über Land nach Amerika, dann wird die Sache auf dem Trittbrett durchgestanden. Ich will Ihnen keine Vorschriften machen, aber ungewöhnlich sollten Sie es nicht nennen. Ja, wenn wir den Seeweg genommen hätten, Sie und ich, oder gar den Luftweg, und Sie reisten mit dem Schoner über das Meer und hätten mich dann außenbords an Ihrem Kajütfenster gefunden, das wäre schon etwas ungewöhnlich gewesen. Oder ich hätte Ihnen in beträchtlicher Höhe über den Azoren durch das Bullauge eines Zeppelins zugewinkt – der Anlaß wäre stark genug gewesen für ein starkes Wort; den Vorfall hätten Sie wohl doch schon außergewöhnlich heißen dürfen.

Ach, wir Matrosen, immer die gleiche Hose, immer das gleiche Lied! Meine Mutter sagt, Matrosen sind frech. Ich nehme an, Sie kennen diese Meinung, und nun brauchen Sie einen Beleg, damit Sie die Meinung teilen können. Gut, wir wollen das hinter uns bringen. Ich richte meinen Blick auf |61|Ihre Brust und sage: Schön haben Sie es da! Das war stark, was? Nun, es ist so meine friesische Art. Wittekinds Stamm, das ist ein furchtlos Geschlecht; lieber Kopf ab als getauft. Und Spinat essen wir auch nicht.

Wie ich immer zu Jörn Uhl gesagt habe: Keiner hat die harte, sinnige Eigenart unseres Stammes besser beschrieben als der Pastor Gustav Frenssen.

Mensch, ich rede dir was hier! Fräulein, wo fährst du hin?

Wir könnten zum Hünengrab raus in die Heide; wir gehen bei Tante Wrede vorbei, die kocht ihre Krabben selber. Und pult sie uns ab. So schnell kann keiner essen, wie Tante Wrede pult, sagt meine Mutter. Und Tante Wrede sagt: So schnell kann keiner pulen, wie Mark Niebuhr frißt.

Tante Wredes Tochter hat teils Ähnlichkeit mit Ihnen, Fräulein, aber teils hat sie krumme Beine. Gott ja, sag ich, für Schwung bin ich auch, bloß immer wo er hingehört, nicht?

Sind Sie auf Ausflug? Ich war mal auf Ausflug nach Laboe. Das Ehrenmal für die Marine sieht aus wie das eine Bein von meiner Cousine, und im Keller hängen alte Fahnen.

Ich habe dem Lokführer Anweisung gegeben, alle Orte mit Ehrenmalen, Fahnenkellern und Gedenkhainen zu meiden. Ich will davon nichts sehen und nichts riechen. Weißt du, wie die Welt riechen müßte? Die müßte wie eine frisch geschälte Gurke riechen. Wie ein Lupinenfeld ginge auch. Ich verlange ja keine Rosengärten. Das sind persische Prinzenallüren, meine ich. Wie die Luft im Birkenwäldchen, wenn der Regen gerade aufhört, oder wie der Wind um eine Räucherkate im Februar, so müßte das Leben schmecken. Das Leben, wenn es richtig ist, muß sich anfühlen wie ein Füllenmaul oder wie der Sand am Abend nach der Julisonne oder wie der Winkel in deinem Auge, Fräulein, dort, wo es zur Schläfe geht.

Das kommt schon noch, sagt meine Mutter, und wer es hindern will, das sage ich, dem werfen wir unsere Stiefel an die Schusterkugel, der muß den Strand von Kolberg waschen, der muß vom Schnee bei Koło naschen, den ziehen wir auf Tintenflaschen, dem pinkeln wir in alle Taschen, der kriegt Tante |62|Wredes gebogene Tochter zur Frau, und jeden Weibel muß er grüßen, dem singt jede Nacht eine obergefreite Sau, ahî, wie wird der büßen!

Soviel, mein Fräulein mit der fernen Brust, zu den Ansichten Mark Niebuhrs, des Spielmanns, der gleich seine Fiedel schultern wird. Muß itzt eine andre Straße fahn; ein Aufenthalt macht sich noch nötig zwischen hier und Amerika. Doch du vergiß mich nicht, Fräulein unter Glas, es ist Juni jetzt, und Juni wird es immer wieder!

 

Ich habe einige Heiserkeit von dieser Reise zurückbehalten, aber um eine Liebesgeschichte, nur für mich, war ich fortan nicht mehr verlegen.

Nur für mich, denn sie war, wie ich ahnte, die Geschichte eines Ausbruchs und stellte mich unter Verdacht, nicht recht bei Trost zu sein. Über Weiber redete man in fleischfarbenen Worten, und man wies sich als der große Entkleidungskünstler aus, dem zwischen Narvik und El Alamein kein Schleifchen ungelöst geblieben war. Man war der nimmermüde Nimmersatt, der vom Scheuern Hornhaut auf den Rippen hatte, und wie das Ding hinter dem anderen Feigenblatt hieß, das wußte man in allen Sprachen. Der Krieg, so zeigte sich jetzt, hatte gar nicht gewonnen werden können, denn anstatt auf dem Schlachtroß an den Feind zu reiten und drahtige Sergeanten aufs Kreuz zu legen, hatten Gefreiter Donjohann und Unteroffizier Kasanowski – dies erfuhr man nun vom Unteroffizier Donjohann und vom Gefreiten Kasanowski – des Gegners weichere Stellen gesucht und immer, ach, immer, Mensch, gefunden.

Zuerst hatte ich ergriffen zugehört, und schwindlig war mir vor meinen Aussichten geworden, aber dann war es mit den Geschichten von diesem Fleische so gegangen, wie es in jener Zeit, da der Hunger Meister über unsere Sinne war, mit den Geschichten vom anderen Fleisch gegangen war, zum Beispiel mit der vom Sohn des Hamburger Schlachtermeisters.

|63|Zuerst war das nur einer der vielen Berichte vom verlorenen Wohlleben, aus leerem Bauch erzählt und Beleg, daß Ideen einspringen, wo die Materie ausgeblieben ist. Des Schlachtermeisters Sohn ließ uns von seiner und seines Vaters Sitte wissen, von jedem ausgeschlagenen Schwein ein daumengroßes Stück frischen Specks als Probe und Beihapps zu verzehren und hernach der Schlachtergattin und -mutter einen höllischen Krach zu machen, wenn sie nicht pro Fleischermaul wenigstens drei Riesenkoteletts auf die Familientafel brachte. Das ließ sich zu knurrendem Magen angenehm hören, und auch als die beiden Wurstmacher mit jeder Wiederholung der Geschichte entschieden mehr Schweine zur Strecke brachten und also auch entschieden mehr rohen Speck naschten, zumal die beiläufig verdrückten Proben inzwischen schon Handtellergröße gewonnen hatten – auch da war es immer noch lustig, und der Erzähler war unseres Beifalls sicher, wenn er uns seine und seines Vaters Empörung schilderte, die ausbrach, weil die Hausfrau den beiden ausgehungerten Knochenteilern weniger als zweimal fünf gigantische Karbonaden anzubieten wagte.

Aber am Ende hatte unser Erzähler sich und seinen Vater zu Inhabern eines Viehhofs hinauferinnert, und die Schweine starben einen Fließbandtod, und vom Fließband rissen Vater und Sohn die Fetzen noch warmen Seitenfetts, immerzu, immerzu, immerzu, und da war es zum Kotzen, und ein Fall für die hilflosen Ärzte war es auch.

Wie es eben ging, habe ich meine Mädchenmärchen, die einmal wahr gewesen waren, abgeteilt gegen den priapischen Pritschenprotz; die aufgereckten Sondermeldungen, dieses Milchmannsgarn von der Kundin im prallen Morgenrock, dies Pufflatein von der Madam, die auch noch mit rangemußt, weil der Klient in jeder Hinsicht zur Überlänge neigte – das alles hatte nichts zu tun mit dem sanften Aufenthalt an warmer Haut, bei dem ich in erfreulichstes Befinden geraten war. Und mein Aufenthalt unterm Zaun war im Grunde kein Platz, an dem es sich auskommen ließ mit wehmütigem Rückblick, und |64|man kam auch vom Seil, wenn die Augen zu weit in die fernen bunten Wolken gingen. So hielt ich mich an das Gleis zwischen Radom und Lublin, übte mich an ihm, als müßte ich all mein Lebtag Schwellennägel reißen und Schienen hebeln, ließ meine Muskeln zerren, was sie halten konnten, gab meinem Kopf zu tun mit günstigem Zangenansatz und genauem Stopfhammerschwung, ritt auf Tender und Lok und Wagendach und Einstiegsbrett durch den wechselnden Sommer, trat ein und aus durchs Lagertor, hinter dem noch immer die Matrosen kreischten, und nur in meinen Träumen auf dem Mantel war ich noch nicht ganz erwachsen.

|65|V

Es ist auch in diesem Sommer gewesen, daß wir in Lublin einen Zug mit Nähmaschinen umgeladen haben, von Normalspur auf Breitspur.

Ich hatte zuerst, weil ich mit dem Eisenbahnwesen doch nicht so vertraut war, von Breit- und Schmalspur gesprochen, und man hatte mich mit einer Schärfe, die mir übertrieben schien, belehrt, Schmalspur sei das, worauf unsere Kohlbauern ihren Kappes verlüden, aber die Gleisweite zwischen Kohlbahn und Russenbahn heiße Normalspur.

Glaube ich ja, sagte ich, aber wenn man so redet, machen eben breit und schmal ein Paar, aber breit und normal hört sich umständlich an.

Wenn du durch ein paar Zahnlücken reden mußt, wird sich das noch viel umständlicher anhören, sagte der Schirrmeister, den die Posten zum Kolonnenschieber gemacht hatten, und wenn ich ihn auch nicht gänzlich verstand, so hielt ich doch meinen Mund, weil ich die Zähne darin behalten wollte.

Es gab Empfindlichkeitsbereiche, deren Grenzverlauf ich noch nicht kannte; man merkte erst an der Wut der anderen, daß man in eine solche Zone geraten war, und seit ich gesehen hatte, wie die Aufregung nur größer wurde, wenn man nach Gründen fragte, ließ ich das meistens.

Zwischen den Zügen, dem leeren auf der breiten Spur und dem beladenen auf der normalen, lagen vier weitere Gleise; das war ein weiter Weg. Die Nähmaschinen wurden einem aus der Waggontür auf die Schultern gekantet, und dann war es, als wüchsen die Schienen; die achte, die letzte vor dem Zug auf den breiteren Achsen, war eine stählerne Hürde, kaum überwindbar, und gegen die Ladeluke taumelte man nur noch und zog erlöst die Schultern aus dem Joch.

|66|Brünjesus, Sektenmensch aus Halle, gab bei dieser Gelegenheit bekannt, er handle zu Haus mit Knöpfen und Zwirn, und er habe auch eine Nebenvertretung der Firma Pfaff. Das Interesse an solchen Auskünften war meist gering, weil sich zu oft an die Beschreibung gehabten Wohllebens belästigende Wehklage und ansteckender Jammer knüpften. Immerhin hörten einige dem Kaufmann zu, als er sich mit den Vorzügen der Pfaff-Maschinen gegenüber den Singer-Fabrikaten wichtig tat, vielleicht weil es sie an die häusliche Wohnung und die Frau erinnerte oder weil ihnen, wie mir, eben aufgegangen war, daß man, wenn man ein Mann war, kaum etwas wußte von diesen Weiberapparaten.

Mein Großvater setzte seinen Fuß nicht einmal auf die Steppmaschine in seinem Schusterkeller; wenn ...

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