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Der Antrag

Johanna Theden

Der Antrag

1. KAPITEL

Fassungslos starrte Lena den klitschnassen Robert an. Draußen standen die Gäste, die sie zur Eröffnung des Bistros eingeladen hatten. Und nun würden sie alles absagen müssen?

„Was sollen wir ihnen anbieten?“, fragte Robert kläglich. Alles, was er an Speisen vorhin aus der Küche geholt hatte, war durch die Sprinkleranlage ruiniert worden.

„Das darf doch nicht wahr sein!“, stöhnte Lena. Die ganze Mühe, die viele Arbeit – das sollte alles umsonst gewesen sein? „Ich kapier das nicht! Woher kam denn dieser bescheuerte Alarm? Im Vorratsraum ist doch nichts, was brennen könnte!“ Robert hatte auch keine Ahnung, warum der Feueralarm ausgelöst worden war.

„Ich gehe jetzt zu unseren Gästen und sage ihnen, dass es heute keine Eröffnung geben wird.“ Lena nickte stumm. Und sie würde sich daranmachen, das Wasser aufzuwischen. Es war wirklich zum Verrücktwerden.

Niedergeschlagen stellte sich Robert den Gästen und den wartenden Pressevertretern. Nachdem er erklärt hatte, was passiert war, machte sich allgemein Enttäuschung und Kopfschütteln breit. Charlotte und Werner reagierten besonders betroffen. Barbara empfand allerdings ein diebisches Vergnügen bei der ganzen Angelegenheit.

„Sieht fast so aus, als stünde das Bistro unter keinem guten Stern“, raunte sie Götz ins Ohr.

„Arme Lena.“ Götz war voller Mitgefühl für seine Tochter. Sie hatte sich für diesen Tag so ins Zeug gelegt.

Da kam André die Treppen herunter und tat verwundert.

„Was ist denn hier los? Ich denke, die Bistro-Eröffnung ist schon in vollem Gange?“

„Die fällt aus“, meinte Hildegard Sonnbichler. „Ein Fehlalarm im Vorratsraum hat die Sprinkleranlage aktiviert. Die ganzen Speisen sind verdorben.“

„So ein Ärger!“, erwiderte André. Dabei hatte er den Feueralarm selbst mit einer Zigarre ausgelöst. Und seine Haare waren immer noch feucht von der Sprinkleranlage, die auch ihn erwischt hatte. Nun wandte er sich an die enttäuschten Gäste. „Meine Damen und Herren, was für ein Unglück! Trotzdem soll keiner von Ihnen hungrig nach Hause gehen. Wenn ich Sie ins Restaurant bitten darf …“ Erfreut setzte sich die Menge in Bewegung.

„Was soll das?“, zischte Werner seinem Bruder zu.

„Willst du sie so nach Hause schicken?“, fragte der. „Was meinst du, was dann morgen in der Zeitung steht?“ Dem konnte Werner nichts entgegensetzen. Schlechte Schlagzeilen waren das Letzte, was der Fürstenhof gebrauchen konnte. Charlotte und Robert waren derselben Ansicht.

Götz und Barbara waren in die Wohnung gegangen. Götz konnte sich immer noch nicht erklären, wie es zu dem Fehlalarm im Bistro gekommen war.

„Kann das Zufall sein?“, fragte er.

„Ich habe damit nichts zu tun“, erklärte Barbara spitz.

„Hab ich was gesagt?“ Dennoch musterte er sie voller Argwohn.

„Da bemühe ich mich darum, dass die ganze Familie endlich zusammenwächst, und du unterstellst mir, das Bistro zu sabotieren?“ Sie tat beleidigt. Aber seine Miene blieb skeptisch. „Götz! Auch wenn deine Tochter und ich nicht den besten Start hatten – ich wünsche ihr alles Gute für ihr kleines Unternehmen. Hätte ich mich sonst für ihr Bistro eingesetzt?“ Er schien noch immer nicht überzeugt zu sein. „Jetzt schau mich nicht so an! Lass uns lieber überlegen, wo wir das ausgefallene Mittagessen nachholen.“ Sie hatte Hunger. Er behauptete, nicht mit ihr essen zu können, weil er noch einen Termin hätte. Sie nickte enttäuscht und setzte sich aufs Sofa. Dabei fasste sie sich kurz an den Bauch.

„Alles in Ordnung mit dem Baby?“, fragte er besorgt.

„Alles wunderbar“, antwortete sie seufzend. „Mach dir keine Sorgen. Zum Glück haben wir die kritische Phase bald überstanden.“

Eva und Markus wussten noch nichts von der Katastrophe, die sich im Bistro abgespielt hatte. Sie gingen Hand in Hand im Park spazieren. Eva hatte sich inzwischen mit dem Gedanken angefreundet, ihre Skizzen von Emil einem Kinderbuchverleger zu zeigen.

„Ich finde es super, dass du es dir noch mal überlegt hast“, freute sich Markus. „Es wäre wirklich zu schade um deine schönen Zeichnungen, wenn sie in einer Schublade versauern würden.“

„Erst mal abwarten, was der Verleger zu den anderen Bildern sagt“, bremste Eva ihn in seiner Euphorie.

„Wenn er von deinem Talent nicht überzeugt wäre, würde er dich gar nicht erst treffen wollen“, sagte Markus lächelnd. Das Einzige, was ihn wurmte, war, dass Eva – vor dem Termin mit dem Verleger – mit Robert Saalfeld sprechen wollte.

„Na, hör mal!“, meinte sie. „Ohne Robert gäbe es gar keinen Emil.“ Der kleine Alpenesel war seine Erfindung. „Er hat sich die ganzen Geschichten für Valentina ausgedacht.“

„Schon klar“, winkte Markus ab. „Aber erst du hast Emil mit deinen Zeichnungen Leben eingehaucht.“

„Trotzdem …“ Eva konnte diese Zeichnungen nicht veröffentlichen, ohne Robert vorher zu fragen.

„Hör dir doch erst mal an, was Herr Deutert dir konkret anbietet“, beharrte ihr Freund. „Dann kannst du immer noch zu Robert Saalfeld gehen, wenn du unbedingt willst.“ Nachdenklich sah sie ihn von der Seite an. Sie spürte, wie sehr ihm die Eifersucht zu schaffen machte.

„Na schön …“ Sie lächelte gequält. „Vielleicht hast du recht.“ Zufrieden gab er ihr einen Kuss und blickte dann auf die Uhr.

„Ich muss los. Lenas Eröffnungsparty hat schon angefangen. Sehen wir uns gleich im Bistro?“ Eva nickte. Sie hatte Lena und Robert versprochen, als Kellnerin auszuhelfen, falls das nötig sein sollte. „Dann bis gleich.“ Markus machte sich auf den Rückweg. Trübsinnig blickte sie ihm hinterher. Auch wenn es ihm nicht gefiel – sie würde Robert auf jeden Fall um Erlaubnis fragen. Sollte er gegen die Veröffentlichung der Emil-Geschichten sein … Dann hatte sich die Sache einfach erledigt.

Jacob kam zum Hotel und entdeckte am Eingang Rosalie. Man konnte sehen, dass sie geweint hatte.

„Hey, was ist denn passiert?“ Am liebsten hätte er sie tröstend in den Arm genommen, aber ihre abweisende Miene hielt ihn auf Distanz. Also reichte er ihr nur ein Taschentuch.

„Du brauchst nicht mehr zu kündigen“, erklärte sie leise.

„Aber ich denke, dein Doc will nicht …“ Sie ließ ihn nicht ausreden.

„Er ist nicht mehr mein Doc, und es spielt auch keine Rolle mehr, was Michael will oder nicht!“, brach es aus ihr heraus.

„Heißt das, ihr habt euch getrennt?“ Sie nickte. Jacobs Kündigung hatte sie bereits zerrissen. Er konnte also am Fürstenhof bleiben. „Es tut mir leid …“ Vorsichtig legte er ihr die Hand auf den Arm, doch sie entzog sich sofort.

„Tu bloß nicht so, als würdest du dich nicht freuen!“, giftete sie. „Ich weiß genau, was du jetzt denkst! Aber wenn du glaubst, nur weil ich mich von Michael getrennt habe, fange ich wieder was mit dir an, hast du dich geschnitten!“ Damit ließ sie ihn stehen. Traurig blieb er zurück.

Eva räumte in der Saalfeld’schen Wohnung Valentinas Spielzeug zusammen, während Robert vor sich hin schimpfte wie ein Rohrspatz. Inzwischen hatte er sich trockene Kleidung angezogen.

„Und wer ist der Nutznießer?“, ereiferte er sich. „Mein lieber Onkel! Bei dem jetzt meine Gäste im Restaurant sitzen und sich von ihm bekochen lassen.“

„Blöder konnte es gar nicht laufen …“, sagte Eva mitfühlend. Seufzend schenkte er sich ein Glas Wasser ein. Sie räusperte sich. „Robert, ich weiß, es ist kein günstiger Moment, aber ich wollte dich etwas fragen.“ Erwartungsvoll sah er sie an. „Hast du was dagegen, wenn ich deine Emil-Geschichte zusammen mit meinen Zeichnungen einem Verleger zeige?“

„Einem Verleger?“, wiederholte Robert überrascht. Sie nickte.

„Er möchte vielleicht ein Kinderbuch daraus machen.“ Für einen Moment fehlten Robert die Worte. Dann lächelte er bemüht.

„Jetzt ist mir auch klar, warum Markus Zastrow deine Bilder eingescannt hat“, meinte er. Er hatte den Geschäftsführer zufällig dabei „erwischt“. „Natürlich kannst du die Geschichte haben. Du hättest gar nicht erst fragen müssen.“

„Aber es war doch deine Idee“, erwiderte sie.

„Solange du Valentina und mir ein handsigniertes Exemplar schenkst, bin ich mit allem einverstanden“, erklärte er.

„Versprochen.“ Die beiden tauschten ein Lächeln. Und dieses Lächeln war voller Wehmut.

Barbara bemerkte Rosalie Engels Trauermiene, und sie schlussfolgerte sofort, dass Dr. Niederbühl bei der Trennung geblieben war.

„Könnten Sie Götz fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich mir für ein paar Tage ein Gästezimmer nehme?“, fragte Rosalie leise. Das Hotel war im Moment nicht ausgebucht.

„Ich rede mit ihm“, versprach Barbara. Rosalie bedankte sich und verschwand wieder in ihrem Büro. Da kam André mit einem Tablett in die Lobby. Barbara hatte sich bei ihm etwas zu essen bestellt.

„Anstatt in deiner Wohnung allein zu essen, kannst du auch gerne mit ins Restaurant kommen“, schlug er vor.

„Nein danke“, entgegnete sie abschätzig. „Ich möchte deine kleine Siegesfeier nicht stören.“

„Was soll das heißen?“ Er gab sich unschuldig.

„Mir brauchst du nichts vorzuspielen. Du freust dich doch über die Bistro-Pleite.“ Er verzog keine Miene. „Schon beeindruckend, wie schnell du die ganze Sache für dich ausgenutzt hast.“

„Ich versuche nur, den Schaden für das Hotel zu mindern“, behauptete er. Aber Barbara war sich sicher, dass er für den Fehlalarm verantwortlich war. Und das sagte sie ihm auch auf den Kopf zu. „Bist du frustriert, weil bei dir im Moment nicht alles glattläuft?“ Spöttisch verzog sie das Gesicht.

„Wenn ich dich daran erinnern darf: Ich habe gerade geheiratet, Götz und ich halten siebzig Prozent am Hotel. Bei mir läuft alles glatt.“

„Bis auf die Tatsache, dass dein lieber Gatte einen Ehevertrag aufgesetzt hat.“ Verwirrt verzog sie das Gesicht. Wie kam André denn darauf? „Warum sonst hätte er gleich nach der Hochzeit konspirativ mit Pachmeyer zusammengehockt?“ André hatte die beiden Männer im Restaurant beobachtet. „Hast du das etwa nicht gewusst?“ Barbara hatte sich schnell wieder im Griff.

„Götz hat mir von dem Gespräch erzählt“, meinte sie. „Da ging es nur um einen Tratsch unter Kollegen.“ Aber in ihrem Kopf hatte es schon zu arbeiten begonnen. Wenn Götz mit Pachmeyer gesprochen hatte – dann musste Pachmeyer die belastenden Unterlagen über sie haben!

Sofort nahm sie Kontakt zu einem ihrer Komplizen aus der Vergangenheit auf, der sich auf Einbrüche verstand. Es dauerte nicht lange, und die beiden saßen in einem Auto vor Pachmeyers Kanzlei. Kaum hatte der Bürgermeister das Haus verlassen, machte sich der Einbrecher an die Arbeit.

Doch in Pachmeyers Büro entdeckte er nichts. Und der Safe, den der Bürgermeister in der Kanzlei stehen hatte, war ein äußerst stabiles Modell. Barbara kochte vor Wut, als sie begriff, dass sie an Götz’ Unterlagen nicht ohne Weiteres gelangen würde.

Charlotte war aufgefallen, dass André feuchte Haare gehabt hatte, als er die Gäste ins Restaurant einlud.

„Ich will ihm ja nichts unterstellen, aber …“ Werner und Robert tauschten einen alarmierten Blick. Robert erinnerte sich daran, dass es im Bistro nach Zigarre gestunken hatte. „Meinst du, André würde so weit gehen und damit absichtlich den Rauchmelder in Gang setzen?“ Robert traute seinem Onkel eine solche Gemeinheit durchaus zu. Und auch Werner war dieser Meinung.

„Dieser Mistkerl!“, rief der Senior empört. Am liebsten hätte er sich seinen Bruder gleich vorgeknöpft, aber Robert hielt ihn zurück.

„Ich mache das selbst“, erklärte er. Aber vorher würde er ein paar eindeutige Beweise brauchen. „Wenn André es wirklich getan hat, wollte er vor allem mich damit treffen …“

André erklärte der fassungslosen Lena gerade, dass sie für die Kosten aufkommen müsse, die die Gäste im Restaurant verursacht hatten.

„Dachten Sie etwa, der Fürstenhof haftet für Sie?“, fragte André genüsslich. „Sie haben die Verantwortung für das Bistro. Das war Ihre Idee.“ Verärgert schüttelte Lena den Kopf. Wie sollte sie so viel Geld überhaupt aufbringen? „Mir tut es ja auch leid, dass Ihre schöne Feier im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser gefallen ist“, heuchelte er.

„Sie haben in Ihrer Küche doch wahrscheinlich einen Freudentanz aufgeführt“, erwiderte sie wütend. „Und wer weiß – vielleicht haben Sie sogar an der Sprinkleranlage herumgespielt!“

„Schluss jetzt!“ Der Chefkoch tat empört. „Das muss ich mir nicht anhören. Bezahlen Sie die Rechnung! Und dann lassen Sie mich in Ruhe! Noch mal helfe ich Ihnen bestimmt nicht!“

In Andrés Spind hatte Robert nichts gefunden, was seinen Onkel belastete. Aber das hielt ihn nicht davon ab, André gehörig die Meinung zu sagen.

„Du bist wirklich das Letzte!“, raunzte er seinen Onkel an. „Du schreckst wirklich vor gar nichts zurück.“

„Keine Ahnung, wovon du redest“, entgegnete der Chefkoch achselzuckend.

„Aber eines sag ich dir: Aufhalten kannst du uns nicht! Egal, was für hinterhältige Sabotageversuche du noch unternimmst. Am Ende gewinne ich!“

„Ich lasse mir von dir nicht die Schuld für eure Pleite in die Schuhe schieben.“ Robert betrachtete André voller Verachtung. „Passt in Zukunft einfach besser auf euer Bistro auf. Oder ist das jetzt schon alles zu viel für euch?“

Nachmittags saß Götz allein an der Bar und trank einen Kaffee. Er freute sich, Markus zu sehen.

„Na, so allein?“, fragte sein Sohn. Götz seufzte. „Was ist los?“

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie anstrengend es ist, diesem Biest ständig den liebenden Ehemann vorspielen zu müssen.“ Götz war sichtlich froh, endlich einmal offen reden zu können.

„Bist du dir denn sicher, dass du das Theater durchziehen willst, anstatt dich gleich von Barbara zu trennen?“, fragte Markus.

„Das geht erst, wenn ich sicher sein kann, dass ich das Sorgerecht für das Baby bekomme.“ Götz wollte um jeden Preis bei seinem Plan bleiben – da konnte Markus noch so skeptisch gucken. „Ich weiß, dass dir das Kind nichts bedeutet. Aber es ist ein Zastrow, es gehört zur Familie!“

„Hey, mir ist das Kleine auch nicht egal.“ Immerhin war Markus der leibliche Vater des Babys.

„Theoretisch“, meinte Götz. „Oder willst du es etwa gemeinsam mit Eva Krendlinger großziehen?!“ Markus schwieg. „Erst mal muss das Baby auf die Welt kommen. Und sobald ich das Sorgerecht habe, werde ich Barbara ins Gefängnis bringen. Es geht nicht anders, ich muss Geduld haben. Wenn das Kind da ist, wird abgerechnet.“ Götz’ Miene war voller Hass.

Ein paar Stunden später saßen Michael und André auf denselben Plätzen an der Bar und tranken ein Glas Wein miteinander.

„Das mit Rosalie und mir, das hat einfach keinen Sinn mehr gehabt“, sagte Dr. Niederbühl gerade. „Ich habe wirklich versucht, ihr zu verzeihen. Aber dann musste ich immer wieder daran denken, wie lange sie mich schon betrogen hat …“ Er brach ab.

„Auch wenn ich lange Zeit dachte, zwischen Ihnen beiden würde sich alles wieder einrenken …“ Nachdenklich musterte André den Arzt, dann gab er sich einen Ruck. „Wussten Sie, dass Frau Engel sich direkt vor Ihrem Unfall von Ihnen trennen wollte?“

„Wirklich?“ Michael war sichtlich betroffen.

„Aber dann hat sie es doch nicht getan“, fuhr der Chefkoch fort. „Zeigt das nicht, wie sehr Sie noch an Ihre Beziehung geglaubt hat?“

„Wahrscheinlich hatte sie nur Skrupel, einen Behinderten allein zu lassen“, vermutete Michael düster. André hielt ihm vor, ungerecht zu sein. „Für Mitgefühl und Verständnis fehlt mir im Moment einfach die Kraft“, seufzte der Arzt. Außerdem glaubte er nicht, dass er sich Sorgen um Rosalie machen musste. „Bestimmt lässt sie sich gerade von diesem Stallburschen trösten.“ Das konnte sich André nun beim besten Willen nicht vorstellen.

„Lassen Sie den Kopf nicht hängen“, riet er. „Auch am Ende des längsten Tunnels kommt immer wieder ein Licht.“

„Nur dumm, dass ich es nie wieder sehen werde“, bemerkte Michael bitter. André biss sich auf die Lippen.

„Bei mir läuft es im Moment auch nicht so toll“, meinte er dann. „Meine Familie will nichts mehr von mir wissen. Und alle geben mir die Schuld an dieser Sache im Bistro.“

„Klingt schwer nach einer zweiten Runde.“ Michael hob sein leeres Weinglas. Der Barmann schenkte den beiden ein.

„So, da wären wir.“ André hatte den leicht angetrunkenen Dr. Niederbühl in seine Wohnung begleitet. Der Arzt bedankte sich dafür. „Kein Problem. Kommen Sie allein klar?“

„Natürlich“, antwortete Michael. „Das ist schließlich meine Wohnung.“ Aber da hätte er mit seinem Blindenstock beinahe eine Vase umgestoßen. „Hoppla!“

„Brauchen Sie wirklich keine Hilfe?“, fragte André skeptisch. „Ich meine, bis jetzt hat sich Frau Engel um Sie gekümmert …“

„Ach was, das kriege ich schon hin.“ Eine Nacht allein hatte Michael schließlich schon geschafft. Aber André war nicht überzeugt und bot spontan an, bei Dr. Niederbühl zu bleiben. „Sie wollen hier schlafen?“, wunderte sich Michael.

„Ihr Sofa sieht doch ganz bequem aus“, meinte der Chefkoch. „Und wenn Sie in der Nacht irgendwas brauchen, rufen Sie einfach.“

„Das ist nett, aber ich brauche kein Kindermädchen.“ André lachte.

„Wenn ich das glauben würde, hätte ich Eva Krendlinger hergebeten“, scherzte er. „Außerdem habe ich auch zu viel Wein getrunken. Da schaffe ich es sowieso nicht mehr in mein Bett.“ Insgeheim war Michael dem Chefkoch dankbar.

„Na dann … Willkommen in meinem Reich.“

2. KAPITEL

Zu später Stunde klopfte es an Rosalies Hotelzimmertür. Sie hoffte natürlich, dass es Michael wäre – stattdessen stand sie nun Barbara von Heidenberg gegenüber.

„Sie haben wohl jemand anderes erwartet?“, fragte die spöttisch. Rosalie winkte nur ab. „Ich habe mit meinem Mann gesprochen. Sie können vorerst hier im Gästezimmer bleiben.“ Frau Engel bedankte sich matt. „Auch wenn mir niemand menschliche Züge zutraut …“, fuhr Barbara fort. „Ich weiß, wie furchtbar sich Liebeskummer anfühlt. Deshalb dachte ich, Sie könnten ein bisschen Gesellschaft gebrauchen.“

„Deshalb sind Sie hier?“, staunte Rosalie. Barbara nickte.

„Aber wenn Sie lieber allein sein möchten …“ Die Geschäftsführerin schüttelte den Kopf. In der Tat war auch sie mehr als dankbar für Gesellschaft.

Am nächsten Morgen las Lena erbost, was die Zeitung über die geplatzte Bistro-Eröffnung schrieb. „Peinliche Pleite im Fürstenhof“, stand auf der Titelseite. Und Lena machte ihren Vater für die Katastrophe mitverantwortlich.

„Du freust dich doch, dass wir uns blamiert haben“, unterstellte sie ihm.

„Warum sollte ich?“, wunderte sich Götz.

„Weil es dir nicht passt, dass ich Robert eingestellt habe“, vermutete sie.

„Lena, ich bitte dich!“ Aber sie war nicht zu bremsen.

„Es würde mich nicht wundern, wenn du sogar mit diesem verlogenen Konopka unter einer Decke steckst!“, ereiferte sie sich weiter.

„Jetzt reicht es aber!“ Götz wollte nichts mehr, als dass Lena Erfolg hatte. „Ich möchte, dass du glücklich bist.“ Sie schien ihm nicht zu glauben. Seufzend schlug er vor, die Restaurantrechnung zu übernehmen. „Damit du begreifst, dass ich dir nichts Böses will.“ Aber sie schüttelte nur den Kopf.

„Danke, ich will keine Almosen von dir.“

„Das ist doch Blödsinn!“, versuchte er sie umzustimmen. „Du hast doch gar nicht so viel Geld.“ Aber sie war überzeugt davon, dass sie es allein schaffen würde. Irgendwie.

Nach der Pleite mit dem Einbruch gestern hatte Barbara beschlossen, sich jetzt direkt an Pachmeyer zu wenden. Aber der dachte gar nicht daran, sie einen Blick in die Unterlagen werfen zu lassen, die Götz ihm gegeben hatte. Selbst als sie ihm finanzielle Unterstützung für den neuen Kindergarten im Dorf in Aussicht stellte, blieb er hart.

„Kommen Sie mir nicht so! Ihr Mann hat mir die Papiere gegeben, um sich vor Ihnen abzusichern. Zu Recht.“

„Wie bitte?“, fragte sie säuerlich.

„Nun ja … Wenn ich an Ihre Vergangenheit denke …“ Unbehaglich sah der Bürgermeister sie an.

„Ich wurde vom Mordverdacht vor Gericht freigesprochen, falls Ihnen das entfallen sein sollte“, zischte sie.

„Ja, vor Gericht.“ Der Bürgermeister winkte ab. „Wie auch immer – ich möchte lieber nicht in Ihre Ehestreitigkeiten hineingezogen werden.“

„Ehestreitigkeiten?“, wiederholte sie spitz.

„Irgendeinen Grund wird Ihr Gatte schon haben, dass er mir seine Unterlagen anvertraut“, meinte Pachmeyer und wollte sich schnell verabschieden.

„Sie haben doch nicht etwa Angst vor mir?“, spottete Barbara.

„Ich hänge nur an meinem Leben“, gab er zur Antwort. „Genau wie Ihr Mann. Ich möchte nur vorsichtig sein. Nehmen Sie das nicht persönlich.“

„Sie wollen mir diese Papiere nicht zeigen, na schön.“ Barbara seufzte theatralisch. „Trotzdem hätte ich eine Bitte. Eigentlich ist es eher ein Auftrag. Für den ich Sie natürlich auch bezahle.“ Nun blickte er sie doch neugierig an.

Vor dem Termin mit dem Kinderbuchverleger war Eva sehr nervös. Aber Markus gelang es, sie aufzubauen.

„Du musst einfach aufhören, ständig an deinem Talent zu zweifeln“, sagte er. „Deine Bilder sind spitze. Sieh das Gespräch mit dem Verleger doch als eine Art Standortbestimmung. Was hast du schon zu verlieren?“ Sie gab ihm recht.

„Wenn Herrn Deutert die Bilder gefallen, ist alles gut. Und wenn nicht – dann eben nicht.“ Sie gab Markus einen Kuss. „Dann bleibt alles, wie es jetzt schon ist: perfekt.“

Trotz der schlechten Presse war das Bistro heute Abend für eine Privatveranstaltung gebucht worden. Und Lena und Robert konnten es sich nicht leisten, die Veranstaltung abzusagen. Sie würden also improvisieren müssen – der Vorratsraum war nämlich noch lange nicht wieder trocken.

„Für den Übergang können wir die Vorräte auch hinter der Theke stapeln“, überlegte Robert. Lena nickte. Sie war sich noch immer sicher, dass André Konopka hinter dem Sabotageversuch steckte, und Robert sah das nicht anders. „Aber wir können ihm nichts nachweisen“, seufzte er.

„Es ist zum Verrücktwerden.“ Lena raufte sich die Haare. „Wer weiß, vielleicht heckt er in diesem Moment schon die nächste Schweinerei aus.“

„Keine Sorge“, erwiderte Robert grimmig. „Den kriege ich schon noch dran.“ Aber Lena hatte nicht die geringste Lust auf einen Kleinkrieg. „Wir müssen irgendeinen Beweis finden, dass er wirklich manipuliert hat.“ Nur wie sie das anstellen sollten – das wusste keiner von beiden.

Götz hatte André Konopka derweil zu einem Gespräch ins Restaurant gebeten.

„Ich erwarte, dass Sie in Zukunft weitere Attacken gegen das Bistro unterlassen“, sagte er streng.

„Wie bitte?“, empörte sich der Chefkoch. „Ich habe mit diesem Fehlalarm nichts zu tun.“

„Ja, schon klar.“ Götz schnaubte. „Machen wir uns nichts vor: Sie sind der Einzige, der von dieser Pleite profitiert hat. Halten Sie sich also in Zukunft von meiner Tochter und Robert Saalfeld fern.“ Verärgert funkelte André sein Gegenüber an, nickte dann aber. Götz’ Ton wurde versöhnlicher. „Mir gefällt es genauso wenig wie Ihnen, dass Ihr Neffe in das Bistro eingestiegen ist. Aber hier geht es in erster Linie um meine Tochter.“

„Natürlich“, brummte André.

„Wir haben uns also verstanden?“ Wieder nickte der Chefkoch und trollte sich dann.

Kaum war er verschwunden, erschien Alois Pachmeyer an Götz’ Tisch.

„Darf ich?“ Götz bedeutete ihm, sich zu setzen.

„Was verschafft mir die Ehre?“, fragte er dann.

„Sie werden nicht glauben, was ich heute bekommen habe …“ Der Bürgermeister beugte sich verschwörerisch über den Tisch. „Ich habe jetzt noch einen weiteren verschlossenen Umschlag in meinem Tresor. Von Ihrer werten Frau Gattin.“ Götz entgleisten die Gesichtszüge. Von Barbara?! „Und genau wie Ihren soll ich auch den der Staatsanwaltschaft übergeben, falls ihr irgendetwas zustößt …“

„Wann holt ihr denn eure Party nach?“, erkundigte sich Markus zur gleichen Zeit bei seiner Schwester.

„Gar nicht“, erklärte Lena. „Wir eröffnen einfach so. Heute Abend haben wir die erste größere Buchung.“

„Das freut mich“, meinte er.

„Hoffentlich klappt es dieses Mal.“ Sie seufzte. Die Feuerwehr hatte auch nicht herausfinden können, warum der Rauchmelder losgegangen war. „Ein Feuer hat es jedenfalls nicht gegeben.“

„Hoffentlich bekommt ihr nicht noch eine Schutzgeldforderung.“ Perplex verzog Lena das Gesicht. „Kennst du das nicht? Erst attackieren irgendwelche Verbrecher ein Restaurant oder einen Laden, machen alles kaputt. Und dann wollen sie Geld, damit sie nicht wiederkommen.“

„Schutzgelderpressung?“, wiederholte Lena noch immer verblüfft. Sie waren hier doch nicht auf Sizilien. Aber trotzdem brachte Markus’ Bemerkung sie auf eine Idee.

Robert teilte Lenas Begeisterung für ihren Plan erst mal nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Onkel auf Geld aus war. Aber Lena argumentierte, dass – wenn André von ihnen Geld annahm – sie endlich einen Beweis gegen ihn hätten.

„Lass mich nur machen“, bat sie und marschierte direkt in die Küche, wo der Chefkoch gerade allein am Herd stand. „Mir ist klar, dass Sie für die Sache mit der Sprinkleranlage verantwortlich sind“, begann sie. „Und ich will Ihnen ein Angebot machen. Ich habe nämlich keine Lust auf weitere Überraschungen. Ich möchte einfach nur ungestört mein Bistro eröffnen und fertig.“

„Machen Sie doch, was Sie wollen“, knurrte André. Da zog sie zu seiner Überraschung einen Umschlag heraus.

„Hier haben Sie fünftausend Euro. Dafür lassen Sie mich und Robert ab sofort in Ruhe.“ Perplex starrte er den Umschlag an.

„Sie bieten mir Schutzgeld an?“ Sie musterte ihn verächtlich.

„Ist das nicht das, was Sie die ganze Zeit wollten?“ Über Andrés Gesicht ging ein Grinsen.

„Ihre Offerte ist an Plumpheit nicht zu überbieten“, stellte er fest. „Außerdem habe ich mit der Angelegenheit nichts zu tun.“

„Ich weiß, es war eine blöde Idee.“ Niedergeschlagen musste Lena vor Robert zugeben, dass ihr Plan gescheitert war. „Aber er war’s. Ich bleibe dabei.“

„Wenn du recht hast, wird er uns weiter schikanieren“, fürchtete Robert. „Und dann kriegen wir ihn, versprochen.“ Jetzt hieß es erst einmal, die Veranstaltung für heute Abend vorzubereiten.

André fühlte sich mittlerweile von allen falsch verstanden. Und klagte Michael sein Leid – die beiden aßen in dessen Wohnung gemeinsam zu Mittag. Er erzählte, dass Lena Zastrow ihm Schutzgeld angeboten hatte.

„Ich hätte sie auch verdächtigt“, gab Michael zögerlich zu. „Ihnen ist das Bistro – verständlicherweise – ein Dorn im Auge.“

„So was in der Art war meine Idee!“, bestätigte André. „Seit Jahren war das mein Traum. Und dann macht das ausgerechnet Robert, dem ich vorher gekündigt habe und der jetzt in meiner Küche seelenruhig weiterkochen darf!“

„Genau das macht Sie verdächtig“, stellte Michael fest. „Vielleicht sollten Sie einfach die Person suchen, die wirklich für den Vorfall mit der Sprinkleranlage verantwortlich ist? Das würde Ihr Problem lösen.“

„Soll ich mich etwa auf die Lauer legen?“, brummte der Chefkoch. „Oder für teures Geld einen Detektiv engagieren?“

„Ich könnte helfen. Ein Blinder wird gerne unterschätzt.“ André sagte nichts, sonder seufzte stattdessen nur.

„Um ehrlich zu sein …“ Michael begriff sofort.

„Sie waren es also doch!“ Der Arzt lachte. „Entschuldigen Sie, aber das ist wirklich herrlich! Sie sind echt eine Nummer!“

„Aber ich bin kein Mafioso, der Schutzgeld annimmt“, verteidigte sich André verärgert.

„Was für eine Unterstellung!“ Michael lachte noch immer.

„Sie machen sich lustig über mich“, beschwerte sich der Chefkoch. „Ich habe übrigens ein schlechtes Gewissen, wenn Sie das beruhigt.“

„Jetzt hören Sie mal zu, ernsthaft!“, verlangte Michael. „Lassen Sie diese krummen Dinger. Das ist niveaulos, das haben Sie nicht nötig, verstanden?“ André lächelte gerührt. Dr. Niederbühls Zuspruch tat ihm wirklich gut.

Nach ihrem Termin mit Herrn Deutert vom Kinderbuchverlag war Eva bester Laune.

„Es war super!“ Begeistert fiel sie Markus um den Hals. „Total toll!“ Sie hatte sich mit dem Verleger im Alten Wirt getroffen. Er war von ihren Zeichnungen sehr angetan gewesen. „Ich kann kaum fassen, dass es so gut gelaufen ist!“

„Und das ist erst der Anfang!“ Markus strahlte. „Bald bist du ein gefeierter Kinderbuchstar. Dann musst du Interviews geben, im Radio und im Fernsehen.“

„Jetzt übertreib mal nicht gleich“, meinte sie. „Noch gibt es nicht mal das erste Buch.“ Aber Markus war sich vollkommen sicher, dass ihr eine große Karriere bevorstand.

Die E-Mail, die Herr Deutert ihr am selben Tag noch schrieb, versetzte Eva allerdings einen heftigen Dämpfer. Der Verleger bedankte sich für das nette Treffen und erklärte noch einmal, dass er sie für äußerst talentiert hielt. Er hatte auch schon mit seiner Marketingabteilung gesprochen – und die schlug einige Änderungen vor.

„Muss der Esel unbedingt braunes Fell haben?“, las Eva. „Kinder lieben bunte Farben. Und überhaupt – muss es gerade ein Esel sein? Wie wäre es mit einem Eichhörnchen? Meine kleine Tochter Lilly liebt diese schlauen Tierchen über alles.“ Ratlos starrte Eva auf den Monitor ihres Computers. Die wollten ja alles ändern. Da würde von Emil ja gar nichts mehr übrig bleiben …

Ohne lange darüber nachzudenken, hatte sie Herrn Deutert eine Absage gemailt. Und das mit einem sehr guten Gefühl. Seine Bemerkungen waren wirklich ein Schlag ins Gesicht gewesen.

„Gegen die Macht der Marktforschung kommst du nicht an“, seufzte Markus, der sehr betrübt war über diese Entwicklung. „Aber ich finde es schade, dass du sofort aufgibst.“

„Man gibt doch nicht auf, nur, weil man keine dämlichen Kompromisse eingehen will!“, verteidigte sie sich. „Emil ist ein ziemlich störrischer Esel, wie du langsam wissen solltest. Und wenn er sich mal in eine Idee verliebt hat, dann lässt er sich nicht aufhalten.“ Markus schmunzelte. „Die Kinder werden ihn lieben, weil er anders ist“, fuhr sie fort. „Nicht brav und angepasst, sondern ein kleiner Rebell!“ Sie würde es auch ohne Herrn Deutert schaffen.

„Und ohne deinen Freund mit seinen bescheuerten Kontakten“, ergänzte Markus.

„Ohne mich zu verbiegen“, korrigierte sie. „Aber gerne mit meinem Freund, dem wir es zu verdanken haben, dass Emil bald der berühmteste Esel der Welt wird.“

„Ich liebe es, wenn du so maßlos übertreibst.“ Die beiden gaben sich einen innigen Kuss.

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