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Der Amuramidolch

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© 2016 Richard Stieglbauer
Umschlag, Illustration: Rainer Gratz

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN
Paperback 978-3-7345-0064-0
Hardcover 978-3-7345-0065-7
e-Book 978-3-7345-0066-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Der Neue Raum

„Annika, geh bitte in den Keller und hole das große Brecheisen. Mit diesem Kinderwerkzeug hier bin ich ja noch nächstes Jahr beschäftigt“, sagte Markus genervt, als er erst zwei Bretter vom alten Bretterboden herausgelöst hatte. Er richtete sich auf, wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und mit einem verächtlichen Blick auf sein Arbeitsgerät, wandte er sich zu ihr um. Karin, seine Frau, schmunzelte bereits, was er etwas verärgert registrierte.

„Mach ich“, antwortete sie und war auch schon unterwegs nach unten.

Sie waren gerade dabei, das letzte Zimmer ihres gekauften Hauses zu renovieren. Im Grunde war das ja auch sinnvoll, aber musste es ausgerechnet in den Sommerferien sein? Sie würde viel lieber in Urlaub fahren, wie die anderen aus ihrer Klasse auch. Nach den Ferien konnte sie sich wieder all die schönen Erlebnisse ihrer Klassenkameraden anhören. Auch ihre beste Freundin Alina war gerade in Spanien und sie saß zu Hause und musste ein Zimmer renovieren! Echt toll!

Bereits am gestrigen Sonntag hatte sie ihren Eltern während des Mittagessens vorgeschlagen, eine Reise an den Gardasee zu machen, wie im Jahr ihrer Kommunion. Da sie jetzt 15 Jahre alt war, hatten also sie und ihre Eltern das letzte Mal vor sechs Jahren so richtig Urlaub gemacht und es war für alle ein schönes Erlebnis. Ein anderes Land besuchen, Land und Leute kennenlernen, es sich gut gehen lassen, das wäre nach so langer Zeit wirklich wieder einmal angesagt. Sie hatte noch gehofft, ihre Mutter auf ihrer Seite zu haben, aber die wollte auch lieber am Zimmer arbeiten, um endlich ganz fertig zu werden. Nach dieser Ankündigung war sie natürlich frustriert und rannte, zuvor noch den Rest ihres Essens hinunterwürgend, in ihr Zimmer und wollte nur noch weinen, aber sie war dermaßen wütend, dass sie nicht weinen konnte. Mittlerweile war aber der erste Ärger bereits wieder verraucht und sie fügte sich notgedrungen ihrem Schicksal.

Unten angekommen, brauchte sie nach dem Brecheisen nicht lange zu suchen. In Sachen Werkzeug legte ihr Vater eine penible Ordnung an den Tag, die in andern Bereichen doch deutlich zu wünschen übrig ließ, wovon auch ihre Mutter ein Lied zu singen wusste.

Die größeren Werkzeuge befanden sich an der linken Seite direkt vor der gemauerten Rückwand, welche eigenartigerweise nur hier in der Werkstatt vorhanden war, während links und rechts im Hobby- und im Hauswirtschaftsraum die hintere Begrenzung aus natürlichem Felsgestein bestand. Da das Haus am Fuße eines kleinen Berges errichtet wurde, musste nur der untere Bereich hier etwas bearbeitet werden und schon war die Rückwand des Kellers fertig.

Als sie nach dem Brecheisen greifen wollte, sah sie aus den Augenwinkeln etwas über den Boden huschen. Es handelte sich um eine Maus, die vor einem Loch an eben der gemauerten Rückwand stehen blieb und schnüffelnd ihre kleine, spitze Nase hob. Sie versuchte, sich nicht zu bewegen und beobachtete amüsiert das süße Geschöpf. Die Maus putzte sich noch kurz die linke Pfote und verschwand dann in diesem Loch. Sie wartete noch etwas, vielleicht würde die Maus noch mal erscheinen, aber zu ihrer Enttäuschung ließ sie sich nicht mehr blicken.

Dass sie so süße Haustiere hatten, überraschte sie. Ihre Mutter sorgte sofort nachdem sie das Haus gekauft hatten durch einen Kammerjäger dafür, dass ihr solche Nager nicht über den Weg laufen konnten. Vor Mäusen hatte sie panische Angst und sie durfte ihr von dieser Begegnung nichts erzählen, sonst würde ihre Mutter keinen Fuß mehr in die Werkstatt setzen, wahrscheinlich würde der gesamte Keller für sie eine gesperrte Zone werden. Die Angst mancher Menschen vor Mäusen oder auch Schlangen konnte sie noch nie verstehen. Die einzigen Tiere, vor denen sie sich ekelte, waren Spinnen und beim Anblick größerer Exemplare konnte auch sie manchmal einen Schrei nicht unterdrücken. Aber so kleine Mäuse waren doch niedliche Tierchen.

Merkwürdig. Die Mauer war doch bestimmt aus Steinen gefertigt. Mäuse sind zwar Nager, aber durch Steinmauern konnten sie doch kein Loch beißen, oder? Sie ging auf die Öffnung zu, bückte sich und erkannte des Rätsels Lösung. An einer Stelle war ein Stein herausgebrochen und das vermutlich erst nach der Einrichtung der Werkstatt, denn sonst hätte ihr Vater diesen Makel mit Sicherheit beseitigt. Als sie nach dem Stein griff, verspürte sie an der Hand deutlich einen kalten Luftzug. Sofort ließ sie ihn erschrocken fallen und hielt noch einmal ihre Hand unmittelbar an die Öffnung. Kein Zweifel, aus dem Loch strömte kalte Luft. Aber dahinter war doch auch diese Felswand, wie in den Räumen nebenan, oder etwa doch nicht? Sie wollte Gewissheit. Nach kurzer Suche entdeckte sie ein dünnes Metallrohr und steckte es in das Loch am Boden. Das Rohr war etwa 1,30 Meter lang und konnte vollständig eingeschoben und auch noch nach oben und seitlich bewegt werden, was bedeutete, dass es hinter dieser Mauer noch weiterging!

In diesem Augenblick kam sichtlich verärgert ihr Vater hereingestürmt. „Was treibst du hier so lange? Glaubst du, die Arbeit macht sich von alleine? Hier, das große Brecheisen vor deiner Nase brauche ich, spielen kannst du auch ein andermal. Los jetzt, pack dich zusammen und ab nach oben.“

Erschrocken fuhr sie in die Höhe. Ihr Vater hasste solche Verzögerungen bei der Arbeit, wenn wieder ein Werkzeug oder ein Material fehlte und sagte zu ihrer Verteidigung: „Hinter dieser Mauer ist ein Hohlraum.“

Markus, der bereits wieder auf dem Weg zur Tür war,

wandte sich um und sah sie verdutzt an. „Was ist los?“

„Hinter der Mauer geht es weiter.“ Sie schilderte ihm kurz ihre Entdeckung, wobei er die Wand von oben bis unten betrachtete und danach selbst den Versuch mit einem längeren Rohr wiederholte. Aber auch er konnte es vollständig hineinschieben und sein Gesichtsausdruck hellte sich immer mehr auf, schwebte ihm doch immer noch ein Lagerraum im Haus vor, denn zur Zeit waren ihre Vorräte im angrenzenden Geräteschuppen zwischen den Gartengeräten deponiert. Für ihn war das immer nur eine Notlösung und jetzt bestand die Möglichkeit, daran etwas zu ändern.

Kurz entschlossen nahm er den großen Steinhammer und schlug mehrmals auf die Wand ein, aus deren sofort unter lautem Gepolter Steine herausbrachen und eine Öffnung freigaben, die nach einigen weiteren Schlägen schnell größer wurde, so dass ein erwachsener Mensch, ohne sich den Kopf zu stoßen, hindurchgehen konnte. Nachdem er noch die lockeren Steine entfernt hatte, ging er zur Werkbank und holte sich aus einer Schublade einen Halogenstrahler und ein Verlängerungskabel, als mit sorgenvollem Blick Karin in die Werkstatt kam. „Was ist denn hier passiert?“, fragte sie entsetzt und starrte durch die staubige Luft auf das Loch in der Wand. „Oben hört es sich an, als ob jemand beginnen würde, das Haus niederzureißen!“

„Beruhige dich, ich vergrößere nur unser Zuhause“, sagte Markus mit einem verschmitzten Lächeln.

„Was soll das heißen, du vergrößerst nur unser Zuhause.“ Ihre anfängliche Besorgnis wich immer mehr Verärgerung. „Deine überschüssigen Kräfte kannst du oben zum Einsatz bringen, anstatt sie hier zu vergeuden, um zum Spaß Wände einzureißen. Dahinter ist sowieso nur die Felswand wie nebenan auch.“

„Eben nicht. Annika hat noch einen Raum entdeckt, sieh es dir selber an“, frohlockte Markus euphorisch und verschwand, gefolgt von Annika, in der Öffnung.

Karin zögerte noch etwas, ließ sich die Besichtigung der neuen Räumlichkeit dann aber doch nicht entgehen und ging den beiden schnell hinterher.

Auf der anderen Seite schaltete Markus seinen Strahler ein und leuchtete damit erst einmal den vorderen Bereich aus. Links und rechts war noch ein Stück von der ursprünglichen Felswand, wie in den anderen Räumen auch, zu sehen und in der Mitte erstreckte sich eine Höhlung in die Tiefe. Deutlich erkennbare Bearbeitungsspuren wiesen darauf hin, dass dieser Hohlraum, der etwa einen Durchmesser von zwei Metern aufwies, nicht auf natürliche Weise entstanden war. Die Seitenwände und die bogenförmige Decke waren uneben und nur grob behauen und in der Mitte verlief eine Art Weg, der nach hinten führte. Dieser war gegenüber den Seitenstreifen, in denen stellenweise loses Gestein herumlag, etwas erhöht und die Oberfläche erstaunlich glatt, es wirkte fast so, als ob sie geschliffen wäre und das Ganze erinnerte stark an einen Gang, in dessen Mitte ein Gehweg verlief.

Markus schwenkte seine Lampe nun nach hinten und im selben Augenblick blendete sie ein starker Lichtstrahl. Schützend seine Hand vor das Gesicht haltend, senkte er mehr unbewusst den Strahler und schimpfte: „Was um alles in der Welt spiegelt da nur so?“ Er leuchtete die Seitenwand entlang und mit dem, was nach und nach im Lichtschein des Strahlers zu erkennen war, hatte niemand gerechnet!

„Ja was haben wir denn da?“, sagte Markus und starrte ungläubig auf den hier völlig deplatzierten Gegenstand.

Karin, die sich dicht hinter ihrem Mann befand, konnte es ebenfalls nicht fassen und stellte verwundert fest: „Der ist ja richtig eingemauert und sieht fast so aus wie eine Tür.“

Auch Annika war total überrascht und stand mit offenem Mund neben ihrer Mutter. Die hintere Wand wurde fast vollständig von einem großen Spiegel ausgefüllt, der direkt im Gestein integriert war! Bis zur Decke reichend und breit genug, dass sich zwei Personen darin betrachten konnten, hatte er mit seinem breiten Holzrahmen und der zurückgesetzten Glasfläche wirklich große Ähnlichkeit mit einer Tür. Das Einzige, was nicht ganz dazu passte, war die unter einer dünnen Staubschicht durchschimmernde, goldene Verzierung, die sie eher an wertvolle Gemälde in einem Museum erinnerte.

Direkt neben dem Spiegel an der linken Seitenwand fand sich außerdem etwa auf Brusthöhe eine ungefähr 40 mal 60 Zentimeter große Nische, die aber, soweit sie es im Licht des Strahlers erkennen konnte, leer war.

Sie blickte sich um, genau wie ihre Eltern, ob sie noch irgendwas entdecken konnte, aber außer diesem Spiegel und der Nische war die Höhle vollkommen leer. Sie war etwas enttäuscht. Insgeheim träumte sie bereits von einem versteckten Schatz oder zumindest von wertvollen Gegenständen, aber hier war rein gar nichts zu finden. Der Spiegel hatte zwar ein antikes Aussehen und wäre bestimmt einiges Wert, aber dazu müsste man ihn schon mühsam aus dem Felsen herausarbeiten, denn auf den ersten Blick sah es so aus, als ob er förmlich mit dem Gestein verwachsen wäre. Nach dem Gesichtsausdruck ihrer Eltern hatte Annika den Eindruck, dass auch sie sich mehr erhofft hatten, ließen sich aber natürlich nichts weiter anmerken.

„Das wird der ideale Weinkeller, nur der Spiegel passt nicht ganz“, meldete sich Markus zu Wort.

Karin drehte sich zu ihm und sagte trotzig: „Von wegen „Weinkeller“. Wer meckert denn immer, wenn etwas aus dem Schuppen zu holen ist? Hier ist genügend Platz um unseren gesamten Vorrat zu lagern, nicht nur deinen Wein. Und der Spiegel stört nicht besonders.“

„Schon gut, ich mach ja nur Witze“, beschwichtigte Markus. „Aber jetzt arbeiten wir wieder oben weiter. Los, kommt.“ Zurück in der Werkstatt, nahm er das große Brecheisen und eilte nach oben.

Sie und ihre Mutter hatten es nicht so eilig und blieben noch kurze Zeit stehen.

Annika sah sich noch einmal um. Es war eine merkwürdige Höhle, die sie da entdeckt hatte. Nicht nur der eingemauerte Spiegel irritierte sie, sondern auch die ganze Beschaffenheit an sich und vor allem das unangenehme Gefühl, dass sie hier drin verspürte.

„Warum diese Höhle wohl zugemauert wurde“, fragte auch Karin mehr sich selbst, leuchtete noch einmal alles ab und wechselte einen fragenden Blick mit ihr. Kurz darauf zuckte sie mit den Schultern, schaltete den Strahler aus und ging wieder hinaus.

Annika wollte ihr gerade folgen, als sie plötzlich ein leises Geräusch hörte. Sofort machte sie halt, konnte jetzt aber nichts mehr vernehmen und setzte den Weg zum Ausgang fort, als sie es erneut wahrnahm. Es war wie ein leises Flüstern!

„Annika, komm endlich heraus, dein Vater wird sonst wieder sauer, wenn wir nicht bald oben sind.“

„Mam sei still, da ist ein Geräusch zu hören.“

„Was soll da drin zu hören sein?“

„Komm rein und überzeuge dich selbst.“ Sie machte Platz und ihre Mutter kam wieder herein.

Diese lauschte kurz und drehte langsam den Kopf zu ihr. Mit spöttischem Blick sagte sie übertrieben langsam: „Also ich höre nichts.“

„Doch, ich habe es deutlich vernommen. Es war wie ein leises Flüstern“, beteuerte sie und lauschte noch einmal mit angehaltenem Atem in die dunkle Höhle hinein, doch jetzt hörte sie auch nichts mehr. „Da war aber ein Geräusch“, verteidigte sie sich etwas trotzig und blickte dabei herausfordernd ihre Mutter an.

„Annika, da ist nichts, da ist kein Flüstern“, erklärte ihr Karin ungeduldig. „Da geht mal wieder deine Fantasie mit dir durch.“

„Ich habe aber etwas gehört, ich bilde mir doch so was nicht ein!“, rief sie jetzt mit einem zornigen Funkeln in den Augen.

„Schluss jetzt mit dem Unsinn“, fauchte Karin mit gesenkter Stimme und blickte etwas verstohlen durch die Öffnung in die Werkstatt, denn die Schritte von Markus hörte man bereits schnell näher kommen. Kurz darauf erschien er auch schon vor dem Ausgang.

„Würdet ihr jetzt zu streiten aufhören und endlich oben mithelfen, oder soll ich alles alleine machen?“ Verärgert ging er einen Schritt zurück und wartete nun, bis beide herausgekommen waren und vor ihm mit nach oben gingen.

Ihr Vater war mit dem größeren Werkzeug bereits sehr erfolgreich und hatte mehrere Bretter herausgelöst, die sie nun leider mit ihrer Mutter nach unten schleppen musste.

„Was war denn unten los, weshalb habt ihr gestritten?“, wollte Markus wissen, trank einen Schluck Wasser und machte sich wieder an seine Arbeit.

„Ach, nicht so wichtig“, sagte Annika, darum bemüht, sich ganz normal zu verhalten, was ihr aber nicht so besonders gut gelang und sah mit einem kaum merklichen Kopfschütteln und einem fordernden Blick zu ihrer Mutter hinüber, damit sie ja nichts von dem eben Vorgefallenen erzählte. Ihr Vater hasste so fantastische und unglaubwürdige Geschichten und konnte dabei sehr aufbrausend sein.

Den Rest des Tages arbeiteten sie zügig und ohne Unterbrechungen weiter und hatten bis zum Abend schon viel erledigt. Als sich ihr Vater duschte und Karin das Abendessen zubereitete, ging sie noch einmal in den Keller, um vielleicht wieder das mysteriöse Geräusch zu hören. In der Werkstatt war alles ruhig. Sie ging in die Höhle und lauschte einige Minuten, doch nichts war zu vernehmen. Nur das beklemmende Gefühl verspürte sie wieder, das sie auch schon heute Vormittag hier bemerkte. Enttäuscht wandte sie sich ab, ging hinaus und als sie bereits wieder in der Werkstatt war, blieb sie erschrocken stehen. Da war es wieder! Ein leises Flüstern!

Das Buch

Da sie das Flüstern wieder nur kurz gehört hatte, war sie etwas durcheinander. Hatte sie nun Halluzinationen, bildete sie sich das wirklich nur ein, oder war da doch etwas? Wahrscheinlich stimmte es, was ihre Mutter behauptete, dass sie eine zu lebhafte Fantasie besaß. Dennoch waren ihre Zweifel nicht gänzlich beseitigt. Sie musste die Höhle noch einmal genau und in aller Ruhe durchsuchen, am besten, wenn ihre Eltern nicht zu Hause waren. Bis dahin, schwor sie sich, wollte sie ihnen auf gar keinen Fall etwas davon erzählen, denn nach der Reaktion ihrer Mutter von heute Vormittag würde die Angelegenheit bestimmt nicht so glimpflich ablaufen.

„Heute haben wir schon viel geleistet“, verkündete Markus stolz, als er sich zusammen mit seiner Familie zum Abendessen an den Tisch setzte.

Annika versuchte, sich ihren etwas verwirrten Zustand nicht anmerken zu lassen und anscheinend hatte sie auch Erfolg damit.

„Wir sind sogar über meinem Zeitplan“, fuhr ihr Vater fort. „Mit etwas Glück werden wir früher fertig als ich dachte. Vielleicht können wir doch noch eine kleine Urlaubsreise machen“, sagte er und sah sie dabei mit einem aufmunternden Lächeln an.

Mit einem pessimistischen Blick belehrte ihn Karin:

„Mach ihr keine leeren Versprechungen, morgen gibt es vielleicht eine Verzögerung und dann hast du den Vorsprung von heute wieder aufgebraucht, das wäre nicht das erste Mal. Bei den anderen Räumen hat es auch immer irgendwelche Schwierigkeiten gegeben. Und morgen hat Annika sowieso einen freien Tag, weil sie heute wirklich viel gearbeitet hat. Es sind ja schließlich auch Ferien“, fügte sie mit gespielt strengem Blick hinzu und umfasste ihren Arm.

„Ja, das geht in Ordnung, ich muss morgen sowieso etwas besorgen und die nächsten Arbeiten kann ich auch alleine erledigen.“

Erleichtert nahm sie diese Ankündigung zur Kenntnis, denn ihr ganzer Körper schmerzte bereits jetzt. Wie würde es sich erst morgen anfühlen? Wahrscheinlich stünde sie schon vor einem Problem, um vernünftig die Treppe herunter zu kommen.

Völlig erschöpft von der Arbeit des Tages ging sie zeitig in ihr Zimmer. Sie wollte schlafen, aber sie konnte nicht. Stattdessen lag sie mit offenen Augen im Bett und dachte an die merkwürdigen Ereignisse des Tages und an das Flüstern, das nur sie gehört hatte. Sie wälzte sich hin und her und nach einer kleinen Ewigkeit, wie es ihr schien, schlief sie endlich ein.

Wider erwarten fühlte sich ihr Körper am nächsten Tag weniger schlimm an, als sie befürchtet hatte und bereits am Nachmittag half sie wieder ihrem Vater. Immer wenn es die Gelegenheit erlaubte und wenn während der Arbeit kleine Pausen entstanden, schlich sie in die Werkstatt zur Höhle und lauschte angestrengt nach dem Flüstern. Aber seltsamerweise konnte sie nichts hören, wie auch den Rest der Woche nicht mehr und sie fand sich schließlich damit ab, sich das alles nur eingebildet zu haben.

Der Raum war nun renoviert, sie brauchten aber doch so lange, wie ihr Vater zu Anfangs veranschlagt hatte und konnte jetzt eingerichtet werden. Ihre Eltern machten sich gerade bereit, in ein Einrichtungshaus zu fahren, um passende Möbel auszusuchen.

„Willst du wirklich nicht mitfahren, Annika?“, fragte ihre Mutter etwas ungläubig und verstaute den Plan vom Zimmer in ihrer Tasche, den ihr Vater noch gezeichnet hatte.

„Nein, ich will lieber zu Hause bleiben und im Garten lesen“, antwortete sie. Bei so einer Hitze wie heute machte Einkaufen nicht wirklich Spaß und sah auf das Thermometer, das annähernd 30° anzeigte. Da würde es im Schatten in der Hängematte schon angenehmer sein. Außerdem gab es da ja noch eine andere Sache. Es war die perfekte Gelegenheit, doch noch mal ungestört und in aller Ruhe die Höhle genau zu inspizieren, um dem Ursprung des Flüsterns auf die Spur zu kommen, obwohl sie schon mehrmals vergeblich danach gelauscht hatte. Viel Hoffnung, erfolgreich zu sein, hatte sie eigentlich nicht, aber einen letzten Versuch wollte sie noch wagen.

Markus sah sie fragend an: „Das ist doch sonst nicht deine Art. Wenn wir etwas von einer Einkaufstour sagen, dann bist du doch immer die Erste, die im Auto sitzt und ungeduldig wartet, bis wir endlich losfahren.“

Etwas Hektik verbreitend und noch diverse Kleinigkeiten in ihre Tasche packend, wandte sich Karin an Markus: „Komm jetzt endlich und lass sie einfach zu Hause bleiben. Sie will eben heute nicht. Wir müssen jetzt losfahren, sonst kommen wir wieder so spät nach Hause“, nörgelte sie und zog ihn am Arm Richtung Ausgang.

Als sie sich vergewisserte, dass ihre Eltern fort waren, ging sie sofort hinunter in den Keller und hoffte darauf, das Flüstern wieder zu hören. Um die Zeit hier sinnvoll zu nutzen, fing sie an, die Höhle genau zu untersuchen. Sie begann mit den Seitenwänden und tastete daran entlang, aber da war nichts, was besonders auffiel. Genauso die Decke. Nur grobbehauenes Felsgestein. Der Weg in der Mitte verlief vom Anfang des Höhlengangs bis unmittelbar vor den Spiegel und direkt davorstehend, hatte man den Eindruck, dass er dahinter weitergehen würde. Es sah so aus, als ob der Spiegel als eine Art Trennwand fungierte. Aber das war natürlich völliger Quatsch.

Sie schüttelte den Kopf und besah sich als Nächstes den Rahmen des Spiegels, um vielleicht irgendetwas Ungewöhnliches zu finden. Aber Fehlanzeige. Ein ganz gewöhnlicher Holzrahmen! Nur seine auffällige, goldene Verzierung war merkwürdig. Unzählige Linien und Muster waren ineinander geflochten, es war sogar schwierig, ein System oder irgendeine Reihenfolge zu erkennen und das alles erinnerte sie stark an keltische Knoten. An den vier Ecken befand sich jeweils nur ein Symbol und sie kannte es auch. Eins ihrer vielen Interessen waren besondere Zeichen und Ornamente. Dieses hier nannte man das Drachenauge.

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Es stand für Unruhe stiften, was aber nichts heißen musste. Bei ihren Nachforschungen stellte sich heraus, dass gleiche Zeichen zu verschiedenen Zeiten oder in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Bedeutungen haben konnten.

Der Spiegel selbst war, soweit sie es erkennen konnte, unversehrt, nur von den Rändern her löste sich bereits mehr oder weniger stark die Silberbeschichtung. Damit bestätigte sich ihr erster Eindruck von einem alten Spiegel.

Dann gab es da noch die Nische, aber auch hier fanden sich bei genauerer Betrachtung keine besonderen Auffälligkeiten.

Missmutig setzte sie sich vor den Spiegel, um zu lauschen. Durch die Abwesenheit ihrer Eltern herrschte jetzt im Haus vollkommene Stille und sie würde dadurch jedes kleinste Geräusch wahrnehmen.

Eigentlich hatte sie jetzt keine Angst mehr davor, ganz allein in dem großen Haus zu sein. Es war in letzter Zeit nicht ungewöhnlich, dass ihre Eltern auch mal für ein oder sogar zwei Tage unterwegs waren. Anfangs hatte sie zwar noch erhebliche Schwierigkeiten damit, aber mittlerweile hatte sie sich schon daran gewöhnt und sie wusste diese neu anvertraute Freiheit auch gebührend zu schätzen. Im Gegensatz zu anderen Eltern, die ihre Kinder mit all ihrer Fürsorge regelrecht erdrückten, waren ihre in dieser Hinsicht sehr modern eingestellt und schenkten ihr vollstes Vertrauen. Aber jetzt und hier in dieser Höhle, nur mit dem Strahler als Lichtquelle und dem merkwürdigen Gefühl, dass sie hier drin verspürte, war ihr nun doch etwas unbehaglich und kam bereits an ihre Grenzen, denn man konnte sie nicht gerade als mutig und forsch bezeichnen. Ganz im Gegenteil. Im Allgemeinen mied sie Situationen, die ihr nicht ganz geheuer waren oder Mutproben aller Art und wenn es den kleinsten Anschein gab, unkalkulierbar oder sogar gefährlich zu werden, dann machte sie einen Rückzieher und ließ andere machen. Seit sie sich erinnern konnte, hatte sie bei fast allem irgendwelche Bedenken. Dadurch wurde sie auch häufig in der Schule gehänselt. Sie war richtig schissig! Wenn sie etwas an ihr hasste, dann war es diese blöde und lächerliche Feigheit. Schon vor Jahren hatte sie sich vorgenommen, ihre Angst zu bekämpfen und mutiger zu werden, aber bereits bei den nächsten Gelegenheiten kniff sie immer wieder und fiel in ihr kindisches Verhaltensmuster zurück. Es war zum Mäuse melken. Sie schaffte es einfach nicht, ihre beschissene Angst zu überwinden! Aber noch war nicht aller Tage Abend. Es würden sich bestimmt noch Möglichkeiten ergeben, in dieser Hinsicht an sich zu arbeiten, zumindest war das ihr Vorsatz.

Sie stellte sich bereits auf eine längere Sitzung ein und überlegte, sich das Buch zu holen, das sie gestern von ihren Eltern bekam, ließ es aber dann doch bleiben. „Für das gute Zeugnis, das du bekommen hast“, sagte ihre Mutter mit einem Lächeln auf den Lippen, als sie es ihr überreichte und voller Stolz stand ihr Vater hinter ihr und lächelte ebenfalls. Sie sah ihrer Mutter sehr ähnlich, langes dunkles Haar, dunkle Augen, schlanke sportliche Figur, nur das warmherzige Wesen hatte sie nicht von ihr. Das eher aufbrausende Gemüt kam von ihrem Vater. Er war relativ groß und kräftig und hatte lockiges, braunes Haar, das er immer sehr kurz halten musste, denn sonst sah sein Kopf aus wie ein kugeliger Wischmob. Das Verhältnis zu ihren Eltern war eigentlich ganz gut.

Obwohl sie nie besonders viel für die Schule lernte, hatte sie ein erstaunlich gutes Zeugnis erhalten. Sie freute sich über das Geschenk ihrer Eltern sehr, denn sie war ein richtiger Büchernarr. Bei jeder Gelegenheit nahm sie ein Buch zur Hand und tauchte ein in eine andere Welt. Wunderschöne Landschaften, fantastische Wesen mit Zauberkräften, fremde Menschen, unbekannte Schicksale, all das war für sie dermaßen faszinierend, dass sie manchmal ganz versunken alles um sich herum vergaß. Beim Lesen konnte sie so richtig abschalten und half ihr über so manchen Ärger hinweg, wie auch gestern, als sie wegen der „Arbeitsferien“ richtig stinkig war.

Warum mussten ihre Eltern unbedingt jetzt den letzten Raum renovieren? Es wäre doch nicht nötig, sie könnten ja auch einmal ein Jahr pausieren, genug Platz für alle war ja bereits jetzt schon vorhanden. Außerdem könnte ihr Vater doch auch wieder an den Wochenenden arbeiten, wie er es Anfangs auch immer gemacht hatte. Es eilte ja nicht.

Als ihre Eltern das Haus vor sechs Jahren gekauft hatten, war immer etwas zu reparieren oder umzubauen und somit entweder nicht genügend Geld vorhanden oder keine Zeit für eine Urlaubsreise. Diese Entscheidung, die zwangsläufig mit einem Umzug verbunden war, verstand sie damals nicht. Sie sagten, es sei besser ein Haus zu besitzen, als immer nur in einer engen Wohnung zu leben und Miete zu zahlen. Aus der Sicht ihrer Eltern vielleicht! Sie wollte aber nicht umziehen, sie wollte in der alten Wohnung und in ihrem gewohnten Umfeld bleiben.

Da sich das neu erworbene Haus zu ihrem Entsetzen einige Kilometer außerhalb der Stadt befand, musste sie die Schule und all ihre Freunde verlassen. Sie dachte mit Grauen daran, als sie den ersten Schultag in der neuen Schule hatte. Jeder starrte sie an, als ob sie eine Aussätzige wäre. Ihrer Meinung nach war sie doch ein ganz normales Mädchen mit durchschnittlichem Aussehen. Es dauerte somit eine ganze Weile, bis sie sich einlebte und neue Freunde fand, obwohl sie eigentlich einigermaßen kontaktfreudig und zugänglich war, wie sie sich selbst einschätzte.

Auch das Haus fand sie anfangs nicht gerade einladend. Es war ein Hanghaus, ein altes, großes Haus am Fuße einer einzeln stehenden Erhebung, wie es ihre Eltern bezeichneten. Nach ihrem Empfinden hatte diese „Erhebung“ eher Ausmaße eines kleinen Berges. Das Grundstück umschloss einen großen Garten und die nächsten Nachbarn waren etwa 500 Meter weit entfernt. Also keine Spielgefährten nebenan! Sie fragte damals ihre Mutter, warum es ein so großes Haus sein musste. Sie wolle sich mit einem kleinen Laden für Bastelbedarf und Geschenkartikel etwas hinzuverdienen und einen eigenen Garten haben, hatte sie ihr geantwortet. Trotzdem, musste es so groß sein?

Das Haus war ein düsterer Anblick. Das Walmdach, die kleinen Fenster und der im linken, hinteren Bereich integrierte Geräteschuppen verliehen dem Haus etwas Gedrungenes, der Gesamteindruck war ungefähr so, wie ein Pfarrhof oder ein Gebäude aus dem Mittelalter. Diesen Eindruck verstärkte zusätzlich noch der ursprünglich weiße, aber im Laufe der Jahre schon sehr vergraute und bereits an manchen Stellen abblätternde Anstrich des Hauses. Die Garage, die sich an der rechten Seite befand, passte zum Gesamtbild irgendwie nicht richtig dazu. Wahrscheinlich war sie später angebaut worden. Die Zimmer im Inneren des Hauses waren alle sehr groß im Vergleich zur alten Wohnung und man kam sich darin ziemlich verloren vor. Alles in allem hatte sie den Eindruck, sich als Stadtkind hier nicht wohl zu fühlen und an Einsamkeit und Langeweile zu sterben.

Aber ihre Eltern hatten Recht behalten. Nach und nach brachten sie gemeinsam das Haus wieder auf Vordermann. Da nach dem Hauskauf die finanzielle Situation es nicht erlaubte, alle anstehenden Arbeiten von Handwerkern ausführen zu lassen und weil ihr Vater handwerklich sehr geschickt war, erbrachten sie den Großteil der Renovierung selbst. Sie erneuerten den Anstrich, reparierten, bauten um oder aus und richteten die Zimmer wohnlich und geschmackvoll ein. Mit Möbeln vollgestellt, sahen sie auch nicht mehr so riesig aus. Jetzt hatte sie im ersten Stock ein schönes, helles Zimmer und ihre Eltern teilten sich den Keller für ihre Hobbys. Im vorderen Bereich, der sowohl über eine kleine Treppe vom Garten als auch von der Zufahrt aus erreichbar war, hatte ihre Mutter zwei Räume für ihren Nebenverdienst. Auf der bergzugewandten Seite befanden sich drei Räume, die zwangsläufig etwas kleiner waren als die beiden vorderen und in denen sich ihr Vater in der Mitte eben diese Werkstatt und rechts davon einen Raum für Modellbau und Angeln eingerichtet hatte. Den linken beschlagnahmte ihre Mutter und funktionierte ihn zum Hauswirtschaftsraum um. Alle hatten nun jede Menge Platz und einen schönen, großen Garten, in dem sie so oft es ging in ihrer Hängematte, ihrem Lieblingsplatz, zwischen den zwei großen Obstbäumen lag.

Die idyllische Lage an der Südflanke dieses Berges hatte sie mittlerweile auch zu schätzen gelernt und Langeweile oder Einsamkeit verspürte sie auch nicht. Sie hatte schließlich Alina, mit der sie viel Zeit verbrachte und über alles reden konnte. Manchmal saßen die beiden stundenlang beieinander und plauderten über so manche Probleme in ihrem Leben, genauer gesagt, sie meinten Probleme zu haben. In Wirklichkeit waren das nur irgendwelche Kleinigkeiten und Begebenheiten, die im Teenageralter eben so auftraten, aber wenn sie sich alles von der Seele geredet hatten, war die Welt wieder in Ordnung.

Da fiel ihr auf einmal ein, dass sie ja übermorgen wieder nach Hause kam. Dann würde sie sich gleich mal mit ihr treffen und sich alles vom Spanienurlaub erzählen lassen. Natürlich würde sie auch über ihre tolle „Ferienbeschäftigung“ berichten und vor allem, dass sie diese Höhle entdeckt hatte, um auch ein Highlight aufweisen zu können.

Als sie so ihren Gedanken nachhing, wurde ihr die Zeit plötzlich wieder bewusst. Sie sah auf ihre Armbanduhr und erschrak. Fast 30 Minuten saß sie nun schon hier und noch immer kein Flüstern! Wie sie schon befürchtet hatte aber trotzdem ein wenig enttäuscht, war das alles nur Einbildung mit dem flüsternden Spiegel und sie mühte sich ab, ihren starren Körper aufzurichten.

„... musst ... ch ... len“, wisperte es ganz leise.

Sofort brach sie ihre Bewegung ab, riss die Augen auf und starrte ehrfurchtsvoll den Spiegel an. Ungläubig sah sie sich in der Höhle um, ob ihr vielleicht jemand einen Streich spielte und auch in die angrenzende Werkstatt warf sie einen Blick, doch es war niemand da, sie war allein. Das Geräusch musste aus dem Spiegel kommen und das bedeutete, dass sie doch keine Halluzinationen hatte! Sie befürchtete schon, zu einem Psychiater auf die Couch zu müssen.

„... se in ... ch“, war wieder zu hören.

Sie rannte dicht vor den Spiegel und versuchte, die Wörter zu verstehen. Es war immer nur ein tiefes, kehliges Flüstern zu hören und sie konnte nur Bruchstücke entziffern. Vor Aufregung pochte plötzlich ihr Herz so laut, dass sie Angst hatte, dadurch noch weiniger verstehen zu können. Sie versuchte, sich zu beruhigen und lauschte etwa fünf Minuten lang, doch es war nichts mehr zu vernehmen. Kein Flüstern. Nur das entfernte, leise Brummen eines vorbeifahrenden Autos.

Langsam wurde ihr die Sache zu blöd. „Jetzt reicht’s mir bald. Wenn ich nicht aufpasse, höre ich etwas und wenn ich darauf warte, dann höre ich nichts. Blöder Spiegel! Du willst mich wohl zum Narren halten?“, sagte sie aufgebracht und schlug mit der flachen Hand an den Rahmen. Sie erschrak. Hatte sie jetzt wirklich mit einem Spiegel geredet? „Annika, hör bloß auf mit dem Unsinn“, ermahnte sie sich selbst.

„Finde das Buch“, konnte sie plötzlich einigermaßen deutlich wahrnehmen und bekam etwas weiche Knie.

„W … Was? Welches Buch?“, stotterte sie unsicher. Ihr wurde mulmig zu Mute. Es war wirklich ein Spiegel der sprach!

„Finde das Buch, du musst es lesen.“

„Was ist das für ein Buch, das ich finden soll?“, antwortete sie etwas hilflos und fuhr mit den Augen die Umrisse des Spiegels ab, als ob sie dadurch die kehlige Stimme orten könnte. „Wo soll ich danach suchen?“ Keine Antwort. Völlig verdattert stand sie da und wartete, doch der Spiegel blieb stumm. „Komm schon, antworte gefälligst!“, schrie sie jetzt beinahe und schlug nochmals gegen den Rahmen, denn das hatte vorhin auch funktioniert. Jetzt tat sich aber nichts mehr. Der Spiegel gab keinen Mucks von sich.

Sie musste erst einmal wieder einen klaren Kopf bekommen. Mit der Situation völlig überfordert, wandte sie sich ab und ging mit schleppendem Schritt und verwirrtem Gesichtsausdruck in den Garten und ließ sich auf die Hängematte fallen. Was für eine Geschichte! Ein sprechender Spiegel! So etwas Verrücktes gab es doch nur in Büchern, in Fantasyromanen, sie hatte ja schon jede Menge davon gelesen. Aber jetzt geschah so etwas bei ihr im wirklichen Leben! Sie kam sich vor, wie in einem schlechten Traum und konnte an nichts anderes mehr denken, als an den Spiegel und was er gesagt hatte.

Finde das Buch, hallte es in ihrem Kopf nach. Du musst es lesen.

Wenn sie nur wüsste, nach welchem Buch sie suchen sollte und wo? Mit einem Kopfschütteln setzte sie sich auf und sah mit leerem Blick zur Gartenbank, die unter einem großen Baum stand. Sie wusste nicht mehr weiter und beschloss, alles Alina zu erzählen, vielleicht konnte sie ihr weiterhelfen. Aber sollte sie mit ihr wirklich über diese merkwürdige Geschichte vom Spiegel sprechen? Sie war sich unsicher. Vielleicht würde Alina nur über sie lachen. Diesen Gedanken verwarf sie sofort wieder. Sie hatten sich gegenseitig schon mehrmals merkwürdige und peinliche Dinge erzählt und da lachte niemand darüber, Alina nicht und sie selbst auch nicht. Ganz im Gegensatz zu Alinas Bruder, der sich über jede Kleinigkeit amüsierte und keine Gelegenheit ausließ, um sie zu ärgern. Aber untereinander verstanden sich die beiden eigentlich ganz gut, wie sie wehmütig feststellen musste. Sie wollte auch immer einen Bruder haben, doch leider ging das nicht mehr. Bei ihrer Geburt gab es Komplikationen und die Ärzte stellten danach fest, dass ihre Mutter keine Kinder mehr bekommen konnte, wie sie es ihr schließlich nach langem Nachfragen und mit Tränen in den Augen erzählte. Aber vielleicht hätten sie sowieso nur gestritten und sich nicht vertragen.

Bis sie mit Alina gesprochen hatte, würde sie auf alle Fälle den Spiegel nicht mehr belauschen.

Die folgenden Tage verliefen ohne Zwischenfall und sie wartete sehnsüchtig auf Alinas Anruf, denn sie hatten vereinbart, dass sie sich sofort nach ihrer Ankunft melden würde. Sie müsste eigentlich schon zu Hause sein und blickte immer wieder auf ihr Handy, ob es auch wirklich eingeschaltet war. Nach einiger Zeit ertönte endlich ihr Klingelton. „Hallo Alina, wie war der Urlaub?“, sagte sie hastig, ging dabei in ihrem Zimmer auf und ab und ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: „Du musst so bald wie möglich zu mir kommen, ich muss unbedingt mit dir reden.“

Alina klang etwas besorgt und versicherte ihr, in 15 Minuten bei ihr zu sein.

Annika stand an ihrem Zimmerfenster und beobachtete ungeduldig die Auffahrt zum Haus. Alina wohnte ungefähr drei Kilometer entfernt in einer Siedlung am Stadtrand und natürlich dauerte es eine Weile, bis sie mit ihrem Fahrrad bei ihr vor der Tür stand. Um auf andere Gedanken zu kommen, setzte sie sich an den Schreibtisch und wollte etwas lesen. Unwillkürlich musste sie wieder an das Buch denken, dass sie suchen sollte und an die unheimliche Stimme, die mit ihr gesprochen hatte. Irgendwie musste sie die Angelegenheit sachlich betrachten, die Tatsache, dass der Spiegel sprach, annehmen und auf der Suche nach dem Buch systematisch vorgehen, denn sonst würde sie verrückt werden.

In ihre Überlegungen vertieft, nahm sie das vertraute Geräusch eines klappenden Fahrradständers wahr und rannte sofort hinunter, um Alina in Empfang zu nehmen.

„Hallo Annika, was ist denn los, was gibt es denn so Wichtiges?“, fragte die von der südlichen Sonne braungebrannte und nach Luft ringende Alina mit wachsender Ungewissheit.

Alina war etwas größer als sie und hatte blonde, kurze Haare und himmelblaue Augen, aber vom Wesen her waren die zwei fast gleich. Deshalb verstanden sie sich ja auch so gut.

„Hallo Alina, erzähl erst mal, wie es in Spanien war“, antwortete sie und beide umarmten sich gegenseitig zur Begrüßung.

„Ganz toll war es, aber nun sag schon, was bei dir los ist, deine Stimme hatte sich vorhin so ängstlich angehört.“

Alina hinter sich herziehend, ging sie zu der etwas abseits stehenden Gartenbank unter dem Baum und erzählte ihr dort mit einem unangenehmen Gefühl im Rücken die ganze merkwürdige Geschichte von der neu entdeckten Höhle und dem Spiegel. Wie Alina wohl reagieren würde? Sie befürchtete, trotz der toleranten Gesinnung von ihr, dass sie sich lächerlich machte. Und genaugenommen war es für eine andere Person auch lächerlich. Doch die Reaktion fiel im Vergleich zu ihren Vorstellungen eher harmlos aus. Natürlich verdrehte sie etwas die Augen und ein leichter, belustigter Ausdruck huschte ihr über das Gesicht. Da aber Alina, genauso lesefreudig wie sie selbst, sich schon immer danach sehnte, auch einmal so etwas Fantastisches oder Ungewöhnliches zu erleben, wie in den Geschichten der Bücher, verflog die anfängliche Skepsis auch gleich wieder.

„Du musst mir sofort den Spiegel zeigen, das möchte ich mit eigenen Ohren hören, denn sonst glaube ich dir kein Wort von deinem „sprechenden Spiegel“, sagte sie mit übertriebener Betonung.

„Ich sage dir aber die Wahrheit, der Spiegel kann sprechen. Ich habe mir das nicht eingebildet“, verteidigte sie sich.

„Ich will es trotzdem selber hören.“

„Warte mal“, bremste sie ein, „meine Eltern sind zu Hause und ich habe ihnen noch nichts erzählt. Mein Vater reagiert auf so fantastische Geschichten sehr heftig und meine Mutter ist auch nicht gerade begeistert, wenn ich so etwas behaupte. Und überhaupt spricht er nicht immer.“

„Du hast doch gesagt, er ist in der Höhle im Keller. Deine Eltern sind bestimmt nicht stundenlang da unten. Vielleicht sagt er doch etwas und deinen Eltern musst du es ja nicht unbedingt erzählen“, munterte sie Alina auf, „zumindest nicht jetzt. Zeig mir einfach nur den Spiegel und wenn sie dann fragen, was wir hier machen, sehe ich mir nur die Höhle in eurem Keller an.“

Einverstanden mit dieser Erklärung, gingen die beiden durch den Zugang vom Garten aus hinunter. Sie hatten Glück. Wie von Alina vorhergesagt, befanden sich ihre Eltern den Geräuschen nach im Erdgeschoss und so konnten sie ungestört den Spiegel betrachten.

„Der sieht ja richtig toll aus!“, platzte es aus Alina heraus und ihre Augen funkelten vor Begeisterung. „Richtig altertümlich. Wie alt der wohl sein mag? Genau so habe ich mir einen Zauberspiegel vorgestellt“, sagte sie und blickte auf das Spiegelbild von sich und Annika.

„Na ja, Zauberspiegel ist vielleicht etwas übertrieben.“ „Aber ein gewöhnlicher Spiegel ist es auch nicht, Spiegel können normalerweise nicht sprechen, oder?“

„Ja, wenn du meinst“, antwortete sie etwas resigniert und gab es auf, die Euphorie von Alina zu bremsen.

„Was ist denn das da für eine Nische in der Wand?“

„Keine Ahnung“, antwortete sie und hob die Schultern. „Du musst das Buch holen.“

Die ihr bereits bekannte, tiefe, kehlige Stimme ging fast in ihrem Gespräch unter und beide zuckten ein wenig zusammen.

„Da hörst du, er hat gesprochen“, sagte sie und gab Alina einen Stoß in die Rippen. „Dasselbe hat er neulich auch gesagt.“

„Hat er auch verraten, wo du suchen sollst?“, gab Alina nicht mehr ganz so mutig von sich und starrte den Spiegel an.

„Es ist in diesem Haus. Du musst es lesen“, hörten sie erneut den Spiegel sprechen.

Ärgerlich darüber, dass der Spiegel nicht mehr Hinweise preisgab, wo das Buch zu suchen ist, sagte Annika in einem aggressiven Tonfall: „Wo müssen wir suchen?

Wo ist das Buch? Verrate uns endlich wo wir suchen müssen!“

In diesem Moment kam ihre Mutter in die Höhle. Beide hatten ihre Eltern in all der Aufregung fast vergessen und nicht gerade mit gedämpften Stimmen gesprochen. „Was ist denn hier los? Über was streitet ihr denn euch?“

Schuldbewusst, wie bei einem bösen Streich erwischt, wandten sie sich um und Annika suchte nach einer plausiblen Erklärung. Jetzt musste sie notgedrungen mit der Wahrheit herausrücken. Sie hatte ein schlechtes Gefühl dabei, wenn sie Personen, die ihr etwas bedeuteten, belügen musste, das tat sie nur in wirklichen Notfällen, aber ein sprechender Spiegel gehörte auf alle Fälle nicht in diese Kategorie. Mit gesenktem Blick und in Erwartung eines Donnerwetters begann sie ihr Geständnis: „Wir haben mit dem Spiegel gesprochen.“

„Was habt ihr? Mit wem habt ihr gesprochen?“, entfuhr es Karin und ihr Blick drückte Ärger und Entsetzen zugleich aus.

„Was redest du da für ein verrücktes Zeug, hast du wieder eine fantastische Geschichte gelesen?“, kam zu allem Überfluss auch noch ihr Vater hereingestürmt und baute sich wütend vor ihr auf. „Ich will so einen Unsinn nicht hören, das habe ich dir schon hundert Mal gesagt!“

„Suche das Buch, du findest es in diesem Haus. Lese es.“

Wie von einem Blitz getroffen, stand Markus vor ihr und Alina und starrte mit offenem Mund den Spiegel an.

„W... W... Was war denn das? Wer … wer hat da gesprochen?“

Karin, ebenfalls völlig verdattert, sagte leise und mit leerem Blick zu ihrem Mann: „Ich glaube, es ist aus dem Spiegel gekommen.“

„Ja genau, es ist aus dem Spiegel gekommen. Der Spiegel kann sprechen“, erklärte Annika, froh darüber, dass er genau im richtigen Moment gesprochen hatte, womit die Strafpredigt ihrer Eltern auf ein Minimum beschränkt wurde. In vorwurfsvollem Ton und dabei den Blick auf ihre Mutter gerichtet, fuhr sie fort: „Ich habe es gleich am Anfang gehört, als wir das erste Mal hier waren, ich habe mir das nicht eingebildet.“

Ihr Vater, noch immer den Blick auf den Spiegel geheftet, erholte sich langsam von seinem Schock und sagte sichtlich verwirrt: „Ich muss mal frische Luft schnappen, ich bin im Garten.“ Er wandte sich wie in Trance ab und verschwand Richtung Ausgang.

Als sich alle von den ungewöhnlichen Ereignissen erholt hatten, versammelten sie sich auf der Terrasse und besprachen das Geschehene.

„Wir sollen ein Buch suchen, das sich in unserem Haus befindet“, begann Markus und runzelte die Stirn.

„Nach dem antiken Aussehen des Spiegels müsste es sich um ein altes Buch handeln“, schlussfolgerte Annika, die natürlich schon länger darüber hatte nachdenken können, welches Buch sie wo suchen sollten und für das „Wo“ gab es ihrer Meinung nach eigentlich auch nur einen einzigen Bereich.

„Ja, aber wir haben kein altes Buch im Haus, wir haben jeden Raum gründlich renoviert, auch alle Kellerräume, und ich habe kein Buch gefunden. Und im Schuppen und in der Garage ist auch nichts gewesen“, erklärte Markus mit einem Schulterzucken.

„Und auf dem Dachboden? Da haben wir fast noch gar nichts verändert, noch nicht mal richtig aufgeräumt“, bemerkte Karin und blickte fragend in die Runde.

Auch Annika gelangte durch ihre Überlegungen zu diesem Ergebnis. Es konnte sich nur dort oben befinden. Bei allen anderen Räumen wäre ein Buch bereits zum Vorschein getreten.

„Genau, da oben könnten wir noch nachsehen, wir fangen am besten sofort damit an“, sagte Markus, schwang sich aus seinem Stuhl und Karin und Alina folgten ihm.

Überrascht von so viel Tatendrang ihres Vaters und zugleich auch etwas verhalten, ging sie den anderen hinterher. Ihr schauderte es etwas, denn dort oben fand sie es ein wenig unheimlich.

Als sie, kurz nachdem sie hierhergezogen waren, auf Entdeckungstour ging und das gesamte Haus vom Keller bis zum Dach erkundete, verspürte sie sofort ein beklemmendes Gefühl, nachdem sie den Dachboden betrat. Zuerst schenkte sie dem keine größere Beachtung, aber als sie etwas später erneut dort oben sofort wieder das gleiche empfand, mied sie diesen Ort, wenn irgendwie möglich. Seltsamerweise bemerkte sie auch in der Höhle im Keller diese unangenehme Wahrnehmung.

Aber jetzt war sie zum Glück nicht allein. Ihre Eltern und sogar Alina, die sich die Gelegenheit nicht nehmen ließ, bei einer „richtigen Schatzsuche“ teilzunehmen, waren mit dabei. Aber heute würde das keinen Spaß machen. Bei diesen sommerlichen Temperaturen würde Dachbodenstöbern eine schweißtreibende Angelegenheit werden.

Da das Haus vom Vorbesitzer ohne eine vorherige Entrümpelung erstanden worden war und es dafür einen Preisnachlass gab, bot sich der klassische Anblick eines Dachbodens: Verstaubte, wild übereinander gestapelte Kisten, alte, wurmstichige Schränke, undefinierbare, mit Spinnweben überzogene Gegenstände in den Ecken, dunkle Winkel, provisorischer Holzboden, muffiger Geruch. Bei vier Personen bot es sich an, dass jeder eine Raumseite durchstöberte. Auf ihrer Seite befanden sich ein Schrank und ein wirrer Haufen von Gegenständen daneben. Bereits wieder das beklemmende Gefühl im Rücken, begann sie damit, den Schrank zu durchforsten. Was sich hier alles fand! Jede Menge alte Zeitschriften, Fotoalben, abgenutztes Werkzeug, bereits beschädigtes Geschirr, Aktenorder mit irgendwelchen vergilbten Papieren. Also im Schrank war nichts, kein Buch. Mit dem Haufen daneben würde sie mehr Arbeit haben. Sie hatte nicht viel Hoffnung, unter alten Lampen, Fahrrädern und bis jetzt noch nicht erkennbaren Gegenständen ein Buch zu finden. Vorsichtig, um sich mit dem alten Zeug nicht zu verletzen, entwirrte sie die ineinander verkeilten Teile. Aber wie befürchtet, fand sich auch unter dem Haufen kein Buch. Verschwitzt und in der stickigen Luft nach Atem ringend, setzte sie sich auf den Boden neben der angrenzenden Giebelwand. Die anderen waren noch dabei, alles zu durchsuchen, als unter ihrem Gewicht mit einem knackenden Geräusch der Holzboden zu bersten begann. Sie gab einen spitzen Schrei von sich und rollte sich zur Seite, um einen Sturz durch die Decke zu verhindern.

Sofort eilte ihre Mutter heran. „Annika, hast du dich verletzt?“

Auch ihr Vater und Alina kamen und sahen nach ihr.

„Nein, ich saß nur auf dem Boden und das morsche Brett da hat nachgegeben.“

Das Portal

Die Gefahr, dass sie in die Tiefe fiel, war nie vorhanden, denn es war nur ein dünnes Brett zerbrochen, das über einem versteckten Fach im Boden lag. Alle starrten wie gebannt auf den Hohlraum, der jetzt zum Vorschein kam.

„Annika, du hast es gefunden!“, rief Alina begeistert, die als Erste erkannte, was in der Vertiefung verborgen war und kniete sich neben das Loch am Boden. Schnell räumte sie die zerbrochenen Bretter weg - und da war es tatsächlich! Ein altes Buch mit einem Drachenauge auf dem Einband! Sie nahm es vorsichtig heraus und reichte es ihr. Ja, sie hatte es gefunden, sie hatte es nur durch den Zufall gefunden, weil sie erschöpft war und sich genau an dieser Stelle auf den Boden setzte. Hätte sie nur etwas weiter drüben Platz genommen, wäre das Buch nicht so schnell, oder vielleicht sogar niemals entdeckt worden!

Die Hitze wurde langsam unerträglich und Karin sagte unter Stöhnen: „Kommt, sehen wir uns das Buch unten an, sonst werden wir noch gebraten hier oben“, und alle gingen, erleichtert über diesen Vorschlag, hinunter in eine kühlere Umgebung.

Unten angekommen, war noch immer das unangenehme Gefühl vorhanden, das sie auch oben auf dem Dachboden verspürte, das war sonst nie der Fall. Doch sie machte sich keine weiteren Gedanken darüber, denn die Freude, das Buch gefunden zu haben, war im Augenblick stärker.

„Na, was ist das nun für ein Buch, was für eine Geschichte steht drin?“, fragte Markus erwartungsvoll und auch Alina und Karin konnten ihre Neugierde kaum zügeln und standen dicht neben ihr.

Sie schlug das Buch auf, denn außen war kein Titel, sondern nur das Drachenauge zu entdecken, was nicht verwunderlich war, denn bei alten Büchern, und es war ein altes Buch, stand der Titel meistens innen auf den ersten Seiten. Doch sie traute ihren Augen nicht. Mit nervösem Blick und das Buch immer hastiger durchblätternd, rief sie entsetzt: „Da steht ja gar nichts drin, alle Seiten sind leer!“

„Das gibt es doch nicht, erzähl uns keinen Unsinn“, protestierte ihr Vater und riss ihr das Buch aus der Hand, um sich selbst zu vergewissern. Aber auch er fand keinen einzigen, gedruckten Buchstaben. „Das war ja ein voller Erfolg. Wir graben ein Buch aus, in dem nichts drin steht!“, sagte er spöttisch, gab ein gekünsteltes Lachen von sich und ließ das Buch abschätzig auf die Kommode im Flur fallen. Die Hände auf die Hüfte gelegt, stand er wütend vor ihr und polterte, alle der Reihe nach anblickend, los: „Dass ich überhaupt bei so einem Unsinn mitmache! Nach einem Buch suchen, von dem ein „sprechender Spiegel“ erzählt. Ich hätte es gleich wissen müssen, dass diese aberwitzige Geschichte nur so enden kann. Auf jeden Fall begebe ich mich nicht noch mal auf den Dachboden und auch nicht sonst irgendwo hin und suche wie ein Irrer nach einem Buch! Ich werde jetzt duschen“. Er machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Badezimmer.

Auch Alina, sichtlich frustriert über diesen Misserfolg, erklärte, dass sie jetzt nach Hause wolle, da es sowieso schon später Nachmittag war und sie noch ihr Urlaubsgepäck sortieren müsse.

Annika versuchte heute ihren Eltern möglichst nicht mehr unter die Augen zu treten, denn sonst würde der Zorn ihres Vaters erneut aufflammen, und begab sich, nachdem sie ebenfalls geduscht und eine Kleinigkeit gegessen hatte, mit dem Buch in ihr Zimmer. Dort setzte sie sich an den Schreibtisch, um es zu säubern und noch einmal genauer zu betrachten. Erstaunlicherweise war es kaum beschädigt und in Anbetracht des antiken Aussehens war es noch gut in Schuss. Nur leicht abgewetzte Stellen und etwas vergilbte Seiten waren zu bemängeln. Relativ groß, erstaunlich dick und in Leder gebunden, konnte man es durchaus als richtigen Wälzer bezeichnen. Es waren die gleichen verschnörkelten Verzierungen an den Rändern, wie beim Spiegel, aber eben kein Titel auf der Außenseite und innen nur leere Blätter.

Sie stand auf, ging ans Fenster und blickte nachdenklich in den Garten. Sie konnte sich diese Sache nicht rational erklären. Warum macht man ein Buch mit leeren Seiten? Warum versteckt man ein solches Buch in einem Fach unter dem Boden? Und dieser sprechende Spiegel? War es überhaupt das richtige Buch? Und was sollte sie lesen, wenn nichts drin stand? Genauso das komische Gefühl, das sie immer verspürte, wenn sie das Buch hatte oder sich nur im gleichen Raum befand?“ Sie warf noch einmal einen Blick hinein, aber es hatte sich nichts verändert, es stand nichts drin. Sie seufzte und beobachtete die untergehende Sonne, die alles in ein warmes, rotes Licht tauchte. All diese unbeantworteten Fragen brachten sie fast zur Verzweiflung. Aber vielleicht hatte der Spiegel ja noch nicht alles verraten. Genau. Sie würde warten, bis ihre Eltern im Bett waren und sich dann leise hinunterschleichen. Sie wollte unbedingt herausfinden, was es mit den ganzen unerklärlichen Geschehnissen auf sich hatte.

Nach unendlich lang erscheinender Wartezeit, die sie grübelnd auf dem Bett verbracht hatte, wagte sie aufzustehen, um die „Operation Spiegel“ in Angriff zu nehmen. Sie wollte die Zeit, bis sie hinuntergehen würde, eigentlich mit Lesen überbrücken, aber sie hatte keinen Kopf dafür, immer kreisten ihre Gedanken um das Buch und den Spiegel.

Es war schon einige Stunden dunkel und um sicherzugehen, dass ihre Eltern fest schliefen, hatte sie bewusst etwas länger gewartet, nicht, dass wieder ein plötzliches Erscheinen ihrer Mutter oder ihres Vaters die Aktion gefährdete. Langsam öffnete sie ihre Zimmertür und spähte hinaus in den Flur, ob nicht wegen der herrschenden Wärme in den Zimmern die Schlafzimmertür ihrer Eltern, die sich genau gegenüber befand, womöglich offen stand. Doch sie hatte Glück. Sie war geschlossen. Langsam schwang sie die Tür auf, nahm das Buch und setzte behutsam einen Fuß vor den anderen, denn der Holzboden, auf dem sie ging und auch die Treppe hatten die unangenehme Eigenschaft, zu den unpassendsten Zeiten zu knarren.

Plötzlich fiel ihr ein, dass es vielleicht besser wäre, eine Decke mitzunehmen, um es bequemer zu haben und machte noch einmal kehrt. Als sie ihre Kuscheldecke etwas zu schwungvoll aus ihrem Relaxsessel zog und wieder zur Tür gehen wollte, passierte es. Sie streifte damit die an der Wand stehende Kommode, auf der sich einige kleine Kunststofffiguren befanden, wodurch zwei davon krachend auf den Laminatboden fielen. Sie zog den Kopf ein und kniff fest die Augen zusammen, denn gefühlt hörte sich das Geräusch in der Stille dreimal so laut an wie am Tag. Mit klopfendem Herzen und das Buch und die Decke fest umklammert, stand sie bewegungslos da und starrte nach ein paar Augenblicken unheilahnend auf die Zimmertür ihrer Eltern, ob etwa Schritte zu vernehmen waren. Als sie auch nach längerem Warten nichts hörte, startete sie erneut einen Versuch und obwohl es nur ein paar Schritte bis zur Treppe waren, kam ihr die Strecke wie hundert Meter vor.

Als sie endlich im Erdgeschoss angekommen war, blieb sie kurz stehen und atmete erst einmal kräftig durch, um wieder etwas zur Ruhe zu kommen. Nach einer Weile, als sie sich wieder erholt hatte, ging sie weiter in den Keller, schaltete den Strahler ein, der noch immer hier stand und ging auf den Spiegel zu. Nochmals lauschend, ob alles ruhig war, sagte sie leise: „Ich habe ein Buch gefunden, aber es steht nichts drin. Was soll ich lesen? Ist es das richtige Buch?“

Stille. Nichts als Stille. Sie stand da und sah nur ihr Spiegelbild. Langsam wurde sie wieder etwas wütend, weil der Spiegel nichts sagte, aber die Methode, auf den Rahmen zu schlagen wie neulich, um ihn zum Sprechen zu bringen, kam nicht in Frage. Sie befand sich zwar im Keller, wollte aber kein unnötiges Risiko eingehen und vermied es, Geräusche zu verursachen, nicht, dass ihre Eltern dadurch doch noch wach würden. So blieb ihr also nichts anderes übrig, als zu warten.

Resigniert warf sie die Decke auf den Boden, setzte sich mit dem Rücken zum Spiegel und legte das Buch neben sich. Das beklemmende Gefühl in der Nähe des Buches war hier in der Höhle noch stärker als sonst. Es war schwer zu beschreiben, ungefähr so, wenn einem eine Gefahr droht und man nicht weiß, von was oder von wem. Sie schauderte, kuschelte sich in die Decke und fixierte das Buch eine Zeit lang. Dann wechselte ihr Blick vom Buch zur Nische und wieder zurück. Die Größe würde in etwa stimmen. Sie erhob sich wieder und prüfte, ob es vielleicht hineinpassen würde und ihre Vermutung bestätigte sich. Die Nische war der ursprüngliche Aufbewahrungsort des Buches, kein Zweifel! Aber warum wurde es dann auf dem Dachboden versteckt? Achselzuckend nahm sie es wieder heraus, setzte sich und wollte die schönen Verzierungen betrachten, als es ihr aus der Hand glitt und mit einem klatschenden Geräusch auf den Boden fiel. Sie biss sich auf die Unterlippe und achtete zuerst auf eine Reaktion von ihren Eltern oben, aber wenn sie vorhin durch den Knüller in ihrem Zimmer nicht wach geworden waren, dann war es eher unwahrscheinlich, durch diesen Vorfall geweckt zu werden. Erleichtert stellte sie fest, dass sich ihre Annahme bestätigte, denn von oben drangen keinerlei Geräusche in den Keller.

Sie widmete sich wieder dem Buch und erschrak. Es war durch den Sturz aufgeklappt und bei diesem Anblick glaubte sie zu träumen und musste einen Schrei unterdrücken! Sie wollte es zuerst nicht wahrhaben und blätterte das Buch im Schnelldurchgang durch. Die Seiten waren plötzlich bedruckt! Der vordere Teil, ungefähr ein Drittel, war mit Text gefüllt, der Rest war nach wie vor leer. Aber vorhin in ihrem Zimmer war noch kein Text in dem Buch! Wie konnte das sein? Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie ging mit dem Buch in die Werkstatt, schlug es auf und es war genauso, wie sie vermutet hatte: Das Buch war leer! Sie ging wieder zurück in die Höhle und da war wieder der Text vorhanden. Er erschien nur in Verbindung mit dem Spiegel!

Sie betrachtete die Schrift nun genauer, wobei sie mit den Fingern leicht die Zeilen entlang fuhr. Es waren keine gedruckten Buchstaben, sondern der Text war mit der Hand geschrieben, es war deutlich durch die nicht ganz gleichmäßige Schriftform zu erkennen. Die Schrift war sehr eigenwillig, zwar schon mit lateinischen Schriftzeichen, aber durch die schwungvolle Verschnörkelung nicht gerade leicht lesbar. Obwohl jetzt ein Text vorhanden war, ein Buchtitel fand sich dennoch nicht auf der Außenseite und auch nicht im Inneren des Buches! Wie sie beim langsameren Durchblättern feststellte, gab es auch keine Kapitel oder gar Absätze! Der ganze Inhalt wurde in einem Zug durchgeschrieben. Sie stöhnte auf. Das war wirklich kein normales Buch. Was es wohl noch alles für Überraschungen zum Vorschein bringen würde?

Plötzlich fiel ihr auf, dass sich die Schrift änderte. Mitten im Text war sie weniger verschnörkelt und auch ungleichmäßiger. Anscheinend hatte eine andere Person daran weitergeschrieben. Sie blätterte die Seiten vor, um zu sehen, ob sich die Schrift noch einmal änderte. Als sie die letzte beschriebene Seite betrachtete, stockte ihr der Atem! „Wie ist das möglich?“, fragte sie sich selbst und hatte einen besorgten Ausdruck im Gesicht. „Ich hab doch gar nicht ...“

Sie brach ihren Gedanken ab und untersuchte die neue Schrift, die im Anschluss an den vorherigen Text geschrieben stand. Aber es gab keinen Zweifel, die kleinen Schnörkel an den Großbuchstaben hatte sie bisher nur bei einer Person beobachtet, nämlich bei sich selbst. Es war ihre Schrift, die in dem Buch stand! Aber wie sollte das geschehen sein? Sie hatte nichts hineingeschrieben und für die anderen gab es keine Gelegenheit einen Text, noch dazu in ihrer Handschrift, hinzuzufügen. Langsam wurde ihr das Buch unheimlich und sie bereute es schon, danach gesucht zu haben.

„Du sollst das Buch lesen, den neuen Text“, hörte sie die kehlige Stimme hinter sich und ließ sie vor Schreck ein wenig zusammenzucken.

„Ja ... ja, schon gut“, stotterte sie ängstlich und machte sich daran, ihre eigene Handschrift zu lesen. Es waren erst ein paar Zeilen, die dort standen und insgeheim war sie nicht besonders neugierig darauf zu wissen, was sie jetzt lesen würde.

„Annika saß etwas ängstlich vor dem Spiegel und konnte sich all die merkwürdigen Dinge, die geschahen, nicht erklären“, begann sie mit zittriger Stimme, als sie ein merkwürdiges Leuchten von hinten wahrnahm. Sie drehte sich um und blickte in den Spiegel, dessen Rahmen ein schwaches bläuliches Licht ausstrahlte und sah zu ihrem Entsetzen nicht ihr eigenes Spiegelbild, sie sah sich am Boden vor dem Spiegel sitzend das Buch lesen, wie sie es gerade eben getan hatte, als wenn sie jemand vom Eingang aus gefilmt hätte. Erschrocken sprang sie auf und schlug dabei das Buch zu. Im selben Augenblick verschwand das bläuliche Licht und der Spiegel zeigte wieder sein normales Spiegelbild. Sie starrte abwechselnd angsterfüllt das Buch und den Spiegel an und rannte, alle geräuschmindernden Maßnahmen nicht beachtend, hinaus und hinauf in ihr Zimmer. Dort angelangt, warf sie das Buch, wie mit ekligem Schleim behaftet, in die Ecke, setzte sich auf den Schreibtischstuhl und fixierte es nachdenklich. Sie konnte es immer noch nicht glauben. Zuerst war in dem Buch kein einziger Buchstabe zu finden, plötzlich war es fast bis zur Hälfte vollgeschrieben und zum Schluss sogar mit ihrer eigenen Handschrift!

Erst nach einer Weile, noch immer den Blick auf das Buch geheftet, hatte sie sich wieder einigermaßen beruhigt und das Geschehene soweit verdaut, um sich ins Bett zu legen. Aber sie konnte nicht schlafen, nicht nach diesen Erlebnissen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken um den Spiegel und das Buch. Nach stundenlangem Wachliegen und Nachdenken übermannte sie schließlich doch die Müdigkeit und schlief ein.

Am nächsten Morgen war sie wie gerädert. Sie hatte dunkle Ringe um die Augen und ihr Kopf schmerzte. Ihre Eltern hatten zum Glück von ihrer nächtlichen Aktivität nichts bemerkt, trotzdem sah ihr ihre Mutter besorgt ins Gesicht, fasste ihr mit der Hand an die Stirn und fragte: „Wie siehst du denn aus, bist du etwa krank?“

„Ich hab nur etwas schlecht geschlafen“, gab sie wahrheitsgetreu zur Antwort. Den Grund dafür bräuchte sie aber vorerst nicht zu wissen.

„Übrigens, Alina hat angerufen. Sie und ihre Familie sind kurzfristig von einer Verwandten eingeladen worden und da sie bei diesem Besuch nicht unbedingt dabei sein will, hat sie gefragt, ob sie bei uns eine Woche bleiben könnte.“

Ihr Zustand besserte sich schlagartig. „Das ist ja großartig. Seid ihr damit einverstanden? Darf sie kommen? Wann ist sie hier?“, sprudelte es aus ihr heraus und sah ihre Mutter mit flehenden Augen an.

„Ich habe ihr bereits zugesagt, weil ich gewusst habe, dass du zustimmen würdest. Sie kommt heute ungefähr um 10.00 Uhr.“

Freudestrahlend fiel sie ihr um den Hals. Wenn sie schon keine Urlaubsreise machte, dann konnte sie jetzt wenigstens viel Zeit mit Alina verbringen. und da ihre Eltern noch mal wegen der passenden Einrichtung für das neue Zimmer den ganzen Tag unterwegs sein würden, konnte sie die aufregenden Ereignisse letzte Nacht in aller Ruhe mit ihrer besten Freundin besprechen.

„Außerdem möchte dein Vater auf die Anglermesse, die morgen beginnt. Ich würde ihn gerne begleiten und wir würden anschließend gleich losfahren, um auf dem Weg dorthin noch ein paar andere Dinge miterledigen zu können. Und ich dachte mir, wenn wir schon diese weite Reise auf uns nehmen, dann könnten wir noch einen Tag dranhängen und eine Stadtbesichtigung machen.“ Sie grinste dabei etwas schelmisch und fügte mit gesenkter Stimme hinzu: „Vielleicht finde ich ein paar schöne Sachen, wenn du verstehst, was ich meine.“

Sie wusste sofort bescheid. Dass ihre Mutter gerne Shoppingtouren unternahm, war ein offenes Geheimnis. „Das geht schon in Ordnung, Alina und ich kommen bestimmt gut zurecht.“ Das passte ja vortrefflich, so konnte sie in Kürze die aufregenden Ereignisse letzte Nacht in aller Ruhe mit ihrer besten Freundin besprechen.

Nachdem ihre Eltern bereits auf dem Weg in ihren Kurzurlaub waren, erschien Alina, wie angekündigt, Punkt zehn auf ihrem roten Mountainbike, bepackt mit einer großen Umhängetasche, in der die nötigsten Utensilien für einen einwöchigen Besuch verstaut waren. Sofort berichtete sie ihr das Geschehen der letzten Nacht und ungläubig und mit einem eher besorgten Ausdruck in den Augen sagte Alina: „Das wird ja immer fantastischer. Zuerst der sprechende Spiegel, dann das Buch, in dem nichts drinsteht und dann plötzlich doch und noch dazu in deiner Handschrift ... Das ist schon ziemlich heftig!“

„Ich kann es ja auch kaum fassen“, verteidigte sie sich. „Komm mit und überzeuge dich selbst. Ich zeige dir das Buch und danach lese ich dir daraus vor. Dann wirst du es mir glauben.“

Sie ging zusammen mit Alina, die ihre Tasche bereits im Flur abgestellt hatte, und dem Buch in die Höhle im Keller und zeigte ihr dort die Seite mit ihrer Handschrift. Sie erschrak. „Heute ist viel mehr Text vorhanden als gestern“, rief sie überrascht und sah dabei Alina an.

„Zeig mal her“, sagte Alina und musterte sie mit einem vorwurfsvollen Blick. „Das ist tatsächlich deine Handschrift. Aber wer sagt mir, dass du den Text nicht selbst geschrieben hast? Du musst zugeben, das alles ist für mich sehr unglaubwürdig.“

„Ja, ich weiß, es gibt keine Erklärung, du musst mir schon so glauben. Ich habe nichts reingeschrieben. Ehrenwort.“

Da Alina nicht gerade überzeugt wirkte und sie selbst sich immer unsicherer fühlte, begann sie zu lesen, wie sie es vorige Nacht getan hatte. Der Rahmen strahlte wieder sein gedämpftes, bläuliches Licht aus und Alina stand so, dass sie Annikas Spiegelbild eigentlich nicht sehen konnte. Trotzdem sah sie Annika mit dem Buch in der Hand im Spiegel. Mit aufgerissenen Augen und voller Staunen sagte sie: „Das ist ja fantastisch, wie im Fernsehen.“ Sofort blickte sie sich in der Höhle um, ob sie vielleicht doch irgendwo eine Kamera ausfindig machen könnte. Annika, die gestern eben nur einen Satz gelesen hatte und heute viel mehr Text vorhanden war, las nun weiter.

„Alina, ihre beste Freundin, war auch da und sah erstaunt, wie sich der Spiegel durch das Lesen veränderte. Annika hatte es herausgefunden, das Geheimnis des Spiegels, wie man ihn mit Hilfe des Buches zum Leben erweckt. Aber das ist noch nicht das ganze Geheimnis. Das ganze Geheimnis wird Alina herausfinden. Aber seid gewarnt, das, was auf euch wartet, birgt so manche Gefahr. Seid auf alles gefasst, denn es wird ein unerwartetes Geheimnis sein und es wird eine neue Geschichte in das Buch geschrieben werden, eine Geschichte von Annika und Alina, eine Geschichte in einem anderen Land, mit fremden, unbekannten Wesen, ausgestattet mit Eigenschaften, wie sie in eurer Welt nicht vorhanden sind, eine Geschichte, die ihr selbst bestimmen werdet, mit einem guten oder einem bösen Ende. In dieser Geschichte müsst ihr beide zusammenhalten, denn keiner kann ohne den anderen bestehen. Nur gemeinsam könnt ihr die Aufgabe bewältigen, nur, wenn ihr eure Fähigkeiten und Stärken bündelt, die Intelligenz und Besonnenheit von Annika und die Stärke und der Mut von Alina.“

Mit angstgeweiteten Augen sahen sich Annika und Alina gegenseitig an. Was für eine Schauergeschichte!

„Was soll das heißen, ich werde das ganze Geheimnis herausfinden?“, fragte Alina mit schriller Stimme.

„Ich weiß es nicht“, gab sie zur Antwort und im selben Augenblick änderte sich das Bild im Spiegel. Jetzt war eine Landschaft mit einem Wald im Hintergrund zu erkennen und links dahinter ein Gebäude auf einem Hügel.

„Sieh mal!“, rief Alina, „das Bild im Spiegel verändert sich!“. Sie lief darauf zu, um es besser sehen zu können. Vor dem Spiegel lag noch immer die Decke, auf der es sich Annika bequem gemacht hatte. Als Alina auf den Spiegel zugerannt kam, setzte sie mit einem Fuß darauf auf, glitt auf dem glatten Weg damit aus und schlitterte geradewegs in Richtung Spiegel. Annika erwartete bereits ein Scherbengeklirr, das jedoch ausblieb. Stattdessen verschluckte der Spiegel die auf ihn zufallende Alina!

Die Andere Welt

„Alina!“, rief sie und blankes Entsetzen spiegelte sich in ihrem Gesicht. „Alina, wo bist du? Alina!“

Wie zu einer Säule erstarrt stand sie da und begriff überhaupt nicht, was eigentlich geschehen war. Sie blickte mit verwirrtem Ausdruck in den Augen in den Spiegel und betrachtete die Landschaft mit dem Gebäude im Hintergrund, während sich vom Rand her langsam eine Person in Richtung Mittelpunkt bewegte. Diese Person wirkte verängstigt und blickte sich nach allen Seiten um, als ob sie von etwas oder jemand auf der Flucht sei und einen Unterschlupf suchte, um sich zu verstecken. Annika ging mit wackligen Knien und einer bösen Vorahnung auf den Spiegel zu, um sich Gewissheit zu verschaffen. Und ihre schlimmste Befürchtung war eingetreten. Alina hatte das ganze Geheimnis des Spiegels herausgefunden, wie vom Buch vorhergesagt und zwar mit allen Konsequenzen, nicht nur so nebenbei, wie wenn man ein Rätsel löst, sondern mit ihrer Person selbst. Sie hat unfreiwillig einen Selbstversuch gestartet und gelangte mithilfe des Spiegels in eine andere Welt, in eine unbekannte Welt. Alina war die Person, die im Spiegel ziellos umherirrte! Der Spiegel war ein Portal!

Mit flehendem Blick wanderte sie das Spiegelbild ab und rief mit schriller Stimme: „Alina, kannst du mich hören, kannst du mich sehen? Wie bist du da reingekommen? Bitte gib mir ein Zeichen, wenn du mich hörst!“

Aber es kam kein Zeichen von Alina. Stattdessen bemerkte sie die Bewegungen ihres Mundes und obwohl sie es nicht hörte, konnte sie es von ihren Lippen ablesen, was Alina rief, sie rief verzweifelt ihren Namen!

Noch immer völlig verstört, aber langsam die Situation realisierend, begann sie zu überlegen, wie sie Alina am besten helfen könnte. Ihr wurde aber sofort bewusst, dass es nur eine Möglichkeit gab. Sie musste auch durch diesen Spiegel!

Sie focht innerlich einen Kampf aus. Auf der einen Seite musste sie Alina helfen, die brauchte dringend ihre Unterstützung und auf der anderen Seite fielen ihr tausend Gründe ein, die dagegen sprachen, auch durch den Spiegel zu gehen. Sie hatte die große Befürchtung, dass dieses Vorhaben mit vielen Abenteuern und Gefahren verbunden sein würde, denen sie sich, wie es nun mal ihre Art war, eigentlich nicht aussetzen wollte. Auch der Text, den sie im Buch gelesen hatte, malte eher ein düsteres und geheimnisvolles Bild. Es sollte eine Aufgabe zu bewältigen sein, das konnte aber alles Mögliche bedeuten. Auf jeden Fall hörte es sich nicht gerade so an, als wenn man schöne und unbeschwerte Ferien machen würde!

Und da war sie schon, die nächste Chance ihren Mut zu beweisen und nicht davonzulaufen. Zögernd und unschlüssig stand sie vorm Spiegel und war wütend auf sich selbst. Warum musste sie auch vor jeder Kleinigkeit so eine scheiß Angst haben? In solchen Augenblicken beneidete sie immer Alina, die sich, ganz im Gegensatz zu ihr, vor fast nichts fürchtete und oftmals mutiger als mancher Junge war.

Sie schüttelte den Kopf, warf so gut es ging alle Bedenken über Bord und konzentrierte sich wieder. Was auch immer sich hinter dem Spiegel befand, sie musste zu Alina und ihr helfen, wieder zurückzukehren, denn genau betrachten war ja sie schuld an Alinas Situation und außerdem handelte es sich um keiner Geringeren als ihrer besten Freundin.

Zuerst galt es herauszufinden, wie man durch den Spiegel kam. Alina stolperte einfach hindurch, aber so ungestüm wollte sie es nicht ausprobieren. Sie nahm allen Mut zusammen, bewegte ihre Hand zur Spiegeloberfläche und berührte mit einem Finger das Glas, das heißt, sie wollte das Glas berühren. Stattdessen verschwand die Fingerkuppe und das Bild im Spiegel wackelte ein wenig, wie wenn man den Finger in einen Eimer mit Wasser taucht. Sie schob den Arm weiter hinein, bis die ganze Hand verschwunden war und diese hinter der Oberfläche sah, es war eigentlich ganz einfach. Aber sie wollte nicht so unvorbereitet Alina zu Hilfe eilen. Sie wollte ihr gut ausgerüstet beistehen. Ja genau, beistehen, wie sie es im Buch vorhin gelesen hatte.

Fieberhaft überlegte sie, was sie alles mitnehmen wollte. Sie musste sich beeilen, denn Alina entfernte sich im Spiegel immer weiter von ihr weg. Am besten erschien es ihr, eine Bergausrüstung mitzunehmen und da ihre Familie häufig spontan eine Bergtour unternahm, waren immer die Rucksäcke bereits reisefertig gepackt, mit Schlafsack, Regen- und Ersatzkleidung, Notfalltasche mit Verbandszeug, Taschenlampe und Kompass, nur Nahrungsmittel und Getränke musste sie noch hinzufügen. Sie rannte in den Haushaltsraum, holte zwei von den bereitgestellten Rucksäcken und packte noch möglichst haltbaren Proviant dazu. Danach eilte sie in ihr Zimmer, um sich etwas Passendes anzuziehen und nahm noch zusätzliche Kleidung und Schuhe für Alina mit, denn sie war für einen Abenteuertrip nicht wirklich richtig gekleidet. Zum Glück waren sie fast gleich groß, somit konnte Alina auch ihre Sachen tragen. Für alle Fälle verstaute sie noch ein Seil, zwei Feuerzeuge und ihr Schweizer Taschenmesser, das sie erst vor kurzem von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte und viele verschiedene Klingen besaß, im Rucksack, vielleicht würde sie die Dinge irgendwie gebrauchen können. So ausgerüstet machte sie sich daran, wieder zurück zur Höhle zu gehen.

Plötzlich dachte sie an ihre Eltern. Sie musste ihnen eine Nachricht hinterlassen, damit sie über ihre Abwesenheit Bescheid wussten, obwohl sie sich dann erst recht große Sorgen machen würden. Aber sie wollte, nein, sie musste diesen Schritt unternehmen, den Schritt in eine unbekannte Welt, um Alina wieder zurückzuholen. Sie machte einen Abstecher in die Küche, schrieb ein paar Zeilen mit den vorgefallenen Ereignissen und ihre Absicht, Alina zu helfen und legte den Zettel schweren Herzens auf den Küchentisch. „Vielleicht können sie ja nachkommen“, sagte sie zu sich selbst, um sich etwas aufzumuntern, was ihr aber nicht so richtig gelang.

Danach eilte sie hinunter und stellte sich zögernd dicht vor den Spiegel. Mittlerweile hatten ihre Angstzustände bereits einen kritischen Punkt erreicht und sie musste alle Kraft aufbringen, um nicht einfach davonzulaufen, wie sie es in solchen Situationen üblicherweise machte. Aber Alina brauchte sie. Sie konnte ihre Freundin jetzt nicht im Stich lassen. Mit schweißnassen Händen, wild pochendem Herzen und kurz davor sich zu übergeben atmete sie ein paar Mal tief durch, um sich wieder etwas zu beruhigen, schloss die Augen und dachte fest an Alina. Und dann wagte sie es! Mit einem beherzten Schritt nach vorne tauchte sie in den Spiegel ein.

Völlig unerwartet waren die Empfindungen und Eindrücke, die sie jetzt vernahm!

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