Logo weiterlesen.de
Der Albtraum

image

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

PROLOG

Das mondäne Washingtoner Viertel schlief. Nicht ein einziges Licht brannte in der Reihe teurer Stadthäuser. Lediglich die Straßenlaternen und der Dreiviertelmond sorgten für Beleuchtung. Die Novembernacht war eisig, die Luft feucht und voller Modergeruch.

Der Winter war da.

John Powers stieg die Stufen zur Haustür seiner Exgeliebten hinauf. Er bewegte sich zielstrebig, aber leise, wie jemand, der sicher war, nicht bemerkt zu werden. Vollkommen schwarz gekleidet, war er mehr Schatten als Mensch, ein Geist in der Dunkelheit.

Oben angekommen, ertastete er den Ersatzschlüssel im Versteck unter dem Blumentopf, rechts neben der Tür. Den Sommer über war der Topf mit bunten, süß duftenden Blumen gefüllt gewesen, die nun verwelkt und von Kälte geschwärzt herabhingen. Der Weg allen Lebens, das erblühte und wieder verging.

John steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte. Der Riegel glitt zurück, und John trat ein. Viel zu einfach. Wenn man bedachte, welche Riege von Männern über die Jahre mit demselben Schlüssel aus demselben Versteck hier hereingekommen war, hätte Sylvia vorsichtiger sein müssen.

Vorsicht war allerdings nie Sylvia Starrs Stärke gewesen.

John schloss leise die Tür, verharrte und lauschte, um abzuschätzen, wie viele Menschen im Haus waren, ob und wo sie schliefen. Aus dem Wohnzimmer zur Rechten erklang das stete leise Ticken der antiken Kaminuhr, aus dem Schlafzimmer dahinter das tiefe Schnarchen eines vermutlich älteren Mannes, der zu viel getrunken hatte und wahrscheinlich zu sehr aus der Form war, um den Abend mit der temperamentvollen, manchmal anstrengenden Sylvia durchzuhalten.

Schade für ihn. Er hätte nach Hause gehen sollen zu seiner fetten, verlässlichen Ehefrau und ihren undankbaren, kuhgesichtigen Kindern. Er würde gleich zum Opfer werden, weil er sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhielt.

John ging aufs Schlafzimmer zu und zog die Waffe aus dem rückwärtigen Bund seiner schwarzen Jeans. Die Pistole, eine 22er Halbautomatik, war klein, leicht und auf kurze Distanz sehr effektiv. John hatte sie, wie alle seine Waffen, gebraucht gekauft. Heute Nacht würde sie ihr feuchtes Grab im Potomac bekommen.

Er betrat Sylvias Schlafzimmer. Das Paar schlief Seite an Seite. Das Bett war zerwühlt. Sie hatten sich Laken und Decken um Hüften und Beine geschlungen, die Körper nur halb bedeckt. Im silbrigen Mondlicht schimmerte Sylvias linke Brust milchig weiß.

John ging zu dem Mann und setzte ihm die Waffenmündung in Herzhöhe auf die Brust. Das Aufsetzen diente zwei Zwecken. Es dämpfte das Schussgeräusch und sorgte gleichzeitig für einen raschen und sicheren Tod. Profis gingen keine Risiken ein.

John drückte den Abzug. Die Augen des Mannes sprangen auf, sein Körper zuckte. Ein Japsen, ein Gurgeln, als sich Flüssigkeit und Sauerstoff vermischten.

Sylvia richtete sich hellwach auf. Das Laken rutschte von ihrem Körper herunter.

„Hallo, Sylvia“, grüßte John und hatte den Mann bereits vergessen.

Entsetzt wimmernd wich sie zurück und presste den Rücken gegen das Kopfteil des Bettes. Sie atmete heftig, und ihr Blick flog wild zwischen John und dem blutigen Mann neben ihr hin und her.

„Du weißt sicher, warum ich hier bin“, sagte John leise. „Wo ist sie, Syl?“

Sylvia bewegte die Lippen, doch kein Laut kam heraus. Sie stand offenbar kurz vor einem hysterischen Zusammenbruch. Seufzend kam John auf ihre Seite des Bettes und blieb neben ihr stehen. „Komm schon, Liebes, reiß dich zusammen. Sieh mich an, nicht ihn.“ Er nahm ihr Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich her. „Komm schon, Süße, du weißt, dass ich dir nicht wehtun könnte. Wo ist Julianna?“

Als er ihre neunzehnjährige Tochter erwähnte, wich sie noch mehr zurück. Sie warf einen Blick auf ihren stummen Bettgefährten, ehe sie John wieder ansah, sichtlich um Fassung ringend. „Ich … weiß alles.“

„Das ist gut.“ Er setzte sich neben sie. „Dann verstehst du auch, wie wichtig es ist, dass ich sie finde.“

Sylvia begann so heftig zu zittern, dass das Bett vibrierte. „Wie alt war sie, als du anfingst, zu ihr zu schleichen?“

Er zog die Brauen hoch, erstaunt und zugleich amüsiert über ihren Vorwurf. „Haben wir jetzt plötzlich mütterliche Gefühle? Weißt du denn nicht mehr, wie sehr du es gefördert hast, dass ich mich mit ihr befasse? Wie recht es dir war, wenn dein Geliebter den Daddy spielte, damit du frei für andere Dinge warst?“

„Du Schwein!“ Sie krallte die Finger ins Laken. „Ich wollte nicht, dass du dich an ihr vergehst, dass du mein Vertrauen missbrauchst und …“

„Du bist eine Nutte“, fiel er ihr schlicht ins Wort. „Dir waren immer nur Partys, Männer und hübsche Klunker wichtig. Julianna war nur ein Spiel zeug für dich, ein Mittel zum Zweck, mit dem sich die müde alte Hure ein bisschen Respekt erkaufen konnte.“

Sylvia wollte ihm das Gesicht zerkratzen, doch er schlug ihr mit dem Handrücken auf die Nase, so dass ihr Kopf gegen das Kopfteil des Bettes flog. Sie war benommen. Er drückte ihr den Lauf der Waffe unter das Kinn, direkt auf den heftig schlagenden Puls dort, und zielte Richtung Hirn.

„Bei Julianna und mir geht’s nicht ums Vögeln, Sylvia. Obwohl ich bezweifle, dass du das verstehst. Ich habe sie leben gelehrt.“ Er beugte sich zu ihr hinüber und nahm den Geruch der Angst wahr, der sich mit dem von Blut und anderen Körperflüssigkeiten mischte, erdig, aber sehr lebendig. „Ich habe sie Liebe gelehrt, Loyalität, Verantwortung und Gehorsam. Ich bin alles für sie … Vaterfigur, Freund, Mentor, Geliebter. Sie gehört zu mir. Für immer.“ Er fasste die Waffe fester. „Ich will sie zurückhaben, Sylvia. Wo ist sie? Was hast du mit ihr gemacht?“

„Nichts“, flüsterte sie. „Sie ist … aus freien Stücken gegangen. Sie …“ Ihr Blick schweifte wieder zu dem Toten neben ihr und dem immer größer werdenden Blutfleck auf dem weißen Satinlaken. Ihre Stimme versagte vor Entsetzen.

John griff ihr ins Haar und drehte ihren Kopf heftig wieder zu sich her. „Sieh mich an, Sylvia! Nur mich! Wohin ist sie gegangen?“

„Ich weiß nicht. Ich …“

Er riss an ihrem Haar und schüttelte sie. „Wohin, Syl?“

Sie begann hysterisch zu kichern und legte sich eine Hand vor den Mund. „Sie kam zu mir, weil du wolltest, dass sie abtrieb. Ich sagte ihr, du wärst ein Monster, ein kaltblütiger Killer. Sie glaubte mir nicht, deshalb rief ich Clark an.“ Bizarr angesichts ihrer Lage, doch ihr Kichern wurde triumphierend. „Er zeigte ihr Bilder deiner Arbeit. Beweise, John. Beweise!“

John erstarrte geradezu in eiskalter Wut. Clark Russell, CIA-Spezialist, früherer Waffenbruder, einer von Sylvias Liebhabern. Einer, der zu viel über John Powers wusste.

Clark Russell ist ein toter Mann.

John beugte sich zu Sylvia hinüber. Mit der Waffe unter ihrem Kinn schob er ihren Kopf nach hinten. „Clark gibt vertrauliche Informationen preis? Dann musst du im Bett besser sein, als ich dachte.“ Er verengte die Augen. Ihm missfiel, wie heftig sein Herz schlug und wie seine Hände schwitzten. „Das hättest du nicht tun sollen, Syl. Es war ein Fehler.“

„Zur Hölle mit dir!“ schrie sie ihn an. „Du wirst sie nicht finden! Ich habe ihr gesagt, sie soll so schnell und so weit wie möglich weglaufen und sich und das Baby retten. Du wirst sie niemals finden. Niemals!“

Den Bruchteil einer Sekunde entsetzte ihn diese Vorstellung. Dann lachte er. „Natürlich finde ich sie, Syl. Das ist mein Beruf. Und wenn ich sie finde, wird das Problem eliminiert. Danach werden Julianna und ich wieder so zusammen sein, wie es sein soll.“

„Du wirst sie nicht finden! Niemals! Du …“

Er drückte ab. Blut und Hirn spritzten gegen das Kopfteil des antiken Bettes und auf die Rosentapete dahinter. John sah einen Moment lang darauf und stand auf. „Goodbye, Sylvia“, flüsterte er, wandte sich ab und begab sich auf die Suche nach Julianna.

TEIL I

KATE UND RICHARD

1. KAPITEL

Mandeville, Louisiana, Silvester 1998

Licht strahlte aus jedem Fenster des großen alten Hauses am Lakeshore Drive von Mandeville, das Kate und Richard Ryan bewohnten. Es war vor fast einem Jahrhundert erbaut worden, zu einer Zeit, da großzügiges Südstaatenleben noch etwas bedeutete. Eine Zeit vor MTV und allgemeinem Werteverfall. Als es noch verpönt war, wenn Politiker ihre Ehefrauen betrogen, und alltägliche Meldungen von grauenhaften Morden noch nicht zur Normalität gehörten.

Das Haus mit seinen doppelten, umlaufenden Balkonen und den deckenhohen Fenstern zeugte von Wohlstand, Status und Solidität. Es war geschaffen für eine Familie, die Kate und Richard jedoch nie haben würden.

Kate trat auf den oberen Balkon hinaus und schloss die Türen hinter sich, um den Lärm der in vollem Gang befindlichen Silvesterparty zu dämpfen. Die Januarnacht war bitterkalt und eisig für den Süden Louisianas. Kate ging zur Brüstung und blickte auf den schwarzen aufgewühlten See. Sie umklammerte die Balustrade mit den Fingern und lehnte sich in den kalten Wind, der ihr das Haar zauste und durch ihr dünnes Samtkleid pfiff.

Auf der anderen Seite des Lake Pontchartrain, verbunden durch einen sechsundzwanzig Meilen langen Damm, lag New Orleans, verfallendes Juwel einer Stadt, Heimat von Mardi Gras und Jazz und von einigen der besten Gerichte der Welt. Heimat auch der mondänen St. Charles Avenue für Privilegierte, der Armenviertel und von steigenden Kriminalität, die solche Extreme hervorbringt.

Kate stellte sich vor, welche Party am gegenüberliegenden Strand stattfand, da man nicht nur ein neues Jahr, sondern auch das Letzte dieses Jahrtausends feierte. Ein Wendepunkt, das Ende einer Ära, eine Tür, die sich schloss.

Auch für mich und Richard, dachte sie.

Vor den Feiertagen hatten sie der Tatsache ins Auge sehen müssen, dass sie nie Kinder haben würden. Die Ergebnisse ihrer letzten Tests waren endgültig. Richard war steril. Bisher hatte sie angenommen, dass sie auf Grund ihrer zahlreichen, aber korrigierbaren Probleme nicht schwanger geworden war. Als alle Eingriffe nichts nützten, hatte der Arzt darauf bestanden, dass Richard sich testen ließ.

Die Ergebnisse hatten sie niedergeschmettert. Sie war zornig geworden auf Gott und die Welt und all die Menschen um sie herum, die mühelos Babys bekamen. Sie fühlte sich betrogen und nutzlos.

Zugleich war aber auch eine Last von ihr genommen. Zwar hatten sie nicht das erwünschte Resultat bekommen, aber ein endgültiges. Die Unfruchtbarkeitsbehandlungen waren eine große Belastung gewesen, für sie persönlich und für ihre Ehe. Ein Teil von ihr war einfach nur froh, von dieser emotionalen Achterbahn herunterzukommen.

Wenn sie ihre Sehnsucht nach einem Kind doch auch so leicht in den Griff bekäme.

Starke Arme umschlangen sie von hinten. Richards Arme. „Was tust du hier draußen“, flüsterte er nah an ihrem Ohr. „Und ohne Mantel. Du holst dir den Tod.“

Sie schüttelte ihre Melancholie ab und lächelte ihren Mann, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet war, über die Schulter hinweg an. „Wenn du mich warm hältst, wohl kaum.“

In seinen Augenwinkeln bildeten sich kleine Fältchen, als er lächelte. In dem Moment sah er mit seinen Fünfunddreißig so jungenhaft aus wie mit zwanzig, als sie sich kennen gelernt hatten. Er zog viel sagend ein paar Mal in rascher Folge die Brauen hoch. „Wir könnten uns ausziehen und es wild treiben, gleich hier und jetzt.“

„Klingt abgedreht.“ Sie wandte sich um und legte ihm die Arme um den Hals. „Ich mache mit.“

Lachend legte er die Stirn gegen ihre. „Und was würden unsere Gäste denken?“

„Die sind hoffentlich alle zu gut erzogen, um uneingeladen hier heraufzukommen.“

„Und wenn nicht?“

„Dann würden sie uns von einer ihnen unbekannten Seite kennen lernen.“

„Was würde ich nur ohne dich anfangen?“ Er drückte ihr einen Kuss auf den Mund und wich leicht zurück. „Es wird Zeit für meine kleine Rede.“

„Nervös?“

„Wer, ich?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Niemals.“

Das stimmte. Die Selbstsicherheit ihres Mannes erstaunte sie stets aufs Neue. Heute Nacht würde er seine Absicht verkünden, sich um das Amt des Bezirks-Staatsanwaltes von St. Tammany Parish zu bewerben, und trotzdem war er nicht nervös. Richard kannte weder Angst noch Selbstzweifel.

Warum sollte er auch? Er konnte damit rechnen, dass sein Vorhaben bei Familie, Freunden, Geschäftspartnern und Kommunalpolitikern auf Zustimmung stieß. Er würde das Rennen gewinnen, und zwar mühelos.

Richard war immer irgendwie ein Gewinner gewesen. Bei allem, worum er sich bewarb, war er immer der mit den größten Chancen. Erfolg stand ihm, und er ging lässig damit um.

„Bist du sicher, dass Larry, Mike und Chas vollkommen hinter dir stehen?“ fragte sie und bezog sich auf seine Partner in der Anwaltskanzlei Nicholson, Bedico, Chaney & Ryan.

„Absolut. Und was ist mit dir, Kate?“ Er sah ihr forschend in die Augen. „Stehst du hundertprozentig hinter mir? Wenn ich gewinne, wird sich unser Leben verändern. Wir werden ständig mit der Lupe betrachtet werden.“

„Willst du mir Angst machen?“ neckte sie und lehnte sich an ihn. „Keine Chance. Ich stehe hundertprozentig hinter dir. Und du kannst das ‚wenn‘ aus deinem Satz streichen. Du wirst gewinnen.“

„Wie kann ich verlieren mit dir an meiner Seite?“

Als sie versuchte, die Bemerkung lachend abzutun, nahm er ihr Gesicht zwischen beide Hände und sah ihr wieder tief in die Augen. „Es ist mir ernst. Du hast diesen ganz gewissen Zauber, Katherine Mary McDowell Ryan. Danke, dass du ihn mit mir teilst.“

Gerührt schalt sie sich für ihre vorherige Melancholie und ermahnte sich, dankbar zu sein. Das Mädchen mit den löcherigen Schuhen und der abgetragenen Schuluniform von St. Catherine’s, das nie die Sicherheit eines gemütlichen Zuhauses kennen gelernt hatte, das die Tulane University auf Grund eines Stipendiums und mit Hilfe geliehener Bücher und nächtlicher Kellnerarbeit absolvierte, hatte es weit gebracht. Nicht zuletzt, weil Richard Ryan, Lieblingssohn einer der ersten Familien von New Orleans, sich wunderbarerweise und unfassbar in sie verliebt hatte.

„Ich liebe dich, Richard.“

„Dem Himmel sei Dank.“ Er legte wieder die Stirn gegen ihre. „Könnten wir jetzt hineingehen?“

Sie stimmte zu, und sie stürzten sich wieder ins Partygetriebe, umgeben von ihren munteren Gästen. Richard machte seine Ankündigung, die, wie erwartet, von allen, die noch nicht unterrichtet waren, mit Applaus begrüßt wurde.

Von dem Moment an schien das Fest überzuschäumen. Alle schienen von einer sonderbaren Energie befallen zu werden, von dem Wissen, dass nichts so blieb, wie es war. 1999, das Ende des Jahrtausends, brachte ein Gefühl von Unsicherheit mit sich.

Mitternacht kam. Konfetti und Luftschlangen wurden geworfen, Hörner geblasen und noch mehr Champagner getrunken. Der Partyservice hatte ein Buffet aufgebaut. Es wurde gegessen und gefeiert, doch schließlich begannen die Gäste einer nach dem anderen aufzubrechen.

Nachdem Richard den letzten Gast hinausbegleitet hatte, begann Kate gleich damit, aufzuräumen, obwohl sie einen Reinigungsdienst beauftragt hatten, der gleich am nächsten Morgen kommen würde.

„Du bist schön.“

Sie blickte auf. Richard stand in der Tür zwischen Speisezimmer und vorderem Salon und beobachtete sie.

Sie lächelte. „Und du bist erhitzt vom Erfolg oder vom Alkohol.“

„Von beidem. Aber es stimmt trotzdem, du bist hinreißend.“

Sie wusste, das war übertrieben. Sie war attraktiv mit einem irgendwie alterslosen Gesicht. Nicht hinreißend oder sexy. Nicht umwerfend. Klasse vielleicht, solide bestimmt. „Ich freue mich, dass du das findest.“

„Du kannst nie ein Kompliment einfach hinnehmen. Das geht wohl auf das Konto deines alten Herrn.“

„Du hast gute Knochen, Katherine Mary McDowell“, imitierte sie die Stimme ihres Vaters mit dem leichten schottischen Akzent. „Unterschätze nie die Wichtigkeit guter Knochen und Zähne.“ Sie lachte. „Als wäre ich ein Arbeitspferd.“

Richard lächelte, und wie schon vorhin erinnerte er sie an den Jungen aus der Studentenbruderschaft, in den sie sich damals – wie fast alle Mädchen auf dem Campus der Tulane University – verliebt hatte. „Dein Vater fand doch immer die richtigen Worte.“

„Allerdings. Komm, hilf mir.“

Stattdessen neigte er den Kopf zur Seite und betrachtete sie erfreut. „Kate McDowell, von vielen begehrt, einschließlich meines guten Freundes Luke, doch ich habe sie an Land gezogen.“

Wie immer, wenn der Name ihres gemeinsamen Freundes Luke Dallas fiel, bekam sie Schuldgefühle und leise Sehnsucht. Damals, auf der Uni, waren sie drei unzertrennliche Freunde gewesen. Luke war ihr Vertrauter geworden, an den sie sich gewandt hatte, wenn sie Trost, Rat und Unterstützung brauchte. In vielerlei Hinsicht hatte sie ihm in jenen Jahren näher gestanden als Richard.

Dann hatte sie ihre so wunderbare Freundschaft mit einem einzigen gedankenlosen, rücksichtslosen Akt der Leidenschaft und Trauer zerstört.

Die Erinnerung tat weh, deshalb widmete sie sich wieder dem schmutzigen Geschirr. „Du bist betrunken“, stellte sie schlicht fest.

„Na und? Ich muss ja nicht Auto fahren.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Willst du leugnen, dass Luke in dich verliebt war?“

„Wir waren Freunde, Richard.“

„Und sonst nichts?“

Sie sah ihm in die Augen. „Wir waren alle Freunde. Ich wünschte, das wäre so geblieben.“

Richard beobachtete sie nur stumm. Etwas beschwichtigt, sagte er dann: „Du wirst die ideale Politikergattin.“

„Bist du dir da so sicher, Bezirks-Staatsanwalt Ryan? Schließlich habe ich keinen noblen Stammbaum.“

„Du hast Klasse, du bist schön, und du bist klug, Kate. Du brauchst keinen noblen Stammbaum, du hast mich geheiratet.“

Sie stellte das Geschirr auf ein Tablett. Vermutlich hatte er Recht. Durch die Heirat mit ihm war sie in die Gesellschaft von New Orleans aufgenommen worden. Sie brauchte weder eine gute Familie im Hintergrund noch Geld. Beides hatte sie durch ihn bekommen.

Wieder einmal erinnerte sie sich, dass sie Grund hatte, dankbar zu sein: für einen liebenden Ehemann, ein schönes Heim, ihr eigenes geliebtes Geschäft – ein Café namens „The Uncommon Bean“, Die ungewöhnliche Bohne – ihre Glasmalerei und viel Geld. Für all die Dinge, die sie sich immer zu ihrem Glück gewünscht hatte.

„Tut mir Leid, dass ich dich mit meiner Bemerkung über Luke verärgert habe. Ich weiß manchmal wirklich nicht, was in mich fährt.“

„Es war einfach nur ein langer Abend.“

Richard nahm ihr die leeren Tassen aus den Händen und stellte sie wieder auf den Tisch. „Lass das Zeug stehen. Dafür zahlen wir morgen die Putzkolonne.“ Er nahm sie bei den Händen. „Komm mit mir. Ich habe etwas für dich.“

Sie lachte. „Kann ich mir denken.“

„Das auch.“ Er führte sie ins Wohnzimmer. Vor dem glimmenden Kaminfeuer lagen zwei Sitzkissen, daneben kühlte Champagner in einem Behälter. Zwei Kristallgläser standen dabei.

Sie machten es sich bequem. Richard öffnete den Champagner, schenkte zwei Gläser voll und reichte ihr eines. „Ich dachte, wir sollten unter uns feiern.“

Sie stieß ihr Glas gegen seines. „Auf deine Wahl.“

„Nein“, korrigierte er, „auf uns.“

„Das gefällt mir. Auf uns.“ Sie lächelte und trank.

Eine Weile plauderten sie über die Ereignisse des Abends und ihre amüsanten Gäste.

„Du stellst mich immer besser dar, als ich wirklich bin, Kate“, sagte Richard, plötzlich ernst. „Das hast du schon immer getan.“

„Und du bist betrunkener, als ich dachte.“

„Bin ich nicht.“ Er nahm ihr das Glas ab, stellte es beiseite und verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich weiß, wie schwer das letzte Jahr für dich war … wegen der Unfruchtbarkeitstests.“

Ihr wurden die Augen feucht. „Ist schon in Ordnung, Richard. Wir haben so viel. Es wäre falsch …“

„Ist es nicht. Mit einem anderen Mann könntest du Kinder haben.“

„Es liegt nicht nur an dir, ich habe auch Probleme.“

„Aber deine können behandelt werden. Fehlende Hormone kann man ausgleichen. Ich hingegen bin steril. Was glaubst du, wie ich mich dabei fühle, kein ganzer Mann zu sein.“ Die Bitterkeit in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Es schmerzte sie, zu sehen, wie er litt. „Das ist doch Unsinn“, wider sprach sie sanft und drückte ihm die Hände. „Zeugungsfähigkeit ist nicht das, was einen Mann ausmacht. Es ist nicht das, was dich ausmacht.“

„Nein? Mir kommt es aber so vor.“

„Ich weiß, wie du dich fühlst, weil ich dasselbe Problem habe. Kinder zu bekommen, ist für jede Frau etwas Selbstverständliches. Es nicht ohne den Einsatz medizinischer Technologie zu können, gibt einem das Gefühl, mit einem Makel behaftet zu sein.“

„Ich habe dich im Stich gelassen“, sagte er ruhig.

„Nein, Richard, so habe ich das nicht gemeint.“

„Ich weiß, aber ich empfinde es so.“

Sie wandte sich ihm voll zu und nahm seine Hände. „Wo steht denn geschrieben, dass wir einen Anspruch auf alles im Leben haben? Schau dir doch an, was wir haben: ein schönes Haus, ein erfolgreiches Berufsleben, wir haben einander und unsere Liebe. Das ist schon ein geradezu peinlicher Reichtum. Manchmal muss ich mich kneifen, um zu glauben, dass es Kate McDowell ist, die dieses Leben führt. Manchmal fürchte ich, einen richtig tollen Traum zu erleben, der jeden Moment zum Albtraum entartet.“

„Das lasse ich nicht zu, Liebes. Das verspreche ich.“

Sie zog seine Hände an ihre Lippen. „Es wurde schon gelogen, betrogen und getötet für das, was wir als selbstverständlich hinnehmen. Wir sollten es bewahren, indem wir es schätzen. Wir dürfen nicht vergessen, wie viel Glück wir haben. Wenn wir gierig werden, könnten wir plötzlich alles verlieren. Das darf nicht geschehen, Richard. Es ist wichtig, immer daran zu denken.“

Er lachte. „Du glaubst immer noch an Zauberer, Feen und die Macht des vierblättrigen Kleeblattes, was?“

„Es ist mir ernst, Richard.“

„Mir auch. Wir können alles haben, Kate. Ich möchte es für dich.“ Als sie etwas einwenden wollte, legte er ihr einen Finger auf den Mund. „Ich habe etwas für dich, gewissermaßen ein verspätetes Weihnachtsgeschenk.“ Er zog einen großen Umschlag unter einem Sitzkissen hervor und reichte ihn ihr. „Frohes neues Jahr, Kate.“

„Was ist das?“

„Mach ihn auf und sieh selbst.“

Sie tat es. Es war ein Brief der Agentur „Citywide Charities“, worin ihnen mitgeteilt wurde, dass sie in das Adoptionsprogramm „Geschenke der Liebe“ aufgenommen worden waren.

Kates Herz begann wild zu hämmern, ihre Hände zitterten. Diese Agentur, das wusste sie, war die Beste in der ganzen Gegend. Sie nahmen jedes Jahr nur wenige ausgewählte Paare auf, die dann bereits innerhalb eines Jahres ihre Adoptionsbabys bekamen.

Sie hatte sich schon früher mit dem Gedanken an Adoption befasst, doch bisher hatte Richard nichts davon wissen wollen. Sie hob den tränenfeuchten Blick. „Was ist passiert, Richard? Du wolltest doch keine Adoption …“

„Aber du.“

Sie konnte vor Rührung nicht sprechen und musste sich räuspern. „Aber wenn du weiterhin gegen Adoption bist, können wir es nicht machen. Das wäre nicht richtig.“

„Ich will, dass du glücklich bist, Kate. Diese Adoption wäre für uns beide gut, ich weiß das. Und es ist der richtige Zeitpunkt, eine Familie zu gründen.“

Sie war sprachlos vor Freude, also küsste sie ihn innig mit all der Liebe und Dankbarkeit, die sie erfüllte.

Nächstes Jahr um diese Zeit haben wir ein Kind, wir sind Eltern, eine richtige Familie!

„Danke“, flüsterte sie immer wieder zwischen Küssen. Sie zogen sich gegenseitig aus. Das Feuer im Kamin wärmte sie in Zärtlichkeit und Leidenschaft.

„Das wird unser schönstes Jahr“, flüsterte Richard Kate ins Ohr, als er sich auf sie hob. „Nichts und niemand wird uns je trennen, Kate.“

TEIL II

JULIANNA

2. KAPITEL

New Orleans, Louisiana, Januar 1999

Der Imbiss lag an einer der lebhaftesten Ecken des zentralen Geschäftsbereichs der Stadt. „Busters Große Po’boys“ hatte sich auf Shrimps- und Austern-Po’boys spezialisiert – französische Baguettestangen, mit frittierten Shrimps oder Austern oder beidem belegt. Die meisten Kunden wollten sie mit Salat, Tomaten und einer dicken Schicht Majonäse. Wer keinen Appetit auf frittierte Seefrüchte hatte, konnte sein Baguette auch mit anderem Belag haben. Außerdem gab es montags traditionelle Gerichte wie rote Bohnen mit Reis.

Busters Sandwichladen war typisch für die Stadt: in einem jahrhundertealten Gebäude untergebracht, der Gips an den Wänden geborsten, die hohen Decken verdreckt von Gott weiß was für Schmutz aus Gott weiß wie vielen Jahren. Von Juni bis September lief die Klimaanlage auf Hochtouren und schaffte es trotzdem nicht.

Überall sonst im Land wäre Busters längst von der Gesundheitsbehörde geschlossen worden. Für die Bewohner von New Orleans war Busters ein durchaus akzeptables Lokal für einen schnellen Imbiss, wenn man in der Stadt war.

Julianna Starr drückte die gläserne Eingangstür auf, trat ein und ließ den kalten Januartag draußen. Der Geruch frittierter Seefrüchte schlug ihr entgegen und verursachte ihr Übelkeit. Der Geruch, das hatte sie in den paar Wochen, die sie hier als Bedienung arbeitete, gelernt, durchdrang alles: Haare, Kleidung, sogar die Haut. Sobald sie nach Hause kam, zog sie alles aus und schrubbte unter der Dusche den Gestank ab.

Das Einzige, was noch schlimmer war als der Geruch im Laden, war die Kundschaft. New Orleanser taten alles im Übermaß. Sie lachten zu laut und aßen und tranken zu viel und waren dabei von frenetischer Ausgelassenheit. Ein paar Mal hatte sie beim bloßen Anblick eines Kunden, der seinen riesigen, matschigen Po’boy verdrückte, auf die Toilette rennen und sich übergeben müssen. Allerdings gehörte sie zu den Unglücklichen, bei denen Morgenübelkeit weder auf den Morgen noch auf die ersten drei Monate der Schwangerschaft beschränkt blieb.

Julianna warf einen bedauernden Blick durch das Lokal. Ausgerechnet heute zu verschlafen war keine gute Idee gewesen. Der mittägliche Kundenansturm hatte offenbar früher eingesetzt. Um kurz nach elf waren bereits alle Tische belegt, und am Tresen für den Außer-Haus-Verkauf stand man bereits in zwei Reihen Schlange. Während Julianna ins Hinterzimmer des Lokals ging, warf eine andere Bedienung ihr einen unfreundlichen Blick zu.

„Du kommst spät, Prinzessin!“ tadelte ihr Boss hinter dem Tresen. „Schnapp dir ’ne Schürze, und setz deinen Hintern in Bewegung. Verstanden?“

Julianna antwortete mit einem vernichtenden Blick. Aus ihrer Sicht war Buster Boudreaux bloß ein fettes Schwein mit demselben IQ wie seine dämlichen Baguettes. Aber er war der Boss, und sie brauchte diesen Job, so niedrig er auch war.

Wortlos ging sie an ihm vorbei, schnappte sich die Schürze vom Ständer gleich hinter der Küchentür und zog sie an. Die pinkfarbene Scheußlichkeit mit Rüschen legte sich über ihren runden Bauch und ließ sie aussehen wie einen rosa Wal. Sie schimpfte leise vor sich hin, wandte sich der Stechuhr zu und drückte ihre Zeitkarte.

Buster trat mit finsterer Miene hinter sie. „Wenn du ein Problem hast, warum sagst du es mir dann nicht ins Gesicht, anstatt vor dich hin zu brabbeln?“

„Ich habe kein Problem.“ Sie steckte ihre Zeitkarte in die Halterung zurück. „Wo soll ich arbeiten?“

„Sektion eins. Bei Bedarf kannst du dann Jane am Verkaufstresen helfen.“

Julianna nickte nicht mal zustimmend, und er packte sie am Ellbogen. „Ich habe es langsam satt mit dir, weißt du das, Prinzessin? Wenn ich nicht so dringend Hilfe brauchte, würde ich dir jetzt so fort einen Tritt in deinen arroganten kleinen Hintern geben.“

Er wollte, dass sie um den Job bettelte. Sie wusste das. Sie sollte sich vor ihm im Staub winden wie eine Leibeigene. Lieber würde sie verhungern.

Sie blickte viel sagend auf seine Hand an ihrem Arm, dann in sein Gesicht. „Ist noch was?“

„Yeah.“ Er wurde rot und ließ die Hand sinken. „Kommst du noch einmal zu spät wie heute, bist du draußen. Dann kann meine Großmutter deinen Job übernehmen. Die macht ihn sowieso besser. Kapiert?“

Sicher, Blödmann. „Kapiert.“

Sie drängte sich an ihm vorbei ins Lokal. Dabei stieß sie Lorena an, eine weitere Bedienung, die ihr einen bösen Blick sandte und etwas murmelte, das Julianna nicht verstand.

Julianna ignorierte sie. Sie war nicht zum ersten Mal Opfer von Sticheleien ihrer Kolleginnen. Man lehnte sie ab, besonders Lorena tat das. Zweifellos lag es daran, dass sie keinen Hehl daraus machte, wie zuwider ihr diese Tätigkeit war. Sie dünkte sich zu gut dafür, große, matschige Baguettes Leuten zu servieren, die sie nicht mal ansahen. Sie war sich auch zu gut für ihre Kolleginnen.

Diesen gewöhnlichen Mädchen ohne Klasse war nicht klar zu machen, dass sie nicht für diese Arbeit geschaffen war. Sie sollte nicht stundenlang auf den Beinen sein, ständig müde, und Leute bedienen müssen. Sie war zu Besserem erzogen worden. Man hatte sie umsorgt und verwöhnt. Ihr ganzes Leben lang hatte sie nur lächeln, schmeicheln oder schmollen müssen, um zu bekommen, was sie haben wollte. Wenn ihr das Geld nicht ausgegangen wäre, das sie von ihrer Mutter bekommen hatte, als sie Washington verließ, hätte sie sich niemals auf das Niveau dieser Frauen begeben.

Seit drei Monaten war sie jetzt auf der Flucht und hatte kurz in Louisville, Memphis und Atlanta gelebt. Sie hatte in Mittelklassehotels gewohnt, in Restaurants gegessen und ihre Zeit in Kinos und Einkaufscentern verbracht. Erst in New Orleans war ihr aufgefallen, wie beängstigend ihr Geldvorrat schrumpfte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, was es bedeutete, kein Geld mehr zu haben, oder wie sie etwas dazuverdienen konnte. Als ihr endlich aufging, dass ihre Geldmittel nicht ewig reichten, war ihr Vorrat bis auf fünfzehnhundert Dollar aufgezehrt.

So widerlich und entwürdigend es war, der Job bei Buster war eine Notwendigkeit, zumindest vorläufig.

Seufzend blickte Julianna sehnsüchtig zu den Münztelefonen am Gang zu den Toiletten und dachte an ihre Mutter, die so weit weg war. Die hatte immer behauptet, dass eine Frau, die Schönheit und Verstand geschickt einzusetzen wusste, mehr bewegen konnte als eine Atombombe. Mit einem sorgfältig geplanten Blick oder Lächeln könne sie Berge versetzen und Städte einebnen.

Voller Heimweh sehnte sie sich danach, mit ihrer Mutter zu sprechen oder zurückzukehren.

John stand neben ihr, während sie sich übergab, sein Gesicht eingefallen, weiß und wutverzerrt. Er warnte sie, sich ihm nicht mehr zu widersetzen, andernfalls würde er sie bestrafen. Julianna atmete tief durch. Der Mann und die Frau auf Clark Russells Fotos hatten durchgeschnittene Kehlen von Ohr zu Ohr.

John war zu allem fähig. Ihre Mutter hatte das gesagt, und Clark hatte es bestätigt.

Sie konnte nicht nach Hause. Vielleicht nie mehr.

„Miss? Verzeihen Sie, Miss?“

Julianna blinzelte erschrocken. Ein Kunde am Tisch rechts gab ihr Zeichen.

„Wir brauchen Ketschup.“

Sie nickte, brachte dem Tisch Ketschup, einem anderen die Rechnung und einem dritten die Baguettes. Danach suchte sie das Klo auf. Das musste sie in letzter Zeit häufiger. Als sie die kleine Toilettenkabine verließ, blieb sie wie angewurzelt stehen. Eine Frau mit langem zimtfarbenem Haar stand vor dem Spiegel und legte Lippenstift auf.

Julianna schloss die Augen, und ihre Gedanken wanderten vierzehn Jahre zurück …

Ihre Mutter saß in BH, Slip und Strumpfgürtel vor der Frisierkommode. Julianna stand in der Tür und beobachtete, wie ihre Mutter sich vorbeugte und Lippenstift auflegte. Sie zog die Konturen der Lippen nach und presste sie zusammen, um die Farbe zu verteilen.

Julianna war voller Bewunderung und Ehrfurcht. „Du bist so hübsch, Mama“, flüsterte sie selbstvergessen.

Ihre Mutter drehte sich lächelnd um. „Danke, Liebes. Aber denk dran, bei deiner Mama heißt das schön. Du bist hübsch, deine Mama ist schön.“

Julianna senkte den Kopf. „Tut mir Leid.“

„Schon in Ordnung, Süße. Denk nur das nächste Mal daran.“

Julianna nickte und kam vorsichtig näher, nicht sicher, ob sie willkommen war. Da ihre Mutter nichts einwandte, setzte sie sich vorsichtig auf das satinbezogene Bett und gab Acht, ihr Kleid nicht zu verknittern.

Sie glättete die weiße Schürze und betrachtete ihre makellosen schwarzen Lackschuhe. Ihre Mutter hatte so viele Regeln für sie aufgestellt, dass es für eine Fünfjährige oft schwer war, alle zu befolgen. Doch eines wusste sie: zerknitterte, schmutzige Kleidung zog rasch Tadel und Strafe nach sich. Besonders, wenn Besuch erwartet wurde.

„Wer kommt heute Abend?“ fragte sie und widerstand der Versuchung, die Füße aneinander zu reiben, obwohl ihr das Quietschen des Leders gefiel. „Onkel Paxton?“

„Nein.“ Ihre Mutter nahm einen Strumpf aus der Schachtel auf der Frisierkommode. „Jemand Besonderes.“ Sie zog das seidige Material vorsichtig an ihrem Bein hinauf. „Jemand ganz Besonderes.“

„Wie heißt er?“

„John Powers“, erwiderte ihre Mutter leise, dabei wirkte ihre Miene sanft und verzaubert. „Ich habe ihn letzte Woche auf einer Party hier in der Hauptstadt kennen gelernt. Ich habe dir davon erzählt.“

„Wo es die Sandwiches in der Form von Schwänen gab?“

„Canapés. Ja, richtig.“

Julianna neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihre Mutter. Er muss wirklich was Besonderes sein, dachte sie, noch nie hat Mama ein solches Gesicht gemacht, wenn sie von einem Gast sprach.

„Ich erwarte, dass du dich tadellos benimmst.“

„Ja, Mama.“

„Wenn du ein wirklich braves Mädchen bist, kaufe ich dir vielleicht die Puppe, die du dir gewünscht hast. Die mit den gleichen langen braunen Locken, wie du sie hast.“

Julianna wusste, was ihre Mutter mit wirklich brav meinte. Es bedeutete, dass sie still zu sein hatte, entgegenkommend und scharmant. Wirklich brav zu sein wurde belohnt, nicht nur von ihrer Mutter, sondern auch von ihren Gentlemen-Freunden. Sie schenkten ihr Süßigkeiten und kleine Spielsachen, nannten sie hinreißend, süß und hübsch.

Und dann schickte Mama sie auf ihr Zimmer.

Julianna hoffte, dass sie eines Tages, wenn sie wirklich brav und scharmant gewesen war, nicht mehr aus dem Zimmer geschickt wurde. Irgendwann, wenn sie älter war, würde sie auch ganz besondere Besucher haben.

„Ich bin brav, Mama. Ich verspreche es.“

„Lauf jetzt, ich muss mich fertig machen. John wird jeden Moment kommen.“

„Miss? Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Blinzelnd schreckte Julianna aus ihrer Träumerei auf. „Was?“

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Die Frau am Spiegel steckte ihren Lippenstift wieder ein. „Sie haben mich so merkwürdig angesehen, als wäre Ihnen ein Geist erschienen oder so.“

Julianna blinzelte wieder und sah die Frau erst jetzt richtig. Sie hatte raue, narbige Haut, und ihr rötliches Haar verdankte seine Farbe einer Flasche Chemie. Und keiner guten.

Wie habe ich nur glauben können, sie sähe meiner Mutter ähnlich?

„Danke, es geht mir gut“, erwiderte sie leise, ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände. „Ich weiß nicht genau, was mit mir los ist.“

Die Frau tätschelte ihr lächelnd den Arm. „Ich habe selbst sechs Kinder. Die Hormone machen einen ganz schön fertig. Aber es wird besser. Später machen einen dann allerdings die Kinder fertig.“ Sie tätschelte ihr noch einmal kichernd den Arm und ging hinaus.

Julianna starrte ihr verunsichert nach. Die Erinnerung war so lebhaft gewesen und hatte sie so plötzlich überfallen, dass sie sich jetzt einsam und leer fühlte. Tränen brannten ihr in den Augen. Sie sehnte sich nach ihrer Mutter, nach Washington und ihrer schönen Wohnung. Ihr fehlte das Gefühl, geborgen und umhegt zu sein.

Die Tür ging auf, und Lorena steckte ärgerlich den Kopf herein. „Willst du den ganzen Tag hier drin bleiben oder was? Die Kunden an deinen Tischen warten.“

Julianna nickte und eilte ins Lokal zurück.

Der Rest des Tages verging quälend langsam. Nachdem der mittägliche Ansturm vorüber war, merkte Julianna, wie sehr ihr Füße und Rücken schmerzten. Sie war todmüde.

Sie füllte mit den anderen Frauen die Gewürze an den Tischen auf, wischte die Platten sauber und stellte die Stühle hoch. Busters schloss um drei. Zum Dinner zu öffnen wäre Zeit- und Geldverschwendung. Dieser Teil des Geschäftsviertels wurde nach 17 Uhr, wenn die Anwaltskanzleien und andere Büros schlossen, zum Friedhof.

Am Gespräch ihrer Kolleginnen beteiligte sie sich nicht. Sie merkte, dass die anderen über sie redeten, ignorierte sie jedoch und konzentrierte sich auf ihre Arbeit, um schnell heimgehen zu können.

Endlich waren alle Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen, und sie hatte ihre Zeitkarte gedrückt. Als sie sich der Tür näherte, vertrat Lorena ihr den Weg. Die anderen drei Kellnerinnen stellten sich hinter Lorena und flankierten sie mit zornigen Gesichtern. „Nicht so schnell, Prinzessin. Wir haben ein Hühnchen mit dir zu rupfen.“

Julianna blieb stehen und sah nervös von einer zur anderen. „Ist etwas nicht in Ordnung?“

Lorena, die offenbar zur Wortführerin erkoren war, trat vor. „Kann man wohl sagen. Uns reicht’s mit dir. Du hältst dich für was Besseres, aber uns stinkt’s, dauernd für dich einspringen zu müssen, weil du deinen faulen Hintern nich’ in Bewegung kriegst.“

Die Feindseligkeit der Frau ließ Julianna erschrocken zurückfahren. Sie blickte vergeblich über die Schulter nach Buster.

„Wieso bildest du dir ein, was Besseres zu sein als wir?“ Lorena trat noch einen Schritt vor, die anderen Frauen folgten. „Nur weil du dich hast anbumsen lassen, glaubste wohl nich’ mehr arbeiten zu müssen? Denkste, als gefüllte Taube biste was Besonderes?“

Suzi, eine andere Bedienung, streckte einen Finger mit blutrot lackiertem Nagel nach ihr aus. „Wenn du zu spät kommst, müssen wir deine Tische mit übernehmen. Das heißt, wir arbeiten uns halb tot und kriegen kaum Trinkgeld dafür.“

„Und das haben wir satt“, betonte Jane.

„Ich habe verschlafen“, erwiderte Julianna steif. „Mein Gott, ich habe das doch nicht mit Absicht gemacht.“

Das war offenbar nicht die Antwort, die sie hören wollten. Zornige Röte überzog Lorenas Gesicht. Sie sah aus wie ein Ballon kurz vor dem Platzen. „Ich hab ’ne Frage an dich, Prinzessin, die uns alle interessiert. Wenn du so hochwohlgeboren bist, warum arbeiteste dann in so ’nem Schuppen? Und wenn du so was Besonderes bist, wo is’ dann dein Alter? Warum hat er dich sofort sitzen lassen, als du ’n Kind kriegtest?“

„Yeah“, pflichtete Suzi bei, „oder weißte gar nich’, wer der Vater is’?“

„Jede Wette, sie weißes nich’“, höhnte Jane, ehe Julianna sich verteidigen konnte. „Sie is’ nur ’ne kleine Nutte, die gern die Nase hoch trägt.“

Lorena lachte. „Du bist bedauernswert, weißte das? Du tust mir Leid – uns allen.“ Nach Kaugummi und billigem Parfum riechend, beugte sie sich zu Julianna vor und prophezeite: „Ihr schafft es nich’, niemals, du und dein kleiner Balg. Kommt, Mädchen.“

Damit drehten sich die drei um und verließen das Lokal.

Julianna sah ihnen durch einen Tränenschleier nach. Beschämt und gedemütigt, legte sie die Hände auf ihren Bauch. Wurde sie so von ihrer Umwelt gesehen, als bemitleidenswerte Frau ohne Zukunft? Das traf sie bis ins Mark.

Sie schloss die Au gen und dachte an Washington, an die eleganten Restaurants, in denen sie täglich gespeist hatte, an die Schönheitssalons, wo sie Massagen, Gesichtsbehandlungen und Maniküren bekommen hatte, an ihr schönes Apartment und an ihre Kleiderschränke voll mit teuren Sachen.

Doch am intensivsten dachte sie an John und legte zitternd eine Hand an den Mund. War er wirklich so ein Monster, wie ihre Mutter gesagt hatte?

Aus der Küche hörte sie Buster und den Koch die letzten Arbeiten erledigen, um für heute zu schließen. Damit die zwei ihre Tränen nicht sahen, eilte sie hinaus in die kühle Nachmittagsluft.

Sie zog ihren Mantel fester um sich. Die Gehwege waren voller Menschen, die nach einem Arbeitstag heimkehrten. Vor ihr an der Ecke hielt die Straßenbahn der St. Charles Avenue. In ihrem Glas spiegelte sich die Sonne und blendete sie einen Moment. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, die Straßenbahn fuhr vorüber.

Und dann sah sie John.

Er hatte sie gefunden! In Panik wich sie einen Schritt zurück. Er stand auf der anderen Straßenseite, den Kopfleicht abgewandt, und blickte suchend die St. Charles Avenue entlang. Er suchte sie – und einen Ort, an dem er sie töten konnte.

Sie war vor Entsetzen wie gelähmt und spürte ihren Herzschlag bis in den Hals. Wie damals, vor vierzehn Jahren, als sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Er hatte toll ausgesehen, groß, stark und jugendlich. Nicht so verschrumpelt und faltig wie Senator Paxton oder fett und glatzköpfig wie Richter Lambert. John war mit keinem von Mutters anderen Freunden vergleichbar gewesen.

Ihre Mutter hatte sie herbeigerufen und miteinander bekannt gemacht, wobei man ihren Alabama-Akzent gehört hatte.

„Das ist meine Kleine“, sagte ihre Mama. „Meine Julianna.“ Julianna machte einen Knicks und hielt den Blick gesenkt, wie Mama es sie gelehrt hatte.

„Julianna, Liebes, sag hallo zu Mr. Powers.“

„Hallo, wie geht es Ihnen?“ fragte sie mit brennenden Wangen und wollte nichts lieber als ihn ansehen.

„Hallo, Julianna“, erwiderte er. „Es ist mir ein Vergnügen, dich kennen zu lernen.“

Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu, dann noch einen und sagte erstaunt: „Ihr Haar ist ja weiß. Wie Schnee.“

„Ja, das ist es.“

„Wie kommt das?“ Sie zog nachdenklich die Stirn kraus. „Sie sind nicht alt und faltig wie Dr. Walters, und der hat auch weiße Haare.“ Sie hielt den Kopf schief. „Und Sie haben auch viel mehr davon als er.“

Ihre Mutter schnappte nach Luft, und Julianna wusste, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Doch John Powers war nicht ärgerlich. Er lachte, und es klang angenehm. Sie mochte ihn lieber als alle anderen Freunde ihrer Mutter.

Er ging vor ihr in die Hocke und sah ihr in die Augen. Das hatte noch keiner getan. Er tat, als wäre sie etwas Besonderes, als wäre sie so wichtig wie die Erwachsenen.

„Mein Haar wurde über Nacht weiß“, erklärte er. „Ich wäre bei einem Auftrag fast gestorben.“

„Fast gestorben?“ wiederholte sie erstaunt.

„Ja.“ Er beugte sich vor und senkte die Stimme. „Ich habe überlebt, weil ich Käfer gegessen habe.“

„Käfer?“ fragte sie fassungslos.

„Hm. Große, hässliche.“

„Erzählen Sie mir davon.“

„Eines Tages erzähle ich dir alles darüber.“

„Okay“, erwiderte sie und ließ enttäuscht den Kopf hängen.

Er betrachtete sie eine Weile und nahm ihre Hände. „Möchtest du wissen, was ich glaube, Julianna?“ Sie nickte heftig. „Ich glaube, dass wir beide die besten Freunde werden. Würde dir das gefallen?“

Sie streifte ihre Mutter mit einem Blick, merkte, dass sie erfreut war, und sah John Powers an. „Ja, Mr. Powers, das würde mir sehr gefallen.“

Die besten Freunde: der Vater, den sie nie gehabt hatte, ihr Beschützer, ihr Liebhaber. John Powers war alles für sie geworden. Und nun wollte er sie töten.

Ein Auto hupte, dann folgte eine laute Verwünschung. Julianna schreckte blinzelnd aus ihren Gedanken hoch. Desorientiert merkte sie, wie die Menschen an ihr vorbeiströmten. Einige warfen ihr neugierige Blicke zu. John, falls er es wirklich gewesen war, war fort.

Sie zog den Mantel noch einmal enger um sich und ging eilig davon.

3. KAPITEL

Julianna fuhr aus dem Schlaf hoch. Die Augen weit aufgerissen, sah sie sich im dunklen Zimmer um, suchte nach Bewegung, horchte auf Geräusche.

Falls John sie gefunden hatte, würde er sie umbringen. Sie aufschlitzen, wie die anderen Leute auf Clark Russells Fotos.

Widersetz dich mir nicht, Julianna, hatte John sie gewarnt, oder die Konsequenzen werden dir nicht gefallen.

Sie presste die Hände auf die Augen. Nein, John hatte sie nicht gefunden. Wie sollte er auch? Sie hatte sich fast genau so verhalten, wie Clark Russell es ihr geraten hatte. Sie war weit weggelaufen, hatte nie ihre Kreditkarten benutzt, war nie lange an einem Ort geblieben und hatte keinen Kontakt mit zu Hause aufgenommen. In Louisville hatte sie sogar ihr Auto umspritzen lassen. Clark hatte ihr auch geraten, ihren Namen zu ändern und eine neue Identität anzunehmen. Doch das war nicht möglich gewesen. Die Hotels verlangten Ausweispapiere, sie brauchte ihren Führerschein, und Buster hatte eine Sozialversicherungsnummer sehen wollen.

Nein, John konnte sie nicht gefunden haben. Der Mann auf der Straße war eine Täuschung gewesen genau wie bei der Frau vor dem Spiegel.

Sie wickelte sich aus den Laken und lehnte den Rücken ans Kopfteil des Bettes. So ganz konnte sie immer noch nicht glauben, dass John ein Killer war. Er hatte sie mit Zuneigung, Geschenken, Aufmerksamkeit und Liebe überschüttet. Er hatte sie umarmt und gestreichelt und ihr Geborgenheit gegeben.

Sie schloss die Augen und dachte daran, wie sanft, geduldig und liebevoll er zu ihr gewesen war, wenn er ihr die Welt versprochen hatte.

Für nichts weiter, als dass sie sein liebes kleines Mädchen war, gefügig und süß. Ein Kind, das zu ihm aufsah wie zu seinem Vater, das nie Fragen stellte und das sein Wort als Gesetz akzeptierte.

Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie brauchte John und seine Liebe. Dieser letzte Monat schien ihr ein einziger Albtraum gewesen zu sein. Vielleicht könnte ich ja das Baby loswerden, dachte sie schluchzend, zu ihm zurückkehren und um Verzeihung bitten für meinen Ungehorsam. Er würde ihr bestimmt vergeben …

Nein, würde er nicht. Er war außer sich gewesen vor Wut. Sie rieb sich die feuchten Wangen trocken und dachte an ihre letzte Nacht, als er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte.

Er war wochenlang beruflich unterwegs gewesen. Sie hatte es sich so schön vorgestellt, es ihm in dieser Nacht zu sagen. Aufgeregt war sie gewesen und absolut sicher, John würde sich über die Neuigkeit freuen. Stattdessen hatte er sich vor ihren Augen in einen kalten grausamen Mann verwandelt, den sie nicht wieder erkannte.

Wie üblich war sie früh in sein Apartment gekommen, damit sie im Bett auf ihn warten konnte, unter der Decke zusammengerollt wie ein schläfriges Kind. Sie trug nicht etwa ein sexy Negligee für ihren Geliebten, sondern ein langes, geblümtes Nachthemd mit Rüschen an Hals, Ärmeln und Saum. Genau das also, was ein kleines Mädchen tragen würde. Johns kleines Mädchen.

Sie kuschelte sich unter die Decke, und der weiche Flanell rieb an ihren Beinen. Sie war aufgeregt, voll nervöser Erwartung. Ihr Herz schlug schnell, und sie überlegte sich immer wieder, was sie John sagen würde. Sie malte sich aus, wie er reagieren würde, wie sie gemeinsam ihre Zukunft planten.

Tief atmete sie durch, um ruhiger zu werden.

Sie war jetzt eine Frau, endgültig. Deshalb hatte sie die Pille nicht mehr genommen, ohne es ihm zu sagen. Sie war es Leid, sein kleines Mädchen zu sein. Sie wollte als Frau akzeptiert werden und war sich sicher, das Richtige getan zu haben. John würde ihr geben, was sie haben wollte. Das hatte er immer getan.

Sie presste nachdenklich eine Hand auf den noch fast flachen Bauch und stellte sich ihre Zukunft vor. Sie wollte, dass sie und John ein richtiges Liebespaar waren wie in Fernsehserien, Büchern oder Filmen, leidenschaftlich, einander verpflichtet und … erwachsen.

Sie konnte nicht genau sagen, was ihr in ihrer Beziehung zu John fehlte. Es war nicht nur, dass sie getrennt lebten. Es war auch nicht der Altersunterschied oder dass er der einzige Mann war, mit dem sie je zusammen gewesen war. Es war auch kein Mangel an Liebe – sie liebte ihn von Herzen.

Sie rollte sich auf die linke Seite, und wieder kitzelte der weiche Flanell ihre Beine. Sehnsüchtig war sie durch die Wäscheabteilungen der Warenhäuser gegangen und hatte sich die hübschen Sachen angesehen, die andere Frauen für ihre Männer trugen. Ebenso sehnsüchtig hatte sie andere Paare beobachtet, wie sie sich ansahen und berührten.

John behandelte sie anders. Sanfter. Mit Liebe, Respekt und Zärtlichkeit. Was gut war. Und doch … sie wollte mehr. Sie wollte Leidenschaft. Lust. Sogar einen gelegentlichen Streit.

Sie hörte John an der Eingangstür. Rasch schloss sie die Augen, atmete tief und gleichmäßig und stellte sich schlafend.

Das gehörte zu dem Spiel, das sie seit Jahren trieben, seit jenem ersten Mal vor langer Zeit. Nur damals war es kein Spiel gewesen, nichts Gestelltes.

Die Schlafzimmertür ging auf, Licht fiel aufs Bett. Gleich darauf sackte die Matratze ein, als John sich auf die Bettkante setzte.

Lange sagte er nichts. Sie wusste, er sah sie nur an. Wie stets unterdrückte sie den Drang, die Augen zu öffnen, um seinen Blick zu deuten und darin zu lesen, was er dachte.

„Julianna“, sagte er leise. „Ich bin es, meine Süße. Ich, John.“

„John?“ flüsterte sie, schlug langsam die Augen auf und heuchelte schläfrige Benommenheit. „Du bist zurück?“

„Ja, Liebes. Ich bin zurück.“

„Ich habe dich vermisst“, murmelte sie lächelnd. „Bist du gekommen, mir gute Nacht zu sagen?“

„Ja.“ Er hielt ihr Gesicht mit beiden Händen und sah ihr tief in die Augen. „Ich liebe dich, Julianna. Ich habe dich seit unserer ersten Begegnung geliebt. Wusstest du das?“

Sogar heute noch, nach all den Jahren, in denen sie dieses Spiel trieben, befiel sie ein Hauch von Panik.

Er beugte sich zu ihr hinunter und presste die Lippen auf ihre Schläfe. „Ich habe etwas für dich.“

Kindlichen Eifer heuchelnd, richtete sie sich im Bett auf. „Was ist es?“

Er legte ihr beide Hände auf die Schultern. „Warst du ein braves Mädchen, während ich fort war?“

Sie nickte. Wie stets in solchen Situationen verursachte ihr die Erinnerung an frühere Erlebnisse dieser Art ein sonderbares Gefühlsgemisch aus Aufregung und Unbehagen.

„Bist du jetzt mein liebes kleines Mädchen?“

Sie nickte wieder und begann zu zittern.

„Ich kann mich nicht von dir fern halten.“ Er strich ihr übers Haar. „Ich habe es versucht, aber ich kann nicht. Du gehörst mir, für immer. Verstehst du das?“

„Was … was meinst du?“

„Du wirst es bald verstehen.“ Ein Lächeln zuckte um seinen Mund. „Das verspreche ich dir.“

Er zog langsam das Laken zurück und sagte leise: „Hübsch.“ Er rieb den weichen Nachthemdstoff zwischen den Fingern. „Hübsch und niedlich.“

„John?“ Sie bemühte sich, jung und ängstlich zu klingen.

„Schon gut, mein Liebes. Zeig John, wie sehr du ihn liebst.“ Mit leichtem Druck legte er sie auf die Matratze zurück. „Zeig ihm, was für ein liebes Mädchen du sein kannst.“

Also tat sie es. Sie lag absolut still, so wie er es mochte, während seine Hände über ihren Körper wanderten, zart erst, dann leidenschaftlicher.

Er zog sich nicht aus. Er würde auch nicht in sie eindringen, das wusste sie. Das tat er nur selten. Stattdessen streichelte er sie, bemüht, ihr mit Händen und Mund Lust zu bereiten.

Erst als sie sich auf dem Höhepunkt aufbäumte und schwach wieder auf die Matratze sank, presste er sich an sie, schwitzend und keuchend, als hätte er einen Zehn-Meilen-Lauf hinter sich. Er zitterte vor unerfüllter Lust. „Meine süße, süße Julianna. Was würde ich ohne dich anfangen?“

Sie küsste ihn und dachte an ihr Baby. Noch einmal malte sie sich aus, wie er die Nachricht aufnehmen würde. „Ich liebe dich, John.“ Sie lächelte und küsste ihn wieder. „Ich liebe dich.“

„Zeig mir, wie sehr.“ Er nahm ihre Hand und legte sie an seine Erektion. „Zeig’s mir.“

Sie tat es und rieb, streichelte und massierte ihn bis zum Orgasmus.

Julianna zuckte zusammen, als sie durch lautes Gelächter im Nachbarapartment aus ihren Gedanken gerissen wurde. Einen Moment desorientiert, merkte sie, dass sie dringend zur Toilette musste.

Sie wälzte sich aus dem Bett und ging barfuß ins Bad, der Holzboden kalt unter ihren nackten Füßen. Der Spiegel über dem Waschbecken war altersfleckig. Ein Riss lief diagonal hindurch und verzerrte ihr Spiegelbild, so dass die beiden Teile ihres Gesichtes nicht zueinander passten.

Sie blickte ihr Zerrbild an und erkannte sich kaum. Die Hände auf ihrem geschwollenen Leib, wandte sie sich ab. Bemitleidenswert hatten die Kellnerinnen sie genannt. Ihr werdet es nicht schaffen, du und dein kleiner Balg.

Die Worte schmerzten jetzt noch. Warum tat sie das alles überhaupt? Warum war sie hier, allein und schwanger? Sie wollte nicht Mutter sein. Sie wollte nicht eine von diesen hohläugigen jungen Frauen werden, die zu Buster hereinkamen, ständig überfordert von ihrer jungen Brut. Dafür war sie nicht schwanger geworden.

Genau das stand ihr jedoch bevor.

Entsetzt legte sie eine Hand an den Mund. Sie hätte damals tun sollen, was John verlangt hatte, und das Baby loswerden. Sogar ihre Mutter hatte sich gefragt, ob es wirklich richtig war, es zu behalten. Vor John zu flüchten, ihm ständig einen Schritt voraus sein zu müssen, war auch ohne Kind schon schwierig genug. Sylvia Starr hatte ihrer Tochter angeboten, sie in eine Klinik zu begleiten, wo man sich des Problems annehmen würde.

Doch seinerzeit hatte sie immer noch die rosarote Brille aufgehabt, mit der sie ihre Schwangerschaft, das Erwachsensein und ihre Zukunft betrachtete.

Seufzend sank sie zu Boden und legte den Kopf gegen die Badezimmertür mit dem gesprungenen Holzimitat. Inzwischen sah sie klar. Die Zukunft machte ihr Angst, fast noch mehr als ihre Vergangenheit.

Sie schloss wieder die Augen und dachte noch einmal an die letzte Nacht mit John.

Sie hatten zusammen auf dem Bett gelegen, die Gesichter einander zugewandt, und leise miteinander geredet. John hatte sich interessiert erkundigt, was sie während seiner Abwesenheit so alles gemacht hatte, und sie erzählte ihm ausführlich von dem Aquarellkurs, den sie besuchte, und ihrer Jazztanzgruppe. Dabei wollte sie eigentlich lieber über ihre Schwangerschaft reden.

John hörte so aufmerksam zu, als wisse er genau, dass sie ihm etwas vorenthielt. Er beobachtete sie, und sie wurde nervös. Er kannte sie so gut wie niemand sonst.

Sag’s ihm einfach. Plapper drauflos – dass du die Pille absichtlich nicht mehr genommen hast, dass die Regel ausgeblieben ist, dass du beim Arzt warst und einen Urintest gemacht hast. Erzähl ihm von deiner Freude.

Nein, noch nicht, dachte sie in einem Anflug von Panik. Noch nicht.

„Wie war deine Reise?“ fragte sie stattdessen. „Erfolgreich.“

„Wo bist du gewesen?“

Er sah sie nur an. Es gab diese Regel zwischen ihnen, dass sie ihn nicht nach seinem Beruf fragen durfte. Julianna wusste, dass er für den Staat arbeitete, für die CIA oder eine ähnliche Behörde. Und sie wusste, dass seine Arbeit geheim war, aber mehr auch nicht.

Lange Zeit hatte ihr das genügt. Es war ihr gleichgültig gewesen, was er tat. Doch seit neuestem wurde sie neugierig. Sie war frustriert und verärgert wegen seiner Geheimnistuerei. Sie fühlte sich von seinem Leben ausgeschlossen und langweilte sich in ihrem.

Obwohl sie wusste, dass es ihm nicht gefallen würde, hatte sie begonnen, herumzuschnüffeln. Einmal, als er nach der Rückkehr von einer Reise gerade unter der Dusche stand, hatte sie mit hämmerndem Herzen seine Reisetasche und seine Jackentaschen durchsucht.

Beim ersten Mal hatte sie nichts Verdächtiges entdeckt, doch seit damals fielen ihr immer wieder Dinge in die Hand, die nicht zusammenpassten. In seiner Manteltasche fand sie einen geöffneten Brief, der nicht an ihn adressiert war und auch nur einen unverständlichen Satz enthielt. In seiner Reisetasche befand sich ein entwertetes Flugticket auf den Namen Mr. Wendell White nach Kolumbien, ein Land, in dem er angeblich nie gewesen war.

Der Erfolg machte sie kühner.

Wenn John nicht in der Stadt war und die allein verbrachten Nächte endlos schienen, fuhr sie heimlich in seine Wohnung und durchsuchte sie. Jede Schublade, jedes Möbelstück und jede Bodendiele klopfte sie nach Geheimverstecken ab, sah hinter jedes gerahmte Foto und hinter jedes Gemälde. Sie hatte sogar in der Tiefkühltruhe nachgeschaut und tatsächlich Erfolg gehabt. Zwischen zwei gefrorenen Fleischstücken, eingewickelt in weißes Fleischerpapier, entdeckte sie ein in schwarzes Leder gebundenes Notizbuch mit Spalten voller Daten und kodierten Einträgen.

Erst da ging ihr auf, warum John nie von seiner Arbeit sprach, warum er nie Kollegen erwähnte. Warum er in die ganze Welt flog und nie eine Nummer hinterließ, unter der er zu erreichen war.

John ist ein Spion!

Ängstlich hatte sie damals rasch das Notizbuch in sein Versteck zurückgelegt.

„Ich muss morgen wieder weg, Julianna.“

Sie stützte sich auf einen Ellbogen. „Aber du bist doch gerade erst gekommen.“

„Ich habe noch etwas zu erledigen. Tut mir Leid.“

„Wie lange bist du diesmal weg?“

„Ich weiß nicht. Eine Woche, zwei. Vielleicht einen Monat. Hängt davon ab, wie sich der Auftrag entwickelt.“

„Dann sag mir zumindest, wohin du fährst.“

„Das kann ich nicht, wie du weißt.“

Natürlich wusste sie das, aber das machte es nicht einfacher. Schmollend drehte sie ihm den Rücken zu.

„Sei nicht so“, schalt er. „Du bist zu gut, um dich so aufzuführen.“

Sie sah ihn über die Schulter wütend an. „Aber ich langweile mich so, wenn du weg bist. Ich habe nichts zu tun, und ich bin einsam!“

„Vielleicht hilft das.“

Er hatte das Jackett neben das Bett geworfen und zog nun aus dessen Tasche ein blaues Samtkästchen, das er ihr reichte.

„Für mich?“ fragte sie erfreut.

„Für wen sonst?“ erwiderte er lächelnd. „Mach es auf.“

Sie setzte sich hin, nahm ihm eifrig das Kästchen ab und öffnete es. Auf blauem Samt funkelte ihr ein Paar Diamantohrstecker entgegen. Sie betrachtete sie einen Moment sprachlos. Es waren große Steine. Jeder hatte mindestens ein Karat. „John, sie sind wunderschön“, schwärmte sie schließlich.

„Nicht so schön wie mein kleines Mädchen“, erwiderte er leise und nahm ihr behutsam das Kästchen ab. „Ich möchte sie dir anstecken.“ Sie strich das Haar hinter die Ohren. Er führte den Steg durch die Löcher in den Ohrläppchen und befestigte sie von hinten. Sobald er fertig war, sprang Julianna aus dem Bett und lief ins Bad vor den Spiegel. Die Diamanten glitzerten feurig im Licht.

John folgte ihr ins Bad und stellte sich hinter sie. „Sie werden dir gar nicht gerecht“, sagte er. „Sie sind nicht so außergewöhnlich, wie du es bist. Ihnen fehlt deine Wärme und dein Feuer.“

„Ach, John!“ Sie fuhr zu ihm herum und umarmte ihn. „Sie sind wunderschön. Sie gefallen mir sehr.“ Sie drückte ihn an sich. „Danke, vielen Dank.“

„Dummchen.“ Lachend strich er ihr das Haar aus dem Gesicht. „Weißt du denn nicht, dass du sie verdienst?“

„Du verwöhnst mich.“

„Du wurdest geboren, um verwöhnt zu werden.“ Ein Lächeln spielte um seinen Mund. „Damit ich dich verwöhnen kann.“ Er küsste sie. „Ich denke, ich lasse uns ein Bad ein. Würde dir das gefallen?“

Sie rieb sich an ihm. „Klingt wunderbar.“

Er wandte sich ab und ließ die große alte, auf Klauenfüßen stehende Wanne voll laufen. John liebte es, sie zu baden, wie er es getan hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Er wusch ihr Haare und Körper, wickelte sie in ein großes weiches Badetuch, cremte und puderte sie ein und trocknete ihr die Haare. Das Bad begann wie immer. Er nahm einen Waschlappen und seifte sie damit ein. Dabei raunte er leise vor sich hin. Plötzlich hielt er inne und zog die Stirn kraus. „Du legst Gewicht zu“, stellte er leicht vorwurfsvoll fest und fuhr ihr mit seifigen Fingern über Taille und Bauch.

Julianna erstarrte geradezu. John liebte sie spindeldürr und mädchenhaft. Was würde er sagen, wenn er erfuhr, dass sie für die nächsten sechs Monate nicht mehr dünn werden würde?

„Schon gut“, sagte er und missverstand ihr Schweigen als Kummer. „Ich arbeite dir eine Diät und ein Trainingsprogramm aus. Du bekommst einen persönlichen Trainer. Dann bist du die zusätzlichen Pfunde im Nu wieder los.“

Er tauchte den Waschlappen ins Wasser und fuhr ihr damit über Schultern und Rücken, von dort sanft reibend nach vorn über ihre Brüste.

Wieder verharrte er. Sie sah ihn über die Schulter an. „John, ich muss dir etwas sagen.“

Sein Blick wanderte von ihren Augen zu ihren Brüsten, die er prüfend umfasste.

Sie spürte sich erröten. Er weiß es. Er sieht und spürt die Veränderungen meines Körpers.

Nervös sprudelte sie hervor, wie sie aufgehört hatte, die Pille zu nehmen. Dann war ihre Periode ausgeblieben, und sie hatte einen Arzt aufgesucht. „Ich bin schwanger!“ endete sie aufgeregt. „Wir werden ein Baby bekommen. Wir werden eine richtige Familie sein!“

Er starrte sie mit leerem Blick an, und an seinem Kiefer begann ein Muskel zu arbeiten.

„John?“ sagte sie nach einer kleinen Ewigkeit voller Furcht. Die Sache lief nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Er braucht Zeit, sich daran zu gewöhnen, dachte sie. Er muss sich mit dem Gedanken erst vertraut machen, Daddy zu sein.

„Und du willst es?“ fragte er. „Du hast das geplant?“

„Ja.“ Sie sah ihn flehentlich an. „Ich hoffe, du bist nicht verärgert, aber ich wollte, dass wir … ein richtiges Paar sind. Ich liebe dich so sehr, und ich wollte wie andere Frauen sein.“

„Wie andere Frauen“, wiederholte er. „Du weißt nicht mal, was das bedeutet.“

„Ich weiß es. Zumindest glaube ich das. Lass es mich versuchen, John. Bitte.“

„Das wird nicht passieren, Julianna. Dieses Baby wird nicht geboren werden.“ Er ließ den Waschlappen sinken. „Also, vergiss es.“

Seine Reaktion traf sie bis ins Mark. Sie griff voller Panik nach seiner Hand. „Aber warum nicht? Du sagst, du liebst mich. Du musst mich nicht heiraten, das will ich gar nicht. Ich will …“

„Was?“ Er schüttelte ihre Hand ab. „Fett und überfordert und ständig müde sein? Lieber Fußabtreter sein, anstatt Prinzessin?“

„Nein!“ Tränen traten ihr in die Augen. „So muss es nicht werden. So war es bei meiner Mutter auch nicht.“

„Deine Mutter ist eine Nutte. Willst du das sein?“

Sie starrte ihn schockiert an. Wie konnte er so von ihrer Mutter reden? Sie waren Freunde gewesen, sie hatten sich mal geliebt.

„Ich teile dich mit nichts und niemand, Julianna. Nicht mit einem anderen Mann, nicht mit einer Karriere, einer besten Freundin oder einem Kind. Hast du mich verstanden?“

„Aber das ist nicht fair!“ begehrte sie auf wie ein trotziges Kind.

„Nein?“ Er lachte kalt und abweisend. „Wer behauptet, das Leben müsste fair sein?“

„Ich will das Baby, John.“

„Tut mir Leid, das zu hören, aber das kannst du dir abschminken. Steig jetzt aus der Wanne. Wenn du angezogen bist, bereden wir, was du gegen dein Problem unternimmst.“

„Was ich dagegen unternehme!“ schrie sie. „Du meinst wohl, was du mir sagst, was ich unternehmen soll.“

„Richtig.“ Er ging auf die Tür zu. „Ich bin in der Küche.“ „Warum bist du so?“ Sie stand auf, nahm ein Handtuch und zitterte vor Zorn und Empörung. Es war so unfair! Sie war fast zwanzig und kein Kind mehr. „Du behandelst mich wie eine Zweijährige. Das reicht mir! Ich will nicht mehr dein kleines Mädchen sein!“

John fuhr zu ihr herum und sah sie scharf an. „Ich rate dir, damit aufzuhören, Julianna, ehe es zu spät ist!“

Sie reckte trotzig das Kinn vor und ignorierte seine Warnung, ob wohl sein Ausdruck und sein Tonfall ihr Angst machten. Sie streckte die Arme aus. „Sieh mich an, John. Warum kannst du mich nicht als Frau akzeptieren? So wie du andere Frauen akzeptierst. Warum kannst du nicht einmal …“

Ihre Stimme erstarb, als sich Johns Gesicht in eine kalte, fast unmenschliche Fratze verwandelte. Sie erkannte ihn nicht wieder. Als er auf sie zukam, wich sie zurück und fühlte sich so klein und verletzlich wie das kleine Mädchen, das sie nicht mehr sein wollte. „John, bitte“, flüsterte sie, „sei mir nicht böse. Ich wollte nur …“

Seine Hand schoss vor. Er griff ihr an die Kehle und drückte ihren Kopf gegen die Fliesenwand, dass sie Sterne sah. „Du willst also wie andere Frauen sein, richtig?“

Sie versuchte entsetzt, seine Finger von ihrer Gurgel zu lösen, und rang keuchend nach Atem.

„Ich verwöhne dich, behandle dich wie eine Prinzessin, aber das willst du gar nicht.“

Sie hatte ihn noch nie so er lebt. Er hob nicht mal die Stimme, und gerade diese erzwungene Ruhe machte ihr Angst. Wo war der John, den sie kannte, der zärtliche, geduldige Liebhaber? Er beugte sich zu ihr vor, die Augen eisig. „Du willst wie andere Frauen sein? Wie deine Mutter, die Nutte?“ Er riss sie aus der Wanne und drückte sie auf den Boden. „Dann komm, ich behandle dich wie andere Frauen.“

„Nein, John! Es tut mir Leid. Bitte …“ Sie versuchte sich aufzurappeln, doch er schlug sie nieder und warf sich auf sie, dass ihr die Luft wegblieb.

„Ich behandle dich wie andere Frauen“, wiederholte er und öffnete die Hose. „Für mich warst du etwas Besonderes, aber das war dir nicht gut genug.“ Er spreizte ihr gewaltsam die Beine. „Dann sei wie jede andere, Julianna.“ Er stieß in sie, dass sie aufschrie, immer wieder, als versuche er, das Kind in ihr zu töten. Schließlich zog er sich zurück, doch der Albtraum war nicht vorüber.

Er warf sie auf den Bauch, zog sie an den Hüften hoch und drang wieder in sie ein. „Gefällt dir das … wie die Hunde, meine Süße, meine Prinzessin? Grunz für mich wie eine brünstige Sau!“ Er knetete ihre zarten Brüste. „Tu es, Julianna!“

Schluchzend und gedemütigt zwang sie sich zu einigen Lauten und wäre am liebsten gestorben.

Auf dem Höhepunkt presste er sich an sie und stieß Laute aus wie ein Raubtier, dass seine Beute überwältigt.

Endlich ließ er von ihr ab, und sie sackte auf den Boden. Von Bauchkrämpfen geschüttelt, als zerstörten ihr scharfe Messer die Eingeweide, rollte sie sich weinend zusammen wie ein Fötus und schlang die Arme um sich.

„Jetzt bist du wie andere Frauen.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Albtraum" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen