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Der Admiral

Zufälle, die keine sind

Mitte Februar 2010 teilte mir meine Kusine Ingrid aus Thum, einem kleinen Ort in der Voreifel, mit, dass es ihrem Mann Alfred gesundheitlich sehr schlecht ging. Sie fragte mich, ob wir nicht Zeit und Lust hätten, mit ihnen den Rosenmontag im Familienkreis zu feiern. Dieses sei ein großer Wunsch von Alfred. Schon seit einiger Zeit hatten wir vor, dort hinzufahren, doch hier in Mainz hatten wir genug Fastnachtstrubel, deshalb wurde dieser Besuch bis jetzt immer wieder verschoben. Ich hoffte sehr, meinen Cousin Alfred trotz seiner schweren Krankheit noch munter und fröhlich anzutreffen.

Schon am nächsten Tag machten wir uns in der Frühe auf den Weg. Ich las Zeitung, um mich von dem Gedanken an Alfred abzulenken. Dabei nutzte ich die Gelegenheit, die Angebote für einen Nebenjob zu studieren. Seit 2006 war ich in Rente und fühlte mich noch fit genug, etwas Sinnvolles zu tun. Es wurde ein Arbeitsplatz als Haushälterin in der Oberstadt von Mainz angeboten. Dahinter stand eine außergewöhnliche Telefonnummer, die man sich schnell merken konnte. Mein Mann meinte, es könnte etwas Interessantes sein. Ein Versuch kann nicht schaden, sagte ich mir, und das sollte sich auch bei meinem Anruf, den ich gleich während der Fahrt machte, als Glückstreffer bestätigen: Eine nette Dame meldete sich. Ich spürte eine Herzlichkeit in ihrer Stimme und entschuldigte mich für meine Heiserkeit, die in der „fünften Jahreszeit“, der Karnevalszeit, bei mir nicht ungewöhnlich war. Die Frau sagte mir, dass es gar nicht so schlimm sei. Mir fiel ein Stein vom Herzen, und ich fühlte mich erleichtert, als sie mir einen schnellstmöglichen Termin nach unserer Rückkehr nach Mainz vorschlug. Mir war, als wäre es ihr sehr wichtig. Ich wünschte mir, dass es sich um einen Arbeitsplatz handelte, der mir Spaß und Freude bereiten würde.

Es war schön, meinem Cousin Alfred mit unserem Besuch eine Freude zu bereiten. Mit seinem Sohn Matthias, dessen Frau Ingrid und ihren Freunden und Nachbarn feierten wir in einem kleinen Vereinsheim, welches unmittelbar vor Ingrids und Alfreds Haustür lag.

Ich war glücklich, dass er trotz Krankheit sein unverkennbares Lachen und den Humor nicht verloren hatte. So verbrachten wir gemeinsam angenehme und kurzweilige Stunden.

Schon am Tag nach Rosenmontag fuhren wir mit gemischten Gefühlen und traurigen Gedanken nach Hause. Die Vorstellung, ihn vielleicht nie wiederzusehen, machte mir sehr zu schaffen. Schon in der Kindheit war unser Verhältnis zu Alfred und seinem etwas älteren Bruder Oskar eng und geprägt von Fröhlichkeit. Meine Schwester Christel und ich hatten immer viel Spaß, wenn wir als Kinder dort unsere Ferien verbringen durften. Als Berliner Großstadtkinder fühlten wir uns auf dem Land sehr wohl und genossen die Zeit, uns von der Tante und dem Onkel, verwöhnen zu lassen.

Wie alles begann

Schon am nächsten Tag – es war ein kalter Winter, und es lag noch viel Schnee auf den Straßen – bat ich meinen Mann, mich an diesem Nachmittag zur Familie K. zu begleiten. Sie wohnten in Mainz Oberstadt in einem alten, schönen Doppelhaus einer kleinen Nebenstraße. Ein alter Brunnen schmückte in der Mitte ein Rondell vor dem Haus.

Was für einen hübschen Arbeitsplatz ich hier hätte, hier würde ich mich wohlfühlen! Herzlich wurden wir beide begrüßt. Eine liebenswerte, freundliche Dame strahlte uns entgegen, und es schien so, als wäre sie glücklich. Beim Eintritt in dieses Haus sagte sie „Es wäre nur schön, wenn Sie ihre Schuhe ausziehen würden. Dieser Schneematsch muss nicht unbedingt in die Wohnung getragen werden.“ Man merkte gleich, dass alles hier seine beste Ordnung hatte. Ich mochte ihre Art und Weise, sich so auszudrücken, dass ich gleich wusste, woran ich war. Sie sagte es höflich, aber bestimmt.

Es war ein großes Haus, und sie führte uns ein paar Treppen hoch zum Wohn- und Essbereich. Eine rote, runde Esszimmerlampe brachte Gemütlichkeit in den Raum. Hier musste man sich gleich wohlfühlen. Meinen Mann bat sie, sich solange im Wohnzimmer zu setzen, damit wir beide über das Wesentliche sprechen konnten. Im Esszimmer erzählte mir Frau. K., dass sie gemeinsam mit ihrem Mann und Ralf, dem jüngsten von drei Söhnen, hier wohnte. Ralf war selbstständiger Möbelschreiner und, wie sich mir bald zeigen sollte, Meister in seinem Fach: In den Räumen waren von ihm hergestellte, erstklassige und hochwertige Möbel zu bewundern.

In unserem Gespräch machte mir Frau K. aber auch sehr deutlich, dass ihr Sohn bald ausziehen würde, um endlich auf eigenen Beinen zu stehen. „Machen Sie sich, liebe Frau Witzig, keine Sorgen: Sie sind nur für meinen Mann zuständig“, sagte Frau K. und stellte sich mit ganzen Namen vor. Sie hatte zwei wunderschöne Vornamen, doch der erste gefiel mir ganz besonders: IRIS. Wie schön, sagte ich ihr, meine älteste Tochter heißt auch IRIS. Meine Annahme aus unserem ersten Telefongespräch sollte sich also bestätigen: Sie berichtete mir, dass sie sehr krank sei und nur noch kurze Zeit zu leben hätte. Deshalb habe sie es sehr eilig. Sie suche eine passende Person für ihren Mann, die den Haushalt führt. Sie hätte noch eine Krankenschwester in Aussicht, die hier auch gleichzeitig einziehen könnte, und im Haus sei ja genügend Platz.

Dieses Gespräch hatte mich unglaublich berührt, aber auch vor vollendete Tatsachen gestellt. Wie stark müsste ich jetzt sein, um hier, in dieser Familie und dem großen Haus bestehen zu können? Ich nahm diese Herausforderung aus vollstem Herzen an und sagte ihr, dass ich noch einmal kurz nach Berlin reisen müsste. Meine Mutter wurde neunzig Jahre alt, und das wollten wir mit der ganzen Familie feiern. Ich versprach, dass ich mich in drei Tagen ganz schnell zurückmelden würde. Alles war jetzt besprochen, nur würde Frau Iris die Zeit noch reichen? Das wird ein Wettlauf mit der Zeit, so dachte ich, und es dürfte nichts mehr dazwischenkommen.

Sie stellte uns noch ihrem Mann vor, der in der unteren Etage sein großes Büro mit einem Schlafbereich hatte. Ich hatte den Eindruck, dass sofort eine gewisse Sympathie zwischen den beiden Männern entstand. Auch mein Mann hoffte, dass ich diesen Arbeitsplatz bekommen könnte, da er spürte, dass zwischen dem Herrn Professor und ihm auch eine gewisse gleiche Wellenlänge bestand. Als Architekt war der Professor in Mainz sehr beliebt und bekannt. Man merkte sofort, dass er sich mit meinem Mann, dem Bauingenieur und Offizier der Bundeswehr, sicherlich gut verstehen würde.

Sie brachte uns noch zur Tür und verabschiedete sich hoffnungsvoll von uns. Im Bedürfnis, ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange zu geben, sagte ich: „Wir beeilen uns!“ Dieser zarte Kuss auf ihre Wange tat uns beiden sehr gut. Ich fühlte mich zu Frau Iris hingezogen, ich weckte wohl auch ein herzliches Vertrauen in ihr. Erst viel später bemerkte ich an vielen kleinen Dingen, dass wir ein Stück weit seelenverwandt waren.

Die Fahrt nach Berlin

Ende Februar fuhr ich von Berlin mit der Bahn nach Mainz zurück. Mein Mann musste noch dienstlich in Berlin bleiben. Ich hoffte nur, dass ich schnell und ohne größere Verspätung zu Hause ankommen würde. Unterwegs wurde bekannt gegeben, dass schwere Stürme zu erwarten waren. Ausgerechnet jetzt, wo ich es doch so eilig hatte, nach Mainz zu kommen! Viele Züge fielen aus und auch mein Zug musste wegen umgestürzter Bäume die Fahrt vorzeitig beenden. Ich stieg gezwungenermaßen bereits in Fulda aus und wusste nicht, wie ich noch am gleichen Tag pünktlich in Mainz ankommen sollte. Ich machte mir große Sorgen um Frau Iris und ihren Mann, die auf mich warteten.

Zum Glück konnte ich mit meinem Handy meinen Schwiegersohn Kai erreichen, der mit dem Auto auf dem Heimweg von Berlin nach Mainz war. Ich spürte eine große Erleichterung ich in mir. Wenige Zeit später wurde ich in Fulda abgeholt. Trotz des starken Sturmes sind wir gut zu Hause in Mainz angekommen. Ich war so glücklich, mich gleich am nächsten Tag pünktlich bei Frau IRIS melden zu können.

Frau Iris

Am 1. März 2010 begann mein erster Arbeitstag. Frau Iris und ihr Mann freuten sich sehr, dass ich nach dieser Fahrt unbeschädigt zurückgekommen war. Ich sah in vier leuchtende Augen und wurde herzlich empfangen. Mir wurde klar, dass mir nur wenig Zeit zur Verfügung stand, um mich einzuarbeiten. Frau Iris zeigte mir erst einmal alle Räumlichkeiten. Sie wirkte etwas müde und geschwächt und musste zwischendurch leicht husten. Dabei versuchte sie, sich immer zu entschuldigen. Mir fiel es nicht leicht, die passenden Worte zu finden.

Aber sie war auch eine starke Kämpferin. Obwohl ihr jeder Gang schwerfiel, ließ sie es sich kaum anmerken. Immerhin hatte dieses Haus zahlreiche Treppen mit vielen Stufen, die sie bewundernswert bewältigt hat! Was sie sagte, war gezielt überlegt, sie hatte alles genau bis ins Letzte geplant. Mir war noch gar nicht richtig bewusst, dass uns diese liebe Frau Iris bald für immer verlassen würde. Ein paar kleine Wünsche hatte sie noch: Ich sollte ihr eine Spargelsuppe kochen, obwohl es gar keinen frischen Spargel gab. Sie begnügte sich mit einem Tütchen Fertigsuppe zur Mittagszeit. In ihrer Bescheidenheit lobte sie mich und war zufrieden mit meiner bescheidenen Kochkunst. Wie gerne hätte ich ihr eine echte Spargelsuppe gekocht, doch sie konnte nicht mehr allzu viel Nahrung zu sich nehmen.

Danach gingen wir ins Schlafzimmer. Sie hatte noch einige Bügelwäsche, und ich sollte ihr zeigen, wie ich die Wäsche nach dem Bügeln zusammenlegte. Auch das fiel zu ihrer Zufriedenheit aus. Nur bei den Oberhemden ihres Mannes müsste ich immer den dritten Knopf von oben zuknöpfen, das war ihr sehr wichtig. Das sorgte für die Bequemlichkeit beim Anziehen der Oberhemden. Außerdem musste ich feststellen, dass die Hemden dadurch viel besser und schöner im Schrank und auf den Bügeln hingen. Diese spezielle Ordnung wollte ich unbedingt beibehalten und alles in ihrem Sinne weiterführen.

Alles Weitere würde ich mir selber aneignen und mich zurechtfinden. Sie hatte nur noch einen ganz kleinen, aber für sie doch großen Wunsch: Schon am nächsten Morgen sollte ich sehr früh kommen, um ihr ihre Haare etwas kürzer zu schneiden, denn für einen Friseurbesuch würde es sich nicht lohnen. Oh, mein Gott, was hätte ich noch alles für diese liebenswerte Frau getan! Da ich noch einige Erfahrungen aus meiner früheren Ausbildung als Friseurin hatte, war es für mich eine Kleinigkeit, ihren Wunsch zu erfüllen und sie auf diese Weise etwas glücklich zu machen.

Wie sollte es jetzt bald ohne diese liebe Frau hier weitergehen? Ich stellte mir viele Fragen, die mir jetzt allerdings noch niemand beantworten konnte. Auch, wie man hier mit der Trauer umgehen würde und wie ich mich dabei verhalten sollte, war mir noch unklar. Aber die klare Frage von Frau Iris, ob ich mir diesen Haushalt zutrauen würde, beantworte ich spontan mit „Ja“, gerne sei ich bereit, diesen Arbeitsplatz anzunehmen. In ihrem zarten Gesicht und in ihren Augen, sah ich ein warmes Gefühl der Erleichterung aufflackern. So konnte ich ihr noch etwas über meinem Lebenslauf schildern:

Mein Lebenslauf für Frau Iris

30 Jahre lang war ich berufstätig bei der Bundeswehr. Mit meinem Mann Arno, der auch bei der Bundeswehr als Schreiner arbeitete, hatte ich drei erwachsene Kinder. Ich war erst 17 Jahre jung, als ich unsere Tochter Iris bekam, und im Alter von gerade erst einmal 40 wurde ich bereits Oma. Nun sind es bereits fünf Enkelkinder. Ich bin froh, dass meine gesamte Familie in Mainz wohnte.

Frau Iris lächelte mir zu, und alles schien ihr sehr zu gefallen, auch, dass meine Tochter Iris hieß. Sie liebte es, eine Familie, Kinder und Enkel zu haben, genauso wie ich. An den vielen netten und hübschen Familienfotos, die an der Wand hingen, konnte ich ihr nachfühlen, wie sehr sie an allen hing. Jetzt freute ich mich immer mehr auf diesen schönen Arbeitsplatz. Kurz: Ich bekam die Stelle im Hause des Professors.

Auszug aus der Kartaus

Alles ging jetzt sehr schnell. Mit der Gewissheit, alles erreicht und nach ihren Wünschen erledigt zu haben, konnte sie jetzt ins Hospiz nach Drais gehen. Anfang März wurde der kleine Umzug durchgeführt. Obwohl sie nur das Nötigste mitnahm, fiel mir auf, dass der rote runde Teppich vor einer alten und sehr schönen Kommode im Esszimmer fehlte. Dieser rote Teppich sollte das Schmuckstück in ihrem neuen Zimmer sein. Sie liebte diese frischen Farben, die Wärme ausstrahlten, so wie auch ihre große, runde Esszimmerlampe.

Herr K., ab jetzt nenne ich ihn „mein Chef“, bat mich, mit ihm ins Hospiz zu seiner Frau zu fahren.

Dort hatte ich ein paar Tage später noch einmal die Gelegenheit, mit Frau Iris zu reden und mich von ihr für immer zu verabschieden. Ich werde diesen Augenblick nie vergessen: Wie schön doch ihr Zimmer war! Die Gardinen waren in einem wunderschönen Blau mit gelben Blüten gehalten und von Sonnenstrahlen angeleuchtet, die durch ihre Fenster schienen. Vor ihrem Bett lag ihr geliebter roter runder Teppich, der ebenfalls von der Sonne angestrahlt wurde. Hier konnte sie sich noch in ihren letzten wenigen Tagen wohl fühlen. Sie wirkte zufrieden, ja ,sogar glücklich.

Bis ins Kleinste hatte sie alles vorbereitet und diesen Zeitpunkt geplant, sich von all ihren Liebsten zu verabschieden. Mit aller Kraft begleitete sie mich noch bis zur Tür. Wie stark und bewundernswert sie doch war! Wie gerne wäre ich noch länger bei ihr geblieben! Mein Chef ging schon ein wenig voraus, sie hielt ganz kurz meine Hand und fragte mich, ob ich noch etwas wissen möchte. In meiner ganzen Traurigkeit konnte ich nur antworten, es sei alles in bester Ordnung. Zum Abschied umarmte ich sie und spürte, dass sie erleichtert und glücklich war. Aus meiner Hand pustete ich ihr einen letzten Gruß zu. Ihren letzten Blick aus dem Fenster mit einem liebenswerten Lächeln werde ich nie vergessen. Noch in dieser Nacht schlief sie friedlich ein.

Trauer um Frau Iris

Meine Aufgabe, Hausdame und vieles andere zu sein, machte mir viel Freude. Schnell hatte ich mich eingewöhnt und konnte die Wünsche meines Chefs erkennen und zum größten Teil auch ausführen. Auch hatte ich stets ein Gefühl der Geborgenheit in diesem Haus, und dass unsere Frau Iris immer in unserer Nähe war.

Die Trauerfeier wurde in der Lutherkirche abgehalten. Als er erfuhr, dass mein Mann auch Orgel spielte, bat er ihn, dies für seine Frau zu tun. Wir waren beide froh darüber, dass sie auf diese Weise von uns noch einen letzten Gruß mitnehmen konnte.

In der sehr bewegenden Predigt wurde über den Lebensweg der Familie berichtet und es war interessant, zuzuhören. Erst jetzt erfuhr ich sehr vieles über diese selbstbewusste und starke Frau. Aus jedem Wort hörte man über ihre guten und ehrenamtlichen Taten. Sie war für alle anderen da, ohne sich damit in den Vordergrund zu stellen. Frau Iris war fähig, ihre eigene Persönlichkeit zu entfalten und ganz unverwechselbar zu sein. Dabei konnte sie für die Menschen ein wirkliches Gegenüber darstellen, der dem anderen seinen Freiraum ließ.

Jetzt lernte ich die gesamte Familie meines Chefs kennen. Wie schade, dass es aus diesem traurigen Anlass war: drei erwachsenen Söhne, zwei Schwiegertöchter und zwei nette Enkel. Viele Trauergäste, darunter Nachbarn, Freunde und Menschen, die in seinem Hause willkommen waren, befanden sich unter den Trauernden. Noch konnte ich das alles nicht einordnen, aber die Zeit würde es mit sich bringen. Ich spürte ein wenig Stolz in mir, dass mich der Weg zu diesem Haus in der Oberstadt geführt hatte.

Frau Iris wollte nicht in ihrer Umgebung oder auf dem Hauptfriedhof Mainz bestattet werden. Sie hatte den Wunsch, auf dem Waldfriedhof in Mombach beigesetzt zu werden. Ich sah bei dieser Urnenbeisetzung, wie vorteilhaft dieser Friedhof sich in den letzten Jahren verändert hatte, und dass es sogar eine ganz neu angelegte „anonyme Wiese“ gab. Alles sah noch so unberührt, gepflegt und leer aus. Hier wollte sie ihre letzte Ruhe finden. Nur die Familie und die engsten Freunde waren anwesend. Ein letztes Geschenk ihres Sohnes Ralf war die von ihm angefertigte wunderschöne Kirschbaumurne. Nach dem Gebet der Pfarrerin reichte uns die Schwiegertochter Anne eine Schale mit Lilien, auch Iris genannt. Jeder sollte diese als letzten Gruß einpflanzen.

IRIS, immer ging mir dieser Name durch den Kopf. Auch meine Tochter wurde in Berlin geboren, wie Iris, die Frau meines Professors. Vieles kam mir im wahrsten Sinne des Wortes sehr „merkwürdig“ vor. Doch jetzt war noch nicht die Zeit, darüber nachzudenken und zu sprechen.

Mein Lebenslauf:
Umzug von Frankreich nach Mainz-Mombach

Mit unseren drei Kindern zogen wir 1974 von Frankreich nach Mombach, wo meine Tochter Iris heute noch in der Straße, die zum Friedhof führt, wohnt. Wir mochten die schöne Umgebung mit einem großen Wald, der gleich hinter unserer Wohnsiedlung begann. Hier gab es noch eine Menge schöner Obstplantagen und Schrebergärten. Gerne war ich mit den Kindern zum Waldfriedhof gelaufen. Für mich galt er als Ruhepol mit seinen Blumen, Eichhörnchen, Vogelgezwitscher und freundlichen Menschen. Hier konnte ich auch meinen Verstorbenen näher sein, die weit von mir entfernt waren, in Berlin-Spandau. Später zogen wir innerhalb Mainz um, nur meine Tochter Iris blieb in Mombach. Hier fühlte sie sich wohl und blieb dort sesshaft.

Ähnlichkeiten

Während der Beisetzung gingen meine Gedanken zu meinem 1984 verstorbenen Vater Anton Baum. Auch er wurde auf der ersten, neu angelegten anonymen Wiese in Berlin-Spandau beigesetzt. Neben seiner Urnengrabstelle stand eine noch ganz junge und kleine Kiefer. Mehr als dreißig Jahre sind seitdem vergangen, diese Kiefer neben Frau Iris schien mir genauso alt zu sein. Ich liebte Bäume, das brachte vermutlich mein Nachname „Baum“ so mit sich. So fing ich eines Tages an, Bäume mit ihren – im Stamm nur für mich erkennbaren – Gesichtern zu malen.

Der Sohn Ralf ist Schreinermeister für anspruchsvolle Möbel. Auch hier wurde ich nachdenklich. Zwar war mein Mann aus erster Ehe kein Meister und Möbelschreiner, doch war er in seinem Fach stets als sehr guter Schreiner bekannt. Besonders unsere Tochter Iris liebte alles, was aus Holz war, gern hatte sie gemeinsam mit ihrem Vater kleinere und auch größere Holzarbeiten durchgeführt.

Meine Gedanken gingen von Frau Iris auch zu meiner Mutter Else Baum. Mit ihren neunzig Jahren hatte sie bereits ein sehr schönes und hohes Alter erreicht. Ich würde im Falle ihres Todes mit Ralf reden und ihn bitten, für meine Mutter Else ebenfalls eine schöne, hölzerne Urne anzufertigen.

Jede Woche stellte ich Blumen vor das Bild von Frau Iris. So manches Mal hatte ich mich davorgesetzt und mit ihr gesprochen, und immer wieder hatte ich mich für diesen wunderschönen Arbeitsplatz bedankt. Alles passte gut zusammen, jeder konnte sich nach und nach auf den anderen einstellen und verlassen.

Im August des gleichen Jahres bekam ich die Nachricht von meiner Kusine Ingrid, dass mein Cousin Alfred in Thum verstorben war. Auch er hatte es damals im Februar sehr eilig, mich zu sehen.

Ein Grund mehr, über seltsame und ungewöhnliche parallele Ereignisse nachzudenken …

Arbeit und Leben im Hause des Professors

Ich hatte einige Zeit gebraucht, um mich in diesem Haus in den zahlreichen Räumlichkeiten mit Nischen und Türen und Treppenaufgängen zurechtzufinden. Vor einem Jahr, noch zu Lebzeiten von Frau Iris, hatte ich mich darüber noch amüsiert, dass alles hier irgendwie sehr „verschachtelt“ war. Sie hatte gelacht und mir recht gegeben. Mein Mann war da anderer Ansicht und meinte, „Du willst es dir doch mit einem Architekten in seinem von ihm umgebauten Architektenhaus nicht gleich verderben, oder?“

Sohn Ralf wohnte immer noch zu Hause, und das war gut so. Auf diese Weise war sein Vater nicht ganz alleine im Haus. Trotz seiner vielen Freunde und Besucher war es meiner Ansicht nach gut, wenn sich jemand in seiner Nähe befand. Seine Disziplin, sich geistig wie körperlich fit und ausdauernd zu halten, setzte mich immer wieder ins Erstaunen und Bewunderung.

Zu meiner Freude lernte ich hier einen wichtigen Menschen und Freund im Hause meines Professors kennen. Mit diesem plante und führte er immer wieder größere Reisen im In- und Ausland durch. Ich freute mich stets auf diesen fröhlichen Besuch und anschließend auf die Erlebnisberichte und Fotos dieser beiden interessanten Menschen.

Der neunzigste Geburtstag

Im Oktober 2011 feierte mein Chef in der Aula der Fachhochschule Mainz seinen neunzigsten Geburtstag. Mit welcher Freude und Hingabe er dieses große Fest geplant und ausgearbeitet hatte, war für uns alle erstaunlich und bemerkenswert. An alle Freunde und Bekannten hatte er handschriftlichen Einladungen verschickt.

Es wurde ein wundervolles Fest im Kreise seiner Familie und unglaublich vielen interessanten Freunden. An alle hatte er gedacht, und wie gerne hätte er jetzt seine liebe Frau Iris mit den gemeinsamen kostbaren Erinnerungen an seiner Seite gehabt. Danke, lieber Professor, dass mein Mann und ich dabei sein durften. So bekamen wir einen Einblick aus ihrer persönlichen Architektenwelt.

Meine Tochter Iris

Es war zugleich aber auch das dritte Jahr, in dem sich meine Tochter Iris von mir und meinem Mann völlig zurückgezogen hatte.

Seit August 1986, nach der Geburt ihres Sohnes Patrick, hatte meine Tochter Iris gesundheitliche Probleme. Sie war damals 23 Jahre alt und wohnte in Mainz-Mombach, ganz in unserer Nähe. Ein Anruf von meiner Tochter hatte mich damals schockiert: Sie bat mich um schnelle Hilfe für ihren Sohn und sich selbst. Ich ahnte Schlimmes und fuhr von meinem Arbeitsplatz aus sofort zu ihr. Dort musste ich erkennen, dass ich ihr bei ihrem psychischen Zustand nicht weiterhelfen konnte. Dies bedrückte mich sehr.

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