Logo weiterlesen.de
Der 4. Weltkrieg

Intro

Orte, Namen, Zeiten und Geschehnisse sind austauschbar, niemals aber das Wesen der Dinge.

Niemand weiß, ob es so wird, ob es so war:

Aber es könnte so gewesen sein und ist vielleicht schon so. 

Reality or fiction?

 

 

Gegen das Vergessen.

 

Prolog

Falls Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. 

(George Orwell)

 

 

Der Krieg, er ist nicht tot, der Krieg

 

(Rio Reiser) 

Die Protagonisten

Alas Batifka: Informationsminister (Nigeria)

Audrin Boldeyn: FBI-Chefin (VE)

Beate Gausgens: Generaloberste (VK)

Bernd Kahlmeister: Chef des IA

Borkim Musa: Allianz des Friedens (AF)

Brigitte II..: Regierungschefin von Neuruanda

Burkit Bubasa: Nigerianischer Präsident

Butra Balin: UWS-Vorsitzender

Carla Frampton: Sicherheitsberaterin im Weißen Haus

Clara Bergheim: Ministerin für Information (VK)

Damian: Schüler im Konsortium

Daniel Behrend: Generaloberst des VK

Elliot Baumgart: Mitglied von Luzifers Rache (LR)

Frau Rothberg: Lehrerin am Konsortium

Gati Lumpenza: Staatschef vom Sudan

Glenn Wilson: populärer Sänger

Gudrus Barta: Gefangener

John Maihaus: Chef (LR)

Jose Buratto: Chef (NH)

Karen Burger: Ministerin für Polizei und Infrastruktur (PI)

Katja van Beeten: Belgische Regierungspräsidentin

Maren Schröder: Ministerin für Koordination im VK

Maren Winter: Mitglied von Luzifers Rache (LR)

Monet Franquoux: Französische Staatspräsidentin

Monika Markstein: Organisatorin (LR)

Sarah Rosenbaum: Geschäftsfrau

Simone Gautenbracht UWS-Chefinspekteur

Steinberg: Chefinspekteur/Polizistin

Sybille Dorgat: Pilotin

Torlen: Freund von Daniel

Vera I:. Gründerin des VK

Vera V.: Regierungschefin VK

XERA: Prophetin und Religionsstifterin

AF: Allianz des Friedens (Sudan)

Bassa News: Sender in Niger

Goki: Offizielles Zahlungsmittel im VK

IA: Geheimdienst des VK

LR: Luzifers Rache

NH: Nigerianische Heilsfront

NR: Neuruanda

PI: Polizeiministerium des VK

UWS: United World Society

VE: Vereinigtes Empire

VK: Vereinigtes Königinnenreich

WWO: Worldwide Operations (Network)

Erstes Kapitel

Frau Rothberg war keine außergewöhnliche Lehrerin. Ihre Augen strahlten, ihre Zähne waren perfekt, ihre Haare zu einem Dutt gebunden. Sie war in den besten Jahren, so um die 50, sprach akzentfrei und hatte dieses unverbindliche Lächeln, das aber sehr schnell zu einem kompromisslosen Fletschen werden konnte. Wie oft schon hatte er sie so erlebt, wenn es wieder etwas zu tadeln gab. Sie tadelte gerne, wenn auch nicht übermäßig. Sie war eben wie alle hier am Konsortium. Er war schon in der 13. Klasse. Bald würde er die erste Erfahrung im Betrieb sammeln. Er würde seinen lebenslangen Unmut mit dem undefinierbaren Sacto herunterspülen. Vielleicht würde er sogar eine Berührbare schwängern dürfen. 

Das Leben war geplant und kontrolliert, gut durchdacht und in allem überschaubar. Es muss ein furchtbares Dasein gewesen sein, als man sich selbst hilflos ausgeliefert, der Freiheit, die doch nichts anderes als Verwahrlosung war, als man der Freiheit ausgeliefert war. Frau Rothberg gab ihr Lieblingsfach: Geschichte.

Sie erzählte wieder von der ruchlosen Zeit der Krankheiten und des erblichen Zufalls, der Prostata- und Cellulitisprobleme. Sie liebte es, die Unwägbarkeiten bis ins Detail auszumalen. Immer wieder entwarf sie neue, furchtbare Bilder der „Zeit der Dekadenz“ wie sie es nannte. 

Als sich jeder der Nächste, jeder dem eigenen Sud verhaftet, kaum jemand wirklich, ohne den Schmutz zu leben wagte. 

Den Schmutz aber, den gab es nicht mehr. 

Kein Röcheln vor Mitternacht, keine stinkenden, wässrigen Absonderungen von nach Knoblauch und Alkohol betäubten Tätern.

Es war die Beste aller Welten. Die Heutige, die Reale, die Einzige. Es war keine Revolution oder so etwas.

Nein, es war eben die natürliche Evolution des Menschen, ein Prozess, der zwangsläufig und unaufhaltsam war. Am Ende der Geschichte des Homo sapiens, da war die Retterin vonnöten, die die Ordnung herstellen musste.

Und sie tat es, gründlich und allumfassend. Es war nicht leicht. Es mussten viele Kämpfe gekämpft werden. Doch es hat sich gelohnt. In der freiesten aller Welten gab es keine Unterschiede mehr im Status, alle hatten die Chance, nun alles zu sein.  

Die Geißel der Menschheit, das äußere Erscheinungsbild, ist dem freien, gestaltenden Willen des Menschen gewichen. Niemand muss sich mehr schämen, weil die Nase zu klein, die Augen zu stechend, die Ohren abstehend oder die Stirn fliehend ist.

Diese, früher dem Zufall überlassene Laune der Natur ist begradigt und es ist doch wunderbar, dass nun alles schön ist. Alle Menschen haben die freie Wahl zwischen Dunkel und blond, zwischen klein und groß, zwischen Blau und Grün.

Kein Zufall der Welt vermag einen Menschen mit einer Hasenscharte, einem krummen Rücken oder gar mit einer nässenden Hautkrankheit zu strafen. Die Natur ist nicht nur der Frau untertan, sie ist auch verfeinert und veredelt worden. In den Zeiten, als der Mann herrschte und die Welt zu verwüsten drohte, da gab es kranke Rituale, die sich um den Fetisch des Körpers rankten. 

So als wäre die Natur mächtiger als der Mensch. In der primitiven Kultur der Vergangenheit war die Liebe das Schlüsselwort für alle bösen Entartungen. Liebe rechtfertigte Kriege, Liebe ließ Menschen zu Mördern werden. Furchtbare Kriege um Ressourcen und Macht wurden geführt, alles nur um die Gier der alten Männer zu stillen. Diese Gier, die nun glücklicherweise verschwunden ist. 

Niemand ist ein Krieger, der Krieg ist tot.  

„Was stierst du in der Gegend rum?“, tönte es aus dem Monitor.

Sie hatte es in diesem gefährlichen Tonfall gesagt, der ihm immer einen Schrecken einjagte.

„Ich höre doch zu, Frau Rothberg“, sagte Damian.

„Und warum träumst du dich dann aus dem Fenster?“, zischte sie.

„Ich weiß, dass ihr nicht zu retten seid, nicht wirklich. Aber seid euch dennoch gewiss, es ist ein Akt der Gnade, dass ihr hier seid. Ihr wisst das und ihr wisst auch, dass das alles jederzeit umkehrbar ist. Eine Elite zu sein bedeutet Verantwortung, zu tragen.“ 

Er nickte. Neben Damian saß Björn, der Typ C. Damian mochte den C-Typ nicht wirklich, sicher war er fein anzusehen, aber irgendetwas störte Damian an ihm. 

Vielleicht war es seine Art, wie er das S schnalzte, dieses Überhebliche an ihm. Aber so überheblich er auch zu den anderen war, so unterwürfig war er auch dem Lehrpersonal gegenüber. Ein Schleimer. Aber er musste neben ihm sitzen. Viel lieber hätte er neben Torlen gesessen, aber so war eben die Ordnung. Sobald sie merkten, dass sich zwei zu gut verstanden, wurden sie getrennt. Das mochten sie gar nicht.

Am Besten war es, nicht zu auffällig zu lachen, nichts gemeinsam zu unternehmen, damit es nicht offensichtlich wurde. Aber es gab eh nicht viel zu unternehmen. Wenn sie nicht den ganzen Tag für die Prüfung büffelten, dann liefen sie mal ins Museum der Bäume oder lauschten den Klängen der Wale im Mythensaal. Oder sie sahen die heroischen Filme im Global Center, die mit den kämpfenden Heldinnen der Vergangenheit. Oder die, mit den Witzen über die männliche Vergangenheit. Damians Lieblingsfilm war eindeutig: „Mrs. Berlton“.  

Der Film hatte eben noch Szenen, in denen es drastisch dargestellt wurde, die dekadente Vergangenheit, es sollte ja abschreckend wirken, aber irgendwie machte es irgendetwas mit Damian.  

Dass Mrs. Berlton die erste Präsidentin des Vereinigten Empires war, das interessierte ihn eigentlich weniger. 

Damian war der A-Typ. Seine Mutter hatte ihn sich so gewünscht. Braune Locken auf dem feinen, samtweichen Teint, muskulöse Schultern, eine Nase ohne Haken und die stahlblauen Augen. Er fand seine Augen am schönsten an ihm. Er mochte sie, das andere aber, erschien ihm manchmal merkwürdig fremd. 

 Sein Stammbaum war exorbitant. Kein Geringerer als der seinerzeit berühmte Glenn Wilson hatte ihm die Gene geliehen. Dazu hatte man noch Charly Bolton, der der erste Mann nach dem Krieg im feministischen Rat war, hinzugemixt. Es war eine gute Mischung. Seine Mutter war stolz auf ihn. Dass er seine Väter nie kennenlernen würde, das erschien ihm gar nicht nötig. Gab es doch eine Unmenge an Literatur über sie und ob es wirklich wichtig, war sie zu kennen, da war er sich gar nicht so sicher. 

Der Heulgesang von Glenn Wilson war lang nicht mehr in Mode und es gehörte eben zu den Verschrobenheiten seiner alten Dame, dass sie ihm dieses zweifelhafte Geschenk seiner Herkunft nicht vorenthalten konnte. Das einzig Störende war der Gesangsunterricht, den er nehmen musste.

Seine Anlagen zur Stimme von Glenn waren vorhanden, das war unüberhörbar. Aber wann würden sie endlich begreifen, dass es einem auch Spaß machen muss zu singen. Das aber würden die wohl nie verstehen.

Damian hörte die Klingel und lief mit Björn laut kreischend auf den Schulflur.  

Wie eine Dominokette öffneten sich auch die anderen Türen und der Flur zur Kantine war in Sekundenschnelle in eine Hölle von Ameisen verwandelt. Alle drängten sich durch die enge Eingangstür zur Kantine. Die Plätze waren zwar vergeben, aber Reis gab es nur am Dienstag und das nicht immer genug. 

Der akribisch nach ökologischen Gesichtspunkten zusammengestellte Speiseplan hatte eben seine Lücken. Versorgungslücken. Aber das war auch das Einzige nicht ganz Perfekte. Das Essen war immer reichhaltig und gut. Ob es schmeckte, das war eine andere Sache. Björn war schneller als Damian. Sein Teller war übervoll von den weißen Flocken. Er sah glücklich aus.

„Nimm dir, was du kriegen kannst“, raunte er Damian an, doch der hatte Besseres zu tun, als sich in die Horde der Reisfreunde einzureihen. 

„Ich mache mir nichts draus“, sagte er und wartete am Ende der Schlange. 

Als er endlich seinen Teller füllen konnte, war der Reis schon aus. Er nahm statt dessen Erbsen, so nannte man die genveränderten, hellgrünen Kopien, und dazu noch das Bergheimer Knospenteilchen, es war mal wieder reichlich und schmecken würde es nicht.

„Hast Du heute gemerkt, was Frau Rothberg für eine scheiß Laune hatte?“, sagte er zu Björn.

„Ja, sie hat wohl mal wieder zu wenig an der Lustpflanze gerochen“, antwortete Björn.

„Ha, sie hat aber auch keine Wahl, die Ärmste“, scherzte Damian.

„Und wenn es Nacht wird, ist sie sicher immer allein.“

„Ja, sehr allein.“ 

Sie schwiegen. 

Die blauen Kacheln der Kantine tauchten den Saal in ein mysteriöses Licht, fast wie im Wellenbad, wäre da nicht das Neonlicht und das ewige Rappeln und Klingeln der Bestecke. Das Beste war gar nicht aufzufallen.

Er hatte mal in der vierten Klasse seine Gabel fallen lassen und sie dann wieder benutzt, ohne sie vorher abzuputzen. Nach dem Anpfiff durch den Lautsprecher waren alle in Gelächter ausgebrochen. So etwas braucht man nicht. Das macht klein. Also besser nicht auffallen. 

Nach dem Essen würde es wieder Lautmalerei geben. Dieses Fach hasste Damian ebenso, wie die Frau Beckmann, die immer wallend auf dem Monitor erschien. Die Musik mit den esoterischen Klängen in den Booster warf und dann dazu wilde Zeichnungen verlangte.

Seit Damian überhaupt nicht mehr aufpasst und alles voll kleckert. Hier mal einen Spritzer, da mal einen kleinen Ausrutscher mit dem Pinsel. Seitdem er also rundum nur Mist malt. Seitdem ist er bei ihr gut angesehen. Wenn die wüsste, dass ich nur keine Lust habe, denkt er sich oft, wenn sie ihn dann mal wieder lobt und ein abstraktes Talent schimpft. Sie mag es eben abstrakt, doch in Wirklichkeit sind diese Stunden Zeitverschwendung. Björn hatte sich das Essen hastig hereingeschlungen, den Nachtisch kratzte er aus und die Soba trank er restlos.

„Sollen wir noch?“

Er blickte bedeutungsvoll.

„Nein, heute nicht“ , antwortete Damian.

„Warum denn nicht? Die Gelegenheit ist günstig.“

„Ist sie oder ist sie nicht, ich habe keine Lust.“

Björn schien kein Verständnis für die Verschwendung zu haben, die Damian da vorhatte. Das Zeug war gut, das Zeug war neu. Das Zeug war frisch.

Wenn sie es aßen und dann in gibberndes Gelächter ausbrachen, wenn sie sich gegenseitig dann berührten, dann war das zwar alles verboten, aber es hatte einen Kick.

Und warum wollte den Damian heute nicht haben? Björn hatte extra den Schrank seiner Mutter geplündert. Natürlich vorsichtig, immer nur einen kleinen Bick, nie mehr. Es war ihr auch noch nie aufgefallen. Oder sie wollte es nicht merken. Björn war sich nicht sicher.

Seine Mutter hatte eh zu wenig Zeit, die merkte so manches nicht.

„Lass uns gehen“, sagte Damian.

„Es wird Zeit, du weißt doch, wie die Beckmann ist.“

Sie stellten das Geschirr auf das Endlosband und reihten sich in den Tumult der in den zweiten Stundenblock strömenden Massen ein. Sie waren heute nicht lauter als sonst.

Es war ein ganz normaler Dienstag.

Während die Beckmann wieder litauische Gesänge dem Booster entlockte, während all die Farben sich abstrakt, abstrakter, am abstraktesten über die unschuldigen Blätter ergossen, schaute Damian aus dem Fenster. Die Sonne war heute mal wieder besonders strahlend, die Blätter der Kunstbäume besonders grün. Alles schien gut editiert, es waren eben doch gute Maler im Kunstministerium. 

Es waren wirklich fast echte Impressionen aus einer vergangenen Epoche. Fast ein Himmel, fast echte Wolken. Es fiel Damian nicht unangenehm auf, denn er hatte nie echte Wolken gesehen. Außer in den Filmen. Manchmal hatte er eine Ahnung davon, dass ein Baum eben etwas anders geraten war. Es gab so viele Unterschiedliche. Es soll ja auch Tausende von Tierarten gegeben haben. Wofür all die Verschwendung, dachte er sich. Warum war die Natur so furchtbar verschwenderisch? 

Die Tiere heute haben alle einen Sinn und der ist einsehbar. Früher gab es Millionen verschiedener Pflanzenarten. Wozu? Es gab Tierarten, die nur dafür da waren, sich selber gegenseitig auszurotten. Die Welt von heute war übersichtlicher. Die Nachbildungen und Genmixe hatten eine ganz neue Tierart, eine von der Frau kontrollierte Genart geschaffen. Die Kuppel am Okzident, dieser hauchdünne Ersatz der Ozonschicht. Dieses Tor zum Weltall, es war die nicht sichtbare Grenze dieser Welt, in der alles seine Ordnung, alles seine Berechtigung hat.

„Deine Farben sind etwas grünlich“, bemerkte Frau Beckmann aus dem Monitor schallend. Sie sah ihn über die Kamera genau an.

„Ich habe das Grün eben gern, Frau Beckmann.“

„Du solltest aber mehr Rot hinzugeben, das ist eine Signalfarbe.“

Sie strahlte unergründlich.

„Aber auch lila gefällt mir gut", schmeichelte sich Damian ein. Wusste er doch um die Farbe seiner Heimat.

„Du solltest nicht immer so abwesend sein, Damian“, sagte sie.

„Deine Mutter macht sich Sorgen um dich, es ist diese furchtbare Pubertät, es sind die Hormone. Ist deine Bromration vielleicht nicht richtig eingestellt, Damian?“

„Doch, doch, Frau Beckmann, die Schulärztin hat es extra überprüft, ich reagierte fast gar nicht." Damian wurde unruhig. „Dann ist es ja gut“, sagte sie erleichtert.

„Ansonsten müsste ich mir nämlich auch Sorgen um dich machen, denn schließlich, wir sind hier kein Auffangbecken für Tagträumer.“

Endlich ließ sie von ihm ab.

Björn grinste ihn an. Was grinste der denn so? Natürlich hatte die Ärztin alles gescheckt. Sie hatte ihm diese Bilder gezeigt, diese Bilder aus vergangenen Zeiten, als die Frauen noch üppiger waren und sich nackt in einem Swimmingpool rekelten. Nein, es war nichts geschehen. Nichts hatte sich geregt. Das Brom wirkte perfekt. 

Damian war sich auch nicht sicher was hätte geschehen sollen. Sie sprachen immer von den schmutzigen Dingen. Als er zum ersten Mal gesehen hatte, dass sein Glied sich versteifte, da hatte er sich furchtbar geschämt und es sofort, wirklich umgehend, gemeldet. Seine Mutter ging dann auch mit ihm zum Arzt und seitdem nimmt er eben dieses kleine Pillchen und alles ist gut, keine Krankheit mehr. Er weiß, dass er eines Tages diese Krankheit brauchen wird. Er wird sie vielleicht einmal, vielleicht auch zweimal einzusetzen haben, aber es ist eben wie mit den Spinnen, die fressen sich auch auf. Nach diesem einen Mal. 

Da hatte er doch Glück, er würde es vielleicht sogar überleben. Aber es wäre die größte Ehre, denn es soll das Größte sein, dass Beste, was man erleben kann. So berichteten zumindest die alten Männer. Zumindest die, die man immer in den NEWS sehen konnte. Es würde noch eine Menge Zeit ins Land gehen. Lange Zeit, bis er seiner Bestimmung zugeführt werden würde und es war eine Ehre zum Konsortium zu gehen. Er war ein Dinosaurier einer Spezies, die nicht wirklich gebraucht wurde. Doch er war da. Er hatte die Evolution überlistet.

Es klingelte. Endlich.

Damian ging mit den Ameisen auf den Hof, schnallte sich seine Flugmütze um, verstaute seine Daten im Koffer und sauste davon.

Es war wunderbar, zu fliegen. Er liebte es.

Sein Flightinstructor war nicht der Modernste, aber er tat gute Dienste und war zuverlässig und darauf kam es an.

Sein Flightrecorder war nicht an, nein, er würde ihn auslassen und es wieder versuchen. Er würde wieder über die Mauer fliegen, da wo die Gebäude mit den künstlichen Goldtrassen standen. Vielleicht würde man es ihm wieder vergeben, wenn sie ihn bemerkten.

Seine Flughöhe war exakt vierzehn Meter, bis maximal fünfzehn konnte er aufsteigen.

Es war nicht viel Verkehr, außer den Händlerinnen der Straße, es war ein ruhiger Dienstagmittag.

Er sah unter sich die Policestreifen, die über die Straße schlenderten. Er sah die künstlichen Bäume über den Wipfeln, er konnte fast die Wolken berühren, die schön editiert am mittäglichen Himmel prangten.

Seine Mutter würde ihn erst gegen zwei erwarten, also genug Zeit, um etwas auszubrechen.

Am Gebäude der Fleischerinnen vorbei, schön altmodisch im viktorianischen Stil, flog er über die Hauptzöllerei zum Haus der Handwerkerinnen. Er ließ unter sich den Senat verschwinden und bog nach Süden in die Barkmangasse. Er konnte ganz nah an den riesigen Plakaten vorbeischreddern. Immer einen Tick zu nah, um fast aufzufliegen. In großen Lettern stand da:

Beauty makes the World go round - eine Werbung des hiesigen Genistitutes.

Hinter der Vicitmstreet begann es endlich. Das Viertel der Sprachlosen, der Gesetzlosen und Wanderer.

Sein Flightrecorder ließ in Intervallen tiefrote Warnlichter aufblinken, aber es kümmerte ihn nicht, nicht im Geringsten. Jetzt wussten sie, dass er da war.

Aber das gab höchstens zwei Stunden nachsitzen, das war nicht schlimm, nicht wirklich.

Er setzte zur Landung an, sanft und erfahren. Im Gewühl der Straße war ein heilloses Durcheinander. Frauen liefen in freier Kleidung herum, es war ein geschäftiges Treiben. Ein Kommen und Gehen von Gerüchen verschiedenster Geschäfte. Die verlotterten Fassaden der Häuser erstrahlten im künstlichen Licht der Sonne, wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Das Geplapper war wild und unverständlich.

„Du süßt mich mit Zucker, boah, es wartete Tage und Nächte“, sabbelte eine.

„Buhh, für dreißig Gokis kannste Bergmachen mit Fleisch, guah, gute Machung für gutes Essen.“

Damian liebte das Durcheinander der Stimmen und die Atmosphäre der basartreibenden Sprachlosen. Wenn er auch nicht alles verstand, er ahnte doch oft den Sinn ihrer Sprache.

Handys bimmelten unaufhörlich und verwandelten den Tag in eine Symphonie der sinnlos erscheinenden Kommunikation. Aus den Lautsprechern der Händler ertönten wilde Musiken, die sich alle überlagerten. Es war eine permanente Kirmes, ein lärmender, ungeordneter, pulsierender Quasar des Lebens.

„Na, kleines Schwanzmensch, gut mal erleben hier, oda, smile?“

Damian erschrak, es war eine entratene Mixtur einer Blondine und einer schwarzen Frau.

„Dein Genmix ist sonderbar“, sagte er.

„Welcher Typ ist das?“

„Was?“, schrie es ihm entgegen.

„Nicht geschwollen plappern, Schwanzmensch, boah, sich selbst Ekel hat.“

„Verpiss dich in Zuchtstall“.

Ihr anfängliches Amüsement war jetzt in offene Feindschaft umgeschlagen.

Er durfte nicht auffallen.

Eine Zusammenrottung der Sprachlosen könnte zu bösen Verwicklungen führen. Die Police rettet hier keinen und schon gar keinen vom Konsortium. Es war sein Risiko, also sagte er kleinlaut:

„Ich soll etwas Kibi einholen.“

Sie lächelte.

„Kibi? Musst Mama mal was kochen, Schwanzmensch?“

„Ja, so ist es“, antwortete er.

„Dann besorgen für morgen. Für Sorgen macht borgen und hau ab, Lackgesicht.“

Sie beachtete ihn nicht mehr und ging weiter, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen.

Damian zog weiter an dem Bäckergeschäft vorbei, indem sich gerade zwei Frauen furchtbar stritten und sich an den Haaren zogen.

Eine kleine Traube hatte sich gebildet, die hämisch grinsend dem Treiben zusah, ohne jedoch in irgendeiner Form einzugreifen.

In dem Café an der Ecke saßen Frauenhorden, G-Typen servierten Kaffee und Kuchen und brachten Saka für die Gästinnen. Manchmal wurde einem der G-Typen verächtlich auf den Hintern geklatscht. Meist aber ignorierten die Frauen die Männer. Kaum jemand nahm Notiz von Damian.

Als er gerade in eine Seitenstraße abbiegen wollte, kamen sie von hinten.

Eine riss ihn zu Boden und zerrte an seinem Flightrecorder, eine andere stellte sich daneben und spuckte ihm ins Gesicht.

„Du aber nicht gut hier laufen. Du nicht Dolly“

„Was wollt ihr?“, flehte Damian.

„Deine Gokis, wat sonst, Schwanzgesicht“, fauchte ihn eine an.

Sie trug einen Hosenanzug und war ein F-Typ.

„Ich habe keine dabei“, stammelte er.

"Hose runner“, befahl die eine und die andere begann, an seinen Hosen zu zerren.

Als sie die Hose endlich aushatten, schüttelten sie sie aus und durchsuchten die Taschen.

„Der hat ja wirklich keinen Goki“, raunzte die eine.

„Lass ihn liegen“, entgegnete die andere und sie schlenderten davon, ohne ihn weiter zu beachten. Damian rappelte sich auf und zog seine verschmutzte Hose wieder an.

Sein Flightinstructor war glücklicherweise heil geblieben. Er schaltete den Flightrecorder an. Er schien beschädigt zu sein. Egal dachte er und stieg auf.

Nach kurzer Zeit befand er sich auf 13 Meter Höhe, er zitterte äußerlich und innerlich, ihm war kalt und er machte sich auf den Heimweg.

Der Chip klemmte mal wieder an der Tür, er musste es einige Male versuchen. Sein Haus war weder besonders schön noch war es etwas Besonderes.

In der Siedlung der eng anliegenden Reihenhäuser stach es durch nichts anderes, als durch die eigenwillige Editierung der Gartenbepflanzung hervor.

Es hatte aber alle Vorzüge der Lebensart, die im Moment sich großer Beliebtheit erfreute. Die Diele war aus Kunstmarmor mit kleinen Spiegeleinsätzen geschnitten. Man sah sich ständig irgendwo, selbst auf der angrenzenden Toilette war alles rundum bespiegelt. Der Spiegel war an sich das wesentlichste Element jeder Wohnung, denn nichts sah man lieber als sich selbst. Selbst in den Decken waren sie in die Holzimitation mit eingearbeitet. Man mochte eben sein Antlitz und das ließ man sich auch einige Gokis kosten.

Seine Mutter hatte ein Faible für „schmutzige Kunst“, wie sie es nannte. Es waren Damians Ansicht nach aber eher harmlose naive Zeichnungen und Kunstdrucke, die an der Wand hingen und mit ihrem farblosen Charme den Wohnraum bevölkerten. Auf den Bildern waren heroische Frauen zu sehen, die über verlorenen Männern thronten. Immer in der einen oder anderen Form saßen oder standen, flogen oder schwebten sie über den ihnen heillos ergebenen Männergestalten, die meist der G-Typ waren. Seine Mutter mochte aber auch die Sparsamkeit.

Wenn er sich abends manchmal ein Bad einließ, stellte sie den Wasserzähler immer auf die niedrigste Stufe. Gerade genug, um nicht zu riechen und gerade genug, um sicher keinen langen Aufenthalt in der Badewanne bevorzugen zu müssen. Das rundum bespiegelte Bad hatte eine Phosphorwanne, die sich selber erhitzen konnte. Die Außenhaut der Wanne sorgte für die nötige Temperatur, damit man auch nicht das kostbarste Gut auf Erden, das Wasser, verschwenden würde. Damian hatte aber keine Lust zu baden. In der in den Wohnraum integrierten Küche schmorte ein Kunsthähnchen. Das würde pünktlich zum Abendessen fertig sein und könnte sogar schmecken.

Er machte den Voicer an und schaltete auf den Kanal X.

Es liefen wieder die Dauerwerbesendungen. Wortreich und gestikulierend erprobte eine S-Typfrau den neusten Haarpeeler, der möglichen genbedingten Haarwuchs schmerzfrei und folgenlos entfernen konnte. Die Genwahl war eben nicht immer perfekt, die Moden ändern sich, da hilft nur der Peeler. Die neueste Genvariante wurde besprochen und einige Frauen berichteten von ihren Erfahrungen mit der misslungenen Genwahl. Sie betonten aber immer wieder, wie richtig es doch sei, zu einer einmal getroffenen Entscheidung auch stehen zu können.

Damian zappte durch die Kanäle. Im NEWS Sender wurde wieder von terroristischen Attacken genmanipulierter Frauen berichtet, die sich in einer fürchterlichen Kamikazeaktion auf dem Marktplatz von Genua gerichtet hatten. Die Moderatorin sprach von einem unerträglichen Angriff auf die Freiheit der friedliebenden Frauen und machte deutlich, dass hinter all den Aktionen nur der Freischärlerkorps der Bonquito-Seirragruppe stehen könnte. Im Soupsender lief wieder die beliebte Serie mit Harley Minton, die Probleme mit haarenden Hunden und schlechten Bediensteten verwurstete. Alles sehr lustig und alltagsgerecht. Der Königinnenkanal berichtete von den Feierlichkeiten zur Trauung der dritten Linie des Königinnenhauses. Es soll eine prunkvolle und eindrucksstarke Dokumentation der Verbundenheit der Schwestern von Italien und Frankreich werden. Das schöne Paar wurde Händchen haltend hinter einem Zaun fotografiert, es war ein Ereignis, das ein staunendes Publikum in die intimsten Geheimnisse dieser großen Persönlichkeiten entführte.

Damian lebte fast ausschließlich mit den Bildern der Welt.

Überall standen große Monitore. In jedem Friseurinnensalon, in jeder Zahnärztinnenpraxis, in jedem Krämerinnenladen. Keine Gedanken verband Damian ohne ein Bild. Die Bilder waren die Essenz der Gedanken. Kaum ein Gedanke war denkbar ohne die Verknüpfung mit einem Bild. Wenn er die großen Aufmärsche der Julibewegung verfolgte, so waren es die Bilder, die sie mit Inhalt füllten. Damian fühlte in Bildern, er dachte in Bildern, er assoziierte mit Bildern. Alles, was er sich vorstellen konnte, waren Bilder mit Text. Text ohne Bilder überforderte ihn schnell. Alles Äußerliche thronte über den Worten. Das Wort war das Anhängsel des Bildes, das Bild dessen Inkarnation. Die Worte, dieses elitäre Merkmal der Auserwählten, die Sprache war nur wenigen überhaupt noch verständlich. Wenn ein Wort nicht mit einem Bild gekoppelt war, so entweichlichte es zur Bedeutungslosigkeit. Das Wort ohne Bild war wie eine Kuh ohne Milch.

Basta.

Kein Bild war stärker als die Emotion der fließenden Sequenzen, der inhaltlichen Einöde im Reizrausch.

Damian wollte sich keinen Gedanken ohne Farben denken, er wollte nicht Bilder formen müssen, die nicht vorgegeben waren. Die Anstrengung dieses Unterfangens hätte ihn um den Verstand gebracht und er sah sie gerne. Die Ästhetik der wortlosen Bilder. Wie grauenhaft, wie elend, wie erbärmlich auch immer - jedes Bild war stärker als jedes Wort. Es hatte Emotion. Es hatte Ausdruck. Damian war groß geworden mit der Bilderflut. Er mochte keine langen Erklärungen, da sie ihn ermüdeten. Auf der anderen Seite war er aber auch ein Auserwählter, denn er wurde in der Sprache unterwiesen, und er wusste, dass dies ein seltenes Privileg war.

In der Welt der Sprachlosen gab es dieses Merkmal nicht.

Sie chatteten, sie schwatzten über ihre Handys, sie verloren sich in unendlichen, sinnlosen Dialogen. Sie sprachen unaufhörlich, ohne irgendetwas zu sagen. Ihre Wortgewalt war ungebunden, sie explodierte wie ein Gefäß am Abgrund der Endlichkeit. Ihre Sprache hatte die Bindung zur Wertigkeit verloren. Es ergab keinen Sinn, was sie schwätzten, es sollte keinen ergeben. Aber wenn die Sprachlosen die ministerialen Verlautbarungen hörten, dann lauschten sie ob der Feinheit dieser Worte. Sie blieben stumm angesichts der Gewalt dieser Sprache. Sollte ihnen aber einer über den Weg laufen, der diese Sprache beherrschte, so rächten sie sich. Sie rächten sich für ihr Dasein, sie rächten sich für ihre schlechten Zähne, sie rächten sich für ihre Herkunft, sie rächten sich für die Lüge, die ihnen angetan wurde.

Keine Gewalt ist stärker als die der Ohnmächtigen.

Keine Wut größer als die, der Entmachteten.

Keine Angst stärker als die der Vergessenen.

Wenn die Sprachlosen schlugen, dann schlugen sie gründlich. Es war eine angestaute, ungebärdige Kraft in ihnen, die so gemein wie unberechenbar war. Ihre unbenennbaren Verletzungen, ihre Unfähigkeit zum abstrakten Denken, ihre absolute Fixierung auf ein Bild hinter dem Wort; all dies, machte sie zu Sklaven ihrer gedanklichen Schranken.

Damian wollte etwas schlafen. Mutter kommt erst um acht von der Arbeit, also genug Zeit etwas auszuspannen.

Er surfte noch eine Weile durch die Internetkanäle, bis er sich schließlich in die virtuelle Hängematte verzog.

Als der Sand ihn sanft umhüllte und das Wellenrauschen ihn ertränkte, schlief er ruhig und unverzüglich ein.

Er wurde vom Klingeln der Voicebox geweckt.

„Schläfst Du?“, fragte seine Mutter.

„Ja, ich habe mich etwas hingelegt. Wann kommst Du?“

„Ich hatte noch einige Erledigungen zu machen. Bin aber bald zu Hause. Hast du das Hähnchen gesehen?“

„Ja, danke. Ich werde es schon einmal rausnehmen und tranchieren.“

„Ja, tu das. Und vergiss den Rotwein nicht.“

Seine Mutter hatte aufgelegt.

Damian ging in die Küche, deckte den Tisch und tranchierte den Hahn auf gekonnte Weise.

Ein paar Minuten später erstrahlte der Tisch in feierlichem Glanz.

Er war es gewohnt, alleine zu essen. Die wenigen gemeinsamen Mahlzeiten genoss er aber, denn es hatte etwas von dem, das sie früher wohl Familie nannten.

„Damian?“

Seine Mutter kam mit Taschen beladen in den Flur. Er nahm ihr einige Taschen ab, in denen mal wieder die neuesten Modezeitschriften und sündhaft teure Kleider aus Handfertigung waren, aus Paris oder London. Sie hatten genug Geld. Sorgen brauchten sie sich nicht zu machen.

Seine Mutter war der perfekte G-Typ.

Sie hatte strahlend weiße Zähne, einen dunklen, samtweichen Teint, eine maßgeformte Figur nach der Standardtabelle und einen Hauch von Exotik in den dunklen Augen.

Für ihre 34 Jahre war sie auf der Höhe ihrer Leistungsfähigkeit und fast schon erwachsen. Sie hatte noch viele Jahre vor sich, aber man ahnte schon, wie sie einmal werden würde.

„Das hast du aber schön gemacht“, sagte sie. "Es ist ein Dinner, ganz wie wir es lieben, nicht Damian?“

Er nickte.

„Wie war dein Tag?“, fragte er.

Seine Mutter brach sich einen Flügel und trank von dem roten Wein, der zwar genverändert, aber eben doch weinähnlich war.

„Ich hatte einige Besprechungen, die Ministerin meint, dass es mehr Beschäftigung für die Sprachlosen geben sollte. Sie marodieren in ihrer Faulheit. Sie lieben sich ungeniert auf den Straßen, das muss etwas eingedämmt werden.“

„Aha.“

Damian wusste nicht genau, was sie mit Lieben meinte, aber er ahnte es.

„Hat die Ministerin auch vom Krieg geredet?“, fragte er.

„Ja“, antwortete sie.

„Es scheint sich da was anzubahnen. Da rollt was auf uns zu. Wenn die Afros nicht endlich ihre Steinzeitwaffen wegwerfen und die Blockade nichts hilft.“

„Es sind Barbaren“, warf er ein.

„Ja, Barbaren und ungebildete Horden von schwitzenden Männern. Ein Horrorbild aus dem Mittelalter. Das ist Steinzeit. Steinzeit.“

Von den Afros hatte Damian viel gehört. Es war das wilde Afrika, das schon vor dem großen Krieg so unterentwickelt war, dass es die neue Zeit einfach verschlafen hatte. Lange Zeit konnte man das ignorieren. Wen kümmerten schon ein paar wilde Völker, die kaum etwas zu essen hatten und eine mittelalterliche Religion pflegten.

Die mit den Händen aßen, sich selbst befriedigten und ihre Frauen ohne Sinn und Verstand schwängerten.

Es waren bessere Affen. Überbleibsel einer verschollenen Unsinnkultur, verschwenderische Reste einer wahllos produzierenden Natur. Niemand beachtete sie in der neuen Zeit. Der Krieg hatte sie nur verschont, weil es nichts zu zerstören gab, das es wert gewesen wäre, darauf eine Millionen Goki teure Cruise Missile abzufeuern. So hausten sie in ihren Lehmhütten und lebten unbemerkt ihre bizarren Rituale.

So als hätte man ihnen den Wegezoll erlassen, durften sie ungeniert ihrer Steinzeitkultur frönen. Es gab keine Gefahr. Später aber schienen sie sich zu entwickeln. Sie bauten, anstatt sich mit der Bewässerung ihrer verdorrten Felder zu beschäftigen, Waffen.

Waffen, die keinen Sinn hatten. Denn sie waren so primitiv, dass niemand davor Angst haben konnte. Dennoch aber verschafften sie sich Zugang zu den Medien. Sie hatten einfache Satellitenschüsseln auf ihren Lehmhütten, sie verfolgten die Welt.

Nicht, dass sie irgendetwas davon hätten verstehen können, nicht, dass es irgendetwas Wichtiges gegeben hätte, dass sie hätten beeinflussen können. Sie sahen einfach zu. Sie verstanden nichts von der notwendigen Revolution der Frauen, sie begriffen nichts von der Schönheit und der von Krankheiten befreiten Welt. Sie machten weiter als wäre nichts geschehen. Aber allein das wurde zu einer Gefahr. Einer schleichenden, sich wie ein Geschwür im Organismus einnistenden Gefahr, die stetig wuchs und größer wurde.

Bald boten sie den gefährlichen Terrorgruppen Unterschlupf, unterstützten sie und versorgten sie mit Waffen. Sie bauten Schutzwälle um ihre Länder, gründeten neue Parlamente und eröffneten Fernsehsender, die freilich niemand empfangen konnte, außer sie selbst. Sie nannten sich „Nigerianische Heilsfront“ und hatten allen Ernstes den Mut, dem vereinigten Königinnenreich den Krieg zu erklären. Sie gaben sich als F-Typen aus, schlichen sich in die Konsortien, imitierten die perfekten Rituale bis ins Kleinste und versuchten so, die Terrorgruppen im Königinnenreich zu unterstützen. Die Königin Vera II. beschloss daraufhin, Truppen in die Region zu entsenden. Sie zerschlugen die Infrastruktur, die Kommunikationseinrichtungen, sie machten Jagd auf jeden und alles, das sich bewegte. Sie rotteten sie einfach aus. Es war auch etwas Ruhe danach.

Wenigstens eine Zeit lang.

Einige aber mussten überlebt haben. Sie zeugten weitere Terroristen und erzogen sie zum Hass. Kleine, hassende, schwarze Terroristen. Sie vermehrten sich wie die Fliegen. Nicht mehr offen, aber jetzt umso geschickter, boten sie dem Vereinigten Königinnenreich die Stirn. Sie sabotierten und verhielten sich wie Zecken, die jahrelang auf einem Baum saßen um nur einmal, nur ein einziges kleines Mal auf ein wehrloses Opfer fallen zu können. 

„Was wird Vera denn tun?“, fragte er.

„Vera die V. Du sollst nicht immer so respektlos sein“, maßregelte sie ihn.

„Ja, gut, Vera die V. Was wird sie tun?“

Seine Mutter schnalzte noch Reste des Hühnerbeins aus und sagte:

„Sie wird ihnen das Herz raus schneiden, das Wichtigste, was sie haben. Ihr rotes, lebendes, pulsierendes, krankes, lebenserhaltendes Herz.“ 

„Wie das?“

Damian erschrak bei der Härte dieser Worte.

„Indem wir sie jagen und ausräuchern. Es wird ein langer, ein erbarmungsloser Feldzug gegen die Barbarei. Sie werden den Tag verfluchen, an dem sie uns beleidigt haben. Sie glauben, wir wissen nicht, wo sie sind, wir wissen aber, da wo sie sind, sind auch wir“. 

„Geht’s noch komplizierter?“ warf er ein. 

„Du weißt, was ich meine. Es wird diesmal keine Gnade geben. Aber lass uns doch über etwas Appetitlicheres reden.“

Sie nahm die Serviette und säuberte ihren tadellos geformten Mund.

„Ich will nicht mehr in dieses doofe Konsortium“, sagte er.

„Du weißt, dass ich darüber nicht mit dir streiten werde. Es ist eine Ehre.“

„Ja, eine Ehre, ich mag aber nicht in Ehre sterben müssen.“ 

Er wusste, dass er sich verplappert hatte. Wie dumm von ihm.

Sicher, er hatte oft darüber sinniert, wie es sein wird. Er hatte auch manchmal Angst dabei empfunden, aber nun war es ihm rausgerutscht. Wie ein Gedanke, den man einmal gedacht, nie wieder loswird.

„Was redest Du denn da?“ Sie war wütend.

„Warum redet mein einziger Sohn so einen Schwachsinn?“, fuhr sie fort, um sich in Rage zu reden.

„Ich habe es nicht so gemeint, Mama“, sagte er kleinlaut. 

„Ich habe genug gehört. Marsch ab ins Bett und nimm den cleaning wash.“

„Ja, Mama", sagte er. „Es tut mir leid“.

„Ist schon gut Kleiner. Lass dich von Barbydoll noch küssen“, erwiderte sie versöhnlich.

Als er verschwunden war, saß seine Mutter noch eine Weile am noch nicht abgeräumten Tisch. Das hatte sie ihm wieder durchgehen lassen, dachte sie. Aber es war jetzt nicht so wichtig.

Außerdem war es auch nicht so schlimm, dass er es gesagt hatte. Sie hatte es gewusst. Sie hatte es eingeplant. Und dennoch, es selbst erleben, das ist immer etwas anderes. Sie mochte ihn, sie hatte ihn sogar etwas ins Herz geschlossen. Es war ihr egal, dass dies gegen die Regeln des „ewigen Skripts“ verstieß. Aber es war seine Bestimmung. Es war die Grundlage all der Dinge, die ihr wichtig und heilig waren. Die Vergangenheit hatte es doch bewiesen. Eindrucksvoll. Unwiderlegbar. Sie war glücklich. Sie vermisste nichts.

Ihr Leben war eine Abfolge von schönen Begebenheiten. Von kleinen Geschenken, von liebevoller Bemühung. Sie war voller Inbrunst bei der Arbeit, sie war angesehen, sie hatte Prestige und Macht. Sie hatte alles, was eine Frau glücklich machen konnte. Sie war eine perfekte Schönheit, sie würde niemals krank werden können, außer wenn ihre Haut gestrafft werden müsste. Und dennoch belastete sie etwas. Ein unmerklicher Schmerz, der nicht spürbar aber doch vorhanden war. Ein dumpfer, sich nach außen reckender Schmerz mit Langzeitfaktor.

War es Damian? Er hatte eine so schöne Stimme wie Glenn Wilson. Ach ja, sie verwarf die Gedanken und stellte den Booster an. In wenigen Augenblicken ertönte die quäkige Stimme von Glenn Wilson. Ihr war, als müsste sie tanzen.

Zweites Kapitel

„Wir haben keine andere Wahl“, schmetterte Vera V. bestimmend und energisch dem Hohen Rat entgegen.

„Sie verhöhnen unsere Prinzipien. Sie sind Männer durch und durch. Verachtungswürdige Kreaturen einer verachtungswürdigen Herkunft. Wenn wir sie diesmal nicht alle erwischen, dann mache ich mir Sorgen um die Hoheit unserer Entscheidungen. Denn was sind sie wert, wenn sie Wilde nicht befolgen und den Zweifel und den Hass säen?“

Der Hohe Rat schwieg.

Einige der Frauen schauten betreten in die Runde, andere versanken hinter ihren Laptops.

Vera die V. kam aus bestem Hause. Ihre Bildung war nicht nur von außergewöhnlicher Breite und Vielfalt, ihre bestechende Intelligenz brillierte selbst aussichtslos erscheinende Probleme. Sie hatte einen Genmix aus erlesensten Geistern. Man sagte ihr nach, sogar einige männliche Genies in ihrem Mix zu haben. Man munkelte von Einsteins Locke, Kennedys Blut und von vielem mehr. Niemand sprach dies natürlich offen aus. Und auch niemand konnte sagen, ob da wirklich etwas dran war. Sicher war aber, dass sie aus der Dynastie der großen Herrscherinnen stammte. Sie war die Fünfte ihrer Dynastie. Vera die I. hatte das Königinnenreich nach dem großen Krieg gegründet, hatte es sicher geleitet und gegen alle inneren wie äußeren Gefahren geschützt. Sie war es, die die Wunden heilte, die der fürchterliche Krieg gerissen hatte. Sie war es, die dem Imperium den Namen und den Willen verlieh.

Niemand konnte damals die Logik von der Hand weisen, dass nur die barbarische Mentalität des Mannes die Welt derart an den Abgrund bringen konnte. Alle konnten es sehen. Die Welt war ein Brachland geworden. Sie machte es wieder fruchtbar.

Vera die I. stieg auf wie der Phönix aus der Asche. Die Falken des Empires hatten mit der dritten Präsidentin im Weißen Haus eine sichere Bank eröffnet. Doch diese Bank war im Biokrieg ausgerottet worden. Es war ein Zähes, ein zum Himmel Schreiendes, ein massenhaftes Sterben.

Europa war schon damals ein in den Grundstatuten geeinigter Kontinent. Vom britischen Königshaus bis zu den sibirischen Steppen stellte Europa den einzigen wirklich verbleibenden Machtblock dar.

China war längst an den eigenen Widersprüchen erstickt und hatte sich, durch gezielte Destabilisierung des Empires, in einen willfährigen Satelliten verwandelt. Die darauf folgende Entwaffnung Chinas brachte aber mehr Probleme, als das es sie lösen konnte. China war ein Land mit sehr begrenzten Ressourcen. Es wurde zu einem Störfall im System. Nach mehreren furchtbaren Hungersnöten wurde es einfach vergessen. Vergessen von der allmächtigen Schwester Vereinigtes Empire, die es im Stich ließ.

Niemand interessierte sich mehr für die humanitären Katastrophen, China wurde zum Entwicklungsland. Als dann der Biokrieg über das vereinigte Empire hineinbrach, da waren die Chinesen schon gar nicht mehr wichtig und die Europäer, die versteckten sich und wanden sich, suchten nach Lösungen auf Konferenzen, erstellten schlaue Pläne, die längst von den Ereignissen überholt waren, bevor sie überhaupt ausgeführt werden konnten. Das Vereinigte Empire hatte gegen diesen dunklen Feind nichts auszurichten. All ihre hochgezüchtete Militärmaschinerie bedeutete nichts gegen die kleinen Fläschchen mit Viren. Viren, die das Vereinigte Empire selbst hergestellt und entwickelt hatte, die aber von extremistischen Kräften außer Land gebracht wurden und in die Hände fanatischer Terroristen gelangten.

Die damalige Präsidentin tat alles, um den Menschen zu helfen. Doch es gab keinen Schutz vor den Viren mit der Gefährlichkeitsstufe 5, gegen eine Waffe, die durch Mauern und Poren, durch Schutzanzüge und Bronchien glitt. Einer Waffe, die schlimmer als Ebola und Pest, Malaria und AIDS war. Es war ein zähes Sterben und nach drei langen Tagen war das Vereinigte Empire handlungsunfähig geworden.

Einige Stimmen vermuteten hinter den Anschlägen ehemalige Kader der Chinesen. Andere machten die Araber dafür verantwortlich. Dies aber war alles egal, weil nun eine Air Force One mit einer Präsidentin und einigen Beratern über ein Land flog, in dem es Nichts und niemanden mehr zu regieren gab. Die Präsidentin sandte damals einen Notruf an die Welt. In allen Medien konnte man die sichtlich gebrochene Präsidentin erleben, die in einer Liveansprache aus der Präsidentinnenmaschine die Welt ermahnte. Sie redete über die Errungenschaften der Demokratie, der einzigen Macht und Sinnhaftigkeit der Freiheit, sie appellierte in großen Worten daran, den Verbrechern der Welt niemals nachzugeben.

In Wirklichkeit aber war dem Untergang des Vereinigten Empires eine Geschichte vorausgegangen, die mit Demokratie und Freiheit nur schlecht zu vereinbaren war. Das Vereinigte Empire besaß kurz vor seinem Untergang fast 99% aller wesentlichen Ressourcen, die es zu fast 70% im eigenen Land verbrauchte. Das gesamte Öl, bis auf einige unwesentliche Quellen in Kasachstan, wurde vom vereinigten Empire verwaltet oder von undurchsichtigen Holdings indirekt in Taschen des Empires gewirtschaftet. Es gab immer genau dort Krieg, wo es Öl gab, und immer genau da, wo irgendeine Ressource zu erwirtschaften war.

„Was wir brauchen, ist eine Strategie“, sagte die Ministerin für Verkehr und Raumfahrt.

Sie war eine hochgeschossene, für die Verhältnisse sehr feminin wirkende Frau, für die ihre Mutter, aus unverständlichen Gründen, den Z-Typ wählte. (Der Z-Typ war schon lange aus der Mode gekommen)

„Wir haben Konzepte ähnlicher Situationen mehrfach studiert. Unsere Geheimdienste haben aber die Befürchtung geäußert, dass die Bevölkerung womöglich nicht kriegsbereit sein könnte“, fuhr sie fort.

Die Ministerin des Amtes für Koordination, Maren Schröder, nickte vehement.

„Ja, die Stimmung ist nicht nach einem Feldzug, große Vera“, sagte sie.

„Dann muss die Stimmung eben etwas angeheizt werden“, sagte Vera.

„Wir haben Anlass zu der Vermutung, dass uns sonst womöglich einige Gefahren ins Haus stehen werden, auf die wir weder vorbereitet sind, noch deren Auswirkungen wir näher abschätzen können.“

Vera die V. hatte bei diesen Worten ihre professionell ernste Mine aufgesetzt.

„Wenn ich die Lage richtig beurteile“, meldete sich der Generaloberst Daniel Behrend zu Wort,

„Wir haben also Bedarf an einem Anlass, einem Fanal, dass die Bevölkerung von der Dringlichkeit unserer Mission überzeugen kann. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf Strategien verweisen, die schon bereits in der Vergangenheit gute Ergebnisse zeitigten.“

Ein Murmeln ging durch den Raum.

„Und auf welche Konzepte zielt der Mann Generaloberst da ab?“, fragte Maren Schröder.

„Nun, wir haben uns mit Counterstrategien beschäftigt“, führte er aus.

„Mit Strategien, die auf der Basis von Agent Provokateurs beruhen. Es muss nicht immer auf einen Anlass gewartet werden. Man kann sich auch bestimmter Gruppen bedienen und die Anlässe sich so Maßschneidern lassen.“

„Aber an erster Stelle steht ja wohl eine Kampagne der Medien“, warf die Ministerin für Aufklärung und Information ein. Ihre Stimme zitterte. Kampagnen zur Entlesbianisierung, die Kampagne gegen den Wassermissbrauch und die Kampagne für die Einführung der Alkoholsteuer, waren nicht sehr erfolgreich gewesen.

„Sicher“, bemühte sich der Generaloberst, zu erläutern.

„Sicher haben wir da Bedarf. Vorher wie nachher.“

„Dann möchte ich vom Herrn Kanonenbauer auch einige Konzepte dazu sehen“, bestimmte Vera energisch.

„Kein Problem, verehrte Vera“, antwortete der Militär.

„Und damit will ich die Sitzung schließen, ich möchte spätestens bis zum Sommer ein Konzept für die Kriegsführung in Afrika, als auch die Spielertricks der Geheimdienste vorgestellt bekommen. Es ist mir ein Wesentliches, alle Dossiers alsbald prüfen zu können.“

Vera die V. erhob sich und verließ den Raum.

Die zurückgebliebenen Ministerinnen und Minister waren es gewohnt, derart forsch und unerwartet verlassen zu werden. Sie nahmen kaum eine Notiz von dem kleinen blauen Lüftchen, das fast unsichtbar, Schallwellen speichern konnten.

Nach der Sitzung begab sich der oberste Heeresführer zurück in sein militärisches Hauptquartier. Es war ein Hochsicherheitstrakt. Hunderte Meter vor dem Gebäude waren meterdicke Stacheldrahtverhaue und elektronische Spürmaschinen installiert. Viele S-Typen in den markanten blauen Uniformen exerzierten am Eingang.

Das gelbe „V“ auf den Uniformen war das Hoheitszeichen der Königin.

Sie waren alle für die genetische Grundstruktur der Soldaten prädestiniert worden, hatten edelste Vorfahren kriegerischer Vergangenheiten.

„Guten Tag, Sir“, sagte ein Mitglied der königlichen Miliz.

„Tag, Stephen, wo ist die königliche Ordonnanz geblieben. Ich brauche da eine Dame für die innere Sicherheit“.

„Die Ministerin für Polizei und Infrastruktur ist gerade zu Tisch, Sir“, befleißigte sich der Soldat.

„Dann sehen Sie mal zu, dass sie schnellstmöglich in meinem Büro erscheint, Stephen.“

„Jawohl, Sir, wird umgehend geschehen.“

Daniel Behrend lief eiligen Schrittes zum Fahrstuhl, der ihn in die 25. Etage beförderte.

Im 25. Stock residierte der geheime Dienst „IA“ (Intervention und Abschreckung), der im Ruf stand, nicht zimperlich mit oppositionellen Kräften umzugehen. Wer dem „IA“ anheimfiel, war schon tot, bevor er überhaupt sein Delikt erfahren konnte. Niemand hatte gerne Kontakt mit diesem Dienst, geschweige denn, hegte Sympathien für dessen Repräsentanten. Die psychologische Kriegsführung, dieses uralte immer wieder aktuelle Geschäft, gehörte zu den Aufgaben des Dienstes, die er mit großer Brillanz und Augenmaß verfolgte.

„Tag Micky“, sagte Behrend. „Na, wie laufen die Schweinereien und andere Vergnügungen?"

„Wie immer blendend“, antwortete ein Sachbearbeiter.

„Wir haben mal wieder alles gesehen, alles gehört und uns ist nichts entgangen.“

„Dann ist es ja gut. Ich will zu Bernd.“

„Ich melde Sie an“, sagte Micky.

Bernd Kahlmeister war ein Mann der ersten Stunde. Schon sein Vater und sein Urvater, sein Großvater und seine Väter hatten für die feministische Sache gekämpft. Sie hatten sich verdient gemacht um die Einheit des Staates, hatten sich als Männer in dieser Frauendomäne einen unbestechlichen Ruf erarbeitet. Kahlmeister fragte nicht warum, sondern führte aus. Er war durch und durch von der feministischen Mission durchdrungen, war ein glühender Verehrer der Wertigkeitstheorie, die schon in den 40er Jahren die Überlegenheit der Frau wissenschaftlich und empirisch belegte. Die unverhohlenen Minderwertigkeitsanwürfe gegen den Mann erkannte er als Aufgabe für sich selbst, als stete Anforderung noch besser, noch schneller, noch gründlicher, zu arbeiten.

„Du hast aber heute keine glückliche Mine“, sagte Behrend.

„Nein, es ist ein Kreuz. Schön dich zu sehen, Daniel“.

„Ganz meinerseits, ich habe wichtige Neuigkeiten für dich.“ Behrend nahm unaufgefordert Platz.

„Dann schieß mal los, Daniel“, sagte Kahlmeister.

„Die Königin plant nun doch endlich den finalen Feldzug gegen Afrika. Diesmal soll es gründlich und abschließend sein. Da soll nicht mehr gefackelt werden.“

Ein Soldat servierte Tee und Gebäck.

„Das hört sich gut an“, sagte Kahlmeister. "Die Frage ist nur, wie halbherzig diesmal wieder gezögert wird, wie viel verschleppt und vermasselt wird.“

Kahlmeister nahm sich etwas Zucker.

„Natürlich, da ist nur das Hauptproblem der Stimmung im Volk. Es ist träge und kriegsmüde, es geht allen gut, niemand sieht einen Anlass für einen Krieg“, sagte Behrend.

„Ich weiß darum“, antwortete Kahlmeister.

„Aber wir haben da noch einiges in petto, das die Stimmung schon verändern könnte."

„Und genau um diese Dinge geht es. Ich habe die Counterstrategien angesprochen, die Anfang des Jahrtausends schon sehr erfolgreich erprobt wurden.“

Das Telefon klingelte.

„Schicken Sie sie rein“, befahl Kahlmeister.

Die Ministerin für Polizei und Infrastruktur, Karen Burger, war der gerade sehr moderne P-Typ. Sie hatte lange blonde Haare, stechend blaue Augen und eine Figur, die kein Editor der Welt gewagt hätte anzutasten. Ihre blaue Uniform mit den sechs Streifen stand ihr eben so gut, wie das goldene „V“ am rechten Ärmel.

„Guten Tag, meine Herren“, sagte sie, während sie ihre schwarze Polizeikappe auf den Stuhl feuerte.

„Wir haben einen Handlungsbedarf, Daniel?

 „Ja, haben wir Karen“, antwortete Behrend. 

„Ich brauche dafür alle verfügbaren Kräfte und Köpfe, die Königin will den Afrika-Feldzug beginnen und wir haben uns jetzt ein paar Gedanken zu machen.“

„Dann werden wir wohl gut sein, müssen“, sagte Karen.

„Gut ist zu schlecht für das, was ansteht.“

Behrend griente.

„Die Herren Kriegstreiber haben da aber sicher schon eine Idee“, scherzte Karen. Wenn sie gewusst hätte, wie nah sie da bei der Sache war, sie hätte sicher den Tonfall geändert.

„Wir spekulieren über eine Mischung von Feldzugsvorbereitung und konkreter Vorbereitung der Massen.“

„Der Massen, Bernie?“ sie grinste. „Davon hast du doch schon genug, oder?“

Bernie sah verlegen zur Seite, denn auch eine genbereinigte Figur war nicht gegen Schlagsahne und Kuchen gefeit.

„Wir haben da an die Dinge gedacht, die um die Jahrtausendwende geschahen“, warf Behrend ein.

„Ach, die alten Kamellen?“, konterte Karen.

„Die wirksamen Kamellen“, antwortete Kahlmeister.

„Das Volk ist kriegsmüde, unsere Verbündeten sind träge, unsere Motivation ist nicht hoch“, sagte Behrend.

„Wir brauchen ein Signal, das Freund wie Feind überzeugen kann. Ein Leuchtendes, ein Zeitgemäßes, ein Treffendes.“

„Das ist wohl wahr“, sagte Karen.

„Das Volk ist kriegsmüde, unsere Verbündeten sind träge, unsere Motivation ist nicht hoch“, sagte Behrend.

„In letzter Zeit haben wir viele sogenannte Lebensverweigerer zu beobachten, die sich erschießen oder erhängen. Eine Genossin hat letztlich sogar den Toaster benutzt, um sich ins Jenseits zu befördern. Die Leute werden satt. Das ist wahr.“

„Deshalb ist es an der Zeit mal darüber nachzudenken, welche Gegner wir momentan denn alle so haben.“

Behrend hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Da sind erst mal die Afrikaner, das ist klar, aber auch das Königshaus Belgien beherbergt mir zu viele von diesen Headbangern“, sagte Kahlmeister.

„Wir haben da aber auch noch die Terroristen im eigenen Land, „Luzifers Rache“ und die „Nigerianische Heilsfront“. Potenzielle Staatsverbrecher, kaum zu überbieten in Raffinesse und krimineller Energie“, sagte Kahlmeister.

„Wie gut habt ihr die denn unter Kontrolle?“, fragte Behrend.

„Nun, es gibt kaum eine Gruppe, die nicht von uns irgendwie infiltriert ist. Wir haben V-Leute in allen verdeckten Operationen, wir schleusen selbst in die bizarrsten Satanistensekten noch Leute rein. Das kostet zwar viel Geld, aber es lohnt der Mühe.“

„Auch wir haben die ganz gut im Griff. Ich hätte da aber auch noch einige crazy Einzelkämpfer im Sortiment, gescheiterte Existenzen, die zu jeder Sauerei in der Lage wären“, ergänzte Karen.

„Die können wir wohl alle brauchen“, sagte Behrend.

„Wir wissen heute sehr genau, dass die Bürger des Vereinigten Empires schon damals den Sinn der psychologischen Kriegsführung erkannt hatten. Die Sache mit den Türmen, ihr erinnert euch, das WTC, war erst die Eintrittskarte zur Expansion des Reiches.“

„Ja“, sagte Karen. „Aber auch die Eintrittskarte zu dessen Untergang.“

Stille.

„Nicht unbedingt, es gab damals keinen wirksamen Schutz gegen diese Viren, ich kenne aber keinen, der heute mit Viren hantiert, den wir nicht kennen würden“, verteidigte sich Kahlmeister.

„Sag niemals nie“, sagte Behrend.

„Aber dennoch ...“, führte er aus, „ ... wir brauchen etwas Großes. Eine wirksame Eröffnung des Feldzuges, einen Anlass. Oder denkt an den Reichstagsbrand in Berlin oder den Sender von Gleiwitz, der den Anlass für den 2. Weltkrieg bot, ebenso wie Pearl Harbor, das den Eintritt des heutigen Vereinigten Empires in die Kampfhandlungen besiegelte und Tonkin, das den Anlass zum damaligen Vietnamkrieg bot.“

„Ich weiß“, sagte Kahlmeister, „Die Afrikaner, experimentieren mit Neutronen. In fünf Jahren können sie vielleicht eine primitive Bombe gebastelt haben.“

„Viel zu spät, Bernd.“

Behrend runzelte die Stirn.

„Wir hätten da einen Idioten anzubieten, der sich mit einer Handgranate auf einen Konvoi stürzen würde.“

Karen war nicht wohl bei diesen Worten.

„Ist zu klein, zu unbedeutend“, wehrte Behrend ab.

Für einen Moment lang herrschte Ratlosigkeit, bis Kahlmeister eine Idee zu haben schien.

„Vielleicht können wir die Planungen von „Luzifers Rache“ zur Grundlage nehmen. Sie planen da etwas im großen Stil, eine Art Inferno gegen die Kuppel“ sagte Kahlmeister.

„Gegen die Kuppel?“

Karen schien entsetzt zu sein.

„Ja, gegen die Kuppel. Sie wollen einen Hochleistungsairbus mit annähernder Lichtgeschwindigkeit da reinschießen, die Folgen wären unausdenkbar.“

„Ja, das wären sie wohl“, folgerte Behrend.

„Aber wie sollte uns das nutzen?“, fragte Karen.

„Wenn die Kuppel aus den Angeln gerät, ist unsere Biosphäre zerstört. Es würde binnen weniger Stunden zu einem Kollaps der Luftversorgung kommen. Es gäbe Millionen von Hautkrebsfällen, es wäre eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes.“

Maren schüttelte den Kopf ob dieser Gedanken, die alle schon einmal gedacht hatten und die zur schlimmsten ausmalbaren Katastrophe gehörte, die man sich, nach Zerstörung des Ozonmantels um die Erde, denken konnte.

„Wir dürfen es eben nicht tun, wir müssen es andere glauben lassen, dass sie es tun.“

Kahlmeister grinste listig.

„Wie meinst Du das?“, fragte Behrend.

„Wer kontrolliert denn die Bilder?“

„Du meinst eine Inszenierung?“, fragte Karen.

„Ja, eine Inszenierung“, warf Kahlmeister zurück.

Das Telefon klingelte.

„Ich bin nicht zu sprechen“, raunzte Kahlmeister in den Hörer.

„Es ist die Königin, Sir.“

„Ich nehme an ... nun stell schon durch Idiot ... guten Tag, verehrte Vera.“

Kahlmeister bemühte seinen lieblichsten Tonfall.

„Ja, ich hörte bereits davon, Gescheiteste.“

Pause.

Karen und Daniel sahen sich vielsagend an.

„Ja, sicher, umgehend, wird erledigt ... Aber natürlich, nein ... Niemals, hahaha, ... Ja, so wird es sein. Ich wünsche noch einen schönen Tag.“

Er legte auf.

Er fasste sich, um zu sagen:

„Die Königin hat mir gerade noch einmal ausdrücklich zugesichert, dass jeder Plan, der dem Königinnenreich nutzt, die Kriegsbereitschaft zu erhöhen, dass jeder dieser Pläne sorgsam geprüft und erwogen werden wird.“

„Da haben wir es“, stellte Behrend erleichtert fest.

„Wir müssen es angehen“, ergänzte Karen.

Drittes Kapitel

Monika Markstein sah sich den Schrott im Watcher an. Sie hasste diesen faschistischen Müll, der ihr die Ohren, die Sinne und den Verstand raubte. Vera die V. hatte mal wieder ihre Diamantensammlung dem staunenden Volk eröffnet. Sie ließ die blinden Ameisen durch ihren Palast wandeln und gab ihnen so einmal im Leben die Hoffnung auf ein besseres Dasein. Übelste Volksverdummung. Ihre Gedanken schweiften zu dem, was ihr wichtig war. Der Hass, die Rache, der Krieg. Monika war ein S-Typ. Ihre wallenden, langen Haare waren wild gekraust, ihre Hände etwas zu groß geraten. Ihre Figur war makellos und ihre Augen von tiefdunkler Schärfe.

Sie hatte auch einmal an all das geglaubt, was sie ihr vorgaukeln wollten.

Sie hatte sogar im Aufbaustudium die besten Noten in feministischer Rhetorik und weiblicher Lebensart erzielt. Sie war eine hochintelligente und etwas eigenwillige Frau. Der Knacks kam dann mit ihrem Vater. Als sie ihn abholten. Niemand wusste, wo er war, als sie ihm die Hände brachen und ihn seiner Sinne beraubten. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, gab er ihr einen ganz sanften Kuss auf die Wange. Es war sein Abschied.

 

Sie hörte niemals wieder etwas von ihm.

 

Sie hatte schon damals gezweifelt. Ihr waren die ersten Zweifel bei der Wertigkeitstheorie gekommen, als sie in den Geschichtsbüchern von den Künstlern und Philosophen der Vergangenheit las. Von Beethoven, Heine, Rachmaninow, Schuhmann, Bach, Kant, Migel, Dali und all den Anderen. Sie stellte sich eine einfache Frage. Ist der Mann wirklich dazu angelegt, böse zu sein?

Ist seine verkorkste Libido wirklich der Grundstein für die Kriege der Welt? Und wenn dem so ist, warum gibt es dann auch jetzt Kriege?

Na, gut, von den Afrikanern vielleicht provoziert, aber Kriege, die gab es ja wohl immer noch. Ihr Vater hatte ihr damals immer die Stange gehalten, hatte sie sogar gewarnt vor diesen, wie er sie nannte, „gefährlichen“ Gedanken. Aber es gab keine gefährlichen Gedanken, es gab nur richtige Gedanken.

Denn alles, was man sich richtig ausdenkt, alles, was man bis ins Letzte durchdenkt, all dies, brachte einen weiter, setzte einen weiteren Stein ins Mosaik. Es war ein riesiges Puzzlespiel, es brachte einen heim. Es war wie die Frage nach dem Sinn. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Sie hatte keine Freundinnen mehr, als sie anfing, zu denken. Sie sei, so hieß es, zu kompliziert, zu eigenbrötlerisch, zu abwesend. Bei den Dinnerpartys ertrug sie bald das Gebabbel von genveränderten Weinen und schmucken Abendkleidern nicht mehr. Sie sonderte sich ab.

 

Aber es war nicht, weil sie die Menschen nicht mochte, es war, weil sie keinen Sinn in dieser Art von Leben sah. Sie wollte nicht mit irgendwelchen G-Typen ihre absonderlichen Rituale ausleben, die, streng nach dem SEXUS CORDALE, immer wieder die totale Befriedigung der Frau propagierten. Sie mochte es nicht von Männern umgarnt und hofiert zu werden. Sie mochte es nicht, mit ihren Freundinnen Zungenküsse in der Öffentlichkeit auszutauschen und ihren makellosen Körper in der Stadt den geifernden Männern zur Schau zu stellen.

Sie fand die Praxis, das Brom nicht immer auszuteilen, als sehr verächtlich. Als sie dann ihren Vater abholten, als sie ihm alles nahmen und ihr damit auch den liebsten Menschen, da überwältigte sie der Hass. Der Hass auf alles, was war, es schrie in ihr, es tobte, es war nicht aufzuhalten, es war stärker als die Angst.

 

Als sie den Terroristen von „Luzifers Rache“ beitrat, war sie bereit zu sterben. Sie wusste, dass dies ein Weg ohne Wiederkehr war. Sie war ohnmächtig vor Wut, zu allem entschlossen. Sie hatte alle Brücken abgebrochen. Sie lernte von den Büchern, die wie ein Vermächtnis eines kollektiven Wissens, das längst verschollen war, ihr das Dasein in einem anderen Licht präsentierten. Sie las die Gedichte von Hölderlin und je schöner die Worte in ihr klangen, je intensiver der Schrei nach Liebe ihre verletzte Seele streichelte, umso stärker wurde ihr Wille zum Kampf.

Die Schwestern und Brüdern von „Luzifers Rache“ hatten ihr eine neue Heimat gegeben. Sie tauschten die Wohnungen wie die Kleider, sie lebten ständig in Angst, aber immer bereit, auch den letzten Schuss für sich selbst bereitzuhaben. Sie planten sinnlose Aktionen, spekulierten unter Tarnnamen an der Börse, flogen heiße Schlitten und hatten Sex miteinander. Mann und Frau. Sie wollten es so gleichberechtigt wie möglich machen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der 4. Weltkrieg" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen