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Department 19 – Die Wiederkehr

WILL HILL

DEPARTMENT

19

DIE WIEDERKEHR

Roman

Übersetzung aus dem Englischen von Wulf Bergner

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Charly und Nick,
die besten Komplizen, die man sich wünschen könnte

    

Und seufzend werd ich einmal sicherlich

Es dort erzählen, wo die Zeit verweht:

Zwei Waldeswege trennten sich, und ich –

ich ging und wählt den stilleren für mich –

und das hat all mein Leben umgedreht.

                                        ROBERT FROST

                                        Der nicht gegangene Weg



Wie viel glücklicher ist der Mann, der seine

Heimatstadt für die Welt hält, als jener, der

größer sein will, als seine Natur es zulässt.

                                        VICTOR FRANKENSTEIN

  

Memorandum

VON: BÜRO DES VORSITZENDEN DES GEMEINSAMEN GEHEIMDIENSTAUSSCHUSSES

BETREFF: REVIDIERTE EINTEILUNG DER DEPARTMENTS DER BRITISCHEN REGIERUNG

SICHERHEITSSTUFE: STRENG GEHEIM

DEPARTMENT 1

    Büro des Premierministers

DEPARTMENT 2

    Kabinett

DEPARTMENT 3

    Innenministerium

DEPARTMENT 4

    Außenministerium und Commonwealth Office

DEPARTMENT 5

    Verteidigungsministerium

DEPARTMENT 6

    Britische Armee

DEPARTMENT 7

    Königliche Marine

DEPARTMENT 8

    Diplomatischer Dienst Ihrer Majestät

DEPARTMENT 9

    Schatzamt Ihrer Majestät

DEPARTMENT 10

    Verkehrsministerium

DEPARTMENT 11

    Generalstaatsanwalt

DEPARTMENT 12

    Justizministerium

DEPARTMENT 13

    Militärische Aufklärung Sektion 5 (MI5)

DEPARTMENT 14

    Geheimdienst (SIS)

DEPARTMENT 15

    Königliche Luftwaffe

DEPARTMENT 16

    Nordirland-Büro

DEPARTMENT 17

    Schottland-Büro

DEPARTMENT 18

    Wales-Büro

DEPARTMENT 19

    Höchste Geheimhaltungsstufe

DEPARTMENT 20

    Territoriale Polizeikräfte

DEPARTMENT 21

    Gesundheitsministerium

DEPARTMENT 22

    Fernmeldeaufklärung und Nachrichtendienst

DEPARTMENT 23

    Geheimdienstaufsicht und -koordination

Zwölf Wochen nach Lindisfarne
91 Tage bis zur Stunde null

1

Auf Streife

Pilgrim Hospital
Boston, Lincolnshire

Sergeant Ted Pearson von der Lincolnshire Police stampfte mit kalten Füßen aufs Pflaster und sah nochmals auf seine Uhr. Constable Dave Fleming, sein Partner, beobachtete ihn mit nervöser Miene.

Halb zehn, dachte der Sergeant und verzog das Gesicht. Ich sollte zu Hause sein und die Füße hochlegen. Sharon macht heut Abend Lasagne, und aufgewärmt ist sie nur halb so gut.

Der Notruf war um 21.50 Uhr vom Empfang des Krankenhauses bei ihnen eingegangen. Sergeant Pearson und sein Partner wollten gerade die Akte zu einem Fall von illegaler Einwanderung auf einer der Farmen bei Louth schließen und hatten sich schon darauf gefreut, den Papierkram abgeben und heimfahren zu können, als sie erfuhren, für diesen Notruf seien sie zuständig. Sie waren murrend in ihren Streifenwagen gestiegen und das kurze Stück von der Polizeistation zum Krankenhaus gefahren, mit flackerndem Blaulicht und Sirenengeheul durch die eisige Januarnacht.    

Sie hatten das Krankenhaus in wenig mehr als drei Minuten erreicht und befragten die Krankenschwester, die angerufen hatte – eine junge Nigerianerin mit großen, ängstlich geweiteten Augen –, als Sergeant Pearsons Funkgerät zum Leben erwachte. Die Nachricht, die es übermittelte, war knapp und direkt.

»Zugang zu potenziellem Tatort bewachen. Nicht ermitteln oder mit möglichen Zeugen sprechen. Objekt bewachen, bis Sie abgelöst werden.«

Pearson hatte laut ins Mikrofon geflucht, aber der Mann am anderen Ende – dessen Stimme er nicht erkannte, der aber eindeutig nicht der gewohnte Dispatcher war – hatte die Verbindung bereits getrennt. Also hatte er den Befehl ausgeführt: Er hatte Constable Fleming angewiesen, die Befragung der Krankenschwester einzustellen, und dem Personal erklärt, der Zutritt zur Blutbank des Krankenhauses sei ohne seine ausdrückliche Erlaubnis verboten. Dann hatte er mit seinem Partner vor dem Seiteneingang des Krankenhauses Posten bezogen, wo sie in der Kälte zitternd auf Ablösung warteten. Durch wen oder was, wussten sie nicht.

»Was geht hier vor, Sarge?«, fragte Constable Fleming, nachdem eine Viertelstunde vergangen war. »Warum stehen wir hier draußen rum wie Wachleute?«

»Wir tun, was uns befohlen wurde«, antwortete Sergeant Pearson.

Fleming nickte, ohne überzeugt zu sein. Sein Blick wanderte durch die schwach beleuchtete Straße, die nur eine Gasse zwischen dem Krankenhaus und dem verfallenden Klinkerbau einer ehemaligen Fabrik war. An die Mauer gegenüber hatte jemand mit bis zum Boden herabtropfender Farbe drei Wörter gesprayt:

ER
KEHRT
ZURÜCK

»Was heißt das, Sarge?«, fragte Constable Fleming und deutete auf das Graffito.

»Klappe, Dave«, antwortete sein Partner nach einem flüchtigen Blick auf die Wörter. »Keine weiteren Fragen, okay?«

Der junge Mann würde einmal einen guten Polizisten abgeben, daran hatte Pearson keinen Zweifel, aber sein Enthusiasmus und seine ständige Neugier bereiteten dem Sergeant manchmal Kopfschmerzen. Die unbequeme Wahrheit war, dass Pearson nicht wusste, was hier lief, warum sie den Krankenhauseingang bewachten oder was das Graffito bedeutete. Aber das hätte er Fleming gegenüber, der noch kein halbes Jahr im Dienst war, niemals zugegeben. Er stampfte nochmals mit den Füßen auf, und während er das tat, hörte er in der Ferne das Brummen eines näher kommenden Fahrzeugs.

Dreißig Sekunden später hielt ein schwarzer Van neben den beiden Polizeibeamten.

Das Fensterglas des tiefergelegten Wagens war so schwarz wie seine Karosserie, und er fuhr auf gepanzerten Breitreifen. Sein Motorengeräusch war unglaublich laut: ein dumpfes Röhren, das Pearson und Fleming durch ihre Stiefel spürten. Fast eine halbe Minute lang passierte nichts; der Van stand unbeweglich vor ihnen; in dem Neonlicht, das hinter ihnen aus dem Seitenausgang des Krankenhauses drang, wirkte er massiv und seltsam bedrohlich. Dann öffnete sich mit lautem Zischen die Hecktür des Fahrzeugs, und drei Gestalten stiegen aus.

Fleming starrte sie mit großen Augen an, als sie herankamen. Pearson, der im Laufe seiner Dienstzeit Dinge gesehen hatte, die ihm sein jüngerer Kollege nicht geglaubt hätte, verstand es besser als dieser, seine Emotionen zu verbergen. Er schaffte es, sich seine Verwirrung und wachsende Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

Die drei Gestalten, die nun vor ihnen standen, waren von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet: Stiefel, Handschuhe, Uniformen, Koppeln und Gurtzeug im Militärstil – alles schwarz. Die einzigen Farbkleckse waren das helle Purpur der Visiere, die ihre Gesichter verdeckten und zu glatten schwarzen Helmen gehörten, wie die Polizeibeamten sie noch nie gesehen hatten. Die Neuankömmlinge ließen keinen Quadratzentimeter unbedeckter Haut sehen; sie hätten ebenso gut Roboter sein können, so anonym war ihre Erscheinung. An den Koppeln trugen sie je zwei schwarze Handfeuerwaffen in Halftern und einen langen Zylinder mit Handgriff und Abzugvorrichtung. Auch dies war offensichtlich eine Waffe, die Pearson jedoch nicht kannte.

Die größte der drei Gestalten baute sich so dicht vor Sergeant Pearson auf, dass ihr glänzendes Visier nur eine Handbreit von seiner Nase entfernt war. Als sie sprach, klang ihre Stimme männlich, aber so digitalisiert und ausdruckslos, dass Pearson aus seiner Zeit beim SO15 der Metropolitan Police wusste, dass sie mehrfach elektronisch gefiltert wurde, um eine Identifizierung durch Stimmabdruck unmöglich zu machen.

»Haben Sie eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschrieben?«, fragte die schwarze Gestalt scharf. Die beiden Polizeibeamten waren zu eingeschüchtert, um mehr zu tun, als stumm zu nicken. »Gut. Dann haben Sie mich nie gesehen, und das hier ist nie passiert.«

»Auf wessen Befehl?«, brachte Pearson mit merklich zitternder Stimme heraus.

»Des Chefs des Generalstabs«, antwortete die Gestalt, dann brachte sie ihr Visier noch dichter an Pearsons Gesicht heran. »Und auf meinen. Verstanden?«

Pearson nickte erneut, und die Gestalt ließ ihn stehen. Sie ging an ihm vorbei und betrat mit großen Schritten das Krankenhaus. Die beiden anderen schwarzen Gestalten folgten ihr.

»Die Blutbank ist …«, begann Constable Fleming.

»Wir kennen den Weg«, sagte die dritte Gestalt mit digital veränderter Frauenstimme.

Dann waren sie fort.

Die beiden Polizeibeamten sahen sich an. Sergeant Pearson zitterte sichtlich, und Constable Fleming wollte seinem Partner eine Hand auf die Schulter legen. Der ältere Mann winkte ab, doch er wirkte nicht verärgert; er sah nur alt und ängstlich aus.    

»Wer waren die, Sarge?«, fragte Fleming mit unsicherer Stimme.

»Das weiß ich nicht, Dave«, antwortete Pearson. »Und ich will’s auch nicht wissen.«

Die drei schwarzgekleideten Gestalten schritten durch die hell beleuchteten Flure des Krankenhauses.

Die große Gestalt, die mit Sergeant Pearson gesprochen hatte, ging voraus. Hinter ihr, kleiner und schlanker als der Anführer, kam die zweite Gestalt des Trios, die leichtfüßig übers Linoleum zu schweben schien. Die dritte, noch etwas kleinere Gestalt, bildete die Nachhut und bewegte ihr purpurrotes Visier langsam von links nach rechts und wieder zurück, um etwaige Angreifer oder Augenzeugen zu sichten. An der doppelten Schiebetür zum OP signalisierte der große Anführer »Halt!« und hakte sein Funksprechgerät vom Koppel. Er gab einen Code aus Ziffern und Buchstaben ein, dann stellte er eine Verbindung zum Kommunikationssystem seines Helms her. Anschließend wartete er einige Sekunden, bevor er sprach.

»Team G-17 in Position. Alpha einsatzbereit.«

»Beta einsatzbereit«, sagte die zweite Gestalt mit metallischer Frauenstimme.

»Gamma einsatzbereit«, meldete die dritte Gestalt.

Alpha wartete die Bestätigung ihrer Meldung vom anderen Ende der Leitung ab, dann hakte er das Funkgerät wieder ein.

»Also los«, sagte er, und die Gruppe drang weiter in das Krankenhaus vor.

Nur wenige Sekunden später sprach Gamma. »Von wem ist der Notruf gekommen?«

»Von der Schwester am Empfang«, antwortete Alpha. »Ein Nachtpfleger hat gesehen, wie ein Mann ein kleines Mädchen in die Blutbank geführt hat. Ein Mann mit roten Augen. Ein Junkie, wie er vermutet.«

Beta lachte. »Damit hat er wahrscheinlich recht. Aber nicht ganz so, wie er meint.«

Die drei schwarzen Gestalten stießen eine Tür mit der Aufschrift KEIN ZUTRITT FÜR UNBEFUGTE! auf und marschierten weiter.

»Fünfter Einsatz in drei Nächten«, sagte Gamma. »Will Seward uns für irgendwas bestrafen?«

»Das trifft nicht nur uns«, sagte Alpha. »Anderen geht’s genauso. Alle Teams sind ständig im Einsatz.«

»Ich weiß«, antwortete Beta. »Und wir wissen, weshalb, nicht wahr? Alles wegen …«

»Nicht«, sagte Gamma rasch. »Sprich nicht von ihm. Nicht jetzt, okay?«

Aus Betas Helm kam ein gedämpfter Laut, der ein Lachen hätte sein können, aber sie sprach nicht weiter.

»Du hast die Polizei ziemlich hart angefasst«, sagte Gamma. »Der alte Sergeant war ganz verängstigt.«

»Gut«, antwortete Alpha. »Je eifriger er so tut, als habe es diese Nacht nie gegeben, desto sicherer ist er. Schluss jetzt mit dem Gerede.«

Sie hatten die Blutbank des Krankenhauses erreicht, deren Tür offen stand. Alpha trat langsam in den dunklen Raum und betätigte den Lichtschalter neben der Tür.

Nichts geschah.

Er zog eine Stablampe aus dem Koppel und richtete ihren Strahl an die Decke. Die Glühbirne war zertrümmert, bestand nur noch aus einem gezackten Glasring und den Resten der Drahtwendel. Ein langsamer Schwenk der Lampe zeigte ein Schlachtfeld: Die Metallregale der Blutbank waren geplündert worden. Der Fußboden war mit zerfetzten Kunststoffbeuteln und Blutlachen übersät.

»Keinen Schritt näher!«

Die Stimme kam aus einer Ecke des Raums, und Alpha richtete sofort seine Stablampe auf sie. Zwei weitere Lichtstrahlen kamen hinzu, als Beta und Gamma eintraten und dem Beispiel ihres Teamführers folgten.

Die Lichtkegel beleuchteten die zitternde Gestalt eines in der Ecke des Raums kauernden Mannes in mittleren Jahren. Vor seinen Füßen lag eine Sporttasche, randvoll mit Blutbeuteln. In den Armen hielt er ein Mädchen von höchstens sechs Jahren, dessen Gesicht blankes Entsetzen widerspiegelte. Der Mann hielt einen messerscharfen Fingernagel an ihre Kehle gedrückt und starrte die drei schwarzen Gestalten panisch und verzweifelt an.

Alpha hob eine Hand, verstellte sein Visier und sah, wie der Raum sich vor seinen Augen veränderte. Der Helm enthielt einen kryogekühlten Infrarotsensor, der die Wärmesignatur aller hier sichtbaren Objekte darstellte. Die kalten Wände und der Fußboden der Blutbank leuchteten blassgrün und hellblau, während das kleine Mädchen dunkler und orangegelb gefleckt war. Der Mann leuchtete hellrot und purpurrot wie eine Wunderkerze und blendete Alpha fast.

»Keinen Schritt näher, sonst bring ich sie um«, sagte der Mann, der sich nervös an die Wand drängte. Das Mädchen wimmerte, als er ihr die Kehle fester zudrückte.

Alpha stellte sein Visier wieder normal ein.

»Keine Aufregung«, sagte er ruhig. »Lassen Sie die Kleine laufen, dann können wir miteinander reden.«

»Da gibt’s nichts zu reden!«, rief der Mann und riss das Mädchen von den Beinen. Sie schrie mit vor Entsetzen geweiteten Augen auf, und Alpha trat einen halben Schritt vor.

»Lassen Sie die Kleine laufen«, wiederholte er.

»Das geht ja mal gar nicht«, sagte Beta halblaut.

Alpha sah rasch zu ihr hinüber. »Tu nichts ohne meinen Befehl«, sagte er warnend.

Beta schnaubte vor Lachen. »Bitte«, sagte sie, dann zog sie einen kurzen schwarzen Zylinder aus ihrem Koppel, zielte damit auf die Ecke und drückte einen Knopf.

Ultraviolettes Licht schoss in dickem Strahl quer durch die Blutbank. Es traf den Arm des Mannes und das Gesicht der Kleinen, die beide sofort in Flammen aufgingen. Schreie und der widerliche Gestank von brennendem Fleisch erfüllten die Luft, während Gamma hinter ihrem Visier nach Atem rang.

Das kleine Mädchen riss sich von dem Arm los, der es umklammert hatte, und schlug sich wild ins Gesicht, bis die Flammen erloschen waren. Dann fiel sie auf die Knie, riss einen der Blutbeutel auf und trank so gierig daraus, dass die scharlachrote Flüssigkeit ihr übers Kinn lief.

Der Mann beobachtete sie mit hilfloser Miene, bis er auf einmal zu merken schien, dass sein Arm brannte. Er sprang in der Ecke umher und schlug mit der gesunden Hand auf die Flammen ein. Sobald sie gelöscht waren, nahm er sich einen Blutbeutel aus dem nächsten Regal und trank ihn leer. Während das Team G-17 zusah, begannen das Gesicht des Mädchens und der Arm des Mannes vor ihren Augen zu heilen: Muskeln und Gewebe wuchsen wieder, die Haut schloss sich und wurde rosig glatt. Als die Verletzungen so vollständig geheilt waren, als hätte es sie nie gegeben – ein Vorgang, der nur wenige Sekunden dauerte –, sah die Kleine jammernd zu dem Mann auf.

»Daddy!«, rief sie, ihr Mund ein enttäuscht weit aufgerissenes Oval. »Du hast gesagt, es würde klappen! Du hast’s versprochen!«

Der Mann erwiderte ihren Blick tief betrübt.

»Tut mir leid, Schätzchen«, antwortete er. »Ich dachte, es würde klappen.« Er sah zu den drei dunklen Gestalten hinüber, die sich nicht bewegt hatten. »Woher habt ihr gewusst, dass sie verwandelt ist? Das arme Ding hat eine Stunde lang in Eiswasser gesessen, weil es euren Helmen nicht heiß erscheinen sollte. Seine Zähne haben gerade erst zu klappern aufgehört.«

Beta hob eine Hand und nahm ihren Helm ab. Darunter kam ein Teenagergesicht zum Vorschein: schön, blass und schmal, von kinnlangem schwarzem Haar umrahmt. Sie lächelte strahlend, und ihre Augen leuchteten im reflektierten Licht der Stablampen rot.

»Ich kann sie riechen«, antwortete Larissa Kinley.

Das kleine Mädchen fauchte. Seine Augen füllten sich mit dem gleichen Rot wie Larissas.

»Dann ist’s also wahr«, sagte ihr Vater. »Im Department 19 arbeitet eine Verräterin. Wie kannst du die eigenen Leute jagen? Besitzt du gar kein Schamgefühl?«

Larissa, deren Lächeln verblasste, trat einen halben Schritt auf ihn zu.

»Ihr seid nicht meine Leute«, sagte sie eisig. Alpha legte ihr sanft eine Hand auf den Arm, und sie trat zurück, ohne den Mann in der Ecke aus den Augen zu lassen.

Gamma nahm ihren Helm ab und schüttelte den Kopf. Kurze blonde Haare flogen um ein hübsches herzförmiges Gesicht mit leuchtend blauen Augen und einem Mund, der jetzt energisch zusammengepresst war.

»Habt ihr beiden letzten Monat das Lincoln General Hospital überfallen?«, fragte Kate Randall.

Der Mann nickte, während er weiter nervös Larissa im Auge behielt.

»Und das Nottingham Trent im Monat davor?«

Er schüttelte den Kopf.

»Belügen Sie mich?«, fragte Kate.

»Wozu sollte ich lügen?«, erwiderte der Mann. Er schien den Tränen nahe zu sein. »Ihr werdet uns ohnehin pfählen – was würden da Lügen nützen?«

»Genau«, sagte Larissa bösartig lächelnd.

Das kleine Mädchen begann zu weinen. Der Mann legte ihr beide Hände auf die Schultern und flüsterte ihr etwas zu.

Alpha sah zu Larissa hinüber, die spöttisch die Augen verdrehte. Dann griff auch er nach oben und nahm den Helm ab.    

Der Junge, der darunter zum Vorschein kam, war nicht älter als sechzehn oder siebzehn Jahre, aber sein Gesicht sah älter aus; als habe er Dinge gesehen – und vermutlich auch getan –, die ihren Tribut gefordert hatten. Aus seinem Uniformkragen kroch eine gezackte rosa Narbe die rechte Halsseite hinauf und endete, bevor sie den Unterkiefer erreichte. Sein gut geschnittenes Gesicht strahlte eine Ruhe aus, wie sie zu einem älteren Mann gepasst hätte. Der Blick seiner stahlblauen Augen war durchdringend, aber er richtete ihn zärtlich auf Larissa.

»Heute Nacht wird niemand gepfählt«, sagte Jamie Carpenter. »Ihr kennt das neue Standardverfahren. Gib mir bitte zwei Sprenggürtel, Kate. Diese beiden kann Lazarus haben. Ich glaube nicht, dass sie gefährlich sind.«

Nun begann auch der Mann zu weinen.

»Wir waren hungrig«, sagte er. »Tut mir leid, dass wir … Ich bin Patrick Connors, und dies ist meine Tochter Maggie. Wir waren nur so hungrig. Wir wollten niemandem Schwierigkeiten machen.«

»Schon gut«, antwortete Jamie. Er nahm Kate die beiden Sprenggürtel aus der Hand und warf sie Vater und Tochter zu. »Legt sie an – über die Schultern und unter den Achseln hindurch. Und zieht die Schnallen fest.«

Die Sprenggürtel waren breite Stoffgurte, die sich auf Brust und Rücken kreuzten. Wo sie sich vorn trafen, saß eine Sprengladung direkt über dem Herzen des Trägers. Patrick und Maggie legten sie an und zogen wie angewiesen die Schnallen fest. Als sie fertig waren, zog Jamie einen kurzen Zylinder mit einer kleinen Skala auf einer Seite und einem roten Abzug auf der anderen aus seinem Koppel. Er drehte die Skala zwei Stufen nach rechts, bis die roten Kontrollleuchten der Sprengladungen aufflammten.

Jamie wandte sich an sein Team.

»Larissa, du führst uns hier heraus«, sagte er. »Sir, Sie folgen ihr, dann kommt Kate, dann die Kleine, und ich folge als Letzter. Wir gehen hinaus, wie wir reingekommen sind, wir machen nirgends halt, wir sprechen mit niemandem. Oh … und bitte normale Augen.«

Er grinste, als Larissas und Maggies Augen wieder ihre gewöhnliche Farbe annahmen. Larissa führte sie aus der Blutbank und schritt den Korridor entlang zum Ausgang und dem wartenden Van. Der Rest des Teams G-17 und seine Gefangenen folgten ihr in der von Jamie festgelegten Reihenfolge. Weniger als eine Minute später marschierten sie an Sergeant Pearson und Constable Fleming vorbei, die es vermieden, die Eindringlinge anzusehen, und schlossen die Tür des Vans hinter sich.

Die Innenausstattung des Fahrzeugs bestand aus silbernem Metall und schwarzem Kunststoff; zwischen den jeweils vier Sitzen an den beiden Seitenwänden ragten Konsolen mit einem halben Dutzend seltsam geformter Ablagefächer auf. Von der Decke ließ sich ein hochauflösender Touch-Screen herunterklappen, und der Boden vor jedem Sitz wies mehrere Schlitze auf. Jamie wies den Mann und seine Tochter an, auf den vordersten Sitzen Platz zu nehmen und sich anzuschnallen. Das taten sie schweigend, und als sie saßen, drückte Kate auf einen in die Wand eingelassenen Knopf. Eine Leiste im Boden strahlte eine Barriere aus UV-Licht senkrecht nach oben und schnitt sie jäh von den drei Teenagern in Schwarz ab, sodass Patrick und Maggie unwillkürlich aufschrien.

»Keine Sorge«, sagte Jamie. »Euch passiert nichts.«

Er machte sich daran, Waffen und Ausrüstungsgegenstände von seinem Koppel zu lösen und in der Konsole neben seinem Sitz zu verstauen. Der brandneue pneumatische Werfer T-21, die Glock 17, die Heckler & Koch MP5, die Stablampe und der kurze Strahler, den Larissa in der Blutbank eingesetzt hatte – sie alle kamen in passgenaue Fächer und wurden festgeklipst. Den Fernzünder behielt er in der Hand auf seinem Knie, als er sich setzte und die Kabine abfahrtbereit meldete. Sofort heulte der starke Motor auf, und der Wagen, der in Wirklichkeit kein Van, sondern eher eine Kombination aus einem taktischen Kommandozentrum und einem Schützenpanzer war, fuhr an, beschleunigte rasch und ließ Sergeant Pearson und Constable Fleming auf ihrem Posten frierend zurück.

»Was machen wir …«

»Nichts«, unterbrach ihn Pearson, bevor der Jüngere den Satz beenden konnte. »Wir tun nichts, und wir sagen nichts, weil nichts passiert ist. Absolut nichts. Klar?«

»Kristallklar, Sir«, antwortete Fleming. »Ich schlage vor, wir fahren heim.«

Eine Stunde später raste der Van durch dichter werdenden Wald, steuerte einen Ort an, der offiziell nicht existierte. Die amtliche Bezeichnung lautete Geheime Militärische Anlage 303-F, aber die Männer und Frauen, die von ihrer Existenz wussten, kannten sie seit langem unter einem kürzeren, einfacheren Namen.

»Willkommen im Ring«, sagte Jamie, als der Wagen hielt. Patrick Connors und seine Tochter betrachteten ihn schweigend mit höflicher Verständnislosigkeit.

Draußen war ein leises Rumpeln zu hören: ein metallisches Geräusch wie von einem Rolltor. Dann fuhren sie wieder, krochen langsam vorwärts.

»Legen Sie den Leerlauf ein.«

Die künstliche Stimme schien von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Der Fahrer des Vans, den die Männer und Frauen im rückwärtigen Teil nicht sehen konnten, befolgte die Anweisung. Unter dem Wagen lief surrend ein Förderband an, das ihn weitertransportierte, bis die Computerstimme wieder sprach.

»Bitte nennen Sie die Namen und Designierungen sämtlicher Insassen.«

»Carpenter, Jamie. NS303, 67-J.«

»Kinley, Larissa, NS303, 77-J.«

»Randall, Kate, NS303, 78-J.«

Nun folgte eine lange Pause.

»In diesem Fahrzeug sind übernatürliche Lebensformen entdeckt worden«, sagte die Stimme. »Bitte nennen Sie den Freigabe-Code.«

»Lazarus 914–73«, antwortete Jamie rasch.

Wieder eine Pause.

»Freigabe erteilt«, verkündete die Stimme. »Sie dürfen weiterfahren.«

Der Van fuhr an, beschleunigte rasch. Weniger als zwei Minuten später hielt er wieder, und Jamie stand auf und öffnete die Hecktür. Kate drückte nochmals den Wandknopf, um die UV-Barriere, die Patrick und Maggie gefangen hielt, verschwinden zu lassen.

»Mitkommen«, sagte Jamie und zeigte auf die offene Tür. Der Mann führte seine Tochter langsam die Stufen hinab und in eine Welt, von der er gerüchteweise gehört, aber an die er nie recht geglaubt hatte.

Hinter dem Wagen stand ein gigantischer halbkreisförmiger Hangar unter dem Nachthimmel offen. Sein riesiger Innenraum war größtenteils leer; entlang einer Wand parkten schwarze Vans und Geländewagen, und auf dem Vorfeld bewegten sich nur eine Handvoll schwarz gekleideter Gestalten. Vor der offenen Hecktür warteten geduldig ein Mann in der gleichen schwarzen Uniform, die auch Jamie und sein Team trugen, und ein junger Asiate in einem weißen Labormantel.

Patrick sah sich um und holte fast erschrocken tief Luft. Er hatte nur einen Augenblick Zeit, um das Riesenhafte, das unglaublich Fremdartige seiner Umgebung wahrzunehmen: den hohen bogenförmigen Sicherheitszaun jenseits der Startbahn, das Labyrinth aus roten Lasern, das ultraviolette Niemandsland und die gigantische Kuppel aus holografischen Bäumen, die über ihnen am Himmel hing.

Dann spürte er eine Hand im Kreuz und wurde nach vorn geschoben, auf die wartenden Männer zu. Seine Tochter umklammerte seine Hand, und er hielt sie fest, als Jamie vortrat und den Fernzünder dem Mann in dem weißen Kittel übergab, der dankend nickte, bevor er sich an die beiden desorientierten, verängstigten Vampire wandte.

»Sir«, sagte er mit sanfter, halblauter Stimme. »Ich bin Dr. Yen. Kommen Sie bitte mit?«

Der Mann sah zu Jamie hinüber. In seinen Augen flackerte Angst.

»Das ist in Ordnung«, sagte Jamie. »Bei ihm sind Sie sicher.«

Patrick suchte Maggies Blick und stellte fest, dass sie mit entschlossener Miene zu ihm aufsah. Dabei nickte sie kaum merklich.

»Das tun wir«, antwortete er mit so fester Stimme wie möglich. »Wir kommen mit.«

Der Arzt nickte, dann wandte er sich ab und ging rasch durch den Hangar davon. Nach kurzem Zögern folgten ihm der Mann und seine Tochter durch den höhlenartigen Raum und eine breite zweiflüglige Tür.

Jamie sah ihnen nach, dann lächelte er Kate und Larissa zu. Hinter ihnen stieg ein Agent des Sicherheitsdiensts in den Van und fing an, die Waffen und Ausrüstungsgegenstände aus den Ablagefächern zu ziehen. Wie immer würden sie binnen einer Stunde gereinigt und kontrolliert in ihre Unterkunft gebracht werden. Jamie nickte dem Agenten zu, bevor er sich dem Offizier vom Dienst zuwandte, der sie erwartet hatte.

»Hübsch kalt hier draußen«, sagte er, während er die Atemwolke vor seinem Gesicht beobachtete.

»Ja, Sir. Verdammt frisch, Sir.«

»Wie geht’s meiner Mutter?«

»Gut, Sir«, antwortete der junge Agent. »Hat nach Ihnen gefragt.«

Jamie nickte und ging in den Hangar davon. Er fühlte sich plötzlich erschöpft, seine kleine Unterkunft auf Ebene B schien ihn zu rufen.

»Admiral Seward möchte, dass Sie ihm Bericht erstatten, Sir«, rief ihm der Agent nach, als er gerade mal einige Schritte gemacht hatte. Das klang entschuldigend, und Jamie seufzte.

»Persönlich?«

»Persönlich, Sir.«

Jamie fluchte halblaut. »Sagen Sie ihm, dass ich in zehn Minuten komme«, wies er den Agenten an und marschierte zu einer der Türen in der Rückwand des Hangars davon. Kate und Larissa folgten ihm dichtauf.

Die drei Angehörigen des Teams G-17 sackten gegen die Wände der Kabine, als der Aufzug mit ihnen in die Tiefe sank.

Auf Ebene B wünschte Jamie den beiden Mädchen eine gute Nacht und eilte, so schnell es seine müden Beine erlaubten, zu dem Duschblock für Männer in der Mitte des Korridors. Er stand lange unter den heißen Wasserstrahlen, die hoffentlich verhindern würden, dass die Muskelschmerzen, die der aktive Dienst als Agent von Department 19 unweigerlich mit sich brachte, noch stärker zurückkehrten, als sie es gewöhnlich taten, sobald der Adrenalinschub eines Einsatzes abklang.

Schließlich drehte er widerstrebend das Wasser ab und zog ein T-Shirt und eine Kampfanzughose aus seinem Spind an. Er glaubte, sein schmales Feldbett schon unter sich zu spüren, konnte sich den Moment vorstellen, in dem sein Kopf das Kissen berühren und seine Augen sich schließen würden. Er nahm seine Uniform über den Arm, öffnete die Tür zum Korridor und blieb stehen. Draußen stand Larissa – mit roten Augen, ihr Haar feucht, ihr Körper in ein grünes Badetuch gewickelt, ein schelmisches Lächeln auf den Lippen.

»Wo ist Kate?«, fragte Jamie.

»In ihre Unterkunft gegangen«, antwortete Larissa. »Ich soll dir ausrichten, dass sie morgen pünktlich zum Dienst kommt.«

Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Larissa verschloss ihn mit ihren Lippen, und Jamie stellte fest, dass er längst nicht so müde war, wie er gedacht hatte.

2

Ein Dreieck mit scharfen Kanten

Eine Stunde später

Larissa Kinley bewegte einen Muskel, den die große Mehrheit der Bevölkerung nicht besaß, und spürte, wie ihre Reißzähne lautlos nach unten glitten, die Eckzähne vollkommen verdeckten und als weiße Spitzen unter der Oberlippe zum Vorschein kamen. Sie ließ ihre Zunge über die Spitzen gleiten, drückte so fest dagegen, dass nur die geringste Verstärkung des Drucks die Haut durchstoßen hätte, und ließ dabei ihr Bild im Spiegel ihrer Unterkunft nicht aus den Augen.

Sie hasste ihre Reißzähne mit allen Fasern ihres Wesens.

Sie widerten sie an, erfüllten sie mit einem Abscheu, den sie niemandem ganz beschreiben konnte, nicht mal Jamie. Sie wusste, dass er ihr zugehört, Mitleid mit ihr empfunden und zumindest versucht hätte, all die richtigen Dinge zu sagen. Tatsache war jedoch, dass er nicht wusste, wie es sich anfühlte, ein Vampir zu sein – und eben diese Empfindung ließ sich unmöglich erklären.

Sie hätte sich ihre Reißzähne mit einer Beißzange ausgerissen, wenn sie nicht genau gewusst hätte, dass sie beim nächsten Mahl nachwachsen würden; sie hätte sie sich mit dem Griff ihrer Glock 17 ausgeschlagen, mit Schleifpapier abgeschliffen oder einfach mit bloßen Händen herausgezogen, wenn sie geglaubt hätte, irgendetwas könnte sie von ihnen befreien.

Aber sie wusste, dass es kein Mittel gegen sie gab. Ihre Reißzähne waren ein Teil ihres Ichs, und sie konnte nichts gegen sie tun.

Ich werde sie nie mehr los. Ich werde sie ewig im Spiegel sehen.

Zorn sickerte durch Larissas Körper, und ihre Augen begannen sich rot zu verfärben. Sie brachte ihr Gesicht näher an den Spiegel heran und beobachtete, wie das Karminrot allmählich von den Augenwinkeln aus vordrang und das natürliche Dunkelbraun überdeckte. Das Hochrot waberte und pulsierte, bis es die Augäpfel ganz ausfüllte. Die schwarzen Löcher der Pupillen wurden übernatürlich groß, bis sie fürchtete, sie könnte hineinfallen. Sie trat einen Schritt zurück, weg von sich selbst. Ein leises Knurren drang aus ihrer Kehle, und sie schrak mit vor Wut zitternden Muskeln vor ihrem Spiegelbild zurück.

Larissa schlug mit der Faust gegen den Spiegel – schneller als ein Menschenauge hätte folgen können –, und das polierte Glas explodierte, sodass messerscharfe Splitter durch die Luft flogen. Zwei davon bohrten sich in die blasse Haut ihres Halses, aber sie nahm sie erst wahr, als ihr Blutgeruch in die Nase stieg. Sie zog ihre zitternde Hand aus den Trümmern des Spiegels zurück und starrte die blutenden Knöchel an. Sie zog sich die Splitter aus dem Hals, genoss den Schmerz und wischte das Blut ab. Dann führte Larissa schuldbewusst und kummervoll die Hand an den Mund, saugte das hervorquellende Blut ein und fühlte sich dabei vor primitivem Genuss und Selbsthass leicht schwindlig.

Die Schnittwunden verheilten fast augenblicklich, und sie ließ die Hand herabsinken. In die Reste des Spiegels starrend wartete sie, bis das Karminrot ihrer Augen zu verblassen begann, und ließ dann das Badetuch, in das sie gewickelt war, zu Boden fallen. Seit sie Major Paul Turners Angebot, ins Department 19 einzutreten, ohne Zögern angenommen hatte, hatte ihr Körper sich durch das harte Training verändert, war schlanker und spannkräftiger geworden. Die dicken Muskelstränge, die sich bei Kate und Jamie gebildet hatten, waren jedoch nirgends zu sehen; Larissas Kraft, ihre Schnelligkeit und ihr Durchhaltevermögen stammten jetzt größtenteils aus anderen Quellen.

Larissa durchquerte ihr kleines Zimmer, trat an den Spind am Fußende des Betts, holte Shorts und ein Sweatshirt heraus, schlüpfte rasch hinein und war dann mit einem mühelosen Schritt in der Luft. Sie zog die Beine an und schwebte wider alle Naturgesetze etwa zwei Meter über dem Fußboden; dort schloss sie die Augen und konzentrierte sich darauf, völlig stillzuhalten.

Ihre Fähigkeiten entwickelten sich in einem Tempo, das sie ängstigte.

Diese Beschleunigung war zum Teil einfach darauf zurückzuführen, dass sie älter wurde – aber mehr noch auf die Tatsache, dass sie ihre Fähigkeiten täglich nutzte. Sie konnte jetzt fast unbegrenzt lange schweben und gewaltige Strecken fliegen, ohne zu ermüden. Tatsächlich wusste sie nicht einmal, wie weit; es war lange her, dass sie einen Flugversuch hatte abbrechen müssen. Und sie war jetzt stark – so stark, dass sie ständig in Sorge war, sie könnte jemanden, der ihr am Herzen lag, versehentlich verletzen. Larissa öffnete langsam die Augen und betrachtete die Dellen in der Wand neben der Tür. Sie zeugten von Zankereien mit Jamie, von fehlgeschlagenen Einsätzen, von kleinlichen Streitigkeiten mit Kate und von den Tagen, an denen sie es kaum ertragen konnte, sie selbst zu sein.

Es waren nur verhaltene Schläge gewesen. Als sie ein einziges Mal mit voller Kraft zugeschlagen hatte, hatte sie ein Loch durch den dicken Beton gestanzt und einen Alarm ausgelöst, der die gesamte Ring-Besatzung geweckt hatte. Am folgenden Morgen hatte sie sich bei Admiral Seward rechtfertigen müssen, der ihr behutsam erklärt hatte, dass Teenager-Zickigkeit und übermenschliche Kraft eine gefährliche Kombination sei.

Larissa schloss wieder die Augen und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Wie so oft kehrten sie zu den Monaten nach ihrer Verwandlung durch Grey zurück – durch den ältesten britischen Vampir, der öffentlich Frieden gepredigt, aber insgeheim das Blut junger Mädchen getrunken hatte. Sie hatten ihn später in der von ihm gegründeten Vampirkommune Walhalla gestellt, aus der er ausgestoßen wurde, weil er sich an Larissa vergangen hatte, aber seine Verbannung war ihr ein schwacher Trost gewesen; sie hatte nichts besser gemacht.

Die fast zwei Jahre, die sie bei Alexandru Rusmanov verbracht hatte, waren ihr tiefstes Geheimnis, über das sie sich selbst mit Jamie zu sprechen weigerte. Erstmals danach gefragt hatte er in den Wirren nach dem Überfall auf die Insel Lindisfarne, als sie beide zaghaft miteinander bekannt wurden, sich eigentlich zum ersten Mal richtig begegneten. Die Persona, die sie ihm als Gefangene von Department 19 präsentiert hatte, war nicht allzu weit von ihrem wahren Ich entfernt; sie hatte bestimmte Charakterzüge herausgestrichen und andere heruntergespielt, während sie verzweifelt um eine Chance kämpfte, den Wahnsinn, der sie auf allen Seiten umgab, zu überleben. Diese Schauspielerei hatte sie erst aufgegeben, als sie nach Marie Carpenters Rettung erkannte, dass ihr Leben nicht länger in Gefahr war. Jamie hatte scheinbar harmlos gefragt, aber in seiner gepresst klingenden Stimme hatte so viel Aufregung gelegen, dass Larissa sofort erkannte, wie begierig er war, alles über ihre Vergangenheit zu hören.

Und sie wollte ihm alles erzählen.

Ihre gegenseitige Anziehung war mit Händen zu greifen, und sie hatte absolut sicher gewusst, dass die Zeit, in der sie bloß Freunde waren, äußerst kurz sein würde. Aber darüber hinaus vertraute sie Jamie; die Vorstellung, jemanden zu haben, dem sie ihre Geschichte erzählen konnte, der sie nicht wegen ihrer Taten verurteilen, schlecht von ihr denken oder sich von ihr abwenden würde, der ihr vielleicht sogar helfen würde, ihre schwere Bürde zu tragen, war etwas, das sie sich mehr wünschte als alles andere auf der Welt.

Und aus eben diesem Grund hatte sie ihm verboten, noch einmal danach zu fragen. Sie konnte den Gedanken, sich vielleicht in ihm geirrt zu haben, vielleicht enttäuscht und wieder im Stich gelassen zu werden, nicht ertragen. Stattdessen hatte sie sich an die Hoffnung geklammert, er werde ihr Verbot missachten und sie eines Tages noch mal fragen; und wenn er es tun würde, wäre sie bereit, ihm alles zu erzählen.

Aber sie war es nicht gewesen. Nicht beim zweiten Mal, als er sie fragte, auch nicht beim dritten und vierten Mal, sodass er endlich begriff und nicht wieder fragte. Sie hatte jedes Mal versucht, ihm alles zu erzählen, sich dazu zu überwinden, diese letzte Tür zwischen ihnen zu öffnen – und zum Teufel damit, was dahinter lag! Aber sie konnte nicht. Ihre Befürchtung, sie könnte ihn vertreiben, bevor sie mehr als nur Freunde geworden waren, war panischer Angst gewichen, wenn sie daran dachte, sie könnte ihn verlieren, nachdem dieser Fall nun eingetreten war. Sie begriff jetzt, dass sie ihre Chance verpasst hatte, dass sie ihm gleich alles hätte erzählen sollen und jetzt in der Falle saß. Die Erinnerungen an jene zwei schrecklichen Jahre zehrten an ihr, vergifteten ihren Schlaf und ihre Träume, und sie hatte die Gelegenheit ausgeschlagen, sich von jemandem helfen zu lassen, der das nur allzu gern getan hätte.

Er hat mich gesehen, als sein Dad ermordet wurde, dachte sie in der kühlen Luft ihrer Unterkunft schwebend. Und er weiß, dass Alexandru mich geschickt hat, damit ich ihn bei der Entführung seiner Mutter ermorde. Beides weiß er und ist trotzdem noch mit mir zusammen. Warum kann ich ihm den Rest nicht erzählen?

Aber sie wusste die Antwort auf ihre Frage.

Weil der Rest noch schlimmer ist. O Gott, er ist so viel schlimmer. Weil ich nicht weiß, ob Kate oder er mich jemals wieder wie früher ansehen würden. Und weil sie alles sind, was ich habe.

In der Stille ihres Zimmers, dessen Decke ihr Haar fast streifte, hatte Larissa Mühe, die Wut zu unterdrücken, die ihren Körper durchlief, die Muskeln zittern und ihre Reißzähne unwillkürlich zum Vorschein kommen ließ. Sie knurrte, ein dumpfes Grollen voll drohender Gewalt, während sie sich anstrengte, sich zu beherrschen, um nicht herabzustoßen und der Wand neben der Tür eine neue Delle zu verpassen.

Ruhig!, ermahnte sie sich. Ohne Alexandru wärst du nicht hier, hättest Jamie oder Kate nie kennengelernt, hättest nie eine Chance zur Wiedergutmachung bekommen. Beruhige dich, dummes Ding.

Sie spürte, wie ihre Reißzähne sich zurückzogen, und öffnete langsam die geballten Fäuste. Für Larissa, die mit rabenschwarzem Humor begabt war, war es ein Quell immerwährender Heiterkeit, dass sie sich ausgerechnet in einen Jungen verliebt hatte, den sie nie auch nur kennengelernt hätte, wäre sie nicht die gehorsame Dienerin eines Ungeheuers gewesen, das versucht hatte, seine Familie zu vernichten. Aber das hatte sie unmöglich wissen können, als sie mit Alexandru und seinen Gefolgsleuten zu dem Haus geflogen war, das der ahnungslose Jamie Carpenter sich mit seiner Mutter und dem Geist seines Vaters teilte.

Und sie hatte unmöglich wissen können, dass ihr neues Leben, ihr wahres Leben, kurz vor dem Anfang stand.

Kate Randall klappte das Notebook zu, lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und starrte die Wand über dem kleinen Schreibtisch ihrer Unterkunft an. Sie hatte geduscht und trug jetzt Shorts und ein T-Shirt, dessen Kragen von der Restfeuchtigkeit in ihrem blonden Haar nass war.

Sie war an der Reihe, den Einsatzbericht des Teams G-17 zu schreiben, aber sie merkte, dass sie sich nicht darauf konzentrieren konnte. Natürlich war sie müde, aber das war nicht ungewöhnlich; zur Tätigkeit eines Agenten von Department 19 gehörte, dass man häufig aus dem Schlaf gerissen wurde. Was sie ablenkte und daran hinderte, sich auf den Bericht zu konzentrieren, war etwas, das in letzter Zeit zu einem ständigen Ärgernis für sie geworden war.

Jamie und Larissa.

Kate hatte von Anfang an von ihrer Beziehung – oder wie auch immer sie untereinander dazu sagen mochten – gewusst. Die beiden Dinge, die sie ärgerten und so frustrierten, dass sie ihnen am liebsten »ICH WEISS ES!« ins Gesicht geschrien hätte, waren die Tatsache, dass sie ehrlich zu glauben schienen, sie sei ahnungslos, und dass sie es für nötig hielten, ihre Beziehung vor ihr geheim zu halten.

Ersteres war eine Beleidigung ihrer Intelligenz, und sie hasste es, für dumm gehalten zu werden, fast so sehr, wie sie es hasste, gönnerhaft behandelt zu werden. Letzteres war noch schlimmer; sie wusste todsicher, dass beide glaubten, sie sei in Jamie verknallt.

Kate, deren Fähigkeit zur Selbsterkenntnis hoch entwickelt war, hätte auf Befragen ohne Weiteres zugegeben, dass es eine winzige Zeitspanne gegeben hatte, in der sie vielleicht, ganz vielleicht so für Jamie empfunden hatte.

In dem Chaos auf Lindisfarne und an den darauffolgenden Tagen, an denen ihr zukünftiger Lebensweg sich dramatisch verändert hatte, als sie vor Entscheidungen gestanden hatte, die sie für den Rest ihres Lebens hinterfragen würde, war er da gewesen, hatte ihr beigestanden und ihr geholfen. Er hatte sie auf Lindisfarne gerettet, wo die Leichen ihrer Freunde und Nachbarn auf den vertrauten Straßen gelegen hatten, und ihr und allen anderen das Leben gerettet, indem er Alexandru Rusmanov vernichtet hatte. Als es dann vorüber gewesen war, hatte sie ihn mit Frankenstein und seiner Mom gesehen und einige flüchtige Augenblicke lang geglaubt, sie sei vielleicht ein kleines bisschen in ihn verliebt.

Vielleicht.

Aber dieses Gefühl war verflogen, rasch verflogen, teils weil es für Kate ab der Sekunde, in der sie am Morgen nach Lindisfarne im Ring aufwachten, sonnenklar war, dass er ebenso in Larissa verknallt war wie sie in ihn, aber auch, weil die Aura, die ihn umgeben hatte, als er Alexandru entgegengetreten war, sich bei hellem Tageslicht – weitab von dem Blut und den Schreien und den Schrecken der vorigen Nacht – verflüchtigt hatte. Sie liebte Jamie; in den Monaten seit dem Überfall auf ihr Elternhaus war er einer ihrer beiden besten Freunde geworden, und sie hätte buchstäblich alles für ihn getan.

Aber sie war nicht in ihn verliebt.

Das kränkte sie an Jamies und Larissas Täuschungsversuch am meisten: Sie wünschte den beiden aufrichtig alles Gute. Sie hatte gewartet und gewartet, dass sie von sich erzählen würden, und sich eingeredet, sie warteten nur den richtigen Augenblick ab, bis sie zu der bitteren Erkenntnis gelangt war, dass es keinen geben würde. Die beiden warteten auf nichts; sie hatten beschlossen, sie im Ungewissen zu lassen.

Ach, zum Teufel damit, dachte sie. Morgen sage ich ihnen, dass ich’s weiß. Schluss mit dem Versteckspiel!

Schließlich war es nicht so, dass Kate nach Lindisfarne nicht mit eigenen Problemen zu kämpfen gehabt hätte: mit echten Problemen, nicht mit pubertärem Nonsens wie ihre beiden angeblich besten Freunde.

Nach ihrer Ankunft im Ring, nach dem wundervollen, atemberaubenden Augenblick, in dem sie erfahren hatte, dass ihr Vater zu den Überlebenden gehörte, die auf John Tremains Fischerboot das Festland erreicht hatten, war Kate in den sicheren Schlafsaal auf Ebene B geführt worden und hatte sofort und traumlos geschlafen. Sie schlief, bis eine Agentin in der gleichen schwarzen Uniform, die Jamie und seine Kameraden auf Lindisfarne getragen hatten, sie sechs Stunden später wachrüttelte und ihr sagte, sie müsse sich anziehen und mit nach oben in die Kommandozentrale kommen.

Sie hatte klaglos gehorcht, sich noch immer halb schlafend die Augen gerieben, als sie zum Lift gingen und zur Ebene 0 hinauffuhren. Die Agentin hatte ihr die Tür der Kommandozentrale aufgehalten; Kate war hindurchgegangen und hatte sich in dem riesigen ovalen Raum umgesehen.

Außer ihr war nur eine weitere Person anwesend: ein blendend aussehender Latino Mitte vierzig, der in der inzwischen vertrauten schwarzen Uniform lässig an einem Schreibtisch im Vordergrund des Raums saß.

»Miss Randall?«, fragte er. Sein Ausdruck war völlig neutral – weder bösartig noch bedrohlich, aber auch kein bisschen warm. Eine Sekunde lang drängte sich ihr das Unheimliche ihrer Lage auf, und sie empfand Angst wie einen Stich ins Herz, als sie nickte.

Was ist, wenn sie mich dafür einsperren, was ich gesehen habe? Was ist, wenn sie mich nie mehr rauslassen? Was wird dann aus Dad?

»Ich bin Major Christian Gonzalez«, sagte der Mann. »Ich vertrete den Sicherheitsoffizier dieser Einrichtung. Bitte nehmen Sie Platz.«

Kate tat wie geheißen, durchquerte den großen Raum und setzte sich auf einen der Plastikstühle an den kreuzweise aufgestellten langen Tischen. Sie drehte ihn so, dass sie Major Gonzalez zugewandt war.

»Haben Sie gut geschlafen? Brauchen Sie irgendwas?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

»Gut«, sagte er. »Das ist gut. Nun, Kate … ich darf Sie doch Kate nennen?«

Diesmal nickte sie, und seine Mundwinkel gingen leicht nach oben.

»Danke«, sagte er. »Also, Kate. Wir haben ein Problem, Sie und ich. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie es zu lösen ist.«

»Welches Problem?«, fragte sie mit leiser, nervöser Stimme.

»Dass Sie Dinge gesehen haben, die Sie niemals hätten sehen dürfen. Die Kreaturen, die letzte Nacht Ihr Elternhaus überfallen haben, die Männer, die Sie gerettet haben … für die breite Öffentlichkeit existiert dies alles nicht. So wenig wie das Gebäude, in dem Sie jetzt sind. Und wir müssen dafür sorgen, dass das so bleibt.«

Angst kroch Kates Rückgrat hinauf.

Sie werden mich einsperren. Sie lassen mich nie mehr nach Hause.

Major Gonzalez sah die ängstliche Miene des Teenagers und lächelte.

»Wir tun Ihnen nichts, Kate«, sagte er freundlich. »Wir sind die Guten. Aber wir müssen unsere Tätigkeit geheim halten, und das bedeutet, dass Sie eine Entscheidung treffen müssen. Eine große.«

»Wie meinen Sie das?«, brachte Kate heraus. »Welche Entscheidung?«

Major Gonzales nahm ein Blatt Papier vom Schreibtisch und hielt es hoch.

»Dies ist der vorläufige Bericht über die Ereignisse von vergangener Nacht«, sagte er. »Er basiert auf Augenzeugenberichten, auch von Kommandeuren dieser Organisation. Er beschreibt die näheren Umstände der Vernichtung eines der mächtigsten Vampire der Welt durch einen Jugendlichen im Anfangsstadium unserer Ausbildung und die Taten der Männer und Frauen, die ihm geholfen haben. Er erwähnt auch Sie – mehrmals. Hier steht, dass sie bemerkenswerte Tapferkeit und Willenskraft bewiesen haben, als Sie Mr. Carpenter und seine Kameraden zu dem Kloster führten, in dem Alexandru Rusmanov seinen Stützpunkt hatte, und dass Sie diese Eigenschaften weiterhin bewiesen haben, als sie einem Saal voll hungriger Vampire unter Führung einer der bösesten Kreaturen der Weltgeschichte gegenüberstanden. Und hier steht auch, dass sie einen der Vampire eigenhändig vernichtet haben. Ist das wahr?«

Erinnerungen an vergangene Nacht brachen über Kate herein. Sie erinnerte sich an Schreie und die dumpfen Knalle von Waffen, als eine kleine Gruppe von Männern und das Vampirmädchen tapfer gegen Ungeheuer kämpften, die fünffach in der Überzahl waren, erinnerte sich an Blutfontänen und das Zerreißen von Fleisch und Knochen, erinnerte sich vor Widerwillen erschauernd an den Vampir, der sie umklammert hatte, und glaubte zu spüren, wie sein spitzer Fingernagel eine Linie über ihren Hals zog. Dann erinnerte sie sich an das tierische Brüllen, das durch ihren Kopf gehallt hatte, als sie die Zähne in seinen Arm geschlagen und sich wie ein tollwütiger Hund darin verbissen hatte, an die Wärme seines Bluts, das sie von Kopf bis Fuß bedeckte, als sie ihm den Metallpflock ins Herz gestoßen hatte, und das anschließende überwältigende Hochgefühl, das sie bis ins Innerste erschüttert hatte.

»Das stimmt«, sagte sie ruhig. »Ich habe einen von ihnen vernichtet.«

Christian Gonzalez lächelte sie wieder an, und diesmal war sein Lächeln umwerfend charmant. Sie spürte seine Anerkennung über sich hinwegfluten und fürchtete, sie könnte erröten.

»Gut gemacht«, sagte er. »Wirklich, sehr gut gemacht. Dass Sie so lange auf einer von Vampiren besetzten Insel ausgehalten haben und sich anschließend an ihrer Vernichtung beteiligen konnten, ist der Grund dafür, dass Sie jetzt eine Entscheidung treffen müssen. Die erste Option lautet: Sie können mit einer Legende, die ihre vierundzwanzigstündige Abwesenheit erklärt, nach Hause zurück und dürfen niemals jemandem erzählen, was Sie erlebt haben. Sie müssen eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben und werden überwacht, ob Sie sich daran halten. Tun Sie’s nicht, werden Sie so in Misskredit gebracht, dass niemand Ihnen mehr ein Wort glaubt, sondern Sie vermutlich sogar zur Beobachtung in eine Nervenklinik eingewiesen werden. Aber Sie könnten Ihr Leben wie vor dem Überfall weiterführen und wären mit Ihrem Vater wiedervereint.«

Kate spürte Tränen in ihren Augenwinkeln, als sie an ihren Vater, ihren brillanten, loyalen Dad dachte, der durch die Hölle gehen musste, weil seine Tochter vermisst und sein Heim durch ein Massaker verwüstet war.

»Klar sollte sein«, fuhr Major Gonzalez fort, »dass dies ein Angebot ist, das äußerst selten gemacht wird. Bekommt ein Zivilist – wie Sie vergangene Nacht – das Übernatürliche mit eigenen Augen zu sehen, ist die Fortsetzung eines normalen Lebens im Allgemeinen keine Option mehr. Das Risiko, dass dieses Wissen sich in der Welt verbreitet, wäre sehr hoch, und aus diesem Grund wird besagter Zivilist in fast hundert Prozent aller Fälle in Sicherheitsverwahrung genommen. Glauben Sie mir, ich versuche nicht, Sie einzuschüchtern oder Ihnen zu drohen. Ich informiere Sie lediglich über den gewöhnlichen Ablauf.«

Kate fühlte sich eingeschüchtert und bedroht, aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

»Und die zweite Option?«, fragte sie so tapfer wie nur möglich.

Christian Gonzalez lächelte erneut.

»Die andere Option besteht daraus, dass Sie hierbleiben und uns helfen, die Welt zu retten«, sagte er. »Sie werden eine Agentin dieser Organisation und helfen uns zu verhindern, dass die Dinge, die auf Lindisfarne geschehen sind, auch anderswo passieren.«

»Was ist der Haken daran?«

»Der Haken an der Sache ist, dass Ihr bisheriges Leben ab sofort vorbei ist. Sie dürfen niemandem erzählen, wer Sie sind, wo Sie arbeiten oder was Sie tun, und Sie dürfen mit niemandem aus Ihrem früheren Leben mehr Kontakt haben. Auch nicht mit Ihrem Vater.«

Kate fühlte sich schwach.

Die Vorstellung, ihren Vater nie wiedersehen zu dürfen, war ihr so unerträglich, dass schon der Gedanke daran heftigen Brechreiz auslöste. Auf der anderen Seite war das, was der gut aussehende Major ihr anbot, ein Ausweg aus dem Leben, das auf Lindisfarne praktisch unausweichlich vor ihr gelegen hatte: Sie würde das Boot ihres Vaters erben, in den folgenden vier Jahrzehnten in den ewig gleichen Gewässern fischen, vielleicht einen Einheimischen finden, den sie heiraten konnte, ein bis zwei Kinder haben und auf der Insel, auf der sie geboren war, leben und sterben.

Kate wusste, dass sie es nie übers Herz gebracht hätte, ihren Vater alleinzulassen, dass sie nie aufs Festland hätte ziehen und ihn in einem leeren Haus voller Erinnerungen an seine Familie hätte zurücklassen können. Sie hatte sich schon vor Langem mit ihrem Los abgefunden, aber jetzt bot dieser Mann ihr die Chance, das alles zu ändern und etwas Wichtiges zu tun, das aufregend und gefährlich sein würde, bei dem es in Bezug auf die Orte, die sie vielleicht besuchen, und die Menschen und Ungeheuer, denen sie womöglich begegnen würde, keine Grenzen geben würde. Aber trotzdem erschien ihr der Preis dafür zu hoch.

»Was würden Sie meinem Dad erzählen?«, fragte sie vorsichtig. »Ich darf nicht zulassen, dass er glaubt, mir sei etwas zugestoßen. Er muss wissen, dass es mir gut geht.«

»Ihm wird mitgeteilt, dass Sie die Hauptzeugin bei Ermittlungen wegen eines Terroranschlags sind und sich freiwillig längeren Befragungen unterziehen. In ein paar Monaten, wenn die Aufregung sich gelegt hat, wird er aufgefordert, eine Geheimhaltungsverpflichtung zu unterschreiben, und erfährt dann, dass die Sicherheitsdienste sie angeworben haben. Er wird sehr stolz auf Sie sein, das verspreche ich Ihnen.« Diesmal grinste Major Gonzalez, und Kate errötete unwillkürlich.

»Wie viel Bedenkzeit geben Sie mir?«, fragte sie.

»Ungefähr eine Stunde«, antwortete der Major. Sie wollte protestieren, aber er schnitt ihr das Wort ab. »Sorry, ich weiß, dass das sehr unfair klingt. Aber hier sind leider Zeitfaktoren am Werk, von denen es abhängt, ob Ihre für die Öffentlichkeit bestimmte Geschichte glaubwürdig ist. Wollen Sie lieber gehen, müssen wir Sie zurückbringen, solange auf Lindisfarne noch Verwirrung herrscht.«

»Und wenn ich bleibe?«

»Dann müssen wir Ihre Ausbildung beginnen«, sagte er.

Letzten Endes ließ sie Major Gonzalez nur zehn Minuten warten, bevor sie ihm erklärte, sie habe sich für die zweite Option entschieden. Er gratulierte ihr, bevor er sie auf einem bogenförmigen grauen Korridor zu einem Besprechungsraum führte, in dem sie ihre Bekanntschaft mit Jamie Carpenter und dem Vampirmädchen Larissa Kinley erneuerte. Und wenn sie heute auf den wichtigsten Tag ihres Lebens zurückblickte, war ihr schon damals aufgefallen, wie häufig die beiden sich ansahen oder sich kurz zulächelten.

Morgen, dachte sie. Morgen sag ich’s ihnen.

Dann wurde an ihre Tür geklopft. Sie ging barfuß durchs Zimmer und lächelte, weil sie wusste, dass es nur einen Menschen gab, der sie um diese nachtschlafende Zeit besuchen würde. Draußen stand Shaun Turner, der jetzt lächelte, als sie ihm die Tür öffnete. Dann drängte er sie mit den Händen auf ihren Hüften, mit seinen Lippen auf ihren sanft zurück, und als sie auf das schmale Feldbett sanken, schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf:

Wenigstens kann ich Geheimnisse gut für mich behalten. Na ja, wenigstens vor einem von ihnen.

Jamie stand vor der Tür zu Admiral Henry Sewards Unterkunft auf Ebene A, strich sich die Haare aus der Stirn und stopfte sein T-Shirt in die Kampfanzughose. Als er so anständig aussah wie nur möglich, klopfte er an.

»Herein!«, rief eine gedämpfte Stimme. Jamie stieß die schwere Tür auf und trat ein.

Der Direktor von Department 19 saß an seinem Schreibtisch. Admiral Seward legte die Akte, die er durchgearbeitet hatte, auf den hohen Stapel in einem Ablagekorb und begrüßte Jamie mit einem herzlichen Lächeln, das der Teenager erwiderte.

In den vergangenen Monaten waren sie eng zusammengerückt, diese beiden Männer: im Kummer über den Tod Frankensteins vereint, der Seward fast so sehr fehlte wie Jamie, und umso enger verbunden, weil den Direktor wegen des Todes von Julian Carpenter schreckliche Schuldgefühle plagten. Jamie hatte Henry Seward jedoch nie für den Verlust seines Vaters verantwortlich gemacht; dafür gab es in den dunkelsten Tiefen seiner Seele eine pechschwarze Ecke speziell für den Verräter Thomas Morris, der den Tod gefunden hatte, bevor Jamie sich an ihm hatte rächen können. Aber die Schuldgefühle des Direktors waren real, auch wenn sie unbegründet waren, und hatten Jamie Gelegenheit verschafft, den Mann, der sein Vater wirklich gewesen war, kennenzulernen.

Sie hatten viele Abende in diesem Raum verbracht: Der Direktor hatte Geschichten von Julian Carpenter erzählt, und Jamie hatte sie gierig aufgesogen, um sie später an seine Mutter weiterzugeben – oft stark redigiert und um Gewaltszenen gekürzt. So hatten die Carpenters sich wieder als Familie gefühlt, denn diese Erzählungen hatten die Bande zwischen ihnen gestärkt, die in den Jahren nach Julians Tod erodiert waren, weil weder Mutter noch Sohn gewusst hatten, wie sich die Lücke mitten in ihrem Leben ausfüllen ließ.

Seht uns bloß an, dachte Jamie und musste ein Grinsen unterdrücken. Ich bin Vampirjäger von Beruf, und sie ist eine Vampirin und lebt in einer Zelle Hunderte von Metern unter der Erde, und trotzdem haben wir uns nie besser verstanden.

»Ist irgendetwas komisch, Jamie?«, fragte Seward.

Er hatte sein Grinsen offenbar nicht ganz unterdrücken könne. Jetzt nahm er Haltung an.

»Nein, Sir«, antwortete er.

Seward lächelte ihn an.

»Rührt euch«, sagte er. Jamie entspannte sich, blieb mit locker auf den Rücken gelegten Händen stehen. »Erstatten Sie Ihren Bericht.«

»Nichts Besonderes, Sir. Zwei Vamps, Vater und Tochter, haben eine Blutbank ausgeraubt.«

»Konnten Sie sie gefangen nehmen?«

»Ja, Sir. Ich habe sie Dr. Yen übergeben, Sir.«

Der Direktor nickte. »Gut gemacht. Lazarus braucht alle lebenden Vamps, die wir bekommen können.«

»Das wissen wir, Sir.«

»Irgendwelche Aufschriften?

»Ja, Sir. An einer Mauer gegenüber dem Krankenhaus. Dieselben drei Wörter.«

Mit einem Fluch kritzelte Admiral Seward rasch eine Notiz auf ein Blatt Papier.

»Sir«, fuhr Jamie fort, »wozu braucht das Projekt Lazarus so viele gefangene Vampire? Was geschieht dort unten mit ihnen?«

Der Direktor schraubte seinen Füller zu, mit dem er geschrieben hatte, und sah den jungen Agenten an. »Das Projekt Lazarus ist geheim, Jamie«, sagte er. »Sie wissen, was ›geheim‹ bedeutet, nicht wahr?«

»Ja, Sir.«

»Lassen Sie mich Sie daran erinnern – nur für den Fall, dass Sie’s vergessen haben. Es bedeutet, dass jeder, der wissen muss, wozu das Projekt Lazarus dient, bereits weiß, wozu das Projekt Lazarus dient. Ist das klar, Agent?«

»Völlig, Sir.«

»Gut. Für das Sonderkommando Stunde Null ist morgen um elf eine Besprechung angesetzt. Anwesenheitspflicht.«

»Neue Informationen, Sir?«, fragte Jamie hoffnungsvoll.

Admiral Seward schüttelte den Kopf. »Nur Routinesachen, Jamie. Wegtreten.«

Jamie nickte und verließ das Dienstzimmer des Direktors. Auf dem Weg zum Aufzug, der ihn endlich gnädigerweise ins Bett bringen würde, dachte er wieder an Sewards Rede vor einem Monat, die die Existenz des Projekts Lazarus ans Licht gebracht, die Aufstellung des Sonderkommandos Stunde Null eingeleitet und die Arbeitsweise aller Agenten des Departments verändert hatte.

Die Rede, die alles verändert hatte.

3

Die Kunst, alles zu gestehen

Neunundzwanzig Tage zuvor

»Weißt du, was das bedeutet?«, fragte Larissa.

Jamie und sie waren auf dem Hauptkorridor der Ebene B zum nächsten Aufzug unterwegs. Larissa, die Shorts und eine dunkelgrüne Kapuzenjacke trug, hatte ein Handtuch umgehängt, und Jamie vermutete, dass sie bei Terry auf dem »Spielplatz« gewesen war – dem riesigen mit Schweiß getränkten Übungsbereich in den Tiefen des Rings, über den der altgediente Schwarzlicht-Ausbilder mit eiserner Faust herrschte. Sie war sichtlich sauer, weil sie von dort herbeizitiert worden war.

»Keine Ahnung«, antwortete Jamie mit einem Blick zu ihr hinüber. »Ich hab die gleiche Nachricht bekommen wie du.« Er hatte geschlafen, als seine Konsole losgeplärrt hatte, und war fast so unleidlich wie Larissa.

»Schon gut«, sagte sie. »Beiß mir nicht gleich den Kopf ab.«

»Entschuldige«, sagte er mit vorsichtigem Lächeln, das sie erwiderte.

Die beiden Teenager waren müde, viel müder als jemals in ihrem Leben, bevor sie zum Department 19 gekommen waren. Daran gewöhnte man sich nie richtig, nicht vollständig, obwohl sie beide gelernt hatten, auf keinen Fall zuzulassen, dass Übermüdung ihre Leistung als Agenten oder die winzige Zeitspanne jedes Tages beeinflusste, die mit viel gutem Willen als ihr gesellschaftliches Leben bezeichnet werden konnte. Aber am Horizont dräute etwas, das ihre schlechte Stimmung schürte, das alle T-Bones und UV-Strahler der Welt nicht aufhalten konnten.

In fünf Tagen war Weihnachten.

Selbst im Ring, von Männern und Frauen umgeben, die ihrem Geheimauftrag absolut verpflichtet waren, war es unmöglich, der Weihnachtszeit zu entgehen. Agenten, die Familie hatten und wie früher Jamies Vater außerhalb des Stützpunkts wohnten, füllten das Offizierskasino mit Geschichten von Weihnachtsbäumen und Christbaumschmuck, von schon gekauften und noch zu besorgenden Geschenken, während die jüngeren Männer und Frauen mit Unterkünften im Ring mit freien Tagen jonglierten und Schichten tauschten, um wenigstens einen der Feiertage mit ihren Lieben verbringen zu können. Jamie und Larissa erinnerte das nur ständig daran, was sie von allen anderen unterschied, selbst von Kate.

Die beiden Teenager waren deshalb einzigartig, weil der Geheimdienst von Schwarzlicht sie aus dem Verkehr gezogen hatte: In der Außenwelt existierten sie nicht mehr, weder auf dem Papier noch für die Justiz. Larissas Mutter wusste nichts davon, und hätte sie irgendeiner Behörde zu beweisen versucht, dass sie jemals eine Tochter gehabt hatte, wäre ihr das nicht gelungen. Es gab keine amtlichen Unterlagen über Geburt und Leben des angeblichen Kindes, und ihre Ausfertigung von Larissas Geburtsurkunde wäre als Fälschung abgetan worden.

Jamies Situation war ähnlich, weil er jetzt der Sohn eines Wesens war, das offiziell nie existiert hatte, während Larissa selbst ein Wesen war, das offiziell nicht existierte. Kate war weiterhin in der Welt präsent; sie galt offiziell als vermisst, aber ihr Vater wusste, dass sie noch lebte, auch wenn er zu strikter Verschwiegenheit verpflichtet worden war.

Jamie und Larissa lebten als freiwillige Gefangene im Department 19, weil sie als nicht existente Personen sonst nirgends leben konnten. Jamie hatte Admiral Seward einmal danach gefragt, weil er wissen wollte, was geschehen würde, wenn er heiraten und eine Familie gründen wollte, um ein annähernd normales Leben führen zu können. Seward hatte geantwortet, es werde vielleicht möglich sein, ihn unter einem angenommenen Namen in die Welt zu entlassen. Aber in Jamies Ohren hatte das nicht sehr zuversichtlich geklungen.

Andererseits hätte Jamie bereitwillig zugegeben, dass Larissa es noch viel schwerer hatte als er. Die einzige Überlebende seiner Familie, Marie Carpenter, bewohnte eine Zelle tief unten im Ring, dort stand seit über einer Woche ein kleiner Weihnachtsbaum. Larissas Familie, vor allem ihr kleiner Bruder, lebte weiter dort draußen, lebte ihr Leben ohne sie und traf Vorbereitungen für das Fest, das ihr immer als die schönste Zeit des Jahres erschienen war. Darüber hatten sie mehrmals gesprochen und sich redlich bemüht, die Sache für den anderen nicht noch schlimmer zu machen, um dann zu erkennen, dass sie einen einzigen Wunsch gemeinsam hatten: Weihnachten sollte möglichst rasch vorbei sein, damit ihr Leben in die Bahnen zurückkehren konnte, die sie inzwischen für normal hielten.

Sie erreichten den Aufzug und drückten den mit 0 gekennzeichneten Knopf. Die Nachricht auf ihren Konsolen war an alle aktiven und inaktiven Agenten hinausgegangen und hatte sie zu einer Besprechung in die Kommandozentrale beordert. Als Jamie Admiral Seward vor weniger als drei Stunden Bericht erstattet hatte, nachdem das Team G-17 von einem Einsatz in einer Wohnsiedlung im Süden Birminghams zurückgekehrt war, hatte der Direktor nichts von einer bevorstehenden Zusammenkunft gesagt. Seit Lindisfarne hatte der Direktor so phänomenal viel zu tun, dass Jamie das nicht überraschte – obwohl er insgeheim ein wenig gekränkt war, weil er glaubte, dem Direktor näher zu stehen, als es junge Agenten normalerweise taten.

Jamie und Larissa verließen die Kabine auf Ebene 0 und gingen zur Kommandozentrale weiter. Der riesige ovale Raum war schon fast voll, aber sie fanden Stehplätze in dem Meer aus schwarzen Uniformen an der Rückwand des Saals. Auf ihrem Weg durch die Menge begegnete Jamie Kates Blick und nickte ihr zu. Sie erwiderte sein Lächeln von ihrem Sitzplatz in einer der letzten Reihen aus, bevor sie sich wieder auf das Podium unter dem gegenwärtig nicht eingeschalteten wandgroßen Bildschirm konzentrierte.

Auf dem Podium stand Admiral Seward, der leise mit seinem Stellvertreter Cal Holmwood sprach. Die Mienen beider Männer waren so ernst, dass Jamie spürte, wie eine gewisse Nervosität in ihm aufstieg. Seit Lindisfarne war alles so chaotisch gewesen, während das Department versucht hatte, mit all den Enthüllungen, die die Rettung von Jamies Mutter mit sich gebracht hatte, fertig zu werden: mit der Enttarnung von Thomas Morris als Verräter, der Vernichtung Alexandru Rusmanovs und dem tragischen Verlust von Colonel Frankenstein, den Jamie noch längst nicht verarbeitet hatte.

»Seward wirkt ernst«, sagte Larissa, als könne sie Jamies Gedanken lesen. »Was liegt an?«

»Weiß ich nicht«, flüsterte Jamie, als Cal Holmwood das Podium verließ und in der ersten Reihe Platz nahm. »Sieht so aus, als würden wir’s gleich erfahren.«

Auf dem Podium trat Admiral Seward ans Rednerpult und umklammerte es mit beiden Händen. Seine Miene war unergründlich, als er über die dicht gedrängt stehenden Agenten hinausblickte. Dann räusperte er sich und begann zu sprechen.

»Agenten von Department 19«, begann er. »Der Augenblick ist gekommen, in dem wir unsere Karten auf den Tisch legen müssen. Was ich hier sagen werde, wird Sie teilweise schockieren, aber ich halte es für notwendig, dass Sie’s hören. Ich weiß, dass viele von Ihnen wegen der Ereignisse vom 26. Oktober Fragen hatten, von denen viele auch an mich herangetragen wurden. Ich bedaure, dass ich bisher nicht imstande war, sie Ihnen zu beantworten. Es hat Untersuchungen und Ermittlungen gegeben, aber das vollständige Bild ist erst seit ganz kurzer Zeit bekannt. Um Ihnen dieses Bild zu beschreiben, stehe ich heute hier.«

Seward sah sich im Publikum um und schien auf den Gesichtern seiner engsten Mitarbeiter zu finden, was er suchte. Er nickte kurz, bevor er fortfuhr.

»Bestimmt sind die meisten von Ihnen darüber informiert, was sich in der bewussten Nacht auf der Insel Lindisfarne ereignet hat; für alle, die das nicht wissen, habe ich den Bericht 6723/F freigegeben, der den exakten Ablauf schildert. Was nur sehr wenige von Ihnen wissen, ist die Tatsache, dass das entscheidende Ereignis dieser Nacht sich trotz des Einsatzes auf Lindisfarne, der zur Vernichtung von Alexandru Rusmanov, der Enttarnung von Thomas Morris und dem Verlust von Colonel Frankenstein geführt hat, über dreitausend Kilometer von hier entfernt auf der RKSU-Basis Poljarny zugetragen hat.«

Auf seinem Platz im Hintergrund des Raums reagierte Jamie ungehalten.

Und wir haben meine Mutter gerettet. Aber das ist wohl nicht der Rede wert.

»Auf einer der unteren Ebenen der RKSU-Basis«, fuhr Seward fort, nachdem er tief Luft geholt hatte, »liegt das sogenannte Gewölbe 31. Bis zum 26. Oktober hat es das geheimste aller bei übernatürlichen Departments der Welt lagernden Artefakte enthalten. Die sterblichen Überreste von Vlad Tepes, des Mannes, der als Graf Dracula bekannt wurde.«

Die Kommandozentrale explodierte.

Die sitzenden Agenten sprangen wie ein Mann auf, und der Raum war plötzlich voller Stimmen, von denen viele schrien oder brüllten. Admiral Seward hob beschwichtigend die Hände, dann befahl er laut Ruhe. Der Lärm ebbte ab, aber er hinterließ eine unbehagliche, fast feindselige Stimmung. Die aufgesprungenen Agenten nahmen nur zögernd wieder Platz; auf ihren Gesichtern zeigten sich Angst und Verwirrung und nicht wenig Zorn.

»Ich weiß, dass das ein Schock für Sie sein muss«, sagte Seward. »Tatsache ist jedoch, dass die Konfrontation mit Graf Dracula im Jahr 1892, die später zur Gründung unseres Departments geführt hat, nicht mit seiner Vernichtung geendet hat. Diese Tatsache ist öffentlich bekannt, weil die Schilderung in Bram Stokers Roman zutreffend ist. Jeder von Ihnen hätte seinen Bericht anhand von Dokumenten in unserem Archiv verifizieren können, aber dazu hat sich anscheinend niemand veranlasst gefühlt.

Nach seiner langen Reise durch Europa war Dracula gefährlich schwach, und die von Jonathan Harker und Quincey Morris geführten Messer haben sein letztes Blut vergossen und seinen Körper zusammenbrechen lassen. Genau wie John Seward, Arthur Holmwood, Quincey Morris und Abraham van Helsing haben diese beiden ihn für tot gehalten; dazu hatten sie allen Grund, waren sie doch die ersten Männer, die es jemals mit einem Vampir aufgenommen und ihn sogar besiegt hatten. Dass Dracula nicht vernichtet, sondern nur in Tiefschlaf versetzt worden war, wurde erst einige Jahre später erkannt, als Professor van Helsing sein Studium des Übernatürlichen aufnahm und entdeckte, dass Vampire wiederbelebt werden können, indem man ihren sterblichen Überresten ausreichende Mengen Blut zuführt.

Als Professor van Helsing die Konsequenzen seiner Forschungsarbeit erkannte, kehrte er mit einem Abgesandten des russischen Zaren nach Transsilvanien zurück, um Draculas Überreste zu bergen und sicherzustellen. Der Abgesandte betrog ihn jedoch, und die sterblichen Überreste wurden nach Moskau geschickt. Seit damals befanden sie sich in russischen Händen, bis sie am 26. Oktober von Valeri Rusmanov aus der RKSU-Basis geraubt wurden.«

Seward machte eine Pause, machte sich offenbar auf einen zweiten Ausbruch gefasst, der jedoch nicht kam. Die Männer und Frauen von Department 19 schienen unter schwerem Schock zu stehen; was sie soeben gehört hatten, stellte etwas in Aussicht, das fast zu beängstigend war, als dass man darüber hätte nachdenken wollen.

»Eine Untersuchung des Raubüberfalls durch unseren Geheimdienst hat zu einigen vorläufigen Schlussfolgerungen geführt. Erstens: Valeri scheint die sterblichen Überreste seines Meisters seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gesucht zu haben – kurz nachdem sie in Russland verschwunden waren. Zweitens: Dass er sie aufspüren und entführen konnte, war nur durch Informationen möglich, die er von Thomas Morris erhalten hat, dessen Verrat sich nicht darauf beschränkt zu haben scheint, dass er Alexandru Rusmanov aus Rache geholfen hat, sich seinerseits an der Familie Carpenter zu rächen.«

Jamie spürte, dass er rot wurde, als viele Agenten sich langsam nach ihm umsahen. Er weigerte sich, ihre Blicke zu erwidern, starrte zum Rednerpult hinauf und wünschte sich, Admiral Seward würde fortfahren.

»Valeri Rusmanovs gegenwärtiger Aufenthaltsort ist unbekannt«, sagte der Direktor. »Das Ergebnis der Überwachung aller seiner Besitzungen und seiner Kompagnons, soweit wir sie kennen, war leider negativ. Die Vernehmung von Vampiren mit guten Kontakten hat ebenso wenig gebracht. Kurz gesagt: Wir wissen nicht, wo er steckt. Außerdem haben wir …«

»Er wird versuchen, ihn zurückzubringen, nicht wahr?«, warf ein Jamie unbekannter Agent ein. »Valeri, meine ich. Er wird versuchen, Dracula zurückzubringen.«

»Agent Carlisle«, antwortete Seward, »ich muss Ihnen leider mitteilen, dass unser Geheimdienst meldet, dass er das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon getan hat.«

Dieses Mal war der Ausbruch mit etlichen Schreien durchsetzt, die für Jamies Ohren grausig nach Angstschreien klangen. Er spürte, wie aufkommende Panik sein Herz mit eiserner Faust umschloss; er hatte die Männer und Frauen von Schwarzlicht noch nie auf diese Weise reagieren sehen: Männer und Frauen, von denen er geglaubt hatte, sie seien durch nichts zu erschüttern, und die bestimmt nichts auf der Welt fürchteten. Aber die Angst in der Kommandozentrale war jetzt mit Händen zu greifen, war dick und pappig. Was der Direktor in seiner ruhigen, nüchternen Art verkündete, war etwas, das keiner der Anwesenden sich jemals ausgemalt hatte, sodass es jedermann ganz unvorbereitet traf.

Dies war buchstäblich die schlimmste Mitteilung, die er ihnen hätte machen können.

»Schluss jetzt!«, brüllte Admiral Seward. »Glauben Sie, dass ich nicht weiß, wie ernst das ist? Ich habe es Ihnen erzählt, weil ich denke, dass Sie alle ein Recht darauf haben, genau zu wissen, was uns bevorsteht. Lassen Sie mich diese Entscheidung nicht bereuen!«

Nun folgte allgemeines Fußscharren, dann wurden Blicke gesenkt und Stimmen gedämpft, bis im Kontrollzentrum wieder eine äußerst brüchige Stille herrschte. Die meisten Agenten blieben stehen, und als Seward erkannte, dass sie nicht wieder Platz nehmen würden, sprach er weiter.

»Auch wenn eine winzige Chance besteht, dass Valeri beschlossen hat, seinen Meister nicht wiederzubeleben, oder bei dem Versuch gescheitert ist, geht das Department offiziell davon aus, dass Dracula wieder auf diesem Planeten lebendig ist. Wir wissen nicht, wie lange das schon der Fall ist, aber nachdem zur Wiederbelebung nicht viel mehr als eine reichliche Menge Blut erforderlich ist, um die sterblichen Überreste hineinlegen zu können, vermuten wir, dass das binnen vierundzwanzig Stunden nach dem Raub der Asche geschehen ist, irgendwann am 27. Oktober oder unmittelbar danach.«

»Wieso haben wir ihn dann nicht gesehen?«, fragte Agent Carlisle mit zitternder Stimme. »Wieso ist er nicht gekommen und hat uns alle umgebracht?«

»Er wird schwach sein«, hörte Jamie sich sagen. Er blinzelte, als der ganze Raum sich nach ihm umdrehte. »Nach der Wiederbelebung. Er wird schwach sein.«

»Richtig, Leutnant Carpenter«, bestätigte Seward, und das Meer aus Köpfen wandte sich wieder dem Rednerpult zu.

»Nachdem die sterblichen Überreste Draculas nach Russland gelangt waren, hat Professor van Helsing ausführlich über die Erholungszeit von wiederbelebten Vampiren geschrieben. Unser Wissenschaftlicher Dienst hat sich in den letzten Tagen erneut damit befasst und ist zu einigen vorläufigen Schlussfolgerungen gelangt. Die Erholungszeit von Vampiren hängt von mehreren Faktoren ab, hauptsächlich von dem Alter, in dem sie in Schlaf versetzt worden sind, und der Zeit seit ihrer Einäscherung. Das ist von exakter Wissenschaft weit entfernt, aber wir haben zumindest einen brauchbaren Zeitplan erstellen können, der zu einem Punkt führt, dem wir den Decknamen Stunde Null gegeben haben. Bei sachgerechter Pflege dürfte Dracula ab diesem Zeitpunkt wieder seine volle Stärke erreichen. Nach unseren Berechnungen läuft die Frist am 19. April, in hundertzwanzig Tagen von heute ab.«

»Jesus«, knurrte Jacob Scott. Der grauhaarige australische Colonel war bei keiner der Eruptionen von seinem Sitz in der zweiten Reihe aufgestanden, und selbst jetzt sprach aus seinem Gesichtsausdruck weit mehr Entschlossenheit als Angst. »Vier Monate. Erledigen wir ihn nicht in den kommenden vier Monaten, kriegen wir ihn nie zu fassen. Das ist der Deal, stimmt’s?«

Admiral Seward nickte. »Das ist unsere Hypothese, Jacob. Dracula in voller Stärke stellt eine Bedrohung dar, die keine unserer strategischen Simulationen exakt abbilden kann. Er ist der erste Vampir, der je gelebt hat, der älteste und stärkste; wir können einfach nicht vorhersagen, was geschehen wird, wenn wir zulassen, dass er sich wieder erhebt. Deshalb muss unsere Strategie darauf abzielen, das zu verhindern. Wir haben vier Monate Zeit, um Valeri und Dracula zu finden und beide zu vernichten. Nach dem 19. April ist das vielleicht nicht mehr möglich. Aus diesem Grund habe ich drei weitere Entscheidungen anzukündigen.« Aus den schwarz uniformierten Reihen war ein benommen klingendes Stöhnen zu hören, aber Seward ignorierte diese Unmutsäußerung.

»Erstens werde ich ein Sonderkommando bilden und führen, das speziell den Auftrag hat, die Strategie des Departments in Bezug auf Dracula und Valeri auszuarbeiten und umzusetzen. Wer aus Ihren Reihen dazugehören soll, wird rechtzeitig benachrichtigt. Zweitens gebe ich die Gründung einer geheimen Unterabteilung des Wissenschaftlichen Diensts unter der Bezeichnung Projekt Lazarus bekannt. Näheres über diese Unterabteilung erfährt nur, wer davon wissen muss, aber sie betrifft den dritten Punkt, den ich ansprechen will. Bis auf weiteres lautet Ihr Auftrag nicht mehr, Vampire zu vernichten; stattdessen sollen sie möglichst gefangen genommen, hierhergebracht und in die Obhut des Projekts Lazarus gegeben werden.«

Dutzende der benommenen Agenten versuchten halbherzig zu protestieren, aber Seward war mit seiner Geduld am Ende.

»Klappe halten!«, blaffte er. »Jedem Agenten, der sich außerstande fühlt, dieses neue Verfahren anzuwenden oder mit der von mir geschilderten Situation klarzukommen, steht es selbstverständlich frei, sich in den inaktiven Stand versetzen zu lassen. Von allen anderen erwarte ich, dass sie ihre Pflicht mit gewohnt hohem Verantwortungsbewusstsein erfüllen. Wer noch Fragen hat, kann damit zu mir kommen oder sich an seinen Kommandeur wenden.« Eine kurze Pause, dann: »Weggetreten!«

Seward kam vom Podium herunter und verließ das Kommandozentrum dicht gefolgt von Cal Holmwood und Paul Turner. Die sichtlich betroffenen Agenten begannen miteinander zu reden: mit leisen Stimmen und großen Augen. Larissa sah Jamie an und schüttelte kaum merklich den Kopf.

»Heilige Scheiße«, sagte sie ruhig.

»Ich fürchte, das ist noch untertrieben«, antwortete Jamie.

4

Wachstumsschmerzen

Château Dauncy
Aquitaine, Südwestfrankreich

In Valeri Rusmanovs Arbeitszimmer mit Blick auf die weiten Wälder der Landes ruhte auf einer Chaiselongue in der Farbe von Blut der erste Vampir der Welt.

Drei Monate nach seiner Wiederbelebung begann Graf Dracula endlich wieder, wie er selbst auszusehen – wie der Mensch, der er kurz gewesen war, wie der Vampir, der über vierhundert Jahre lang gelebt hatte, bevor er dazu verdammt worden war, über ein Jahrhundert lang in einem Schwebezustand zwischen Leben und Tod zu existieren. Eine schwarze Mähne fiel bis auf die Schultern des Vampirs, zurückgestrichen aus einer Stirn, die hoch und breit war. Dichte, ungebärdige Augenbrauen saßen über blassblauen Augen, zwischen denen eine Nase hervorragte, die scharf und schmal war wie die Klinge eines Skalpells. Ein schwarzer Schnauzbart verdeckte die ganze Oberlippe und rahmte einen Mund ein, der schmal und grausam war. Der Graf, der einen einfachen schwarzen Schlafrock trug, starrte die Tür des Arbeitszimmers an. Er wartete darauf, dass Valeri mit seinem Abendessen zurückkam.

Er war schwach. Unerträglich, jammervoll schwach.

Mit jeder Aufnahme von frischem Blut, das Valeri ihm jeden Abend pflichtbewusst brachte, kehrte ein winziger Bruchteil seiner Kraft zurück, aber er war noch immer kaum mehr als ein Schatten seiner selbst. Nach seiner Wiederbelebung hatte er sich wochenlang kaum bewegen können, weil sein Körper weich und formbar gewesen war, als bestehe er aus nassem Ton, der darauf wartete, gebrannt zu werden. Im Lauf der Zeit war er zu festem Fleisch und dichten Knochen ausgehärtet, aber die schreckliche Macht, die er einst besessen hatte, die Städte verwüsten und mit kaum mehr als einem Blick Männer und Frauen auslöschen konnte, war weiterhin nur mehr eine Erinnerung.

Im Laufe der Zeit werde ich wieder, was ich war. Im Laufe der Zeit. Und dann soll diese Welt büßen.

Aber vorläufig war der Herr der Finsternis, der Pfähler, der Grausame Fürst, der landauf, landab gefürchtet gewesen war – bei den eigenen Leute ebenso wie bei seinen Feinden –, schwach wie ein kränkliches Kind.

Dracula hob den Kopf, grunzte wegen der damit verbundenen Anstrengung und starrte aus dem Fenster des Arbeitszimmers seines treuesten Untertanen über den gepflegten Schlosspark hinweg zu den dunklen Weiten des Pinienwaldes hinüber. Sein Verstand pochte von zwei uralten, primitiven Begierden: nach Nahrung und nach Rache an den Menschen, die ihm ein Jahrhundert seines Lebens geraubt, ihn in diesen erbärmlichen Zustand versetzt hatten.

Als nach der Wiederbelebung der langsame, schmerzvolle Erholungsprozess des alten Vampirs begann, hatte Valeri angefangen, vorsichtig zu erzählen, was sich ereignet hatte, während Dracula im Tiefschlaf gelegen hatte. Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, in der die Menschheit weit größere Fortschritte gemacht hatte als der optimistischste viktorianische Futurist sich hätte vorstellen können, war lang, verwirrend und aus Draculas Sicht fast tödlich langweilig. Es lag nicht in seiner Natur, nicht in der des Menschen, der er gewesen war, noch des Ungeheuers, das er geworden war, seine Zeit damit zu vergeuden, die Leistungen anderer zu bewundern; seine Weltsicht war im Prinzip äußerst schlicht.

Aus seiner Sicht existierte der Rest der Welt nur zu seinem Gebrauch und mit seiner Erlaubnis, und mit dieser neuen Welt, die Valeri ihm beschrieb, würde es nicht anders sein.

Ihn kümmerte weder das Wachstum der Großstädte noch die technischen Entwicklungen, die Valeri ihm mit empörend einfachen Worten beschrieb, als versuche er, sie einem Kleinkind zu erklären. Flugzeuge, Autos, Raumfahrt, Fernsehen, Telefone, das Internet – keine dieser Erfindungen interessierte ihn im Geringsten. Er sah keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sein Platz in dieser schönen neuen Welt der sein würde, für den er sich entschied, solange nur eine Sache auch in den Jahren seiner erzwungenen Abstinenz gleich geblieben war.

»Bluten … sie … noch?«, fragte Dracula schließlich mit leiser Stimme, die selbst für Valeris übermenschlich scharfes Gehör kaum vernehmbar war.

»Ja, Meister«, bestätigte Valeri. »Die Menschen bluten noch.«

»Dann … möchte … ich … nicht … mehr … hören.«

Die Tür des Arbeitszimmers öffnete sich, und Valeri, der ein bewusstloses junges Mädchen hinter sich herschleifte, trat ins Zimmer. Ihr Kopf war mit Blut gesprenkelt, und die nackten Fersen scharrten laut übers Parkett, als Valeri sich seinem Meister näherte. Der Geruch des Bluts, das aus den Wunden des Mädchens sickerte, stieg Dracula in die Nase, und seine blassblauen Augen nahmen einen grausigen dunkelroten Farbton an: die Farbe des Wahnsinns, eine Farbe, die kein geistig Gesunder länger als ein, zwei Sekunden hätte ansehen können.

»Eine Gabe für Euch, Meister«, flüsterte Valeri mit tiefer Verbeugung.

»Danke, Valeri«, antwortete Graf Dracula mit einer Stimme, als kratze ein Bleistift über Papier.

Valeri ließ das Mädchen auf seinen Meister sinken, dann schlitzte er ihr mit einem Fingernagel die Kehle auf. Als das Blut zu fließen begann, drückte Dracula den Mund auf die Wunde und begann wie ein Säugling an der Mutterbrust hungrig zu saugen. Valeri hielt das Mädchen weiter in Position, drehte aber den Kopf zur Seite; es wäre unpassend gewesen, den Meister zu beobachten, wie er sich auf diese Weise nährte. Stattdessen sah er sich in dem Arbeitszimmer um, in das er seit fast fünfzig Jahren keinen Fuß mehr gesetzt hatte – bis zu dem Tag nach der Wiederbelebung seines Meisters.

Château Dauncy war der bevorzugte Ort seiner Frau Ana gewesen; ihr liebster Ort auf der ganzen Welt. Außer Valeri selbst hatte nur dieses Schloss den Wahnsinn dämpfen können, der in ihr loderte. Als sie starb, als sie ihm genommen wurde, hatte er das alte Gebäude abschließen und vernageln lassen, weil er hoffte, den schlimmsten Schmerz hinter dicken Mauern einsperren zu können. Für ihn war es schmerzlich, wieder hier zu sein – schmerzlicher, als er gedacht hatte –, aber es war notwendig, denn dies war sein einziger Besitz, von dem niemand etwas ahnte, sein einziger Besitz, der bestimmt nicht von Schwarzlicht oder einer seiner verfluchten Schwesterorganisationen überwacht wurde. Dies war der Ort, an dem er seinen Meister ungestört gesund pflegen konnte.

Als das Blut des Mädchens in seinen Mund strömte, spürte Dracula augenblicklich, wie ihn neue Kraft durchflutete. Er wusste, dass sie nicht anhalten würde, aber er wusste auch, dass jeder verstrichene Tag, jeder Mundvoll warmes Blut ihn näher zu sich selbst und zu seiner Rache brachte.

Er nutzte den vorübergehenden Kraftüberschuss, um mit Valeri zu sprechen. Seine Stimme hallte durch den Raum: volltönend und tief und im Augenblick voll von der Autorität, die einst Heere befehligt und Tausende in den Tod geschickt hatte.

»Wo ist dein Bruder?«, fragte er. »Wieso ist Valentin nicht hier, um dir beizustehen? Du solltest diese Bürde nicht allein tragen müssen, alter Freund.«

»Valentin ist in Amerika, Meister«, antwortete Valeri und verzog angewidert das Gesicht, als er den Namen seines Bruders aussprach. »Wir kümmern uns nicht umeinander.«

Dracula verzog knurrend das Gesicht, und Valeri hatte einen Augenblick lang Angst. Die Wiederbelebung seines Meisters war das Ergebnis beharrlichen Strebens, das ihn über hundert Jahre beschäftigt hatte: der Schlusspunkt einer Suche, der er unbeirrbar treu geblieben war, auch als Alexandru in Wahnsinn versunken war und Valentin der Familie den Rücken gekehrt hatte, um sich in New York seinem Leben in schändlichem Luxus hinzugeben. Nachdem die Suche nun beendet und sein Meister ins Leben zurückgekehrt war, würde Valeris Position als Draculas treuester Anhänger auf ewig gesichert sein; er würde seinem Meister aufs Neue gehorsam, bereitwillig und stolz dienen. Aber in dem vergangenen Jahrhundert, während Dracula tief unter dem russischen Schnee geschlummert hatte, hatte Valeri vergessen, wie es war, Angst zu haben. Nun kam die Erinnerung zurück, und er zitterte in der kühlen Luft seines Arbeitszimmers.

»Geh zu ihm«, sagte Dracula, dessen Knurren so rasch verschwand, wie es gekommen war. »Sag ihm, dass sein Meister ihm befiehlt, heimzukommen. Sag ihm, dass es Arbeit zu leisten gibt.«

»Gewiss, Meister, antwortete Valeri. »Ich breche sofort auf.«

Dracula grunzte befriedigt.

»Gut«, sagte er und fixierte seinen Untertan. »Du hast mir stets ausgezeichnet gedient, Valeri. Du hast nie versucht, meine Entscheidungen in Frage zu stellen. Wenn diese Welt mein ist, wenn ich die Leichen der erbärmlichen Kreaturen, die sie bewohnen, aufgetürmt und in Brand gesetzt habe, wenn meine Feinde wieder von hohen Pfählen ins Leere starren, soll der Platz zu meiner Rechten wie zuvor dein sein.«

»Ihr ehrt mich, Meister.«

»Verlass mich«, sagte Dracula mit einer matten Handbewegung. Valeri tat wie geheißen, verließ rückwärtsgehend rasch den Raum und ließ den Grafen allein.

Dracula sah ihm nach, dann ließ er sich auf die Chaiselongue zurücksinken und starrte die reich bemalte Zimmerdecke über sich an. Er spürte bereits, wie seine Kraft verebbte, aber er weigerte sich, darüber Ärger zu empfinden. Drei Monate waren vergangen, seit er in dem pulsierenden dunkelroten Brei in der Grube unter der Kapelle der Rusmanovs erwacht war: nackt und schreiend, sein Körper kaum mehr als eine teigige Masse, die nur von der Stärke seines eigenen Willens zusammengehalten wurde. Er hatte nicht gewusst, wer er war, als er gewaltsam wiedergeboren wurde, hatte sich selbst nicht gekannt, bis Valeri am Rand der Grube niedergekniet war und ein einziges Wort gesagt hatte.

Meister. Als er mich Meister genannt hat, wusste ich, wer ich bin.

Seine Reise von diesem in Blut getränkten Anfang war lang und beschwerlich gewesen, aber sie wurde mit jedem Tag leichter. Er wusste, dass er geduldig sein konnte, zumindest für kurze Zeit. Und er wusste, dass er alle Schmerzen ertragen konnte, die ihn vielleicht noch erwarteten. So schmerzhaft seine Genesung bisher gewesen war, war sie doch nichts im Vergleich zu der Nacht, in der vor über fünfhundert Jahren sein zweites Leben begonnen hatte.

5

Wiedergeburt

Teleorman-Forst nahe Bukarest, Walachei
12. Dezember 1476

Vlad Tepes flüchtete bei herabsinkender Dunkelheit durch den Wald, hörte den Schlachtenlärm und die Schreie seiner Männer hinter sich verhallen. Er hatte sich seine prächtige Rüstung vom Leib gerissen und weggeworfen, aber er konnte noch immer die Rufe und das Getrampel seiner Verfolger hören, die mit jeder Minute näher kamen.

Mindestens fünf türkische Soldaten; vielleicht sechs, womöglich mehr. Der Fürst der Walachei wusste besser als jeder andere, welche Schrecken ihn im Lager der Türken erwarteten, falls er in Gefangenschaft geriet, und verdoppelte seine Anstrengungen, dass der weiche Waldboden unter seinen Füßen dröhnte.

Bevor ich mich in Ketten legen lasse, sterbe ich, dachte er. Ich beuge mich niemandem.

Das Heer, das durch sein Land vorgerückt war, war seinen Truppen fünffach überlegen gewesen. Vor weniger als einem Jahr hatte Stephan Barthory, der Fürst von Transsilvanien, Vlad geholfen, seinen Thron zurückzugewinnen; sie waren gemeinsam in die Walachei einmarschiert, und Basarab, der törichte, feige alte Mann, der Vlads Bruder Radu als Herrscher nachgefolgt war, war ohne Gegenwehr geflüchtet.

Aber Stephan hatte sich geweigert, zu bleiben und Vlads dritte Periode als Herrscher zu konsolidieren, und sein Abzug – sein Verrat, es war Verrat gewesen – hatte ihn verwundbar zurückgelassen. Binnen weniger Monate war ihm gemeldet worden, ein türkisches Heer ziehe nach Norden, und als klar gewesen war, dass keine Hilfe zu erwarten war, war er dem Feind mit seiner moldawischen Elitegarde und wenig mehr als tausend Mann auf den Ebenen bei Bukarest entgegengeritten.

Sie haben wie vierzigtausend gekämpft. Haben gekämpft und sind gefallen, wie’s Männer tun sollten.

Vlads Arm blutete von dem Schwerthieb, der ihn vom Pferd geholt hatte, aber er spürte keinen Schmerz. Stattdessen erfüllte ihn übernatürliche Ruhe, die ihm die Klarheit eines Mannes verlieh, der um sein Leben rennt. Irgendwo hinter ihm, auf der Flucht vom Schlachtfeld oder tot auf seiner blutgetränkten Erde liegend, waren seine Generäle, die Brüder Rusmanov. Als klar wurde, dass die Schlacht verloren, dass seine kurze dritte Herrschaft über die Walachei zu Ende war, hatte Vlad die Flucht ergriffen, ohne sich noch einmal umzusehen. Für kurze Zeit empfand er Schuldgefühle, aber er schob sie rasch beiseite.

Ich habe ihnen nie die Unsterblichkeit versprochen. Sie sind mir sehenden Auges gefolgt und haben ihren Anteil an der Kriegsbeute gern empfangen.

Die Sonne war im Westen hinter dem Horizont versunken, und um Vlad herum wurde es dunkel, während er weiterrannte. Unter einer riesigen Steineiche machte er halt, um Atem zu schöpfen, und horchte angestrengt auf die Geräusche seiner Verfolger.

Der Wald war still.

Aus keiner Richtung war der geringste Laut zu hören, und Vlads wilde Befriedigung bei dem Gedanken, den türkischen Soldaten entkommen zu sein, wich plötzlichem Unbehagen. Der Eichenstamm vor ihm wirkte uralt, knorrig und in sich verkrümmter als alle Bäume, die er bisher gesehen hatte – dabei hatte er in diesen Wäldern schon tausendmal zu Pferd gejagt, seit er seinen Sommerpalast unweit des Städtchens Bukarest bezogen hatte. Vlad sah sich auf der kleinen Lichtung um, auf der er stand, und stellte fest, dass alle Bäume gleich aussahen: turmhoch aufragende verdrehte Stämme mit splittriger grauer Rinde. Am Fuß dieser Baumriesen wuchsen Blumen, die er nicht kannte, kleine Gruppen von schwarzen Blüten und mitternachtsblaue stachlige Ranken.

Was für ein Ort ist dies? Hier war ich noch nie.

Dies ist die Tiefe, flüsterte eine Stimme, und Vlad fuhr herum, griff instinktiv nach seinem Schwert. Aber die kurze Klinge war längst fort, steckte in den Eingeweiden eines türkischen Soldaten, der versucht hatte, den Flüchtenden aufzuhalten.

Dein Schwert kann dir hier nicht helfen, flüsterte dieselbe Stimme. Sie klang unbeschwert, fast jovial, schien aus seinem Kopf, von allen Seiten und von nirgendwo zu kommen.

»Wer spricht zu mir?«, blaffte Vlad und stapfte in die Mitte der Lichtung. »Zeige dich!«

Keine Antwort.

Die Stille im Wald war absolut, während das letzte Tageslicht schwand. Vlad Tepes spürte Angst in sich aufsteigen, als er sich auf der Lichtung umsah und zu erkennen versuchte, woher er gekommen war.

Nirgends eine Spur.

Er hatte sich verlaufen.

Es gab keine abgebrochenen Zweige, kein niedergedrücktes Gras, kein Anzeichen dafür, dass hier in den letzten hundert Jahren jemand langgegangen war. Vlad starrte in die Dunkelheit, versuchte sein jagendes Herz zu beruhigen. Als er zu entscheiden versuchte, in welche Richtung er weitergehen sollte, hörte er ein Geräusch, den ersten Laut außer der absurden, unbekümmerten Stimme, seit er diesen Ort betreten hatte.

Der Laut war ein scharrendes, kriechendes Geräusch, das Vlad eisige Schauder über den Rücken jagte. Es kam von etwas, das durch die uralten Bäume kroch, von etwas, das langsam und alt und geduldig war. Vlad fuhr herum, ballte die Fäuste und suchte in den Räumen zwischen den Baumriesen und dem dunklen Unterholz nach der Quelle dieses Geräuschs. Dann wurde ihm klar, was hier vorging, und er spürte, wie panische Angst sein Herz ergriff.

Die Bäume selbst bewegten sich.

Zwei der uralten Steineichen beugten sich langsam zueinander, bis ihre Wipfel sich kreuzten und ein Rundportal bildeten, das in – die Tiefe, ’s ist die Tiefe – den nachtdunklen Forst führte.

Komm zu mir, flüsterte die Stimme. Komm zu mir.

Vlad starrte das Portal vor ihm ungläubig an. Dies konnte nicht wirklich sein, sagte er sich; bestimmt hatte er wegen der verlorenen Schlacht, des Todes seiner Generale und seiner Männer den Verstand verloren, und dies war nicht mehr als die Wahnvorstellung eines Verrückten?

Sei nicht töricht, fauchte die Stimme, und Vlad schrie auf. Der unbekümmerte Tonfall war verschwunden; die Stimme klang wie der Tod, alt und tief und dunkel. Komm zu mir, solange ich dich einlade. Du kannst sonst nirgends hin.

Vlad sah sich auf der Lichtung um und erkannte, dass die Stimme die Wahrheit sprach. Auf allen Seiten hatten sich die Bäume zusammengeschlossen und bildeten einen undurchdringlichen hölzernen Wall, der ihn vollständig umgab.

Er war gefangen.

Süßlich bittere Galle schäumte in seinem Magen, als er erkannte, dass ihm keine Wahl blieb. Vlad zwang seine Beine dazu, sich zu bewegen, ging am ganzen Leib zitternd weiter und betrat das Rundportal. Die Dunkelheit, die ihn umfing, war absolut; sie entstand durch gänzliche Abwesenheit von Licht. Er hörte, wie die Bäume hinter ihm sich erneut bewegten, und machte zögernd einen weiteren Schritt.

Sein Fuß trat ins Leere.

Vlad verlor das Gleichgewicht, seine Hände fanden keinen Halt, dann taumelte er mit einem Schrei vorwärts und stürzte in die Tiefe.

Er erwachte unbestimmbar lange Zeit später.

Unter dem Rücken spürte er Gras, und als er mühsam die Augen öffnete, sah er den Nachthimmel über sich. Sternenbilder kreisten und wirbelten unglaublich tief, formten nie gesehene Lichtmuster. Eine Gruppe blasser roter Sterne sammelte sich in Form eines Stierkopfs, um dann zu verschwinden, als ein Klumpen grün schillernder Lichter das Bild einer riesigen aufgerollten Schlange an den schwarzen Himmel zeichnete.

Diese Bilder ließen Vlads Magen rebellieren, und er sah weg. Er stemmte sich hoch, bis er im Gras saß, und versuchte sich zu erinnern, wo er war und was ihm zugestoßen war.

Das Gras unter ihm war so dunkelgrün, dass es selbst im Licht des wirbelnden, ständig wechselnden Kaleidoskops über ihm fast schwarz wirkte. Es wuchs in einem Kreis mit etwa zehn Schritt Durchmesser. An seinem Rand hielten Statuen aus altem grauen Stein Wache, bildeten einen geschlossenen Wall. Die Steinfiguren waren grotesk: Männer und Frauen in Todesqualen verzerrt, qualvoll verendende Tiere, Dämonengestalten, gehörnt und stachlig und schuppig, mit bizarr lustvollen Fratzen. Über den Statuen schien es nichts zu geben als den pechschwarzen Himmel. Es gab keine Tür, keinen Durchgang, der hätte erklären können, wie er an diesen schrecklichen Ort gelangt war.

Ich bin gefallen. Ich denke, ich bin gefallen.

Dann explodierte Erinnerung in Vlads Kopf, und er schrie auf, als ihm wieder alles einfiel: die Schlacht, der Wald, die sich bewegenden alten Bäume und die grausig unnatürliche Stimme, die ihn angesprochen hatte. Er rappelte sich auf und stand nun vor dem einzigen Ding, mit dem er sich den Kreis teilte.

Es war ein Altar.

Ein großer rechteckiger Block, roh aus hellgrauem Stein gehauen, stand am Rand der Grasfläche unter zwei miteinander verwobenen Statuen, die solche Gewalt darstellten, dass Vlad – ein Mann, der seine Feinde Martern ausgesetzt hatte, von denen in ganz Europa nur geflüstert worden war – ihren Anblick nicht ertrug. In den Stein waren Lettern in einer ihm unbekannten Sprache eingehauen, und seine Oberseite hatte dunkelbraune Flecken von vor Langem vergossenem Blut.

Zorn überwältigte Vlad, und er stürmte vorwärts. Er hämmerte mit den Fäusten auf den Altar, kreischte und brüllte den fremden Himmel über sich an. Dies war nicht der Ort, an dem er seine Tage hätte beschließen sollen, allein und verängstigt an diesem uralten Schreckensort; er hatte Heere befehligt, Städte und ganze Länder verwüstet, mit Kaisern und Königen verkehrt. Er wütete in dem Dunkel, das ihn umgab, schwor demjenigen den Tod, der ihn hergebracht hatte, verfluchte seine Feinde, drohte allen, die ihm jemals Unrecht getan hatten, mit Rache und bot seine Seele für die Chance an, seine Verräter kalt in der Erde liegen zu sehen.

Nichts geschah.

Über ihm kreisten die Sterne, blühten zu Leben auf und erloschen wieder, als vergingen Jahrmillionen in bloßen Sekunden. Die Statuen rings um ihn standen stumm und unbeweglich da, starrten mit leeren Augen auf ihn herab. Der Altar blieb ein lebloser Steinklotz.

Vlad sank dagegen, sein Feuer war so rasch vergangen, wie es aufgeflammt war.

Wozu bin ich hier? Wenn nicht für irgendwelches Teufelswerk, wozu dann? Vielleicht bin ich verrückt?

Du bist nicht verrückt, flüsterte die Stimme, die er auf der Lichtung gehört hatte. Aber du bist dumm.

Vlad sah sich um, aber in dem Kreis aus stummen Steinfiguren bewegte sich nach wie vor nichts. Die Stimme klang grausam und spöttisch, und er versuchte zu erraten, was sie wohl meinte, weshalb sie seine Intelligenz anzweifelte.

Dann fiel sein Blick auf die braunen Flecken auf dem Altar, und er begriff plötzlich. Er grub die Finger seiner rechten Hand in die Wunde an seinem Arm, riss das Fleisch auf. Vlad grunzte vor Schmerzen, als Blut in breitem Strom seinen Arm hinunterzulaufen begann und seine Hand bedeckte; er hob sie hoch über den Kopf und verharrte in dieser Haltung.

Wenn ich nicht verrückt bin, erwartet mich hier nur Verdammnis.

Du bist seit Langem verdammt, zischte die Stimme, und Vlad wusste im Innersten, dass sie recht hatte. Er machte eine knappe Handbewegung, die die Altarplatte mit dunkelroten Blutstropfen besprenkelte.

Die Luft war augenblicklich von Energie erfüllt; sie knisterte um Vlads Kopf, hob sein langes schwarzes Haar von den Schultern. Er beobachtete, wie die Haare auf den Oberseiten seiner Arme sich aufstellten, und spürte dicke, fettige Kraft in seinen Zähnen und Knochen. Die Statuen begannen sich zu bewegen, erwachten auf ihren Sockeln rumpelnd zum Leben, fügten einander ihre Martern mit grausig langsamen Bewegungen zu und bildeten einen Wall aus schmerzverzerrtem, missbrauchtem Stein. Vor ihm begann der Altar eine schwarze Flüssigkeit abzusondern, die aus winzigen Steinporen zu quellen schien: ein dickflüssiges Öl mit Licht absorbierenden Eigenschaften. Als der Altar ganz damit bedeckt war, öffnete sich in dieser Flüssigkeit ein Mund, unmöglich breit und voller scharfer Zähne wie Dolche, der ihn anzulächeln schien.

»Wer bist du?«, fragte Vlad mit zitternder Stimme.

Das könntest du nicht zu verstehen hoffen, antwortete der Mund. Dies war dieselbe Stimme, die er gehört hatte, als er blindlings in die von ihr so bezeichnete Tiefe gestürzt war, aber jetzt klang sie ruhig, fast freundlich. Und es ist nicht wichtig. Entscheidend ist, dass ich weiß, was du bist.

»Was bin ich?«

Ein Ungeheuer. Der Mund verzog sich zu einem grässlichen breiten Grinsen. Zu Grausamkeiten imstande, die selbst jemanden wie mich beeindrucken. Ein Aasfresser. Ein Parasit. Ein …

»Genug«, sagte Vlad so nachdrücklich er konnte.

Der Mund auf dem Altar grinste noch breiter.

Und tapfer, bis zu einem gewissen Punkt. Oft bis zur Torheit. Oder Gefahr.

»Wozu hast du mich hergebracht?«, wollte Vlad wissen.

Hergebracht hast du dich selbst. Deine Wut hat über die Tiefe hinausgeschrien. Ich habe nur den Weg erhellt.

»Weshalb?«, fragte Vlad. »Wozu, um Himmels willen? Was willst du von mir?«

Ich will dir etwas anbieten. Im Tausch gegen etwas, das du lange nicht mehr benützt hast.

»Wovon redest du?«

Von deiner Seele, sagte der Mund und fletschte die Zähne. Ich will deine Seele. Sie wird mich jahrtausendelang amüsieren. Und ich zahle großzügig dafür.

Vlad starrte die glitschige Altarplatte an. Der Mund lächelte weiter, und er spürte, wie seine Magennerven rebellierten.

»Was würdest du mir bieten?«, fragte er. »Welcher Preis wäre hoch genug für das, was du verlangst?«

Ich kann dir Rache an allen bieten, die dir jemals Unrecht getan oder dich enttäuscht haben. Ich kann dir ewiges Leben schenken, damit du deine Feinde bis ans Ende ihrer Tage verfolgen kannst, ohne zu altern, ohne zu sterben. Ich kann dir die Macht verleihen, deine Welt in Trümmer zu legen. Alles das kann ich dir gewähren.

»Ich wittere Täuschung«, sagte Vlad. »Ein solches Angebot ist bestimmt zu gut, um wahr zu sein.«

Du hast recht, antwortete der Mund. Es kann kein Licht ohne Dunkelheit, keine Belohnung ohne Strafe geben. Aber ich täusche dich nicht. Du hattest nicht verlangt, die Bedingungen zu hören.

»Ich frage jetzt danach.«

Also gut. Du wirst niemals mehr die Sonne sehen; ihr Anblick wird dein Ende bedeuten. Du wirst nie mehr essen oder trinken, wie’s die Menschen tun; nur das Blut anderer Lebewesen wird dich nähren. Du wirst gegen sterbliche Hände und die Waffen Sterblicher gefeit sein und dein neues Leben mit anderen teilen können, wie du’s für richtig hältst. Aber wenn deine Zeit auf dieser Ebene zu Ende geht, gehört deine Seele mir, und dir ist die Hölle bestimmt. In alle Ewigkeit.

»Ich nehme an.«

Die Worte waren heraus, noch bevor ihm klar war, dass er sie aussprechen würde. Das Angebot des Scheusals würde ihn zu einem Leben im Schatten verdammen, von Blut und Tod umgeben, aber für Vlad würde das nichts Ungewohntes sein, und die Alternative war keiner Überlegung wert. Sein bisheriges Leben war zu Ende, das wusste er nur allzu gut; die Türken würden ihn bis ans Ende der Welt verfolgen, und er wollte lieber stolz im Dunkel stehen, als im Licht fliehen und sich verkriechen müssen.

Daran habe ich nie gezweifelt, sagte die Stimme. Aber ich bin noch nicht fertig. Das Grinsen wurde noch breiter, bis es über die Ränder der Altarplatte lief und in ölig schwarzen Fäden ins dunkle Gras tropfte.

»Wie meinst du das?«, rief Vlad aus. »Welcher Betrug ist das?«

Durchaus kein Betrug. Du hast mein Angebot angenommen, ohne schon alle Bedingungen zu kennen.

»Sag mir, was du zurückhältst! Sag’s mir sofort!«

Der Mund wurde zu einer harten schmalen Linie, und als er wieder sprach, klang die Stimme nach gefrierendem Blut, nach Schmerzen und Hoffnungslosigkeit.

Du hast nichts mehr einzutauschen. Ich rate dir, keine Forderungen zu stellen.

Vlad begann zu zittern – vor Wut und aus einer grausigen schleichenden Ahnung, übertölpelt worden zu sein. Angst lag wie ein Eisklumpen in seinem Magen und kroch sein Rückgrat hinauf, während er entsetzt den Altar anstarrte.

»Ich bitte um Verzeihung«, zwang er sich zu sagen. »Ich bitte demütig darum, die letzte Bedingung der Übereinkunft zu erfahren.«

Schon besser, sagte der Mund und lächelte wieder. Die letzte Bedingung lautet: Das erste Blut, das du trinkst, ist der einzige Schlüssel zu deinem Untergang. Dein erstes Opfer trägt das einzige Mittel in sich, dein zweites Leben zu beenden.

»Was für ein Betrug ist das?«, rief Vlad aus. »Du hast mir ewiges Leben versprochen.«

Ich habe dir nichts versprochen. Ich habe gesagt, dass ich dir ewiges Leben gewähren kann; ob du es erreichst, hängt allein von dir ab. Wie würde unser Vertrag jemals erfüllt, wenn du nicht sterben könntest? Aber ich habe dir mehr gegeben als jedem anderen Menschen vor dir und möchte dich dankbarer für meine Großzügigkeit sehen.

»Was ist das für ein Geschenk, das ich für meine Seele bekomme, voller Einschränkungen und Vorbehalte?«

Ich habe dir kein Geschenk versprochen, erwiderte der Mund. Ich habe dir nur eine Übereinkunft angeboten, über die wir uns jetzt einig sind.

»Dann ziehe ich meine Einwilligung zurück!«

Zu spät, sagte der Mund breit grinsend. Dann bewegte er sich, zerbarst und hüllte Vlad vollständig mit einer schwarzen Flüssigkeit ein, die sich kalt und falsch wie das Ende der Welt anfühlte. Er schrie lautlos, wieder und wieder, aber die Flüssigkeit hielt ihn umklammert, bis es vorbei war, und wich erst dann zurück.

Er sank wie eine dürre Hülse auf die Knie; seine Augen waren nach oben verdreht, sodass er blind war, und seine Haut war trocken und lederig wie Pergament. Er atmete nicht, aber er lebte noch, war noch imstande, ungeheuerlichste Schmerzen zu empfinden. Als er glaubte, die Höllenqualen nicht länger ertragen zu können, als er glaubte, sterben oder vor Schmerzen wahnsinnig werden zu müssen, kam die schwarze Flüssigkeit zurück und hüllte ihn erneut ein.

Statt Erbarmen zu haben und seine Qualen zu beenden, wie Vlad sehnlichst hoffte, sank sie in ihn ein, verschwand in seinen Poren, und er empfand ein nie gekanntes Gefühl von Kraft, das durch den ganzen Körper pulsierte. Seine Augen standen wieder richtig, seine Haut wurde rosig glatt, und sein Herz begann wieder zu schlagen. Er erhob sich, stand auf Beinen, die stark wie Baumstämme zu sein schienen, und ballte Fäuste, die sich anfühlten, als könne er damit Berge zerschmettern. Ein Urschrei entrang sich seiner Kehle, und dann fiel er ins mitternächtliche Gras, hindurch, ins Dunkel, zurück in die Tiefe.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Boden des Teleorman-Forsts. Er schlug die Augen auf und erkannte sofort die Steineichen, die über ihm in den Nachthimmel ragten, den Geruch des Grases unter seinem Körper und die kühle Brise, die über sein Gesicht strich. Eine verwirrte Sekunde lang fragte er sich, ob er alles nur geträumt habe, ob sein Verstand, der unter Erschöpfung und dem Entsetzen über die Niederlage seines Heeres litt, sich gegen ihn aufgelehnt und ihm unmögliche Schrecken aus den Tiefen seiner schlimmsten Albträume vorgegaukelt habe. Dann rappelte er sich jedoch langsam auf, spürte die unter seiner Haut brodelnde Kraft und erinnerte sich an die Übereinkunft, die er mit dem grinsenden Mund geschlossen hatte.

Du scheinst Wort gehalten zu haben, Teufel. Und ich will tun, was in meiner Macht steht, um meines zu halten.

Er grinste in der Dunkelheit und spürte, dass sich etwas in seinem Mund veränderte: Neue Zähne glitten von oben über seine Eckzähne herab. Ihre Spitzen waren so messerscharf, dass sie seine Unterlippe wie Papier durchstießen. Blut sammelte sich in seinem Mund an, und er sank in einer Ekstase, die alles übertraf, was er sich jemals hatte vorstellen können, auf die Knie. Dieses Vergnügen war so überwältigend, dass er nicht anders konnte, als die Augen zu schließen und zu warten, bis es abklang.

Als es schließlich vorüber war, stand er wieder auf und sah sich in dem Waldstück um, in dem er aufgewacht war. In weitem Kreis um ihn herum standen halb von Unterholz überwuchert Felsklötze, die aussahen, als hätten sie einst als Sockel Statuen getragen, und an einer Stelle lag ein kleiner Haufen Steine, die von einem großen rechteckigen Felsblock hätten stammen können. Aber die Steine lagen halb im Erdreich vergraben und sahen aus, als seien sie seit Hunderten, vielleicht Tausenden von Jahren nicht mehr bewegt worden.

Dies ist der Ort, an dem ich war. Aber er ist jetzt alt. Damals war er neu.

Er ließ die Steinruinen hinter sich und begann in Richtung des fernen Schlachtfelds zu marschieren. Vereinzelte Schreie hallten noch durch die Nachtluft, und in der Ferne konnte er den düster orangeroten Feuerschein der Scheiterhaufen sehen, auf denen die Türken seines Wissens ihre Gefallenen verbrannten. Obwohl er nicht wusste, was er tun würde, wenn er das Schlachtfeld erreichte, fürchtete er die Eindringlinge und ihre Waffen nicht mehr und war entschlossen, sich Gewissheit über das Schicksal seiner drei Generale zu verschaffen – der drei Brüder, deren Treue er dadurch belohnt hatte, dass er sie im Stich gelassen hatte. Als der Wald um ihn herum dünner zu werden begann, hörte er in der Dunkelheit Stimmen und hielt lautlos auf sie zu.

Auf einer Lichtung lagerten an einem lebhaften Feuer Bewohner eines Dorfs aus der Ebene jenseits des Waldes, die vor dem heranrückenden türkischen Heer geflüchtet waren. Es waren etwa fünfzehn Familien: Männer, Frauen und Kinder, die sich am Feuer wärmten, Säuglinge stillten, in Kupferkesseln kochten und Fleischspieße über die Glut hielten. Einige der alten Weiber sangen ein altes Volkslied, Vlad hatte ihre Stimmen gehört, als die kühle Nachtbrise die süße alte Melodie an sein Ohr getragen hatte. Er umrundete das Lager, schlüpfte lautlos durch die Bäume, hielt Ausschau nach einer Gelegenheit. Er war hungrig, und der Geruch des bratenden Fleischs stieg ihm in die Nase und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.

»Halt, stehen bleiben, Herr.«

Vlad drehte sich langsam nach der Stimme um und sah sich einem Mann mittleren Alters gegenüber, der im tiefen Schatten einer der mächtigen Steineichen stand. Der Mann trug derbe Bauernkleidung und hielt einen Bogen schussbereit, auf dessen Sehne ein Pfeil mit Metallspitze lag, der stetig auf Vlads Brust zielte. Der Fürst hob beschwichtigend die Hände und trat einen Schritt auf den Bauern zu, der sofort vor ihm zurückwich.

»Nicht näher«, sagte er. »Und sprecht, damit ich weiß, ob Ihr Freund oder Feind seid.«

»Ich bin keiner von beiden«, erwiderte Vlad mit schwachem Lächeln. »Ich bin etwas anderes.«

Der Mann ließ seinen Bogen ein kleines Stück sinken.

»Ihr seid kein Türke«, sagte er. »Seid Ihr Walache? Antwortet.«

»Ich war einer«, antwortete Vlad. Dann traf der Hunger ihn wie ein Blitzstrahl, und er sank auf die Knie, warf in unsäglichem Schmerz den Kopf in den Nacken. Er griff sich an die Brust, riss sich die Haut mit den Fingernägeln auf, versuchte sich aufzureißen, versuchte ein Mittel zu finden, um die gähnende Leere auszufüllen, die in der Mitte seines Wesens entstanden war. Sein Kopf dröhnte qualvoll, als würden Bohrer an seine Schläfen angesetzt, und seine Glieder waren plötzlich bleischwer.

Der Bauer ließ seinen Bogen fallen und rannte zu dem sich windenden Mann. Er kniete nieder und legte die Hände auf die Schultern des Fremden, der jetzt den Kopf zur Seite wandte. Der Bauer starrte das Schreckensbild vor sich betroffen an, die rot glühenden Augen inmitten des verzerrten Gesichts, die weiß schimmernden Reißzähne, die sich unter der Oberlippe hervorschoben, und holte Luft, um laut zu schreien. Dann vergrub der Fremde die Zähne in seinem Hals, und der Schrei erstarb in seiner Kehle.

Vlad biss rein instinktiv zu; die Hungerschmerzen machten ihn unfähig zu jedem vernünftigen Gedanken. Die neuen Reißzähne drangen mühelos durch die Haut des Bauern, durchtrennten die Halsschlagader und ließen einen Blutstrom in seinen Mund und Rachen fließen. Und augenblicklich verschwanden Hunger und Schmerzen, wurden durch ein Gefühl ersetzt, das fast gottähnlich war. Er trank das Blut, das aus dem Körper des Mannes gepumpt wurde, bis er gesättigt war, und zog dann die Reißzähne wieder ein.

Die beiden Gestalten sanken auf den kalten Waldboden.

Vlads Brust hob und senkte sich kraftvoll, war von neuer Energie erfüllt; die des Bauern bewegte sich kaum noch, während aus dem gezackten Loch an seiner Halsseite stetig Blut sickerte. Der ehemalige Fürst der Walachei sprang auf und stellte erstaunt fest, dass er eine Handbreit über dem Erdboden schwebte. Er drehte sich langsam in der Luft, dann schlug er eine gellende Lache an: ein Höllengelächter, das von den stummen Bäumen widerhallte, über das Lagerfeuer in der Mitte des Lagers trieb und die versammelten Männer die Stirn runzeln ließ. Mehrere ihrer Frauen bekreuzigten sich, und viele der Kleinkinder begannen zu weinen.

Das Lachen verhallte. Vlad setzte den Weg zum Schlachtfeld fort, nur schwebte er jetzt langsam und mühelos zwischen den Bäumen und über dem Unterholz dahin, drehte und wendete sich und machte allerlei Kapriolen wie ein Kind, das ein wundervolles neues Spielzeug bekommen hat. Wo er gewesen war, blieben auf dem Erdboden nur ein Fleck aus vergossenem Blut und die dunklen Umrisse des Bauern zurück, dessen Körper bereits abkühlte, als sein Leben verebbte.

6

Carpenter und Sohn

Jamie, der im Ring auf der Ebene mit den Haftzellen unterwegs war, empfand widerstreitende Gefühle wie vor jedem Besuch bei seiner Mutter.

Ihre Zelle war als einzige belegt; alle anderen waren vor drei Wochen geräumt und ihre Insassen in Zwangsjacken gesteckt und in die Tiefen der Schwarzlicht-Basis gebracht worden, um dem Projekt Lazarus zur Verfügung zu stehen. Die UV-Barrieren entlang des Korridors schimmerten in der stillen Luft, aber die Vampire, die dahinter gesessen hatten, waren längst nicht mehr da.

Marie Carpenter hatte die letzte Zelle links, dieselbe Zelle, in der Larissa in den drei turbulenten Tagen nach der Entführung von Jamies Mutter durch Alexandru Rusmanov eingesperrt gewesen war, bis ihre Heldentaten auf Lindisfarne bewirkt hatten, dass sie freigelassen und sogar ins Department 19 aufgenommen wurde.

Als Jamie den Korridor entlangging, war ihm bewusst, dass das übermenschlich scharfe Gehör seiner Mutter sie auf seine Anwesenheit aufmerksam gemacht haben würde, sobald er durch die Luftschleuse in den Zellenblock gekommen war. Und er wusste auch, dass sie vorgeben würde, überrascht zu sein, ihn zu sehen. Seine Mutter hasste nichts mehr, als Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass sie in eine Vampirin verwandelt worden war. Er erreichte die letzte Stahlbetonwand vor der Zelle seiner Mutter, blieb dort kurz stehen und atmete tief durch. Dann trat er vor, direkt vor die UV-Barriere.

Wie immer hätte Jamie beim ersten Anblick am liebsten gelacht; die Zelle seiner Mutter sah wie eine Abbildung im Katalog eines Einrichtungshauses aus.

Weil sie sich freiwillig in die Obhut von Schwarzlicht begeben hatte und die Mutter eines Agenten war, hatte sie Gegenstände anfordern können, die kein anderer Vampir in der Haft bekommen hätte, und das Beste aus der Situation herausgeholt. Mitten in ihrer Zelle lag der ovale Teppich aus dem Wohnzimmer ihres alten Hauses in Benchley, und darauf stand der Couchtisch, auf dem Jamies Vater jeden Abend die Füße hochgelegt hatte. An einer Wand stand die Kommode aus Maries früherem Schlafzimmer, darauf eine Sammlung von gerahmten Fotos, die ihren Sohn und ihren verstorbenen Ehemann zeigten. Das abgewetzte Ledersofa aus ihrem alten Wohnzimmer nahm den größten Teil der Rückwand ein, und ihr Bett verschwand unter einer ...

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