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Department 19 – Die Mission

WILL HILL

DEPARTMENT

19

DIE MISSION

Thriller

Übersetzung aus dem Englischen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Mutter

 

 

Ich war so einer, der die Nacht gekannt.

Ich ging bei Regen aus, bei Regen heim.

Ich ging am letzten Stadtlicht noch vorbei.

                                        ROBERT FROST



»Wir brauchen keine Beweise, wir fordern niemand auf, uns zu glauben.«

                                        ABRAHAM VAN HELSING

  

Memorandum

VON: BÜRO DES VORSITZENDEN DES GEMEINSAMEN GEHEIMDIENSTAUSSCHUSSES

BETREFF: REVIDIERTE EINTEILUNG DER DEPARTMENTS DER BRITISCHEN REGIERUNG

SICHERHEITSSTUFE: STRENG GEHEIM

  

DEPARTMENT  1

    Büro des Premierministers

DEPARTMENT 2

    Kabinett

DEPARTMENT 3

    Innenministerium

DEPARTMENT 4

    Außenministerium und Commonwealth Office

DEPARTMENT 5

    Verteidigungsministerium

DEPARTMENT 6

    Britische Armee

DEPARTMENT 7

    Königliche Marine

DEPARTMENT 8

    Diplomatischer Dienst Ihrer Majestät

DEPARTMENT 9

    Schatzamt Ihrer Majestät

DEPARTMENT 10

    Verkehrsministerium

DEPARTMENT 11

    Generalstaatsanwalt

DEPARTMENT 12

    Justizministerium

DEPARTMENT 13

    Militärische Aufklärung Sektion 5 (MI5)

DEPARTMENT 14

    Geheimdienst (SIS)

DEPARTMENT 15

    Königliche Luftwaffe

DEPARTMENT 16

    Nordirland-Büro

DEPARTMENT 17

    Schottland-Büro

DEPARTMENT 18

    Wales-Büro

DEPARTMENT 19

    Höchste Geheimhaltungsstufe

DEPARTMENT 20

    Territoriale Polizeikräfte

DEPARTMENT 21

    Gesundheitsministerium

DEPARTMENT 22

    Fernmeldeaufklärung und Nachrichtendienst

DEPARTMENT 23

    Geheimdienstaufsicht und -koordination

  

Prolog

Brenchley, Kent
3. November 2007

Jamie Carpenter saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, als er hörte, wie der Wagen seines Vaters auf dem Kies der Einfahrt knirschte – viel, viel früher als sonst. Jamie sah zur Wanduhr über dem Fernseher und runzelte die Stirn. Erst Viertel nach fünf. Julian Carpenter war, soweit Jamie sich erinnern konnte, noch nie früher als um sieben Uhr von der Arbeit nach Hause gekommen – und selbst das nur zu besonderen Gelegenheiten wie dem Geburtstag seiner Mum oder wenn Arsenal in der Champions League spielte.

Jamie, ein groß gewachsener, linkischer Vierzehnjähriger mit hagerer Statur und unbändigem braunen Haar, stemmte sich vom Sofa hoch und trat ans Fenster.

Der silberne Mercedes parkte an der gleichen Stelle wie immer, vor der vom Haus abgesetzten Garage. Sein Dad stand im Schein der Rücklichter am Kofferraum und hob etwas heraus.

Vielleicht ist er krank?, überlegte Jamie. Doch bei genauerer Betrachtung sah er überhaupt nicht krank aus – seine Augen schimmerten hell im roten Licht der Rückleuchten, und er bewegte sich schnell, als er irgendwelche Sachen aus dem Kofferraum in seine Taschen stopfte. Und noch etwas bemerkte Jamie: Sein Dad blickte immer wieder über die Schulter zur Straße, als würde er …

Da sah Jamie aus den Augenwinkeln eine Bewegung bei der Eiche am Ende des Gartens. Er schaute genauer hin. Plötzlich überzog Gänsehaut seine Arme und seinen Rücken, und ihm wurde bewusst, dass er Angst hatte.

Hier stimmt was nicht, dachte er. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.

Der Baum mit seinem knorrigen, nach links geneigten Stamm und den mächtigen Wurzeln, die den Rasen durchzogen und gegen die Gartenmauer drückten, sodass diese sich nach außen wölbte, sah genauso aus wie immer. Was auch immer Jamie gesehen hatte – sein Vater hatte es ebenfalls bemerkt. Er stand reglos hinter dem Wagen und starrte hinauf in die Zweige des Baums. Jamie fixierte angestrengt den Baum und die langen schwarzen Schatten, die das Mondlicht ins Gras warf. Falls sich dort wirklich irgendetwas bewegt hatte – jetzt rührte es sich nicht mehr. Doch während er zur Eiche starrte, wurde Jamie klar, dass irgendetwas anders war als sonst.

Dort waren mehr Schatten, als da sein sollten.

Wegen des bevorstehenden Winters hatte der Baum seine Blätter schon abgeworfen, und sein Schatten hätte die dünnen Umrisse leerer Zweige abbilden müssen. Doch die dunklen Muster auf dem Rasen waren fett und ausladend, als wären die Zweige voll von …

Was? Voll von was?

Jamie sah wieder zu seinem Dad. Plötzlich wollte er ihn im Haus haben, sofort, auf der Stelle. Sein Vater starrte noch immer in den Baum hinauf. Er hielt etwas in der Hand, das Jamie nicht erkennen konnte.

Wieder eine Bewegung. Beim Baum.

Die Angst schnürte Jamie die Kehle zu.

Komm ins Haus, Dad! Komm sofort rein! Da draußen ist etwas Böses …

Die Schatten auf dem Rasen begannen, sich zu bewegen.

Vor lauter Angst konnte Jamie noch nicht einmal schreien, als sich die dunklen Muster plötzlich entfalteten. Er starrte in den Baum und sah, wie die Zweige sich bewegten, hörte das leise Rascheln der Rinde, als sich etwas im Geäst der Eiche rührte.

Nicht irgendetwas – viele Dinge; es klingt, als wären es sehr viele …

Er blickte verzweifelt zu seinem Vater, der immer noch reglos beim Wagen stand, angeleuchtet von den roten Rücklichtern, und in den Baum starrte.

Warum stehst du noch da? Komm ins Haus! Bitte Dad, komm ins Haus!

Jamie wandte sich wieder zum Baum – und sah direkt in das bleiche Gesicht eines Mädchens, das ihn aus dunkelroten Augen zähnefletschend von draußen anstarrte. Jamie schrie so laut auf, dass er glaubte, seine Stimmbänder müssten reißen.

Das Gesicht verschwand in der Dunkelheit, und dann sah Jamie, wie sein Vater über die Auffahrt zum Haus rannte. Die Haustür flog auf, und Julian Carpenter platzte genau in dem Moment ins Wohnzimmer, in dem seine Frau in der Küchentür auftauchte.

»Weg von den Fenstern, Jamie!«, rief sein Vater.

»Dad, was ist …«

»Tu, was ich dir sage. Wir haben jetzt keine Zeit für Diskussionen!«

»Was soll das heißen, Julian, keine Zeit?«, fragte Jamies Mum mit schriller Stimme. »Was ist hier los?«

Julian Carpenter ignorierte sie. Er zog ein Handy hervor, das Jamie noch nie gesehen hatte, und wählte eine Nummer. »Frank? Ja, ich weiß, ich weiß. Wann werdet ihr hier sein? Ganz sicher? Okay. Pass auf dich auf.«

Er beendete das Gespräch und nahm die Hand von Jamies Mum.

»Julian, du machst mir Angst«, sagte sie leise. »Bitte sag mir, was das zu bedeuten hat. Bitte.«

Er sah seiner Frau in das blasse, verängstigte Gesicht. »Das kann ich nicht«, antwortete er. »Es tut mir leid.«

Jamie beobachtete alles wie benommen. Er begriff nicht, was geschah, er begriff rein gar nichts. Was war das, was sich da draußen vor ihrem Haus in der Dunkelheit bewegte? Wer war dieser Frank? Sein Dad hatte keinen Freund, der Frank hieß, das wusste Jamie ganz sicher.

Hinter Jamie zerbarst das Wohnzimmerfenster, als ein schwerer Eichenast wie eine Rakete hindurchschoss und auf dem Couchtisch landete, der unter dem Aufprall zerbrach. Diesmal schrie nicht nur Jamie, sondern auch seine Mutter.

»Weg von den Fenstern!«, brüllte Julian erneut. »Los, kommt hierher, zu mir!«

Jamie rappelte sich vom Boden hoch, rannte durch das Zimmer zu seinem Vater und packte die Hand seiner Mutter. Sie drängten sich an die Wand gegenüber den Fenstern. Sein Dad legte den Arm um ihn und seine Mum, bevor er mit der anderen Hand eine schwarze Pistole aus der Manteltasche zog.

Jamies Mutter drückte die Hand ihres Sohnes so fest, dass Jamie glaubte, seine Knochen würden brechen. »Julian!«, kreischte sie. »Was machst du mit dieser Pistole?«

»Still, Marie«, antwortete Jamies Vater mit leiser Stimme.

In der Ferne hörte Jamie Sirenen.

Gottseidankgottseidankgottseidank. Jetzt sind wir gerettet.

Draußen im Garten hallte ein grotesk schrilles Lachen durch die Nachtluft.

»Beeilt euch«, flüsterte Julian. »Bitte beeilt euch!«

Jamie hatte keine Ahnung, mit wem sein Vater da redete, jedenfalls aber nicht mit ihm oder seiner Mum. Dann plötzlich war der Garten voller Licht und Lärm, als zwei schwarze Lieferwagen unter gellenden Sirenen und Blaulicht auf den Dächern mit quietschenden Reifen in die Auffahrt bogen. Jamie starrte hinaus zu der alten Eiche, die jetzt im hellen Schein der roten und blauen Lichter stand. Der Baum war leer.

»Sie sind weg!«, rief Jamie. »Dad, sie sind weg!«

Er sah seinen Vater an, und der Ausdruck in Julian Carpenters Gesicht verängstigte Jamie mehr als alles, was bisher geschehen war.

Julian trat von seiner Frau und seinem Sohn zurück und sah ihnen in die Augen. »Ich muss gehen«, sagte er mit brechender Stimme. »Vergesst niemals, dass ich euch mehr liebe als alles andere auf der Welt. Jamie, pass auf deine Mutter auf. Okay?«

Er drehte sich um und ging zur Tür.

Jamies Mutter lief zu ihm, griff nach seinem Arm und wirbelte ihn zu sich herum. »Wo willst du denn hin?«, schluchzte sie, und Tränen strömten über ihre Wangen. »Was soll das heißen, Jamie soll auf mich aufpassen? Was geht hier vor?«

»Das kann ich dir nicht sagen«, antwortete Julian Carpenter leise. »Ich muss euch schützen.«

»Wovor?«, schrie seine Frau.

»Vor mir selbst«, antwortete er mit gesenktem Kopf. Dann sah er sie an, und mit einer Geschwindigkeit, die Jamie nicht für möglich gehalten hätte, entwand er sich ihrem Griff und stieß sie quer durch das Zimmer. Sie stolperte über eines der Tischbeine, und Jamie sprang vor, fing sie auf und ließ sie zu Boden gleiten. Mit einem Schrei, so schmerzerfüllt, dass es Jamie durch Mark und Bein ging, stieß sie seine Hände weg. Er blickte zu seinem Vater und sah gerade noch, wie er durch die Tür nach draußen ging.

Jamie stieß sich vom Boden hoch, wobei er seine Hände am Glas des zerbrochenen Tisches schnitt, und rannte zum Fenster. In der Auffahrt standen acht Männer in schwarzen Einsatzmonturen und mit Maschinenpistolen, die sie auf seinen Vater richteten.

»Die Hände über den Kopf!«, befahl einer der Männer. »Sofort!«

Jamies Vater trat noch ein paar Schritte vor und blieb dann stehen. Für einen langen Moment starrte er hinauf in den Baum, bevor er einen raschen Blick über die Schulter zum Fenster warf und seinem Sohn zulächelte. Dann ging er weiter, zog die Pistole aus der Tasche und zielte damit auf den ihm am nächsten stehenden Mann.

Die Welt explodierte in ohrenbetäubendem Lärm, und Jamie schlug die Hände über die Ohren und schrie und schrie und schrie, als die Maschinenpistolen Feuer und Eisen spien und seinen Vater töteten.

Zwei Jahre später

1

Teenager-Ödnis

Jamie Carpenter schmeckte Blut und Dreck und fluchte in den feuchten Matsch des Spielfelds.

»Geh runter von mir!«, gurgelte er.

Ein schrilles Lachen ertönte hinter seinem Kopf, und sein linker Arm wurde auf seinem Rücken weiter nach oben verdreht, was eine erneute Woge von Schmerz durch seine Schulter jagte.

»Brich ihm den Arm, Danny«, rief jemand. »Reiß ihn aus!«

»Lust dazu hätte ich«, antwortete Danny Mitchell zwischen Runden wilden Gelächters. Dann wurde seine Stimme leise, und er flüsterte Jamie ins Ohr: »Ich könnte es, weißt du? Ganz leicht.«

»Geh runter von mir, du fettes …«

Eine riesige Hand mit Fingern wie Würste packte ihn an den Haaren und drückte sein Gesicht wieder in den Matsch. Jamie kniff die Augen zu und ruderte mit der rechten Hand blindlings umher in dem Versuch, sich aus dem nassen Dreck zu befreien.

»Haltet seinen Arm fest!«, rief Danny. »Haltet ihn fest!« Eine Sekunde später wurde Jamies rechtes Handgelenk gepackt und ebenfalls auf den Boden gedrückt.

Sein Kopf begann zu schmerzen, als sein Körper um Sauerstoff bettelte. Er konnte nicht atmen. Seine Nasenlöcher waren voll mit klebrigem, faulig stinkendem Matsch. Außerdem konnte er sich nicht bewegen mit dem fünfundneunzig Kilo schweren Danny Mitchell, der rittlings auf ihm hockte.

»Das reicht jetzt!«

Jamie erkannte die Stimme von Mr. Jacobs, dem Englischlehrer.

Mein Held und Befreier. Ein fünfzig Jahre alter Pauker mit Mundgeruch und Schweißflecken unter den Armen. Großartig.

»Mitchell! Runter von ihm! Ich will das nicht zweimal sagen!«, rief der Lehrer, und plötzlich waren der Druck auf Jamies Arm und das Gewicht auf seinem Rücken verschwunden. Er hob den Kopf aus dem Matsch und atmete tief durch. Seine Brust bebte.

»Das war nur ein Spiel, Sir«, hörte er Danny Mitchell sagen.

Tolles Spiel. Echt lustig.

Jamie rollte sich auf den Rücken und sah in die Gesichter der Menge, die sich eingefunden hatte, um seine Demütigung zu beobachten. Sie starrten in einer Mischung aus Abscheu und Erregung auf ihn herab.

Dabei mögen sie Danny Mitchell nicht mal. Aber mich hassen sie eben noch mehr als ihn.

Mr. Jacobs ging neben ihm in die Hocke.

»Alles in Ordnung, Carpenter?«

»Alles bestens, Sir.«

»Mitchell sagt, es wär nur ein Spiel gewesen. Stimmt das?«

Über Jacobs’ Schulter hinweg sah Jamie Dannys warnenden Blick.

»Das ist richtig, Sir«, sagte er. »Schätze, ich hab verloren.«

Mr. Jacobs musterte Jamies schlammbesudelte Kleidung. »Sieht ganz danach aus.« Der Lehrer hielt ihm die Hand hin, und Jamie ergriff sie und zog sich daran aus dem Matsch. Es gab ein lautes schmatzendes Geräusch. Ein paar Schüler in der Menge kicherten, und Mr. Jacobs wirbelte mit vor Zorn hochrotem Gesicht herum.

»Geht mir aus den Augen, ihr Geier!«, rief er. »Macht, dass ihr in euren Unterricht kommt, oder wir sehen uns alle beim Nachsitzen wieder!«

Die Menge zerstreute sich, und Jamie stand mit Mr. Jacobs allein auf dem Feld.

»Jamie«, begann der Lehrer. »Wenn du über irgendetwas reden möchtest, dann weißt du, wo mein Büro ist.«

»Worüber reden, Sir?«, fragte Jamie.

»Nun ja, du weißt schon … deinen Vater und … und das, was passiert ist.«

»Was ist denn passiert, Sir?«

Mr. Jacobs sah ihn lange schweigend an, dann senkte er den Blick. »Gehen wir«, sagte er. »So kannst du nicht zur nächsten Stunde gehen. Du kannst die Lehrertoilette benutzen, um dich zu waschen.«

Als die Glocke das Ende des Unterrichts verkündete, schlenderte Jamie langsam über den Hof in Richtung Tor. Seine Instinkte waren normalerweise scharf, insbesondere, wenn Gefahr im Verzug war, doch irgendwie war es Danny Mitchell gelungen, sich in der Pause unbemerkt von hinten an ihn heranzuschleichen. Das würde ihm nicht noch einmal passieren.

Er verlangsamte sein Tempo und mischte sich unter die anderen Schüler, die zu den Bussen und wartenden Autos gingen. Dabei schweiften seine Blicke unablässig hin und her auf der Suche nach einem möglichen Hinterhalt.

Dann entdeckte er Danny Mitchell ein Stück weit links von sich, und seine Brust zog sich zusammen. Mitchell lachte sein albernes Lachen, wedelte wild mit den Armen und ließ vor seiner bewundernden Schar von Speichelleckern die üblichen Prahlereien vom Stapel.

Jamie schlüpfte zwischen zwei Bussen hindurch und überquerte die Straße, während er auf die Rufe und das Geräusch rennender Füße wartete, die anzeigten, dass man ihn gesehen hatte. Doch sie kamen nicht. Dann war er außer Sicht und verschwand zwischen den hübschen Reihen identischer Häuser des Wohnviertels, in dem er mit seiner Mum lebte.

In den zwei Jahren seit dem Tod von Jamies Dad waren die Carpenters dreimal umgezogen. Unmittelbar nach jenem Abend waren Polizeibeamte zu ihnen gekommen und hatten ihnen erklärt, Jamies Vater wäre in eine Verschwörung verwickelt gewesen und hätte geheime Informationen von seiner Arbeit beim Verteidigungsministerium an eine britische Terrorzelle verkaufen wollen. Die Polizisten waren freundlich und mitfühlend gewesen und hatten ihnen versichert, dass es keinerlei Beweise für eine Verwicklung Jamies oder seiner Mutter in diese Angelegenheit gäbe, doch das spielte keine Rolle. Die Briefe hatten fast zur gleichen Zeit angefangen. Briefe von patriotischen Nachbarn, die nicht wollten, dass in ihrer ruhigen, respektablen Gegend die Familie eines Verräters wohnte.

Wenige Monate später hatte Marie Carpenter das Haus in Kent verkauft. Jamie war es egal gewesen. Seine Erinnerungen an jene grauenvolle Nacht waren verschwommen, doch der Baum im Garten machte ihm Angst, und er konnte nicht über den Kiesweg laufen, auf dem sein Vater gestorben war. Stattdessen ging er jedes Mal über den Rasen und hielt dabei so viel Abstand zu der Eiche wie nur irgend möglich. Vor dem Haus angekommen, sprang er jedes Mal mit einem großen Satz über den Kies auf die Türschwelle.

An das Gesicht vor dem Fenster und das hohe, furchterregende Lachen, das durch die eingeschlagene Fensterscheibe ins Wohnzimmer gedrungen war, erinnerte er sich überhaupt nicht mehr.

Kurze Zeit später war er mit seiner Mum bei seiner Tante und seinem Onkel eingezogen, die in einem Dorf in der Nähe von Coventry lebten. Eine neue Schule für Jamie, eine Anstellung als Sprechstundenhilfe bei einem Hausarzt für Jamies Mutter. Doch die Gerüchte und wilden Geschichten verfolgten sie, und nachdem Jamie einem Klassenkameraden, der über seinen Vater herzog, die Nase gebrochen hatte, war ein Ziegelstein durch das Küchenfenster des Reihenhauses seiner Tante geflogen.

Am nächsten Morgen waren sie erneut umgezogen.

Sie hatten ein Haus in einem Vorort von Leeds gefunden, das aussah, als hätte man es aus Legosteinen erbaut. Als Jamie zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten wegen wiederholten Schwänzens von der Schule flog, schimpfte seine Mutter nicht einmal mehr. Sie schrieb die Kündigung an den Vermieter und begann ihre Sachen zu packen.

So waren sie in dieser ruhigen Wohngegend am Stadtrand von Nottingham gelandet. Hier war es grau, kalt und trostlos. Jamie, der auf dem Land aufgewachsen war, ein Naturkind aus tiefster Seele, war plötzlich dazu gezwungen, über Supermarktparkplätze und durch Unterführungen zu streifen. Mit hochgeschlagener, tief ins Gesicht gezogener Kapuze und den Kopfhörern seines iPods in den Ohren, aus denen hämmernde Musik dröhnte, blieb er für sich und vermied die Gangs, die sich in den Schatten der Ecken dieser vorstädtischen Ödnis sammelten. Jamie wich Schatten aus, wo immer er konnte. Er wusste nicht, warum.

Jetzt lief er eilig durch das Viertel, durch stille Straßen voll nichtssagender Häuser und Gebrauchtwagen. Er passierte eine kleine Gruppe von Mädchen, die ihn mit unverhohlener Feindseligkeit musterten. Eine von ihnen sagte etwas, das er nicht genau verstand, und ihre Freundinnen lachten. Er ging weiter.

Er war sechzehn Jahre alt und fühlte sich hundeelend und schrecklich einsam.

Jamie schloss die Eingangstür der kleinen Doppelhaushälfte auf, in der er zusammen mit seiner Mutter ein so ruhiges und unauffälliges Leben führte, wie es ihnen nur möglich war. Er wollte direkt in sein Zimmer gehen und seine schmutzigen Sachen ausziehen, kam aber nur bis zur Hälfte der Treppe, als seine Mutter nach ihm rief.

»Was denn, Mum?«, rief er zurück.

»Kannst du bitte mal herkommen, Jamie?«

Jamie stieß einen unterdrückten Fluch aus und stapfte die Treppe wieder hinunter, durch den Flur und ins Wohnzimmer. Seine Mutter saß im Sessel vor dem Fenster und sah ihn mit einem Blick an, der so traurig war, dass sich sein Herz verkrampfte.

»Was ist denn, Mum?«, fragte er.

»Einer deiner Lehrer hat mich heute angerufen«, antwortete sie. »Mr. Jacobs.«

Herrgott noch mal, warum kümmert er sich nicht um seinen eigenen Kram? »Tatsächlich? Was wollte er?«

»Er hat gesagt, du wärst heute Nachmittag in eine Prügelei verwickelt gewesen.«

»Er irrt sich.«

Seine Mutter seufzte. »Ich mache mir Sorgen um dich, Jamie.«

»Das musst du nicht. Ich kann selbst auf mich aufpassen.«

»Das sagst du immer.«

»Dann solltest du vielleicht anfangen, auf mich zu hören.«

Ihre Augen verengten sich.

Das hat weh getan, nicht wahr? Gut. Jetzt kannst du mich anbrüllen, und ich kann nach oben gehen, und wir müssen heute Abend nicht mehr miteinander reden.

»Ich vermisse ihn auch, Jamie«, sagte seine Mutter leise, und er zuckte zusammen, als wäre er von einem Insekt gestochen worden. »Ich vermisse ihn jeden einzelnen Tag.«

Jamie hatte einen riesigen Kloß im Hals, um den herum er seine Antwort herausquetschte. »Schön für dich«, sagte er. »Ich vermisse ihn nicht. Nicht eine Sekunde.«

Seine Mutter sah ihn an, und in ihren Augenwinkeln sammelten sich Tränen. »Das meinst du nicht ernst.«

»Glaub mir, ich meine es so, wie ich es sage. Er war ein Verräter, ein Verbrecher, und er hat unser Leben ruiniert.«

»Unser Leben ist nicht ruiniert. Wir haben immer noch uns.«

Jamie lachte auf. »Sicher. Und wie wunderbar wir beide doch zurechtkommen.«

Die Tränen flossen über, und seine Mutter senkte den Kopf, während sie über ihre Wangen liefen und zu Boden tropften. Jamie sah sie hilflos an.

Geh zu ihr. Geh zu ihr und umarme sie und sag ihr, dass du es nicht so gemeint hast.

Er wollte es, wollte nichts lieber, als sich neben sie zu knien und den Abgrund zwischen ihnen zu überbrücken, der sich seit jener Nacht, in der sein Vater gestorben war, stetig vergrößert hatte. Doch er konnte nicht. Stattdessen stand er wie erstarrt da und sah zu, wie seine Mutter weinte.

2

Die Sünden des Vaters

Am nächsten Morgen ging Jamie unter die Dusche, zog sich an und schlüpfte aus dem Haus, ohne seine Mutter gesehen zu haben. Er lief auf seiner üblichen Route durch die Siedlung, doch an der Abzweigung zu seiner Schule ging er geradeaus weiter durch das kleine Einkaufszentrum mit dem McDonald’s und dem DVD-Verleih, überquerte die mit Graffiti übersäte Eisenbahnbrücke voller Glasscherben und platt getretener Kaugummis, lief am Bahnhof mit den Fahrradständern vorbei und schlug den Weg hinunter zum Kanal ein. Er würde an diesem Tag nicht zur Schule gehen. Keine Chance.

Warum zum Henker hat sie sich so aufgeregt? Weil ich Dad nicht vermisse? Er war ein Verlierer. Sieht sie das denn nicht?

Jamie ballte wütend die Fäuste und stieg die Stufen zum Leinpfad hinunter. Hier verlief der Kanal über eine Strecke von mehr als anderthalb Kilometern schnurgerade, sodass Jamie jede sich nähernde Gefahr aus sicherer Entfernung erkennen konnte. Doch obwohl er die Augen offen hielt, sah er nur ein paar Spaziergänger, die ihre Hunde ausführten, und hin und wieder einen der Obdachlosen, die unter den niedrigen, den Kanal überquerenden Brücken Schutz gesucht hatten. Nach einer Weile begannen seine Gedanken zu wandern.

Er hätte niemals – und am allerwenigsten gegenüber seiner Mum – zugegeben, wie groß das Loch war, das der Tod seines Vaters in seinem Leben zurückgelassen hatte. Jamie liebte seine Mutter, liebte sie so sehr, dass er sich dafür hasste, wie er sie behandelte, und dafür, dass er sie von sich stieß, wenn sie ihn ganz offensichtlich brauchte und er alles war, was sie hatte. Doch er konnte nicht anders. Die Wut, die in ihm brannte, schrie nach Entladung, und seine Mutter war das einzige Ziel, das sich anbot.

Die Person, die es verdient hatte, das Ziel zu sein, lebte nicht mehr.

Sein Vater, dieser feige Verlierer von einem Vater, war mit ihm nach London gefahren, um Arsenal spielen zu sehen. Er hatte ihm das Schweizer Armeemesser geschenkt, das Jamie nicht mehr bei sich trug, weil er es nicht ertragen konnte, es in seiner Tasche zu spüren, er hatte ihn auf den Feldern hinter ihrem alten Haus mit seinem Luftgewehr schießen lassen, mit ihm ein Baumhaus gebaut und samstagmorgens mit ihm zusammen Zeichentrickfilme im Fernsehen geschaut. Dinge, die Jamies Mutter niemals tun würde, die er niemals mit ihr tun wollte. Dinge, die er mehr vermisste, als er jemals zugegeben hätte.

Jamie war wütend auf seinen Vater, weil er ihn und seine Mum alleingelassen hatte, weil er sie gezwungen hatte, aus dem alten Haus auszuziehen, das Jamie so sehr geliebt hatte. Er war wütend, weil er seine Freunde zurücklassen und in diese schreckliche Gegend hatte ziehen müssen.

Wütend wegen der Schadenfreude, die er in den Gesichtern der Schulhofschläger jeder neuen Schule zu sehen bekam, sobald das Getuschel einsetzte und sie begriffen, dass man ihnen das perfekte Opfer präsentiert hatte: einen hageren Neuankömmling, dessen Vater versucht hatte, Terroristen dabei zu helfen, das eigene Land anzugreifen.

Wütend auf seine Mutter, weil sie sich beharrlich weigerte, die Wahrheit über seinen Vater zu sehen, wütend auf die Lehrer, die sich bemühten, Verständnis zu zeigen und ihn dazu zu bringen, über seinen Vater und seine Gefühle zu reden.

Wütend.

Jamie kehrte aus seinen Gedanken zurück und sah die Sonne hoch am Himmel stehen, wo sie sich bemühte, ihr bleiches Licht durch die graue Wolkendecke zu senden. Er zog sein Handy aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display. Beinahe Mittag. Vor ihm führte ein ausgetretener Pfad die Böschung hinauf zu einem kleinen Park, der von hohen Birken umgeben war. Der Park war die meiste Zeit menschenleer; es war einer von Jamies Lieblingsorten.

Er setzte sich mitten auf die Wiese, abseits der Bäume und der kurzen Schatten, die sie in der frühen Mittagssonne warfen. Um heute Morgen nicht in die Küche gehen und mit seiner Mutter reden zu müssen, hatte er kein Schulbrot mitgenommen. Stattdessen hatte er eine Dose Cola und ein paar Süßigkeiten eingepackt. Die Cola war warm, die Schokolade halb geschmolzen, doch das war Jamie egal.

Er beendete seine Mahlzeit, schob sich den Rucksack unter den Kopf, legte sich ins Gras und schloss die Augen. Mit einem Mal fühlte er sich erschöpft, und er wollte nicht länger nachdenken.

Fünfzehn Minuten. Nur ein kurzes Nickerchen. Eine halbe Stunde, allerhöchstens.

»Jamie.«

Er riss die Augen auf und sah dunklen Abendhimmel über sich. Ruckartig setzte er sich auf, rieb sich die Augen und sah sich im finsteren Park um. Die abendliche Kühle ließ ihn zittern, und er bekam eine Gänsehaut, als ihm bewusst wurde, dass er genau an der Stelle saß, wo die gerade noch sichtbaren Schatten der Bäume einander berührten.

»Jamie.«

Er wirbelte herum. »Wer ist da?«, rief er.

Ein Kichern drang durch den Park.

»Jamie.« Die Stimme lispelte ein wenig. Eine Mädchenstimme. Es klang, als würde sie seinen Namen singen und der Gesang durch die Bäume widerhallen.

»Wo bist du? Das ist nicht lustig!«

Erneutes Kichern.

Jamie stand auf und drehte sich einmal um sich selbst. Er konnte niemanden entdecken, doch hinter der ersten Reihe von Bäumen war es stockdunkel, und die Bäume selbst waren groß und knorrig.

Ausreichend Möglichkeiten, um sich zu verstecken.

Irgendetwas meldete sich in seinem Unterbewusstsein, ein Bild von einem Mädchen vor einem Fenster, doch er bekam es nicht zu fassen.

Hinter ihm knackte ein Ast.

Er wirbelte herum. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.

Nichts.

»Jamie.«

Diesmal war die Stimme näher.

»Zeig dich!«, rief er.

»Also schön«, sagte jemand direkt neben ihm, und er schrie auf und wirbelte mit erhobenen Fäusten herum. Er spürte, wie er mit der Rechten etwas traf und wie Adrenalin in seine Adern rauschte. Dann erstarrte er.

Vor ihm am Boden lag ein Mädchen, ungefähr in seinem Alter, und hielt sich die Nase. Ein dünner Blutstrom rann über ihre Lippe, und Jamie sah, wie ihre Zunge hervorschnellte und die rote Flüssigkeit ableckte.

»O mein Gott«, sagte Jamie. »Es … es tut mir leid. Ist alles in Ordnung?«

»Du Blödmann«, schniefte das Mädchen hinter der Hand. »Warum hast du das getan?«

»Es tut mir leid«, wiederholte Jamie. »Warum musstest du dich auch anschleichen?«

»Ich wollte dich erschrecken, das ist alles«, antwortete sie schmollend.

»Warum?«

»Zum Spaß. Ich hab mir nichts weiter dabei gedacht.«

Etwas anderes ging ihm durch den Kopf, doch auch das bekam er nicht richtig zu fassen. »Tja, das ist dir jedenfalls gelungen. Du hast mich erschreckt, herzlichen Glückwunsch.«

»Danke«, schnaubte das Mädchen. Sie streckte die Hand aus. »Hilfst du mir auf?«

»Oh, entschuldige. Natürlich«, erwiderte Jamie, ergriff ihre Hand und zog sie auf die Beine. Sie klopfte sich ab, wischte sich mit dem Handrücken die Nase und stand dann vor ihm.

Jamie betrachtete sie. Sie war sehr, sehr hübsch, mit langen dunklen Haaren, blasser Haut und dunkelbraunen Augen. Sie bemerkte seinen Blick und grinste. Jamie errötete.

»Gefällt dir, was du siehst?«, fragte sie.

»Entschuldige. Ich wollte dich nicht anstarren. Es ist nur, ich, äh …«

»Hast du aber. Kein Problem. Ich bin Larissa.«

»Ich bin …«

Plötzlich fielen die Puzzlesteine in Jamies Kopf an ihren Platz, und die Angst drohte ihn zu überwältigen. »Du … du hast eben meinen Namen gerufen«, stammelte er und wich einen Schritt zurück. »Woher kennst du meinen Namen?«

»Das spielt keine Rolle mehr, Jamie«, antwortete sie, und dann nahmen ihre wunderschönen braunen Augen einen dunklen, gruselig roten Farbton an. »Das spielt jetzt keine Rolle mehr.«

Sie bewegte sich wie ein Blitz. Ehe er sich versah, war sie bei ihm und nahm in einem grausamen, unerbittlich harten Griff sein Gesicht in beide Hände. »Nichts spielt mehr irgendeine Rolle, Jamie«, flüsterte sie, und er sah in ihre roten Augen und war verloren.

3

Angriff auf die Vorstadt

»Ich kann das nicht.«

Die Stimme klang, als käme sie aus hundert Kilometern Entfernung. Jamie bemühte sich, die Augen zu öffnen. Er lag im Gras, und dieses Mädchen namens Larissa saß neben ihm. Er versuchte davonzukriechen, konnte sich aber nicht bewegen. Seine Gliedmaßen schmerzten, und sein Kopf fühlte sich an, als wäre er voller Watte.

»Verdammt, ich kann das einfach nicht!«, sagte sie, anscheinend zu sich selbst. »Was ist nur los mit mir?«

Er blinzelte mühsam und starrte sie an. Ihre Augen waren wieder braun, und sie sah mit beinahe sanftem Blick zu ihm herab. »Wer … wer bist du?«, stieß er hervor. »Was hast du mit mir gemacht?«

Sie senkte den Kopf. »Du warst für mich bestimmt«, sagte sie. »Er hat es gesagt. Aber ich kann das nicht.«

»Was soll das heißen, für dich bestimmt?«

»Du warst für mich bestimmt. Du solltest mein sein, in jeder denkbaren Weise.«

Unter größter Anstrengung gelang es Jamie, sich aufzusetzen. »Ich verstehe nicht …«, sagte er.

»Es spielt keine Rolle.« Sie sah hinauf zum Himmel. »Du solltest jetzt besser gehen.« Traurig blickte sie ihn an. »Sie sind wahrscheinlich schon dort.«

Eine Flutwelle aus Adrenalin schoss durch seine Adern. »Dort? Wo? Wer?«

»Meine Freunde. Du weißt wo.«

Jamie sprang auf und starrte auf Larissa hinunter.

»Ich hab dich schon mal gesehen, stimmt’s?«, fragte er mit bebender Stimme. Vor seinem geistigen Auge sah er das Gesicht im Fenster.

Sie nickte schweigend.

Er wandte sich um und rannte los, als ginge es um sein Leben.

Bitte nicht! Bitte mach, dass sie Mum nichts tun!

Als er seine Straße erreichte, hämmerte sein Herz so wild in der Brust, dass er meinte, es müsste explodieren. Ein grauer Schleier lag über seinen Augen, die Muskeln in seinen Beinen schrien, doch er achtete nicht auf die Schmerzen und sprintete die letzten fünfzig Meter zu ihrem Haus, schleppte sich um den Torpfosten herum und in Richtung Haustür.

Sie stand weit offen.

Er rannte in den Flur. »Mum!«, brüllte er. »Mum, bist du da? Mum!«

Keine Antwort.

Er lief ins Wohnzimmer. Leer. Durch das Zimmer in die Küche. Leer.

Keine Spur von seiner Mutter.

Er sprintete die Treppe hinauf und stieß die Tür zu ihrem Schlafzimmer auf. Das Fenster über dem Bett stand weit offen, und die Vorhänge flatterten in der nächtlichen Brise. Jamie rannte durch das Zimmer und streckte den Kopf aus dem Fenster.

»Mum!«, rief er in die tintenschwarze Nacht hinaus. Seine rechte Hand rutschte auf etwas Glitschigem aus, das den Fenstersims bedeckte. Hastig zog er sie weg. Rote Flüssigkeit tropfte an seinem Handgelenk hinab.

Er starrte auf den Sims und sah zwei kleine Blutlachen. Weiteres Blut war über das Glas des offenen Fensters verschmiert.

Voller Entsetzen blickte Jamie auf seine Hand, und dann löste sich etwas in seinem Kopf, als ihm bewusst wurde, dass seine Mutter tatsächlich fort war. Er legte den Kopf in den Nacken und heulte in die Nacht hinaus.

Viele Meilen entfernt, hoch oben in den dunklen Wolken, vernahm etwas seinen Schrei und drehte um.

Jamie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war.

Er konnte nicht im Schlafzimmer seiner Mutter bleiben, konnte das Blut nicht länger ansehen, das sich so grauenvoll rot von der weißen Farbe der Fensterbank und vom Glas der Scheibe abhob. Irgendwie kehrte er zurück ins Wohnzimmer. Er saß auf dem Sofa und starrte mit leerem Blick an die Wand, als jemand durch die Haustür trat und sie leise hinter sich schloss.

Jamie war über den Punkt hinaus, an dem er noch Angst empfunden hätte. Er war wie betäubt. Teilnahmslos verfolgte er, wie der große, hagere Mann in dem grauen Anzug ins Wohnzimmer kam und ihn angrinste. Seine Zähne waren scharf wie Rasiermesser, und seine Augen leuchteten rot im Dämmerlicht.

»Jamie Carpenter«, sagte der Fremde. Der Klang seiner Stimme war weich wie Honig. »Was für eine Freude, dich endlich persönlich kennenzulernen.«

Der Mann bleckte die Zähne und machte einen Schritt auf Jamie zu – da explodierte die Haustür in einer Wolke aus Sägemehl, und eine riesige Gestalt mit einem gewaltigen Rohr in den Fäusten stand im Eingang zum Wohnzimmer.

»Weg von ihm, Alexandru!«, bellte der Neuankömmling in einem Befehlston, der das ganze Haus erzittern ließ.

Der Hagere in dem grauen Anzug fauchte und machte einen Buckel. »Das geht dich überhaupt nichts an, Monster!«, zischte er. »Hier ist noch eine alte Rechnung offen!«

»Sie wird offen bleiben«, erwiderte der Riese und zog an dem Griff, der unter dem Rohr hing. Es gab einen mächtigen Knall wie von einem riesigen platzenden Luftballon, und etwas Spitzes schoss aus dem Rohr durch den Raum und zog eine dünne Metallschnur hinter sich her.

Alexandru machte einen gewaltigen Satz in die Luft, und das Projektil krachte hinter der Stelle, wo er noch einen Sekundenbruchteil zuvor gestanden hatte, in die Wand, nur um sogleich wieder genauso blitzartig in das Rohr zurückzuschnellen.

Die Kreatur in dem grauen Anzug verharrte in der Luft. Ihre roten Augen blitzten vor mühsam gezügelter Wut. Sie knurrte die Gestalt im Durchgang an, bevor sie mit irrsinniger Geschwindigkeit durch das große Fenster an der Frontseite des Hauses schoss und in den Nachthimmel hinaussprang.

Jamie hatte sich nicht gerührt.

Der Riese rannte zum Fenster und verrenkte den mächtigen Hals in die Richtung, in der das Ding namens Alexandru verschwunden war.

»Er ist weg«, sagte er. »Für den Moment.«

Dann drehte er sich zu Jamie um, und als der seinen Retter zum ersten Mal deutlich sehen konnte, stieß er einen entsetzten Schrei aus.

Der Riese war mindestens zwei Meter zwanzig groß und beinahe genauso breit. Seine Haut war grün-grau meliert. Über der unglaublich hohen, massigen Stirn saß ein dichter Schopf schwarzer Haare. Er trug einen dunklen Anzug und einen langen grauen Mantel. Ein Schlauch lief vom Ende des Rohrs in seiner Hand an seinem Ärmel entlang nach oben und verschwand irgendwo über seiner Schulter.

Der Riese machte einen Schritt auf Jamie zu, und als Angst und Entsetzen bereits anfingen, dessen Bewusstsein abzuschalten, erblickte er noch zwei Metallbolzen, die jeweils rechts und links aus dem Hals des Riesen herausragten. Sein Retter streckte ihm die Hand hin.

»Jamie Carpenter«, sagte er. »Mein Name ist Frankenstein. Ich bin hier, um dir zu helfen.«

Jamies Augen rollten zurück in den Kopf, und süße, leere Dunkelheit umfing ihn.

4

Retter in der Not

Staveley, North Derbyshire
Sechsundfünfzig Minuten zuvor

Matt Browning saß an seinem Computer, als es passierte.

Er arbeitete an einem Essay, einem Vergleich der Reden von Brutus und Marcus Antonius in Shakespeares Julius Cäsar, und tippte eifrig in seinen alten Laptop, als etwas vom Himmel rauschte und in den kleinen Garten hinter dem Reihenhaus krachte, in dem Matt mit seinen Eltern und seiner Schwester wohnte. Fontänen aus Dreck und Gras wirbelten in die Luft.

Matt hörte, wie seine Mutter unten einen erschrockenen Schrei ausstieß und sein Vater sie anfuhr, still zu sein. Im Zimmer nebenan fing Matts kleine Schwester Laura an laut zu weinen, ein hohes, klagendes Heulen, verwirrt und empört zugleich.

Matt speicherte seine Arbeit und stand auf. Er war klein und zierlich für seine sechzehn Jahre, mit braunen Haaren, die ihm wirr in die Stirn hingen und gegen den oberen Rand seiner Brille stießen. Sein Gesicht war blass und beinahe feminin, die Züge weich und wenig markant. Er trug sein dunkelrotes Lieblings-T-Shirt mit dem Harvard-Logo und dazu eine dunkelbraune Cordhose. Matt schob die Füße in ein paar dunkelblaue Vans, bevor er hastig über den Flur zum Zimmer seiner kleinen Schwester lief.

Laura lag in ihrem Bettchen, das Gesicht vor Empörung gerötet, die Augen fest zugekniffen, der Mund ein perfekter Kreis. Matt bückte sich und hob sie hoch, wiegte sie an der Brust und redete mit sanften, leisen Worten beruhigend auf sie ein. Einen wundervollen Augenblick lang herrschte Stille, während sie tief Luft holte, dann setzten die Schreie genauso vehement wieder ein. Matt durchquerte das Zimmer, öffnete die Tür und stieg die Treppe hinunter.

In der Küche im hinteren Teil des Hauses war seine Mutter völlig außer sich. Sie lief in ihrem hellen Schlafrock und den blauen Pantoffeln zwischen den beiden Fenstern über dem Spülbecken hin und her, spähte immer wieder hinaus in den dunklen Garten und bat ihren Mann zum wiederholten Mal, endlich die Polizei zu rufen.

Greg Browning stand unsicher schwankend mitten im Raum, eine Hand an die Stirn gepresst, in der anderen eine Dose Bier. Als Matt die Küche betrat, drehte er sich um. »Sorg dafür, dass deine Schwester endlich still ist, hörst du?«, brummte Matts Vater. »Ich krieg Kopfschmerzen von diesem Geschrei!« Dann wandte er sich wieder zu seiner Frau um. »Könntest du mal aufhören mit deinem Gekeife und das verdammte Baby nehmen?«, sagte er mit zunehmend lauter werdender Stimme.

Hastig nahm Matts Mutter ihrem Sohn das kleine Mädchen aus den Armen und setzte sich mit ihr an den Tisch.

»Hol deiner Mutter das Telefon!«

Matt zog das Telefon aus der Wandhalterung neben der Tür und reichte es seiner Mutter, die es mit verwirrter Miene entgegennahm.

»Jetzt kannst du die Polizei anrufen. Matt und ich gehen in den Garten und sehen uns mal um.«

»Nein, Greg! Du solltest nicht …«

»Was sollte ich nicht?«

Matts Mutter schluckte. »Ich meine, bitte geh nicht da raus, ja? Bitte, Greg.«

»Halt einfach den verdammten Mund, okay, Lynne? Los, Matt, gehen wir.«

Greg Browning öffnete die Tür in den Garten und hielt inne, um zu lauschen. Matt durchquerte die Küche und blieb hinter ihm stehen, um über die Schulter seines Vaters nach draußen in den dunkler werdenden Himmel zu spähen.

Im Garten war alles ruhig. Nichts rührte sich in der kühlen Abendluft.

Matts Vater nahm eine Taschenlampe aus dem Regal neben der Tür, schaltete sie ein und trat hinaus auf die kleine Terrasse vor den Küchenfenstern. Matt folgte ihm, während seine Blicke unablässig den Garten nach dem Ding absuchten, das vor seinem Fenster vom Himmel gefallen war. Drinnen versuchte seine Mutter am Telefon, der Polizei zu erklären, was geschehen war.

Matts Vater leuchtete mit der Taschenlampe in weitem Bogen über die den Rasen säumenden Blumenbeete. Der Strahl streifte etwas Helles.

»Da drüben!«, flüsterte Matt. »Im Blumenbeet!«

»Bleib hier.«

Matt wartete auf der Terrasse, während sein Vater sich der Stelle vorsichtig näherte. Unvermittelt blieb er stehen und holte erschrocken Luft.

»Was ist denn?«, fragte Matt.

Keine Antwort. Greg Browning stand wie angewurzelt da und starrte hinunter ins Blumenbeet.

»Dad? Was ist?«

Schließlich drehte Greg sich um und schaute seinen Sohn mit weit aufgerissenen Augen an. »Es ist ein Mädchen«, sagte er schließlich. »So alt wie du.«

»Was?«

»Komm selbst und sieh es dir an.«

Matt überquerte den Rasen und sah hinunter in das unkrautübersäte Beet.

Das Mädchen lag auf dem Rücken, von der Wucht des Aufpralls war sie halb im Boden versunken. Ihr blasses Gesicht war blutverschmiert, Augen und Mund grotesk angeschwollen. Die schwarzen, von Schmutz und Blut verklebten Haare lagen um ihren Kopf wie ein dunkler Heiligenschein. Ihr linker Arm war offensichtlich gebrochen, denn der Unterarm stand in einem unnatürlichen Winkel vom Ellbogen ab. Das hellgraue Hemd war durchnässt von Blut, und Matt bemerkte voller Entsetzen, dass sie ein klaffendes Loch im Bauch hatte. Er sah nass glitzerndes Rot und Violett und wandte den Blick ab.

»Sieht aus, als hätte jemand versucht sie aufzuschlitzen«, sagte Matts Vater leise.

»Was ist, Greg?«, rief Matts Mutter von der Küchentür her. »Habt ihr was gefunden?«

»Halt den Mund, Lynne«, antwortete Greg Browning automatisch, doch seine Stimme war leise und klang ausnahmsweise einmal nicht verärgert.

Er hat Angst!, dachte Matt und ging neben dem Mädchen in die Hocke. Trotz der Schwellungen in ihrem Gesicht konnte er sehen, dass sie sehr schön war, mit einer hellen, beinahe durchsichtig schimmernden Haut und dunklen, einladenden Lippen.

Hinter ihm murmelte sein Vater irgendetwas Unverständliches, während er zum Himmel hinaufsah, dann zum Boden und wieder nach oben und nach einer Erklärung suchte, wieso dieses Mädchen in seinen Garten hatte fallen können.

Matt legte eine Hand auf die kühle Haut ihres Halses und tastete nach dem Puls, obwohl er wusste, dass er keinen finden würde.

Wer hat dir das nur angetan?, fragte er stumm.

In diesem Moment öffnete sie das geschwollene rechte Auge und sah ihn direkt an. Matt schrie auf.

»Sie lebt!«, rief er.

»Blödsinn!«, entgegnete sein Vater. »Sie ist …«

Das Mädchen hustete, ein tiefes, röchelndes, nasses Geräusch, das neue Blutströme über ihr Kinn sandte. Sie drehte den Kopf zu Matt und sagte etwas, das er nicht verstand.

»Mein Gott!«, keuchte Matts Vater.

Matt richtete sich aus der Hocke wieder auf, stellte sich neben ihn und blickte hinunter auf das verletzte Mädchen, das den Kopf langsam von einer Seite zur anderen bewegte und vor Schmerzen das Gesicht verzog.

»Wir müssen etwas unternehmen«, sagte Matt. »Wir können sie nicht einfach so da liegen lassen.«

Sein Vater sah ihn ärgerlich an. »Und was sollen wir deiner Meinung nach tun?«, rief er wütend. »Die Polizei ist auf dem Weg. Sollen die sich darum kümmern. Am besten fassen wir sie gar nicht erst an.«

»Aber Dad …«

Greg Browning hob wutentbrannt die Faust und näherte sich drohend seinem Sohn, sodass Matt mit abwehrend erhobenen Händen zurückwich.

»Du hältst besser den Mund, wenn du weißt, was gut ist für dich!«, knurrte sein Vater und senkte die Faust.

Matt starrte ihn an. Seine Wangen waren rot vor Scham und Ohnmacht, doch in ihm brannte der Hass. Er öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, irgendetwas, als plötzlich ohrenbetäubender Lärm die Nachtluft erfüllte und ein schwarzer Helikopter über den Bäumen ihres Vorstadtgartens erschien.

Matt hob schützend die Hände und bemühte sich stehen zu bleiben, während die Rotoren des Helikopters Dreck und Staub im Garten aufwirbelten. Er konnte seinen Vater etwas rufen sehen, doch der Lärm war so gewaltig, dass er kein Wort verstand. Er reckte den Hals, schirmte die Augen mit den Händen ab und beobachtete, wie der Helikopter hinter dem Dach ihres Hauses verschwand.

Dann drehte er sich um und rannte zum Haus, an seiner Mutter vorbei, die reglos in der Küchentür stand, durch die Küche und den schmalen Flur zur Vordertür.

Hinter sich hörte er seinen Vater rufen, doch er verlangsamte sein Tempo nicht. Er riss die Haustür auf, gerade als der Helikopter mit wirbelnden Rotoren auf dem grauen Asphalt der Straße landete.

Jetzt tauchte auch Greg Browning hinter ihm im Hausflur auf. Er packte seinen Sohn bei der Schulter und wirbelte ihn zu sich herum. »Was zur Hölle glaubst du eigentlich …«

Doch als sein Blick nach draußen auf die Straße fiel, verstummte er. Matt drehte sich um und sah die Luke an der Seite des Helikopters aufgleiten und vier Gestalten heraussteigen.

Die beiden ersten waren ganz in Schwarz gekleidet und sahen aus wie Bereitschaftspolizisten im Einsatz gegen eine Gruppe Randalierer. Ihre Uniformen waren mit Kunststoffplatten gepanzert, die Gesichter unter schwarzen Helmen mit roten Visieren verborgen.

Allerdings hielten sie im Gegensatz zu Bereitschaftspolizisten Maschinenpistolen in den Händen.

Hinter ihnen folgten ein Mann und eine Frau in weißen ABC-Schutzanzügen. Ihre Gesichter waren hinter den großen Glasscheiben der Helme deutlich zu erkennen. Sie trugen eine weiße Trage.

Im Laufschritt näherten sich die vier Matt und seinem Vater. Soldaten, sie sehen aus wie Soldaten, dachte Matt. Der Erste blieb vor ihnen stehen.

»Haben Sie den Notruf abgesetzt?«, fragte er. Seine Stimme klang, als wäre er nicht viel älter Matt.

Weder Matt noch sein Vater antworteten.

Der Soldat trat einen Schritt vor. »Wurde aus diesem Haus ein Notruf abgesetzt?«, wiederholte er seine Frage.

Matt nickte schüchtern.

Der Mann in Schwarz drehte sich um und winkte die drei anderen zu sich, dann schob er sich an Matt und Greg Browning vorbei und verschwand im Flur. Die restlichen Neuankömmlinge folgten ihm, und Matt blieb mit seinem Vater allein zurück. Fassungslos standen sie da und starrten zu dem wartenden Helikopter. Erst als Matts Mutter anfing zu schreien, drehten sie sich um und rannten zurück ins Haus.

Sie fanden sie in der Küche, Matts kleine Schwester in den Armen. Beide schrien unisono. Greg lief zu seiner Frau und nahm sie in den Arm, flüsterte ihr zu, dass alles in Ordnung wäre und dass sie aufhören sollte zu weinen. Matt wandte sich ab und ging in den Garten.

Die beiden Soldaten standen rechts und links von dem Mädchen, die Waffen an den Schultern, mit der Mündung nach oben. Der Mann und die Frau in den Schutzanzügen knieten am Boden und untersuchten die Verletzte.

Matt wollte zu ihnen, doch bevor er nah genug herankommen konnte, um zu sehen, was sie machten, vertrat ihm einer der beiden Soldaten den Weg. Er zielte mit der schwarzen Maschinenpistole auf Matts Brust, und Matt blieb wie angewurzelt stehen.

»Bitte bleiben Sie, wo Sie sind, Sir«, sagte der Soldat. »Zu Ihrer eigenen Sicherheit.«

»Was geht hier vor?«, fragte eine leise Stimme hinter Matt. Er war zu eingeschüchtert, um sich zu bewegen, warf nur einen Blick über seine Schulter und erblickte seinen Vater auf der schmalen Terrasse vor den Küchenfenstern. Greg Browning sah aus, als hätte jemand die Luft aus ihm herausgelassen.

»Nehmen Sie Ihren Sohn mit ins Haus, Sir«, befahl der Soldat.

»Ich will wissen, was hier vorgeht!«, beharrte Matts Vater. »Wer sind Sie überhaupt?«

»Ich sage das nicht noch einmal, Sir«, entgegnete der Soldat. Er klang, als wäre er am Ende seiner Geduld. »Nehmen Sie Ihren Sohn, und gehen Sie ins Haus. Sofort.«

Greg Browning sah aus, als wollte er widersprechen, doch dann überlegte er es sich anders.

»Komm mit rein, Matt«, sagte er schließlich.

Matt sah von seinem Vater zu dem Soldaten, der mit der Maschinenpistole auf seine Brust zielte. Hinter ihm sah er den zweiten Soldaten und die beiden Personen im Schutzanzug, die ihn aufmerksam beobachteten. Er wollte sich gerade abwenden und tun, was sein Vater von ihm verlangte, als das Mädchen im Blumenbeet den Kopf hob und den Mann im weißen Schutzanzug in den Arm biss.

Im nächsten Augenblick brach die Hölle los.

Der Mann schrie auf und riss seinen Arm aus dem Mund des Mädchens. Blut spritzte aus dem ausgefransten Loch des Plastikmaterials und landete auf dem Rasen.

Der zweite Soldat riss seine Maschinenpistole herum, und der schwere Lauf der Waffe krachte gegen das Kinn des Mädchens. Sie sank in sich zusammen und rührte sich nicht mehr.

Der Soldat, der Matt aufgehalten hatte, senkte den Lauf seiner Maschinenpistole und drehte sich zu seinen drei Kameraden um. »Wie schlimm ist es?«, rief er.

Die Frau im Schutzanzug kniete neben ihrem Partner und untersuchte die Wunde. Beim Klang der Stimme sah sie zu dem Soldaten hoch. »Ziemlich schlimm«, sagte sie. »Wir müssen ihn sofort von hier wegschaffen.«

»Packen Sie das Subjekt ein«, befahl der Soldat. »Schnell.«

»Dazu ist keine Zeit. Er braucht sauberes Blut, sofort.«

»Er wird sein sauberes Blut bekommen. Packen Sie das Subjekt ein.«

Einen Moment lang starrte die Frau den Soldaten aufsässig an, dann wandte sie sich von ihrem Kollegen ab und legte die weiße Trage flach auf den Rasen. »Helfen Sie mir«, sagte sie zu dem anderen Soldaten.

Der Mann kauerte nieder und packte das Mädchen unter den Schultern, um es aus dem Blumenbeet zu ziehen. Matt gab ein erschrockenes Ächzen von sich, als er die Verletzungen ihrer unteren Körperhälfte sah.

Beide Beine waren in der Mitte der Oberschenkel gebrochen, und die Knochen hatten ihren blutgetränkten schwarzen Rock durchbohrt. Ihr linker Fuß war am Knöchel völlig verdreht, und am rechten fehlten drei Zehen. Die roten Stummel waren im schwachen Licht deutlich zu erkennen.

Matt rannte zu dem Mädchen. Er wusste nicht, was er tun sollte, nur, dass er irgendetwas tun musste. Er hörte seinen Vater rufen, doch er ignorierte ihn. Der Soldat, der das Mädchen mit seiner Waffe niedergeschlagen hatte, drehte den Kopf und sah ihn kommen. Er stieß einen Warnruf aus und wollte sich ihm in den Weg stellen, doch er war nicht schnell genug. Matt rutschte auf den Knien bis zu dem verletzten Mädchen und sah die Frau in dem Schutzanzug fragend an. »Kann ich irgendwie hel…«

In diesem Moment schnellte der Arm des Mädchens nach oben, und ihre Fingernägel glitten über Matts Kehle. Matt spürte, wie seine Haut den Nägeln für eine Millisekunde widerstand, bevor diese sich in sein Fleisch gruben. Eine gewaltige Fontäne von etwas Rotem spritzte in die nächtliche Luft und sprudelte über sein Kinn und seine Brust.

Er spürte keinen Schmerz, nur Überraschung und eine überwältigende Müdigkeit. Er starrte auf die dunkle Flüssigkeit, die immer noch in die Luft spritzte, und erst als er langsam hintenüber ins Gras sank, dämmerte ihm, dass es sein eigenes Blut war. In platschenden Tropfen landete es auf seinem Gesicht, und als sich seine Augen schlossen, spürte er, wie sich Hände auf seinen Hals pressten, und er hörte einen der Soldaten zu seinem Vater sagen, dass so etwas noch niemals zuvor geschehen war.

5

In die Dunkelheit

Jamie Carpenter träumte von seinem Vater.

Als Jamie zehn Jahre alt war, kam sein Dad eines Tages von der Arbeit, die Hand unter dem Mantel verborgen, und verschwand nach oben, ohne seinen Sohn zu begrüßen. Seine Mum war damals in Surrey, um ihre Schwester zu besuchen. Nach einer kurzen Weile folgte Jamie seinem Vater die Treppe hinauf, ganz leise und auf Zehenspitzen.

Durch die halb offene Badezimmertür sah er, wie sein Vater seine rechte Hand ins Waschbecken hielt. Auf dem weißen Porzellan und auf dem Spiegel waren frische Blutflecken.

Jamie schlich über den Treppenabsatz. Sein Dad ließ heißes Wasser über die Hand laufen und verzog vor Schmerz das Gesicht. Als er den Wasserhahn zudrehte und nach einem Handtuch griff, konnte Jamie seinen Arm sehen. Ein langer blutiger Schnitt zog sich vom Handgelenk bis zum Ellbogen, und in der Mitte ragte etwas Dunkles hervor, das sich schmutzig braun gegen das restliche Fleisch absetzte.

Sein Dad tupfte das Blut ab und griff langsam und vorsichtig in die Wunde. Mit zusammengebissenen Zähnen zog er das dunkle Ding aus seinem Arm. Er stieß ein dumpfes Grunzen aus, als es sich schließlich löste. Jamie starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Geschehen. Das Gebilde sah aus wie eine Kralle, ein überdimensionaler Fingernagel, drei Zentimeter lang, gekrümmt und messerscharf. Am dicken Ende hing ein ausgefranster Klumpen Fleisch, der im hellen Licht der Badezimmerbeleuchtung weiß glänzte.

Jamie schnappte erschrocken nach Luft, und sein Dad wirbelte herum. Der Junge stand stocksteif da, sprachlos. Sein Dad öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, doch dann trat er die Badezimmertür zu, und Jamie stand allein auf dem dunklen Treppenabsatz.

Langsam kam Jamie wieder zu sich. Irgendwo hinter ihm brummte ein lauter Motor, und dicht vor seinem Kopf hörte er das Geräusch von Regen, der gegen eine Scheibe prasselte. Vorsichtig öffnete er die Augen und stellte fest, dass er in einem Auto saß und durchs Fenster hinaus in einen dunklen Wald sah. Sie fuhren so schnell, dass die Bäume nur als verschwommene Schatten an ihnen vorbeirauschten, und es regnete in Strömen.

Er sah zur Fahrerseite hinüber und schrie auf. Instinktiv griff er nach dem Türöffner und riss daran, ohne Rücksicht darauf, was mit ihm passieren würde, wenn er aus dem fahrenden Wagen sprang. Er musste einfach nur raus hier, weg von diesem Monster hinter dem Lenkrad.

»Bemüh dich nicht«, sagte das Monster mit einer Stimme, die das Motorengeräusch mühelos übertönte. »Sie ist verschlossen.«

Jamie presste sich gegen die Tür.

Auf dem Sitz neben ihm saß Frankensteins Monster.

Das ist ein Traum, oder? Das kann nicht real sein. Ich muss träumen.

»Es ist unhöflich, jemanden so anzustarren«, sagte das Monster, und Jamie meinte, eine Spur von Belustigung in der dröhnenden Granitstimme zu entdecken.

»Wer sind Sie?«, brachte er hervor, während sein Verstand schrie: Rede nicht mit ihm! Bist du bescheuert? Halt die Klappe!

»Mein Name ist Victor Frankenstein. Ich habe mich dir bereits vorgestellt, aber ich nehme an, du erinnerst dich nicht?«

Jamie schüttelte den Kopf, und Frankenstein grunzte.

»Dachte ich mir. Gut, dass ich die Wagentüren verriegelt habe.« Er lachte, und es klang wie ein lang gezogenes Donnergrollen. »Ich darf dir nicht alles erzählen«, sagte er dann. »Nur so viel: Ich bringe dich an einen Ort, an dem du sicherer bist. Mein Vorgesetzter wird dir mehr erzählen, sollte er es für notwendig erachten.«

»Wer ist Ihr Vorgesetzter?«, fragte Jamie.

Keine Antwort.

»Ich habe Ihnen eine Frage gestellt«, wiederholte Jamie lauter. »Haben Sie mich nicht verstanden?«

Frankenstein drehte seinen riesigen Schädel und sah Jamie an. »Ich habe dich sehr wohl verstanden«, sagte er. »Aber ich habe nicht vor, die Frage zu beantworten.«

Jamie fuhr zusammen, als das Bild vom Blut auf der Fensterbank vor seinem geistigen Auge erschien. Und dann erinnerte er sich an alles. »Meine Mutter«, rief er mit weit aufgerissenen Augen. »Wir müssen zurück und sie holen!«

Frankenstein bedachte ihn mit einem ernsten Blick. »Wir können nicht zurück. Sie ist nicht mehr da. Du weißt das.«

Jamie kramte sein Handy aus der Tasche und ging die Kontakte durch, bis er die Nummer seiner Mutter gefunden hatte. Dann drückte er den grünen Knopf und hielt das Gerät an sein Ohr.

Nichts geschah.

Er nahm das Telefon vom Ohr und betrachtete das leuchtende Display. Das Netzlogo, das üblicherweise in der Mitte prangte, war verschwunden – genau wie der Balken, der die Signalstärke anzeigte.

»Telefone funktionieren hier nicht«, sagte Frankenstein.

Jamie rüttelte erneut am Türgriff, zerrte daran, bis das Plastik sich unter seinen Fingern verbog.

»Hör sofort auf damit!«, brüllte Frankenstein. »Wenn ich dich vom Asphalt aufkratzen muss, kannst du ihr bestimmt nicht mehr helfen!«

Jamie wandte sich zu dem Monster. Seine Augen blitzten. »Halten Sie an!«, rief er. »Halten Sie sofort an! Ich muss zurück! Ich muss meiner Mum helfen!«

Der Wagen fuhr mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, doch der riesige Mann hinter dem Steuer sah Jamie eindringlich an. »Deine Mutter ist weg«, sagte er leise. »Du kannst mir glauben oder auch nicht, wenn ich dir sage, dass ich diese Tatsache beinahe genauso betrüblich finde wie du selbst, doch es ändert nichts an den Fakten. Sie ist weg. Und im Dunkeln herumzurennen bringt sie nicht zurück.«

Jamie starrte ärgerlich auf die Bolzen im Hals des Riesen, und nicht zum ersten Mal plapperte er drauflos, bevor sein Gehirn so weit war. »Ich dachte, Frankenstein wäre der Schöpfer, nicht das Monster«, murmelte er.

Die Reifen des Wagens blockierten und quietschten, als Frankenstein fest auf die Bremse trat, und sie kamen rutschend zum Stehen. Der Riese atmete tief und geräuschvoll durch. »Victor Frankenstein hat mich erschaffen«, sagte er eisig. »Und eine Zeit lang war ich tatsächlich ein Monster. Doch als Frankenstein starb, habe ich seinen Namen angenommen. Um sein Andenken zu ehren. Hast du noch mehr impertinente Fragen, oder bist du fertig? Kann ich uns jetzt in Sicherheit bringen?«

Jamie nickte. »Tut mir leid«, sagte er leise.

Frankenstein antwortete nicht.

»Ich sagte, es tut mir leid.«

»Hab ich gehört«, brummte das Monster. »Ich nehme deine Entschuldigung an, wie ich die Tatsache akzeptiere, dass du in Sorge um deine Mutter bist, und Sorge bringt Leute dazu, unkluge Dinge zu sagen. Und du musst akzeptieren, dass ich deine Sorge um Marie teile und dass ich dich zu den einzigen Leuten im ganzen Land bringe, die vielleicht imstande sind, sie zurückzuholen. Und vor allem solltest du begreifen, dass du jetzt besser die Klappe hältst. Ich muss mich aufs Fahren konzentrieren.«

Jamie wandte sich ab und starrte auf die Straße, die sich durch den stillen Wald schlängelte. Der prasselnde Regen ließ die Silhouetten der dicht stehenden Bäume verschwimmen, und die Scheinwerfer erhellten nur wenig mehr als die Straße direkt vor ihnen, ein einspuriges Band aus Asphalt, das merkwürdig gut erhalten aussah in dieser abgelegenen Gegend tief in den Wäldern.

Alle paar Minuten sah er zu dem Mann auf dem Fahrersitz hinüber. Frankensteins Blick ruhte unverwandt auf der Straße, und er sah Jamie kein einziges Mal mehr an.

Der Wald rings um sie herum schien immer dichter zu werden. Jamie beugte sich vor und reckte den Hals; der Nachthimmel war nicht mehr zu sehen. Die Bäume ragten von beiden Seiten über die Straße und bildeten ein undurchdringliches Dach aus Zweigen und Blättern.

Die sind nicht einfach so gewachsen. Das ist ein Tunnel. Ein von Menschen gemachter Tunnel.

Der Wagen bog um eine scharfe Kurve, und Jamie schnappte nach Luft.

Sie standen vor einem riesigen dunkelgrünen Tor, das sich über die gesamte Straßenbreite erstreckte und oben im Blätterdach verschwand, sodass nirgendwo ein Ende zu erkennen war. In der Mitte des Tores hing ein riesiges weißes Schild, angestrahlt von einer Neonröhre. Regen prasselte auf die Lampe und warf bewegte Schatten über das Schild, auf dem in leuchtend roter Schrift fünf Zeilen standen:

VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM
SPERRGEBIET
BETRETEN STRENGSTENS VERBOTEN
ZUWIDERHANDLUNGEN WERDEN
MIT ALLER HÄRTE VERFOLGT

Geschmeidig und vollkommen lautlos glitt das riesige Tor auf. Dahinter herrschte tiefste Dunkelheit.

Wenige Augenblicke später hallte eine künstliche Stimme durch den Regen. »Dies ist ein Sperrgebiet. Bitte bringen Sie Ihr Fahrzeug zur Autorisierung.«

Frankenstein ließ den Wagen langsam vorrollen, und für einen kurzen Moment wurde Jamie von Panik erfasst.

Fahr nicht da rein! Bring mich nach Hause! Ich will zurück nach Hause!

Das Tor glitt hinter dem Wagen zu und sperrte auch das letzte schwache Licht aus den Wäldern aus.

»Legen Sie den Leerlauf ein«, befahl die Stimme, und Frankenstein tat wie geheißen.

Unter dem Wagen erwachte surrend eine Maschinerie, und sie begannen sich zu bewegen. Jamie konnte nicht sagen, wie weit sie gefahren waren, als der Wagen wieder zum Stehen kam und von einer Wolke aus weißem Gas eingehüllt wurde, das mit einem ohrenbetäubenden Zischen aus Düsen unter ihnen strömte.

Instinktiv streckte Jamie die Hand aus und packte Frankensteins Arm. »Was ist das?«, kreischte er.

»Ein Spektroskop«, erwiderte Frankenstein. »Es detektiert die Dämpfe, die Sprengstoffe absondern, und stellt sicher, dass uns niemand eine Bombe untergeschoben hat.«

Behutsam nahm er Jamies Hand vom Ärmel seines Mantels und legte sie zurück in den Schoß des Jungen.

Die künstliche Stimme meldete sich erneut. »Bitte nennen Sie die Namen und Designierungen sämtlicher Insassen.«

Frankenstein kurbelte das Fahrerfenster herunter und sprach laut und deutlich in die Dunkelheit. »Frankenstein, Victor. NS302–45D. Carpenter, Jamie. Keine Designierung.«

Zwei Scheinwerfer flammten auf und tauchten den Wagen in grelles weißes Licht.

»Nicht designierte Personen haben keinen Zutritt zu dieser Einrichtung«, sagte die künstliche Stimme.

Diesmal brüllte Frankenstein durch das Fenster zurück. »Die nicht designierte Person ist hier auf Anordnung von Seward, Henry, NS303–27A.«

Eine lange, bedeutungsvolle Pause entstand. »Freigabe erteilt«, sagte die Stimme dann. »Sie dürfen weiterfahren.«

Die Scheinwerfer erloschen, wichen einem wärmeren Licht, und Jamie riss staunend die Augen auf. Sie befanden sich in einem Tunnel von mindestens fünfzig Metern Länge und zehn Metern Breite. Der größte Teil der Grundfläche wurde von einem dunkelgrauen Laufband eingenommen, in dessen Mitte der Wagen stand. Zwei betonierte weiße Gehwege zogen sich an den Seiten entlang. Die Wände waren bis hinauf zur Decke, die mindestens sechs Meter hoch sein musste, in makellosem Weiß gestrichen. Wo Wände und Decke sich trafen, strahlten zahllose Lichter hinunter auf das Band. Jamie sah Reihen gewöhnlicher Scheinwerfer ebenso wie geheimnisvolle Boxen mit purpurnen Linsen.

Frankenstein atmete hörbar aus, was den Innenraum mit warmer Luft erfüllte, dann legte er den Gang ein und ließ den Wagen wieder anrollen. Sie fuhren auf die vor ihnen liegende Wand zu. Dort angekommen, glitt ein weiteres Tor auf, genauso lautlos wie das erste, und als sie hindurchfuhren, erhaschte Jamie den ersten Blick auf eine Welt, von deren Existenz nur sehr wenige Menschen wussten.

Der Wagen wurde in violettes und gelbes Licht getaucht, was eine eigenartige, zugleich warme und kalte Atmosphäre schuf. Ein Stück vor ihnen, am Ende eines Asphaltstreifens, der alle fünf Meter von Lampen erhellt wurde, erhob sich eine weite, niedrige graue Kuppel wie der sichtbare Teil eines halb in der Erde vergrabenen Balls. Auf der linken Seite und weithin zur Rechten drehten sich zwei riesige rot-weiß gestreifte Radarschüsseln langsam auf flachen grauen Gebäuden. Dahinter erstreckte sich eine Start- und Landebahn. Blinkende Lichter zogen sich über die gesamte Länge. Auf der Landebahn und halb verborgen hinter der grauen Kuppel stand ein weißes Passagierflugzeug mit einem roten Streifen, der sich über die gesamte Länge des Rumpfes zog. Jamie beobachtete, wie ein stetiger Strom von Männern und Frauen in ziviler Kleidung hinter der Kuppel zum Vorschein kam und über eine Gangway im Innern des Flugzeugs verschwand. Gemurmel und Gelächter hallten durch die stille nächtliche Luft.

Frankenstein gab vorsichtig Gas, und der Wagen rollte langsam vorwärts. Jamie drehte sich noch einmal um und sah auf den Tunnel, aus dem sie gekommen waren. Soeben glitt das Tor zurück an seinen Platz, doch was er rechts und links davon erblickte, ließ ihn erschrocken nach Luft schnappen. Von der Fahrbahn, über die sie jetzt langsam rollten, zweigte eine Straße ab, führte zurück zum Tunnel und verlief dann parallel zu dessen Außenseite, die in einem nichtssagenden Grau gehalten war. Fünfzehn Meter, bevor der Tunnel zwischen den Bäumen verschwand, beschrieb die Straße einen langen, flachen Bogen und zog sich an einem riesigen Metallzaun entlang. Jamie riss die Augen auf.

»Warten Sie!«, rief er. »Halten Sie an. Ich will mir das ansehen.«

Frankenstein grunzte und bedachte ihn mit einem ärgerlichen Blick, doch er hielt an. Jamie stieß die Tür auf und stieg aus. Er hörte, wie Frankenstein hinter ihm ebenfalls ausstieg und neben ihn trat. In seinem Kopf drehte sich alles, während er versuchte zu begreifen, was seine Augen da sahen.

Der innere Zaun war mindestens fünfzehn Meter hoch. Er bestand aus einem dicken Metallgeflecht, mit einer Krone aus rasiermesserscharfem UN-Draht. Alle hundert Meter gab es Wachtürme, metallene Boxen auf stabil aussehenden Säulen. Das Innere der Boxen war unbeleuchtet, doch in der Vordersten bemerkte Jamie Bewegung. Er blickte zum nächsten Turm, hundert Meter weiter, und zum übernächsten und überübernächsten. Der Zaun erstreckte sich anscheinend in einem riesigen Kreis um das gesamte Areal. Weit hinter der Startbahn, jenseits einer Reihe niedriger einfacher Gebäude, verschwand er außer Sicht. Jamie drehte sich langsam um seine eigene Achse, während er seine Umgebung in sich aufnahm.

Jenseits der niedrigen Gebäude war die Sicht durch die graue Kuppel versperrt. Weiter zur Rechten stand ein großes Gebäude direkt an der Startbahn. Die riesigen Metalltore waren geschlossen. Dahinter kam der Zaun wieder in Sicht, mit den gleichmäßig verteilten Wachtürmen entlang der endlos erscheinenden Außengrenze. Jamie drehte sich weiter und ignorierte Frankenstein, der ihn mit einer gewissen Verwirrung musterte. Die Straße entlang der Innenseite des Zauns verlief bis zum Tunnel, wo sie genau wie auf der anderen Seite in einer weiten Kurve in die zentrale Fahrbahn einmündete – keine zwanzig Meter von der Stelle entfernt, an der Jamie stand.

Außerhalb des Zauns befand sich eine weite gerodete Fläche, die in wirrem Zickzack von Hunderttausenden roter Laserstrahlen durchzogen war. Die Komplexität des Musters hätte den größten Juwelendieb der Welt zum Weinen gebracht. An diesen Streifen Niemandsland schloss sich ein zweiter, äußerer Zaun an, der beinahe so hoch war wie der erste, und dahinter lag der Wald, eine Wand aus Ästen, Zweigen und Blättern, die sich in einem gleichmäßigen Abstand von fünf Metern vor dem Zaun entlangzog. Jeder Quadratmillimeter dazwischen wurde von schwarzen Projektoren, die in gleichmäßigen Abständen am Zaun aufgehängt waren, in grelles ultraviolettes Licht getaucht.

Aufregung erfasste Jamie, als sein Verstand zu verarbeiten versuchte, was er da sah.

Was ist das für ein Ort? Warum gibt es hier so viele Zäune und so viele Lichter und Wachtürme? Wen oder was wollen sie damit abhalten?

Als seine Augen sich an die grelle rote und violette Beleuchtung gewöhnt hatten, sah er, dass zwischen dem flackernden Zickzack aus Laserstrahlen gigantische Projektoren standen, die zum Himmel hinaufzeigten. Als er nach oben schaute, fiel ihm die Kinnlade herunter. »Ach du lieber Himmel …!«, flüsterte er.

Die Projektoren sandten kein sichtbares Licht aus, doch ihr Zweck wurde offensichtlich, sobald er den Kopf in den Nacken legte. Über ihm schimmerte ein gewaltiges Blätterdach im Nachthimmel, das sich scheinbar nahtlos vom Rand des Waldes über die gesamte Basis erstreckte, was immer dies für eine Basis sein mochte. Von unten betrachtet war das Bild flach, zweidimensional, leicht durchscheinend wie ein Ölfilm auf einer Wasserpfütze, doch er konnte unregelmäßige Schatten und Formen auf der Oberseite ausmachen. Der Effekt war verwirrend.

»Was ist das?«, fragte er voller Staunen.

»Ein Hologramm«, antwortete Frankenstein. »Es hält neugierige Blicke ab.«

Jamie unterdrückte den Drang zu fragen, wessen neugierige Blicke, und erkundigte sich stattdessen, wie es funktionierte.

»Über der Basis liegt ein Feld aus reflektierenden Partikeln. Die Projektoren erzeugen von der Unterseite her ein bewegtes Bild.«

»Wie ein riesiger Filmprojektor?«

Frankenstein lachte. Es war ein eigenartiges, bellendes Geräusch, das nicht so klang, als lachte er häufiger.

»Etwas in der Art«, antwortete er. »Von oben betrachtet sieht man nichts als Wald. Hast du jetzt genug gesehen?«

Jamie hatte nicht genug gesehen – nicht annähernd, doch er bejahte die Frage seines Begleiters, denn er wusste, dass der Riese ein Ja hören wollte.

»Gut«, sagte Frankenstein nicht unfreundlich und stieg wieder in den Wagen. Jamie folgte seinem Beispiel, und sie fuhren los in Richtung der grauen Kuppel.

Vor dem Gebäude standen mehrere Militärfahrzeuge – ein schwerer Transporter mit offener Heckklappe und eine Reihe Jeeps – sowie überraschend viele Zivilfahrzeuge. Zwischen einem der Jeeps und einem Dreier-BMW, der schon bessere Tage gesehen hatte, war ein freier Parkplatz. Frankenstein steuerte den Wagen in die Lücke und stellte den Motor ab. Sie stiegen aus und gingen ein Stück zurück, wo der offene Eingang auf sie wartete.

Frankenstein bedeutete Jamie einzutreten und folgte ihm. Sie standen in einem nichtssagenden weißen Korridor mit einem Wappen hoch oben an der Wand gegenüber.

»Was jetzt?«, fragte Jamie.

»Wir warten«, erwiderte Frankenstein.

Während sie warteten, betrachtete Jamie das Wappen. Über einem weiten Kreis, in dem sechs brennende Fackeln ein schmuckloses Kruzifix umringten, thronten eine Krone und ein Fallgitter. Unter dem Kreis waren drei lateinische Worte eingeschnitzt.

LUX EX TENEBRIS

»Was bedeutet das?«, fragte Jamie und zeigte auf die Inschrift.

»Licht aus der Dunkelheit«, übersetzte Frankenstein. »Es war der Wahlspruch eines großen Mannes.«

»Von wem denn?«

Die Tür glitt geräuschlos hinter ihnen zu, bis sie mit einem dumpfen Schlag und einem hörbaren Klicken einrastete. Ein lautes Surren ertönte wie von rotierenden Zahnrädern, die schwere Gewichte bewegten, dann gab es ein zweites, lauteres und irgendwie unheilverkündendes Klicken. Die Wand auf der gegenüberliegenden Seite glitt zur Seite und gab den Blick auf einen modernen Lift mit Türen aus glänzendem Metall frei.

»Nicht jetzt«, erwiderte Frankenstein und ging den Korridor hinunter. Nach kurzem Zögern folgte Jamie ihm.

Die Liftkabine besaß keine Knöpfe. Sobald sie eingetreten waren, glitten die Türen zu, und es ging nach unten. Das Gefühl war so vertraut und alltäglich – das flaue Gefühl im Magen, das leichte Vibrieren in den Beinen –, dass die unterschwellige Hysterie, die Jamie verspürte, seit das Ding im grauen Mantel sein Haus betreten hatte, in einen Lachkrampf umzukippen drohte. Jamie riss sich zusammen und wartete, dass die Türen sich wieder öffneten.

Bis es so weit war, zermarterte er sich den Kopf, was er wohl als Nächstes sehen würde.

Es war ein Schlafsaal.

Ein langer, breiter Raum mit Reihen von Betten auf beiden Seiten. Die Betten, olivgrüne Laken und Decken, waren makellos gemacht, als hätte noch nie jemand darin geschlafen, und die Metallspinde, die dazwischen standen, glänzten wie neu.

»Was ist das hier? Wo sind wir?«, fragte Jamie Frankenstein.

Das Monster öffnete den Mund zu einer Antwort, doch seine Stimme wurde vom ohrenbetäubenden Geheul einer Sirene übertönt. Jamie presste die Hände auf die Ohren, und als die Sirene kurz verstummte, sah Frankenstein ihn mit besorgtem Gesicht an. »Ich denke, das wirst du gleich herausfinden«, sagte er.

6

Der Lyceum-Vorfall, Teil 1

The Strand, London,
3. Juni 1892

Die Kutsche kam klappernd vor den hohen Säulen des Lyceum-Theaters in der Wellington Street zum Halten. Es nieselte, und der Kutscher hatte den Umhang eng um die Schultern gezogen, während er darauf wartete, dass seine Fahrgäste ausstiegen.

»Bring mir meine Taschen, Bursche, alle beide«, sagte der alte Mann ungeduldig. Er stand auf dem Pflaster der Straße, die breite Krempe seines Hutes tief ins Gesicht gezogen, während er beobachtete, wie sich die Sonne über den Trafalgar Square senkte.

»Jawohl, Sir«, antwortete der Diener und hob einen schwarzen ledernen Arztkoffer sowie eine braune Aktentasche von der Ladefläche der Kutsche.

Das in die Jahre gekommene schwarze Pferd, das sie durch London gezogen hatte, verlagerte sein Gewicht und tänzelte einen Schritt zurück. Es prallte gegen den Diener, der das Gleichgewicht verlor und mit einem Knie auf der Straße landete. Die Aktentasche segelte zu Boden. Ein angespitzter Holzpflock rollte heraus und direkt vor die Füße eines übergewichtigen Mannes in Abendgarderobe. Der Mann bückte sich, wobei er vor Anstrengung grunzte, und hob den Pflock auf. »He, Bursche!«, sagte er in überheblichem, feistem Tonfall. »Pass gefälligst auf, hörst du? Jemand könnte der Länge nach hinfallen, wenn ihm vermaledeite Hölzer vor die Füße rollen.«

Der Diener sammelte die Aktentasche von der Straße und erhob sich. »Es tut mir leid, Sir«, sagte er.

»Das will ich hoffen, Bursche«, entgegnete der Mann und reichte dem Diener den Pflock, während seine gleichermaßen fette Frau über den schneidigen Humor ihres Ehemanns kicherte.

Der Diener sah ihnen hinterher, als sie Richtung The Strand davonwackelten, dann reichte er seinem Herrn, der das Geschehen ungeduldig verfolgt hatte, die beiden Taschen. Dieser nahm sie ohne ein weiteres Wort entgegen, drehte sich um und stieg die Stufen hinauf. Der Diener wartete einen respektvollen Moment, bevor er ihm folgte.

In der prachtvollen Lobby des Theaters angekommen, blickte sich der alte Mann erst einmal um, während er auf den Nachtmanager wartete. Rechts und links führte eine breite, zweigeteilte Treppe nach oben, und die Wände waren gesäumt von Plakaten früherer Produktionen, von denen die meisten das Gesicht des Mannes zeigten, der ihn herbeigerufen hatte: des Schauspielers Henry Irving.

Das attraktive, spitze Gesicht des großen Shakespeare-Darstellers war in ganz London bekannt, genau wie sein wohltönender Bariton. Der alte Mann hatte ihn vor zwei Spielzeiten in Othello gesehen und seine Darbietung als höchst zufriedenstellend in Erinnerung behalten.

»Professor Van Helsing?«

Der alte Mann schrak aus seinen Träumereien und musterte den beleibten, rotgesichtigen Kerl, der nun vor ihm stand. »Das ist richtig«, sagte er. »Und Sie sind Mr. Stoker, nehme ich an?«

»Jawohl, Sir«, antwortete der Mann. »Ich bin der Nachtmanager des Lyceums. Gehe ich recht in der Annahme, dass Mr. Irving bereits erklärt hat, warum er Ihr Kommen für erforderlich hält?«

»In seiner Nachricht stand, dass ein Revuemädchen verschwunden sei, dass er befürchte, es könne nicht alles mit rechten Dingen zugehen und dass ich möglicherweise über ein wenig Erfahrung mit den fraglichen Dingen verfüge.«

»Ganz recht, Sir«, sagte Stoker. »Aber es ist nicht irgendein Revuemädchen. Es ist …« Er brach ab.

Van Helsing nahm den Nachtmanager genauer in Augenschein. Das Gesicht des Mannes war tiefrot, die Augen wässrig und der Kopf eingehüllt in eine Wolke aus alkoholischen Dämpfen. Es war nicht zu übersehen: Stoker hatte den Mut für seine nächtliche Arbeit auf dem Boden einer Flasche gesucht.

»Mr. Stoker«, sagte Van Helsing in scharfem Ton. »Ich bin auf Bitten Ihres Auftraggebers von Kensington hierhergereist, und ich möchte mich um die Angelegenheit kümmern, bevor die Sonne allzu lange hinter dem Horizont verschwunden ist. Sagen Sie mir, was ich noch nicht weiß.«

Stoker sah ihn betroffen an. »Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, sagte er hastig. »Verstehen Sie, das verschwundene Mädchen, eine Revuetänzerin namens Jenny Pembry, ist eine Favoritin von Premierminister Gladstone persönlich, der so freundlich war, uns allein dieses Jahr nicht weniger als viermal zu besuchen. Ihr Fehlen wurde vom Premierminister bemerkt, nachdem er vor zwei Tagen unsere Inszenierung von Der Sturm besucht hatte, und Mr. Irving musste ihm versprechen herauszufinden, was aus ihr geworden ist. Als er dem Premierminister gegenüber schließlich einräumen musste, dass er dazu außerstande war, wurde ihm mitgeteilt, dass ein Telegramm an den berühmten Professor Van Helsing aus Kensington sich möglicherweise als nützlich erweisen könnte.«

»Und jetzt sind wir hier«, dröhnte Van Helsing, indem er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete. Seine Stimme klang plötzlich laut und drohend. »Mitten in einem leeren Theater und ohne jeden Grund zu der Annahme, dass diese verschwundene Person etwas Mysteriöseres getan hat, als der Bühne überdrüssig zu werden und sich eine gediegenere Arbeit zu suchen. Ganz gewiss jedenfalls nichts, was zu dem Schluss führen könnte, diese Affäre hätte meine Aufmerksamkeit verdient. Ich vermag nicht zu sehen, was ich Ihrer Meinung nach hier tun sollte, Mr. Stoker.«

Der Nachtmanager war einen Schritt zurückgewichen. Er zog ein Taschentuch hervor und betupfte sich damit aufgeregt die Stirn. »Sir, wenn Sie die Zeit erübrigen könnten, sich die Umkleideräume anzusehen«, sagte er mit bebender Stimme. »Mr. Irving hat mich wissen lassen, dass der Premierminister höchst aufgebracht ist angesichts dieses Vorgangs, und ich möchte nicht vor ihn treten, ohne zuvor sämtlichen möglichen Spuren nachgegangen zu sein. Zehn Minuten, Sir, ich flehe Sie an.«

Van Helsing musterte den kleinen rotgesichtigen Mann. Er spürte, wie sein Ärger verrauchte und einer tiefen Frustration wich. Neun Monate waren vergangen, seit er und seine Freunde aus den transsylvanischen Bergen zurückgekehrt waren, und obwohl keiner von ihnen öffentlich über die Ereignisse dort gesprochen hatte, waren Gerüchte aufgetaucht – Gerüchte über das, was im Schloss Dracula geschehen war. Seither war er mit allen möglichen Hilfegesuchen überschüttet worden, angefangen bei knarrenden Dielenbrettern bis hin zu geisterhaften Erscheinungen. Und jetzt bat man ihn, wie es den Anschein hatte, auch noch um Hilfe bei der Suche nach verschwundenen Revuemädchen.

Er sehnte sich nach der Stille seines Laboratoriums, wo er seine Untersuchungen dessen, was er im Osten gesehen hatte, fortsetzen konnte. Außerdem hatte es beunruhigende Nachrichten aus dem Baltikum gegeben, Geschichten voller Blut und Schatten. Glücklicherweise deutete bisher nichts darauf hin, dass das böse Leiden, dem zwei seiner Freunde zum Opfer gefallen waren, seinen Weg nach London gefunden hatte, und dafür wollte er Gott danken, wenn schon nur für wenig anderes.

»Bitte entschuldigen Sie meinen Ausbruch, Mr. Stoker«, sagte er versöhnlicher. »Wenn Sie vorausgehen würden? Ich werde mir die Garderoben ansehen, ganz wie Sie wünschen.« Er drehte sich um und wandte sich an seinen Diener. »Du kannst zur Kutsche zurückkehren. Hier gibt es nichts, was deine Mithilfe erfordern würde.«

»Dennoch würde ich Sie lieber begleiten, Sir, solange Sie keinen Anstoß daran nehmen.«

Van Helsing winkte mit einer herablassenden Handbewegung ab. »Tu, was du nicht lassen kannst.«

Stoker führte sie durch das Theater, vorbei an langen Reihen mit rotem Samt bezogener Sitze und am Orchestergraben, durch eine Tür und in den Bereich hinter der Bühne.

Die schmalen Gänge waren vollgestellt mit Kulissen und Requisiten aus früheren Inszenierungen – ein Holzturm aus Verona, ein kaputter Märchenthron, Hermelinumhänge, rostende Helme und Kronen, reihenweise Schwerter und Dolche, von deren Klingen die silberne Farbe abblätterte und sich in kleinen Verwehungen auf den Dielenbrettern sammelte. Der Nachtmanager redete ununterbrochen, während er Van Helsing und seinen Diener durch die staubigen Korridore führte. Sein Selbstbewusstsein war nach der Entschuldigung des Professors zurückgekehrt, und er befeuerte es zusätzlich mit dem Inhalt eines kleinen Flachmanns, aus dem er unverhohlen regelmäßige Schlucke trank.

»… natürlich ist Mr. Irving ein bedeutender Mann, wahrhaft bedeutend, und ein ebenso vornehmer Dienstherr wie begabter Schauspieler. Er hält die anderen Darsteller stets dazu an zu glänzen, sich zu … zu verbessern, nimmt sich die Zeit, die Talentierteren unter ihnen persönlich zu unterrichten und die ohne Talent höchst behutsam – ich betone: höchst behutsam – von ihrem Vorhaben abzubringen. Auch hat er stets ein offenes Ohr für mich, obwohl er selbstverständlich sehr viel wichtigere Dinge zu tun hat, ein bedeutender Mann wie er. Er hat mir versprochen, sozusagen von Mann zu Mann, dass er mein Stück lesen wird, falls ich das vermaledeite Ding je beenden sollte. Welche Freundlichkeit! Welche Großzügigkeit! Obwohl ich fürchte, dass ich sein herzliches Angebot möglicherweise niemals in Anspruch nehmen kann. Der Handlungsrahmen irritiert mich über alle Maßen, und ich stehe dicht davor zu akzeptieren, dass es vielleicht nicht das Medium ist, für das ich am besten geeignet bin. Vielleicht ist der Roman die Antwort? Ich halte es nicht für abwegig. Vielleicht sollte ich über ein Theater schreiben, aus dem immer wieder spurlos Personen verschwin den? Das könnte unterhaltsam sein, wenn auch nur für eine kleine Weile. Vielleicht könnte ich mich sogar erdreisten, den Helden nach Mr. Irving zu erschaffen, diesem großartigen Mann, diesem …«

»Immer wieder verschwinden?«, unterbrach ihn Van Helsing leise.

Sie waren vor einer Tür angekommen. Dahinter lag eine unscheinbare Garderobe, kaum größer als eine Speisekammer. Vor den staubigen Spiegeln an der Wand standen drei kleine Tische mit ungepolsterten Stühlen. In den Ecken stapelten sich Kostüme und Manuskripte voller Lyrik und Dialoge.

»Sir?«

»›Immer wieder spurlos Personen verschwinden‹, haben Sie gesagt. Wollen Sie damit andeuten, dass dieses Revuemädchen nicht die Erste ist, die ohne Erklärung aus dem Lyceum verschwand?«

Stoker wischte sich über die Stirn. Seine Bestürzung war nicht zu übersehen. »Nun ja … ja, Sir. Es sind auch noch andere verschwunden. Aber wie Sie selbst schon sagten, das Theaterleben ist nicht jedermanns Sache. Wer weiß, vielleicht haben sie sich entschieden, ihr Glück anderswo zu suchen?«

»Wie viele andere?«

»Insgesamt, Sir? Ich weiß es nicht. In den letzen Monaten vier, meines Wissens. Ein Trompeter, eine Zweitbesetzung der Titania sowie zwei Revuemädchen, an deren Namen ich mich, wie ich gestehen muss, nicht erinnern kann.«

»Vier andere!«, brüllte Van Helsing, und Stoker duckte sich erneut zurück in den offenen Eingang. »Sie sind der Nachtmanager dieses Theaters, fünf Ihrer Angestellten verschwinden in rascher Folge ohne jede Erklärung, und Sie halten das nicht für ungewöhnlich? Sie halten es nicht einmal für nötig, diese Tatsache mir gegenüber zu erwähnen, obwohl ich hergerufen wurde, um den jüngsten Fall zu untersuchen – und das nicht einmal von Ihnen, sondern aufgrund der Launen eines Politikers? Sind Sie etwa ein Schwachkopf, Stoker?«

Der Nachtmanager starrte ihn mit offenem Mund an. Schließlich schloss er ihn wieder und murmelte etwas vor sich hin, doch es war zu leise, als dass Van Helsing es hätte verstehen können.

»Was sagen Sie, Mann? Reden Sie laut, wenn Sie etwas zu sagen haben, oder halten Sie den Mund!«, herrschte Van Helsing ihn an.

»Ich bin doch nur der Nachtmanager«, sagte Stoker kleinlaut.

»Das ist keine Entschuldigung, wahrhaftig nicht, und das wissen Sie selbst sehr wohl! Hören Sie mir genau zu: Hat sich in den vergangenen Monaten irgendetwas ereignet, das mit diesen unerklärlichen Vermisstenfällen in Zusammenhang stehen könnte? Denken Sie scharf nach, Mann!«

Stoker wandte sich von Van Helsing ab, der einen Blick mit seinem Diener wechselte. Der Diener stand reglos und mit steinerner Miene einige Schritte entfernt. Sie warteten auf die Antwort des Nachtmanagers.

Schließlich hob Stoker den Kopf und sah Van Helsing an.

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