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Denn der wind kennt keine Tränen

1. KAPITEL

„Es war ein Fehler, mich auf dich zu verlassen. Fahr ohne mich weiter.“ Rachel Everly klang von der Stimme her nicht ganz so sicher wie beabsichtigt. Immerhin schaffte sie es, sich mit festem Tritt zu entfernen – von dem Auto und dem Mann, den sie bis vor Kurzem noch als ihren Freund betrachtet hatte.

„Rachel, hör auf, dich derart hysterisch aufzuführen! Du bist ja total durch den Wind. Komm, steig wieder ein, damit wir weiterfahren können. Noch bin ich dein Boss! Bis zu unserem Fototermin in Oregon in zwei Tagen wirst du es wohl oder übel noch mit mir aushalten müssen.“

Hatte Dennis wirklich hysterisch gesagt? Das war ja ungeheuerlich. Und dann auch noch so zu tun, als sei sein Verhalten vollkommen in Ordnung.

Gerade hatte Dennis seiner Exfreundin am Telefon vorgelogen, er hätte eine Nacht mit Rachel verbracht. Zum Telefonieren war er kurz ausgestiegen und hatte wahrscheinlich nicht damit gerechnet, dass Rachel alles mitbekommen würde. Auf ihre Vorhaltungen hin hatte er bloß mit den Schultern gezuckt und gemeint, er habe seine Exfreundin doch nur ein bisschen eifersüchtig machen wollen.

In diesem Moment war es Rachel wie Schuppen von den Augen gefallen. Dennis hatte sie von Anfang an nur benutzt! Er hatte ihr vorgeschwärmt, was für eine tolle Fotografin sie sei, nur um sie zu überreden mitzukommen.

Noch immer ärgerte sie sich maßlos über diesen Mistkerl, aber sie stellte ebenfalls fest, mindestens genauso wütend auf sich selbst zu sein. Wie hatte sie nur auf so einen Typen hereinfallen können? Dabei war sie immer stolz darauf gewesen, sich so schnell nichts vormachen zu lassen.

Natürlich hatte Dennis ihren wunden Punkt sofort erkannt: Das Fotografieren war ihre große Leidenschaft, und es hatte ihr ungemein gutgetan, als er ihr Talent in den höchsten Tönen lobte. In Wirklichkeit war sie ihm gerade recht gekommen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, denn er brauchte erstens eine Assistentin und wollte zweitens seiner Exfreundin eins auswischen.

Damit war nun Schluss. Rachel straffte die Schultern, drehte sich um und sagte mit eiskalter Stimme: „Nein, du bist nicht mehr mein Boss. Du wirst dir eine neue Assistentin suchen müssen. Ich bin nämlich fertig mit dir.“ Dann überquerte sie mit entschlossenen Schritten die Straße.

Hinter ihr blieb es eine Weile still. Dann hörte sie Dennis fluchen, ehe er mit quietschenden Reifen in seinem offenen Cabrio davonfuhr.

Sie schloss die Augen. „Das war’s dann wohl, Ms Everly!“, murmelte sie vor sich hin, während sich das Motorengeräusch entfernte. „Hoffentlich das letzte Mal, dass du jemandem so blind vertraut hast.“

Unschlüssig blieb sie auf dem Gehweg stehen. Was sollte sie in dieser fremden Stadt anfangen, so ganz allein?

Aber sie war gar nicht allein. Ein paar Schritte von ihr entfernt stand ein großer breitschultriger Mann, der anscheinend alles mitbekommen hatte. Zumindest glaubte sie, dies an seinem Blick zu erkennen.

Sie musterte den Mann eingehender. Mit seinen Jeans und Stiefeln und der gebräunten Haut sah er wie ein Cowboy aus. Er stand vor einer Ladentür. Entweder war er gerade aus dem Laden gekommen oder hatte hineingehen wollen, als sie und Dennis ihre kleine Szene aufführten.

Der Mann war Zeuge ihrer Pleitenummer geworden. Doch er wirkte kein bisschen irritiert. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er mit tiefer sonorer Stimme.

Brauchte sie Hilfe? Ja, dachte sie nach kurzem Überlegen, und ein Gefühl des Versagens überkam sie. In der Vergangenheit war sie nicht gerade erfolgreich gewesen, was persönliche Beziehungen anbelangte. Irgendwie hatte sie bei Dennis zwar das Gefühl gehabt, einen Freund gefunden zu haben, doch sie hatte sich wieder einmal getäuscht.

Und weil sie so blind gewesen war, stand sie jetzt alleine in dieser fremden Stadt herum. Sie wusste nicht einmal, wo sie sich genau befand. Irgendwo, wo es eine Menge Kühe und Cowboystiefel und robuste Klamotten gab – wahrscheinlich mitten in Montana. Und vor ihr stand ein Fremder, der sie mit seinen stahlblauen Augen musterte, als könne er in die verborgensten Winkel ihrer Seele blicken.

„Ich … Wie heißt diese Stadt eigentlich?“

„Moraine. Kann ich Sie irgendwohin mitnehmen?“

Von wegen, so schnell würde sie in kein fremdes Auto steigen. Schließlich war sie in Großstädten aufgewachsen und hatte gelernt, wie man sich vor Annäherungsversuchen fremder Männer in Acht nahm.

„Nein danke, nicht nötig. Ich weiß, wo ich hin muss und wie ich da hinkomme. Ich will Freunde von mir besuchen.“ Sie log auf Teufel komm raus, aber es widerstrebte ihr, den hochgewachsenen breitschultrigen Fremden merken zu lassen, dass sie völlig allein in dieser abgeschiedenen Gegend war. Wenn er sie noch dazu irgendwohin brachte, würde kein Mensch je erfahren, wo sie sich befand.

„Ich komme schon zurecht“, sagte sie mit fester Stimme und unterstrich ihre Worte mit einem selbstsicheren Lächeln in der Hoffnung, ihn abzuschütteln.

Eine Weile musterte er sie schweigend, dann nickte er kurz, drehte sich um und ging die zwei Treppenstufen zu dem Laden hoch. Obwohl sie es nicht anders gewollt hatte, nahm sie es ihm insgeheim übel, dass er so schnell aufgab. Anscheinend hatte sie zurzeit allgemein kein gutes Händchen bei Männern, besonders wenn sie gut aussahen.

Und dieser Fremde war ein besonders gelungenes Exemplar seiner Spezies. Wahrscheinlich schmissen sich die Frauen reihenweise an ihn heran.

Dann passierte das Allerschlimmste. Als der Mann sich an der Ladentür nochmals kurz zu ihr umdrehte, entdeckte sie so etwas wie Mitleid in seinem Blick.

Sie stöhnte innerlich. Mitleid konnte sie am allerwenigsten gebrauchen. Sie richtete sich zu voller Größe auf und fragte forsch: „Wollten Sie noch was?“

Er starrte sie an, und sie starrte zurück und versuchte dabei, möglichst selbstsicher zu wirken.

„Nein, überhaupt nicht.“ Mit leicht verärgerter Miene verschwand er im Laden.

Sofort verflog Rachels Groll. Sie hatte sich dem Mann gegenüber ziemlich unfair verhalten, aber sie hielt sich zugute, dass schließlich die ganze Situation blöd war.

Nun, Selbstmitleid brachte sie wiederum keinen Schritt weiter, und sie war es schließlich gewohnt, alleine klarzukommen. Entschlossenen Schrittes ging sie die Straße hinunter, als kenne sie genau ihr Ziel.

Erst als sie den Stadtrand erreichte und die öden Felder endlos vor sich liegen sah, bekam sie es mit der Angst zu tun.

„Ganz ruhig bleiben, Rachel“, redete sie sich gut zu. „Erstmal tief durchatmen und dann genau überlegen.“ Die Worte ihres Lieblingslehrers kamen ihr in den Sinn. Was sind die Fakten? Wie ist die Situation? Was ist der logische nächste Schritt? Gute Fragen für eine impulsive Person wie sie.

Und diese Fragen hätte sie sich mal lieber stellen sollen, bevor sie aus dem Cabrio gestiegen war. Sie war von Dennis’ Vertrauensbruch dermaßen geschockt gewesen – sie hatte ja völlig kopflos reagieren müssen.

Ihre Wohnung hatte sie aufgegeben, bevor sie mit Dennis losgefahren war, um den Fotoauftrag zu erledigen. Sie hatte nämlich ohnehin vorgehabt, woandershin zu ziehen, und bei ihren Eltern wollte sie auf keinen Fall wohnen. Ihre Mutter hatte gerade zum soundsovielten Mal geheiratet, und mit der neuen Frau ihres Vaters verstand Rachel sich überhaupt nicht.

Jetzt stand sie also da, ohne Job und ohne Plan und … „Ich habe mein Handy und mein Portemonnaie im Handschuhfach liegen lassen!“, flüsterte sie entsetzt.

Eigentlich hätte diese Erkenntnis völlig ausgereicht, um sich mitten auf die Straße zu setzen und loszuheulen, doch Rachel wusste aus Erfahrung, dass eine solche Aktion absolut nichts brachte.

Jedes Ding hat zwei Seiten! rief sie sich in Erinnerung. Obwohl es ihr im Moment ganz und gar nicht gelang, die positive Seite des Ganzen zu entdecken. Bald würde es dunkel, und sie musste irgendwo einen Schlafplatz finden, was ohne Geld etwas schwierig werden dürfte.

Gegen ein Gefühl von Panik ankämpfend, lief sie in die Stadt zurück. Der Fotoapparat baumelte ihr vor der Brust hin und her. Seufzend blickte sie darauf. Das Gerät war ihr einziger treuer Gefährte, auf den sie sich immer verlassen konnte. Nur heute würde ihr das wenig helfen.

Sie lief auf ein niedriges Haus zu, über dessen Fenster „Angies Diner“ zu lesen war. Von außen war nur ein einziger Gast im Lokal zu sehen. Hinter dem Tresen stand eine freundlich aussehende Frau, die lächelnd aufblickte, als Rachel eintrat. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie.

Rachel war es zutiefst peinlich, ohne Umschweife nach Arbeit zu fragen, aber sie hatte keine andere Wahl. „Hi, ich bin Rachel Everly. Sind Sie Angie?“

„Ja.“

„Freut mich. Ich bin auf der Suche nach einem Job. Brauchen Sie vielleicht eine Aushilfe?“

Angie ließ den Blick durch den Raum schweifen, dessen Leere durch das laute Ticken der Uhr noch betont wurde. „Nein, tut mir leid. Sie sind sicher neu in der Stadt.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Hier kannte anscheinend jeder jeden.

„Ich bin … auf der Durchreise.“ Sie machte sich nicht die Mühe zu erklären, wieso sie Arbeit suchte, wenn sie gar nicht in der kleinen Stadt bleiben wollte. „Gibt es hier irgendwo eine Unterkunft?“

„Nur Rubys Pension – gutes Essen und freundlicher Service.“ Sie erklärte Rachel den Weg. „Aber wenn Sie Arbeit suchen, werden Sie hier nicht viel Glück haben. Trotzdem alles Gute!“

Rachel sank das Herz. „Danke.“ Sie verließ das Lokal und trat wieder auf die Straße hinaus. Vielleicht konnte sie Rubys Herz erweichen oder ihr in der Küche helfen, damit sie wenigstens eine Nacht bleiben konnte. Morgen würde die Welt schon wieder anders aussehen.

„Wird schon werden“, versuchte sie sich Mut zuzureden.

Und irgendwann würde sie schon ein richtiges Zuhause haben, und zwar in Maine, wo sie als Kind glücklich gewesen war und wohin sie schon lange zurückwollte.

Jetzt jedoch musste sie erst einmal ein Bett für die Nacht finden. Vielleicht konnte sie Ruby ja anbieten, Werbefotos von ihrer Pension zu schießen.

Bei diesem Gedanken wurde ihr etwas wohler. Wenigstens brauchte sie sich heute nicht mehr mit Männern abzugeben. Den Cowboy war sie zum Glück losgeworden und den würde sie bestimmt auch nicht wiedersehen.

Shane Merritt war nicht gerade bester Laune. Wieder zurück in Montana zu sein, und sei es auch nur vorübergehend, ging ihm gehörig gegen den Strich. Und die Begegnung mit dieser Frau in der Stadt hatte auch nicht dazu beigetragen, seine Stimmung zu heben. Er hasste es nämlich, sich für andere Leute verantwortlich zu fühlen.

Für ihn war sonnenklar gewesen, dass sie in Moraine gestrandet war und jede Hilfe gut gebrauchen konnte, auch wenn sie sein Angebot abgelehnt hatte.

„Damit hat sie dir eigentlich einen Riesengefallen getan, Merritt“, murmelte er vor sich hin. „Du solltest der Frau wirklich dankbar sein.“

Er konnte es kaum erwarten, wieder aus dieser Gegend wegzukommen und zurück zu seinem Job. Der erlaubte es ihm nämlich, durch die Welt zu reisen. Eine Weile würde er es allerdings noch aushalten müssen. Deshalb hatte er sich gerade mit dem Notwendigsten versorgt, um die nächsten paar Wochen auf der Ranch zu überstehen.

Das Klingeln des Handys unterbrach seine Gedanken. Es war sein Geschäftspartner. „Was gibt’s, Jim?“

„Probleme! Du musst früher als geplant nach Deutschland fliegen. Schon in zwei Wochen.“

Shane stieß den Atem aus. „Jim, du weißt, dass ich hier nicht weg kann, bis die Ranch verkauft ist. Wenn du sehen würdest, wie … Also vorsichtig ausgedrückt, Oak Valley ist nicht gerade in bestem Zustand. Drei Wochen brauche ich mindestens noch.“ Dabei würde er lieber heute als morgen wieder abreisen.

Vor einem Jahr hatte er die Ranch geerbt, auf der er seine nicht eben glückliche Kindheit verbracht hatte, und seitdem konnte er es kaum erwarten, sie wieder loszuwerden. Doch bisher hatten ihm seine Geschäfte nicht erlaubt, herzukommen und das Ganze anzugehen.

Vielleicht hatte ihn auch die Scheu davon abgehalten, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es gab so viele Dinge, die seiner Mutter und seinem Bruder gehört hatten, und er musste überlegen, was er damit machte …

Jedes Mal, wenn er an die beiden dachte, überfiel ihn ein schlechtes Gewissen.

„Ich wäre dir dankbar, wenn du den Termin um eine Woche verschieben könntest. Ich schaffe es nicht eher.“

„Wie geht’s dir denn eigentlich in der Provinz?“, fragte sein Freund und Partner.

Gar nicht gut. Der Aufenthalt hier brachte Erinnerungen zutage, die er lieber weiter unter Verschluss gehalten hätte. Doch er war sich sicher, wenn er alles durchgestanden hatte, konnte es nur besser werden. Dann brauchte er nie mehr hierher zurückzukommen. Er könnte die Vergangenheit ein für alle Mal ruhen lassen und den Rest seines Lebens damit verbringen, frei und ungebunden in der Welt herumzureisen.

„Shane?“ Jims Stimme klang besorgt.

„Es geht ganz gut“, log Shane. „Man muss sich nur erst wieder an das Leben auf dem Land gewöhnen.“

„Ich kann mir dich überhaupt nicht auf einer Ranch vorstellen“, sagte Jim. „Reitest du auch? Wie ich dich kenne, verdrehst du zunächst einmal sämtlichen Cowgirls den Kopf.“

Sofort kam ihm das Bild der Frau in den Sinn, die er in der Stadt getroffen hatte. Sie war schlank und sehr hübsch gewesen, außerdem wütend und ziemlich mutig. Und kein Cowgirl.

„Ach, dafür habe ich überhaupt keine Zeit.“

„Aber du weißt ja, die Frauen finden dich immer, auch ohne dass du dich anstrengst.“

„Das musst du gerade sagen, alter Schwerenöter.“

Shane kannte Jim seit vielen Jahren, und der scherzhafte Umgangston tat ihm gut. Er erinnerte ihn daran, dass es außerhalb der Ranch noch ein anderes Leben gab. Oak Valley hatte seine Kindheit und Jugend verdüstert, doch heute konnte ihm das nichts mehr anhaben.

„Ruf bitte in Deutschland an, Jim. Sag denen, ich komme in drei Wochen.“

„Okay, mach ich. Und falls dir ein hübsches Cowgirl über den Weg läuft, gib ihr einfach meine Nummer.“

Während Shane weiter in Richtung Ranch fuhr, kam ihm wieder die Frau von vorhin in den Sinn. Die Szene zwischen ihr und dem Mann hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Er konnte nur mutmaßen, was vorgefallen war. Jedenfalls hatten die schönen braunen Augen der Frau sehr verletzlich gewirkt, obwohl sie betont forsch aufgetreten war. Er fragte sich, warum sie sein Angebot, ihr zu helfen, derart brüsk abgelehnt hatte. Vielleicht weil sie ihm persönlich misstraute?

Sicher hatte er gut daran getan, einen Rückzieher zu machen, denn schon der kurze Blick in ihre braunen Augen hatte genügt, um ihn an romantische Sommernächte denken zu lassen. Und wer weiß, wohin sich seine Fantasie sonst noch verirrt hätte. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, sich ausgerechnet hier in Moraine mit einer Frau einzulassen. Noch dazu mit einer, die Männern grundsätzlich zu misstrauen schien.

Sein Leben gefiel ihm, so wie es war, eine Frau würde alles nur kompliziert machen.

In drei Wochen musste er den Verkauf der Ranch abgewickelt haben. Ob es ihm gefiel oder nicht, er würde dabei Hilfe brauchen. Ein paar kräftige Männer, die ihm beim Renovieren halfen, und eine Hausangestellte, die kochte und sauber machte. Irgendwann musste er auch Fotos von der Ranch machen lassen, damit der Makler Anzeigen schalten konnte.

„Ach du Schreck!“, murmelte er, als er ein zartes Persönchen die Landstraße entlanggehen sah. Sie trug eine rote Reisetasche über der Schulter, und an ihrem Hals baumelte eine offensichtlich teure Kamera, die ihm vorher gar nicht aufgefallen war. Wahrscheinlich, weil er nur in ihre Augen geguckt hatte.

Er fluchte leise, aber ihm blieb keine andere Wahl. Er konnte die Frau unmöglich hier im Nirgendwo weiterlaufen lassen. Bald würde es dunkel, und sie hatte bestimmt keine Taschenlampe dabei.

Er hielt neben ihr an und leierte die Scheibe herunter – darauf gefasst, wieder eine Abfuhr zu bekommen. Gleichzeitig fragte er sich, wie es wohl um ihre Kochkünste bestellt war und ob sie mit ihrer teuren Kamera auch gute Fotos machen konnte …

Als Rachel hinter sich ein Auto kommen hörte, trat sie instinktiv näher an den Straßenrand und drückte ihre Kamera fest an sich. Hier mitten in der Pampa kam sie sich doch reichlich verloren vor. Nirgends ein Unterschlupf, kein Baum, kein Strauch, nichts, wohin sie rennen könnte, falls sie verfolgt wurde.

Nicht dass sie Angst hatte, es könne ihr was passieren, aber Selbstschutz war für jemand wie sie ein natürlicher Instinkt.

Ihr Herz fing an zu hämmern, als das Auto langsamer fuhr. Sie ging nicht schneller, wozu auch, aber sie trat einen weiteren Schritt beiseite.

„Passen Sie auf“, sagte eine tiefe Stimme, die ihr irgendwie bekannt vorkam. „Der Zaun ist elektrisch geladen.“

Abrupt blieb sie stehen und blickte nach rechts. Tatsächlich, da war ein elektrischer Zaun.

„Was wollen Sie?“, fragte sie beherzt, als der Mann aus dem Wagen stieg. Was sollte sie tun, wenn er näher kam?

Zu ihrer Erleichterung blieb er neben dem Auto stehen.

„Was ich will? Nicht das, woran Sie offenbar denken.“

„Was denken Sie denn, woran ich denke?“ Sie zwang sich, ihm direkt in die Augen zu sehen. In diese stahlblauen Augen, deren Blau ihr eigentlich viel zu gefährlich war.

Sein Blick ging nach unten zu ihren dünn besohlten Schuhen, die für längere Wanderungen völlig ungeeignet waren. „Sie sind meilenweit von jeder Behausung entfernt, wissen Sie das?“

„Soll das eine Drohung sein?“ Sie hoffte, ihre Stimme klang forsch genug.

„Das ist keine Drohung, sondern eine Tatsache.“ Er hielt die Handflächen nach oben, als ob er ihr zeigen wollte, dass er unbewaffnet oder hilflos, auf jeden Fall aber harmlos war, was sie ihm keineswegs abnahm.

Er war ein kräftiger Mann, und selbst wenn er sie nicht körperlich angreifen würde, so machte er doch den Eindruck eines Herzensbrechers, bei dem sämtliche Frauen weiche Knie bekamen. Sie hasste das, und nach ihren kürzlich gemachten Erfahrungen kam sie zu dem Schluss, dass einem solchen Mann nicht zu trauen war.

Wenn sie Dennis mit einem kritischeren Blick betrachtet hätte, als er bei dem Fotografen, bei dem sie arbeitete, einen Workshop abhielt, würde sie jetzt nicht derart in der Patsche sitzen.

„Darf ich fragen, wo Sie hinwollen?“, fragte er.

Nein, das durfte er nicht. Sie wollte überhaupt nicht mit ihm reden. Allerdings fragte sie sich seit geraumer Zeit, ob sie nicht in die falsche Richtung lief.

„Die Frau in Angies Diner hat mir gesagt, dass eine gewisse Ruby hier Zimmer vermieten würde.“

„Ach, tut sie das immer noch?“

Rachel blinzelte erstaunt. „Wissen Sie das denn nicht?“

„Ich wohne schon lange nicht mehr hier, aber wenn Sie zu Ruby wollen, dann hätten Sie schon vor etwa zwei Kilometern abbiegen müssen.“

Bisher hatte Rachel sich mit der Aussicht, bald am Ziel zu sein, aufrecht gehalten. Jetzt spürte sie, wie sich der letzte Rest ihrer Energie verflüchtigte. Sie war hungrig und todmüde und die Füße taten ihr schrecklich weh. „Und wie weit ist es dann noch von der Kreuzung aus?“

„Noch mal ungefähr zwei Kilometer.“

Am liebsten hätte sie sich an den staubigen Straßenrand gesetzt und losgeheult. Stattdessen hielt sie sich so aufrecht wie möglich und blickte die Straße zurück.

„Haben Sie ein Telefon?“, fragte der Mann.

„Ja.“

„Wo ist es denn?“

Sie wollte es ihm nicht sagen. „Wieso?“

„Dann könnten Sie Ruby anrufen.“

„Hat sie denn einen Abholservice?“

Ein flüchtiges Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht, das aber gleich wieder verschwand. Rachel wünschte, sie hätte es nicht bemerkt, denn es war absolut unwiderstehlich. Was spielte es schon für eine Rolle, dass der Mann umwerfend aussah?

„Einen Abholservice? Nicht dass ich wüsste. Aber ich kann Sie gern hinbringen. Wenn ich Ihnen nicht geheuer bin, fragen Sie Ruby ruhig über mich aus.“

„Warum machen Sie das?“

„Sagen wir, um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen?“

Normalerweise hätte Rachel gereizt reagiert, aber jetzt war sie einfach zu müde. „Woher weiß ich, dass Sie und Ruby nicht miteinander unter einer Decke stecken?“

„Dann müsste ja Angie auch mit von der Partie sein, hab ich recht?“

Guter Einwand. Sollte sie wirklich bei einem Fremden ins Auto steigen – einem gut aussehenden Fremden, der vermutlich daran gewöhnt war, mit seinem Grübchenlächeln alles zu bekommen, was er wollte? „Tut mir leid, ich komme aus der Großstadt und fahre nicht mit Leuten, die ich nicht kenne.“

Der Mann stieß etwas genervt den Atem aus und sah sie mitleidig lächelnd an.

„Mein Handy liegt im Handschuhfach des Wagens, aus dem ich vorhin ausgestiegen bin“, gestand sie.

„Verstehe.“ Er zog ein teures Smartphone aus seiner Jackentasche und ging nur so weit auf sie zu, dass sie es aus seiner ausgestreckten Hand entgegennehmen konnte. „Die Nummer habe ich leider nicht.“

Sie nickte und googelte schnell Rubys Rooftop Restaurant und Rooming House. „Wie heißen Sie?“, fragte sie, während sie die Telefonnummer eingab.

„Shane Merritt.“

„Also Ruby wird mir dann sagen, dass Sie ein netter Kerl sind, ja?“

„Nein, sie wird Ihnen irgendwelches Zeug von mir erzählen, das ich lieber nicht hören möchte. Aber ich bin auf jeden Fall keiner, der Frauen entführt.“

Rachel drückte die Nummer weg und starrte ihn an. „Also das ist ja ungeheuerlich. Obwohl Sie zugeben, dass man Ihnen nicht trauen kann, soll ich mich in Ihr Auto setzen?“

„Wie gesagt, ich bin nicht gerade ein Unschuldsengel, aber deshalb brauchen Sie nicht gleich die Flucht zu ergreifen. Im Übrigen wollte ich Sie etwas fragen.“

Was denn jetzt noch? Rachel wurde es mulmig zumute. „Fragen Sie.“

Er sah ihr fest in die Augen. „Verstehen Sie was von Kochen und Putzen?“

Überhaupt nichts. Das wäre allerdings die falsche Antwort. Die Frage hörte sich nämlich eher nach einem Jobangebot an, und in Anbetracht ihrer Situation sollte sie besser strategisch vorgehen.

„Ja, ja, so einigermaßen“, erwiderte sie vorsichtig.

Er nickte zwar, aber es war ihm anzumerken, dass er mit ihrer Antwort nicht ganz zufrieden war. „Wie gut können Sie mit dieser Kamera umgehen und … haben Sie vielleicht ein paar Wochen Zeit?“

Unwillkürlich legte sie die Hand schützend um ihre Hasselblad. „Okay, darum geht’s also.“ Sie wählte erneut die Telefonnummer von Rubys Pension, als könne die Stimme einer Frau sie vor diesem Verrückten bewahren. „Wie kommen Sie darauf, dass ich mich dazu hergebe, perverse Fotos zu machen? Oder was wollen Sie sonst von mir und meiner Kamera?“

Er schüttelte verärgert den Kopf. „Wenn Sie glauben, ich sei an perversen Dingen oder an Ihnen persönlich interessiert, dann liegen Sie völlig falsch.“

An seiner Reaktion merkte Rachel, dass sie zu weit gegangen war. Fieberhaft suchte sie nach einer passenden Erwiderung und fand zum Glück eine. Wenn sie recht hatte, könnte sie vielleicht genug Geld verdienen, um ihre Weiterreise nach Maine zu finanzieren. „Oh, ich weiß, Sie haben Frau und Kinder und suchen eine Haushälterin. Und vielleicht möchten Sie auch ein Familienporträt haben. Klar, das kann ich für Sie machen.“

Shane musterte sie, als ob sie ihm wiederum ein unsittliches Angebot gemacht hätte. „Keine Familie, keine Leute, sondern Dinge. Ich verkaufe eine Ranch samt Mobiliar und Maschinen. Alles muss weg. Es wird eine Versteigerung geben, und vielleicht verkaufe ich auch ein paar Sachen übers Internet. Ich brauche jemanden, der mir hilft, das Haus in einen passablen Zustand zu versetzen, damit ich es loskriege. Und jemanden, der Fotos macht für die Werbeanzeigen. Wenn Sie beides können, umso besser, denn ich habe keine Zeit, mir Leute zu suchen.“

„Ich verstehe.“

„Tun Sie nicht, aber das macht nichts. Also, haben Sie Zeit? Wäre das ein Angebot für Sie?“

Sie überlegte. Zwar wollte sie möglichst schnell hier weg, aber es musste ja nicht heute oder morgen sein. Genau genommen könnte es nicht schaden, ihren Umzug nach Maine etwas genauer zu planen. Und Geld könnte sie auch gebrauchen. Mit dem Job, den Shane Merritt ihr anbot, würde sie mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie könnte das tun, was sie am liebsten tat, nämlich fotografieren, sie würde Geld verdienen und sie hätte ein Dach über dem Kopf. Trotzdem wollte sie das Angebot nicht so ohne Weiteres annehmen.

Wieder wählte sie Rubys Telefonnummer, und diesmal wartete sie, bis jemand abnahm. Sie erklärte Ruby, dass Angie ihr die Pension empfohlen habe und dass sie sich verlaufen hätte. Und dass ein gewisser Shane Merritt ihr angeboten hätte, sie hinzufahren.

„Shane Merritt!?“, rief die Frau so laut, dass Rachel unwillkürlich den Hörer vom Ohr weghielt. Sie drückte auf den Lautsprecher. „Shane Merritt ist wieder in der Stadt!? Dieser Schuft!“

Rachel hob spöttisch die Augenbrauen, während Shane kein bisschen überrascht wirkte. „Sie meinen also, ich soll sein Angebot lieber nicht annehmen?“

„Auf jeden Fall hat man mit dem Kerl nur Probleme, so viel steht fest.“

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