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Denn dein ist das Böse

Giancarlo De Cataldo (Hg.)

Denn dein ist das Böse

Italien-Krimis von

Massimo Carlotto, Gianrico Carofiglio,
Sandrone Dazieri, Giancarlo De Cataldo,
Diego De Silva, Giorgio Faletti,
Marcello Fois, Carlo Lucarelli, Loriano
Macchiavelli, Giampaolo Simi, Wu Ming

Aus dem Italienischen von
Karin Diemerling, Katharina Förs, Rita Seuß
und Katharina Schmidt

INHALT

Giancarlo De Cataldo
SCHMUTZIGER SCHNEE

Massimo Carlotto
LITTLE DREAM

Gianrico Carofiglio
DAS DOPPELLEBEN DER NATALIA BLUM

Giorgio Faletti
AUF FREMDE RECHNUNG

Sandrone Dazieri
SEX IN DEN SASSI

Diego De Silva
DAS IST NICHT WAHR

Giampaolo Simi
POLARLICHT

Loriano Macchiavelli
DIE GRENZE DES VERBRECHENS

Marcello Fois
WO?

Wu Ming
MOMODOU

Carlo Lucarelli
IST NICHT PERSÖNLICH GEMEINT

Giancarlo De Cataldo
SCHMUTZIGER SCHNEE

1.

»Sieh mal in der 319 nach«, sagte der Direktor zu Fabrizio, »das Zimmermädchen auf dem Stockwerk meint, dort steht noch das Tablett mit dem Frühstück vor der Tür. Unberührt.«

»Wer arbeitet dort?«

»Jovanka, die Bulgarin.«

»Die kann doch nicht mal eine Schüssel von einem Nachttopfunterscheiden.«

»Schon möglich, aber geh trotzdem mal nachsehen. Tu mir den Gefallen, Fabri, vielleicht ist es ja blinder Alarm, vielleicht hat der Typ gestern Abend nur ein bisschen zu tief ins Glas geschaut. Trotzdem, wir halten besser die Augen offen …«

»Aber vorher bringe ich das hier in die Wäscherei, in Ordnung?«, antwortete Fabrizio und zeigte auf den schweren Sack, der die Bettwäsche aus dem vierten und fünften Stock enthielt.

»Mir wäre wohler, wenn du gleich dorthin gingst. Wenn …«

»Schon gut, Chef!«

Fabrizio machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Büro des Direktors in Windeseile, während sich ein schlaues Grinsen auf seinen schmalen Lippen abzeichnete. Er wusste, dass sein Chef, dieser Stockfisch, es schätzte, wenn man seinen Befehlen schnell nachkam. Eigentlich hatte er nur keine Lust, sich schon wieder dieselbe unvermeidliche Tirade anhören zu müssen: »Wenn man die Verantwortung für ein großes Hotel trägt und so weiter und so weiter …« Vielleicht war das Metropole früher ein großes Hotel gewesen. Als Herzöge und Regenten hier abstiegen und die Mailänder scharenweise einfielen, um das Wochenende im vornehmen »Courma« zu verbringen. Fabrizio wusste das, weil er beim Aufbau der Hotel-Website geholfen hatte. Aber das war Schnee von gestern. Heute hatte das Hotel zwar noch vier Sterne, aber … Wenn man ihn richtig in die Mangel genommen hätte, dann hätte sogar der Direktor zugeben müssen, dass von dem alten Glanz nichts mehr übrig geblieben war als ein Haufen Möbel und der feine, unausrottbare Staub alter Sachen. Fabrizio durchquerte den Aufenthaltsraum, wobei er einer Gruppe Steuerberater oder etwas in der Art auswich. Zahlreiche Männer mit raffgierigem Blick in dunklen Anzügen und einige wenige arrogante Frauen in Kostümen, eingehüllt in eine Wolke aus Zigarettenrauch. Im Hotel fand gerade ein Kongress oder ein Seminar statt. Er schleifte den Wäschesack hinter sich her, bis er schließlich vor dem Lastenaufzug stand. Wie üblich wurde der gerade gewartet. Wütend wandte sich Fabrizio zur Treppe.

2.

»Passen Sie doch auf, verdammt!«

Tornesi konnte gerade noch rechtzeitig beiseitespringen. Sonst hätte ihn der Hausdiener mit dem Sack voller Schmutzwäsche beinahe überrannt. Er hing wohl irgendwelchen Gedanken nach. Und was es noch schlimmer machte, der Kerl war nicht etwa stehen geblieben, um sich bei ihm zu entschuldigen, nein, der lief einfach weiter. Als wäre Tornesi unsichtbar.

Marenghi, der sich gerade einen Prospekt ansah, in dem für irgendeinen Ausflug auf das Plateau Rosa geworben wurde, hatte nichts davon bemerkt.

»Hast du gesehen, was das hier für ein Volk ist?«, zischte Tornesi und versuchte so die Aufmerksamkeit seines Partners auf sich zu ziehen.

Marenghi zuckte nur mit den Schultern. »Das Personal hier stammt fast ausschließlich aus Osteuropa. Pack. Courmayeur ist auch nicht mehr das, was es einmal war.«

»Ich scheiß auf Courmayeur! Es ist beinahe zwölf und dieser Idiot ist immer noch nicht aufgetaucht.«

»Du weißt doch, wie diese Südamerikaner sind. Die haben die Ruhe weg, aber man kann sich auf sie verlassen …«

»Und was zum Teufel weißt du schon darüber, he? Hast du etwa schon mal Geschäfte mit ihnen gemacht?«

»Das habe ich doch nur so gesagt. Jetzt beruhige dich, die Kollegen dort schauen schon ganz merkwürdig herüber.«

Marenghi zeigte auf jemanden hinter ihm. Tornesi drehte sich um und entdeckte eine blasse Blondine. Sie trank eine bunte Flüssigkeit aus einem großen Glas und schien seinen Auftritt mit Interesse zu verfolgen.

»Die will nur einen Kerl abschleppen, das ist doch sonnenklar! Also, mir sind die Kollegen völlig egal! Außerdem gefällt es mir hier nicht. Die ganze Geschichte hier gefällt mir nicht.«

Marenghi warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Das geht mir genauso, aber schließlich ist es nicht meine Schuld, dass du die Kanzlei beim Pokern verspielt hast und Don Saro geschworen hat, dir die Fingernägel einzeln rauszureißen und seiner Tochter eine Kette daraus zu machen.«

»Komm, deine braucht Don Saro auch für diese Kette. Wer hat sich denn mit den Rechnungen für den Zement so idiotisch angestellt, he, wer?«

»Woher sollte ich denn wissen, dass diese verdammte Grube illegal war und die Finanzpolizei uns schon seit Monaten beobachtet hat? Das hätte Don Saro mir doch sagen müssen, oder?«

»Ich habe keine Lust, mich zu streiten. Ich zieh mir jetzt eine Linie rein.«

»Noch eine? Pass auf mit dem Zeug.«

»Keine Panik. Morgen höre ich ganz sicher auf.«

Marenghi beobachtete, wie Tornesi schwankend zur Toilette ging. Langsam wurde der Mann zu einem Problem. Mit jedem Tag verabschiedete sich sein Gehirn ein Stück mehr. Daran war natürlich dieses Zeug schuld, aber nicht nur das. Deswegen musste er doch nicht paranoid werden. Die Welt war voll von Menschen, die koksten, ohne deshalb gleich durchzudrehen. Wenn du durchdrehst, bedeutet das, dass etwas mit dir selbst nicht stimmt. Das Zeug ist nur ein Verstärker. Sobald er seinen Ärger mit Don Saro gelöst hatte, musste er sich um Tornesi kümmern. Plötzlich spürte er, wie eine Schulter ihn streifte und jemand fragte: »Einen Aperitif?«

Aus der Nähe betrachtet sah die Blondine gar nicht so übel aus. Nicht mehr ganz taufrisch, aber noch ganz passabel … Die Frau lächelte ihn an. Schöne Zähne, dachte Marenghi, erwiderte ihr Lächeln und rückte sich den Knoten seiner Krawatte zurecht.

»Normalerweise trinke ich nicht, Signora … Aber ab und zu kann man ja mal eine Ausnahme machen …«

Auch gut. So konnte er sich die Wartezeit wenigstens auf angenehme Weise vertreiben.

3.

Während Fabrizio sich die Stufen hinaufschleppte, ließ ihn der Gedanke nicht los, wie veraltet das Metropole inzwischen wirkte. Überall im Tal entstanden neue Hotels, in denen dem Kunden in jeder Hinsicht das Beste geboten wurde. Man musste eben seine Fantasie bemühen. Die richtige Zielgruppe finden und das Hotel nach den Kriterien modernsten Unternehmertums umgestalten. Fabrizio hatte viele Ideen für die Zukunft des Metropole. Und er wusste, dass er damit richtig lag. Er hatte sogar mit dem Direktor darüber gesprochen.

»Du hast gute Einfälle, mein Junge. Aber wer sollte uns deiner Meinung nach das Geld dafür geben?«

»Na, die Banken, denke ich …«

»Ach ja? Dann frag sie mal und sag mir, was dabei rausgekommen ist.«

Doch in der Bank hatten sie ihm nicht einmal zugehört. Alles eine Frage von Sicherheiten, hatte man erklärt. Du kannst die innovativsten Ideen auf der ganzen Welt haben, aber ohne entsprechende Sicherheiten wirst du niemanden finden, der sie dir finanziert. Das stimmte. Er war neunundzwanzig, ein armer Teufel und würde bis zu seinem Tod in diesem Hotel arbeiten, wenn er nicht vorher auf der Liste des überflüssigen Personals landete. Und die Geschichte mit Manuela würde schon zu Ende sein, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Im dritten Stock war kein Mensch. Na ja, es war auch bereits kurz vor zwölf. Die Zimmermädchen mussten schon durch sein. Der Wagen mit den Besen und der Bettwäsche und den Handtüchern zum Wechseln parkte vor Zimmer 319. Tatsächlich, das Tablett mit dem Frühstück stand noch vor der Tür. Fabrizio klopfte, erst schüchtern, dann mit mehr Nachdruck. Keine Antwort. Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder war niemand im Zimmer – vielleicht hatte der Gast außerhalb des Hotels oder in einem anderen Zimmer geschlafen? -, oder diese Slawin hatte recht und es war etwas passiert. Seufzend holte Fabrizio die elektronische Universalkarte aus der Tasche und zog sie über das Lesegerät. Das rote Licht schaltete auf Grün. Fabrizio drückte die Klinke herunter und betrat den Raum, während er laut rief: »Hallo, mein Herr? Ist da jemand?« Den Wäschesack stellte er im Eingangsbereich ab; er lehnte ihn neben die Tür, die dadurch einen Spalt offen blieb.

Die Schlüsselkarte des Gastes steckte im Schlitz für die Beleuchtung, aber das Licht im Zimmer war ausgeschaltet. Durch einen Spalt zwischen den Vorhängen drang das trübe Licht eines nebligen Tages herein. Im Raum roch es abgestanden nach Staub und etwas, das Fabrizio zunächst nicht einzuordnen vermochte. Unter der Bettdecke war eine Silhouette zu erkennen.

»Hallo, mein Herr?«

Fabrizio ging auf das Bett zu. Wieder quoll ihm eine Wolke dieses Geruchs entgegen, den er vorher bemerkt hatte, und zwang ihn, ein paar Schritte zurückzuweichen. Der Geruch des Todes, genau das war es. Die Augen des Mannes standen weit offen. Er lag, merkwürdig verdreht, auf der linken Seite, ein Arm war zum Nachttisch hin ausgestreckt, in Richtung des Telefons. Vielleicht hatte er sich schlecht gefühlt und vergeblich versucht, Hilfe herbeizurufen. Vielleicht. Fabrizio überwand seinen Ekel und näherte sich wieder der Leiche. Die Schlafanzugjacke stand über der Brust offen, darunter schauten ein paar weiße Haare hervor. Und noch etwas. Es sah aus wie ein zusammengerolltes Stück Papier. Ein Brief? Was war, wenn der Mann noch lebte? Vielleicht konnte man ihm noch helfen? Fabrizio hätte jetzt seinen Puls fühlen oder ihm einen Spiegel vor den Mund halten müssen. Doch allein bei dem Gedanken, diesen Körper zu berühren, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter, und er spürte, wie der Brechreiz ihm sauer die Speiseröhre hochstieg. Jetzt gab es nur eine Möglichkeit: den Direktor zu alarmieren. Er hatte schon zu lange gezögert. Als Fabrizio einen Schritt in Richtung Telefon machte, stieß sein Fuß gegen einen Widerstand. Eine Reisetasche aus blauem Stoff mit dem Logo einer Fluggesellschaft. Der Reißverschluss stand offen, und man sah in dem Spalt einige Päckchen. Neugierig hob er die Tasche an. Sie war ungewöhnlich schwer. Mindestens zwanzig dieser Päckchen mussten darin sein. Er betrachtete sie genauer. Sie hatten den gleichen Verschluss wie Enteisungsmittel und erinnerten ihn an die Einkilopackungen mit diesem grobkörnigen Salz, die man in jedem Supermarkt kaufen konnte. Aber das Etikett fehlte. Und wenn man genauer hinsah, schimmerte Streusalz auch nicht so rosa … War es vielleicht Badesalz? Handelte der Mann etwa damit? Aber was tat ein Vertreter für Badesalze bei einem Steuerberaterkongress? Fabrizio sah sich um, er war verblüfft. Auf dem Nachttisch, neben dem Telefon, lag ein Stück Alufolie, darauf ein paar Körnchen rosa Salz. Salz und Alufolie. Fabrizio hielt sich natürlich für ein verkanntes Genie, aber eigentlich konnte man ihn nicht als besonders aufgeweckt bezeichnen. Trotzdem bahnte sich die Wahrheit so langsam den Weg in sein Gehirn. Mit angehaltenem Atem beugte er sich kurz entschlossen über den Toten und entfernte das Papier von seiner Brust. Das war gar kein Zettel, sondern ein Fünfzig-Euro-Schein. Damit war alles klar. Von wegen Salz. Das war Kokain. Der Mann musste sich eine üppige Dosis reingezogen haben, bevor er seine Reise ohne Wiederkehr antrat.

Kokain.

Das waren mindestens zwanzig Kilo. Was würden die auf dem Markt einbringen? Ein rumänischer Kellner hatte ihn einmal davon probieren lassen. Danach konnte er die ganze Nacht nicht schlafen, sein Herz hatte unregelmäßig geschlagen und quälende Gedanken sein Hirn gepeinigt. Der Rumäne hatte vierzig Euro pro Gramm bezahlt. Das war zwei Jahre her. Inzwischen musste der Preis für Kokain gestiegen sein, in Italien wurde doch alles teurer. Zwanzig Kilo. Zwanzigtausend Gramm für … nehmen wir mal an, fünfzig Euro pro Gramm? Na gut, Fabrizio war sicher kein Genie. Aber eines wusste er genau.

Das war sie, die große Chance seines Lebens.

Die würde er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Fabrizio rannte zur Tür, schaute vorsichtig auf den Flur hinaus. Kein Mensch zu sehen. Der Wagen mit den Putzmitteln stand noch am gleichen Platz. Er schloss die Tür, schleppte den Sack mit der Schmutzwäsche neben das Bett, zog den Reißverschluss der Tasche mit den Kokainpäckchen zu und verstaute sie zwischen der Wäsche.

Danach rief er endlich den Direktor an.

4.

Als Tornesi, von seiner Linie Koks beflügelt, von der Toilette kam, fiel ihm sofort auf, dass Marenghi verschwunden war. Im Übrigen hätte er das gar nicht übersehen können. Die Halle war vollkommen leer. Kellner räumten die benutzten Gläser von den Tischen. Ein Pärchen, Steuerberater, die wohl etwas spät dran waren, schlenderten Arm in Arm Richtung Restaurant. Zeit zum Mittagessen. Tornesi war so randvoll mit Koks, dass er überhaupt keinen Hunger verspürte. Trotzdem ging er ins Restaurant, weil er hoffte, dort wieder auf seinen Partner zu treffen, doch Marenghi blieb spurlos verschwunden. Tornesi verließ den Speisesaal und hängte sich an sein Mobiltelefon. Bei Marenghi meldete sich nur die Mailbox. Langsam wurde er wütend. Zehn zu eins, dass sein Partner die Blondine mit aufs Zimmer genommen hatte. Irgendwann würde dessen Manie für Muschis noch sein Untergang sein. Marenghi dachte nicht für zwei Cent nach. Und dabei stand so viel auf dem Spiel. Jeden Moment konnte der Südamerikaner auftauchen …. Also, Marenghi ging ihm wirklich auf den Sack! Na schön, im Moment waren sie aufeinander angewiesen. Doch früher oder später war der Ärger mit Don Saro aus der Welt geschafft, und dann … dann käme die Stunde X … Schließlich kann man nicht ein Leben lang aufeinanderhocken! Tornesi ging an die Bar und bestellte sich einen Martinicocktail. Der erste Schluck verstärkte die aufputschende Wirkung des Kokains noch. Sein Groll verschwand und wich einer Paranoia. Sein Herz klopfte heftig. Warum war der Südamerikaner immer noch nicht da? Falls irgendetwas schief ging, würde Don Saro nicht einen Augenblick zögern, seine Drohungen wahr zu machen. Leute wie er meinten es ernst. Tornesi verfluchte den Moment, in dem er begonnen hatte, mit Marenghi Geschäfte zu machen. Marenghi, der mit dieser Blondine vögelte, während man ihn vielleicht bald bei lebendigem Leibe in kleine Stücke zerreißen würde. Oder in einem Block Zement versenken. Hastig trank er noch zwei Schlucke von seinem Cocktail. Die Verabredung mit diesem Südamerikaner … wie hieß er noch? Ach ja, Silvano … Dottor Silvano … Ihr Treffen mit Silvano war für elf Uhr in der Halle angesetzt. Zwei Stunden Verspätung. Hatte er etwa seinen Flug verpasst? Und was war, wenn sie ihn am Flughafen erwischt hatten? Wenn er … wie nannte man das noch … also, wenn er »gesungen« hätte? Dann würde plötzlich die Drehtür des Hotels Metropole herumwirbeln und ein Bataillon bis an die Zähne bewaffneter Carabinieri ausspucken …Da drüben, das ist er, der dealende Steuerberater, würde eine Stimme schreien, nehmt ihn fest … Das wäre sein Ende … Wollen Sie eine Aussage machen, Signore? Marenghi konnte ihm immer noch in den Rücken fallen und sagen, er, Tornesi, sei der Kopf des Ganzen, er selbst wäre gegen seinen Willen mit hineingezogen worden …

Ganz plötzlich trat ein elegant gekleideter Mann aus einer kleinen Tür neben dem Empfangstresen, stellte sich neben den Rezeptionisten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Mann erbleichte und griff sofort zum Telefon. Paranoia hin oder her, ganz klar, da war etwas passiert. Tornesi trank seinen Martini aus, der inzwischen warm geworden war, und versuchte aufzustehen. Doch ihm wurde schwindelig und schließlich bestellte er sich noch einen Martini, während seine Paranoia langsam einem staunenden Glücksgefühl Platz machte. Er kippte einen Martini nach dem anderen, wurde zusehends betrunkener und beobachtete dabei alles, was hier an diesem frühen Nachmittag vor sich ging, wie der Zuschauer einer Farce oder die Hauptfigur eines visionären Albtraums. Der elegant gekleidete Mann, der Hoteldirektor, kam in Begleitung des zerstreuten Hausdieners, der immer noch den Sack mit der Schmutzwäsche hinter sich herzog, in die Halle zurück. Der Sack schien noch schwerer geworden zu sein, wenn man berücksichtigte, wie mühsam er ihn hinter sich herschleppte. Vielleicht war ja eine Leiche darin? Der tote Silvano? Diesen Gedanken vertrieb er mit einem weiteren Martini. Der Hausdiener verschwand und kam wieder, diesmal ohne den Sack. In der Drehtür des Metropole erschienen keine Carabinieri, die nach Blut, nach seinem Blut dürsteten, sondern zwei Ärzte vom Roten Kreuz und zwei Sanitäter, die das Rauchverbot ignorierten und stinkende Zigaretten qualmten. In der Mitte der Halle versammelte sich langsam eine kleine Menschenmenge. Die Sanitäter gingen mit ihrer zusammengefalteten Bahre die Treppe hinauf und kamen mit einem Körper, über den ein Tuch gebreitet war, wieder herunter. Der Barmann erklärte ihm schnell beim Servieren des sechsten oder siebenten Cocktails, was passiert war. Und als Marenghi endlich am späten Nachmittag wieder auftauchte, mit tiefen Augenringen und dem selbstgefälligen Auftreten eines Machos, der sich wieder einmal so richtig ausgetobt hatte, packte ihn Tornesi am Revers und zischte ihm zu: »Du wirst es nicht glauben, aber dieser verdammte Idiot Silvano hatte einen Herzinfarkt! Und jetzt zerreißt uns Don Saro ganz bestimmt in kleine Stücke!«

5.

Schöne Mädchen wie sie bekam man sonst nur in amerikanischen Filmen zu sehen. Dieser Typ, blonde Haare, ein Engelsgesicht, große, verträumt blickende blaue Augen, in denen Männer sich instinktiv verlieren wollten. Ja, die kleine Manuela war eine echte Schönheit. Das Unglück war nur, dass ihre Schönheit, da sie davon so rücksichtslos Gebrauch machte, angesichts dieses inflationären Einsatzes möglicherweise bald verwelken würde. Wenn sie einmal in sich ging und Bilanz zog, konnte sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren kaum von sich behaupten, sie hätte schon viel erreicht. Ein Verhältnis mit dem Sohn eines reichen Unternehmers aus Varese, das dieser ganz abrupt scheinbar grundlos beendete, nachdem schon von Heirat die Rede gewesen war. Da steckte bestimmt seine Familie dahinter. »Wir müssen auf unseren guten Ruf achten …« Dann hatte es in ihrem Leben einen gewissen, ebenfalls wohlhabenden Giulio aus Rom gegeben, der Filmregisseur werden wollte. Was sollte sie denn tun, wenn sie reiche junge Männer mehr anzogen als arme? Sie war eben von Natur aus so! Danach kam Bernardo, ein aufstrebender Architekt aus Florenz, und noch jemand aus der Lombardei, aus Brescia, der Erbe einer Dynastie von Metallröhrenfabrikanten, der verschwand wie der Schnee in der Sonne, nachdem er auf der Geburtstagsparty von so einer Societyschnepfe die erste Erbin traf. Schönheit vergeht eben schnell, verdammt, und sie stand immer noch mit leeren Händen da. Wie viel Zeit blieb ihr noch, um sich ihren Lebenstraum zu erfüllen? Und was war das schon für ein Traum? Eigentlich gar nichts so Besonderes. Ein Ehemann, der sie finanziell unterstützte und ihr den Weg ebnete. Für eine Karriere im Showbiz … Sie hatte eine schöne Stimme, das sagte jeder. Na ja, jeder, der sie ins Bett kriegen wollte. Nach langen Umwegen und ein paar Extras in Naturalien war es ihr gelungen, einen Termin zum Vorsingen im Bluesky in Corsico zu ergattern. Wieder ein Reinfall. Der Jazzklub – als solchen hatte man ihr das Lokal angepriesen – hatte sich als Mischung aus einer Kaschemme und einem Stripteaselokal erwiesen. Der Leiter, ein gewisser Carmelo Mandarà, ein Kalabrese mit schlechten Manieren, hatte ihr einen mündlichen Vertrag für drei Monate angeboten.

»Gut. Wann fange ich an? Und was für Musik spielt ihr hier?«

»Musik? Vielleicht hab ich mich nicht klar genug ausgedrückt, Schätzchen. Hier hast du nichts weiter zu tun, als die Getränke zu servieren und dabei deine hübschen Titten zu zeigen. Und wenn du einen Kunden besonders nett findest, dafür haben wir oben ein paar Extrazimmer. Wir bekommen dreißig Prozent, der Rest ist für dich.«

Das wurde ja immer besser. Jetzt sollte sie auch noch eine Nutte werden. Ihr Leben ging entschieden den Bach runter. Manuela wollte ihm gerade eine vernichtende Antwort geben, als Mandarà hinter dem Tresen hervorschoss und sich einem seltsamen Mann in die Arme warf, der aussah wie ein Bär. Ein mächtiger blonder Bär, zumindest ein Riesenkerl. Er allein füllte den Eingang zum Lokal völlig aus. Der Mann war einfach, wenn nicht sogar nachlässig gekleidet, er trug eine abgewetzte Jacke und weite Hosen. In seiner kräftigen Umarmung schien der schmächtige, kleine Mandarà beinahe zu verschwinden. Die beiden Männer gingen zu einem Tisch und setzten sich, ohne sie weiter zu beachten. Manuela hasste es, wenn man sie einfach so stehen ließ. Schließlich hatte sie das Angebot des Kalabresen noch nicht ausdrücklich abgelehnt. Und in ihrer Situation war ein Job so gut wie der andere, Hauptsache Arbeit. Deshalb ging sie an den Tisch, nahm sich einen Stuhl und setzte sich unaufgefordert zu den beiden Männern.

»Ich rede hier mit einem Freund, falls du nichts dagegen hast.«

Manuela ignorierte den Kalabresen. Dieser blonde Riese interessierte sie. Anscheinend war dieses Gefühl nicht einseitig, denn sie merkte sofort, dass der Mann sie anstarrte, nein, seine Augen musterten sie so intensiv, dass sie wegschauen musste. Über Männerblicke hätte Manuela ganze Bücher schreiben können. Gierige, lüsterne, geile, berechnende Blicke. Doch dieser Mann war anders. Etwas an ihm wirkte, als trüge er einen Schmerz in sich, die Erinnerung an eine glückliche Zeit, die niemals zurückkehren würde, ein Gefühl, das zu sehr brannte, als dass man es in Worte hätte fassen können. Gegen ihren Willen erschauerte Manuela. Dieser Blick erforschte sie, versuchte in ihrer Seele zu lesen. Wer war dieser Mann? Was wollte er von ihr? Plötzlich sprach er sie im Dialekt ihres Tals an. Manuela antwortete ihm. Der Mann fragte sie, was sie hier in diesem Lokal wollte.

»Das Gleiche könnte ich dich fragen«, entgegnete sie ihm stolz.

»Ich habe dich zuerst gefragt, außerdem bin ich doppelt so alt wie du. Du schuldest mir also Respekt.«

»Ich suche einen Job.«

»Bist du eine Nutte?«

»Was fällt dir ein?«

»Dann geh, ehe es zu spät ist.«

Der Kalabrese, der ihr Gespräch verfolgt hatte, ohne ein Wort davon zu verstehen, kratzte sich am Kopf und fragte lächelnd: »Kennt ihr euch?«

Der blonde Riese legte eine seiner großen Pranken auf Mandaràs Schulter und sagte: »Ich habe gehört, bei euch ist kein Job frei. Schick sie weg, verstanden?«

»Also eigentlich …«

»Ich zähle auf dich, Carmelo!«

Dann stand er auf und ging, so wie er gekommen war, eine geheimnisvolle, hochgewachsene Gestalt. In der verbrauchten Luft blieb ein leichter Geruch von Frische und Sauberkeit zurück. Der Geruch der Berge, aus denen auch Manuela stammte. Der Geruch ihrer Kindheit.

Als Mandarà ihn durch die Tür verschwinden sah, seufzte er nur kopfschüttelnd.

»Für wen hält der sich eigentlich?«, versuchte Manuela ihn aus der Reserve zu locken.

»Es tut mir leid«, sagte Mandarà, »bei uns ist kein Job frei.«

»Gibt er hier die Befehle? Ist er so ’ne Art Boss?«

Der Kalabrese holte ein Tütchen Koks aus der Tasche.

»Magst du?«

»Dieses Dreckszeug? Nie im Leben! Und wer ist nun dieser Typ?«

»Patrice? Ein Freund. Nein, mehr als ein Freund. Sagen wir mal, ich verdanke ihm mein Leben. Also, wenn er mich schon um einen kleinen Gefallen bittet, kann ich ihm den nicht verweigern … Für dich ist hier kein Platz, Kleine.«

»Was ist dieser Patrice? Ein Bulle? Ein Gangster?«

»Du bist zu neugierig. Frag ihn doch selbst, wenn du es wissen willst. Er lebt in deiner Gegend, in Morgen, Morgan oder so …«

»Morgueau …«

»Ja, genau. Morgueau. Und jetzt mach dich vom Acker, Schätzchen!«

Es war schon dunkel, als sie in Courmayeur ankam. Unterwegs hatte sie an einer Tankstelle anhalten müssen, wo es ihr allein mit einem Lächeln gelungen war, einem Angestellten einfach so ein Paar neue Schneeketten abzuschwatzen. Das letzte Stück Fahrt war ein Albtraum gewesen. Ihr alter Panda war einige Male kurz davor gewesen, den Geist aufzugeben. Jedenfalls hatte sie es geschafft. Fabrizio, der Hausdiener aus dem Metropole, stand steifgefroren vor dem Haus und wartete auf sie. In ihrer persönlichen Rangliste der Lebewesen stand er etwa auf der Stufe einer Klette.

»Heute Abend nicht, Fabri. Ich hatte einen unglaublich anstrengenden Tag.«

Der junge Mann zeigte ihr stolz eine Tasche mit dem Logo einer Fluggesellschaft.

»Da drinnen ist etwas, das dein Leben verändern könnte, Manuela!«

»Ach, wirklich? Und was? Eine Million Euro etwa? Denn weißt du, genau die …«

»Nahe dran …«

»Also gut. Was ist es?«

»Das erzähle ich dir nur, wenn du mir feierlich versprichst, dass du mich heiratest.«

»Ich hab es dir doch gesagt. Jetzt nicht. Wir reden morgen darüber, okay?«

Schließlich hatte ihre Neugier doch über ihre Müdigkeit gesiegt. Fünf Minuten später schüttete Fabrizio zwanzig Päckchen Kokain auf den winzigen Tisch in Manuelas Einzimmerwohnung.

Sieh mal einer an, diesmal hat diese Klette doch etwas richtig gemacht, dachte Manuela, während in ihrem Kopf schon ein bestimmter Plan Formen annahm. Als der Hausdiener sie treuherzig ansah, beinahe sabbernd, wie ein braver Hund, der auf seine verdiente Belohnung wartet, hatte sie furchtbare Kopfschmerzen vorgeschützt. Um dem armen Kerl aber die bittere Pille zu versüßen, hatte sie ihm erlaubt, bei ihr zu übernachten. Auf dem Sessel natürlich.

6.

Es war Schicksal, nichts anderes als Schicksal. Für Patrice bestand kein Anlass, Mandarà immer noch zu besuchen. Dieser Mann und alles, was er verkörperte, gehörten einer Vergangenheit an, die er inzwischen längst begraben hatte. Er war im Bluesky vorbeigekommen, nachdem er, wie seit zwei Jahren jeden Monat, Madre Donata fünfhundert Euro gebracht hatte. Damit sollte wenigstens ein Teil des teuren Unterhalts für Ispettore Noceras halbwüchsige Tochter abgedeckt sein. Die Tochter des Mannes, den er vor fünfzehn Jahren getötet hatte. Das Bluesky lag auf dem Weg. Mehr nicht. Die Wege des Schicksals … Mandarà war sowieso nicht mehr zu retten. Der war verdorben bis ins Mark. Patrice hatte sich wieder gesagt, das wäre sein letzter Besuch hier. Er konnte ja nicht wissen, dass er dort diesem Mädchen begegnen würde.

In den Tälern seiner Heimat erzählte man sich eine alte Legende. Von der Fee aus Pontboset. Ein Mädchen von besonderer Schönheit, das jeden Sonntag auf dem linken Ufer des Baches Oyace saß und sich seine blonden Haare kämmte, die so lang waren, dass sie die Wasseroberfläche streiften. Keinem menschlichen Auge war es vergönnt, sie zu sehen. Sobald sich ein Mann der Fee näherte, verwandelte sie sich sofort in eine züngelnde Schlange. Diese Geschichte hatte er Chantal jeden Abend erzählt, und beim Einschlafen hatte das kleine Mädchen immer die gleiche Frage gestellt: »Später verwandelt sich die Schlange doch wieder in die Fee zurück, nicht, Papa?«

»Sicher, mein kleiner Liebling, sicher verwandelt sich die Schlange wieder in die Fee zurück.« Doch im wirklichen Leben lief es anders. Das hätte er der Kleinen sagen müssen, bevor sie es selbst herausfand. In den Tälern erzählte man sich noch eine andere Legende. Von einem Jäger, der eine Schlange am Ufer eines Flusses überraschte und ihr mit dem Fuß den Kopf zertrat. Im gleichen Moment trocknete der Fluss aus und die ewige Dunkelheit des Schneesturms vertrieb für immer die Sonne aus diesem verfluchten Tal. Denn der Jäger hatte die Fee in ihrer Schlangengestalt überrascht und getötet, und so ein Frevel war nicht wiedergutzumachen. Chantal hatte nicht lange genug gelebt, um die schreckliche Wahrheit zu entdecken, dass es Jäger gibt, die die Schlangen schonen, und welche, die sie töten. Und dass allein das Schicksal darüber entscheidet, zu welcher Sorte Jäger du gehörst. Er selbst stand genau in der Mitte. In seinem früheren Leben wäre er fähig gewesen, sowohl die Fee als auch die Schlange zu töten. Bravo, Patrice. Na ja, eine Fee ist eben eine Fee und eine Schlange eine Schlange.

Patrice schüttete das vierte Glas Milch hinunter und gab Eddy einen Wink, dass er zahlen wollte. Eddy führte das Chalet am Ortsrand von Morgueau, der einzige Ort im Dorf, den Patrice regelmäßig besuchte, der einzige, wo nicht alle verstummten, sobald er hereinkam. Eddy sagte, aus seiner Zeit als Alkoholiker seien Patrice die jedes normale Maß übersteigende Konzentration auf das Trinken und der abwesende Blick geblieben, der die ganze Welt auf den Boden eines Glases zu reduzieren schien. Mit anderen Worten, er war der gleiche alte Säufer geblieben. Nur das Getränk hatte sich geändert. Patrice zahlte und nickte ihm vor dem Hinausgehen kurz zu. Keiner der anderen Gäste, vier zahnlose alte Männer, die in vollkommenem Schweigen Briscola spielten, würdigte ihn eines Blickes. Im Tal wurde er nicht als voll zugehörig betrachtet, aber man lehnte ihn auch nicht direkt ab. Zwar lud ihn niemand zu den veglie, den winterlichen Zusammenkünften, ein, aber keiner erhob Einspruch, wenn er bei der sfida delle regine auftauchte, zu der sowohl Einheimische aus der ganzen Region als auch die Touristen scharenweise nach Aosta kamen, um dem Kampf zwischen den schönsten Kühen der Welt zuzusehen. Manchmal wettete sogar einer mit ihm. Und hin und wieder lächelten sie ihm zu. Das Tal hatte Kenntnis von seiner Anwesenheit genommen und tolerierte ihn.

Zwischen dem Ortsrand und der Berghütte, die er sich gebaut hatte, als er auf Bewährung freikam, lagen drei Kilometer. Patrice ging sie zu Fuß. Die Luft roch nach eisiger Kälte. Der Mond schien zwar hell und es war klar, doch das Wetter würde bestimmt bald umschlagen. Noch vor Ende der Woche gab es sicher Schnee, vielleicht sogar einen Schneesturm. Davon profitierten die hochgelegenen Gletscher, die der Irrsinn der Menschen in Windeseile zerstörte. Der Schnee um ihn herum war schmutzig. So schmutzig wie seine Seele, die keine Ruhe fand. Einige hier nannten Patrice den »Wolfsmann«, weil er einmal dabei beobachtet worden war, als er eine vereinzelte Wölfin fütterte. Was hätte er denn tun sollen? Das Tier brauchte doch etwas, um die Kleinen in seinem Bauch zu ernähren. Ab und zu zeigte sich die Wölfin am Rand des Waldes, der seine Hütte umgab. Sie kam nie näher als zehn, fünfzehn Meter heran. Patrice wollte glauben, dass Chantals Seele in dieser Wölfin weiterlebte. Doch vielleicht irrte er sich auch und alles, was von Chantals Seele übrig war, war auf das Mädchen aus Corsico übergegangen. Sie hatte die gleichen Augen, die gleiche Haarfarbe wie Chantal. Aber sie war eine kaputte, eine verdorbene Chantal, dachte er kopfschüttelnd. Was hätte er für sie tun können, außer diesem Mistkerl Mandarà zu verbieten, aus ihr eines der Mädchen in seinem Stall zu machen? Na, dann würde sie sich eben woanders verkaufen. Die Menschen beschmutzten den Schnee, warum sollten sie nicht auch die Städte mit Schmutz überziehen? Dieses Mädchen würde er bestimmt nie wiedersehen. Für übermorgen erwartete er eine Gruppe Touristen aus der Toskana, denen er das Tal zeigen und dessen Geheimnisse und Legenden erzählen würde. Bestimmt musste er wieder mit irgendwelchen jungen Kerlen schimpfen, weil sie versuchten, ein Edelweiß zu pflücken, doch meistens sorgte allein seine imponierende Erscheinung dafür, sie wieder zur Vernunft zu bringen. Mit ein wenig Glück spürte er vielleicht einen weidenden Hirsch oder einen Steinbock an der Tränke auf. Dann fiel das Trinkgeld deutlich höher aus. Doch manchmal genügte auch eine Herde wilder Ziegen, um die Touristen in Entzücken zu versetzen und sie, zufrieden über ihr Viertelstündchen in der Natur, zur Geldbörse greifen zu lassen.

Jetzt hatte er seine Hütte fast erreicht. Er sah einen dunklen Schatten davonschnellen und witterte den unverwechselbaren Raubtiergeruch. Schließlich vernahm er das dumpfe Knurren der Wölfin ganz deutlich in der Stille der Nacht.

»Bist du das? Warte, ich hole dir ein Stück Fleisch. Ich lege es an den üblichen Platz. Gib mir nur eine Minute, in Ordnung?«

7.

Maggiore Mancuso von der Antimafia-Behörde hielt seit zwei Jahren in Folge den Rekord bei der Beschlagnahmung von Kokain im eigenen Land. Seine Vorgesetzten sparten natürlich nicht mit Lob für die unbestreitbaren Fähigkeiten dieses grimmigen Kämpfers gegen den Drogenhandel. Hätten sie allerdings seine geheimsten Gedanken gekannt, würden sie ihn auf der Stelle entlassen. Zum Glück wusste niemand darüber Bescheid.

Der Kampf gegen Drogen ist eigentlich Wahnsinn.

Wir geben einen Haufen Steuergelder für raffinierte Operationen und Lauschangriffe aus und erreichen damit höchstens ein oder zwei Prozent des ganzen Umsatzes der Dealer.

Koks ist allgemein akzeptiert.

Die Gesellschaft ist, im Großen und Ganzen betrachtet, kokainfreundlich.

Koks ist Mode.

Man sollte den Gebrauch legalisieren.

Damit träfe man die Mafiosi wirklich an ihrer empfindlichsten Stelle: am Geld.

Natürlich durfte er seine geheimen Gedanken niemandem verraten.

Und dann gab es da noch seinen Job. Die Routine. Als man ihm den Bericht über den Infarkttoten in Courmayeur übermittelte, hatte Mancuso sofort Verdacht geschöpft. Dieser angebliche Dottor Enrico Silvano, italienischer Ausweis Nummer xyz, eines von vielen Ausweisdokumenten, die am Soundsovielten in Prato gestohlen wurden … Dank der Pingeligkeit und dem hervorragenden Gedächtnis eines alten Maresciallo, der sich noch daran erinnerte, dass die gleiche Ausweisnummer vor Jahren bei einem anderen Verbrechen benutzt worden war, hatten sie herausgefunden, dass es sich um keinen Geringeren handelte als Enrique da Silva Serrano, einen »Soldaten« des Kartells aus Calì, der wegen Drogenhandels vorbestraft war und mit den Kalabresen aus Buccinasco in Verbindung stand.

»Buccinasco ist gleichbedeutend mit Don Saro Calamita«, hatte der hagere Mancuso dem arglosen Maresciallo Champorieux, dem ihm untergeordneten Kommandanten der Carabinieristation in Courmayeur, erklärt, als er mitten in seinen Imbiss aus Fontinakäse und Rotwein geplatzt war.

»Buccinasco? Call? Don Saro … Können Sie das bitte noch einmal wiederholen, Signor Maggiore?«

»Ich sehe, dass Ihnen diese Namen nichts sagen, Maresciallo, na schön. Dann will ich mal versuchen, Ihnen die Situation zu erklären …«

Mancuso redete ohne Punkt und Komma und duldete keinen Widerspruch. Es konnte einfach nicht sein, dass jemand vom Kaliber eines Da Silva Serrano zufällig in Courmayeur landet wie ein normaler, erlebnishungriger Tourist. Seine Anwesenheit im Val d’Aosta musste mit einem Drogengeschäft zusammenhängen. Vielleicht war er der Kurier.

»Aber wir haben nichts gefunden, Signor Maggiore. Nur ein paar Gramm, die er …«

»Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder haben Sie nicht gründlich genug gesucht und das Kokain ist noch im Hotel, oder …«

»Oder?«

»Da Silva Serrano war mit den Kalabresen im Geschäft. Dann hatte jemand im Hotel den Auftrag, das Zeug entgegenzunehmen. Derjenige hat sich, entweder vor oder nach dem Tod dieses Verbrechers, die Drogen unter den Nagel gerissen und sie vor unseren Augen weggetragen!«

»Aber wer? Im Hotel waren nur Steuerberater, wegen dem Kongress, wissen Sie?«

»Dann überprüft ihr jetzt eben die Steuerberater!«

»Die Steuerberater, also, ich weiß nicht …«

»Das ist ein Befehl, Maresciallo. Ich kümmere mich inzwischen um die Durchsuchung des Hotels.«

8.

Vier ganze Tage schmorten Marenghi und Tornesi im eigenen Saft, sie fuhren von einem Ferienort zum nächsten, von einer Kleinstadt zur anderen. Dazwischen legten sie im Casino von Saint Vincent einen kurzen Stopp ein, der nicht einmal eine halbe Stunde dauerte und trotzdem genügte, um sie auch das letzte bisschen Geld verlieren und die Weiterfahrt noch bedrückter antreten zu lassen. Sie stritten heftig miteinander über die weitere Vorgehensweise. Sollten sie ins Ausland flüchten oder sich Don Saro zu Füßen werfen? Ein Anruf auf Marenghis Handy löste das Problem.

Es war die Sekretärin. Jemand hatte ihre Kanzlei angezündet.

»Ich verfluche den Tag, an dem ich dich getroffen habe. Hab ich dir nicht gleich gesagt, wir müssen sofort zu ihm! Jetzt ist es zu spät …«

»Du Idiot, es ist nie zu spät!«

Also gingen sie freiwillig zu Don Saro, in der Hoffnung, den Boss durch ihr demütiges, unterwürfiges Verhalten von ihren guten Absichten zu überzeugen. Sie hofften, dass ihre Hinrichtung damit aufgeschoben sei. Hofften auf ein bisschen Zeit – und Gnade. Hofften, dass sie nicht wie Ochsenviertel an den Fleischerhaken in dem Kühlhaus enden würden, wo Don Saro sie einsperren ließ, kaum dass die beiden Pechvögel auch nur einen Fuß in die Metzgerei von Buccinasco gesetzt hatten, die als Tarnung für seine eigentlichen Geschäfte diente.

»Wir werden erfrieren!«, jammerte Tornesi. Sie waren erst zehn Minuten dort drinnen, und schon spürten sie die beißende Kälte in den Knochen.

»Das war deine Idee, du Vollidiot!«

»Ja, und du? Wolltest du nicht auf die Malediven? Und mit welchem Geld?«

»Wir hätten doch deinen verdammten SUV verkaufen können!«

»Du weißt genau, dass der auf Pump gekauft ist. Schließlich hast du doch die Verträge unterschrieben!«

»Also, der lässt uns auf keinen Fall umbringen. Nicht ehe er weiß, wo der Koks geblieben ist!«

»Und warum sperrt er uns dann hier ein? Ich komme gleich um vor Kälte!«

Nein, niemand würde sterben. Zumindest nicht an diesem Morgen. Keine zwei Minuten später zerrten drei junge Kerle sie aus dem Kühlhaus und legten sie vor Don Saros Füßen ab, der sich gerade mit einer langen Feile die Nägel polierte.

»Also, meine Herren Doktoren, haben Sie Ihr Gedächtnis ein wenig aufgefrischt?«, sagte Don Saro und lachte. Seine Jungs lachten. Tornesi und Marenghi fielen in das allgemeine Gelächter ein und bemühten sich krampfhaft, noch lauter zu lachen als die Jungs. Plötzlich verstummte Don Saro und fragte: »Das waren zwanzig Kilo Stoff. Wo sind sie jetzt?«

»Wir haben sie nicht genommen, Don Saro«, beteuerten die beiden Steuerberater einmütig. »Das schwören wir Ihnen bei den Häuptern unserer Kinder!«

»Ihr habt doch überhaupt keine Kinder, ihr Fischköpfe! Ich weiß, dass ihr die Ware nicht gestohlen habt. Dazu seid ihr zu feige. Aber das ändert nichts an meiner Frage: Wo sind meine zwanzig Kilo?«

»Wir werden sie für Sie finden, Don Saro!«, rief Marenghi erleichtert, weil er allmählich einen Ausweg aus diesem Dilemma sah.

»Darauf kannst du wetten, mein Sohn«, meinte Don Saro väterlich. Seine Jungs nickten.

»Wir fahren nach Courmayeur zurück und knöpfen uns den Mistkerl vor, der gewagt hat, Ihnen das anzutun!«

Don Saro nickte herablassend.

»Ihr habt sieben Tage, von heute an. Dann … Ihr wisst ja, was euch dann erwartet.«

»Wir werden Sie nicht enttäuschen«, erklärte Marenghi und ging zur Tür.

Tornesi blieb zögernd stehen.

»Entschuldigen Sie vielmals, Don Saro … Hätten Sie vielleicht … Sie kennen ja mein kleines Problem … Ich komme wirklich nicht ohne aus … Außerdem arbeite ich dann besser … Nur ein paar Gramm … Wir verrechnen es natürlich, wenn wir Ihnen die große Lieferung bringen, das versteht sich ja von selbst …«

Marenghi schloss verzweifelt die Augen. Das durfte doch nicht wahr sein! Dieser Volltrottel! Dieser Oberidiot! Merkte der denn wirklich gar nichts …

Als er Don Saro laut lachen hörte, öffnete er seine Augen vorsichtig.

»Aber sicher, mein Sohn, bedien dich! Was willst du haben? Filet? Lende? Oder ein Steak vom argentinischen Rind, das ist einfach himmlisch. Vergiss nicht, dies hier ist die beste Metzgerei in ganz Mailand.«

Später, als sie in dem schon erwähnten SUV saßen und Marenghi gar nicht mehr aufhörte, ihn zu beschimpfen und den Moment zu verfluchen, in dem er sich mit so einem Idioten wie ihm zusammengetan hatte, hatte Tornesi plötzlich eine Eingebung. Schon seit einigen Minuten kreisten seine Gedanken darum, er zermarterte sich das Gehirn auf der Suche nach einem verräterischen Detail, und als er es gefunden hatte, überlegte er zunächst, ob er das Ganze allein durchziehen sollte. Er konnte an einer Tankstelle halten und so tun, als müsse er zum Pinkeln. Seinen Partner, der ihm so auf die Nerven ging, dort sitzen lassen. Den Koks allein wiederbeschaffen. Don Saro wäre ihm bestimmt dankbar. Er würde ihm seine Schulden erlassen, wohlgemerkt seine Schulden, und ihn vielleicht mit ein bisschen Stoff von der besten Sorte belohnen … Doch er sah selbst ein, dass zwei Leute besser waren als einer, und beschloss, die Abrechnung mit MArenghi auf einen geeigneteren Zeitpunkt zu verschieben.

»Der Hausdiener«, sagte er mit einem Seufzer der Erleichterung. »Der mit dem Wäschesack. Er war es.«

»Von wem redest du eigentlich?«

»Also, ich erklär’s dir …«

9.

Als Carmelo Mandarà das Bluesky betrat, war es schon mitten am Nachmittag. Khaled, der Barmann aus Algerien, der die tiefe Narbe, die seinen Hals verunstaltete, unter auffälligen Schals versteckte, warf ihm einen stummen Blick zu, bevor er ihn begrüßte, und wies auf den Tisch neben der Bühne. Carmelo drehte seinen Kopf um dreißig Grad, dann entdeckte er die Kleine. Die – wie zum Teufel hieß sie noch mal? -, die Patrice für »tabu« erklärt hatte.

»Seit zwei Stunden sind sie hier«, sagte Khaled und polierte ein Glas, das er gerade gespült hatte.

»Das gefällt mir nicht.«

»Nicht Bullen, sondern, wie sagt man … locos«, erklärte Khaled in Erinnerung an die dreijährige Zuchthausstrafe in Valencia und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. »Sie ist loca, verrückt, der Typ Weichei.«

»Gib mir bitte einen Rum.«

Also das hätte er jetzt wirklich nicht gebraucht. Diese Tussie brachte nichts als Ärger. Carmelo Mandarà hatte nicht die geringste Absicht, sich mit Patrice anzulegen. Der Mann konnte gefährlich werden, sehr gefährlich. Carmelo wusste noch ganz genau, wie er die vier aus Apulien zusammengeschlagen hatte, die ihn in den Duschen im Hochsicherheitstrakt in Novara in die Mangel genommen hatten. Ein einzelner Mann gegen vier mit Messern bewaffnete Dreckskerle. Mit bloßen Händen. Er schüttete den Rum hinunter und versuchte eine finstere Miene aufzusetzen, während er auf den Tisch zuging. Mandarà hatte eine harte Nacht hinter sich, in dieser Spelunke des Chinesen, in diesem elenden Loch in Lambrate. Zu viel Rum, zu viel Stoff und vor allem zu viel Pech. Er hätte dort beinahe sein Lokal verspielt, und hätte er nicht dieses letzte gute Blatt beim Poker bekommen, müsste er jetzt Don Saro anbetteln, ihm irgendeinen dreckigen Job zu geben. Deswegen hatte er für heute eigentlich schon genug Ärger gehabt.

»Ich hatte dir doch gesagt, du sollst dich hier nicht mehr blicken lassen!«

Der Junge, Mausgesicht, Gelfrisur, eine billige Jacke, die unverkennbar den ewigen Loser verriet, bemühte sich krampfhaft, etwas wie ein selbstsicheres Lächeln hinzukriegen, und entblößte dabei eine Reihe gelber, schiefer Zähne. Khaled hatte recht, ein Weichei. Die Kleine hatte sich eine große Sonnenbrille mit Spiegelgläsern aufgesetzt und machte einen auf Vamp. Sie sah nicht übel aus. Eine Klassefrau, keine Frage. Aber tabu, denk dran, Carmelo.

»Also, was ist? Los, holt euch was zu trinken. Geht aufs Haus. Und dann … verschwindet!«

»Hol es raus«, befahl das Mädchen ganz ruhig.

Das Mausgesicht kramte in seiner Jackentasche und fummelte ein völlig zerbeultes Päckchen Zigaretten heraus, das er Mandarà zitternd hinhielt.

Der Kalabrese hob das Päckchen mit zwei Fingern hoch und ließ es angeekelt auf den Tisch fallen.

»Ich rauche nicht.«

»Mach es auf«, sagte das Mädchen im Befehlston.

»Hör dir die an! Also, Kleine, jetzt hebt ihr zwei, du und dieses Mausgesicht, euren Hintern vom Stuhl und …«

»Willst du ein bisschen Kohle machen?«, unterbrach ihn das Mädchen. Sie nahm das Päckchen und schüttete seinen Inhalt auf dem Tisch aus, häufte die weißen Kristalle zu einer verlockend funkelnden Pyramide auf. Mit gutem Recht konnte sich Mandarà als Experte auf diesem Gebiet bezeichnen und erkannte deshalb sofort, dass es sich um bolivianischen Koks bester Qualität handelte.

»Du kannst ruhig probieren«, erklärte das Mädchen, das seinen gierigen Blick bemerkt hatte.

»Khaled, schließ die Tür und komm her«, befahl Mandarà.

Der Algerier gehorchte und kam zu ihnen an den Tisch. Carmelo zog vier Linien. Die Kleine und Mausgesicht schüttelten den Kopf. Carmelo zuckte nur mit den Schultern. Er und der Araber zogen sich je eine Linie rein.

»Und?«, drängte das Mädchen.

»Nicht übel«, gab Mandarà zu.

Plötzlich sprang die Kleine auf. Das Mausgesicht folgte nach kurzem Zögern.

»Es sind zwanzig Kilo. Wir verkaufen sie nur im Ganzen für fünfundzwanzigtausend das Kilo. Wir lassen nicht mit uns handeln. So oder gar nicht. Ruf mich unter dieser Nummer an, wenn du dich entschieden hast.«

Sie warf einen Zettel mit einer Handynummer auf den Tisch und ging in Richtung Tür, ihren Partner im Schlepptau. Als sie vor dem Tresen stand, drehte sie sich noch einmal um und sagte mit einem spöttischen Lächeln:

»Du kannst das Päckchen behalten. Das geht aufs Haus.«

»Was denkst du?«, fragte Khaled, während Mandarà noch zwei Linien zog.

»Erstklassiger Stoff. Beste Ware aus Bolivien. Mindestens fünfundachtzig oder neunzig Prozent … Wenn der in die richtigen Hände kommt, können aus den zwanzig Kilo mindestens vierzig werden, wenn nicht mehr …«

»Hast du vielleicht eine halbe Million Euro?«

»Na klar! Komm, wir gehen damit zu Don Saro. Hoffentlich hat er gute Laune.«

Inzwischen schleppte sich der alte Panda über die Autobahn Mailand-Turin.

»Du warst super, Manuela! Mensch, das war wie im Kino!«

Manuela versank in Gedanken. Was sie im Moment bestimmt am wenigsten brauchen konnte, war Fabrizios Gequatsche. Es hatte vier Tage gedauert, bis sie ihn von ihrem Plan überzeugt hatte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er den Stoff einfach auf der Straße verkauft. Dieser Vollidiot. Sie hatte ihn regelrecht wieder an die Arbeit geprügelt, damit er sich nicht verdächtig machte. Ein Maresciallo der Carabinieri hatte ihn befragt, ein gutmütiger Kerl. Alles war glattgegangen. Die Bullen hatten rausgefunden, dass der Tote aus Zimmer 319 ein internationaler Rauschgifthändler war. Das Geschäft war riskant. Man musste es rasch zum Abschluss bringen. Und dann nichts wie weg hier. Für immer. Irgendwohin. Sie hatte nicht die Absicht, Fabrizio mitzunehmen. Sie würde ihm das Zeug nicht klauen, aber er sollte nach dem Deal seiner Wege gehen. Ohne sie.

Bei Mandarà war sie stark aufgetreten, hart, überzeugend. Doch innerlich fühlte sie sich schwach und verwirrt. In der Nacht hatte sie von diesem Mann aus Morgueau geträumt. Er hatte sie wie ein Kind in seinen Armen gewiegt, ihr eine Geschichte erzählt … Niemand hatte ihr je Geschichten erzählt, niemand hatte sie je wie ein Kind in den Armen gewiegt … Und als sie aufwachte, hatte sie sich dabei ertappt, dass sie sich fragte, ob der Traum etwas bedeuten sollte. In den Armen dieses Bären mit dem blonden Haar hatte sie sich beschützt gefühlt. Und so rein wie der Geruch von frisch gefallenem Schnee. Sie hatte seinen Namen und den des Dorfes auf ein Blatt Papier geschrieben: Patrice aus Morgueau. Wie eine Art naive Beschwörungsformel.

10.

Tornesi und Marenghi nahmen sich zwei Zimmer im Metropole. Eine Entscheidung, die zu dem üblichen erbitterten Streit zwischen ihnen geführt hatte. Marenghi meinte, damit würden sie sich nur verdächtig machen, Tornesi wiederholte ständig, keiner würde zwei unbescholtene Steuerberater verdächtigen. Darauf hatte Marenghi erwidert, niemand wäre über jeden Verdacht erhaben. Tornesi überzeugte ihn schließlich mit dem Argument, ihre Anwesenheit würde nur dann Verdacht erregen, wenn sie ein Zimmer in irgendeinem anderen Hotel nähmen und dann in der Halle des Metropole herumlungerten. Der Direktor würde sie bestimmt wiedererkennen. Sie begründeten ihre Rückkehr damit, dass sie eine Woche Urlaub anhängten und sich in diesem Hotel bei ihrem letzten Aufenthalt hier so wohl gefühlt hätten.

»Bis auf den kleinen Zwischenfall«, fügte Marenghi lächelnd hinzu. »Den mit dem Toten.«

»Ach, hören Sie mir bloß mit dem auf, Dottore. Er hat so einen soliden Eindruck gemacht … also, jedenfalls das Wenige, was man von ihm gesehen hat, … und dann … ein Rauschgifthändler, oh Gott! Andererseits, wenn man die Verantwortung für ein großes Hotel trägt …«

Aus dem Wortschwall des geschwätzigen Direktors hatten sie erfahren, dass das Leben im Hotel Metropole wieder seinen gewohnten Gang ging und es beim Personal keine Ausfälle gegeben hatte. Also war der Hausdiener mit dem Wäschesack noch dort.

»Glaubst du etwa, jemand, der gerade zwanzig Kilo Stoff in die Finger bekommen hat, macht einfach weiter seinen Job?«, war Marenghi aufgebraust.

»Genau das tut er, wenn er nur ein bisschen Grips im Kopf hat.«

Tornesi verschwand auf der Suche nach Informationen und tauchte erst ein paar Stunden später wieder auf.

»Ich habe mit einem Zimmermädchen gesprochen, einer Polin …«

»Natürlich …«

»Unser Mann heißt Fabrizio und wohnt in der Stadt. Er hat aber heute frei.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Wir warten, bis er wieder zur Arbeit kommt.«

»Und dann?«

»Dann entscheiden wir ganz spontan, in Ordnung?«

Für Marenghi war es nicht zu übersehen, dass sein Partner schnell wieder Oberwasser bekam, seit er sich aus Gründen höherer Gewalt keinen Koks mehr reinziehen konnte. Er ertappte sich dabei, dass er noch einmal über die schon beschlossene Auflösung ihrer Firma nachdachte. Vielleicht konnte man doch noch ein Stück Weges gemeinsam gehen. Tornesi hatte seine Meinung jedoch nicht geändert. Inzwischen war ihm Marenghi regelrecht zuwider. Wenn sie das Geschäft abgewickelt hätten, würde er ein wenig für sich abzweigen. Na ja, vielleicht ein Kilo Stoff. Die Schuld würde man natürlich dem Hausdiener in die Schuhe schieben. Sollte der sich doch dann mit Don Saro auseinandersetzen. Mit diesem Kilo würde er wieder ins Geschäft kommen. Einen kleinen Teil für sich behalten. Und den Rest verkaufen. Mit dem Gewinn, den er dabei erzielte, konnte er sich ein Boot kaufen und um die Welt segeln. Und dann bye-bye, Marenghi.

»Ich übernehme die erste Schicht«, bot Marenghi an.

Sie hatten beschlossen, die Halle zu beobachten und sich dabei alle drei Stunden abzuwechseln.

Tornesi nickte, doch er ermahnte seinen Partner: Keine blassen Blondinen, keine Alleingänge. Nur beobachten und ihm Bericht erstatten, wenn etwas geschah.

11.

Don Saro ließ Ciccio Mezzanotte, den Neffen eines Cousins von Rosarno, den Stoff kosten. Der bestätigte Mandaràs Einschätzung: höchster Reinheitsgehalt, um die neunzig Prozent.

»Erzähl mir was über diese figgiola, Carmelino.«

»Sie sieht aus wie eine kleine Schlampe, aber sie verhandelt knallhart wie ein Kerl.«

Als ihm Mandarà noch erzählte, sie käme aus Courmayeur, läutete in Don Saros Kopf die erste Alarmglocke.

»Wie viel Stoff bringt sie denn?«

»Zwanzig Kilo, hat sie gesagt.«

Aus der Glocke wurde ein ganzes Kirchengeläut. Don Saro bedeutete Mandarà zu schweigen, stützte den Kopf in die Hände und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

Courmayeur. Verschwundene Drogen. Höchster Reinheitsgehalt. Feinstes Kokain aus Bolivien. Verschwundene Drogen. Drogen, die urplötzlich von irgendjemand auf den Markt geworfen wurden. Das war sein Stoff, ganz sicher. Der von den Kolumbianern aus Call. Falls das wirklich stimmte, gab es zwei Möglichkeiten. Der verdammte, verfluchte Hurensohn Maggiore Mancuso von den Carabinieri hatte einen sehr raffinierten Plan auf die Beine gestellt, um ihn dranzukriegen. Dann handelte das Mädchen in seinem Auftrag und war eine Undercoveragentin. Oder die kleine Schlampe war überraschend in den Besitz dieses Schatzes gekommen und versuchte jetzt, sich auf seine Kosten zu bereichern. So oder so musste er handeln. Aber vorsichtig. Don Saros Vorstellungen von Vorsicht spiegelten sich in allen möglichen Aussprüchen wider, für die er im gesamten Hinterland von Mailand bekannt war: Tote reden nicht. Warum erst Zeit mit Fragen verschwenden, wenn du das Gleiche mit einem Tritt in die Eier in ein paar Sekunden erreichst? Wenn du jemanden verdächtigst, häng ihn lieber gleich auf, ohne erst lange zu fragen. Irgendwas hat er bestimmt verbrochen. Verbrenn dir nie selbst die Finger, wenn etwas gefährlich ist. Im Grunde waren es nur wenige, aber elementare Regeln, durch die er mit über fünfundfünfzig zum gefürchteten Boss von Buccinasco geworden war. Nur keine Experimente, sapi chiddu ca lassa e nun sapi chiddu ca trova, wie es so schön hieß.

»Also, ich sag dir jetzt mal, was du tun wirst, Carmelino.«

12.

Tornesi erkannte den Hausdiener wieder, als er ihm so plötzlich gegenüberstand, und konnte nicht verhindern, dass er zusammenzuckte. Sie waren sozusagen an der Tür zu Tornesis Zimmer im fünften Stock des Metropole aufeinandergeprallt. Tornesi wollte gerade frühstücken gehen, der Hausdiener trug wieder einen Wäschesack über der Schulter. Das wirkte langsam wie eine schlechte Angewohnheit. Diesmal war der Sack leer. Tornesi überlegte kurz, sich den Kerl zu schnappen, ihn ins Zimmer hineinzuzerren und ein Geständnis aus ihm herauszuprügeln. Doch er hielt sich zurück. Der andere war fast noch ein Junge, schmächtig und vollkommen unscheinbar … Aber was passierte, wenn er bewaffnet war? Oder um Hilfe rief? Der Hausdiener entschuldigte sich mit einem angedeuteten Lächeln. Tornesi winkte großmütig ab und ging Marenghi wecken. Einige Minuten später, beim Frühstück, kam wieder die ängstliche Frage auf: Was machen wir jetzt?

»Also, ich habe mir überlegt …«, fing Marenghi an. »Wie schaffen wir es, den Stoff wiederzubekommen? Ich meine … stürzen wir uns auf ihn, schlagen wir ihn zusammen … Und dann, wo und wann soll das Ganze …«

»Verdammt, sei doch mal still, ich denke nach …«

»Vielleicht ist der Stoff ja noch im Hotel …«

»Red keinen Unsinn. Er hat ihn bestimmt an einen sicheren Ort gebracht und versucht gerade, ihn zu verkaufen …«

»Und wenn er ihn schon verkauft hat?«

»Ganz sicher nicht. Dann hätte er seinen Job aufgegeben.«

»Stimmt, klar!«

Tornesi schenkte sich eine Tasse Filterkaffee ein. In dem Maße, wie die Wirkung des Kokains nachließ, schärften sich seine Sinne, und sein Hirn überlegte fieberhaft. Plötzlich überfielen ihn furchtbare Zweifel. Er stützte sich auf bloße Vermutungen, die durch nichts begründet waren. Der Hausdiener transportiert einen schweren Sack und entdeckt den Toten. Als er wieder auftaucht, ist der Sack noch schwerer, das erkennt man daran, wie mühsam er ihn schleppt. Das glaubte er gesehen zu haben. Darauf basierte seine Theorie. Doch da war er völlig zugekokst gewesen. Und wenn er sich geirrt hatte?

»Gehen wir wieder in die Halle zurück?«, schlug Marenghi vor.

»Ja gut«, stöhnte Tornesi.

Die Stunden schleppten sich erbarmungslos langsam dahin. Der Hausdiener kam und ging. Alles wirkte so verflucht normal. Tornesis Angst wuchs. Marenghi, der unter Stress stand und deshalb von Minute zu Minute unerträglicher wurde, bedeutete eine zusätzliche Strafe für ihn. Seine ständigen Fragen zermürbten Tornesi so, dass er sich entschloss, ein wenig Luft schnappen zu gehen. Es wurde langsam dunkel. Ein kalter Wind war aufgekommen. Tornesi bedauerte, weder Pelzmantel noch Pelzmütze eingepackt zu haben. Er hatte gehört, wie der Hoteldirektor einem deutschen Touristen erzählte, es sei ein Schneesturm angekündigt und deshalb habe man alle Ausflüge für den morgigen Tag abgesagt. Das hätte ihnen gerade noch gefehlt, wenn sie hier in Courmayeur festsäßen! Tornesi drehte zwei Runden über den Platz vor dem Hoteleingang. Ihr SUV parkte unter einer Überdachung, die ihn vor dem Schnee schützte, der erst spärlich, nun aber in immer dichteren Flocken fiel. Er würde die Schneeketten aufziehen müssen, falls er jemanden verfolgen musste, daran führte kein Weg vorbei. Dann tat er das doch lieber gleich. Ein bisschen körperliche Betätigung löste bestimmt seine Anspannung. Er öffnete den Kofferraum, holte die Schneeketten heraus und hantierte ein wenig an den Verschlüssen. Das Ganze dauerte eine gute halbe Stunde, aber dann war alles fertig. Plötzlich schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf: Er besaß keine Waffe. Na, und selbst wenn? Keiner von ihnen konnte richtig schießen oder war ein Killer. Sie waren nur zwei dumme Dilettanten. Wie waren sie eigentlich da reingerutscht? Gab es für sie noch ein Zurück? Tornesi erinnerte sich sehnsüchtig an die Zeiten im Koksrausch. Früher hätte er sich diese Fragen bestimmt nicht gestellt. Aber gerade weil er niemals nachgedacht hatte, stand jetzt sein Leben auf dem Spiel. Sein Blick fiel auf die gelbe Wegfahrsperre, die das Lenkrad blockierte. Richtig eingesetzt konnte er damit vielleicht …

Er montierte sie ab, packte sie in eine zerknitterte Einkaufstüte aus einem eleganten Mailänder Geschäft in der Via MontenapoLeóne, dann ging er ins Hotel zurück.

»Warst du einkaufen?«, fragte ihn Marenghi, der leichenblass vor seinem vierten Whisky saß.

»Ja klar, in Mailand«, antwortete Tornesi sarkastisch und zeigte ihm die Wegfahrsperre.

»Was sollen wir damit?«

»Du hältst ihn fest und ich schlage ihn nieder. Dann sagt er uns, wo das Zeug ist, und wir bringen das Ganze hinter uns. Der zeigt uns bestimmt nicht an!«

In diesem Moment betrat das Mädchen den Raum. Sie war groß, blond und unglaublich schön.

»Schau mal da!«, flüsterte Marenghi.

»Jetzt nicht, du geiler Bock!«

»Nein, sieh dir mal den Hausdiener an!«

Der trug jetzt Straßenkleidung und lief schnell auf das Mädchen zu. Die beiden redeten kurz miteinander, dann hakte sie sich entschlossen bei ihm unter. Beide verließen hastig das Hotel.

»Los, gehen wir!«, befahl Tornesi.

13.

Mandarà erreichte Courmayeur in der Abenddämmerung. In einem »sauberen« BMW. Unterwegs hatte er anhalten müssen, um die Schneeketten aufzuziehen. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. Hoffentlich wurden die Straßen nicht gesperrt! Sein Plan war, nach Mailand zurückzufahren, sobald er alles erledigt hatte. Es war sinnlos, mit zwei Toten auf dem Gewissen – wenn es nicht sogar noch mehr würden – in Courmayeur zu bleiben. Don Saro hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Er sollte die Waffe verschwinden lassen, eine Beretta, die man vor Jahren irgendeinem Bullen geklaut hatte, und ihm dann sofort den Stoff übergeben. Das war nicht der erste Mord, mit dem man ihn beauftragte, und bestimmt nicht der letzte. Es machte ihm nicht besonders viel aus, jemanden umzubringen, aber ein bisschen Stoff half ihm doch, ruhig zu bleiben und Fehler zu vermeiden. Don Saro hasste Fehler. Deswegen hatte Mandarà auch nicht mit der Wimper gezuckt, als der Boss ihm befohlen hatte, das Mädchen und alle, die mit ihr zu tun hatten, zu töten. »Auch die beiden Steuerberater, wenn sie noch da rumlaufen.« Mit Don Saro war nicht zu spaßen. Wie hätte er reagiert, wenn Mandarà sich für die Kleine verwendet hätte? Dann hätte er ihm erklären müssen, dass er Patrice sein Leben verdankte, dass Patrice das Mädchen beschützte und dass das Gesetz der Ehre von ihm verlangte, sie zu verschonen. Oder dass zumindest nicht er, Carmelo Mandarà, der Patrice etwas schuldig war, sie umbrachte. Aber wenn er in den fünfzehn Jahren, die er für die Mafia arbeitete, etwas gelernt hatte, dann das: Die Ehre war eine fromme Lüge aus Romanen. Es gab keine Ehre. In seiner Welt ging es nur um Profit. Also, das war’s dann, Kleine. Hoffentlich würde Patrice es nie erfahren!

Als er dem Mädchen am Telefon erklärt hatte, sie könnten ins Geschäft kommen, hatte er versucht, sie dazu zu bringen, den Stoff in Mailand zu übergeben. Doch sie hatte sich stur gestellt. Entweder in Courmayeur oder gar nicht. Carmelo musste nachgeben. Das Mädchen hatte ihm eine Adresse diktiert. Mandarà hatte sich eine Karte aus dem Internet heruntergeladen und deshalb den Weg leicht gefunden. Irgendein Idiot versuchte gerade, seinen SUV in eine freie Parklücke einzufädeln. Carmelo kam ihm zuvor und stieg aus seinem Wagen, ohne auf das wütende Hupen zu achten.

»Hast du den gesehen? Also, was erlaubt der sich eigentlich …«, regte sich Marenghi auf, als dieses Schlitzohr mit dem BMW ihm den Parkplatz weggeschnappt hatte.

»Komm, lass den Kerl, um den kümmern wir uns später.«

Bevor er ausstieg, nahm Tornesi die Tüte mit der Lenkradkralle an sich. Dann schlüpfte er in den Eingang, durch den kurz vorher der Hausdiener und das Mädchen verschwunden waren. Marenghi folgte ihm.

14.

Informationen der Carabinieri kommen früher oder später, aber sie kommen bestimmt. Ausführlich, bis ins letzte Detail. Das Schlimme ist nur, meist kommen sie eher später. In diesem Fall konnten fünf Tage eine Ewigkeit bedeuten, dachte Maggiore Mancuso, während er die Berichte über die Steuerberater durchblätterte, die sich auf seinem Schreibtisch stapelten. Die Übergabe hatte vielleicht längst stattgefunden, und jetzt konnte das Kokain schon Gott weiß wo sein. Aber ein Anhaltspunkt blieb ihm noch: Bestimmt waren es Tornesi und Marenghi gewesen. Bis über beide Ohren verschuldet. In eine Geschichte mit getürkten Rechnungen verwickelt, von Firmen, die, rein zufällig, in Verbindung zu Don Saro, dem Kalabresen, standen. Außerdem hatte jemand den netten Einfall gehabt, ihre Kanzlei in Lambrate anzuzünden, und das kaum drei Tage nachdem dieser Kolumbianer an einem Herzinfarkt gestorben war. Falls die beiden Steuerberater, wie er zunächst angenommen hatte, zu Don Saros Männern gehörten, brachte die Verwüstung ihrer Kanzlei eine neue, recht entscheidende Wendung ins Spiel. Wer hatte sich nach der Übergabe des Stoffs so über sie geärgert? Don Saro? Warum sollte er? Außer, die Übergabe war geplatzt. Vielleicht hatte Don Saro seinen Stoff nicht bekommen und deshalb angenommen, die beiden Mailänder hätten ihn übers Ohr gehauen. Andererseits war es eher unwahrscheinlich, dass die beiden Steuerberater, selbst wenn sie sich im Dunstkreis der Unterwelt bewegten, versuchten, einen so schlauen, brutalen Boss reinzulegen. Also musste noch etwas anderes dahinterstecken. Als Erstes würde er sich jetzt mal die beiden vorknöpfen. Maggiore Mancuso erteilte einem jungen Unteroffizier Befehle, dann rief er Maresciallo Champorieux von den Carabinieri »Steuerberater? Also hatten Sie recht, Maggiore, entschuldigen Sie meinen Einwand, aber ich kann immer noch nicht glauben …«

»Wirklich? Wir haben mal auf dem Flughafen von Rom einen Bischof der orthodoxen Kirche geschnappt, der hatte fünfzehn Kilo reinstes Heroin in seinem Koffer. Danach haben wir unsere Hunde in eine Klinik schicken müssen, weil sie völlig durch den Wind waren … Und Sie wundern sich, dass zwei Steuerberater zu so etwas fähig sind, Maresciallo?«

Vielleicht hatte Maggiore Mancuso ja recht, dachte der Maresciallo, während er eine Gabel voll Tagliolini mit Trüffeln in den Mund schob, aber er mochte ihn trotzdem nicht.

15.

Das Wohnhaus hatte drei Stockwerke. Tornesi schlug vor, sie sollten oben anfangen, doch Marenghi würdigte ihn keiner Antwort und drückte wie wild auf die Klingel der Wohnung im Erdgeschoss. Dort öffnete ihm eine alte Schabracke mit Lockenwicklern im Haar die Tür. Tornesi rückte abrupt von seinem Partner ab und fragte ganz höflich nach dem Mädchen. Die Frau sah ihn an, als verstünde sie kein Italienisch, dann schüttelte sie nur stumm den Kopf und deutete mit dem Zeigefinger nach oben. Sie wollten gerade an die Tür im zweiten Stock klopfen, als sie einen Schrei hörten, dem ein dumpfer Knall folgte. Das kam aus dem obersten Stockwerk. Sie stürmten hinauf. Marenghi rammte die Tür mit einem kräftigen Schulterstoß auf. Tornesi folgte ihm und schwang dabei die Wegfahrsperre. In der Mitte des kleinen Zimmers stand ein Mann mit einer Pistole. Der Hausdiener lag mit dem Rücken auf dem Boden, er krümmte sich und zitterte wie wild. Das Mädchen hatte den Mund in einem stummen Schrei weit aufgerissen. Über ihrer Schulter hing eine Reisetasche mit dem Logo einer Fluggesellschaft.

»Oh, Scheiße!«, entfuhr es Marenghi.

Der Mann mit der Waffe schnellte herum und feuerte. Marenghi drehte sich einmal um sich selbst und fiel mit einem leisen Stöhnen zu Boden. Tornesi reagierte instinktiv. Er hob die Wegfahrsperre, stürzte sich auf den Mann mit der Pistole, bevor der noch einmal schießen konnte, und ließ die Lenkradkralle auf den Arm mit der Waffe niedersausen. Der Mann brüllte vor Schmerz. Tornesi stieß ihn weg. Darauf folgte ein Moment halb tragischer, halb komischer Spannung, in dem sie beide versuchten, nach der Pistole zu greifen. Tornesi sah gerade noch, dass sich hinter ihm etwas bewegte. Kurz daraufhörte er ein klickendes Geräusch, und plötzlich war es dunkel im Zimmer.

»Diese verfluchte kleine Schlampe!«, brüllte der andere Mann.

Als etwas dicht an Tornesis Seite vorbeistrich, hob er die Wegfahrsperre und schlug noch einmal zu. Wieder schrie jemand auf. Damit schien sich alles beruhigt zu haben. Erleichtert tastete sich Tornesi zum Lichtschalter vor. Jetzt sah er, dass der andere Mann seinen rechten Arm hielt und vor Schmerzen jaulte. Seine Hand hatte sich in ein geschwollenes, bläuliches Anhängsel verwandelt.

Der Hausdiener bewegte sich nicht. Marenghi lebte auch nicht mehr. Das Mädchen und die Tasche waren spurlos verschwunden. Tornesi sah die Pistole, hob sie in aller Ruhe auf und richtete sie auf den Mann.

»Was hast du vor?«, fragte der ihn.

»Das Gleiche, was du gerade mit meinem Partner gemacht hast.«

»Dann findest du das Mädchen nie.«

»Ist mir doch egal. Die ganze Geschichte ist mir eine Nummer zu groß.«

»Das wird Don Saro gar nicht gefallen.«

»Darum kümmere ich mich später.«

»Um Himmels willen, warte doch mal«, flehte Mandarà. »Vielleicht gibt es noch eine Möglichkeit. Ich weiß nämlich, wo das Mädchen ist.«

Tornesi überlegte kurz, dann senkte er die Waffe.

»Ja, das könnte eine Lösung sein«, antwortete er gelassen.

16.

Maggiore Mancuso traf mitten in der Nacht am Tatort ein. Als Maresciallo Champorieux ihn fragte, wie es ihm gelungen war, Courmayeur in diesem Schneesturm zu erreichen, antwortete Mancuso ihm knapp: »Per Hubschrauber.«

»Aber Sie kommen hier nicht wieder weg … zumindest nicht vor morgen …«

»Wer will denn hier weg? Das Leben ist manchmal seltsam, Maresciallo. Ich habe meine verlorenen Schäfchen in Mailand gesucht, und die lassen sich doch tatsächlich hier in den Bergen erschießen. Informieren Sie mich bitte schnell über die Lage …«

Kurz darauf wusste er Bescheid. Keine seiner beiden Theorien über Da Silva Serranos Tod stimmte. Diese unfassbaren Ereignisse eröffneten eine dritte Möglichkeit. Er musste daran denken, ein Kapitel mit dieser Überschrift in die nächste Ausgabe ihres internen Ermittlungshandbuchs einzufügen. Die dritte Möglichkeit.

»Verstehen Sie? Ein kleiner, einfältiger Hausdiener bekommt plötzlich eine große Menge Drogen in die Finger und beschließt daraufhin, sein Leben gründlich umzukrempeln.«

»Ja, aber ich frage mich trotzdem: Wo ist der Stoff jetzt?«

»Nun, da gibt es mehrere Möglichkeiten. Sie waren bestimmt nicht allein …«

»Die Nachbarn haben von drei Männern und einer jungen Frau gesprochen.«

»Dieser jungen Frau?«, fragte Mancuso und zeigte auf Manuelas Foto, das in einem Rahmen auf einem kleinen Bord neben dem Telefon stand.

»Vielleicht. Ihr Gesicht ist mir völlig unbekannt. Falls sie es wirklich war, könnte es sich um Manuela Perroz handeln. Der Mietvertrag läuft auf ihren Namen. Mehr weiß ich nicht …«

Mancuso, der gerade die Seiten eines aufgeklappten Notizbuches ausschüttelte, sah einen handgeschriebenen Zettel dort herausfallen.

»Sagen Ihnen die Namen Patrice und Morgueau etwas, Maresciallo?«

»Na ja, schon … Also, Morgueau ist ein Dorf am Ende des gleichnamigen Tals. Wir nennen es das letzte Tal, da sofort hinter dem Pic d’Aigles Frankreich beginnt … Ein wunderbarer Ort, sehr idyllisch …«

»Und Patrice?«

»Das müsste eigentlich dieser Mann sein, der auf Bewährung draußen ist … Ja genau, das ist er … Patrice Moreillon. War mal ein tüchtiger Kerl, vielleicht ein bisschen ungehobelt. Dann ist ihm ein Unglück nach dem anderen zugestoßen. Zuerst starb seine Frau bei einem Verkehrsunfall, später seine Tochter an einer unheilbaren Krankheit. Danach hat er angefangen zu trinken. Sie wissen ja, wie so was läuft, Signor Maggiore, also, um es kurz zu machen: Er hat zwölf Jahre wegen Raubmords bekommen … Aber jetzt dreht er keine krummen Dinger mehr! Anscheinend zahlt er jeden Monat etwas Geld an die Witwe des Opfers. Glauben Sie, dass …«

»Ich glaube, dass Verbrecher sich nie ändern, Maresciallo. Deshalb möchte ich mich mit diesem interessanten Subjekt mal kurz unterhalten …«

»Da werden wir wohl zumindest bis morgen warten müssen, Signor Maggiore.«

»Morgen ist es zu spät.«

»Hmm, in Morgueau haben wir keine Leute sitzen, und bei diesem Schneesturm …«

»Gut. Dann brechen wir sofort auf.«

»Begreifen Sie denn nicht, Signor Maggiore? Ehe das Wetter sich nicht ändert, ist es praktisch unmöglich …«

»Ich glaube, Sie sind ein anständiger Kerl, Maresciallo, aber Sie haben eine schlechte Angewohnheit, die für einen Carabiniere untragbar ist: Sie diskutieren über Befehle!«

Nachdem er zwei Stunden lang alle Möglichkeiten durchgespielt hatte, musste sich angesichts der hoffnungslosen Kombination aus fehlender Technik und widriger Witterung selbst Maggiore Mancuso geschlagen geben. Es bestand auch wirklich nicht die geringste Chance, Morgueau zu erreichen. Sämtliche Wege waren unpassierbar. Man kam weder auf der Straße noch mit dem Hubschrauber dorthin. Den beiden Carabinieri blieb nichts anderes übrig, als den nächsten Morgen abzuwarten, um sich in Bewegung zu setzen. Zum Ausgleich dafür lernte Mancuso einige gute Eigenschaften seines Untergebenen kennen, darunter die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Valdostaner. Dieses letzte Glas, das achte, um genau zu sein, das er nach einem anständigen Hirschschinken und anderen Spezialitäten getrunken hatte, würde ihm in langer, glücklicher und entschieden alkoholgetränkter Erinnerung bleiben.

17.

Manuela hatte beobachtet, wie sie gingen. Dieser Kalabrese, der, ohne mit der Wimper zu zucken, auf Fabrizio geschossen hatte, und dieser merkwürdige Typ, der wirkte wie ein Steuerberater aus Mailand. Ein Arm des Kalabresen hing schlaff am Körper herab. Es sah aus, als hätte er Schmerzen. Die beiden waren in einen schwarzen SUV gestiegen und hatten die Straße in die Berge genommen. Manuela hatte sich in ihrem Panda hinter das Armaturenbrett geduckt und so die Ankunft der Carabinieri beobachtet. Sicher hatten die Nachbarn sie gerufen. Die Tasche mit dem Kokain auf dem Beifahrersitz schien heimtückisch zu leuchten. Patrice. Sie wollte nach Morgueau. Er würde ihr aus der Patsche helfen. Er würde ihr beistehen. Sie fuhr los und schaffte es mit Mühe und Not an den Ortsrand. Von dort an musste sie zu Fuß gehen. Der Schnee fiel in unkontrollierbaren Wirbeln. Die Straßen waren menschenleer, weil unbefahrbar. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, ob Patrice im Ort oder außerhalb wohnte. Und sie sah keinen einzigen Menschen, den sie hätte fragen können. Dennoch spürte sie, dass sie ihn finden würde. Alles würde gut werden. Sie war überzeugt davon, dass sie ihr Leben nicht in dieser Nacht beschließen würde.

Irgendwann endete das Dorf abrupt. Vor ihr öffneten sich zwei Wege. Jetzt konnte sie nur noch eine Münze werfen. Dieser Gedanke entlockte ihr ein kurzes, hysterisches Lachen. Sie entschied sich für den Weg nach rechts. Nach wenigen Schritten entdeckte sie einen Trampelpfad und folgte ihm. Sie tastete sich blind vorwärts, nur die Angst, ihre Müdigkeit oder vielleicht auch die Gewissheit, dass ihr Leben bisher völlig inhaltslos gewesen war, hielten sie aufrecht. Nach und nach verschwand der Pfad unter dem frisch gefallenen Schnee. Der Wind heulte und peitschte ihr Zweige ins Gesicht. Manuela fing an zu zittern. Die Dunkelheit um sie herum wurde immer undurchdringlicher. Irgendwann – sie hätte nicht sagen können, wie viel Zeit inzwischen vergangen war, ob sie überhaupt vorwärtsgekommen war oder einfach nur sinnlos im Kreis herumlief – hörte sie ganz deutlich ein Heulen. Ein Wolf? In dieser Gegend sah man manchmal welche. Ein Wolf, der genauso friert und genauso hungrig ist wie ich. Aber ein Wolf ist viel, viel stärker als ich. Wölfe mögen kein Kokain, schoss ihr plötzlich durch den Kopf. Sie könnten sowieso nichts damit anfangen. Weder mit dem Kokain noch mit dem Geld, das man damit machen kann. Manuela empfand einen tiefen Neid auf die Wölfe. In ihrem Kopf drehte sich alles. Jetzt zitterte sie nicht nur vor Kälte, sondern ihr war auch noch abwechselnd heiß und kalt. Bald würde ihr die Kraft fehlen weiterzugehen. Ich werde mich in eine Felsspalte kauern und mich vom Schnee zudecken lassen. Es heißt, der Schnee tötet einen sanft. Oder wird der Wolf schneller sein? Plötzlich schrie sie, so laut sie konnte, den Namen dieses riesigen Mannes, der sie retten sollte. »Patrice«, schrie sie, »Patrice, hilf mir doch!« Wieder heulte der Wolf, er war näher gekommen, und es klang wie ein höhnisches Echo auf ihren Hilferuf. Als ihr Fuß gegen eine Wurzel stieß, verlor Manuela das Gleichgewicht und fiel mit dem Gesicht nach unten in den Schnee. Sie schaffte es gerade noch, sich auf die Seite zu drehen, bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor.

»Hast du das gehört, he, hast du das gehört?«

»Was?«

»Das muss ein großer Hund sein … oder ein Wolf. Gibt es hier Wölfe?«

»Was weiß denn ich? Ich komme genauso aus Mailand wie du. Außerdem höre ich nichts. Mein Arm tut so weh, dass ich verrückt werden könnte. Lass uns bitte stehen bleiben.«

»Bist du wahnsinnig! Los, vorwärts, du Ungeheuer, oder ich erschieße dich auf der Stelle.«

»Tu’s doch. Ich kann nicht mehr.«

Tornesi richtete die Taschenlampe, die er mitgebracht hatte, auf den Kalabresen und betrachtete ihn. Der Mann sah übel aus. Man konnte förmlich dabei zuschauen, wie sein Arm blau anlief. Den hatte er ihm bestimmt gebrochen, als er mit der Wegfahrsperre zugeschlagen hatte. Mandarà – der Mann hatte vorhin gesagt, er hieße Carmelo Mandarà – konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Inzwischen musste noch eine Infektion oder so etwas Ähnliches dazugekommen sein. Allmählich wurde ihm dieser armselige Killer immer mehr zur Last. Seufzend blieb Tornesi stehen. Er konnte ihm ja eine kurze Pause gönnen. Schließlich brauchte er den Kalabresen lebend. Lebend und bei Bewusstsein. Ohne ihn würde er die Hütte dieses Kerls nie finden, bei dem sich die Kleine versteckt hielt. Falls Mandarà nicht gelogen hatte, um seine Haut zu retten.

»Ich schwöre es dir! Als wir ins Zimmer kamen, stritten sich die beiden gerade. Sie sagte zu ihm, sie würde ihn nie heiraten, und sobald das Geschäft abgeschlossen sei, ginge sie zu ihrem Freund nach Morgueau …«

»Und woher kennst du diesen Freund aus Morgueau?«

»Ich habe sie auch noch bekannt gemacht, stell dir das mal vor!«

Deshalb sollte der Kalabrese am Leben bleiben, zumindest, bis er ihn zu dem Stoff geführt hatte. Und vielleicht auch danach. Tornesi war nicht besonders wild darauf, jemanden zu ermorden. Nach dem Tod seines Partners sah er die Sache in einem ganz neuen Licht. Jetzt wollte er nur noch raus aus diesem Schlamassel. Er würde Don Saro den Stoff zurückbringen und dann nichts wie weg. In eine andere Welt. Ein anderes Leben. Aber vorher mussten sie die Kleine finden. Am Ortsrand von Morgueau, diesem verlassenen Nest ganz hinten im letzten Tal, hatten sie den SUV stehen lassen müssen. Mandarà hatte ihm geschworen, er wüsste, wo die Hütte seines Freundes lag. Doch jetzt irrten sie schon mindestens zwei Stunden durch den Schneesturm. Und die Taschenlampe konnte jeden Moment ihren Geist aufgeben.

»Los, beweg dich, du hast dich lange genug ausgeruht!«

Mandarà, der auf einen Schneehaufen gesunken war, richtete sich mit einem gequälten Schmerzensschrei auf, um dann wie tot in sich zusammenzusacken. Tornesi beugte sich über ihn, plötzlich hatte er Angst. Vielleicht ging es dem Kalabresen wirklich schlecht.

»Los, beweg dich, werd mir jetzt bloß nicht ohnmächtig. Vor fünf Minuten hast du gesagt, wir wären fast da … Also los, steh auf!«

Carmelo Mandarà hatte keine Kraft mehr. Er atmete noch, aber er schaffte es nicht, sich aufzurichten. Dann hatte er jetzt wirklich verloren, dachte Tornesi wütend. Dann war das das Ende. Ohne den verdammten Kerl fand er die Kleine nie. Und ohne sie …

Er war schon fast entschlossen zurückzugehen, die ganze Sache zu schmeißen, als er deutlich einen Schrei hörte. Besser gesagt, einen Hilferuf. Zweifellos die Stimme einer Frau. Fast zum Greifen nah! Tornesi drehte seine Taschenlampe in die Richtung, aus der seiner Meinung nach der Schrei gekommen war. Als er bemerkte, wie sich etwas zwischen den Blättern bewegte, warf er sich nach vorn. Das Wolfsgeheul war eben noch zu hören, als er an eine kleine Lichtung kam. Dort lag die Kleine unter einem Baum, auf der Seite. Es sah aus, als schliefe sie. Die Tasche stand nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Doch da war noch etwas, ein großer Wolf. Ich weiß nicht, warum, dachte Tornesi, während er die Pistole lud und näher kam, um zu zielen, aber dieser Wolf wirkt nicht gerade wie ein Raubtier, das meinen Schatz verschlingen will, sondern eher wie ein Wachhund …

Patrice hatte zunächst nicht auf das Heulen der Wölfin geachtet. Er wälzte sich in seinem Schlafsack herum und versuchte gerade einzuschlafen. Dieses Tier wurde langsam lästig. Es war höchstens zwei Stunden her, dass er der Wölfin etwas zu fressen gegeben hatte, damit sie ihrer Wege ging. Und es war zu kalt, um aus dem Schlafsack zu kriechen, in dem er seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis jede Nacht schlief. Doch dieser Schrei ließ ihn alle Vernunft vergessen. Da rief ein Mensch um Hilfe! Der Ruf kam ganz sicher von der Lichtung hinter der Hütte. Und diese Stimme …Zu dieser Stimme gehörten blonde Haare und blaue, verzweifelte Augen wie die von Chantal … Patrice stieg aus seinem Schlafsack, griff sich ein langes Messer und rannte aus der Hütte.

Während Tornesi den Wolf im Auge behielt, tauchte plötzlich Mandarà hinter ihm auf. Mit letzter Kraft stürzte sich der Kalabrese auf ihn. Durch den Überraschungsangriff löste sich aus Tornesis Waffe ein Schuss, dessen Knall sich im Nachthimmel verlor. Der Wolf heulte dumpf auf und wich ein paar Schritte zurück. Mandarà hing keuchend über Tornesi und bearbeitete ihn mit schwachen, wirkungslosen Faustschlägen. Mit einem kurzen Ruck schüttelte Tornesi ihn ab. Der Kalabrese flog gegen einen Baumstumpf und blieb regungslos liegen. Tornesi stand wieder auf. Zum Glück hatte er seine Waffe noch. Er hob die Taschenlampe auf, die ein paar Schritte vor ihm zu Boden gefallen war, aber als der Lichtkegel die Stelle traf, wo er die Kleine eben noch gesehen hatte, lag sie nicht mehr da. Jetzt hing sie über dem Rücken eines blonden Riesen, der mit großen Schritten in den Wald hineinlief. Fluchend rannte Tornesi zum Rand der Lichtung. Der Wolf versperrte ihm heulend den Weg. Wer war dieses Tier? Der Teufel? Oder der Schutzengel der Kleinen? Egal, aber er hatte ja noch seine Waffe, er … Instinktiv drückte er ab. Gleich darauf durchzuckte ein brennender Schmerz sein Knie und er fiel in den Schnee. Der Wolf duckte sich nur ein paar Meter von ihm entfernt in den Schnee und starrte ihn mit seinen rot glühenden Augen an. Tornesi konnte es nicht fassen. Er hatte sich ins Knie geschossen! Sich selbst außer Gefecht gesetzt!

Es hatte aufgehört zu schneien. Die Wolken rissen auf und gaben den Blick auf einen wunderschönen Himmel voller Sterne frei. Am liebsten hätte Tornesi geweint. Es war aus. Alles war aus. Hinter ihm lachte jemand. Das war Mandarà. Wieviele Leben hatte der verdammte Kerl eigentlich? Aber dann fing Tornesi wieder an zu zittern und eine tiefe, überaus angenehme Müdigkeit erfasste ihn.

18.

Diese Nacht würde Manuela immer in Erinnerung behalten. Wie einen angenehmen, aufregenden Traum, der einen beim Erwachen nicht loslassen soll und etwas Unauslöschliches in einem zurücklässt. Sie erinnerte sich an Bruchstücke, einzelne Bilder. Starke Arme, die sie trugen. Wiegende Schritte, die sie aus der Gefahrenzone brachten. Die Lederjacke des Mannes, die nach Moschus roch und nach Sauberkeit, nach Schnee. Diesen Geruch hatte sie im Grunde ihres Herzens gesucht, wie durch ein Wunder hatte er sie nach langen Wegen zu diesem Mann geführt. Dann das Strohlager in dieser Höhle, die ein Feuer erhellte, das gleichzeitig ihren Körper und ihre Seele wärmte. Patrices raue, tiefe Stimme, die ihr diese wunderbaren Geschichten erzählte, von Nymphen, die mit einem Zauberlied Blumen und Pilze wachsen ließen. Geschichten, auf die alle Kinder dieser Welt ein Anrecht hatten. Und der Kräutertee, der in ihr diese trunkene Fröhlichkeit ausgelöst hatte, ihr Lachen, danach die Müdigkeit und eine Hand, eine riesige, behaarte Hand, die ihr über das Haar streichelte, die warmen Decken, und dann …

»Hast du schon mal einen Steinbock gesehen?«

Manuela legte ihre Hand in die von Patrice und ließ sich von ihm hochziehen. Ihr schwindelte ein wenig, aber ihr Kopf war unverletzt geblieben. Sie hatten die Nacht in einer natürlichen Höhle verbracht, wo man noch Spuren ihres Lagers sah. Patrice führte sie zu einem Felsvorsprung. Von dort aus hatte sie einen herrlichen Blick auf die Berge, deren Spitzen die Sonne sanft berührte. Der Steinbock stand regungslos auf dem obersten Punkt eines schneebedeckten Gipfels. Offenbar witterte er die saubere, prickelnde Morgenluft. Vielleicht forderte er aber auch nur spielerisch den Himmel heraus. Plötzlich schien ihn etwas zu beunruhigen und er verschwand mit schnellen, unregelmäßigen Sprüngen.

»Ich hab ein wenig Kopfweh, Patrice.«

»Du hattest Fieber, aber das geht schnell vorbei.«

Patrice nahm die Tasche mit dem Kokain von der Schulter und warf sie ihr vor die Füße.

»Was hast du damit vor?«

Manuela lächelte nur und meinte:

»Entscheide du.«

»Wie es aussieht, ist das eine Menge Geld wert.«

»Interessiert dich das?«, fragte sie ihn und war ein wenig enttäuscht.

Patrice lächelte. Er nahm ein Tütchen, wog es in der Hand und nickte, dann holte er aus der Jackentasche sein Messer, schlitzte das Zellophan auf und schüttete den Inhalt aus. Die feinen Kokainkristalle schwebten einen Moment lang in der Luft, bevor ein Windhauch sie erfasste und mit sich forttrug. Patrice drehte sich um und sah sie an. Manuela nahm ein Tütchen und hielt es ihm hin, und sie machten weiter, bis der Wind den gesamten Stoff fortgeweht hatte. Patrice legte die leeren Tütchen in die Reisetasche zurück.

»Dort am Ende dieses Weges liegt Frankreich«, sagte er zu ihr und zeigte nach Norden. »Das sind nicht einmal zwei Kilometer. Niemand wird dich anhalten, der Weg ist kaum begangen. Bleib eine Weile dort und verhalte dich ruhig. Dann kannst du zurückkommen, wenn du willst.«

»Und was ist mit dir? Wirst du auf mich warten?«

»Vielleicht.«

Dann wandte Patrice ihr den Rücken zu und setzte sich – mit umgehängter Reisetasche – in Bewegung.

Seufzend machte Manuela sich in Richtung Frankreich auf.

Nachspiel

Für den Kalabresen, einen Verbrecher aus Don Saros Clan, kam jede Hilfe zu spät. Die Kälte und sein zerschmetterter Arm hatten ihn schließlich umgebracht. Einer weniger, dachte Maggiore Mancuso gleichgültig.

Doch der Steuerberater würde durchkommen. Außerdem hatten sich bei ihm alle Schleusen geöffnet, als er die erste Uniform sah. Die Geschichte, die er ihnen erzählte, war wirklich interessant. Dank ihr konnte er endlich Don Saro, dem vorher nie etwas nachzuweisen war, ein Paar schöne Handschellen um seine dreckigen Pfoten legen. Na ja, an manchen Stellen war die Geschichte nicht gerade wasserdicht, dachte Maggiore Mancuso. Sie musste erst nett verpackt werden, bevor er mit seinem Bericht zum Untersuchungsrichter ging. Wer würde schon einem Kronzeugen Glauben schenken, wenn der etwas von einem Wolf faselte, der ein bewusstloses Mädchen bewachte? Aber im Großen und Ganzen war seine Mission äußerst erfolgreich gewesen. Na gut, das Kokain war weg, irgendwohin verschwunden mit diesem Mädchen, wie hieß sie noch mal, ach ja, Manuela Perroz. Aber ihnen waren doch große Fische ins Netz gegangen.

Blieb noch das Rätsel, welche Rolle dieser Vorbestrafte, dieser Patrice – wie war noch sein Nachname? – gespielt hatte. Warum hatte sich das Mädchen an ihn gewandt? Als Bulle reinsten Wassers traute Mancuso einem Verbrecher eher das Schlimmste zu. Zumindest war er aber so fair, ihm eine Chance zu lassen.

Mancuso wartete schon vor der Hütte auf Patrice, als der am späten Vormittag dort auftauchte. Aus der Nähe betrachtet wirkte er tatsächlich beeindruckend. Ein Typ wie Depardieu, nur ein paar Jahre jünger, ein paar Kilos leichter und zehn Zentimeter größer. In seinem Blick lag Ironie, ja geradezu Freundlichkeit, was den Maggiore verwirrte. Die beiden starrten einander an, dann nahm der Mann die Tasche – eine Stofftasche mit dem Logo einer Fluggesellschaft – von der Schulter und übergab sie dem Carabiniere.

»Die gehört Ihnen.«

Mancuso zog den Reißverschluss auf und warf einen Blick in die Tasche: zerschnittenes Zellophan und ein paar Kokainkristalle auf dem Boden. Er sah den Mann fragend an. Patrice streckte nur die Hand vor dem Mund aus und blies über deren Innenfläche.

»Soll ich dir etwa glauben, dass das Kokain einfach davongeflogen ist?«

»Mais oui. Genau so ist es gewesen.«

»Und das Mädchen?«

»Da war kein Mädchen.«

Maggiore Mancuso schaute unverwandt in die himmelblauen, ironisch funkelnden Augen dieses Riesen und merkte, dass er ihm aus einem rätselhaften, ihm völlig unbegreiflichen Grund sogar glaubte.

Aus dem Italienischen von Katharina Schmidt

Massimo Carlotto
LITTLE DREAM

Ispettore Giulio Campagna schaute sich unauffällig um, während er die U-Bahn-Station Porta Genova verließ. Er war sicher, dass ihm niemand folgte. Das sagten ihm nicht nur sein Instinkt, sondern auch fünfzehn Jahre Dienst bei der Squadra Mobile, dem mobilen Einsatzkommando der Polizei. Sonst war es seine Aufgabe, Leute zu beschatten, aber diesmal konnten die Rollen vertauscht sein. Um Ärger zu vermeiden und hinterher nicht wie ein Trottel dazustehen, war er besonders vorsichtig gewesen. Er war zweimal in eine U-Bahn ein- und wieder ausgestiegen und hatte dann drei verschiedene Taxis benutzt. Das hier war das letzte. Das vierte.

»Ins Little Dream, Via Rosmini«, wies er den Fahrer an.

Der Mann, um die fünfzig, ganz offensichtlich Inter-Fan, stellte erst mal das Radio leiser. Gedämpft verklang der Refrain eines aktuellen Songs.

»Ach, bei Mahinda und Margherita«, meinte er und fuhr los. »Dort kann man gut essen.«

Ihre Augen begegneten einander kurz im Rückspiegel. Doch Campagna hatte keine Lust auf ein Gespräch, deshalb schaute er hinaus auf die Straße. Der Taxifahrer machte seinen Job nicht erst seit gestern und verstand den Wink. Er stellte das Radio wieder lauter.

Dann würde er sich eben mit dem nächsten Fahrgast unterhalten.

Campagna drehte sich noch ein letztes Mal um und überzeugte sich, dass ihm niemand folgte. An diesem heißen Sonntag im August, um die Mittagszeit, wirkte Mailand wie ausgestorben. Sogar ein Agent des Mossad hätte hier ziemliche Probleme, nicht aufzufallen. Campagna wusste noch nicht, wer ein Interesse daran haben könnte, ihn zu verfolgen. Er wusste nur, dass Vincenzo, genannt »Vince«, Scaldaferro ihn gebeten hatte, vorsichtig zu sein, und das hieß, die ganze Sache war ziemlich heikel. Vince übertrieb nie. Sie kannten sich vom Einsatzkommando in Padua, wo beide sechs Jahre zusammengearbeitet hatten, bis Scaldaferro den Polizeidienst quittiert, eine Stelle beim Sicherheitsdienst einer großen Bank angenommen und dort Karriere gemacht hatte. Man hatte ihn nicht groß überreden müssen. Scaldaferro war ein gewissenhafter Bulle, aber einfach nicht der Typ für die Beamtenlaufbahn. Außerdem bekam er bei der Bank so viel mehr Gehalt, dass er dieses Angebot einfach in Erwägung ziehen musste. Campagna hatte nie solche Angebote bekommen. Sein Ruf als wenig disziplinierter, störrischer Bulle, dem Geld egal war, war allgemein bekannt. Aufstiegsmöglichkeiten bei der Polizei gab es für ihn schon lange nicht mehr. Aber darüber hatte Campagna sich nie beklagt. Er liebte seinen Beruf. Und hätte sich keinen besseren vorstellen können. Damit er zu seinem Treffen mit Vince Scaldaferro nach Mailand fahren konnte, hatte er Veronesi, den Leiter seiner Dienststelle, angerufen und gesagt, er habe Magenschmerzen. Das bedeutete in der Geheimsprache, die sich zwischen ihnen über Jahre entwickelt hatte, dass er eine Sache ganz allein durchziehen musste.

Natürlich regte sich Veronesi auf: »Na bravo!«, brüllte er ihn durchs Telefon an. »Ausgerechnet im August musst du Magenschmerzen bekommen, wo ich schon jetzt zu wenig Leute habe …«

Der Ispettore grinste, als er auflegte. Das war typisch für Veronesi. Der brüllte von morgens bis abends. Aber er war ein großartiger Polizist und hatte sich ganz ohne Vitamin B bis zum stellvertretenden Polizeipräsidenten hochgearbeitet.

Als das Taxi die Via Rosmini erreichte, wurde dort gerade ein Lastwagen entladen und versperrte die Zufahrt zur Straße.

»Chinesen, natürlich. Wer arbeitet sonst noch sonntags, in dieser Mittagshitze«, bemerkte der Taxifahrer ungerührt. »Steigen Sie lieber hier aus, bis zum Restaurant sind es keine fünfzig Meter.«

Der Ispettore zahlte und wartete, bis das Taxi sich im Rückwärtsgang entfernte. Dann lief er an den Chinesen vorbei, die große Kartons mit Lederwaren abluden. Zu beiden Seiten der Straße reihten sich Geschäfte aneinander, die in ihren verstaubten Schaufenstern Taschen in allen Formen und Größen präsentierten.

Über Haus Nummer drei hing ein Schild in den grellen Landesfarben Sri Lankas: Restaurant Little Dream. Campagna schaute sich ein letztes Mal um, bevor er das Lokal betrat. Im Gegensatz zum Rest der Stadt war das Restaurant brechend voll. Der Duft der gut gewürzten Speisen weckte seinen Appetit, der bisher unter Kaffee und Zigaretten verschüttet gewesen war.

»Es tut mir leid, aber wir haben keinen Tisch mehr frei«, entschuldigte sich die Besitzerin des Lokals.

»Sie müssten eine Reservierung auf den Namen Tersilli haben«, erwiderte Campagna. Diesen Namen hatte ihm Scaldaferro bei der Verabredung des Treffens genannt. Vince stammte aus Rom und Sordi war schon immer sein Lieblingsschauspieler. Deshalb amüsierte es ihn, diesen Namen aus einem seiner berühmten Filme zu benutzen.

Die Frau sagte lächelnd: »Signor Tersilli erwartet Sie bereits unten im Carrom-Raum«, und zeigte auf die Treppe zum Kellergeschoss.

Der Raum war voller Singhalesen, die aßen und sich lautstark unterhielten. Die beiden Männer am Carromtisch spielten stumm und konzentriert, doch als der Striker – so nennt man den Schussstein bei diesem Brettspiel, das dem Billard nachempfunden ist – den anderen Stein traf, übertönte das trockene Klacken das allgemeine Stimmengewirr. Niemand kümmerte sich um den Italiener, der mit offensichtlich angespannter Miene an einem Tisch in einer Ecke sein Bier trank. Campagna, dessen wachsamem Blick nichts entging, fiel auf, dass Scaldaferro mit dem Rücken zur Wand saß. Offenbar fühlte er sich nicht sicher.

»

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