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Denn das Glück ist eine Reise

Caroline Vermalle



Denn das Glück ist
eine Reise

Roman

Übersetzung aus dem Französischen
von Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Christiane und André,
im Gedenken an Ninette und Marcel,
meine Großeltern.

Dienstag, 21. Oktober

auto

London

....................

Der Vibrationsalarm des Handys riss Adèle aus einer gähnenden Langeweile. Es war strengstens verboten, das Handy in solchen Situationen eingeschaltet zu lassen. Das wurde ja oft genug betont. Zum Glück hatte Adèle nicht vergessen, es auf lautlos zu stellen. Schließlich hatte sie heute Geburtstag. Sie wurde dreiundzwanzig Jahre alt und war gespannt, welche ihrer Freunde sich wohl daran erinnern würden. Bis jetzt waren es enttäuschend wenige. Ab und zu vergewisserte sie sich, dass niemand sie beobachtete, und warf schnell einen Blick auf das Display ihres Handys, das kaum aus der Tasche ihrer Jeans herausragte. Um die neue SMS zu lesen, musste sie einen günstigeren Moment als diesen abwarten, denn im Nebenzimmer sprach der Inspektor gerade von Mord.

Adèle hatte sich auf dem langen, düsteren Korridor, der zum Schlafzimmer führte, auf eine unbequeme Kiste gesetzt. Nur ein paar Straßengeräusche drangen herein: ein Motorroller, ein Lastwagen, ein Hund, ein Martinshorn in der Ferne. Sie spähte in das Zimmer, das von einem Lichtkegel beleuchtet wurde, und sah die Staubkörner darin tänzeln. Ein schön gearbeitetes französisches Bett aus dunklem Holz, die dicke Daunendecke, eine rosarote Hügellandschaft aus Satin, und der Tote, der einen Pyjama im Stil der Vierzigerjahre trug, mit fahlem Gesicht und der tragischen Miene eines Ermordeten. Denn hier handelte es sich um Mord, da war der Inspektor ganz sicher. Er hatte es vier Mal wiederholt. Das Insulin für die täglichen Spritzen des alten Mannes war mit seinen Augentropfen vertauscht worden. Die Fläschchen standen noch da und bewiesen es. Das Opfer war dreiundachtzig Jahre alt und hinterließ seiner Familie ein gewaltiges Vermögen und dieses große Haus in London, in dem sie alle wohnten. Immer, wenn der Polizist das Wort »Verbrechen« aussprach, brach seine Enkeltochter in Tränen aus. Ihr Verlobter nahm sie in die Arme, um sie zu trösten, doch es war vergebliche Liebesmüh. Die junge Frau kniete vor dem Bett auf dem Boden und hatte den Kopf auf die Daunendecke gelegt. Sie hielt die Hände des Toten, stammelte wirres Zeug und brach manchmal in lautes Schluchzen aus, das beinahe lächerlich wirkte. Sie erging sich in Wehklagen und Kindheitserinnerungen und äußerte vor allem Bedauern. Die Liste war lang, besonders, da sie diese bereits zum vierten Mal wiederholte. Eine würdevolle alte Dame stand kerzengerade neben dem Bett und hob und senkte den Kopf im Rhythmus der bedauernden Worte, die die junge Frau wie einen Rosenkranz herunterleierte. Es war ihre Großtante, die Schwägerin des Toten. Hinter der Tür standen schweigend noch andere Personen. Der Inspektor sagte es noch einmal: Der Täter stammt aus dem Kreis der Familie. Das war also wirklich nicht der passende Moment, um sich die SMS anzusehen.

Es war nicht Adèles erste Mordszene. Sie langweilte sich entsetzlich, und während sie darauf wartete, dass die Szene abgedreht wurde, ließ sie die Gedanken schweifen. Kurz bevor ihr Handy vibrierte, war ihr aufgefallen, dass die junge Frau, die im Schlafzimmer weinte, ihr ein bisschen ähnelte. Sie waren gleichaltrig, hatten beide langes, dickes braunes Haar und eine schlanke Figur. Die junge Frau in dem Schlafzimmer war zwar nicht unbedingt hübscher als sie, aber besser gekleidet und sorgfältiger zurechtgemacht. Sie hatte zarte Hände und war es gewohnt, die Blicke auf sich zu lenken. Im Vergleich zu ihr war an Adèle trotz ihrer ebenmäßigen Gesichtszüge eher ein Junge verloren gegangen. Außerdem war sie nicht reich, und niemand schenkte ihr große Beachtung. Nicht einmal an ihrem Geburtstag. Der Tote dagegen war mit Irving Ferns so gar nicht vergleichbar. Sie besaßen überhaupt nicht dasselbe Format. Irving Ferns. Beim Gedanken an ihn schnürte sich ihr Herz zusammen.

Adèle kam um vor Ungeduld. Wer hatte ihr diese Nachricht geschickt? Der junge Anwalt, den sie vor einem Monat auf einer Party kennengelernt hatte? Aber woher sollte er wissen, dass sie heute Geburtstag hatte? Sie schaute sich um. Auf dem Flur standen viele Leute, bestimmt an die dreißig, die sich nicht rührten, aus Angst, die Bodendielen könnten knarzen. Einige kratzten sich an der Nase, und andere kauten auf den Fingernägeln. Sie verständigten sich mit Gesten, denn selbst Flüstern war hier nicht angebracht. Aber niemand schien Adèle zu beachten. Sie überzeugte sich noch einmal davon, dass die Kommandanten der Stille nicht auf dem Flur standen. Als sie sah, dass sie mit dem Toten beschäftigt waren, zog sie ihr Handy aus der Tasche und öffnete die SMS, die sie soeben erhalten hatte.

Adèle hielt sich das Handy direkt unter die Nase, um sich zu vergewissern, dass sie richtig gelesen hatte. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein leiser, erstickter Schrei entfuhr und ihr das Handy aus der Hand glitt. Mit einem lauten Knall fiel es auf den Holzboden des alten Hauses. Alle Anwesenden zuckten zusammen und drehten sich zu Adèle um. Sofort darauf drang eine wütende Stimme aus dem Schlafzimmer.

»SCHNITT! SCHNITT! Herrgott noch mal! Was ist denn da los?«, rief der Erste Regieassistent, als er in den Flur stürmte.

»Es tut mir furchtbar leid, John, ich ... «, stammelte Adèle.

Die ganze Filmcrew einschließlich der Schauspieler drehte sich zu Adèle, wandte sich aber rasch wieder anderen Dingen zu. Das passierte oft, und es war für alle eine Gelegenheit, sich zwei Minuten lang zu entspannen.

»Konzentration, Leute! Es ist die letzte Szene«, schrie John der Mannschaft zu. »Der Champagner wartet auf uns. Strengt euch noch einmal an! One last push, chaps.« Der Regisseur nutzte die Gelegenheit, um den Schauspielern ein paar Anweisungen zuzuflüstern. Der Tote rieb sich schnell am Auge und scherzte mit der alten Tante. Der Aufnahmeleiter veränderte die Einstellung der Scheinwerfer, und dann fuhren alle mit der fünften Aufnahme fort.

Es war der letzte Tag der Dreharbeiten. Agatha Christies Roman Das krumme Haus wurde für das englische Fernsehen verfilmt. Das erste Kapitel, die Entdeckung eines Mordes, war bereits am ersten Tag, vor einem Monat, gedreht worden, musste aber nachgedreht werden. Es war die letzte noch fehlende Szene, und alle hofften, dass es auch die letzte sein würde. Anschließend sollte gefeiert werden.

»Ruhe, Ruhe, bitte! Kamera ab. Achtung … und Action!« Adèle hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sie hielt das Handy noch immer fest umklammert. Zum ersten Mal empfand sie die Stille am Set wie einen Segen. Es war ihr furchtbar peinlich, dass sie das Handy hatte fallen lassen; überdies stand sie noch immer unter Schock. Sie wagte es nicht, die SMS noch einmal zu lesen. Schließlich fand sie den Mut, die Finger zu lockern und den Kopf zu senken.

Hrzlchn Glckwnsch zm Gbrtstg AdL – dn Opa, dr dch shr lb ht

(Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Adèle – dein Opa, der dich sehr lieb hat.)

Es gelang ihr, die Tränen zu unterdrücken, nicht aber das Lächeln, das ihr Gesicht erhellte und bei dem ihr wieder ganz warm ums Herz wurde. Denn diese kurze Nachricht mit der sonderbaren Orthografie, die ihr einen jugendlichen Touch geben sollte, war außergewöhnlich. Fast poetisch und so zärtlich. Und natürlich ganz und gar unmöglich.

Es gibt Dinge im Leben, die man gern für sich behält. Andere wiederum möchte man am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Diese SMS gehörte zur letzten Kategorie. Diese Geschichte musste einfach heraus, und Adèle war gerührt und ungeduldig zugleich.

Es wurde entschieden, eine sechste Aufnahme zu machen. Doch Adèle verfolgte die Dreharbeiten nicht mehr. Sie dachte über ihre Geschichte nach. Sicher, sie war nicht besonders lang, aber sie musste alles erzählen, um zu erklären, warum diese kurze SMS so unglaublich war. Ja, alles erzählen, von dem Augenblick an, als alles begann – vor etwa einem Monat, am 18. September. Ein Monat war nicht lang, und dennoch hatten sich Herzen geöffnet, Koffer waren geschlossen worden und Tränen geflossen, wo man sie nicht mehr erwartet hatte. Und während sich im anderen Zimmer zum sechsten Mal ein Drama abspielte, nutzte Adèle diesen letzten stillen Moment, um sich zu erinnern. Im Dämmerlicht des Korridors konnte sie sich den Film des letzten Monats vor Augen führen, der ihr Leben ein wenig, das anderer Menschen hingegen sehr verändert hatte.

Donnerstag, 18. September

auto

Chanteloup (Deux-Sèvres)

....................

Nach dem zehnten Klingeln hob endlich jemand ab.

»Hallo?«, meldete sich eine leicht zittrige Stimme.

»Hallo Opa, hier ist Adèle.«

»Hallo?«, sagte der alte Mann noch einmal.

»Opa?«

»Ja?«

»Ich bin’s, Adèle!«

»Ah, mein liebes Kind, wie geht’s dir?«

»Gut, und dir?«

»Mir? Ach, weißt du ...«, antwortete er in diesem lustlosen Ton, den er am Telefon häufig anschlug. »Und warum rufst du an?«

»Tja ... hm ... Mama hat es dir doch erklärt. Sie ist in Urlaub gefahren, weißt du noch?«

»Ja, nach Peru. Sie hat es mir gesagt.«

»Na ja, ich wollte nur, dass du weißt, dass du mich jederzeit anrufen kannst, wenn du ein Problem hast. Ich könnte dich besuchen.«

»Ja gut.«

»Hast du verstanden, Opa? Solange Mama in Urlaub ist, kannst du mich jederzeit anrufen«, beharrte Adèle, der die fehlende Begeisterung wenig ausmachte.

»Ja gut, in Ordnung«, erklärte ihr Großvater höflich.

»Hast du meine Telefonnummer, Opa?«

»Ja, deine Mutter hat sie mir gegeben. Aber Adèle, du bist doch noch in London, mein Kind, oder?«

»Ja, aber mach dir deshalb keine Sorgen. Das ist gar nicht so weit. Ich nehme den Zug, dann bin ich schnell da«, behauptete Adèle.

»Ja, du fährst bis Poitiers mit dem Zug, und dann nimmst du den Bus.«

»Genau«, sagte Adèle, die keine Ahnung hatte, denn sie hatte ihren Großvater seit fast zehn Jahren nicht mehr besucht.

»Und wie lange dauert es insgesamt?«

»Hm, ich weiß nicht, einen halben Tag oder vielleicht auch etwas länger«, überlegte Adèle. Sie nahm an, dass es sogar noch länger dauerte. Ihr Großvater wohnte in einem winzigen Dorf in der Nähe von Chanteloup, in einer von Wallhecken durchfurchten Landschaft im Department Deux-Sèvres.

»Ja gut. Das wird wohl nicht nötig sein. Dann mach’s gut. Tschüs!«

»Warte, Opa. Du hast doch das Handy noch, das Mama dir geschenkt hat?«

»Ach, weißt du ... diese Handys ...«, sagte ihr Großvater, für den die neuen Errungenschaften der Technologie schlichtweg ein Unding darstellten. Adèle war froh, dass er Telefongespräche nur tolerierte, wenn sie sehr kurz waren und man sich an das Wesentliche hielt. Und eine Schimpftirade über den technologischen Fortschritt gehörte – zumindest heute – nicht dazu.

»Du hast es aber noch, oder?«, beharrte Adèle.

»Ja, schon ...«

»Okay, dann achte darauf, dass es immer griffbereit liegt! Und wenn was sein sollte, rufst du mich an.«

»Na ja, es wird schon nichts sein. Tschüs, meine kleine Adèle«, sagte ihr Großvater und legte auf.

Nein, natürlich nicht. Was sollte schon sein? Ein schwaches Herz seit einem Infarkt 1995, dann ein Herzschrittmacher, ein Knie, das jeden Augenblick schlappzumachen drohte, und eine Raucherlunge von vierzig Jahren Gitanes. Aber er drehte immer noch seine kleinen Runden zu Fuß, aß wie ein Scheunendrescher, hielt seinen Garten in Schuss und pfiff ein Liedchen, wenn er das Geschirr spülte. Und er hatte immer noch genug Elan, um seine Ärzte in wüsten Tönen zu beschimpfen, die ihm regelmäßig nur noch ein paar Monate zu leben gaben, und das seit bald fünfzehn Jahren. Das jedenfalls hatte Françoise, die Mutter von Adèle, erzählt, denn Adèle selbst hatte nur sehr sporadisch Kontakt zu ihrem Großvater. Gewissensbisse plagten sie deswegen nicht, denn Georges Nicoleau hatte, in seiner feinfühligen und zurückhaltenden Art, immer wieder betont, dass er niemanden wolle, der ihm »auf den Wecker geht«.

Adèle steckte das Handy in die Tasche ihrer Cargohose. 19.23 Uhr. Sie wartete mindestens schon eine Viertelstunde mitten auf der Straße. Der Abend war noch mild an diesem Septembertag, und durch die Brick Lane im Osten Londons hallte das Lachen Betrunkener, die sich im gut besuchten Swan Pub vergnügten. Adèle hatte dieses Viertel nie gemocht, obwohl ihre Freunde ihr versichert hatten, es sei unglaublich angesagt. An den seltenen sonnigen Tagen bewunderte sie die Farben und probierte ab und zu die Spezialitäten, die in den kleinen exotischen Läden angeboten wurden. Doch an trüben Tagen belästigte alles hier ihre Sinne: der Geruch von Curry, der Müll, das Geschrei der Kellner vor den indischen Restaurants und die tristen schmutzigen Fassaden. Dennoch war sie seit mehr als einem Monat gezwungen, an diesem Ort endlos lange Tage und manchmal sogar Nächte zu verbringen. Denn in diesem Viertel befand sich der einzige Drehort – in einer Straße, deren Schild ins Sanskrit übersetzt worden war: ein großes, dreistöckiges Steinhaus, von derselben grauen Farbe wie der Himmel über England. Man hätte es normalerweise kaum wahrgenommen, inmitten der alten Lagerhäuser und in dieser kleinen, düsteren Straße, in der sich häufig Junkies und ab und zu betrunkene Mädchen herumtrieben. Adèle stand vor dem Eingang. Drinnen herrschte schon reges Treiben. Sie seufzte und schaute wieder auf die Uhr. 19.27 Uhr. Ihr Arbeitstag begann, und er begann schlecht.

Sie zog das Blatt mit den anstehenden Terminen aus einer anderen Tasche ihrer Cargohose und las es zum dritten Mal durch: Der Hauptdarsteller wurde um 19.30 Uhr in der Maske erwartet. Neben seinem Namen war ihrer aufgeführt: Adèle Montsouris. Es war seltsam, diese beiden Namen nebeneinander zu sehen, denn sie beide nahmen in der Hackordnung der Fernsehbranche völlig entgegengesetzte Positionen ein: Er, der Star historischer Filme der BBC, verdiente gut und gerne ein paar Millionen, während sie, Adèle, zweiundzwanzig, ganz unten angesiedelt war und – selbstverständlich unentgeltlich – als Regiepraktikantin »Erfahrungen sammelte«. Sie servierte der Crew Tee und Kaffee, rief Taxis, diente den Schauspielern jeden Alters als Babysitter, kam als Erste ins Studio und ging als Letzte: Das waren sie, die Erfahrungen, die Adèle seit drei Filmen gesammelt hatte, ohne einen einzigen Penny dafür zu sehen. Die Erwähnung ihres Namens neben dem des Hauptdarstellers bedeutete, dass es dem Ersten, dem Zweiten, dem Stellvertretenden Zweiten und dem Dritten Regieassistenten zustand, ihr die Schuld zu geben, wenn der Schauspieler zu spät erschien. Da bei den Dreharbeiten viel geschrien wurde, musste sie die Taxifahrer ebenfalls anschreien und sich schnell einen Plan B einfallen lassen, die Maske informieren und so weiter. Der dritte Drehtag hatte kaum begonnen, als Adèle spürte, dass sie sich beim Gedanken an die nächste unausbleibliche Katastrophe völlig verspannte. Da die beiden vorangegangenen Tage schon besonders schwierig gewesen waren, vergaß Adèle schnell ihren Großvater in der Ferne, mit dem sie soeben gesprochen hatte.

Er hingegen vergaß sie nicht. Ihr Anruf hatte gerade alles, aber auch wirklich alles auf den Kopf gestellt.

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Georges Nicoleau blieb eine ganze Weile perplex neben dem Telefon in der Diele stehen.

»Verdammt«, rief er laut. »Verdammt, verdammt, verdammt! Verflixt und zugenäht!«

Es war nicht etwa so, dass er sich nicht über Adèles kurzen Anruf gefreut hätte. Doch, der Anruf war Balsam für seine Seele gewesen und hatte seine Lebensgeister geweckt. Seit der Scheidung ihrer Eltern hatte seine Enkeltochter ihn nicht mehr besucht. Das musste also, hm, fast zehn Jahre her sein. Sie hatte ihm die traditionellen Neujahrsgrüße geschickt und ein paar Postkarten, als sie ihr Praktikum in London begonnen hatte. Sie hingen übrigens alle da, mit Reißzwecken an die verblichene Tapete geheftet, neben dem Kalender der Feuerwehr von 2008, über dem Telefontischchen. Er hatte sich sehr über die Karten gefreut und Arlette ebenfalls. Arlette ... Ihr hatte besonders diese Karte dort gefallen, die mit dem Foto des Big Ben in Schwarz-Weiß. Sie fand die Aufnahme sehr gelungen. Na ja. London hatte offenbar schnell den Reiz des Neuen verloren, denn Adèle hatte keine weiteren Ansichtskarten geschrieben und selten angerufen. Über den Anruf heute Abend hatte er sich zwar maßlos gefreut, aber er stellte ihn auch vor ein verdammt großes Problem.

All seine Pläne und die von Charles würden nun scheitern. Er musste noch heute Abend mit seinem Komplizen darüber sprechen. Es traf sich gut, dass weder Mittwoch noch Samstag war. Also würde er höchstwahrscheinlich heute Abend, wenn die Wettervorhersage begann, zum Gute-Nacht-Tee kommen.

Georges ging gemächlichen Schrittes ins Wohnzimmer zurück, den immer gleichen Weg, den er auch im Schlaf gefunden hätte. Seine große, vom Alter leicht gebeugte Gestalt passte genau unter den Deckenbalken des kleinen Hauses hindurch. Diese Balken hatten ihn seit seinem sechzehnten Lebensjahr geärgert. Letztlich hatte es also doch Vorteile, alt zu sein, denn jetzt stieß er nicht mehr mit dem Kopf dagegen. Das Alter war ein wenig überraschend über ihn hereingebrochen, denn im Grunde fühlte er sich noch jung. Und was seine körperliche Verfassung anbelangte, so fand er sich − falls er überhaupt mal drüber nachdachte – für einen Opa von dreiundachtzig nicht allzu klapprig. Erstens hatte er noch jede Menge Haare, die unter der Baskenmütze hervorlugten. Es war nicht mehr der dichte Schopf von einst, aber er hielt sich wacker. Außerdem trug er Jeans und Reeboks – natürlich der Bequemlichkeit und nicht etwa der Mode halber, die ihm entschieden gleichgültig war. Und vor allem sein Gedächtnis, das funktionierte noch einwandfrei. Er steckte nicht nur alle anderen Alten des Seniorenklubs in die Tasche, sondern konnte sich auch mit jedem jungen Spund messen. Ja sicher, sein Herz, das war seit der Operation etwas schwach, aber es war wie mit dem Knie, der Blase und dem Rücken. Man musste sich nur an die Gebrauchsanweisungen halten und sich die richtigen Rezepte verschreiben lassen, und dann ging es schon.

Georges ließ sich auf seinen alten Gartensessel aus Plastik fallen, der ganz unter Stoffüberwürfen verschwunden war. Es war nicht etwa so, dass es ihm an Geld gefehlt hätte, um sein Wohnzimmer richtig zu möblieren. Geld war für Monsieur Nicoleau kein Problem. Er hatte mehr, als er jemals brauchen würde. Es war nicht die Metzgerei, die er über vierzig Jahre besessen hatte, die ihm sein Vermögen eingebracht hatte, obwohl sie dazu beigetragen hatte, denn sie lief gut, diese kleine Metzgerei. Georges Nicoleau hatte immer in Häuser und Grundstücke investiert und sie zu Zeitpunkten gekauft und wieder verkauft, die auch nicht schlechter waren als andere. Doch vor allem lebte er bescheiden und sparte viel. An Geld mangelte es ihm nicht, aber er hatte niemals einen so bequemen Sessel gefunden wie diesen.

Er dachte über das Problem nach, und um seine Gedanken besser ordnen zu können, nahm er die Fernbedienung, die auf der Fernsehzeitschrift TéléStar lag, in die Hand und schaltete den Fernseher ein. Da er die wichtigen Meldungen um 20.00 Uhr verpasst hatte, schaute er sich nun den Regionalteil der Nachrichten um 20.30 Uhr an. Im Grunde zog er diesen Teil sogar den ernsten Themen vor, denn zu Beginn der Sendung sprach man immer öfter von einer Welt, die ihm fremd geworden war. Er dachte wieder an Adèle und betrachtete seinen kleinen Koffer, der neben der Wohnzimmertür stand. In exakt einer Woche wollten sie aufbrechen. Diesen Koffer – jetzt erinnerte er sich wieder – hatte er 1985 in Biarritz gekauft. Schau an, das war ja genau das Jahr, in dem Adèle geboren wurde! Er hatte noch überlegt, einen neuen zu kaufen, einen modernen mit Rollen, der sicherlich praktischer wäre. Aber er hatte nicht vor, viel damit zu laufen, und es wäre vielleicht auch Verschwendung, denn dieser hier war immer noch so gut wie neu. Und da er kein Erinnerungsstück mit auf die Reise nahm, würde eben der Koffer als kleines Andenken an zu Hause dienen.

Die Titelmelodie der Wettervorhersage riss ihn aus seinen Träumen. Im selben Augenblick hörte er in der Garage Charles’ vertraute Schritte. Georges’ Haus hatte eine hübsche Eingangstür, die zu beiden Seiten von Blumen, kleinen Kieselsteinen und sogar einem Gartenzwerg gesäumt war. Charles jedoch, der seit dreißig Jahren sein Nachbar war, kam immer durch die vollgestellte Garage und quälte sich mit seiner kaputten Hüfte an Kartons, Rechen, Eimern und dem ganzen Krempel vorbei, der die Wände und sogar einen Teil der Decke stützte. So war es eben.

Als Charles eintrat, den Blick auf den Fernseher gerichtet, streckte er Georges die Hand entgegen, die gleiche Geste wie seit dreißig Jahren. Georges ergriff sie, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden. Eine Moderatorin fuchtelte mit den Armen vor einer Landkarte Frankreichs herum, die mit großen Sonnen übersät war.

»Sieh an! Morgen gibt es also wieder keinen Regen!«, rief Charles, der die Landwirtschaft vor vielen Jahren komplett aufgegeben (wenn man von ein paar Hühnern auf dem Hof und dem Pony seiner Urenkelin in dem alten Pferdestall absah), die Angst vor Trockenheit jedoch beibehalten hatte.

»Schönes Wetter auf der ganzen Strecke. Und vor allem nicht zu warm.«

»Ja, außer in Pau. Da sieht es aus, als könnte es ein Unwetter geben. Aber gut, das kann sich auch noch ändern, wir sind ja noch nicht da.«

Charles ging auf das alte Buffet zu und nahm die Tassen heraus.

»Mist«, sagte Charles und presste eine Hand auf seine Hüfte. Sie macht ihm zu schaffen, diese Hüfte, dachte Georges, und das, obwohl er noch jung ist, gerade mal sechsundsiebzig.

Sein Nachbar war ein kleiner, untersetzter Mann mit einem runden, kahlen Kopf, den roten Wangen eines Landwirts und kräftigen Händen, denen man ansah, dass sie richtig zupacken konnten. Er trug eine Brille aus den Sechzigern und hatte die ehrliche Miene eines Mannes, auf den man sich verlassen konnte. Und das war nicht nur eine Miene, die er aufsetzte, nein, auf Charles Lepensier konnte man sich wirklich verlassen.

Georges zögerte, mit ihm über Adèle zu sprechen. Schließlich schnitt er das Thema dennoch an.

»Du hast recht, Charles, noch sind wir nicht da. Ich weiß nicht mal, ob wir überhaupt eines Tages da sein werden. Es gibt da nämlich ein Problem. Du kennst doch meine Enkeltochter Adèle, die jetzt dort drüben in London ist. Sie hat mich heute Abend angerufen.«

Natürlich kannte Charles Adèle. Georges hatte nur eine Enkeltochter, keinen Enkelsohn. Da war kein Irrtum möglich. Er hingegen hatte eine so große Sippschaft, dass er die Vornamen jedes Mal völlig durcheinanderwarf. Und dann diese Manie, dass schon das junge Gemüse sich fortpflanzte. Er hatte achtzehn Enkelkinder und vier Urenkel. Und dabei würde es wohl kaum bleiben, wenn es dem lieben Gott gefiel.

»Ach ja? Läuft es nicht gut in London?«, fragte Charles besorgt.

»Doch, doch, es ist alles in Ordnung. Das ist nicht das Problem ... Sie macht sich Sorgen«, erklärte Georges ihm.

»Versteh ich nicht. Sie macht sich Sorgen ... um dich? Ausgerechnet heute? Was ist denn los mit ihr?«

»Ja, zuerst hab ich mich auch gewundert. Aber dann hab ich mir überlegt, dass es wohl ihre Mutter ist, die sich Sorgen macht. Darum hat sie ihre Tochter vermutlich beauftragt, tja, wie soll ich sagen, auf mich aufzupassen.«

»Verdammt! Ich muss schon sagen, deine Frauen haben wirklich ein Gespür für den ungünstigsten Zeitpunkt!«

»Du sagst es.«

»Sie kommt doch wohl nicht her?«

»Nein, nein, das ist nicht ihre Art. Und falls sie es sich doch einfallen lassen sollte – ich hab das mal ausgerechnet –, würde sie mindestens dreizehn Stunden von London brauchen. Nein, nein, was mir Sorgen macht, ist, dass sie mich anrufen wird. Da bin ich mir ziemlich sicher. Ich meine jetzt nicht, jeden zweiten Tag, aber es würde mich nicht wundern, wenn ihre Mutter sie beauftragt hätte, mich einmal pro Woche anzurufen. Und wenn ich dann ein- oder zweimal nicht abhebe, gibt´s Theater, und Françoise wird sich schnell wieder von ihren peruanischen Bergen verabschieden. Da ich fast zwei Monate weg sein werde, kannst du dir garantiert gut vorstellen, was dann für ein Durcheinander entsteht.«

»Damit hätten wir rechnen müssen«, schimpfte Charles, der versuchte, seine Wut zu zügeln. »Es wäre ja auch zu schön gewesen, dass deine Tochter für zwei Monate ans Ende der Welt fährt, ohne dich anzurufen oder sich irgendwie zu melden. Offen gesagt, konnte ich es zuerst gar nicht recht glauben. Ja, und an den Schachzug mit deiner Enkeltochter, da haben wir nicht dran gedacht.«

Sie hatten so manches Mal über seine einzige Tochter Françoise gesprochen. Seit ihrer Scheidung und dem Tod ihrer Mutter vor sechs Jahren wich sie ihrem Vater kaum von der Seite. Sie hielt ihn – zu Recht oder zu Unrecht – für schwer krank und behandelte ihn fast wie ein Kind. Und dann, ganz plötzlich, hatte sie Lust bekommen, in die Anden zu fliegen, um sich einer anstrengenden Expedition in die abgelegene Bergwelt anzuschließen. An sich wunderte sich niemand darüber. Sie reihte Marathonläufe, Trekking-Touren und andere Freizeitvergnügen reicher Leute aneinander. Aber immer, wenn sie verreiste, rief sie trotz Zeitverschiebung fast jeden Abend ihren Vater an. Diesmal hingegen hatte sie für volle zwei Monate Funkstille angekündigt. Damit hatte niemand gerechnet, aber Georges und Charles hatten die Gelegenheit beim Schopfe gepackt, um − jetzt oder nie − diesen alten Plan endlich in die Tat umzusetzen. Und eine Woche vor ihrer Abfahrt standen sie nun vor einem Dilemma.

Georges spürte, dass ihn schnell, sehr schnell Mutlosigkeit erfasste, als breche eine Flutwelle über ihn herein. Wenn sogar Charles den Glauben an ihren Plan verlor, waren sie erledigt. Als der Deckel des Kessels klapperte, rappelte Charles sich auf und goss schweigend den Kräutertee ein.

»Ich weiß, dass wir schon darüber gesprochen haben, aber trotzdem, Georges ... Bist du sicher, dass du es deiner Tochter und deiner Enkelin nicht sagen willst?«, fragte er schließlich, ohne den Blick von seiner Tasse abzuwenden.

»Nein, Herrgott noch mal! Fang nicht schon wieder damit an! Wenn Françoise es erfährt ... Du kennst sie doch, Charles. Die steckt mich sofort in ein Altenheim, wo man mir jede Viertelstunde eine Spritze verpasst, und jedes Mal, wenn ich pinkeln muss, werde ich von einer Eskorte begleitet. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Wenn sie könnte, würde sie mich in Watte packen. Inzwischen müsste sie schon in den Anden herumkraxeln. Und sie hat mir versichert, verstehst du, ver-si-chert – sie ist mir damit richtig auf die Nerven gegangen –, dass sie mich zwei Monate lang auf gar keinen Fall anrufen kann. Das wäre also geregelt, und das ist gut so. Und jetzt Adèle, clever wie sie ist ... Da brauche ich mir gar nichts vorzumachen, sie wird Mittel und Wege finden. Sie braucht nur ein Mal, ein einziges Mal in dieses Internet zu gehen, und zack, zwei Sekunden später fällt ein ganzer Schwarm Krankenschwestern über mich her. Nein, ich will nicht, dass Françoise es erfährt, weder von mir noch von dir, noch von Adèle. Gib mir mal den Tee.«

Georges führte die Tasse an seine Lippen, stellte sie wieder auf den Tisch und fuhr dann in demselben Tonfall fort.

»Für dich dagegen ist das alles kein Problem. Deine Frau, die stört das nicht. Sie drängt dich ja geradezu, zwei Monate lang zu verschwinden.

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