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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs, Band 1

Dickens Leben und Werke.
Zu den vorliegenden Übersetzungen.

Als Charles Dickens, der große englische Humorist, 1870 gestorben war, wurden in den ersten zwölf Jahren nach seinem Tode in England allein vier Millionen Stück seiner Werke verkauft; ein Zeichen für die ungemeine Beliebtheit des Mannes, der dabei nicht, wie manch anderer großer Dichter, auf den Ruhm nach dem Tode als Ersatz für den fehlenden Ruhm bei Lebzeiten hat hoffen brauchen. Er war, sobald er zu schriftstellern begann, bereits vielgelesen, vielgekauft und gefeiert.

Auch in Deutschland erschienen in des Dichters besten Lebenstagen bereits umfangreiche Übersetzungen, die damals gern gelesen wurden. Aber sie sind heute veraltet. Zwar waren sie meist genaue Übertragungen, indessen sie blieben ganz in der zeitlichen Mode stecken und sind heute für den modernen Leser kaum genießbar. Unser Sprachgefühl verlangt einfachen klaren Satzbau, keine endlosen Satzperioden. Die reichliche Anwendung von Partizipien, die das Englische zuläßt, wirkt in unserer Sprache schleppend und unbeholfen. Viele Fremdwörter, die früher geläufig waren, sind gänzlich aus dem Sprachgebrauch verschwunden und durch deutsche Ausdrücke zu ersetzen. Daher bedeutet eine erneute, an der Hand des englischen Originals revidierte Übersetzung zugleich eine neue Wegbahnung zum Reiche des großen englischen Humoristen, der uns auch heute noch außerordentlich viel zu bedeuten vermag. Das Unternehmen des Gutenberg-Verlags, Dickens in einem äußerlich wie innerlich würdigen deutschen Gewande weiten Kreisen unseres Volkes wieder zu erschließen, ist daher überaus dankbar zu begrüßen.

 

Charles Dickens (Pseudonym »Boz«) ist am 7. Februar 1812 zu Landport bei Portsmouth geboren. Sein Vater war Marinezahlmeister, der sich mit Frau und Kindern schlecht und recht durchs Leben schlug. Als Charles klein war, ging es den Eltern oft recht kümmerlich. 1816 siedelte die Familie nach Chatham bei London über. Der Vater geriet in Schulden und mußte zwei Jahre ins Schuldgefängnis wandern. Die Entbehrungen des Vaters in den Kerkermauern, die Not der Mutter, der Hunger der Geschwister und der eigene machten auf den kleinen Charles einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck: und das traurige Leben der Armut, das er damals kennenlernte, spiegelt sich oft genug in seinen Schriften ergreifend wider, immer begleitet von dem heimlichen Wunsch um Abhilfe. Charles konnte unter diesen Umständen nur eine kümmerliche Ausbildung erhalten. Er las selbst viele Romane und Dramen und suchte nebenher an Wissen zu ergattern, was er auftreiben konnte. Zunächst ward er Laufjunge und Paketpacker bei einem Verwandten, der Stiefelwichsefabrikant war. Dann aber besserten sich die Verhältnisse der Familie etwas. Charles konnte die »Academy« zu Hamstead Road besuchen. Er ward jetzt Advokatenschreiber. Als solcher bekam er es mit den verschiedensten Menschen aus dem Volke zu tun, und seiner scharfen Beobachtungsgabe verdankte er die Fähigkeit, alle möglichen Originale, vom jovialen Ehrenmann bis zum Landstreicher, meisterhaft zeichnen zu können.

Die Welt des Schriftstellers aber erschloß sich ihm erst eigentlich, als er im Britischen Museum literarische Studien systematisch trieb. Er lernte Stenographie und ward zunächst Zeitungsreporter, Als Mitarbeiter von »The true sun« und »Morning Chronicle« machte er sich zuerst einen Namen. Seit Dezember 1833 veröffentlichte er in englischen Zeitschriften »Skizzen von London«, die mit Humor und Herzenswärme das Volk Londons, wie's weint und lacht, darstellte. Diese Skizzen fanden außerordentlichen Anklang. Zum berühmten Manne aber machte ihn sein erster großer Roman »Die Pickwickier«, auch »Die Pickwickpapiere« ( Pickwick-Papers) genannt, worin er die (von ihm erdichteten) Berichte und Protokolle des Pickwick-Klubs veröffentlichte. Dieser Roman erschien heftweise in der Zeitung mit humoristischen Zeichnungen von Cruiksshank und Phiz. Das Publikum konnte es gar nicht erwarten, bis ein neues Heft erschien, um weitere Erlebnisse des wackeren Herrn Pickwick und seiner ergötzlichen Klubgenossen zu erfahren. Ein Griff ins volle Menschenleben war dieser Roman, und Dickens beglückte aus dem reichen Füllhorn seiner Phantasie die Leser darinnen immer wieder mit neuen kleineren, in sich abgeschlossenen Erzählungen, Anekdoten und Humoresken.

1836 heiratete Dickens die Tochter eines Redaktionskollegen und begann sich ein trautes Heim zu gründen. Sein schönes Haus am Regents-Park ward zum Treffpunkt der guten Gesellschaft und der zeitgenössischen Geistesgrößen.

1837 bis 1839 schrieb Dickens seinen zweiten Roman »Oliver Twist«, der die Erlebnisse, das Ringen und Streben eines Jungen aus den unteren Volksschichten zum Inhalt hat. Er ist wie der dritte Roman »Nicolas Nickleby« ein Entwicklungsroman; auch dieser stellt den Werdegang eines jungen Menschen mit Menschlichkeit, Wärme und Humor dar. Dickens schuf seine Werke, ähnlich wie Scott, sich naiv der Phantasie überlassend: er war ebenso wie das Publikum darauf gespannt, wie seine Romane enden würden. Seine weiteren Werke waren teils erschütternde Dokumente über das Elend der damals rasch emportreibenden Fabrikstädte, teils humoristisch-gütige Mahnungen, diesen Nöten zu steuern. Namentlich eine Reise nach Amerika bestärkte diese Tendenzen in Dickens Schriften. So klingt die Nächstenliebe in seinen Weihnachtserzählungen ( A Christmas carol) wunderbar erwärmend und herzlich wieder. In gleicher Weise ist der Roman »Zwei Städte« ein schönes Zeugnis für Dickens Kunst, tief ins volle Menschenleben zu führen und zugleich den Leser ethisch zu bereichern.

1849 bis 1850 folgte der große autobiographische Roman »David Copperfield«, in dem Dickens viel von seinem persönlichen Leben berichtet. Welche Fülle an Produktivität, an Arbeit und Gestaltungskraft zeigen diese ersten Jahrzehnte des Schriftsteller! Aber in jenen Zeiten hat sich der Dichter auch übernommen und seine Kräfte für späteres Schaffen geschwächt. 1845 war er außerdem Redakteur der neubegründeten Zeitung » Daily News« geworden, und seit 1849 leitete er eine Wochenschrift, die unter dem Titel » All the Year round« vieles aus seiner Feder brachte. Er verfaßte eine behaglich plaudernde, anschauliche und lebendige Geschichte Englands ( A childs history of England), und sein letzter großer Roman war »Little Dorrit«, in dem er diesmal das Schicksal und die Entwicklung eines gleichfalls aus ärmlichen widrigen Verhältnissen sich emporkämpfenden Mädchens zum Inhalt einer menschlich tief angelegten, dramatisch bewegten Erzählung machte.

Seine Familienverhältnisse bereiteten ihm in späteren Jahren oft trübe Stunden. 1858 trennte er sich von seiner Frau. Er schuf sich eine herrliche Besitzung Gadshill Place; aber seine innere Rastlosigkeit ließ ihn nicht zum ruhigen Genuß des Errungenen kommen. Er ging jetzt auf Reisen und hielt Vorlesungen aus seinen Werken in London, Schottland, Irland und Nordamerika. Bis an sein Lebensende blieb er ein Menschenfreund, der durch mancherlei gute Stiftungen seine Gesinnung in die Tat umsetzte. Von Ehren überhäuft starb er am 9. Juni 1870 und ward in der Westminster-Abtei zu London beigesetzt.

Den in den ersten beiden Bänden dieser Dickensausgabe erscheinenden »Pickwickiern« ist die Übersetzung von Dr. Kolb (Hoffmannsche Buchhandlung 1855) zugrunde gelegt. Sie ist entsprechend den anfangs dieser Einleitung gemachten Bemerkungen gründlich revidiert und durchgehend mit dem englischen Original verglichen worden. Dabei ist das sprachliche Gewand stark umgestaltet und das Ganze ist in modernes Deutsch gebracht worden. Die Anmerkungen, die dem Verständnis des zeitgeschichtlichen Hintergrundes dienen, dürften allen Lesern willkommen sein. Bei der Textrevision fand ich freundliche Unterstützung durch Frau Clara Weinberg, Hamburg, der ich auch an dieser Stelle herzlich danke.

Und nun, verehrte Freunde und Freundinnen eines unverwüstlichen Humors, bringt Zeit mit – denn Zeit und Muße gehören zum richtigen Auskosten des Gebotenen. Am besten ist ein stiller Nachmittag, wenn's draußen stürmt, regnet oder schneit. Dann wird Dickens schon dafür sorgen, daß im Herzen der Leser sich die Heiterkeit der Augustsonne, die er so besonders liebte, zärtlich und lösend verbreitet.

Dresden, im Frühherbst 1926.
P. Th. H.

Dickens Vorrede zu den »Pickwickiern«.

Der Verfasser hatte bei diesem Werke die Absicht, dem Leser eine fortlaufende Serie von Persönlichkeiten und Ereignissen vorzuführen, diese mit möglichst frischen Farben zu malen, und ihnen zugleich dadurch Interesse zu verleihen, daß sie dem wirklichen Leben einen Spiegel vorhalten.

Indem er sich anfangs bei seiner Arbeit den Ansichten anderer fügte, ließ er das Ganze zunächst von einem Klub ausgehen; ein Kunstgriff, der ihm als der seinem Zwecke entsprechendste an die Hand gegeben wurde. Weil er aber fand, daß ihn diese Einrahmung in seiner freieren Bewegung hemmte, so wich er nach und nach davon ab; denn es konnte ihm bei seinem Werk wenig daran liegen, ob dem Klub strenge epische Gerechtigkeit zuerkannt würde oder nicht.

Das Erscheinen des Werkes in Monatsheften – jedes nur zweiunddreißig Seiten stark – forderte, da die mannigfaltigen Begebenheiten einen möglichst genauen Zusammenhang haben mußten, um sich nicht als abgerissen und unmöglich zu geben, die Verfolgung eines möglichst einfachen Plans. Sollte die Erzählung doch nicht unter der getrennten und abspringenden Art einer Veröffentlichung leiden, die volle zwanzig Monate andauerte. Mit einem Wort, es war notwendig – oder es schien wenigstens dem Verfasser notwendig, daß jedes Heft gewissermaßen in sich selbst abgeschlossen wäre, und daß dann doch die zwanzig vollständigen Hefte ein leidliches, harmonisches Ganze bildeten, deren sich jedes durch einen gefälligen und nicht unnatürlichen Übergang an das andere anreihte.

Es versteht sich von selbst, daß man bei einem mit solchen Rücksichten veröffentlichten Werke billigerweise keinen kunstvoll gewebten oder geistreich entwickelten Plan erwarten kann. Der Verfasser schmeichelt sich indessen mit der Hoffnung, die Schwierigkeiten seines Unternehmens mit bestem Erfolg überwunden zu haben. Wenn man deü Pickwickpapieren den Vorwurf macht, daß sie eine bloße Reihe von Abenteuern sind, in denen die Szenen immer wechseln, und die Charaktere auftauchen und verschwinden, wie die Männer und Frauen, denen wir in der wirklichen Welt begegnen, so kann er sich nur mit dem Gedanken trösten, daß sie gar nichts anderes sein wollen, und daß man dieselbe Ausstellung an den Werken einiger der größten englischen Novellisten gemacht hat.

Die folgenden Blätter wurden von Zeit zu Zeit abgefaßt, je nachdem sich periodisch Gelegenheit dazu gab. Insofern sie größtenteils in der Gesellschaft eines sehr teuren jungen Freundes geschrieben wurden, der nicht mehr ist, hängen sie in der Seele des Verfassers zugleich mit der glücklichsten Periode seines Lebens und mit dem düstersten und schmerzlichsten Ereignis zusammen.

Die fast beispiellose Güte und Gunst, womit das Publikum dieses Werk aufnahm, werden dem Verfasser während seines ganzen Lebens eine nie versiegende Quelle der dankbarsten und heitersten Erinnerung sein. Hoffentlich wird man durch das ganze Buch hindurch auf keinen Vorfall und keinen Ausdruck stoßen, der auf der zartesten Wange eine Schamröte erwecken oder das Gefühl des Empfindlichsten beleidigen könnte. Wenn eine seiner unvollkommenen Schilderungen, während sie zur Unterhaltung gedient, auch nur einen einzigen Leser bewegen sollte, eine bessere Meinung von seinen Nebenmenschen zu fassen und seine Blicke auf die lichteren und freundlicheren Seiten der menschlichen Natur zu richten, so würde sich der Verfasser ob solchen Resultates stolz und glücklich fühlen.

Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs

Erstes Kapitel.
Die Pickwickier.

Den ersten Lichtstrahl, der die Nacht erhellt und das Dunkel, in das die frühere Geschichte der öffentlichen Laufbahn des unsterblichen Pickwick eingehüllt scheint, in blendenden Glanz verwandelt, erhalten wir durch einen Blick in den nachstehenden Auszug aus den Verhandlungen des Pickwick-Klubs, den der Herausgeber dieser Papiere mit Vergnügen seinen Lesern zum offenkundigen Beweise vorlegt, mit welcher gewissenhaften Sorgfalt, unermüdlichen Beharrlichkeit und feinen Unterscheidungsgabe er die ihm anvertrauten zahlreichen und verschiedenartigen Dokumente durchforschte.

Mai 12, 1817. Unter Joseph Smiggers Esq.B.V.P. – P.K.M.[1] Präsidium wurden folgende Entschließungen einstimmig angenommen:

»Daß die Gesellschaft mit den Gefühlen der vollkommensten Zufriedenheit und unbedingter Beistimmung die durch Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M.[2], mitgeteilten, spekulativen Untersuchungen über die Quelle der Fischteiche von Hampstead[3] nebst einigen Bemerkungen über die Theorie des Froschsprungs vorlesen hörte und dem besagten Samuel Pickwick, Esq.P.P.K.M., ihren wärmsten Dank dafür abstattet.«

»Doß die Gesellschaft innigst von den Vorteilen überzeugt ist, die der Wissenschaft aus obengenanntem Werk, sowie überhaupt aus den unermüdlichen Forschungen des Samuel Pickwick, Esq. P.P.K.M., in Hornsey, Highgate[4], Brixton und Camberwell[5] erwachsen müssen; und daß sie daher den unschätzbaren Gewinn nicht verkennen kann, der sich für die Fortschritte und Verbreitung des Wissens unausbleiblich ergeben muß, wenn dieser gelehrte Mann seine Spekulationen auf ein weiteres Feld ausdehnt, größere Reisen unternimmt und dadurch die Sphäre seiner Beobachtungen erweitert.«

»Daß die Gesellschaft in der obgedachten Absicht einen Vorschlag in ernste Erwägung gezogen, der von vorbesagtem Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M., und drei andern sogleich namhaft zu machenden Pickwickiern ausgegangen, um eine neue Abteilung der vereinten Pickwickier unter der Benennung der › korrespondierenden Gesellschaft‹ des Pickwick-Klubs zu bilden.«

»Daß der besagte Vorschlag die Billigung und Genehmigung der Gesellschaft erhalten habe.«

»Daß daher die korrespondierende Gesellschaft des Pickwick-Klubs hiermit konstituiert ist, und daß Samuel Pickwick, Esq. P. P. K. M., Tracy Tupman, Esq. P. K. M., Augustus Snodgraß, Esq. P. K. M., und Nathaniel Winkle, Esq. P. K. M., hierdurch zu Mitgliedern derselben ernannt und ersucht worden sind, von Zeit zu Zeit persönliche Berichte über ihre Reisen und Untersuchungen, Beobachtungen der Charaktere und Gebräuche, und alle ihre Abenteuer nebst den dazugehörigen Papieren und Dokumenten, zu denen Lokalszenen oder Ideenverbindungen Veranlassung geben könnten, an den in London residierenden Pickwick-Klub einzusenden.«

»Daß die Gesellschaft von ganzem Herzen den Grundsatz anerkennt, nach dem jedes Mitglied der korrespondierenden Abteilung seine Reisekosten selbst tragen soll, und daß sie nicht das geringste dagegen einzuwenden hat, wenn die Mitglieder der besagten Sektion in Voraussetzung der obigen Bedingung ihre Reisen und Untersuchungen solange fortsetzen, wie es ihnen beliebt.«

»Daß endlich die Mitglieder der vorbesagten korrespondierenden Gesellschaft hierdurch in Kenntnis gesetzt worden, wie der Klub ihren Vorschlag, das Porto für die von ihnen eingehenden Briefe und Pakete ihrerseits tragen zu wollen, in Erwägung gezogen und denselben der großen Geister, von denen er ausging, für völlig würdig gefunden, weshalb er sich hiermit vollkommen einverstanden erklärt.«

Ein zufälliger Beobachter, fügt der Sekretär hinzu, dessen Aufzeichnungen wir den hier folgenden Bericht verdanken, würde vielleicht nichts Außerordentliches an dem Kahlkopf und der großgläserigen Brille gefunden haben, die während der Ablesung obiger Entschließungen unverwandt auf sein (des Sekretärs) Gesicht gerichtet waren. Für solche aber, die wußten, daß unter dieser Glatze Pickwicks gigantisches Gehirn arbeitete, und daß die strahlenden Augen Pickwicks unter jenen Gläsern funkelten, hatte der Anblick in der Tat ein hohes Interesse. Da saß er, der Mann, der die Teiche von Hampstead bis zu ihren Quellen erforscht und durch seine Theorie des Froschsprungs die ganze gelehrte Welt in Alarm gesetzt hatte, so ruhig und unbeweglich wie die tiefen Wasser der ersteren an einem kalten Wintertage, oder wie ein einsames Exemplar der letzteren in dem geheimsten Winkel eines irdenen Krugs. Und um wieviel interessanter wurde das Schauspiel, als auf den einstimmigen Ruf » Pickwick!« der ausgezeichnete Mann langsam den stark gebauten Holzstuhl, auf dem er gesessen, bestieg und voll Feuer und Leben den von ihm selbst gegründeten Klub anredete! Welch eine Studie für einen Künstler bot diese Szene dar!

Der beredte Pickwick – da steht er, die eine Hand mit Grazie hinter seinem Rockschoß verbergend, während die andere die Lüfte zerteilt, um seine glühende Ansprache zu unterstützen: seine erhabene Stellung macht seine enganschließenden Unaussprechlichen und Gamaschen bemerkbar, die an einem Mann von gewöhnlichem Schlag vielleicht gar nicht aufgefallen wären, so aber, da sie einen Pickwick bekleideten, wenn wir uns des Ausdrucks bedienen dürfen, eine unwillkürliche Achtung und Ehrfurcht einflößen; da steht er: umringt von den Männern, die sich freiwillig entschlossen haben, die Gefahren seiner Reisen und den Ruhm seiner Entdeckungen mit ihm zu teilen.

Zu seiner Rechten sitzt Mr. Tracy Tupman, der nur zu empfängliche Tupman, der mit der Weisheit und Erfahrung reiferer Jahre die Begeisterung und Glut des Jünglings in der anziehendsten und verzeihlichsten aller menschlichen Schwächen – der Liebe – vereinigt. Die Jahre und das Wohlleben haben seiner einst romantischen Gestalt eine weitere Ausdehnung gegeben; die schwarzseidene Weste hat sich immer mehr hervorgrdrängt! Zoll für Zoll ist die goldene Uhrkette vor Tupmans Horizont entrückt worden, und gradweise ist das volle Kinn über die Grenzen der weißen Krawatte hinausgequollen! aber Tupmans Inneres hat keine Veränderung erlitten – Bewunderung des schönen Geschlechts ist immer noch seine Hauptleidenschaft.

Zur Linken seines großen Meisters sitzt der poetische Snodgraß, und neben ihm Herr Winkle, der Freund der Wälder und Jagden, der eine poetisch in einen geheimnisvoll blauen Mantel mit einem Kragen von Kaninchenfell eingehüllt, während der andere mit einem neuen grünen Jagdkleid, einem schottischen Halstuch und dicht anschließenden Tuchbeinkleidern den Glanz noch erhöht.

Herrn Pickwicks Rede bei dieser Gelegenheit, sowie die darauffolgenden Debatten sind in dir Verhandlungen des Klubs eingetragen. Beide haben mit den Debatten anderer berühmter Körperschaften große Ähnlichkeit, und da es immer interessant ist, der Verwandtschaft zwischen den Äußerungen großer Männer nachzuspüren, so teilen wir hier wenigstens den Eingang mit.

Herr Pickwick bemerkte (sagt der Sekretär), daß jedem Manne der Ruhm am Herzen liege. Der poetische Ruhm liege seinem Freunde Snodgraß am Herzen, der Ruhm der Eroberungen in gleichem Grade seinem Freunde Tupman, und das Verlangen, Ruhm einzuernten auf den Gebieten der Jagd, der Luft und des Wassers, entzünde vor allem die Brust seines Freundes Winkle. Er (Herr Pickwick) wolle nicht in Abrede ziehen, daß er durch menschliche Leidenschaften und Gefühle bewegt werde (Beifall) – vielleicht menschliche Schwächen habe – (lauter Ausruf »Nein! nein!«); aber soviel glaube er sagen zu dürfen, daß, wenn sich je das Feuer der Selbstsucht in seinem Busen entzünde, dieses augenblicklich wieder durch den Wunsch gedämpft werde, vor allem der Menschheit zu dienen, deren Wohl der Fittig sei, auf dem sich sein Geist emporschwinge, sowie er die Philanthropie als sein Lebensprinzip betrachte. (Stürmischer Beifall.) Er wolle es offen gestehen und gebe das Geständnis seinen Feinden preis, er habe einigen Stolz gefühlt, als er der Welt seine Theorie des Froschsprungs mitteilte; man möge das Verdienst derselben nun anerkennen oder nicht. (Ein Ausruf »Es geschieht!« und lauter Beifall.) Er wolle der Versicherung eines ehrenwerten Pickwickiers, dessen Stimme er soeben vernommen, Glauben schenken. Aber wenn sich auch der Ruhm jener Abhandlung bis zu der äußersten Grenze der Welt verbreitete, so würde doch der Stolz, womit er auf die Autorschaft dieses Erzeugnisse« blicke, nicht mit dem Stolze zu vergleichen sein, mit dem er in diesem, dem stolzesten Augenblicke seines Daseins, um sich her schaue. (Beifall.) Er sei nur ein geringes Individuum! (»Nein! nein!«) könne jedoch nicht umhin, zu fühlen, daß man ihn zu einer mit großer Ehre und einiger Gefahr verknüpften Bestimmung auserkoren habe. Das Reisen sei jetzt eine mißliche Sache; die Straßen wären in einem beunruhigten, und die Gemüter der Kutscher in einem keineswegs befestigten Zustande! die ehrenwerten Mitglieder möchten die Blicke richten, wohin sie wollten, und die Szenen berücksichtigen, die sich ringsumher ereigneten. Überall würden Wagen umgeworfen, gingen Pferde durch, schlügen Boote um, und platzten Dampfkessel. (Beifall – eine Stimme: »Nein!«) Nein? Möge doch der ehrenwerte Pickwickier, der so laut »Nein!« rief, vortreten und es leugnen, wenn er kann! (Beifall.) Wer war es, der »Nein!« rief? (Enthusiastischer Beifall.) – War es etwa ein eitler und unzufriedener Mann – um nicht zu sagen ein rechthaberischer Schulfuchs – (lauter Beifall), der eifersüchtig auf das vielleicht unverdienterweise seinen ( Pickwicks) Untersuchungen zuteil gewordene Lob, und ärgerlich über das Fehlschlagen seiner eigenen schwachen Versuche, mit ihm ( Pickwick) zu wetteifern, jetzt auf diese niedrige und gehässige Art – –

Hier erhob sich Herr Blotton (von Aldgate), um zur Ordnung zu rufen. Spielte der ehrenwerte Pickwickier damit auf ihn an? (Man ruft: »Zur Ordnung!–Ja!– Nein!– Weiter! – Nicht weiter!« usw.)

Herr Pickwick erklärte, er werde sich durch Geschrei nimmermehr zum Schweigen bringen lassen. Er habe allerdings den ehrenwerten Herrn gemeint. (Große Aufregung.)

Herr Blotton sagte, er weise die falsche und lächerliche Anklage des ehrenwerten Herrn mit tiefer Verachtung zurück. (Große Bewegung.) Der ehrenwerte Herr sei ein Aufschneider. (Ungeheure Verwirrung und lautes Rufen: »Zur Ordnung! zur Ordnung!«)

Herr Augustus Snodgraß eilte nach dem Prajidentenstuhl. Er wünschte zu wissen, (hört!) ob man es zugeben wolle, daß dieser schimpfliche Streit zwischen zwei Mitgliedern des Klubs fortgesetzt werde. (Hört! hört!)

Der Präsident war fest überzeugt, daß der ehrenwerte Pickwickier den Ausdruck zurücknehmen werde, dessen er sich soeben bedient habe.

Herr Blotton erklärte, mit aller Achtung vor dem Präsidenten, daß er dies nicht tun werde.

Der Präsident erkannte es für gebieterische Pflicht, den ehrenwerten Herrn zu fragen, ob er sich des ihm entschlüpften Ausdrucks im gewöhnlichen Sinne bedient habe.

Herr Blotton nahm keinen Anstand, die Frage zu verneinen. Er habe das Wort im Pickwickischen Sinne gebraucht. (Hört! hört!) Er fühle sich verpflichtet, zu erklären, daß er persönlich die größte Hochachtung vor dem ehrenwerten Herrn hege, und er habe ihn nur aus dem Pickwickischen Gesichtswinkel für einen Aufschneider angesehen. (Hört! hört!)

Herr Pickwick fühlte sich durch die offene, aufrichtige und genügende Erklärung seines ehrenwerten Freundes vollkommen zufriedengestellt, und fügte zugleich hinzu, daß auch seine eigenen Bemerkungen bloß im Pickwickischen Sinne zu verstehen gewesen wären. (Beifall.)

Hier schließt der Eingang, und wir zweifeln nicht, daß damit wohl auch die Debatte zu Ende war, nachdem sie zu einem so befriedigenden Resultate geführt hatte. Es liegen uns zwar keine offiziellen Berichte von den Tatsachen vor, die der Leser in dem folgenden Kapitel finden wird, aber sie wurden sorgfältig aus Briefen und andern so unzweifelhaft echten handschriftlichen Dokumenten geschöpft, daß die zusammenhängende Darstellung derselben dadurch gerechtfertigt wird.

Zweites Kapitel.
Die Reise des ersten Tages und die Abenteuer des ersten Abends nebst ihren Folgen.

Die pünktliche Allerweltsdienerin, die Sonne, war eben aufgegangen und begann mit ihren Strahlen den Morgen des dreizehnten Mais Eintausendachthundertundsiebenundzwanzig zu erhellen, als sich Herr Samuel Pickwick gleich einer zweiten Sonne von seinem Lager erhob, das Fenster seines Schlafgemachs aufriß und auf die Welt unter ihm hinunterblickte. Goswellstreet lag zu seinen Füßen, Goswellstreet zu seiner Rechten – soweit sein Auge reichte, dehnte sich Goswellstreet zur Linken aus, und die Häuser der andern Seite von Goswellstreet befanden sich ihm gerade gegenüber.

»So sind die engherzigen Ansichten jener Philosophen,« dachte Pickwick, »die sich begnügen, die Dinge, die vor ihnen liegen, zu untersuchen, ohne sich um die Wahrheiten zu kümmern, die sich jenseits bergen. Ebensogut könnte ich zufrieden sein, immer die Goswellstraße anzusehen, ohne mir die mindeste Mühe zu geben, die geheimen Gegenden zu durchforschen, die sie von allen Seiten umgeben.«

Nachdem Herr Pickwick dieser schönen Betrachtung Lust gemacht hatte, schlüpfte er in seine Kleider und packte noch weitere in seinen Mantelsack. Große Männer sind selten in ihrem Anzuge sehr bedenklich. Das Geschäft des Rasierens, des Ankleidens und Kaffeetrinkens war bald vorüber, und nach einer zweiten Stunde langte Herr Pickwick, den Mantelsack in der Hand, sein Fernrohr in der Überrocktasche und seinen Briefblock bereit, alle merkwürdigen Entdeckungen aufzunehmen, bei dem Kutscherstand zu Saint Martin le Grand an,

»Droschke!« rief Herr Pickwick.

»Hier, Sir!« brüllte ein Kabinettstück der kaukasischen Rasse in einer sackleinenen Jacke, einer gleichen Schürze und einem mit seiner Nummer versehenen Messingschilde um die Schulter, als wäre er für eine Raritätensammlung registriert. Dies war der Pferdewärter. »Hier, Sir! Erste Droschke vor!« Der Kutscher wurde nun aus dem Wirtshause, wo er eben seine erste Pfeife geraucht hatte, geholt, und Herr Pickwick nebst seinem Mantelsack in die Droschke geschoben.

»Golden Croß«, sagte Herr Pickwick.

»Ist wohl der Mühe wert, Tommy« – rief der Kutscher verdrießlich seinem Freunde, dem Pferdewärter zu[6], der ihm diesen Kunden zugewiesen, indem er zugleich sein Pferd antrieb.

»Wie alt ist dieses Tier, mein Freund?« fragte Herr Pickwick, indem er mit dem Schilling, den er als Fuhrlohn bereits herausgenommen hatte, die Nase rieb.

»Zweiundvierzig«, versetzte der Kutscher mit einem forschenden Blick auf seinen Passagier.

»Was?« rief Herr Pickwick, nach seinem Briefblock greifend.

Der Kutscher wiederholte die frühere Behauptung. Herr Pickwick sah ihm scharf ins Gesicht, und als er dessen unbewegliche Züge bemerkte, notierte er sofort die Tatsache.

»Und wie lange lassen Sie es hintereinander arbeiten?« fragte Herr Pickwick weiter.

»Zwei oder drei Wochen«, entgegnete der Mann.

»Wochen?« sagte Herr Pickwick erstaunt und griff wieder nach seinem Briefblock.

»Es hat seinen Stall in Pentonville,« bemerkte der Kutscher kaltblütig, »aber ich nehme es selten mit heim, wegen seiner Schwäche.«

»Wegen seiner Schwäche?« wiederholte der verblüffte Herr Pickwick.

»Es stürzt immer, wenn es aus der Droschke genommen wird,« fuhr der Kutscher fort; »aber eingespannt zieht man es dicht an und hält es kurz im Zügel, daß es nicht leicht fallen kann. Auch haben wir ein paar köstliche breite Räder; wenn sich der Gaul rührt, so laufen sie ihm nach – und vorwärts muß er, er mag wollen oder nicht.«

Herr Pickwick verzeichnete jedes Wort dieser Angabe in seinem Taschcnbuche, da er im Sinn hatte, die Tatsache als ein merkwürdiges Beispiel von der Zähigkeit der Pferde, selbst unter den kümmerlichsten Verhältnissen, dem Klub mitzuteilen. Er war indes kaum mit seinem Geschäfte fertig geworden, als sie in Golden Croß anlangten. Der Kutscher sprang herunter und half Herrn Pickwick heraus, worauf sich Herr Tupman, Herr Snodgraß und Herr Winkle, die ihren vortrefflichen Führer schon lange mit Sehnsucht erwarteten, alsbald um ihn drängten, um ihn zu bewillkommnen.

»Da ist Euer Fuhrlohn«, sagte Herr Pickwick, dem Kutscher den Schilling darreichend.

Aber wer beschreibt das Erstaunen des gelehrten Mannes, als dieser rätselhafte Mensch das Geld auf das Straßenpflaster warf, und in handgreiflichen Ausdrücken um das Vergnügen bat, sich mit Herrn Pickwick boxen zu dürfen.

»Seid Ihr toll?« fragte Herr Snodgraß.

»Oder betrunken?« meinte Herr Winkle.

»Oder beides zusammen?« sagte Herr Tupman.

»Heran!« rief der Droschkenlenker, indem er mit den Fäusten in der Luft herumfuchtelte. »Heran – mit euch allen Vieren.«

»Da gibt's einen Jux!« schrie ein halbes Dutzend Mietkutscher. »Ans Werk, Sam« – und sie drängten sich mit lustigen Gesichtern im Kreise um die Gesellschaft.

»Was hast du denn, Sam?« fragte ein Herr in schwarzen Kattunärmeln.

»Was ich habe?« fragte der Droschkenlenker. »Wozu braucht er meine Nummer?«

»Ich wollte eure Nummer nicht«, entgegnete der bestürzte Herr Pickwick.

»Warum haben Sie sie denn in Ihr Buch hineingeschrieben?« fragte der Kutscher.

»Das tat ich nicht«, antwortete Herr Pickwick unwillig.

»Sollte es wohl jemand glauben«, fuhr der Kutscher, sich an die Menge wendend, fort, »sollte es wohl jemand glauben, daß mir da ein Spion in die Droschke steigt, der nicht nur meine Nummer, sondern auch noch obendrein jedes Wort, das ich gesagt habe, aufschreibt?«

Jetzt ging Herrn Pickwick ein Licht auf – der Mann meinte nämlich seinen Briefblock.

»Wie – tat er das?« fragte ein anderer Kutscher.

»Ja, das tat er,« versetzte der Droschkenmann – »und um mir besser zu Leibe gehen zu können, bestellt er da auch noch drei Zeugen, um ihn zu unterstützen. Aber ich will's ihm geben, und wenn ich sechs Monate dafür ins Loch muß. Kommt her« – der Kutscher warf dabei, mit beispielloser Rücksichtslosigkeit für sein Eigentum, seinen Hut auf die Erde, schlug Herrn Pickwick die Brille aus dem Gesichte, und ließ diesem Angriff unmittelbar einen Schlag auf Herrn Pickwicks Nase und einen weiteren auf dessen Brust folgen. Ein dritter traf Herrn Snodgraß' Auge, und ein vierter zur Abwechslung Herrn Tupmans Weste. Dann tanzte der Mann in der Straße herum, kam wieder auf den Fußsteig zurück und versetzte Herrn Winkle einen so kräftigen Puff vor den Bauch, daß demselben augenblicklich der Atem verging, ein Manöver, das im ganzen kaum mehr als sechs Sekunden dauerte.

»Wo ist die Polizei?« rief Herr Snodgraß.

»Bringt sie unter die Brunnenpumpe«, meinte ein Pastetenverkäufer.

»Ihr sollt mir'« entgelten!« keuchte Herr Pickwick.

»Spione!« brüllte die Menge.

»Kommt her!« rief der Droschkenlenker, der die ganze Zeit über seine Boxergeberden ohne Unterlaß fortgesetzt hatte.

Die Anwesenden waren bisher nur passive Zuschauer des Auftritts gewesen. Sobald sich aber die Kunde verbreitete, die Pickwickier wären Spione, so wurden mit großer Lebhaftigkeit Stimmen über die Zweckmäßigkeit des von dem Pastetenverkäufer gemachten Vorschlags gesammelt: und es ist ungewiß, wie weit die Gewalttätigkeiten um sich gegriffen hätten, wenn der Sache nicht durch die Einmischung eines neuen Ankömmlings ein Ende gemacht worden wäre.

»Was gibt's da für einen Spektakel?« fragte ein hoher, schmächtiger, junger Mann in einem grünen Rocke, der plötzlich aus dem Kutschenhofe hervorkam.

»Spione!« schrie die Menge abermals.

»Wir sind keine«, jammerte Herr Pickwick in einem Tone, der jeden leidenschaftslosen Zeugen überführt haben müßte.

»Ist's wahr? Sind Sie keine Spione?« fragte der junge Mann, der sich durch das unfehlbare Mittel von Ellenbogenstößen nach den Gesichtern der Menge bis zu Herrn Pickwick Bahn gebrochen hatte.

Der gelehrte Mann erklärte ihm mit wenigen hastigen Worten den wahren Stand der Sache.

»So kommen Sie denn«, sagte der Grünrock, indem er, ohne Unterlaß fortsprechend, Herrn Pickwick mit Gewalt nach sich zog. »Da, Nummer 924, nimm dein Geld und packe dich – ein respektabler Herr – kenne ihn wohl – fort mit eurem Unsinn – kommen Sie hierher, Sir – wo sind Ihre Freunde? – Ein Mißverständnis, wie ich sehe – hat nichts auf sich – kommt bisweilen vor – beste Familien – es geht nicht ans Leben – stecken Sie den Unfall ein – regt sonst nur auf – kommt alles Wetter über einen – verdammte Kerle.«

So redete er noch eine Weile in abgebrochenen Sätzen fort, die er mit einer außerordentlichen Zungengeläufigkeit heraussprudelte, und ging nach dem Passagierzimmer voran, wohin ihm Herr Pickwick mit seinen Jüngern folgte.

»Da, Kellner«, rief der Fremde, ungestüm an der Klingel ziehend. »Gläser her – Branntwein und Wasser, heiß, stark, süß und in Fülle – das Auge beschädigt, Sir? Kellner, rohes Kalbfleisch für das Auge des Herrn – nichts besser als rohes Kalbfleisch für eine Quetschung, Sir; kalter Laternenpfahl sehr gut, aber Laternenpfahl ungesund – verdammt ungesund, eine halbe Stunde auf der Straße zu stehen, wenn man das Auge gegen einen Laternenpfahl gerannt hat – oh –- sehr gut – ha! ha!«

Und der Fremde, ohne auch nur einen Augenblick innezuhalten, stürzte, um zu Atem zu kommen, nun ein volles halbes Maß der dampfenden Flüssigkeit in seine Kehle und warf sich mit einer Behaglichkeit auf einen Stuhl, als ob gar nichts vorgefallen wäre.

Während seine Gefährten dem neuen Bekannten ihren Dank abstatteten, hatte Herr Pickwick Muße, dessen Kleidung und Äußeres genauer zu betrachten.

Er war von mittlerer Größe, aber die Schmächtigkeit seines Körpers und die Länge seiner Beine ließen ihn viel größer erscheinen. Sein grüner Rock mochte zur Zeit, als der Schwalbenschwanz Mode war, hübsch gewesen sein, hatte aber augenscheinlich damals einem weit kleineren Manne gehört, da die beschmutzten und verschossenen Ärmel dem Fremden kaum bis ans Handgelenk reichten. Er war, auf die Gefahr hin, daß die Nähte des Rückens platzten, bis ans Kinn zugeknöpft, und keine Spur von Hemdkragen zierte den Hals seines Besitzers. Die knappen schwarzen Beinkleider zeigten da und dort so fadenscheinige Stellen, daß man wohl sah, sie hatten lange Dienste geleistet, und waren so straff über ein Paar geflickte Schuhe gezogen, als beabsichtigten sie, die schmutzigen weißen Strümpfe zu verbergen, die aber dennoch sichtbar blieben. Sein langes schwarzes Haar quoll in nachlässigen Locken zu beiden Seiten seines eingedrückten alten Hutes hervor, und hin und wieder ließ sich das nackte Armgelenk zwischen den Enden seiner Handschuhe und den Aufschlägen seiner Rockärmel sehen. Sein Gesicht war schmal und hager; aber ein unbeschreiblicher Ausdruck von leichtfertiger Unverschämtheit und vollkommenem Selbstvertrauen sprach sich in dem Äußern des Mannes aus.

Das war die Person, die Herr Pickwick durch seine Brille, die er glücklicherweise wieder gefunden hatte, beaugenscheinigte, und der er sich näherte, als seine Freunde sich in den wärmsten und gewähltesten Dankesergießungen für seinen gelegen gekommenen Beistand erschöpft hatten.

»Ist gern geschehen«, sagte der Fremde, die Anrede kurz abschneidend – »Kein Wort mehr; ein schlimmer Kunde, jener Droschkenmann – nimmt's mit fünfen auf; wäre ich aber ihr Freund Grünjacke dagewesen – hol mich dieser und jener – wollt ihm den Kopf zerdroschen haben – ja, das wollt ich – Kellner, einen Schweinsrüssel – und den Pastetenmann dazu – keinen Schinken.«

Diese zusammenhängende Rede wurde durch den Eintritt des Rochesterkutschers unterbrochen, der die Ankündigung brachte, daß der Kutscher im Begriff wäre, abzufahren.

»Kutscher?« sagte der Fremde aufspringend. »Meine Kutsche – eingeschrieben – ein Außensitz – zahlen Sie meinen Grog – müßte ne Krone wechseln lassen – abgegriffenes Silber – pure Knöpfe – geht nicht – wie?« Und dabei schüttelte er gar bedächtig den Kopf.

Nun hatten aber zufällig Herr Pickwick und seine Begleiter Rochester zu ihrem ersten Absteigeposten bestimmt, weshalb sie ihren neuen Bekannten davon unterrichteten und mit ihm übereinkamen, daß sie den Hintersitz des Wagens nehmen wollten, wo sie alle nebeneinander Platz hatten.

»Nun, hinauf mit Ihnen«, sagte der Fremde, indem er Herrn Pickwick mit einer solchen Hast auf das Kutschendach half, daß das Gravitätische seiner Haltung bedeutend Not darunter litt.

»Haben Sie Gepäck, Sir?« fragte der Kutscher.

»Wer – ich? Da, dieses Löschpapierpaket, weiter nichts: das andere Gepäck ist zu Wasser fort – Kisten, zugenagelt und groß wie die Häuser – schwer, schwer, verdammt schwer«, versetzte der Fremde, indem er von seinem Paket, das sehr verdächtige Anzeichen trug, ein Hemd und ein Taschentuch zu enthalten, soviel wie möglich in die Tasche zwängte.

»Köpfe weg. Köpfe weg, nehmt die Köpfe in acht«, rief der geschwätzige Fremde, als sie unter einem niedrigen Bogengang durchfuhren, der damals die Einfahrt in den Kutschenhof bildete. »Schrecklicher Platz – gefährliche Lage – vorgestern – fünf Kinder – Mutter – große Dame, die belegte Butterbrote aß – vergaß den Bogen – Krack – Kinder sehen um – Mutter ohne Kopf – Butterbrote in ihrer Hand – kein Mund, um ihn hineinzustecken – Haupt der Familie tot – ergreifend – herzbrechend. Sie sehen nach Whitchall[7], Sir? Schöner Ort – kleines Fenster – sonst iemands Kopf dort ab – was meinen Sie, Sir? – Nahm sich auch nicht genug in acht – nicht wahr, Sir?«

»Ich dachte eben darüber nach,« sagte Herr Pickwick, »wie sich die menschlichen Dinge so seltsam verändern können.«

»Ah, ich verstehe – den einen Tag zur Türe des Palastes hinein, am nächsten durchs Fenster hinaus. Philosoph, Sir?«

»Ein Beobachter der menschlichen Natur, Sir«, versetzte Herr Pickwick.

»Ah, das bin ich auch. Die meisten Leute sind es, wenn sie wenig zu tun und noch weniger zu essen haben. Poet, Sir?«

»Mein Freund, Herr Snodgraß, ist auf diesem Felde heimisch«, entgegnete Herr Pickwick.

»Ich gleichfalls«, sagte der Fremde. »Episches Gedicht – zehntausend Verse – Julirevolution[8] – an Ort und Stelle verfaßt – Mars bei Tag, Apollo bei Nacht – Feuer der Kanonen – Feuer der Phantasie.«

»Sie waren bei jenem glorreichen Schauspiele anwesend, Sir?« fragte Herr Snodgraß.

»Anwesend? Will's meinen – schoß meine Muskete –erglühte von einer Idee– schlüpfte in ein Weinhaus – schrieb sie nieder – wieder zurück – Schuß auf Schuß – eine andere Idee – abermals ins Weinhaus – Feder und Tinte – aufs neue zurück – gestochen und gehauen – großartiger Augenblick, Sir. – Jagdliebhaber, Sir?« wandte er sich plötzlich an Herrn Winkle.

»Ein wenig, Sir«, versetzte Herr Winkle.

»Schöne Beschäftigung, Sir – sehr schöne Beschäftigung. Hunde, Sir?«

»Jetzt gerade nicht«, entgegnete Herr Winkle.

»Ah, Sie müssen Hunde halten – herrliche Tiere – schlaue Geschöpfe – hatte selbst einmal einen – Hühnerhund – merkwürdiger Instinkt – gehe eines Tage« auf den Anstand – trete in eine Umzäunung – pfeife – der Hund hält an – pfeife wieder – Ponto – rührt sich nicht – rufe nochmal – Ponto, Ponto – geht nicht von der Stelle – wie festgewurzelt – stiert auf ein Brett – sehe auf und lese die Inschrift – ›der Wildhüter hat Befehl, alle Hunde, die er im Bereich dieser Umzäunung antrifft, totzuschießen‹ – wundervoller Hund – unschätzbarer Hund das – gewiß.«

»In der Tat, da« ist einzig in seiner Art«, sagte Herr Pickwick. »Erlauben Sie, daß ich mir's notieren darf[9]

»Gewiß, Sir, gewiß – können noch hundert Geschichtchen von demselben Tier haben. – Schönes Mädchen, Sir« (dies galt Herrn Tracy Tupman, der eben einer jungen Dame am Wege einige nicht sehr pickwickische Blicke zugeworfen hatte).

»Sehr schön«, versetzte Herr Tupman.

»Die englischen Mädchen sind nicht so schön wie die spanischen – edle Gestalten – pechschwarzes Haar – dunkle Augen – liebliche Formen – süße Wesen – bezaubernd.«

»Sie sind in Spanien gewesen, Sir?« fragte Herr Tracy Tupman.

»Ach, lebte dort – ein halbes Menschenalter.«

»Viele Eroberungen, Sir?« fragte Herr Tupman weiter.

»Eroberungen? Tausende. Don Bolaro Fizzgig – Grande – einzige Tochter – Donna Christina – herrliches Wesen – liebte mich bis zum Wahnsinn – scheelsüchtiger Vater – hochherzige Tochter – schöner Engländer – Donna Christina in Verzweiflung – Blausäure – Magenpumpe in einem Mantelsack – glücklich beendigte Operation – der alte Bolaro in Verzückung – willigt in unsere Verbindung – Händedrücke und Tränenströme – romantische Geschichte – gewiß.«

»Ist die Dame jetzt in England, Sir?« entgegnete Herr Tupman, auf den die Schilderung ihrer Reize einen mächtigen Eindruck geübt hatte.

»Tot, Sir – tot«, sagte der Fremde, indem er den spärlichen Überrest eines sehr alten Batistschnupftuches an sein rechtes Auge führte. »Nie ganz genesen, trotz der Magenpumpe – untergrabene Gesundheit – wurde ein Opfer.«

»Und ihr Vater?« fragte der poetische Snodgraß.

»Elend und Gewissensbisse«, versetzte der Fremde. »Plötzliches Verschwinden – Stadtgerede – überall Nachforschungen – kein Erfolg – öffentlicher Brunnen auf dem Hauptplatze hört auf zu springen – Wochen vergehen – Wasser kommt nicht – Werkleute reinigen – schöpfen aus – finden meines Schwiegervaters Kopf in der Hauptröhre stecken und ein ausführliches Bekenntnis in seinem rechten Stiefel – nehmen ihn heraus, und der Brunnen springt wieder, so gut wie je.«

»Erlauben Sie mir, Sir, daß ich diesen kleinen Roman niederschreibe?« sagte Herr Snodgraß tief gerührt.

»Immerzu, Sir, immerzu – noch fünfzig andere, wenn Sie zuhören wollen – ein seltsames Leben, das meinige – merkwürdige Geschichte – nicht ungewöhnlich, aber höchst interessant.«

In diesem Zuge schwatzte der Fremde fort; nur hin und wieder, wenn die Kutschpferde gewechselt wurden, durch den Genuß eines Glases Bier unterbrochen, bis sie die Rochester Brücke erreichten, zu welcher Zeit Herr Pickwick und Herr Snodgraß ihre Briefblöcke mit einer Auswahl ihrer Abenteuer bereits vollständig angefüllt hatten.

»Großartige Ruine!« sagte Herr Augustus Snodgraß mit all jener poetischen Glut, der er seinen Dichterruhm verdankte, als sie des schönen alten Schlosses ansichtig wurden.

»Welche herrliche Studien für einen Altertumsforscher!« ließ sich Herr Pickwick vernehmen, als er sein Fernrohr ans Auge brachte.

»Ah, schöner Platz«, sagte der Fremde – »glorioses Gebäude – zürnende Mauern – wankende Bogen – dunkle Nischen – krachende Stiegen – auch ein alter Dom – dumpfer Geruch – alte Schemel, ausgehöhlt von den Knien der Pilgrime – kleine sächsische Türen – Beichtstühle wie Theaterkassenlogen – wunderliche Käuze, diese Mönche – Päpste, Lordschatzmeister und alle Arten alter Knaben mit großen roten Gesichtern und abgebrochenen Nasen – alle Tage zu sehen – auch Koller aus Büffelshaut – Luntengewehre – Sarkophage – herrlicher Ort – alte Legenden – wunderliche Historien – kapital«: und der Fremde fuhr in diesem Selbstgespräche fort, bis sie das Wirtshaus zum Ochsen auf der Landstraße erreichten, wo die Kutsche haltmachte.

»Bleiben Sie hier, Sir?« fragte Nathanael Winkle.

»Hier? – Ich nicht – aber Sie werden wohl daran tun – gutes Haus – herrliche Betten – Wrights Hotel nebenan, teuer – sehr teuer – 'ne halbe Krone auf die Rechnung, wenn Sie den Kellner nur ansehen – fordern Ihnen mehr ab, wenn Sie bei einem Freunde, als wenn Sie an der Table d'hote speisen – verwünschte Kerle –.«

Herr Windle wandte sich an Herrn Pickwick und flüsterte ihm einige Worte zu, worauf sich Herr Pickwick mit Herrn Snodgraß, und Herr Snodgraß mit Tupman leise besprach – eine geheime Verständigung, die von allen mit einem beifälligen Kopfnicken begleitet wurde.

»Sie haben uns diesen Morgen einen sehr wesentlichen Dienst geleistet, Sir«, redete endlich Herr Pickwick den Fremden an. »Wollen Sie uns gestatten. Ihnen einen kleinen Beweis unserer Dankbarkeit zu geben, indem wir Sie um die Ehre Ihrer Gesellschaft bei Tisch bitten?«

»Mit großem Vergnügen – will zwar nichts vorschreiben, aber Masthähne und Champignons – kapitales Essen! Wieviel Uhr?«

»Lassen Sie sehen«, versetzte Herr Pickwick, seine Uhr zu Rate ziehend: »es ist bald drei Uhr. Wollen wir um fünf sagen?«

»Paßt mir ausgezeichnet,« entgegnete der Fremde – »präzis fünf Uhr – bis dahin habe ich die Ehre –«

Der Fremde lüftete seinen zerdrückten Hut um einige Zolle, setzte ihn nachlässig wieder aufs Ohr, begab sich dann mit seinem Löschpapierpaketchen rasch in den Hof und ging auf die Straße hinaus.

»Augenscheinlich ein vielgereister Mann und ein trefflicher Beobachter der Menschen und Dinge«, sagte Herr Pickwick.

»Ich möchte wohl sein Epos lesen«, versetzte Herr Snodgraß.

»Und ich hätte seinen Hund sehen mögen«, entgegnete Herr Winkle.

Herr Tupman sagte nichts: aber er dachte an Donna Christina, die Magenpumpe und den Springbrunnen, und seine Augen füllten sich mit Tränen.

Sie nahmen ein gemeinschaftliches Zimmer, und nachdem sie die Betten untersucht und ein Mittagessen bestellt hatten, verließen sie den Gasthof, um sich die Stadt und ihre Umgebung anzusehen.

Nach einem sorgfältigen Durchlesen von Herrn Pickwicks Notizenbuch finden wir nicht, daß seine Bemerkungen über die vier Städte Stroud, Rochester, Chatam und Brompton[10] sich von denen anderer Reisenden, die gleichfalls diese Orte besuchten, wesentlich unterscheiden. Wir können das Allgemeine seiner Schilderung kurz zusammenfassen.

»Die Haupterzeugnisse dieser Städte«, sagt Herr Pickwick, »scheinen Soldaten, Matrosen, Juden, Kreide, Krabben, Polizeidiener und Werftarbeiter zu sein. Die Haupthandelsartikel, die man in den Straßen ausgestellt sieht, sind Schiffsbedarf, Zwieback, Apfel, Schollen und Austern. Die Straßen geben ein sehr belebtes Bild, besonders wegen der Lustigkeit des Militärs. Es ist in der Tat für ein philanthrophisches Herz ergötzlich, diese Braven unter dem Gewichte physischer und materieller Begeisterung einhertaumeln zu sehen, besonders wenn wir in Betracht ziehen, daß sie den ihnen nachziehenden Gassenjungen eine wohlfeile, unschuldige Unterhaltung und Anlaß zu tausend Scherzen bieten. Nichts (fügt Herr Pickwick bei) kommt der Gutmütigkeit eines Soldaten gleich. Nur einen Tag vor unserer Ankunft wurde ein solcher in dem Hause eines Schenkwirts gröblich beleidigt. Das Schenkmädchen weigerte sich nämlich entschieden, ihm weiteren Branntwein zu geben, wogegen er – natürlich nur im Scherze – das Bajonett herausriß und das Mädchen damit an der Achsel verwundete. Und doch war dieser Ehrenmann der erste, der am nächsten Morgen wieder in diesem Hause erschien und sich dadurch geneigt erklärte, den ihm zugefügten Schimpf zu übersehen und den Vorfall der Vergessenheit anheimzugeben.«

»Der Verbrauch von Tabak«, fährt Herr Pickwick fort, »muß in diesen Städten sehr groß sein, wie auch der Geruch desselben, der die Straßen erfüllt, denen, die das Rauchen sehr lieben, ungemein angenehm sein mag. Ein oberflächlicher Beobachter würde sich vielleicht über den Schmutz in denselben beschweren; wenn man jedoch in Betracht zieht, daß er nur ein Beweis von dem lebhaften und blühenden Handelsverkehr ist, so kann man sich natürlich nur darüber freuen.«

Punkt fünf Uhr kam der Fremde und bald nachher das Mittagessen. Er hatte sich seines Löschpapierpaketchens entledigt, ohne daß jedoch eine Veränderung in seinem Anzuge vorgegangen wäre; auch war er womöglich noch geschwätziger als je.

»Was ist das?« fragte er, als der Kellner den Deckel von einer der Schüsseln entfernte.

»Seezungen, Sir.«

»Seezungen – ah! – kapitale Fische – kommen alle von London – Postwageneigentümer geben politische Diners – Wagen voll Seezungen – Dutzende von Körben – pfiffige Burschen. Glas Wein, Sir?«

»Mit Vergnügen«, sagte Herr Pickwick.

Und der Unbekannte trank zuerst mit Herrn Pickwick, dann mit Herrn Snodgraß, dann mit Herrn Tupman, dann mit Herrn Winkle, und dann auf die Gesundheit der ganzen Gesellschaft – all dies fast ebenso schnell hintereinander, als er sprach.

»Teufelslärm auf der Treppe, Kellner,« sagte der Fremde – »Bänke hinauf – Zimmerleute herunter – Lampen, Gläser, Harfen. – Was gibt's denn?«

»Einen Ball, Sir«, versetzte der Kellner.

»Gesellschaftsball – wie?«

»Nein, Sir, kein Gesellschaftsball – einen Ball für wohltätige Zwecke, Sir.«

»Wissen Sie nicht, Sir, ob viele schöne Damen in der Stadt sind?« fragte Herr Tupman angelegentlich.

»Prächtig – kapital. Kent, Sir – alle Welt spricht von Kent – Äpfel, Kirschen, Hopfen und Damen. Glas Wein, Sir?«

»Mit größtem Vergnügen«, versetzte Herr Tupman.

Der Fremde füllte und leerte.

»Ich würde wohl gern daran teilnehmen«, sagte Herr Tupman, dem der Ball nicht aus dem Kopfe wollte.

»Eintrittskarten sind zu einer halben Guinee[11] am Schenktisch zu haben, Sir«, entgegnete der Kellner.

Herr Tupman drückte abermals den Wunsch aus, die Festlichkeit mit zu begehen, da er aber in dem umdunkelten Auge des Herrn Snodgraß und in den gedankenvollen Zügen des Herrn Pickwick keiner Zustimmung begegnete, so machte er sich mit großem Eifer an den Portwein und das Dessert, die eben aufgetragen worden waren. Der Kellner entfernte sich, und die Gesellschaft blieb allein, um die der Mahlzeit folgenden Stunden in traulicher Unterhaltung zu verbringen.

»Sie entschuldigen, Sir,« sagte der Fremde – »Flasche ruht – muß kreisen – der Sonne gleich – zum letzten Tropfen – keine Restchen.«

Er leerte sein Glas, das er ungefähr zwei Minuten zuvor gefüllt hatte und goß sich mit der Miene eines tüchtigen Zechbruders aufs neue ein.

Die Flasche machte die Runde, und dann wurde weiterer Vorrat bestellt. Der Fremde schwatzte und die Pickwickier hörten zu. Herr Tupman fühlte sich mit jedem Augenblicke geneigter, den Ball zu besuchen. Herrn Pickwicks Gesicht erglühte in einem Ausdruck alles umfassender Philanthropie, und Herr Winkle und Herr Snodgraß verfielen in festen Schlaf.

»Sie fangen bereits an,« sagte der Fremde – »hören Sie die Fußtritte – Geigenstimmen – jetzt die Harfe – 's geht los.«

Die ebengenannten verschiedenen Töne fanden den Weg nach dem tiefer liegenden Stockwerk herunter und verkündeten den Beginn der ersten Quadrille.

»Ach, ich ginge gar zu gerne«, begann Herr Tupman abermals.

»Ich auch,« versetzte der Fremde – »verwünscht, mein Gepäck – schwerfällige Kähne – keinen passenden Anzug – ärgerlich, nicht wahr?«

Nun war aber allgemeines Wohlwollen einer der Hauptzüge der Pickwickiertheorie, und niemand erwies sich eifriger in Vollführung dieses edlen Grundsatzes, als Herr Tracy Tupman. Die Zahl der in den Akten der Gesellschaft aufgeführten Beispiele, in denen dieser vortreffliche Sohn des Klubs Hilfsbedürftige wegen abgelegter Kleider oder Gcldunterstützung nach den Häusern anderer Mitglieder schickte, ist fast unglaublich.

»Ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen zu diesem Zwecke einen Anzug borgen zu können,« sagte Herr Tracy Tupman, »aber Sie sind ziemlich schlank und ich –«

»Etwas beleibt – ein echter Bacchus – ohne Kranz – vom Faß gestiegen und in Kammgarn geschlüpft, he? – nicht doppelt destilliert, sondern doppelt gemahlen – ha! ha! – Geben Sie den Wein herüber.«

Ob Herr Tupman etwas verdutzt über den bestimmten Ton war, in dem der Fremde die Einhändigung der Flasche verlangte, die er so wacker zu bearbeiten verstand, oder ob er sich durch den schmählichen Vergleich eines der bedeutendsten Pickwick-Klub-Mitglieder mit einem unberittenen Bacchus verletzt fühlte, eine Frage, die sich nicht mit Sicherheit aufklären läßt. Er bot ihm indes den Wein an, hustete ein paarmal und filierte den Unbekannten einige Sekunden mit finsterem Gesicht. Als er aber bemerkte, daß sich diese Persönlichkeit durch seine Blicke nicht im geringsten stören ließ, gewannen seine Züge allmählich einen milderen Ausdruck, und er brachte aufs neue den Ball zur Sprache.

»Ich wollte bemerken, Sir,« sagte er, »daß vielleicht, wenn auch mein Anzug für Sie zu weit ist, doch der meines Freundes, des Herrn Winkle, Ihnen besser passen würde.«

Der Fremde maß Herrn Winkle mit den Augen, und seine Züge strahlten von Zufriedenheit, als er sagte:

»Wie angegossen.«

Herr Tupman sah sich um. Der Wein, der bereits bei einer früheren Gelegenheit seine schlafbringenden Kräfte an Herrn Snodgraß und Herrn Winkle erwiesen, hatte eine gleiche Wirkung auch an Herrn Pickwick geübt. Dieser Gentleman hatte allmählich die verschiedenen Stufen durchlaufen, die der durch eine reichliche Mahlzeit veranlagten satten Trägheit und ihren Folgen vorangehen, indem er die gewöhnlichen Übergänge von der Höhe der Heiterkeit zu der Tiefe der Abstumpfung, von der Tiefe der Abstumpfung zu der Höhe der Heiterkeit durchmessen hatte. Wie eine Gaslampe im Freien, durch deren Röhre der Wind streicht, hatte er für einen Augenblick einen unnatürlichen Glanz verbreitet, dann war aber sein Licht zu einem kaum bemerklichen Flämmlein zusammengeschmolzen, das nach einer Weile für einen Moment wieder mit irrem und unsicherem Scheine aufflackerte, um schließlich ganz zu verlöschen. Sein Kopf war auf die Brust herabgesunken, und ein fortwährendes Schnarchen, gelegentlich durch einen Erstickungsanfall unterbrochen, war das einzige hörbare Merkmal von der Anwesenheit des großen Mannes.

Die Versuchung, den Ball zu besuchen und die Schönheit der Kenter Damen auf seine Sinne wirken zu lassen, übte einen gewaltigen Einfluß auf Herrn Tupman, und nicht minder groß war die Versuchung, den Fremden mitzunehmen. Letzterer schien Ort und Einwohner so gut zu kennen, als ob er von Kindheit auf daselbst gelebt hätte – ein Vorteil, der dem Pickwickier durchaus abging. Herr Winkle schlief, und Herr Tupman hatte in solchen Dingen genug Erfahrung, um zu wissen, daß sein Freund, sobald er erwachte, dem Laufe der Natur zufolge sich schwerfällig nach seinem Bette schleppen würde. Er war unschlüssig.

»Füllen Sie Ihr Glas und geben Sie die Flasche herüber«, rief der unermüdliche Gast.

»Winkles Schlafgemach liegt neben dem meinigen«, sagte Herr Tupman. »Wenn ich ihn jetzt weckte, so würde ich ihm nicht gut begreiflich machen können, was ich von ihm will; aber er hat einen Anzug in seinem Mantelsack. Ich denke, Sie könnten ihn wohl auf dem Ball tragen; ich brächte ihn nachher wieder an Art und Stelle, ohne daß er überhaupt etwas von der Sache erführe.«

»Kapital!« meinte der Fremde; »herrlicher Plan – verdammt verdrießliche Lage – vierzehn Anzüge in den Kisten –- und jetzt eines andern Kleider anziehen müssen – sehr guter Gedanke das – gewiß.«

»Wir müssen aber jetzt unsere Billette lösen«, sagte Herr Tupman.

»Nicht der Mühe wert, eine Guinee zu halbieren«, versetzte der Fremde. »Wollen aufwerfen, wer für beide zahlt – ich rate – Sie werfen: nun – Frauenzimmer – Frauenzimmer – holdes Frauenzimmer.«

Das Goldstück fiel nieder und der Drache (den man aus Galanterie Frauenzimmer nennt) kam nach oben zu liegen.

Herr Tupman klingelte, kaufte die Billette und rief, man solle ihnen leuchten. In einer Viertelstunde stak der Fremde ganz in Nathanael Winkles Kleidern.

»Es ist ein neuer Frack«, sagte Herr Tupman, als sich der Fremde mit großer Selbstgefälligkeit in einem Ankleidespiegel betrachtete; »der erste, der mit unsern Klubknöpfen gemacht wurde.«

Er lenkte dabei die Aufmerksamkeit des andern auf die großen vergoldeten Knöpfe, die zu beiden Seiten von Herrn Pickwicks Brustbild die Buchstaben P.K. erkennen ließen.

» P.K.« sagte der Fremde, – »schnurriger Einfall – Bild des alten Knaben und P.K. Was soll dieses P.K.? – Seltsamer Anzug – wie?«

Herr Tupman erklärte ihm mit steigendem Unwillen und großer Wichtigkeit die Bedeutung der geheimnisvollen Devise.

»Etwas kurz in der Taille – nicht wahr?« meinte der Fremde, über die Schultern blickend, um im Spiegel die hinteren Knöpfe zu besehen, die allerdings so ziemlich in der Mitte seiner Rückenlänge saßen. »Gerade wie eine Briefträgerjacke – wunderliche Fräcke das – kontraktmäßig angefertigt – kein Maß genommen – geheimnisvolle Schickung der Vorsehung – alle kleinen Leute kriegen lange Röcke und alle großen kriegen kurze.«

So fortschwatzend machte sich Herrn Tupmans neuer Freund seinen –oder vielmehr Herrn Winkles– Anzug zurecht und ging, von Herrn Tupman begleitet, die Treppe hinauf nach dem Ballsaal voran.

»Ihre Namen, meine Herren«, sagte der Türsteher.

Herr Tupman wollte eben vortreten, um seinen Namen und Titel anzugeben, als ihn der Fremde daran hinderte.

»Durchaus keine Namen« – und dann flüsterte er Herrn Tupman zu – »braucht keine Namen – nicht bekannt – zwar gut in ihrer Weise, aber nicht berühmt genug – ganz herrliche Namen für eine kleine Gesellschaft, aber machen keinen Eindruck in öffentlichen Ballgesellschaften – inkognito ist besser – Herren von London – ausgezeichnete Fremde – so etwas.«

Die Tür wurde geöffnet und Herr Tracy Tupman trat mit dem Fremden in den Ballsaal.

Es war ein langer Raum mit scharlachrot ausgeschlagcnen Bänken, der durch Wachskerzen auf gläsernen Wandleuchtern erhellt wurde. Die Musiker befanden sich auf einer erhöhten Tribüne, und die Quadrillen wurden durch zwei oder drei Reihen von Tänzern systematisch durchgeführt. Zwei Spieltische waren in einem anstoßenden Zimmer, und zwei Paar alte Damen mit einer entsprechenden Anzahl Herren daselbst im Kartenspielen begriffen.

Die Tour war zu Ende: die Tänzer und Tänzerinnen gingen in dem Saale auf und ab, und Herr Tupman pflanzte sich mit seinem Gefährten in einer Ecke auf, um die Gesellschaft zu beobachten.

»Bezaubernde Frauenzimmer«, sagte Herr Tupman.

»Warten Sie noch ein Weilchen«, sagte der fremde; »wird bald kurzweiliger. – Vornehme noch nicht da – wunderlicher Ort – oberste Arsenalbeamte kennen nicht die unteren – untere Arsenalbeamte nicht den niederen Adel – niederer Adel nicht die Kaufleute – Arsenaldirektor kennt keinen Menschen.«

»Was ist das für ein junger Mensch – der dort mit dem blonden Haare, den kleinen Augen und dem modischen Anzuge?« fragte Herr Tupman.

»Pst! Bitte – kleine Augen – modischer Anzug – junger Mensch – nur gescheit – ist Fähnrich im siebenundvierzigsten Regiment. – Der ehrenwerte Wilmot Snipe – große Familie – die Snipen – sehr große Familie.«

»Sir Thomas Clubber, Lady Clubber und Fräulein Töchter!« rief der Mann an der Türe mit einer Stentorstimme.

Dies erregte große Sensation, und unmittelbar darauf trat ein stattlicher Mann in blauem Rock mit blanken Knöpfen, begleitet von einer großen Dame in blauem Atlasgewand und zwei jungen Fräuleins in modischen Anzügen von derselben Farbe, in den Saal.

»Direktor – Vorstand des Arsenals – großer Mann – höchst bedeutender Mann«, flüsterte der Fremde Tupman zu, als der Wohltätigkeitsausschuß Sir Thomas Clubber nebst Familie nach dem oberen Teile des Saales führte. Der ehrenwerte Wilmot Snipe nebst andern ausgezeichneten Gentlemen drängten sich an die Fräuleins Clubbers, um ihnen ihre Huldigungen darzubringen; und Sir Thomas Clubber stand kerzengerade da und betrachtete über sein schwarzes Halstuch hinweg die versammelte Gesellschaft.

»Herr Smithie und Madame Smithie nebst Fräulein Töchter!« lautete die nächste Ankündigung.

»Wer ist Herr Smithie?« fragte Herr Tracy Tupman.

»Er ist Arsenalbeamter«, versetzte der Fremde.

Herr Smithie verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor Sir Thomas Clubber, und Sir Thomas Clubber erwiderte den Gruß mit stolzer Herablassung. Lady Clubber nahm einen Operngucker vor und beäugelte Madame Smithie nebst Familie, während Madame Smithie ihrerseits eine Madame So und So anstierte, deren Gatte nicht beim Arsenale angestellt war.

»Oberst Bulder nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter«, waren die nächsten Ankömmlinge.

»Garnisonskommandant«, beantwortete der Fremde Herrn Tupmans fragenden Blick.

Fräulein Bulder wurde sehr warm von den Fräuleins Clubber bewillkommt, und auch zwischen der Frau Oberst und Lady Clubber fand eine über alle Beschreibung zärtliche Begrüßung statt. Oberst Bulder und Sir Thomas Clubber boten sich gegenseitig ihre Schnupftabaksdosen an und sahen ganz wie ein paar Alexander Selkirks[12] aus – Herrscher über alles, soweit sie schauen konnten.

Während die Aristokratie der Stadt – nämlich die Bulders, Clubbers und Snipes – in dieser Weise ihre Würde oben im Saal bewahrte, ahmten die übrigen Klassen der Gesellschaft ihr Beispiel in andern Teilen desselben nach. Die weniger aristokratischen Offiziere des Siebenundneunzigsten widmeten sich den Familien der untergeordneten Arsenalbeamten. Die Frauen der Anwälte und Weinhändler standen an der Spitze einer dritten Klasse (die Frau des Brauers machte den Bulders Besuch), und Madame Tomlinson, die Posthalterin, schien durch gegenseitige Übereinkunft zum Haupte der Frauen aus dem Handelsstande erwählt worden zu sein.

Eine der populärsten Personen in ihrem Kreise war ein kleiner, wohlbeleibter Mann, mit einem in die Höhe gestrichenen Kranz von schwarzen Haaren, der eine ungeheure Glatze auf dem Scheitel dieses Herrn umgab – Doktor Slammer, Regimentsarzt beim Siebenundneunzigsten. Der Doktor schnupfte mit jedermann, lachte, tanzte, machte Witze, spielte Karten, tat alles und war allenthalben. Diesen Beschäftigungen, so vielseitig sie auch waren, fügte der kleine Doktor eine noch weit wichtigere hinzu – er war nämlich unermüdlich, einer kleinen alten Witwe die größte Aufmerksamkeit zu erweisen, deren reiches Kostüm, überdies mit Juwelen überladen, sie als eine äußerst wünschenswerte Zugabe zu seinem beschränkten Einkommen kennzeichnete.

Herrn Tupmans und seines Gefährten Blicke waren schon einige Zeit auf den Doktor und die Witwe gerichtet, als der Fremde das Schweigen unterbrach.

»Schweres Geld – heiratslustige Alte – windbeuteliger Doktor – kein übler Gedanke – herrlicher Spaß«, waren die vernehmlichen Sentenzen, die seinen Lippen entströmten.

Herr Tupman sah ihm fragend ins Gesicht.

»Ich will mit der Witwe tanzen«, sagte der Fremde.

»Wer ist sie?« fragte Tupman.

»Weiß nicht – sah sie in meinem Leben nie – den Doktor ausstechen – da geht sie.«

Der Fremde schritt sofort durch den Saal, lehnte sich an das Kamingesims und begann dem fetten Gesichte der kleinen alten Dame Blicke achtungsvoller und melancholischer Bewunderung zuzuwerfen. Herr Tupman sah in stummem Erstaunen zu. Der Fremde machte, während der kleine Doktor mit einer andern Dame tanzte, reißende Fortschritte. Die Witwe ließ ihren Fächer fallen: der Fremde hob ihn auf, überreichte ihn – ein Lächeln – eine Verbeugung – ein Knix – einige verbindliche Worte. Er ging keck auf den Festordner los, kehrte mit ihm zurück – eine kleine einleitende Pantomime, und der Fremde trat mit Madame Budger in die Quadrille ein.

So groß auch Herrn Tupmans Überraschung über dieses abgekürzte Verfahren war, so wurde es doch durch die des Doktors bei weitem überboten. Der Fremde war jung und die Witwe fühlte sich geschmeichelt. Des Doktors Aufmerksamkeiten blieben fortan unbeachtet, und die entrüsteten Blicke, die er seinem unerschütterlichen Nebenbuhler zuschoß, waren verloren. Doktor Slammer meinte, der Schlag müsse ihn rühren. Er, der Doktor Slammer, Regimentarzt vom Siebenundneunzigsten – im Augenblicke verdunkelt von einem Menschen, den niemand zuvor gesehen, und von dem man auch jetzt noch nicht wußte, wer er war! Doktor Slammer – Doktor Slammer vom Siebenundneunzigsten verschmäht! Unmöglich! Es konnte nicht sein! Aber doch war es so: da standen sie. Was? Er stellt ihr seinen Freund vor? Konnte er seinen Augen trauen? Er sah abermals hin und fühlte die schmerzliche Notwendigkeit, sich zuzugestehen, daß ihn seine Sehorgane nicht betrogen. Madame Budger tanzte mit Herrn Tracy Tupman – da war kein Irrtum. Ja, es war leibhaftig die Witwe, die mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit an ihm vorbeihüpfte: und Herr Tracy hüpfte gleichfalls mit der allerfeierlichsten Miene umher und tanzte (wie es bei vielen Leuten der Fall ist), als sei eine Quadrille nichts Belustigendes, sondern eine ernste Prüfung der Gefühle, deren Bestehung eine unbeugsame Entschlossenheit fordere.

Der Doktor ertrug all dies schweigend und geduldig, ebenso auch das darauf folgende Präsentieren von Negus[13] und Süßigkeiten nebst dem Flirt, der diese Aufmerksamkeiten begleitete. Als jedoch der Fremde verschwand, um Madame Budger zu ihrem Wagen zu führen, stürzte Slammer rasch aus dem Saale, während jedes Teilchen des bisher eingestöpselten Grimms aufbrauste und ihm in großen Schweißtropfen an seinem zornroten Kopfe hervorsprudelte.

Der Fremde kehrte mit Herrn Tupman zurück. Er sprach leise und lachte. Der kleine Doktor dürstete nach seinem Blute – denn offenbar hatte sein Nebenbuhler gesiegt und frohlockte jetzt darüber.

»Sir!« sagte der Doktor mit furchtbarer Stimme, indem er eine Karte zum Vorschein brachte und seinen Feind in eine Ecke des Vorraums zog, »mein Name ist Slammer, Doktor Slammer, Sir – beim siebenundneunzigsten Regiment – Chatamkaserne – meine Karte, Sir, meine Karte.«

Er würde noch mehr gesagt haben, aber die Entrüstung erstickte seine Worte.

»Ah,« versetzte der Fremde kaltblütig, »Slammer – sehr verbunden – höfliche Aufmerksamkeit – jetzt nicht krank, Slammer – aber wenn ich es bin – nach Ihnen schicken.«

»Sie – Sie sind ein Schieber, Sir,« keuchte der wütende Doktor, »ein Gauner – eine Memme – ein Lügner – ein – ein – kann Sie nichts veranlassen, mir Ihre Karte zu geben, Sir?«

»O, ich sehe,« sagte der Fremde halb beiseite, – »starker Negus hier – liberaler Wirt – sehr einfältig – gewiß – Limonade viel besser – heiße Gemächer – ältliche Herrn – haben's morgen zu büßen – grausam – grausam«; und er entfernte sich um einige Schritte.

»Sie wohnen hier im Hause, Sir«, sagte der zornige kleine Mann; »Sie sind jetzt betrunken, Sir; Sie werden morgen weiter von mir hören, Sir. Ich will Sie schon ausfindig machen, Sir – ja, ich will Sie schon ausfindig machen.«

»Meinetwegen machen Sie mich ausfindig, wenn Sie mich nur nicht zu Hause finden«, versetzte der unerschütterliche Fremde.

Doktor Slammer schoß Giftblicke, als er seinen Hut mit einem zornigen Klapse auf seinem Kopfe befestigte, und der Fremde ging mit Herrn Tupman nach dessen Schlafgemach, um das erborgte Gefieder wieder in den Reisesack des nichtsahnenden Winkle zu stecken.

Der letztere lag in tiefem Schlafe, und so war denn die Rückerstattung bald erledigt. Der Fremde scherzte viel, und der von Wein, Negus, Lichtern und Damen ganz verwirrte Herr Tracy Tupman meinte, daß dies ein ausgesuchter Spaß wäre. Sein neuer Freund entfernte sich, und nachdem der ehrenfeste Pickwickier nach einiger Mühe die ursprünglich für den Kopf berechnete Öffnung seiner Nachtmütze gefunden, und bei seinen Anstrengungen, dem Lichte einen passenden Platz anzuweisen, den Leuchter umgeworfen hatte, half er sich durch eine Reihe komplizierter Bewegungen nach seinem Bette, worin er alsogleich in tiefen Schlaf verfiel.

Am nächsten Morgen hatte es kaum sieben geschlagen, als Herrn Pickwicks reger Geist aus dem Zustande der Bewußtlosigkeit, in den er von dem Schlummer gewiegt worden war, durch ein lautes Pochen an seiner Zimmertür geweckt wurde.

»Wer ist da?« rief Herr Pickwick, von seinem Kissen auffahrend.

»Der Hausknecht, Sir.«

»Was wollt Ihr?«

»Verzeihen Sie, Sir, können Sie mir nicht sagen, welcher Herr von Ihrer Gesellschaft einen blauen Frack mit vergoldeten Knöpfen trägt, auf denen die Buchstaben P. K. stehen?«

»Der Rock wird zum Ausbürsten hinausgegeben sein,« dachte Herr Pickwick, »und der Mann hat vergessen, wem er angehört. – Herr Winkle«, rief er laut: »im dritten Zimmer rechts.«

»Danke, Sir«, versetzte der Hausknecht und entfernte sich.

»Was gibt's?« rief Herr Tupman, als ein lautes Klopfen an seiner Tür ihn aus seiner tiefen Ruhe aufschreckte.

»Kann ich mit Herrn Winkle sprechen, Sir?« entgegnete der Hausknecht von außen.

»Winkle – Winkle!« rief Herr Tupman ins Nebenzimmer.

»Holla!« antwortete eine matte Stimme unter der Bettdecke hervor.

»Es ist jemand an der Tür, der zu Ihnen will.«

Nachdem sich Herr Tracy Tupman soweit angestrengt hatte, legte er sich wieder aufs Ohr und fiel aufs neue in tiefen Schlaf.

»Zu mir?« sagte Herr Winkle, rasch aus seinem Bett springend und einige Kleidungsstücke anziehend. »Zu mir? in so weiter Entfernung von der Stadt? Wer um Himmels willen kann denn etwas von mir wollen?«

»Ein Herr im Gastzimmer, Sir«, versetzte der Hausknecht, als Herr Winkle die Tür öffnete, um den Anklopfenden hereinzulassen. »Der Herr sagte, er wolle Sie keinen Augenblick aufhalten, Sir; er könne aber durchaus keine Abweisung annehmen.«

»Höchst sonderbar!« sagte Herr Winkle. »Nun, ich will gleich hinunterkommen.«

Er hüllte sich rasch in einen Reiseschal, zog seinen Schlafrock an und ging die Stiege hinunter. Eine alte Frau und ein paar Kellner scheuerten das Gastzimmer, und ein Offizier in Halbuniform blickte aus dem Fenster. Er wandte sich mit einer steifen Kopfverbeugung an den eintretenden Winkle, hieß das Dienstpersonal sich entfernen und schloß sorgfältig die Tür.

»Herr Winkle, wie ich vermute?« begann der Offizier.

»So heiße ich allerdings, Sir.«

»Es wird Sie nicht überraschen, Sir, wenn ich Ihnen mitteile, daß ich diesen Morgen Sie in der Angelegenheit eines Freundes – des Doktors Slammer vom Siebenundneunzigsten besuche.«

»Doktor Slammer?« sagte Herr Winkle.

»Doktor Slammer. Er bat mich, Ihnen in seinem Namen zu sagen, daß Ihr Benehmen an dem gestrigen Abend von der Art war, wie kein Mann von Ehre es sich gefallen lassen kann, und (fügte er bei) wie kein Mann von Ehre es sich gegen einen andern erlauben würde.«

Herrn Winkles Erstaunen war zu echt empfunden und zu augenfällig, um der Wahrnehmung von Herrn Slammers Freund zu entgehen; der letztere fuhr daher fort:

»Mein Freund, Doktor Slammer, ersuchte mich, hinzuzufügen, daß er fest überzeugt sei, Sie wären einen großen Teil des gestrigen Abends betrunken gewesen und wüßten daher vielleicht nichts mehr von dem Umfang der Beleidigung, die Sie sich zuschulden kommen ließen. Er trug mir daher auf, Ihnen zu sagen, daß er, wenn Sie diesen Umstand als eine Entschuldigung Ihres Benehmens geltend machen wollten, sich mit einer schriftlichen Abbitte, wie ich sie Ihnen in die Feder diktiere, begnüge.«

»Eine schriftliche Abbitte?« wiederholte Herr Winkle mit dem nachdrücklichsten Tone des Staunens.

»Sie kennen natürlich die andere Wahl, die Ihnen übrigbleibt«, versetzte der Offizier ruhig.

»Wurde Ihnen dieser Auftrag auf meinen Namen an mich übergeben?« fragte Herr Winkle, dem ob dem Gehörten der Verstand stillstand.

»Ich war nicht anwesend,« entgegnete der Besuch, »und infolge Ihrer entschiedenen Weigerung, Doktor Slammer Ihre Karte zu geben, hat mich besagter Gentleman gebeten, mir über die Identität des Besitzers eines höchst ungewöhnlichen Rocks – eines blauen Fracks mit vergoldeten Knöpfen, auf denen sich ein Brustbild und die Buchstaben P.K. befinden – Gewißheit zu verschaffen,«

Herr Winkle wäre vor Entsetzen beinahe zur Erde gesunken, als er seine eigene Tracht so genau beschreiben hörte. Doktor Slammers Freund fuhr fort:

»Der im Gasthause eben angestellten Nachfrage zufolge bin ich überzeugt, daß der Eigentümer des fraglichen Kleidungsstücks gestern nachmittag mit drei Herren hier angekommen ist. Ich sandte sogleich zu dem Herrn, der mir als mutmaßliche Hauptperson dieser Gesellschaft beschrieben wurde, und dieser hat mich an Sie verwiesen.«

Wenn es dem Hauptturm von Rochester-Castle plötzlich eingefallen wäre, seinen festen Standpunkt zu verlassen und sich gerade dem Gasthofe gegenüber aufzupflanzen, so hätte Herrn Winkles Überraschung lange nicht die Höhe erreichen können, die die gegenwärtige Anrede in ihm veranlaßte. Sein erster Gedanke war, sein Frack möchte ihm gestohlen worden sein.

»Nur einen Augenblick Verzug, wenn ich bitten darf«, sagte er.

»Recht gerne«, versetzte der unwillkommene Besuch.

Herr Winkle eilte hastig die Treppe hinauf und öffnete mit zitternden Händen seinen Reisesack. Aber das Kleidungsstück lag an seinem gewohnten Platze! eine genauere Besichtigung zeigte jedoch deutliche Spuren, daß es in der letzten Nacht getragen worden war. »Es muß doch seine Richtigkeit haben«, sagte Herr Winkle, indem ihm der Frack aus den Händen glitt. »Ich habe nach dem Mittagessen zuviel Wein getrunken und entsinne mich noch halb und halb, daß ich nachher auf der Straße spazieren ging und eine Zigarre rauchte, 's ist schon so; ich war sehr betrunken – muß mich anders angekleidet – und jemand beleidigt haben, 's ist wohl keine Zweifel – und meinem Rausche habe ich diese schrecklichen Folgen zu danken.«

Herr Winkle lenkte nun wieder seine Schritte nach der Richtung des Gastzimmers, mit dem düsteren und schrecklichen Entschlusse, die Herausforderung des kampflustigen Doktors Slammer anzunehmen und das Schlimmste, was daraus folgen konnte, über sich ergehen zu lassen.

Verschiedene Rücksichten drängten Herrn Winkle zu diesem verzweifelten Entschlusse, unter denen sein Ansehen im Klub nicht die geringste war. Er hatte bei Angelegenheiten offensiver, defensiver und inoffensiver Art, wenn sich's dabei um Kraft und Gewandtheit handelte, stets als hohe Autorität gegolten: und wenn er bei dem ersten Anlasse, wo es galt, einen ritterlichen Sinn zu zeigen, unter den Augen seines Meisters scheu zurückbebte, so war sein Prestige für immer verloren. Außerdem erinnerte er sich, von Leuten, die in derlei Dingen Erfahrung hatten, gehört zu haben, daß vermöge eines geheimen Einverständnisses unter den Sekundanten die Pistolen selten mit Kugeln geladen würden; und dann zog er auch noch weiter in Betracht, daß Herr Snodgraß, wenn er denselben zum Sekundanten wählte und ihm die Gefahr in recht glühenden Farben schilderte, vielleicht Herrn Pickwick in Kenntnis setzen würde. Dieser würde dann ohne Zweifel keinen Augenblick säumen, den Beistand der Lokalbehörden aufzubieten, um auf diese Weise den Tod eines seiner Jünger zu verhindern.

Unter solchen Gedanken kehrte er in das Gastzimmer zurück und gab daselbst seine Absicht kund, die Herausforderung des Doktors anzunehmen.

»Wollen Sie mir einen Freund namhaft machen, mit dem ich Ort und Stunde der Zusammenkunft verabreden kann?« sagte der Offizier.

»Ganz unnötig«, versetzte Herr Winkle. »Sie können beides mir namhaft machen; für eine Begleitung werde ich sodann schon Sorge tragen.«

»Was meinen Sie – diesen Abend um Sonnenuntergang?« fragte der Offizier in gleichgültigem Tone.

»Sehr gut,« entgegnete Herr Winkle, meinte jedoch in seinem Innern, »sehr schlimm.«

»Sie kennen das Fort Pitt?«

»Ja, ich habe es gestern gesehen.«

»So nehmen Sie sich die Mühe, auf dem Felde, das den Laufgraben begrenzt, sobald Sie die Stelle erreichen, wo das Bollwerk einen Winkel bildet, den Fußpfad linker Hand einzuschlagen und geradeaus zu gehen, bis Sie meiner ansichtig werden. Ich will Sie dann nach einem verborgenen Plätzchen führen, wo die Angelegenheit abgemacht werden kann, ohne daß wir eine Unterbrechung zu befürchten haben.«

»Unterbrechung zu befürchten!« dachte Herr Winkle.

»Weiter wäre nichts mehr zu verabreden, denke ich«, sagte der Offizier.

»Ich wüßte gleichfalls nicht, was noch zu sagen wäre«, versetzte Herr Winkle.

»Guten Morgen.«

»Guten Morgen.«

Der Offizier pfiff eine lustige Arie und entfernte sich.

Beim Frühstück herrschte eine ziemlich trübselige Stimmung. Herr Tupman war nach der ungewohnten Nachtschwärmerei nicht in der Lage, aufstehen zu können; Herr Snodgraß schien mit einem Gedicht schwanger zu gehen, und selbst Herr Pickwick zeigte eine ungewöhnliche Vorliebe für Schweigen und Sodawasser. Herr Winkle paßte ängstlich auf eine günstige Gelegenheit, das, was sein Herz bedrückte, anzubringen. Sie blieb nicht lange aus. Herr Snodgraß machte den Vorschlag, das Schloß zu besuchen, und da Herr Winkle der einzige von der Gesellschaft war, der Lust zu einem Spaziergang bezeugte, so gingen sie.

»Snodgraß«, sagte Herr Winkle, als sie die besuchteren Straßen hinter sich hatten; »mein lieber Snodgraß, kann ich mich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen?« Als er so sprach, dachte er im innersten seiner Seele: »Ach, wäre es doch nicht der Fall«.

»Sie können es«, versetzte Herr Snodgraß. »Ich will es Ihnen bei allem –«

»Nein, nein«, unterbrach ihn Winkle, erschreckt durch den Gedanken, Herr Snodgraß könnte sich unwillkürlich durch einen Eid die Zunge binden. »Schwören Sie nicht – schwören Sie nicht; es ist ganz und gar unnötig.«

Herr Snodgraß ließ auf diese Aufforderung die Hand, die er in poetischem Schwunge zu den Wolken erhoben hatte, wieder sinken und nahm die Haltung gespannter Aufmerksamkeit an.

»Ich bedarf Ihres Beistandes in einer Ehrensache, lieber Freund«, sagte Herr Winkle.

»Den sollen Sie haben«, versetzte Herr Snodgraß, die Hand seines Freundes drückend.

»Mit einem Doktor – Doktor Slammer beim siebenundneunzigsten Regiment«, sagte Herr Winkle, der die Sache so feierlich wie möglich machen wollte; »eine Ehrensache mit einem Offizier, dem ein anderer Offizier sekundiert – heute abend um Sonnenuntergang, auf einem abgelegenen Felde in der Nähe des Forts Pitt.«

»Ich werde Sie begleiten«, sagte Herr Snodgraß.

Er war zwar erstaunt, aber keineswegs erschrocken. Es ist außerordentlich, wie kaltblütig alle – die Beteiligten ausgenommen – eine solche Sache nehmen. Herr Winkle hatte das außer acht gelassen und die Gefühle seines Freundes nach den eigenen bemessen.

»Die Folgen können schrecklich sein«, sagte Herr Winkle.

»Ich hoffe nicht«, versetzte Herr Snodgraß.

»Der Doktor, glaube ich, ist ein sehr guter Schütze«, sagte Herr Winkle.

»Das sind die meisten beim Militär«, bemerkte Herr Snodgraß ruhig; »aber Sie sind es auch – nicht wahr?«

Herr Winkle bejahte, und da er seinen Gefährten nicht hinreichend bestürzt sah, so änderte er seinen Feldzugsplan.

»Snodgraß,« sagte er mit vor Erregung bebender Stimme, »wenn ich falle, so werden Sie in einem Paket, das ich in Ihre Hände zu geben gedenke, einen Brief finden – an meinen Vater.«

Auch dieser Angriff schlug fehl. Herr Snodgraß war zwar gerührt, aber er übernahm die Besorgung des Schreibens so bereitwillig wie ein Briefträger.

»Wenn ich falle«, fuhr Herr Winkle fort, »oder wenn der Doktor fällt, so werden wir, als bei der Sache beteiligt, vor Gericht gestellt. Soll ich meinen Freund der Gefahr der Strafverbannung – vielleicht gar der seines Lebens aussetzen!«

Herr Snodgraß kratzte sich jetzt zwar ein wenig am Kopfe, aber sein Heldenmut war unüberwindlich.

»In Sachen der Freundschaft«, rief er begeistert, »biete ich allen Gefahren Trotz.«

Wie verwünschte Herr Winkle in seinem Innern die aufopfernde Freundschaft seines Gefährten, als sie einige Minuten schweigend nebeneinandergingen und jeder sich in seinen eigenen Betrachtungen vertiefte. Der Morgen entschwand – und Herr Winkle geriet in Verzweiflung.

»Snodgraß,« sagte er plötzlich haltmachend, »damit aber ja keine Störung dazwischen kommt! Sie dürfen durchaus nicht den Lokalbehörden eine Anzeige machen – keine Polizeibeamte aufrufen, um durch meine oder durch die Verhaftung des Doktors Slammer vom siebenundneunzigsten Regiment, einquartiert in der Chatamkaserne, diesem Duelle vorzubeugen. Ich sage Ihnen, tun Sie es nicht

Herr Snodgraß ergriff die Hand seines Freundes mit Wärme und versetzte mit Begeisterung:

»Nein, nicht um die Welt!«

Ein Schauder überlief Herrn Winkles Körper, als er die schreckliche Überzeugung gewann, daß er von der Furcht seines Freundes nichts zu hoffen habe, und daß er bestimmt sei, das lebendige Ziel einer Feuerwaffe zu werden.

Nachdem die Lage der Dinge mit allen Umständen Herrn Snodgraß mitgeteilt worden war, verfügten sich die beiden Freunde nach einem Kaufladen, um sich mit Pistolen, Pulver, Blei und Zündhütchen zu versehen, und kehrten sodann nach ihrem Gasthofe zurück – Herr Winkle, um über den bevorstehenden Kampf nachzudenken, und Herr Snodgraß, um die Waffen für den augenblicklichen Gebrauch instandzusetzen.

Es war ein trüber, unfreundlicher Abend, als sich beide für das unangenehme Geschäft auf den Weg machten. Herr Winkle hatte sich, um der Beobachtung zu entgehen, in einen ungeheuren Mantel gehüllt, und Herr Snodgraß trug unter dem seinigen die Werkzeuge der Zerstörung.

»Haben Sie alles bei sich«, fragte Herr Winkle mit erstickter Stimme.

»Alles«, versetzte Herr Snodgraß. »Auch Munition die Fülle, wenn die ersten Schüsse kein Resultat liefern sollten. Ich habe ein viertel Pfund Pulver in der Schachtel und zwei Zeitungen[14] zu Pfröpfen in der Tasche.«

Das waren Freundschaftsproben, für die sich jeder ungemein verpflichtet fühlen mußte. Wir vermuten daher, daß Herrn Winkles Dankesgefühle zu übermächtig waren, um sich in Worten ausdrücken zu lassen, denn er sagte nichts, sondern ging – freilich ziemlich langsam – weiter.

»Wir kommen ganz zur rechten Zeit«, sagte Herr Snodgraß, als sie über die Umzäunung des ersten Feldes wegkletterten. »Die Sonne ist eben im Untergehen begriffen.«

Herr Winkle blickte auf den sich senkenden Feuerball und dachte mit Schmerz an die Möglichkeit seines eigenen »Untergangs«, der ihn in so kurzer Frist treffen konnte.

»Dort ist der Offizier«, rief Herr Winkle, nachdem sie wieder einige Minuten gegangen waren.

»Wo?« fragte Herr Snodgraß.

»Dort! Der Herr im blauen Mantel.«

Herr Snodgraß blickte in die Richtung, die ihm der Finger seines Freundes anzeigte, und gewahrte eine in der beschriebenen Weise verhüllte Gestalt. Der Offizier gab durch ein Winken mit der Hand zu erkennen, daß er ihrer gleichfalls ansichtig geworden, und die Freunde folgten ihm in einiger Entfernung, während er auf den Ort des Stelldicheins losging.

Der Himmel wurde mit jedem Augenblick trüber, und ein melancholischer Wind heulte über die einsamen Felder, ähnlich einem fernen Reisenden, der nach seinem Hunde pfeift. Das Düstere der Umgebung versetzte Herrn Winkle in eine noch schwermütigere Stimmung. Er fuhr zusammen, als er an dem Winkel des Laufgrabens vorbeikam – der Graben sah aus wie ein ungeheures Grab.

Der Offizier bog plötzlich vom Fußpfade ab, klomm über ein Pfahlwerk, stieg über eine Hecke und gelangte auf ein abgeschlossenes Feld. Dort warteten zwei Herren, der eine ein kleiner wohlbeleibter Mann mit schwarzem Haar, der andere eine stattliche Gestalt in einem militärischen Überrock – letzterer mit vollkommenem Gleichmut auf einem Feldstuhle sitzend.

»Die Gegenpartei und ein Wundarzt, wie ich denke«, sagte Herr Snodgraß. »Nehmen Sie einen Tropfen Branntwein.«

Herr Winkle ergriff die Feldflasche, die ihm sein Freund hinreichte, und holte sich einen tiefen Schluck von der belebenden Flüssigkeit.

»Mein Freund, Herr Snodgraß, Sir«, sagte Herr Winkle, als der Offizier herantrat.

Doktor Slammers Freund verbeugte sich und brachte ein ähnliches Futteral, wie Herr Snodgraß eines bei sich führte, zum Vorschein.

»Ich denke, wir haben uns nichts weiteres zu sagen«, begann er kaltblütig, als er den Waffenbehälter öffnete, »da eine Abbitte entschieden abgelehnt wurde.«

»Nichts, Sir«, versetzte Herr Snodgraß, dem es jetzt bei der Sache etwas unwohl zu werden anfing.

»Wollen Sie vortreten?« sagte der Offizier.

»O ja«, entgegnete Herr Snodgraß.

Die Mensur wurde bestimmt und die weiteren Einleitungen getroffen.

»Sie werden diese besser als Ihre eigenen finden«, sagte der Sekundant der Gegenpartei, indem er seine Pistolen anbot. »Sie haben beim Laden zugesehen. Oder haben Sie etwas gegen deren Benutzung einzuwenden?«

»Nicht das mindeste«, entgegnete Herr Snodgraß.

Dieses Anerbieten wälzte ihm einen Stein vom Herzen, denn er hatte nur sehr unbestimmte und mangelhafte Begriffe vom Laden einer Pistole.

»So können wir, denke ich, jetzt unsere Duellanten aufstellen«, bemerkte der Offizier mit einer Gleichgültigkeit, als wären die beiden Gegner Schachfiguren und die Sekundanten die Spieler.

»Ich denke es auch«, erwiderte Herr Snodgraß, der, weil er nichts von der ganzen Sache verstand, zu jedem Vorschlage Ja gesagt haben würde.

Der Offizier verfügte sich zum Doktor Slammer, und Snodgraß trat an Herrn Winkles Seite.

»Es ist alles im reinen«, sprach er, indem er seinem Freunde die Pistole einhändigte. »Geben Sie mir Ihren Mantel.«

»Sie haben doch das Paket in treue Verwahrung genommen, mein lieber Freund?« sagte der arme Winkle.

»Alles in Ordnung«, versetzte Herr Snodgraß. »Zielen Sie ruhig und schießen Sie Ihren Feind in den Arm.«

Herr Winkle dachte, dieser Rat wäre etwa der gleiche, den man gewöhnlich bei einem Gassengefecht den kleinsten Knaben zu geben pflegt – nämlich: »Geh' hin und prügle ihn tüchtig durch« –, etwas, was sich recht gut hören läßt, wenn man nur wüßte, wie es anzugreifen wäre. Er legte jedoch schweigend seinen Mantel ab – er brauchte eine geraume Weile, bis er damit zustande kam – und ergriff die Pistole. Die Sekundanten traten zurück, der Mann auf dem Feldstuhle tat ein Gleiches, und die Duellanten gingen aufeinander los.

Herr Winkle stand in dem Rufe einer außerordentlichen Humanität. Vermutlich war auch sein Wunsch, keinen Menschen absichtlich zu verletzen, die einzige Ursache, warum er, sobald er an der verhängnisvollen Stelle angelangt war, die Augen schloß und daher das außerordentliche und unerklärliche Benehmen des Doktor Slammer nicht gewahren konnte. Dieser Herr stutzte nämlich, sah seinen Gegner an, trat zurück, rieb sich die Augen, sah wieder hin und rief endlich: »Halt! Halt!«

»Was soll das?« sagte Doktor Slammer, als die beiden Sekundanten herzutraten. »Das ist nicht der Mann.«

»Nicht der Mann?« versetzte Doktor Slammers Freund.

»Nicht der Mann?« sagte Herr Snodgraß.

»Nicht der Mann?« rief der Gentleman mit dem Feldstuhle in der Hand.

»Gewiß nicht«, entgegnete der kleine Doktor. »Das ist nicht die Person, die mich gestern nacht beleidigte.«

»Höchst sonderbar!« rief der Offizier.

»Gewiß sonderbar!« sagte der Gentleman mit dem Feldstuhle. »Es handelt sich indes jetzt darum, ob dieser Herr, da er auf dem Kampfplatz erschien, nicht formell als das Individuum betrachtet werden muß, das gestern nacht unsern Freund, Doktor Slammer, beleidigte, mag es nun dieselbe Person sein oder nicht.«

Nachdem der Mann mit dem Feldstuhle diese Ansicht mit einer gar weisen und geheimnisvollen Miene abgegeben hatte, nahm er eine starke Prise Tabak und blickte wie ein Mann umher, der in einer solchen Angelegenheit als Autorität gilt. Herr Winkle hatte jetzt die Augen geöffnet – und die Ohren dazu, als er seinen Gegner von Einstellung der Feindseligkeiten sprechen hörte. Er sah nun ein, daß – wie er später gleich am Anfang gewußt haben wollte – ohne Frage ein Mißverständnis stattfinden mußte, und daß er sein Ansehen ungemein steigern könnte, wenn er den wahren Grund seines Erscheinens auf dem Kampfplatze verschwieg. Er trat daher kühn vorwärts und sprach:

»Nein, ich bin's nicht. Ich weiß es.«

»Dann ist es eine Verhöhnung des Doktor Slammer«, sagte der Mann mit dem Feldstuhl. »Grund genug, in der Sache fortzufahren.«

»Bitte, beruhigen Sie sich, Payne«, entgegnete ihm der Sekundant des Doktors. »Warum haben Sie mir das nicht heute morgen mitgeteilt, Sir?«

»Ja, ja; warum – warum?« fügte der Mann mit dem Feldstuhle unwillig zu.

»Ich bitte, lassen Sie mich machen, Payne«, sagte der Offizier. »Muß ich meine Frage wiederholen, Sir?«

»Weil Sie, Sir« – entgegnete Herr Winkle, der inzwischen Zeit gehabt hatte, über eine passende Antwort nachzudenken – »weil Sie, Sir, eine betrunkene und alles Anstandes bare Person als den Träger eines Rockes bezeichneten – den ich nicht nur zu tragen, sondern sogar erfunden zu haben die Ehre habe – der angenommenen Uniform des Pickwick-Klubs in London, Sir. Ich fühlte mich verpflichtet, die Ehre dieser Uniform zu verteidigen, und aus keinem andern Grunde, Sir, habe ich diese Herausforderung ohne weitere Nachfrage angenommen.«

»Mein lieber Herr,« sagte der gutmütige kleine Doktor, der mit ausgestreckter Hand herantrat, »ich ehre Ihren ritterlichen Mut. Erlauben Sie mir, Sir, Ihnen zu sagen, daß ich Ihr Benehmen höchlich bewundere und daß ich außerordentlich bedauere, Sie für nichts und wieder nichts hierher bemüht zu haben.«

»Ich bitte, sprechen Sie nicht davon«, versetzte Herr Winkle.

»Ich werde stolz darauf sein, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Sir«, sagte der kleine Doktor.

»Auch mir gewährt es das größte Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben«, entgegnete Herr Winkle.

Und nun drückten sich der Herr Doktor und Herr Winkle die Hände; ein gleiches taten dann Herr Winkle und Leutnant Tappleton (der Sekundant des Doktors), dann Herr Winkle und der Mann mit dem Feldstuhl, und endlich Herr Winkle und Herr Snodgraß – der letztgenannte in einem Übermaße von Bewunderung über das noble Benehmen seines heldenmütigen Freundes.

»Ich denke, wir können jetzt wieder nach Hause gehen«, sagte Leutnant Tappleton.

»Gewiß«, erklärte der Doktor.

»Wenn nicht etwa« – fügte der Mann mit dem Feldstuhle hinzu – »wenn nicht etwa Herr Winkle sich durch die Herausforderung beleidigt fühlt, in welchem Falle er natürlich das Recht hat, Genugtuung zu verlangen.«

Herr Winkle erklärte mit großer Selbstverleugnung, daß ihm bereits hinlängliche Satisfaktion geleistet sei.

»Vielleicht fühlt sich aber der Sekundant des Gentleman durch einige Bemerkungen, die ich fallen ließ, verletzt«, fuhr der Mann mit dem Feldstuhl fort. »Wäre dies der Fall, so würde ich mich glücklich schätzen, ihm auf der Stelle Genugtuung zu bieten.«

Herr Snodgraß äußerte sogleich, er wäre dem Gentleman für sein schönes Anerbieten sehr verbunden, sehe sich im übrigen veranlaßt, es abzulehnen, da er durch den ganzen Verlauf der Sache sehr befriedigt worden. Die beiden Sekundanten schlossen ihre Waffenfutterale, und alle verließen den Kampfplatz heiterer, als sie sich diesem genähert hatten.

»Bleiben Sie lange hier?« fragte Doktor Slammer den Herrn Winkle, als sie ganz freundschaftlich nebeneinander hergingen.

»Ich denke, wir werden übermorgen Rochester verlassen«, lautete die Antwort.

»So hoffe ich, das Vergnügen zu haben, Sie und Ihren Freund auf meinem Zimmer zu sehen, damit wir nach diesem widerwärtigen Mißverständnis noch einen vergnügten Abend miteinander zubringen«, sagte der kleine Doktor. »Sie sind doch nicht für heute versagt?«

»Wir haben noch einige Freunde hier«, versetzte Herr Winkle, »von denen wir uns ungern trennen möchten. Vielleicht besuchen Sie und Ihre Freunde uns im Ochsen?«

»Mit vielem Vergnügen«, entgegnete der kleine Doktor. »Wird zehn Uhr zu spät sein, um noch ein halbes Stündchen bei Ihnen vorzusprechen?«

»Durchaus nicht«, erwiderte Herr Winkle. »Ich werde mich glücklich schätzen, Sie meinen Freunden, Herrn Pickwick und Herrn Tupman, vorzustellen.«

»Wird mir eine große Ehre sein«, meinte Doktor Slammer, der sich nicht träumen ließ, wer wohl Herr Tupman wäre.

»Wir dürfen also auf Sie zählen?« sagte Herr Snodgraß.

»Gewiß.«

Inzwischen hatten sie die Landstraße wieder erreicht. Sie nahmen herzlichen Abschied voneinander und trennten sich. Doktor Slammer begab sich mit seinen Freunden nach der Kaserne, und Herr Winkle kehrte, von Herrn Snodgraß begleitet, nach dem Gasthofe zurück.

Drittes Kapitel
Eine neue Bekanntschaft. Die Erzählung des wandernden Schauspielers. Eine unangenehme Störung und ein unerfreuliches Zusammentreffen.

Herr Pickwick war in Sorgen wegen des ungewöhnlich langen Ausbleibens seiner zwei Freunde, und ihr geheimnisvolles Benehmen während des ganzen Morgens trug keineswegs dazu bei, sie zu vermindern. Um so größer war seine Freude, als er sie wieder ins Zimmer treten sah; und nun ging es an ein Fragen, was ihn so lang ihrer Gesellschaft beraubt hätte. Herr Snodgraß schickte sich eben zur Beantwortung dieser Fragen an, eine getreue, umständliche Erzählung der Ereignisse des Tages zu beginnen, als er plötzlich innehielt, denn er bemerkte, daß außer Herrn Tupman auch noch ihr Reisegefährte von gestern und ein zweiter Fremder von gleich wunderlichem Äußeren zugegen waren. Der letztere war ein Mann, dessen fahles Gesicht und eingesunkene Augen die Spuren von Kummer trugen, während das straffe schwarze Haar, das ihm wirr über die Stirn herunterhing, die von Natur schon genug ausgeprägten Züge nur noch auffallender machte. Seine stechenden Augen hatten einen fast unnatürlichen Glanz, seine Backenknochen traten stark hervor und sein Unterkiefer war so lang und hager, daß man hätte glauben können, seine Züge wären durch Muskelanstrengung für einen Augenblick zusammengepreßt, wenn nicht der halbgeöffnete Mund und der unbewegliche Ausdruck angezeigt hätten, daß dies das natürliche Aussehen des Mannes sei. Um seinen Hals war eine dichte grüne Binde geschlungen, deren breite Enden über die Brust herunterhingen und sogar noch durch die Knopflöcher seiner alten Weste hervorsahen. Außerdem trug er noch einen langen schwarzen Überrock, weite braune Beinkleider und große, ziemlich schadhafte Stiefeln.

Herrn Winkles Blick fiel zuerst auf diese nicht sehr einladende Erscheinung, als Herr Pickwick mit ausgestreckter Hand auf ihn zuging und ihm den Fremden mit der Meldung: »Ein Freund unseres Freundes hier«, vorstellte.

»Wir haben diesen Morgen in Erfahrung gebracht,« fuhr er fort, »daß unser Freund mit dem hiesigen Theater in Verbindung steht, obgleich er nicht wünscht, daß es allgemein bekannt werde, und gegenwärtiger Herr ist gleichfalls ein Schauspieler. Er war eben im Begriff, uns mit einer kleinen Theateranekdote zu erfreuen, als Sie eintraten.«

»Ein wahres Anekdotenbuch«, sagte der Grünrock von gestern in leisem, vertraulichem Tone, indem er auf Herrn Winkle zuging. »Possierlicher Bursche – bloß ein Spieler stummer Rollen – kein eigentlicher Schauspieler – wunderlicher Mensch – Unglück aller Art; wir kennen ihn nur unter dem Namen: trübsinniger Jemmy.«

Herr Winkle und Herr Snodgraß begrüßten den Herrn, der ihnen als der trübsinnige Jemmy bezeichnet war, höflich, riefen nach Branntwein und Wasser, um es der übrigen Gesellschaft gleich zu tun, und setzten sich an den Tisch.

»Nun, Sir,« begann Herr Pickwick, »wollen Sie uns das Vergnügen machen, in dem, was Sie uns zu erzählen beabsichtigten, fortzufahren?«

Der Trübsinnige nahm eine schmutzige Papierrolle au« seiner Tasche und wandte sich mit einer Grabesstimme, die zu seiner äußeren Erscheinung ganz und gar paßte, an Herrn Snodgraß, der eben sein Notizenbuch zur Hand genommen hatte.

»Sind Sie der Dichter?«

»Ich – ich versuchte mich bisweilen in poetischen Leistungen«, versetzte Herr Snodgraß etwas verblüfft über diese plötzliche Frage.

»Ach, Poesie ist für das Leben, was die Lichter und Musik für die Bühne. Nimmt man dem einen seinen falschen Glanz und der andern ihre Illusionen – bleibt dann in der Wirklichkeit noch etwas, für das man sich abmühen möchte?«

»Sehr wahr, Sir«, versetzte Snodgraß.

»Vor den Lampen des Proszeniums sitzen,« fuhr der Trübsinnige fort, »heißt soviel, als ein großartiges Hofgepränge schauen und die seidenen Gewänder der prachtliebenden Menge bewundern – hinter ihnen sein ist gleichbedeutend mit dem Verfertigen all dieses Prunks, wobei man unbeachtet bleibt und wo niemand sich darum kümmert, ob die armen Unglücklichen schwimmen oder sinken, leben oder Hungers sterben, wie es gerade das Schicksal fügt.«

»Sie haben da wohl recht«, entgegnete Herr Snodgraß, denn das eingesunkene Auge des Trübsinnigen ruhte auf ihm, und er fühlte die Notwendigkeit, etwas zu sagen.

»Weiter, Jemmy,« sagte der spanische Reisende, »nicht alles ins Tragische – kein Lamentieren – frisch – munter!«

»Wollen Sie sich nicht ein Glas einschenken, ehe Sie anfangen, Sir?« fragte Herr Pickwick.

Der Trübsinnige faßte diesen Wink auf, mischte sich ein Glas Grog, schluckte langsam die Hälfte herunter, öffnete dann seine Papierrolle und begann die folgende Geschichte, die sich in den Klubakten mit der Aufschrift ›Erzählung des wandernden Schauspielers‹ findet, halb lesend, halb aus dem Gedächtnis vorzutragen.

Viertes Kapitel
Die Erzählung des wandernden Schauspielers.

»Es ist nichts Außerordentliches – ja, nicht einmal etwas Ungewöhnliches an dem, was ich jetzt erzählen will«, begann der Trübsinnige. »Mangel und Krankheit sind in manchen Lebenslagen etwas zu Alltägliches, um mehr Aufmerksamkeit zu verdienen, als ihnen bei den gewöhnlichsten Wechselfällen des menschlichen Lebens gezollt wird. Ich habe die folgenden kurzen Notizen gesammelt, weil ich den Mann, von dem ich rede, vor einigen Jahren sehr gut kannte. Ich war Augenzeuge, wie er immer tiefer und tiefer sank, bis er zuletzt jenes Übermaß von Elend erreichte, aus dem er sich nicht wieder erhob.

Der Mann, von dem ich erzähle, war ein Schauspieler, der in den niedrig-komischen Rollen auftrat, und hatte sich, wie so viele seines Berufes, dem Trunke ergeben. In seinen besseren Tagen, als er noch nicht durch Ausschweifungen geschwächt und durch Krankheit heruntergekommen war, hatte er gute Einnahme, die ihm bei einem geordneten Lebenswandel mehrere – freilich nicht viele – Jahre lang geblieben wäre: denn solche Leute sterben entweder frühzeitig oder verlieren durch übermäßige Anstrengung die körperlichen Fähigkeiten bald, von denen allein ihre Existenz abhängt. Seine Leidenschaft beherrschte ihn in dem Grade, daß man ihn in kurzer Zeit für die Rollen, in denen er etwas leisten konnte, unbrauchbar fand. Das Wirtshaus hatte einen Zauber für ihn, dem er nicht widerstehen konnte. Krankheit ohne Pflege und Armut ohne Hoffnung mußten ebenso gewiß sein Los werden, wie der Tod, wenn er bei seinem Laster beharrte; dennoch ließ er nicht davon; und die Folgen lassen sich denken. Er konnte keine Anstellung mehr finden Und war brotlos.

Jeder, der nur einigermaßen mit dem Schauspielerstand bekannt ist, weiß, welche Menge armer Schlucker sich gewöhnlich im Gefolge einer größeren Bühne befindet – keine ordentlich angenommenen Schauspieler, sondern Tänzer, Statisten, Gaukler und so weiter, die für eine bestimmte Pantomime oder Lokalposse, die gerade im Schwunge ist, angenommen und dann wieder entlassen werden, bis wieder irgendein besonderes Stück gegeben wird, bei dem man ihrer Dienste aufs neue bedarf. Dazu mußte unser Schauspieler seine Zuflucht nehmen. Er stellte jeden abend auf irgendeinem kleinen Theater die Stühle auf, und erwarb sich dadurch einige Schillinge wöchentlich, die er seiner alten Leidenschaft opferte. Aber auch diese Erwerbsquelle versiegte bald. Seine Ausschweifungen verschlangen zu viel von seinem Erwerbe, um auch nur für die geringsten Bedürfnisse etwas übrig zu lassen, und er war nahe daran, zu verhungern. Er borgte bisweilen einem alten Bekannten eine Kleinigkeit ab, oder trat auf irgendeinem Winkeltheater der gemeinsten Art auf; aber was er erhielt, wanderte treulich den gleichen Weg.

So hatte er sich länger als ein Jahr umhergetrieben, ohne daß man wußte wie, als ich ihn auf einem der Theater an der Surreyseite[15] des Flusses, wo ich gerade ein kurzes Engagement hatte, plötzlich wieder zu Gesicht bekam. Er war mir auf einige Zeit aus den Augen gekommen, denn ich hatte das Land durchreist, während er sich in den Winkeln Londons umhertrieb. Da klopfte er mir eines Abends auf die Schulter, als ich eben im Begriffe war, das Schauspielhaus zu verlassen. Nie werde ich den erschreckenden Anblick vergessen, der sich meinen Augen darbot, als ich mich umwandte. Er war in die Tracht seines Handwerks gekleidet, und stand in der ganzen Abgeschmacktheit eines Hanswurstanzuges vor mir. Die Gespenster im Totentanze, die fürchterlichsten Gestalten, die je der Pinsel des geschicktesten Malers auf die Leinwand zauberte, waren nicht halb so entsetzlich anzusehen. Sein aufgedunsener Leib und seine hageren Beine, deren Mißgestalt durch die Narrenkleidung erst recht hervorgehoben wurde – die gläsernen Augen, die gegen das hochaufgetragene Weiß, womit sein Gesicht beschmiert war, fürchterlich abstachen; der grotesk aufgeputzte, krampfhaft zitternde Kopf und die langen, mit Kreide bemalten, fleischlosen Hände – alles gab ihm ein gräßliches, unnatürliches Aussehen, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann, und an das ich mich bis auf diesen Tag nur mit Schaudern erinnere. Seine Stimme war hohl und zitternd, als er mich beiseite nahm und mir in gebrochenen Worten ein Langes und Breites von Krankheit und Entbehrungen vorschwatzte, wobei er, wie gewöhnlich, mit der dringenden Bitte schloß, ihm eine Kleinigkeit vorzustrecken. Ich drückte ihm ein paar Schillinge in die Hand, und als ich mich umdrehte, hörte ich das schallende Gelächter, das durch sein Auftreten auf den Brettern hervorgerufen wurde.

Einige Tage darauf legte mir eines Abends ein Knabe einen schmutzigen Papierfetzen in die Hand, worauf mit Bleistift einige Worte gekritzelt waren, aus denen hervorging, daß der Mann gefährlich krank sei und mich ersuche, ihm nach der Vorstellung da und da – ich habe den Namen der Straße vergessen – nicht weit vom Schauspielhause, zu besuchen. Ich versprach zu kommen, sobald ich könnte, und kaum war der Vorhang gefallen, da trat ich meinen traurigen Weg an.

Es war spät, denn ich hatte im letzten Stück gespielt, und da es ein Benefiz gewesen, so hatte die Vorstellung ungewöhnlich lange gedauert. Es war eine finstere, traurige Nacht: ein naßkalter Wind trieb den Regen heftig gegen Fenster und Haustüren. Das Wasser hatte sich in den schmalen, wenig besuchten Gäßchen zu Sümpfen angesammelt, und da die Heftigkeit des Windes, die wenigen Lampen, die hin und wieder angebracht waren, ausgelöscht hatte, so war der Weg nicht nur sehr mühsam, sondern auch höchst unsicher.

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