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John Lloyd | John Mitchinson

Denkste!

Falsches Wissen aufgeklärt

Aus dem Englischen von Alexander Weber

Atlantik

Wie viele Nasenlöcher hat der Mensch?

Vier. Zwei davon kann man sehen, zwei nicht.

Diese Erkenntnis verdanken wir der Erforschung der Fischatmung. Fische beziehen ihren Sauerstoff bekanntlich aus dem Wasser. Die meisten Arten haben zwei Paar Nasenlöcher: ein nach vorn gerichtetes, um Wasser hereinzulassen, und ein Paar »Auspuffrohre«, durch die es wieder entweichen kann.

Jetzt fragt man sich natürlich: Wenn der Mensch tatsächlich von den Fischen abstammt, wo ist dann das zweite Paar Nasenlöcher geblieben? Die Antwort: Sie sind im Kopf nach hinten gewandert und zur inneren Nasenöffnung geworden, der sogenannten Choane – griechisch für »Trichter«.

Dazu mussten sie sich irgendwie ihren Weg rückwärts durch die Zähne bahnen. Das mag reichlich abstrus klingen, doch schwedische und chinesische Forscher haben unlängst einen Fisch namens Kenichthys campbelli entdeckt – ein 395 Millionen Jahre altes Fossil –, der diese Entwicklung in einem Zwischenstadium zeigt. Der Fisch besitzt zwei nasenlochartige Öffnungen zwischen seinen Vorderzähnen.

Kenichthys campbelli war ein direkter Vorfahr der Landtiere und konnte sowohl unter Wasser als auch oberhalb atmen. Das eine Paar Nasenlöcher erlaubte ihm, in flachen Gewässern zu liegen und zu fressen, während das andere wie bei Krokodilen aus dem Wasser ragte.

Auch menschliche Embryos verfügen in einer frühen Entwicklungsphase über ähnliche Öffnungen zwischen den Zähnen. Schließen sie sich nicht, entsteht eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte. Insofern lieferte ein einziger Urzeitfisch die Lösung zu gleich zwei uralten Geheimnissen der Menschheit.

Neueste Forschungen zur menschlichen Nase ergaben übrigens, dass wir mit jedem unserer äußeren Nasenlöcher unterschiedliche Gerüche wahrnehmen, indem wir jeweils verschiedene Luftmengen hindurchfließen lassen und so eine Art nasalen Stereo-Effekt erzielen.

Zu sehen, was sich direkt vor der eigenen Nase befindet, erfordert ständige Anstrengung.

George Orwell

Wie wiegt man seinen eigenen Kopf?

Indem man sich selbst enthauptet? Sind Sie sich da sicher? Ein abgetrennter Kopf ist nur noch weniger als fünf Sekunden bei Bewusstsein. Sie könnten sich also nicht sonderlich lange an den Ergebnissen Ihres Experiments erfreuen.

Eine andere Idee wäre, den Kopf einfach auf die Badezimmerwaage zu legen, doch das ist ziemlich ungenau: Ihr Hals würde noch immer einen Teil des Gewichts tragen.

Die einfachste Methode besteht darin, den Kopf in einen Eimer zu stecken. Die Dichte eines gewöhnlichen menschlichen Kopfes entspricht annähernd der von Wasser. Stellen Sie einen Eimer in einen großen Trog, füllen Sie ihn randvoll mit Wasser und stecken Sie dann Ihre Birne hinein. Das Gewicht des überlaufenden Wassers entspricht in etwa dem Ihres Kopfes.

Als Zugabe könnten Sie das Experiment mit Ihrem ganzen Körper wiederholen, natürlich in einem etwas größeren Behälter. Dies würde Ihnen gestatten, die von Ihrem Kopf verdrängte Wassermenge mit der zu vergleichen, die Ihr gesamter Körper verdrängt hat, um dann auszurechnen, welchen Bruchteil Ihres gesamten Körpergewichts Ihr Kopf ausmacht.

Übrigens: Es war der griechische Mathematiker Archimedes (etwa 287212 v.Chr.), der herausfand, dass sich das Volumen unregelmäßiger Objekte bestimmen ließ, indem man maß, wie viel Wasser sie verdrängten. Angeblich kam ihm der Geistesblitz in der Badewanne, und er war so begeistert, dass er flugs heraussprang, nackt durch die Straßen von Syrakus rannte und »Heureka!« brüllte (griechisch für »Ich habe es gefunden!«).

Legen Sie allerdings Wert auf hundertprozentige Genauigkeit, dann kommen Sie nicht um eine Computertomographie herum.

CT-Scanner machen eine große Anzahl von Röntgen-Querschnittsaufnahmen eines Objekts (Tomographie ist griechisch und bedeutet so viel wie »in Scheiben schreiben«). Mit Hilfe der daraus im Computer zusammengesetzten »Schnittbilder« kann nun jeder Teil des Körpers genau analysiert werden. Auch die Bestimmung der Dichte jeder Körperstelle ist möglich. Zudem lässt sich daraus ein sogenanntes SAM (Specific Anthropomorphic Mannequin) generieren: Ein 3-D-Computermodell, an dem Sie – neben vielem anderen – das exakte Gewicht Ihres Kopfes ablesen können.

Falls Sie im Grunde nur grob wissen wollen, wie schwer Ihr Kopf ist: Laut Anatomie-Fachbereich der Universität Sydney wiegt der unterhalb des dritten Halswirbels abgetrennte Kopf eines Erwachsenen (ohne Haare) zwischen 4,5 und 5 kg.

Welche Art von Streifen machen schlank?

Längsstreifen, na klar – oder?

Unsinn.

Forscher von der Universität York fanden 2008 heraus, dass es tatsächlich Querstreifen sind, die den Träger (oder die Trägerin) schlanker erscheinen lassen.

Bei dem Experiment wurden Probanden gebeten, über 200 Bilderpaare zu vergleichen, auf denen Frauen entweder horizontale oder vertikale Streifen trugen, und anzugeben, welche der Frauen dicker wirkten. Das Ergebnis bewies zweifelsfrei, dass von zwei gleich großen Frauen diejenige mit quergestreifter Kleidung stets dünner erschien. Damit beide für die Probanden gleich dick wirkten, musste die horizontal gestreifte Frau auf dem Bild sogar um 6 Prozent in die Breite gezogen werden.

Die Yorker Wissenschaftler um den Psychologen Peter Thompson hatten sich gewundert, da der verbreitete Glaube, wonach Längstreifen schlanker machten, einer berühmten optischen Illusion widersprach: der »Helmholtz’schen Täuschung«, bei der ein mit horizontalen Linien versehenes Quadrat höher wirkt als ein vertikal gestreiftes.

Der deutsche Universalgelehrte Hermann von Helmholtz (18211894) gilt als einer der bedeutendsten Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts. Er war nicht nur ausgebildeter Arzt und theoretischer Physiker, sondern legte auch den Grundstein für die experimentelle Psychologie. Zudem revolutionierte er die Augenoptik, für die er ein maßgebliches Standardwerk verfasste, und erfand 1851 das Ophthalmometer – ein Instrument, mit dessen Hilfe sich erstmals das Augeninnere untersuchen und vermessen ließ.

Zum Thema der gestreiften Kleider hatte Helmholtz eine klare Meinung: Quer gestreifte Kleider lassen den Körper größer wirken.

Aus irgendeinem Grund hat ihm über ein Jahrhundert lang niemand Glauben geschenkt. Als Sheriff Joe Arpaio aus Maricopa County, Arizona, 1997 wieder gestreifte Gefängniskleidung einführte, flehten ihn die weiblichen Insassen an, ihnen wenigstens Längsstreifen zu verpassen, damit sie nicht so fett aussähen. Doch Arpaio ließ sich nicht erweichen: »Ich hab ihnen gesagt, in meinem Knast herrscht Chancengleichheit – wenn die Männer Querstreifen bekommen, dann kriegen auch die Frauen welche.«

Die im frühen 19. Jahrhundert eingeführte gestreifte Sträflingskleidung sollte es einfacher machen, entflohene Häftlinge in einer Menschenmenge aufzuspüren. Sie war aber auch als psychologische Bestrafung konzipiert: Im Mittelalter trugen vor allem Prostituierte, Narren und andere sozial Ausgestoßene Streifen – ob sie nun übergewichtig waren oder nicht.

Eine andere landläufige Modeweisheit konnten die Wissenschaftler aus York allerdings bestätigen: Schwarz macht tatsächlich schlanker. Die Studie ging auf eine weitere berühmte optische Täuschung zurück, bei der ein schwarzer Kreis auf weißem Grund stets kleiner erscheint als ein weißer Kreis auf schwarzem Grund.

Wo liegt der höchste Berg?

Auf dem Mars.

Der riesige Vulkan Olymp – auch unter dem lateinischen Namen Olympus Mons bekannt – ist der höchste Berg unseres Sonnensystems und des bekannten Universums.

Mit 22 km Höhe und einem Durchmesser von 624 km ist er fast dreimal so hoch wie der Mount Everest und seine Sockelfläche etwa so groß wie die Britischen Inseln. Der Krater misst in der Breite rund 72 km und ist 3 km tief, sodass ganz London darin verschwinden könnte.

Dennoch entspricht Mons Olympus wohl kaum dem, was sich die meisten Menschen unter einem Berg vorstellen: Sein Gipfel ist ungemein flach – wie ein enormes Hochplateau in einem Meer aus Gestein –, und seine Hänge sind nicht sonderlich steil. Bei einer sanften Steigung zwischen einem und drei Grad käme man beim Aufstieg noch nicht einmal ins Schwitzen.

Herkömmlicherweise bemessen wir Berge nach ihrer Höhe. Würde man jedoch ihre gesamte Größe zum Maßstab nehmen, wäre es unsinnig, einzelne Berge von ihrem Gebirge zu isolieren. So betrachtet, würde der Mount Everest den Olympus Mons winzig klein erscheinen lassen. Schließlich ist der Everest Teil der fast 2400 km langen gewaltigen Himalaja-Karakorum-Hindukusch-Pamir-Bergkette.

Woher wissen Sie, wie hoch der Berg ist, auf dem Sie stehen?

Kochen Sie sich einen Tee.

Die traditionelle Methode, um die Höhe des Berges zu bestimmen, auf dem man sich gerade befindet, besteht darin, die Temperatur des siedenden Wassers zu messen.

Wasser siedet, wenn der Druck des aufsteigenden Wasserdampfs den der umgebenden Luft übersteigt.

Der Luftdruck nimmt mit zunehmender Höhe kontinuierlich (wenn auch nicht metrisch) ab. Alle 300 Meter, die man hinaufsteigt, sinkt der Siedepunkt um 1 °C. In 4500 Metern Höhe (etwa auf der Spitze des Mont Blanc) siedet Wasser folglich bei 84,4 °C, auf dem Gipfel des Mount Everest bei 70 °C und in fast 23000 Metern würde es bereits bei Raumtemperatur sieden (mal davon abgesehen, dass in dieser Höhe kein Raum Raumtemperatur hätte).

Diese Art der Messung nennt sich Hypsometrie (vom griechischen hýpsos, »Höhe«, und métron, »Maß«).

In seinem Reisebericht Bummel durch Europa (1880) erzählt Mark Twain (18351910) davon, wie er auf einer Bergtour in den Schweizer Alpen versuchte, seine Höhe zu berechnen, indem er sein Barometer in Bohnensuppe kochte. Dies verlieh der Suppe einen »starken Barometergeschmack«, der sich solch unerwarteter Beliebtheit erfreute, dass der mitgereiste Koch sie bald jeden Tag zubereiten musste. Der Koch benutzte zwei Barometer, ein intaktes und ein kaputtes – die Suppe aus Ersterem war den Offizieren vorbehalten, während das Fußvolk mit Letzterem vorliebnehmen musste.

Das Challenger-Tief im pazifischen Marianengraben gilt als tiefster Punkt des Meeres. Dort ist der Druck 1100-mal so hoch wie auf Meereshöhe. Wenn Sie sich da unten eine Tasse Tee kochen wollten, müssten Sie etwas Zeit mitbringen. Der Kessel würde erst bei 530 °C pfeifen.

Wie finden Sie im Wald heraus, wo Norden ist?

Einer alten Försterweisheit zufolge wächst das Moos immer an der Nordseite der Bäume. Aber das tut es nicht.

Zwar bevorzugt Moos schattige Plätze, aber es kann auch an der Süd-, West- und Ostseite eines Baumes wachsen, wenn es dort nur feucht genug ist. Die Feuchtigkeit hängt ebenso sehr von der vorherrschenden Windrichtung ab wie von der Sonnenabgewandtheit. Und obwohl an der Nordseite eines freistehenden Baumes tendenziell mehr Schatten herrscht, »beschatten« sich Bäume in Waldgebieten gegenseitig, weshalb es durchaus möglich ist, dass sich die bemooste Seite in südlicher Richtung befindet.

Aber sagt einem nicht die Sonne, wo Norden liegt? Wenn die Sonne im Osten aufgeht, muss man sich doch nur 90° nach links drehen, oder?

Idiotensicher ist das ebenfalls nicht. Denn nur an zwei Tagen im Jahr geht die Sonne wirklich genau im Osten auf: zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling und im Herbst. In Deutschland geht die Sonne im Winter im Südosten auf und im Südwesten unter; im Sommer ist der Sonnenaufgang im Nordosten und der Sonnenuntergang folglich im Nordwesten zu bewundern.

Eine zuverlässigere Methode besteht darin, bis zur Abenddämmerung zu warten und die Sterne zu beobachten. Finden Sie das Sternbild Ursa Major (lateinisch für »Großer Bär«), besser bekannt als Großer Wagen. Es sieht aus wie ein Kochtopf mit einem Stiel. Ziehen Sie eine Linie durch die beiden Sterne an der dem Stiel gegenüberliegenden Seite des Topfes und folgen Sie ihr nach oben. Der nächste helle Stern auf dieser Linie ist der Polarstern oder Polaris. Er steht zwar auch nicht exakt im Norden, doch für jemanden, der sich im Wald hoffnungslos verlaufen hat, reicht es allemal.

Leider funktioniert diese Methode auf der Südhalbkugel weniger gut. Der Stern, der dem südlichen Himmelspol am nächsten liegt, ist Sigma Octantis im Sternbild Octans – auch Polaris Australis oder Südpolarstern genannt. Doch dieser ist mit bloßem Auge kaum zu sehen.

Auch der Polarstern zeigt nicht immer in Richtung Norden. Das liegt daran, dass die Erde leicht hin und her wankt, während sie sich dreht. Stellen Sie sich die Erde als Ball vor, der um einen imaginären Schaschlikspieß kreist, welcher ihn von Pol zu Pol durchbohrt. Die Anziehungskraft der Sonne und des Mondes sorgen nun dafür, dass sich dieser Spieß im Laufe der Zeit ebenfalls leicht bewegt und sein Ende kreisförmig rotiert. Seine Spitze zeigt folglich nicht immer direkt auf den Polarstern, sie bewegt sich entweder auf ihn zu oder von ihm weg.

Darüber müssen Sie sich jedoch erst einmal keine Gedanken machen. Diese Bewegung ist sehr langsam: Jede volle Umdrehung dauert 25765 Jahre. Für unsere Vorfahren aus der Bronzezeit im Jahr 3000 v.Chr. stand der Stern Thuban im Sternbild Drache nördlicher. In 12000 Jahren wird es Wega im Sternbild Leier sein. Polaris ist erst im Jahr 27800 wieder ganz vorn dabei.

Bedienen Sie sich in der Zwischenzeit einfach des Tricks mit der Armbanduhr: Richten Sie den Stundenzeiger auf die Sonne. Etwa bei der Hälfte des Winkels zwischen dem Stundenzeiger und der Zahl Zwölf auf dem Ziffernblatt liegt Süden.

Gehen Menschen wirklich im Kreis, wenn sie sich verlaufen?

Ja, das tun sie wirklich. In Situationen, wo sie über keinerlei Orientierungspunkte verfügen – etwa in einem Schneesturm oder in dichtem Nebel –, bewegen sich Menschen immer im Kreis, selbst wenn sie felsenfest davon überzeugt sind, geradeaus zu laufen.

Bis vor kurzem erklärte man sich dieses seltsame Phänomen meist mit der wenig überzeugenden Theorie, eines unserer Beine sei kräftiger als das andere, sodass wir einen leichten Drall in Richtung des schwächeren Beins entwickelten. Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen haben 2009 jedoch ergeben, dass nicht unsere Beine daran schuld sind, sondern unser Gehirn.

Dabei setzte man Probanden in einem besonders öden Landstrich der südtunesischen Sahara und im extrem dichten und flachen südpfälzischen Bienwald aus und verfolgte per GPS ihren Weg. Waren Sonne oder Mond zu sehen, hatten sie keinerlei Probleme, geradeaus zu laufen. Doch sobald diese verschwunden waren, begannen die Versuchspersonen, im Kreis zu laufen, kreuzten sogar ihre eigenen Wege mehrmals, ohne es zu bemerken. Bei einer anderen Gruppe, die man mit verbundenen Augen losschickte, war der Effekt noch offensichtlicher und unmittelbarer: Der Durchmesser ihrer Kreisbewegungen betrug im Schnitt gerade einmal 20 Meter.

Diese Richtungsänderung geschah viel zu rasch, um sie mit der »Ungleiche Beine«-Theorie zu erklären. Was die Studie vor allem zeigte, war, dass Menschen ohne visuelle Anhaltspunkte über keinen instinktiven Orientierungssinn verfügen.

Das Sehen ist bei weitem der wichtigste unserer Sinne. Die Verarbeitung visueller Informationen nimmt 30 Prozent der menschlichen Hirnaktivität in Anspruch, während der Geruchssinn, der den meisten Tieren bei der Orientierung hilft, nur ein Prozent benötigt. Allein Vögel sind in ähnlichem Maße auf ihr Sehvermögen angewiesen, doch verfügen sie zudem über »Magnetorezeption« – die Fähigkeit, sich am Erdmagnetfeld zu orientieren. Eingebettet in ihre Gehirne finden sich Kristalle des eisenhaltigen Minerals Magnetit.

Menschliche Knochen enthalten ebenfalls Spuren von Magnetit, was darauf hinweisen könnte, dass wir früher auch eine Art »Magnetsinn« besaßen, mit der Zeit aber verlernt haben, ihn zu nutzen.

2004 konstruierte der deutsche Neurowissenschaftler Peter König von der Universität Osnabrück einen speziellen Gürtel, den er selbst Tag und Nacht trug – sogar im Bett. Daran befanden sich dreizehn an einen Magnetsensor gekoppelte Vibratoren. Derjenige, der nach Norden zeigte, vibrierte stets sanft wie ein Mobiltelefon. Im Laufe der Zeit verbesserte sich Königs räumliche Wahrnehmung spürbar. Wo auch immer er sich in der Stadt befand, er wusste stets intuitiv, in welcher Richtung sein Zuhause oder sein Büro lag. Bei einem Aufenthalt im 160 km entfernten Hamburg zeigte er einmal mit dem Finger exakt in Richtung Osnabrück.

Zum Ende des Experiments bemerkte er: »Als ich den Gürtel ablegte, kam mir die Welt plötzlich klein vor, chaotisch, unaufgeräumt.« Der Gürtel hatte einen Sinn reaktiviert, von dem er nicht wusste, dass er ihn überhaupt besaß – oder er hatte seinen Körper dazu gebracht, ihn erneut zu »erlernen«. Möglicherweise sendet unser Körper ja noch immer fortwährend Magnetsignale aus, nur dass unser Gehirn verlernt hat, sie zu deuten.

Was ist das größte Lebewesen der Welt?

Ein Pilz.

Und noch nicht mal ein sehr seltener. Womöglich wächst der dunkle Hallimasch (Armillaria ostoyae, auch »Honigpilz« genannt) sogar auf einem Baumstumpf in Ihrem Garten.

Lassen Sie uns Ihretwegen hoffen, dass er nicht die Ausmaße des weltgrößten Exemplars annimmt, das Forscher im Malheur Nationalpark im US-Bundesstaat Oregon entdeckt haben: Der Pilz bedeckt 890 Hektar und ist zwischen 2000 und 8000 Jahre alt. Ein Großteil liegt jedoch unter der Erde, wo er sich in Form eines riesigen Geflechts aus tentakelartigen »Myzelen« (die für Pilze die Funktion von Wurzeln erfüllen) ausbreitet. Diese weißen Fäden kriechen an Baumwurzeln entlang, töten den Baum ab und lugen in Form unschuldig aussehender Honigpilze gelegentlich aus dem Waldboden hervor.

Ursprünglich hielt man den Riesenhallimasch von Oregon für eine Ansammlung separater Pilzkulturen, doch nun haben Wissenschaftler bewiesen, dass alle Teile unterirdisch verbunden sind, was ihn zum größten zusammenhängenden Organismus der Erde macht.

Ich muss gestehen, dass mich nichts mehr ängstigt, als wenn man mir ein Pilzgericht serviert – insbesondere in einer kleinen Stadt auf dem Lande.

Alexandre Dumas

Was ist das Größte, was ein Blauwal verschlingen kann?

  1. ein sehr großer Pilz

  2. ein kleines Familienauto

  3. eine Grapefruit

  4. ein Seemann

Eine Grapefruit.

Die Kehle des Blauwals besitzt interessanterweise fast exakt denselben Durchmesser wie sein Nabel (etwa so groß wie ein Beilagenteller), ist jedoch etwas kleiner als sein Trommelfell (das wiederum der Größe eines Esstellers entspricht).

Acht Monate des Jahres essen Blauwale so gut wie nichts, doch während des Sommers tun sie kaum etwas anderes und schaufeln täglich drei Tonnen Nahrung in sich hinein. Wie Sie vielleicht im Biologie-Unterricht gelernt haben, besteht ihre Nahrung aus winzigen rosafarbenen Krebstieren namens Krill, auf die sie absolut wild sind. Praktischerweise tritt Krill in Riesenschwärmen auf, die über 100000 Tonnen wiegen können, sodass sich die Meeressäuger tüchtig satt essen können.

Das Wort »Krill« kommt zwar aus dem Norwegischen, geht ursprünglich aber auf das niederländische kriel für »kleine Fische« zurück, was heute ebenso »Pygmäen« und »kleine Kartoffeln« bezeichnet. Krill-Stäbchen erfreuen sich in Chile einiger Beliebtheit. Die aus gemahlenen Tieren hergestellte Krillpaste entwickelte sich nach ihrer Einführung in Russland, Polen und Südafrika jedoch zu einem wirtschaftlichen Desaster. Grund waren die gefährlich hohen Fluoridwerte. Diese stammen von den Panzern der garnelenartigen Tiere, die zu winzig sind, um sie vor dem Zerkleinern einzeln zu schälen.

Dass die Kehle des Blauwals dermaßen schmal ist, bedeutet ferner, dass er den biblischen Jona gar nicht verschluckt haben kann. Der einzige Wal, dessen Rachen groß genug wäre, um einen Menschen zu verschlingen, ist der Pottwal. Allerdings hätte ein Mensch im Bauch des Pottwals keinerlei Überlebenschance: Dafür liegt der Säuregehalt der ätzenden Magensäfte viel zu hoch. Folglich erwies sich auch der berühmte Fall des »modernen Jonas«, James Bartley, letztendlich als Schwindel: Bartley hatte behauptete, im Jahr 1891 von einem Pottwal verschluckt und 15 Stunden später von seinen Mannschaftskollegen gerettet worden zu sein.

Abgesehen von seiner Kehle ist alles am Blauwal aber ausgesprochen groß. Mit 32 m Länge ist er das größte Tier, das jemals gelebt hat – dreimal so groß wie der größte Dinosaurier –, und sein Gewicht entspricht dem von 2700 Menschen. Seine Zunge wiegt mehr als ein Elefant. Sein Herz hat die Größe eines Kombis. Sein Magen fasst über eine Tonne Nahrung. Und schließlich erzeugt er das lauteste Geräusch, das ein einzelnes Tier überhaupt von sich geben kann: ein niederfrequentes Brummen, das seine Artgenossen noch in 16000 km Entfernung wahrnehmen können.

Welches Tier träumt am meisten?

Sie denken jetzt vielleicht: Klar, das Tier, das am meisten schläft, wie der Siebenschläfer oder das Faultier. Oder aber der Mensch, weil er das komplexeste Gehirn besitzt. Weit gefehlt. Der größte Träumer von allen ist das Schnabeltier.

Zwar wissen wir, dass alle Säugetiere (aber nur wenige Vögel) träumen, doch was mit ihnen dabei geschieht oder warum sie es überhaupt tun, ist kaum erforscht.

Die Traumphase, auch »REM-Schlaf« (Rapid Eye Movement, »schnelles Augenrollen«) genannt, wurde erst 1952 entdeckt. Damals maß ein Physiologie-Doktorand von der Universität Chicago namens Eugene Aserinsky mit Hilfe eines »Elektro-Okulographen« die Augenbewegungen seines achtjährigen Sohnes. Dabei fiel ihm ein immer wiederkehrendes Muster auf, das sich während des gesamten Nachtschlafs wiederholte. Er machte seinen Doktorvater Dr. Nathaniel Kleitman darauf aufmerksam, und gemeinsam untersuchten sie mit einem Elektroenzephalographen (EEG) die Gehirnaktivität von 20 Schlafenden. Erstaunt stellten sie fest, dass die Gehirnaktivität während der Augenbewegungen so stark war, dass die Probanden eigentlich hätten wach sein müssen. Weckte man sie direkt aus dem REM-Schlaf, konnten sie sich lebhaft an ihre Träume erinnern – blieben ihre Augen reglos, war dies nicht der Fall.

Bald fanden Zoologen heraus, dass viele Tiere denselben Prozess durchliefen. Bei Katzen, Fledermäusen, Opossums und Gürteltieren sind allesamt längere REM-Phasen zu beobachten als beim Menschen, bei Giraffen und Elefanten überraschenderweise kaum welche, und Delfine bekommen gar keinen REM-Schlaf. Den mit Abstand längsten REM-Schlaf hat das Schnabeltier (Ornithorhynchus anatinus), eines der ältesten aller Säugetiere überhaupt. Es verbringt acht Stunden am Tag in der Traumphase – viermal so viel wie ein erwachsener Mensch.

Der REM-Schlaf unterscheidet sich sowohl vom normalen Schlaf als auch vom Wachzustand: Er ist eine Art dritter Daseinszustand, bei dem im Gehirn Hochbetrieb herrscht, während der Körper nahezu gelähmt ist.

Es scheint, als träumten die Tiere am wenigsten, die am stärksten von Räubern bedroht sind. Wiederkäuer wie Elefanten und Schafe träumen kaum, ein Schnabeltier, das nur wenige natürliche Feinde hat, kann es sich durchaus leisten. Delfine, die während der Ruhephase weder zu tief sinken noch vergessen dürfen zu atmen, schlafen im herkömmlichen Sinne überhaupt nicht. Nur eine Hälfte ihres Hirns und Körpers wechselt jeweils in den Schlafmodus, während die andere hellwach bleibt – eines der Augen inklusive. Dies könnte auch erklären, warum sie kein REM aufweisen: Das wache Auge würde wie wild rotieren.

Schnabeltiere schlafen so fest, dass man sie aus ihrem Bau ausgraben kann, ohne sie zu wecken. Obwohl sie im Gegensatz zu den meisten anderen Tieren die längste Zeit davon im REM-Schlaf verbringen, sind die Gehirne schlafender Schnabeltiere nicht ganz so aktiv wie im Wachzustand. Ob sie also tatsächlich träumen, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen.

Allerdings lässt sich auch nicht mit Gewissheit sagen, dass andere Tiere träumen – schließlich können wir sie nicht fragen. Nur bei uns Menschen sind wir sicher. Doch niemand weiß, warum wir träumen. Bei einer durchschnittlichen Lebensdauer von 65 Jahren und zwei Stunden REM-Schlaf pro Nacht verbringen wir fünf Jahre unseres Lebens im Traum (etwa 8 Prozent).

Eugene Aserinsky erhielt zwar seinen Doktortitel für die Entdeckung des REM-Schlafs, fühlte sich jedoch von Kleitman übervorteilt und schwor der Schlafforschung zehn Jahre lang ab. Er starb im Alter von 77 Jahren, als sein Auto gegen einen Baum raste. Kleitman machte unverdrossen weiter, verdiente sich den Titel des »Vaters der Schlafforschung« und überlebte Aserinsky um ein Jahr. Er starb mit 104 Jahren.

Welches Tier säuft am meisten?

Der größte Säufer – nach dem Menschen, wohlgemerkt – ist das in Malaysia beheimatete Federschwanz-Spitzhörnchen.

Ptilocercus lowii, ein rattengroßes Tier mit einem Schwanz wie ein Federkiel, kippt jede Nacht eine Alkoholmenge in sich hinein, die neun einfachen Whisky, fünf halben Litern Bier oder fünf 175-ml-Gläsern Wein entspricht.

Sein Grundnahrungsmittel ist der Blütennektar der Bertram-Palme (Eugeissona tristis), der durch die natürliche Hefe, die sich in seinen stacheligen Knospen bildet, vergoren wird. Das Gebräu kommt auf bis zu 3,8 Volumenprozent und hat somit in etwa die Stärke eines Leichtbiers. Das Federschwanz-Spitzhörnchen pichelt jede Nacht im Schnitt zwei Stunden lang.

Der Nektar der Bertram-Palme gehört zu den natürlichen Nahrungsmitteln mit dem höchsten Alkoholgehalt. Deutsche Forscher von der Universität Bayreuth wurden als Erste darauf aufmerksam, als sie den intensiven hefigen Geruch der Pflanze wahrnahmen und die schaumige »Blume« des Nektars sie an Bier erinnerte.

Eine Haaranalyse der Spitzhörnchen ergab Blutalkoholwerte, die bei den meisten Säugetieren lebensgefährlich wären. Trotzdem werden sie nie betrunken, ansonsten wären sie wohl längst ausgestorben. Klein und essbar zu sein, macht ihnen das Leben schon schwer genug – klein, essbar und ständig beschwipst zu sein, wäre sicherlich fatal.

Das Federschwanz-Spitzhörnchen hat sich evolutionär so entwickelt, dass es den Alkohol abbaut, ohne betrunken zu werden. Zudem profitiert es womöglich vom sogenannten »Aperitif-Effekt«. Damit ist die – zunächst nur beim Menschen beobachtete – appetitanregende Wirkung von Alkohol gemeint, aufgrund derer wir mehr essen, wenn wir zuvor etwas getrunken haben. Mit jeder Kalorie, die das Tier zu sich nimmt, steigt sein Energievorrat – und damit auch seine Überlebenschancen. Wie das Federschwanz-Spitzhörnchen anscheinend herausgefunden hat, weist der Fermentierungsduft einer Frucht darauf hin, dass diese ihren höchsten Brennwert erreicht hat.

Die ersten Belege für menschlichen Alkoholkonsum stammen aus der Zeit vor 9000 Jahren, als in Mesopotamien das Bierbrauen erfunden wurde. Die Bayreuther Studie lässt jedoch vermuten, dass diese Vorliebe viel tiefer in unsere vormenschliche Entwicklungsgeschichte reicht: Der gemeinsame Vorfahr von Spitzmaus und Mensch war ein kleines Säugetier, das vor 55 bis 80 Millionen Jahren lebte. Das heutige Tier, das diesem am nächsten kommt, ist das Federschwanz-Spitzhörnchen. Wenn wir herausfinden, warum dieses so verrückt nach Alkohol ist (und dennoch nie betrunken wird), beantwortet dies womöglich auch die Frage, warum Menschen trinken oder wie sie es tun können, ohne stockbesoffen zu werden. Und vielleicht lässt sich nebenbei noch ein prima Katermittel entdecken.

Die Verbindung zwischen Kultur und Alkohol ist uralt: Schon im ältesten erhaltenen literarischen Werk der Geschichte – dem 4000 Jahre alten Gilgamesch-Epos – zähmt die Tempeldirne Schamchat den nackten Enkidu, einen behaarten Wilden, der von Tieren großgezogen wurde, indem sie ihn eine Woche mit in ihr Bett nimmt und mit sieben Krügen Bier gefügig macht. In der Folge beginnt er, sich zu waschen und Kleider zu tragen. Er entsagt dem Leben unter den Tieren, da er nun ein »wissendes Herz« besitzt.

Wie lange kann ein Huhn ohne Kopf weiterleben?

Rund zwei Jahre.

Am 10. September 1945 bekam ein praller junger Gockel in Fruita, Colorado, den Kopf abgehackt – und lebte weiter. Wie durch ein Wunder hatte das Beil die Halsvene verfehlt und genug vom Hirnstamm übrig gelassen, dass er überleben konnte. Ja, er wuchs und gedieh sogar.

Der Hahn, den man auf den Namen Mike getauft hatte, wurde zur nationalen Berühmtheit. Die Zeitschriften Time und Life berichteten über ihn. Sein Besitzer Lloyd Olsen nahm 25 Cent Eintritt von jedem, der »Mike, das kopflose Wunderhuhn« bestaunen wollte, und bereiste mit seinem Gockel Jahrmärkte im ganzen Land. Bei Mikes Auftritten war stets ein getrockneter Hühnerkopf zu sehen, von dem es hieß, es sei sein eigener – in Wahrheit hatte sich jedoch die Katze der Olsens mit dem Original davongemacht. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms verdiente Mike 4500 Dollar im Monat, und man schätzte seinen Wert auf 10000 Dollar. Mikes Erfolg zog eine Welle ähnlicher Hühnerenthauptungen nach sich, doch keinem der Trittbrettfahrer wollte dasselbe Kunststück gelingen: Die unglücklichen Opfer lebten nie länger als ein oder zwei Tage.

Gefüttert und getränkt wurde Mike mit einer Pipette. In den zwei Jahren, nachdem er seinen Kopf verloren hatte, nahm er sechs Pfund zu und verbrachte die meiste Zeit damit, freudig herumzustolzieren, sich zu putzen und auf der Suche nach Futter mit dem Hals auf dem Boden zu »picken«. Jemand, der ihn gut kannte, soll einmal gesagt haben: »Mike war ein großer, fetter Hahn, der nicht wusste, dass er keinen Kopf mehr hatte.«

Die Tragödie ereignete sich eines Nachts in einem Motelzimmer in Phoenix, Arizona. Mike begann zu würgen, und Lloyd Olson stellte mit Entsetzen fest, dass er die Pipette am Auftrittsort des Vortags vergessen hatte. Da Olson so nicht in der Lage war, die Atemwege des Hahns zu befreien, erstickte Mike.

In Colorado gilt Mike noch immer als Kultfigur, und seinen Todestag im Mai – »Mike the Headless Chicken Day« – begeht man in Fruita alljährlich mit einer großen Feier.

Was ist das aggressivste Säugetier der Welt?

Weder Tiger noch Nilpferd.

Der aggressivste Landsäuger ist laut einer Studie im Scientific American von 2009 der Honigdachs (Mellivora capensis). Auch im Guinness-Buch der Rekorde wird es als »furchtlosestes Tier der Welt« geführt.

Honigdachse leben in Afrika und Asien, meist in »leerstehenden« Erdhöhlen, die von anderen Tieren wie Erdferkeln zuvor verlassen wurden. Um Dachse handelt es sich allerdings nicht – ihren Namen verdanken sie lediglich einer oberflächlichen Ähnlichkeit mit »echten« Dachsen (Meles meles) sowie ihrer Vorliebe für Honig. Dachse und Honigdachse sind nicht direkt miteinander verwandt, gehören aber beide zur Familie der Marder (Mustelidae) – der größten Gruppe von Karnivoren. Sie umfasst Frettchen, Iltisse, Nerze und Bärenmarder. Der Honigdachs ist jedoch die einzige Art der Gattung Mellivora, was so viel wie »Honigfresser« bedeutet.

Honigdachse benutzen ihre großen und kräftigen Klauen, um Termitenhügel zu verwüsten, den Draht von Hühnerställen zu zerfetzen und, vor allem, Bienenstöcke auseinanderzunehmen. Den Weg zu den Stöcken bekommen sie von bestimmten Vögeln gewiesen, den Honiganzeigern, die, sobald sie einen gefunden haben, laut rufen und auf die Reste spekulieren, sobald sich der Honigdachs satt gefressen hat.

Was den Honigdachs unter anderem zu einem nahezu unbezwingbaren Gegner macht, ist seine außerordentlich lockere Haut: Wird er von hinten gepackt, ist er in der Lage, sich in seiner eigenen Haut umzudrehen und zu verteidigen.

So haben Honigdachse wenige natürliche Feinde und attackieren, wenn sie provoziert werden, so ziemlich jedes andere Tier – auch Menschen. Sie kämpfen mit Hyänen, Löwen, Tigern, Schildkröten, Stachelschweinen, Krokodilen und Bären, die sie nicht selten töten. Giftschlangen packen sie mit ihrem Maul und verschlingen sie innerhalb einer Viertelstunde. Zudem fressen sie junge Honigdachse: Nur die Hälfte des Nachwuchses erreicht das Erwachsenenalter.

Der Legende nach attackieren Honigdachse ihre Gegner auch unterhalb der Gürtellinie. Der erste publizierte Bericht über ein solches Verhalten stammt aus dem Jahr 1947, als man einen Honigdachs angeblich dabei beobachtete, wie er einen ausgewachsenen Büffel kastrierte. Gerüchten zufolge sollen sie auch schon Gnus, Wasserböcke, Kudu-Antilopen, Zebras und Menschen entmannt haben. In einem 2009 erschienenen Botswana-Special des britisches Automagazins Top Gear bekräftigte Jeremy Clarkson: »Der Honigdachs tötet dich nicht, um dich zu fressen. Er reißt dir die Eier ab.«

In Pakistan nennt man sie »Bijj«. Dort stehen sie in dem Ruf, Leichen aus Gräbern zu stehlen. Sie sind derart furchteinflößend, dass britische Truppen in Basra während des Irakkriegs beschuldigt wurden, eine Armee menschenfressender, bärenartiger Raubtiere auf die Einheimischen losgelassen zu haben, um sie zu terrorisieren. Wie sich herausstellte, handelte es sich um Honigdachse, die wegen der Überflutung der umliegenden Sümpfe in der Stadt Zuflucht gesucht hatten.

Welches ist das gefährlichste Tier, das jemals gelebt hat?

Die Hälfte aller Menschen, die jemals gestorben sind – geschätzte 45 Milliarden –, ist weiblichen Moskitos zum Opfer gefallen (die männlichen stechen nur Pflanzen).

Stechmücken übertragen über hundert potenziell tödliche Krankheiten, darunter Malaria, Gelbfieber, Denguefieber, Enzephalitis, Filariose und Elephantiasis. Noch heute töten sie alle zwölf Sekunden einen Menschen.

Erstaunlicherweise hatte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts niemand auch nur geahnt, dass Moskitos gefährlich sein könnten. Erst 1877 wies der britische Arzt Sir Patrick Manson – genannt »Moskito-Manson« – nach, dass Elephantiasis von Mückenstichen übertragen wird. Siebzehn Jahre später, 1894, kam er auf die Idee, dass auch Malaria von ihnen verursacht werden könnte. Manson ermutigte seinen Schüler Ronald Ross – einen jungen Arzt, der in Indien stationiert war –, seine These zu überprüfen.

So konnte Ross als Erster aufzeigen, dass weibliche Stechmücken mit ihrem Speichel Parasiten der Gattung Plasmodium übertragen. Als Versuchstiere dienten ihm Vögel. Doch Manson setzte noch einen drauf: Um zu beweisen, dass dies auch beim Menschen funktionierte, infizierte er mit Hilfe von Mücken, die er im Diplomatengepäck eingeschmuggelt hatte, seinen eigenen Sohn. (Glücklicherweise erholte sich der Junge nach einer raschen Dosis Chinin wieder.) Ross erhielt 1902 den Nobelpreis für Medizin. Manson wurde in die Royal Society aufgenommen, geadelt und gründete die London School of Tropical Medicine.

Es gibt 2500 bekannte Arten von Stechmücken, 400 davon gehören der Gattung Anopheles an, von denen wiederum 40 in der Lage sind, Malaria zu übertragen.

Die Mückenweibchen benötigen das Blut, um ihre Eier heranreifen zu lassen, die sie dann auf dem Wasser ablegen. Aus den Eiern schlüpfen im Wasser lebende Larven. Im Gegensatz zu den meisten Insektenarten sind die Puppen der Stechmücke bereits mobil und können schwimmen.

Männliche Moskitos summen in einer höheren Tonlage als weibliche. Der Klang einer Stimmgabel mit dem Ton H versetzt sie in sexuelle Erregung. Weibliche Stechmücken werden von ihrem Wirt durch Feuchtigkeit, Milch, Kohlendioxid, Körperwärme und Bewegung angezogen. Stark schwitzende Menschen und Schwangere haben ein erhöhtes Risiko, gestochen zu werden.

Moskito bedeutet auf Spanisch »kleine Fliege«.

Woher weiß ein Hai, dass Sie in der Nähe sind?

Sie müssen keineswegs bluten, damit ein Hai Sie aufspüren kann.

Haie besitzen einen erstaunlich empfindlichen Geruchssinn. Sie sind in der Lage, Blut in einer Konzentration von 1:25 Millionen wahrzunehmen, was einem Blutstropfen in einem 9000-Liter-Wassertank entspricht. Die Geschwindigkeit und die Richtung, mit bzw. in der sich ein Geruch im Wasser ausbreitet, ist strömungsabhängig, weshalb Haie stets gegen die Strömung anschwimmen. Wenn Sie auch nur ein klein wenig bluten, bekommt es ein Hai mit.

Selbst bei einer gemächlichen Strömungsgeschwindigkeit von 3,5 km/h nimmt ein Hai in 400 Metern Entfernung stromabwärts binnen sieben Minuten Ihren Geruch auf. Haie schwimmen fast 40 km/h schnell, also könnte in 60 Sekunden einer bei Ihnen sein. Schnellere Meeresströmungen machen die Sache nur noch schlimmer – selbst wenn man berücksichtigt, dass die Raubfische dann gegen mehr Widerstand anschwimmen müssen. Bei einer heftigen Strömung von 26 km/h würde Sie ein Hai 500 Meter stromabwärts in einer Minute wittern und wäre in weniger als zwei bei Ihnen – zur Flucht blieben Ihnen folglich insgesamt rund drei Minuten.

Haie können zudem ausgesprochen gut sehen, doch selbst ein kurzsichtiger Hai mit einem bösen Schnupfen (wenn es so etwas überhaupt gibt) wäre in der Lage, Sie aufzuspüren. Haie verfügen im niederfrequenten Bereich über ein exzellentes Gehör, das ihnen erlaubt, wild zappelnde Tiere noch in über einem halben Kilometer Entfernung wahrzunehmen. Sie könnten also versuchen, sich ganz ruhig zu verhalten.

Doch keine Chance: Auch ein blinder, tauber Hai ohne Nase würde Sie problemlos finden. Der Kopf eines Hais ist von gelgefüllten Kanälen durchzogen, den »Lorenzinischen Ampullen« – benannt nach Stefano Lorenzini, einem italienischen Arzt, der sie 1678 erstmals beschrieb. Doch erst seit kurzem wissen wir, dass sie als Rezeptoren für die schwachen bioelektrischen Felder dienen, die alle lebenden Wesen aussenden.

Also: Solange Sie nicht bluten, sich nicht bewegen und auch Ihr Gehirn und Herz nicht arbeiten, dürfte Ihnen nicht passieren.

Und es gibt noch mehr gute Nachrichten, wenn man so will. Der kalifornische Meereskundler Jamie MacMahan hat herausgefunden, dass die landläufige Vorstellung einer sehr starken Strömung (auch »Kabbelung« genannt) falsch ist – sie fließt nicht hinaus aufs Meer, sondern kreisförmig, wie ein Strudel. Wenn Sie also parallel zum Strand schwimmen, so der Forscher, werden Sie mit 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit raus aufs Meer gezogen. Doch – vorausgesetzt, Sie lassen sich treiben und halten Ihren Kopf über Wasser – beträgt Ihre Chance, binnen drei Minuten wieder ans Ufer getragen zu werden, immerhin stolze 90 Prozent – womöglich genau rechtzeitig, um dem Hai zu entkommen.

Wenn ein Hai Sie dennoch findet, sollten Sie versuchen, ihn umzudrehen und am Bauch zu kitzeln. Dies wird ihn reflexartig in »tonische Bewegungslosigkeit« versetzen – eine Art Schreckstarre, die ihn reglos und wie hypnotisiert dahintreiben lässt. Orcas machen sich dies zunutze, indem sie Haie auf den Rücken werfen und sie so lange bewegungslos im Wasser halten, bis sie ersticken.

Dieses Vorgehen verschafft Ihnen etwa eine Viertelstunde Zeit, bis der Hai wieder zu sich kommt. Seien Sie dennoch vorsichtig: Nicht alle Haiarten reagieren auf die gleiche Weise. Tigerhaie zum Beispiel sprechen am ehesten auf eine sanfte Massage um die Augen herum an. Dem Haiexperten Michael Rutzen zufolge ist es ganz ähnlich wie beim Angeln von Forellen (auch diese fallen durch einminütiges Bauchkitzeln in ein Art Trance): »Alles, was man tun muss, ist, seinen eigenen Bereich zu verteidigen und Ruhe zu bewahren.«

Trotz alledem gilt: Entspannen Sie sich. Haie greifen so gut wie nie Menschen an. Unfallzahlen aller US-Küstenstaaten zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, tödlich von einem Blitz getroffen zu werden, 76-mal höher liegt als die, von einem Hai getötet zu werden.

Töten Murmeltiere Menschen?

Ja, sie husten sie zu Tode.

Murmeltiere sind gutmütige, dickbäuchige Angehörige der Erdhörnchen-Familie. Sie sind in etwa so groß wie eine Katze und stoßen bei Gefahr hohe Quietschlaute aus. Weniger sympathisch ist die Tatsache, dass sich die in der mongolischen Steppe beheimatete Unterart Marmota bobak (auch »Steppenmurmeltier«) besonders anfällig für eine vom Bakterium Yersinia pestis verursachte Lungeninfektion zeigt – eine Krankheit, die man auch unter dem unschönen Namen Beulenpest kennt.

Und diese Krankheit verbreiten die Tiere enorm großzügig, indem sie alle in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft anhusten: Flöhe, Ratten und schlussendlich auch Menschen. Sämtliche großen Pestwellen, die sich stets über Ostasien nach Europa ausbreiteten, gingen auf hustende mongolische Murmeltiere zurück. Die geschätzte Opferzahl liegt bei über einer Milliarde, was dem Murmeltier Platz zwei unter den gefährlichsten Menschenkillern des Tierreichs beschert – einzig übertroffen von der Malariamücke.

Erkranken Murmeltiere und Menschen an dieser Pestform, schwellen die Lymphknoten unter den Achselhöhlen und in der Leiste stark an und verfärben sich schwarz. (Diese beulenartigen Geschwüre geben der Krankheit ihren Namen.) Mongolen essen niemals die Achseln von Murmeltieren, da sie »die Seele eines toten Jägers in sich tragen«.

Andere Teile des Murmeltiers gelten in der Mongolei jedoch als Delikatesse. Um sie anzulocken, bedienen sich die Jäger einer Reihe komplexer Riten, darunter zeremonielle Tänze sowie das Tragen falscher Hasenohren oder eines Yakschwanzes. Die erbeuteten Murmeltiere werden dann im Ganzen über einer Glut aus heißen Steinen gegrillt. In Europa schätzt man das Fett des Alpenmurmeltiers als Heilmittel gegen Rheuma.

Zur Familie der Murmeltiere gehören auch der nordamerikanische Präriehund sowie das Waldmurmeltier, englisch groundhog genannt. Der Groundhog Day (»Murmeltiertag«) wird alljährlich am 2. Februar in Gobblers Knob, Pennsylvania, begangen. Die Hauptrolle spielt ein Murmeltier namens Punxsutawney Phil: Dabei wird Phil von befrackten »Hütern« aus seinem elektrisch beheizten Bau gezogen und gefragt, ob er seinen Schatten sehe. Flüstert er »Ja«, dauert der Winter weitere sechs Wochen an. Seit 1887 hat sich Phil nicht mehr geirrt.

Die Beulenpest ist bis heute noch nicht vollständig ausgerottet – zum letzten größeren Ausbruch kam es 1994 in Indien. Neben hämorrhagischen Fiebern (wie Lassa oder Ebola) ist die Pest in Deutschland noch immer die einzige quarantänepflichtige Krankheit.

Welches Tier hat die meisten Menschenleben gerettet?

Nein, es ist weder der treu ergebene Hund noch das loyale Pferd oder die mutige Brieftaube, sondern die älteste lebende Spezies des Planeten: der Pfeilschwanzkrebs.

Wenn Sie beim Arzt je eine Spritze bekommen haben, dann verdanken Sie Ihr Leben sehr wahrscheinlich der nordamerikanischen Art des Limulus polyphemus. Ein Extrakt seines Blutes, Limulus-Amöbocyten-Lysat (LAL), wird in der Pharmaindustrie verwendet, um Medikamente, Impfstoffe und medizinische Apparate wie künstliche Nieren auf Verunreinigungen mit gefährlichen Keimen zu testen. Kein anderer Test ist so einfach und zuverlässig.

Pfeilschwanzkrebse leben in flachen Küstengewässern, die oft sehr verschmutzt sind. Ein Liter Meerwasser kann dort bis zu 1000 Milliarden giftige Bakterien enthalten. Pfeilschwanzkrebse verfügen über kein Immunsystem und können somit auch keine Antikörper gegen Infektionen bilden. Stattdessen birgt ihr Blut einen wundersamen Inhaltsstoff, der Bakterien und Viren außer Gefecht setzt, indem er um sie herum gerinnt. Genau dieser wird zur Produktion von LAL benötigt. Um herauszufinden, ob irgendetwas, das für medizinische Zwecke verwendet werden soll, kontaminiert ist, muss man es nur mit LAL in Berührung bringen: Gerinnt es nicht, ist es in Ordnung.

Im Gegensatz zum Menschen enthält das Blut des Pfeilschwanzkrebses kein Haemoglobin, das Eisen als Sauerstoffträger verwendet. Stattdessen findet sich darin kupferhaltiges Haemocyanin: Deshalb ist ihr Blut blau. Ein Liter davon kostet rund 15000 Dollar.

Um LAL zu gewinnen, werden Pfeilschwanzkrebse für gewöhnlich zur Blutabnahme gefangen und nur selten getötet. Von kleinen Booten aus sammelt man wöchentlich bis zu 1000 Tiere mit Muschelrechen ein und bringt sie lebend ins Labor. Obwohl man ihnen 30 Prozent ihres Blutes abnimmt, erholen sie sich rasch, sobald sie wieder im Wasser sind. Die Entnahme erfolgt einmal jährlich, ihr Blut wird gefriergetrocknet und in die ganze Welt verkauft.

Pfeilschwanzkrebse sind eigentlich gar keine Krebse. Sie zählen noch nicht einmal zu den Krebstieren. Näher verwandt mit Zecken, Skorpionen und Spinnen, sind sie die letzte lebende Familie der einst weitverbreiteten, fossilen Schwertschwänze (Xiphosura) und krabbeln seit dem Ordovizium vor 445 Millionen Jahren unverändert an der amerikanischen Atlantikküste und den Küsten Südostasiens herum. Das sind 75 Prozent der gesamten Zeit, in der es überhaupt tierisches Leben auf der Erde gibt – und rund 200 Millionen Jahre vor den Dinosauriern. Nicht schlecht für ein Tier, das aussieht wie eine extravagante Computermaus oder ein kleiner Blechhelm.

Dass sie so lange überlebt haben, verdanken sie wohl auch ihrem glatten, gewölbten Panzer. Aufgrund seiner Form gelingt es Räubern kaum, sie umzudrehen, um an ihre weiche Unterseite zu gelangen, wenn auch die amerikanischen Ureinwohner die Panzer gern als Schöpfeimer benutzten, um Wasser aus ihren Kanus zu befördern.

Abgesehen von ihrem außergewöhnlichen Blut – mit dessen Hilfe sich, wie man heute weiß, auch Meningitis und Krebs diagnostizieren lassen – können Pfeilschwanzkrebse extremer Hitze und Kälte standhalten und ein ganzes Jahr ohne Nahrung auskommen. Außerdem haben sie zehn Augen – was recht seltsam anmutet, da Polyphem, der Riese aus der griechischen Sage – benannt nach dem Limulus polyhemus –, nur ein einziges Auge besaß.

Wie sterben Lemminge?

Nicht durch Massenselbstmord, falls Ihnen das gerade auf der Zunge lag.

Die Idee mit dem Selbstmord geht womöglich auf einige Naturforscher des 19. Jahrhunderts zurück, die den in großen Auf- und Abschwüngen verlaufenen Populationszyklus des norwegischen Berglemmings (Lemmus lemmus) beobachteten – aber anscheinend nicht verstanden.

Die Reproduktionsfähigkeit der Lemminge ist erstaunlich. Ein einziges Weibchen kann im Jahr bis zu 80 Junge zur Welt bringen. Weil ihre Zahlen oft so schlagartig anwuchsen, dachten viele Skandinavier einst, ihre Vermehrung würde spontan vom Wetter verursacht.

In Wahrheit haben milde Winter oft eine Überpopulation zur Folge, was wiederum zur Überweidung ihrer Futterplätze führt. Auf der Suche nach Nahrung begeben sie sich auf unbekanntes Terrain, bis sie in Scharen auf natürliche Hindernisse wie Klippen, Seen oder Meere stoßen. Doch von hinten strömen immer mehr Tiere herbei. Gedränge und Panik sind die Folge – und Unfälle unvermeidlich. Aber mit Selbstmord hat das nichts zu tun.

Ein zweiter hartnäckiger Mythos besagt, die ganze Geschichte mit dem Massensuizid sei eine Erfindung des Disney-Films Weiße Wildnis von 1958. Gewiss, der gesamte Film war ein Riesenschwindel. Gefilmt wurde im kanadischen Alberta, wo es weder eine Küste noch irgendwelche Lemminge gab: Diese mussten folglich aus dem etliche hundert Kilometer entfernten Manitoba herbeigekarrt werden.

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