Logo weiterlesen.de
Denkschrift über Dr. Robert Kempner

Professor Bernhard Armin Schäfer

Denkschrift über Dr. Robert Kempner

anlässlich 1700 Jahre jüdischen Lebens in Deutschland 2021 sowie anlässlich des 150. Geburtstages von Frau Prof. Lydia Rabinowitsch-Kempner am 22. August 2021 sowie anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher am 01. Oktober 2021

Inhaltsverzeichnis

Über diese Denkschrift, eine Vorbemerkung

Einführung

I. Prolog sowie Retrospektive zugleich

II. Eine Auswahl von Gratulationsschriften anlässlich des 90. Geburtstages von Dr. Robert Kempner

1. Nothilfe Birgitta Wolf e.V.

2. Prof. Dr. Peter Steinbach

3. Hermann Bohle

4. Dr. Hans-Jürgen Döscher

5. Dr. Alfred Emmerlich

6. Hans-Eberhard Klein

7. Curt Riess

8. Dr. Jürgen Schmude

III. Aufbau der Denkschrift, Gliederung

IV. Herkunft, Kindheit und Jugend

V. Ausbildung, früher beruflicher Werdegang und Emigration
(Die geplante Anklage gegen Hitler wegen Hochverrates sowie das geplante Verbot der NSDAP; „Justizdämmerung“, eine Denkschrift Robert Kempners)

VI. Exkurs: Die Situation der Europäischen Emigranten nach 1935

VII. Tätigkeiten in den USA sowie Rückkehr nach Europa

VIII. Der Nürnberger Prozess

Anklagepunkt Angriffskrieg

Anklagepunkt Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Morde an Kriegsgefangenen, an Juden und an der Zivilbevölkerung)

IX. Das sog. „Wannseeprotokoll“ als Beweismittel im Wilhelmstrassen-Prozess

X. Das Auffinden des „Wannseeprotokolls“

XI. Die Zusammenfassung zwölf weiterer geplanter Prozesse aufgrund Anordnung vom Frühjahr 1947

XII. Der „Wilhelmstraßenprozess“

Einführung sowie Details zur Prozessvorbereitung

Zum Umfang sowie zum Ablauf des Prozesses

XIII. Der SS-Einsatzgruppen-Prozess

XIV. Der Prozess gegen Adolf Eichmann

XV. Die SS-Angeklagten im Frankfurter Auschwitz-Prozess (Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer1 Die Rechtsfortbildung im engeren Sinne)2

XVI. Spätere berufliche Tätigkeiten

XVII. Die deutsche Öffentlichkeit und deren Wahrnehmung der IMT-Folgeprozesse

XVIII. Das „Gnadenfieber“3

XIX. „Wo sind die Verbrecher?“4

XX. „Die Bestrafung der Regierungschefs“5

XXI. Die Rechtsfortbildung im weiteren Sinne

XXII. Schlusswort

XXIII. Der Verfasser der Denkschrift

XXIV. Danksagung

XXV. Literaturverzeichnis, Periodika sowie Rechtsprechungsübersicht (auszugsweise)

1 siehe auch Kapitel „Schlusswort“ und „Rechtsfortbildung im weiteren Sinne“.

2 wie vor.

3 Originalüberschrift aus „Ankläger einer Epoche“, Detailangaben im Text.

4 wie vor.

5 wie vor.

Über diese Denkschrift, eine Vorbemerkung

Das 1700-jährige Jubiläum jüdischen Lebens in Deutschland gibt einen besonderen Anlass, sich an das Leben und Wirken Robert Kempners zu erinnern, trat er doch, seit Beginn seiner beruflichen Tätigkeit als Jurist in der Weimarer Republik sowie während seiner gesamten Lebenszeit wie kaum ein anderer Deutscher jüdischen Glaubens gegen Antisemitismus, für Menschenrechte und Demokratie ein.

Da die Ereignisse der letzten Jahre aber auch eine deutliche Zunahme rechtsstaatfeindlicher sowie antisemitischer Tendenzen zeigen, soll mittels dieser Denkschrift, unter Rückbesinnung auf das Leben und Wirken Robert Kempners, eine seiner zentralen Mahnungen in Erinnerung gerufen werden, die uns, gerade heute mehr denn je, eigener Ansporn sein sollte:

"Ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit"6

Simon Wiesenthal7 gratulierte Dr. Kempner anlässlich dessen 90. Geburtstages am 17. Oktober 1989 u.a. mit den Worten:

… „Ich habe noch heute Ihr Bild vor Augen, als ich - ich glaube, es war Anfang 1947 - das erste Mal zu Ihnen kam, um über den „Buchhalter des Todes“, Adolf Eichmann zu sprechen. Es gab in Nürnberg sicher viele Menschen, die sich ihrer historischen Mission durchaus bewusst waren und sich ehrlich darum bemühten, ihre Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen, aber Sie, sehr verehrter Herr Professor Kempner, haben sie alle durch Ihr umfassendes Wissen und die klare Übersicht der geschichtlichen Ereignisse überragt. …

… Sie gehören zu den großen Persönlichkeiten dieser Epoche, die sich durch diese Ereignisse nicht haben beirren lassen, die sich nicht geschlagen gaben oder einer einmal gewählten Mission untreu wurden - in dieser Haltung waren Sie für mich Vorbild. Natürlich wusste ich, dass Sie zum Unterschied von mir - schon zu einer Zeit, bevor Hitler an die Macht gekommen war, das Böse in seiner Gestalt und seine Absichten erkannt haben und auch alles versuchten, um ihn von der Macht fernzuhalten. Sie haben schon sehr früh erkannt, dass Hitler und Krieg und Verbrechen Synonyme sind. …

… Ich rechne es mir zur Ehre an, dass wir beide im Laufe der Jahre von den Alt- und Neonazis stets angegriffen wurden und ich bin stolz darauf, mit Ihnen zusammen auf der Liste derer zu stehen, die sie gehasst, aber auch gefürchtet haben. Nach all den vielen Jahren weiß ich, dass Sie durch Ihre Ideen das Demokratieverständnis in der Bundesrepublik beeinflusst haben und dass Sie einen wesentlichen Anteil daran haben, dass es heute Grundlagen für das andere Deutschland gibt. „8

Neben der deutlichen Zunahme gegenwärtiger antisemitischer Tendenzen in Teilen der Gesellschaft beobachten wir seit dem Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 eine weitere rechtsstaatsfeindliche Tendenz im gesellschaftlichen und politischen Diskurs.

So wurde in diesem Zusammenhang das neue Gebäude des Robert-Koch-Institutes in Berlin am 25. Oktober 2020 Ziel eines Brandanschlages. Dr. Robert Kempner, das Patenkind 9 von Prof. Dr. Robert Koch, hätte hierfür deutliche Worte gefunden.

Wir sollten uns daher an Dr. Kempner nicht nur erinnern, sondern den Versuch unternehmen, es ihm nachzutun, nämlich für Demokratie und Menschenrechte im Allgemeinen sowie gegen Antisemitismus im Besonderen aktiv einzutreten.

In der Einführung seines Buches „Ankläger einer Epoche“ 10 aus dem Jahr 1983 führte Dr. Kempner aus:

„Dieses Buch ist das Resultat eines Lebens so alt wie dieses Jahrhundert.

Den Nachgeborenen diese Epoche zu erklären, ist eine fast unlösbare Aufgabe.“

Die vorliegende Denkschrift soll ihren Teil dazu beitragen, sich im Sinne von Dr. Kempner dieser Epoche zu erinnern und sie den Nachgeborenen rechtshistorisch zu erklären.

6 Kempner-Ausstellung: “Ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit“; Marietta Fuhrmann-Koch, Stabsstelle Kommunikation und Marketing; Universität Osnabrück: „Er verkörpert ein ungewöhnliches Juristenleben, kämpfte früh gegen Hitler und die NSDAP, wurde von den Nationalsozialisten verhaftet, musste ins Ausland fliehen, spielte nach Kriegsende eine wichtige Rolle bei den Nürnberger Prozessen und setzte sich auch in der Folgezeit für die Bestrafung der Täter aus der NS-Zeit ein: Mit dem Leben und Werk Robert Kempners (1899 - 1993), der 1986 mit der Ehrendoktorwürde der Universität Osnabrück ausgezeichnet wurde, beschäftigt sich jetzt eine Ausstellung mit dem Titel "Ewige Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit", die die Universitätsbibliothek Osnabrück vom 1. bis 31. Juli 1998 zeigt. Pressemitteilung Osnabrück, 26. Juni 1998 / Nr. 101/98“.

7Simon Wiesenthal (geb. am 31. Dezember 1908 in Buczacz, Galizien, Österreich-Ungarn, heute Butschatsch, Ukraine – gest. am 20. September 2005 in Wien, Österreich) war ein österreichisch-jüdischer Überlebender des Holocausts. Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Mauthausen im Mai 1945 machte Simon Wiesenthal die „Suche nach Gerechtigkeit für Millionen unschuldig Ermordeter“ zu seiner Lebensaufgabe. Dadurch wurde er zu einem Zeitzeugen des Holocausts, der weltweit nach Tätern aus der Zeit des Nationalsozialismus forschte, um sie einem juristischen Verfahren zuzuführen. Er gründete das Dokumentationszentrum Jüdische Historische Dokumentation in Linz und später das Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes in Wien. 1977 wurde das nach ihm benannte Simon Wiesenthal Center mit Hauptsitz in Los Angeles gegründet. Ziel des Zentrums war und ist es bis heute, flüchtige Kriegsverbrecher und Nazis zu verfolgen. Inzwischen sind weitere Institute in New York, Miami, Toronto, Jerusalem, Paris und Buenos Aires gegründet worden.

8„Gratulationen zum 90. Geburtstag von Robert M.W. Kempner“; Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, D-5300 Bonn 2, 1989; Simon Wiesenthal, Seite 236 bis 238; Brief vom 13. Juni 1989.

9 Die Eltern von Dr. Robert Kempner hatten sich am Robert-Koch-Institut in Berlin kennengelernt und pflegten zu Prof. Dr. Robert Koch eine enge berufliche Beziehung sowie private Freundschaft. Der Mutter von Dr. Robert Kempner, Frau Lydia Rabinowitsch-Kempner (russischdeutsche Mikrobiologin), geb. am 22.08.1871 in Kaunas, Litauen, wurde als zweiter Frau in Preußen und als erster Frau in Berlin der Professorentitel verliehen; siehe „Ankläger einer Epoche“, Robert M.W. Kempner in Zusammenarbeit mit Jörg Friedrich, Ullstein, 1983, sowie ausführlich im hiesigen Kapitel „Kindheit und Jugend“.

10 Robert M. W. Kempner und Jörg Friedrich, „Ankläger einer Epoche“, Lebenserinnerung, Ullstein 1983, Einführung vor dem Inhaltsverzeichnis.

Einführung

Es gibt nur sehr wenige deutsche Juristen bzw. Strafrechtler des 20. Jahrhunderts, welche, so wie Dr. Kempner, die historische Spanne vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland nicht nur erlebt sowie beruflich durchlebt haben, sondern darüber hinaus auch einen maßgeblichen Anteil daran hatten, die Zeit deutscher Geschichte zwischen 1933 und 1945 ihrer juristischen Aufarbeitung zuzuführen, teilweise jedoch einhergehend mit persönlichen Anfeindungen durch die seinerzeitige Öffentlichkeit und Teile der Presse.11 Aufgrund dieser juristischen Aufarbeitung der Verbrechen des sogenannten „Dritten Reiches“ erfolgten in der jungen Bundesrepublik aber auch umfassende gesellschaftliche sowie gesellschaftspolitische Veränderungen mit der Folge, dass sich nach den dunklen Jahren deutscher Geschichte wieder eine „hauchdünne Schicht Demokratie“ entwickeln konnte.12

Der heute weitgehend in Vergessenheit geratene Dr. Kempner war nach dem Studium der Rechtswissenschaften sowie Referendariat und Assessorexamen in Berlin von 1928 bis 1933 Justiziar in der Polizeiabteilung, Regierungsrat und Oberregierungsrat im Preußischen Innenministerium, außerdem Dozent der deutschen Hochschule für Politik und des Preußischen Institutes sowie juristischer Mitarbeiter des Ullstein-Verlags. 1933 wurde er durch Hermann Göring entlassen und 1938 ausgebürgert. 1934 bis 1935 arbeitete er als Auswanderungsberater und kam am 12. März 1935 in Gestapohaft.13 Seine Familie bewirkte dessen Haftentlassung mit Hilfe der Mutter Dr. Kempners, Prof. Lydia Rabinowitsch-Kemper, unter Hilfestellung des mit ihr befreundeten Ferdinand Sauerbruch. Dr. Kempner wurde auf Geheiß von Adolf Hitler persönlich freigelassen, weil sich die Schweiz, mit der Hitler nicht durch diese Gefangennahme in Konflikt geraten wollte, für Dr. Kempner und einige andere Gefangenen einsetzte.14

Dr. Kemper emigrierte 1935 nach Italien sowie 1939 über Frankreich in die USA, wo er zunächst an der Universität Pennsylvania in Philadelphia arbeitete. Später war er Sonderbeauftragter für internationales Recht und europäische Staats- sowie Verwaltungskunde am US-Justiz- und Kriegsministerium.1516 1945 kehrte er nach Europa zurück und war seitdem zunächst als stellvertretender Hauptankläger der Vereinigten Staaten beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher sowie hiernach als Chefankläger im sogenannten Wilhelmstraßenprozess gegen Beamte des Auswärtigen Amtes tätig. Dr. Kempner ließ sich 1951 in Frankfurt am Main als Rechtsanwalt nieder,17 wo ihn der Verfasser, als zeitgeschichtlich interessierter Student der Rechtswissenschaften, im Jahr 1986 kennenlernte.

Ein weiterer bedeutender deutscher Jurist, welcher aus nachstehend aufgezeigten Gründen in dieser Denkschrift Erwähnung findet, war Dr. Fritz Bauer 18, zuletzt Generalstaatsanwalt in Frankfurt am Main. Beiden Juristen, Dr. Kempner sowie Dr. Bauer, war gemeinsam, dass sie ihre berufliche Karriere in der Zeit der Weimarer Republik begannen, nach 1933 aufgrund ihres jüdischen Glaubens Deutschland verlassen mussten und nach Kriegsende nach Deutschland zurückkehrten, um mit der Wahrnehmung ihrer sich selbst auferlegten Pflichten und Aufgaben für das noch junge Deutschland den „Stein der Demokratie sowie die vorbehaltlose Achtung der Menschenrechte anzustoßen.“

Dr. Kempner starb hochbetagt am 15. August 1993 in Königstein im Taunus, Dr. Bauer überraschend am 01. Juli 1968 19 in Frankfurt am Main.

Gerade weil die vorliegende Denkschrift die Person Dr. Kempners vorstellt sowie dessen berufliches Wirken aufzeigt, u.a. während der Nürnberger Prozesse, muss dem interessierten Leser auch ein weiterer, sehr bedeutsamer Strafprozess bundesdeutscher Justizgeschichte in Erinnerung gerufen werden, um die enge Verbindung zwischen Dr. Kempner und Dr. Bauer zu verstehen. Dr. Bauer gelang es nämlich 1959, die Zuständigkeit seiner Behörde für die Ermittlungen gegen die Auschwitz-Täter zu erlangen. Die Vielfältigkeit und der Umfang seiner pausenlosen Ermittlungstätigkeit lassen sich kaum darstellen. Nicht zuletzt gelang es mit Unterstützung des Internationalen Auschwitz-Komitees, dass 211 Opfer und Überlebende im Frankfurter Auschwitz-Prozess aussagten. Es wurde, zwei Jahre nach dem Eichmann-Prozess, das bis dahin umfangreichste Schwurgerichtsverfahren in der deutschen Justizgeschichte.20 Verurteilt wurden zwanzig Auschwitz-Täter, die, so ihre Verteidigung, immer und alles nur unter strikten Befehlen ausgeführt haben wollten. „Befehl sei Befehl und Gesetz sei Gesetz“.

Die größte Last nahmen die Überlebenden auf sich, die als Zeugen ihr unermessliches Leid noch einmal aufleben lassen mussten. Zusammen mit den Zeithistorikern, die Bauer als sachverständige Gutachter aufgeboten hatte, wurde ein Totalbild der sogenannten „Endlösung” enthüllt.21

Das Urteil des Schwurgerichtes in Frankfurt/Main fiel unter dem Vorsitz des Richters Hans Hofmeyer22 nach 183 Verhandlungstagen am 20./21. August 1965. Die Zeugenaussagen hatten bei Hofmeyer einen tiefen Eindruck hinterlassen. So schloss er die Urteilsverkündung sichtlich bewegt mit den Worten:

„Es wird wohl mancher unter uns sein, der auf lange Zeit nicht mehr in die frohen und gläubigen Augen eines Kindes sehen kann, ohne dass im Hintergrund und im Geist ihm die hohlen, fragenden und verständnislosen, angsterfüllten Augen der Kinder auftauchen, die dort in Auschwitz ihren letzten Weg gegangen sind.“

„Von jetzt an konnte alle Welt wissen, was Auschwitz war, niemand kann das mehr leugnen,“ so Dr.

Bauer nach der Urteilsverkündung. Keine Person konnte den bei seinem Tod noch als Generalstaatsanwalt tätigen Dr. Bauer in der Justiz ersetzen bzw. an dessen Stelle treten. Auch deshalb geriet Dr. Bauer nach seinem Tod bald in Vergessenheit. Auf der offiziellen Trauerfeier für Dr. Bauer fand Dr. Robert Kempner treffende Worte. Er nannte Bauer prophetisch, erinnerte daran, dass dieser im schwedischen Exil ein Buch über Kriegsverbrechen vor Gericht geschrieben hatte, das in Nürnberg verwendet wurde.

„Zehntausende von Verfolgten in den USA, in Australien, in Kanada, in Südamerika, in Israel und in vielen anderen Ländern der Welt trauern um Fritz Bauer“, sagte Kempner und nannte die Gründe für Bauers manchmal spürbare Resignation:

„Die immer stärker werdende Inadäquatheit der im Verhältnis milden Bestrafung von Massentätern in Mordsachen einerseits und die strenge Bestrafung von Einzeltätern in Mordsachen. Das war etwas, was ihn bedrückte, vielleicht nicht seelisch, aber beruflich.“ „Haben wir uns eigentlich genug um Fritz Bauer gekümmert“, habe er sich gefragt, und Kempners Antwort fiel eindeutig aus:

„Wir hätten gewiss viel, viel mehr für ihn tun können und müssen und ich für meine Person bedaure es heute, dass man Leuten, die gemeinsam gegen ihn waren – und ich sage es ganz offen – dass wir solchen gemeinen politischen Rufmördern nicht links und rechts in die Fresse geschlagen haben.“23

Für Dr. Kempner war Dr. Bauer der Sprecher der Ermordeten, der zu bescheiden war, um zu wissen, dass sein Banner weiter steht. „Er war“, sagte der Ankläger von Nürnberg in seiner Traurede für Fritz Bauer weiter, „der größte Botschafter, den die Bundesrepublik hatte!“

Der Inhalt einer Vielzahl der Berichterstattungen sowie -kommentierungen aus der Zeit der seinerzeitigen Prozesse, welchen Dr. Kempner als Chefankläger vorstand, spiegeln die Meinungen sowie die Meinungsbildungen ihrer Zeit wider.24

Umso interessanter, wenn nicht gar von besonderer historischer Bedeutung, ist die Betrachtung der Zeit zwischen 1945 und 1949 mittels des Studiums der Wahrnehmungen sowie Auffassungen hierzu von Zeitzeugen Dr. Kempners aus dem Jahr 1989, zusammengefasst von der Friedrich-Ebert-Stiftung25 in einer Gratulationsschrift anlässlich des 90. Geburtstages von Dr. Kempner.26

Die in den einzelnen Kapiteln der hiesigen Denkschrift sowie bereits in der Vorbemerkung und auch in der Einleitung auszugsweise Wiedergabe der Inhalte der dort abgebildeten Briefe, soll den interessierten Leser nicht nur in die Lage versetzen, sich ein eigenes Bild über die Person Dr. Kempners sowie sein berufliches Wirken zu machen, sondern auch eine Vorstellung darüber zu erlangen, wie die seinerzeitigen Berichterstattungen über die Prozesse der Jahre 1945 bis 1949, von einer Vielzahl von Zeitzeugen, Jahrzehnte später geschildert, heute wahrgenommen werden sollten. Eines sei hierzu vorweggenommen:

Im Jahr 1989 lag das Kriegsende 44 Jahre zurück, die Zeit der Nürnberger Prozesse war überwiegend nur noch für den Rechtshistoriker sowie Staatsrechtler von Bedeutung. Wie die Gratulanten Dr. Kempners diese damals bereits weit zurückliegende Zeit sowie seine Person und sein Wirken als ehemaligem Chefankläger im Jahr 1989 sahen, muss immer auch vor dem Hintergrund Berücksichtigung finden, dass die Gratulanten ihr eigenes, seinerzeitiges Erleben sowie auch sich selbst reflektierten, da den Schilderungen aus der Vergangenheit denknotwendig immer auch die eigene Biografie und damit die eigene berufliche sowie private Entwicklung zugrunde lag. Aus dem Zusammenfügen all dieser Informationen aus der Gratulationsschrift ergibt sich nicht nur ein authentisches großes Ganzes, sondern auch ein sehr differenziertes Bild von Dr. Kempner und seinem Wirken, da es sich aus 250 Seiten abgebildeter Briefe unterschiedlicher Verfasser zusammensetzt. Lassen wir die Zeitzeugen sprechen:

Helmut Kohl 27 gratulierte Dr. Kempner mit Schreiben vom Juni 1989 (hier auszugsweise) mit folgenden Worten:

… „In Ihrem Lebenswerk verdichtet sich in exemplarischer Weise der Einsatz gegen Unrecht und Gewalt. Als junger Assessor - und später dann als Justiziar der Polizeiabteilung im preußischen Ministerium des Innern - erlebten Sie die Agonie der Weimarer Republik. Ihr juristischer Scharfsinn, gepaart mit unbestechlich demokratischen Grundsätzen, erlaubte es Ihnen, die Symptome des Niedergangs der ersten deutschen Demokratie schon früh richtig zu deuten. Sie zweifelten nie an der Überlegenheit - aber auch an der Schutzbedürftigkeit - einer freiheitlichen Verfassungsordnung. Das war die Grundlage Ihres Engagements für die Republik …

… Wie ernst Sie es meinten mit der Demokratie und ihrer Verteidigung, belegt auf eindrucksvolle Weise ihr Vorschlag aus dem Jahre 1930, HitIer wegen Vorbereitung zum Hochverrat und Meineid unter Anklage zu stellen, ihn des Landes zu verweisen und die NSDAP aufzulösen. Dies geschah in einer Zeit, als viele Verantwortliche wegsahen und sich die erklärten Feinde der Demokratie hoffähig zu machen begannen. …

… Sie haben nicht nur unmittelbar nach 1945 mitgeholfen, die - wie Sie es in Ihren Lebenserinnerungen formulieren - "furchtbaren Steine auf dem Wege zu einem neuen Staate zu beseitigen", sondern sich auch in Ihrem weiteren Wirken, durch Ihr Engagement für Wiedergutmachung und durch Ihre Vermittlung zwischen der jungen Bundesrepublik Deutschland und dem Staate Israel bleibende Verdienste um unser Land erworben. Ihrem Einsatz für die zweite deutsche Demokratie gilt unser besonderer Dank.“28

Willy Brandt 29 schrieb in seiner Gratulation an Dr. Kempner zu dessen 90. Geburtstag (ebenfalls hier auszugsweise):

„Seither habe ich mit Hochachtung verfolgt, wie Sie, der einst aus Deutschland Vertriebene, daran mitgewirkt haben, die Trümmer der Nazi-Herrschaft wegzuräumen, über die allzu rasch der Mantel des Vergessens gebreitet werden sollte. Dennoch war die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bitter nötig, damit dieses Land seine Identität wiederfinden und den Weg zurück in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker tun konnte. Mehr als andere, die sich wie Sie um das geschichtliche Erbe kümmern, das auszuschlagen keinem von uns möglich ist, waren Sie Anfeindungen und Verleumdungen ausgesetzt. Dies hat sie nicht entmutigt, und ich möchte Sie bestärken, soweit es Ihre Kräfte gestatten, daran weiter mitzuwirken, damit reaktionäres Verhalten aus braunem Ungeist bei uns keine Chance mehr hat.“ 30

Wenige Tag vor seinem eigenen Tod gratulierte Herr Prof. Dr. Martin Broszat 31 Herrn Dr. Kempner zu dessen 90. Geburtstag mit den Worten (ebenfalls hier auszugsweise):

… „den fälschlich Totgesagten - so weiß es der Volksmund - ist ein langes und glückliches Leben beschieden. Am 25. März 1935 veröffentlichten die Schweizer Blätter folgende Mitteilung: „Dr. Robert Maximilian Wasilii Kempner, der ehemalige Rechtsberater der preußischen Polizei bis zum Jahre 1933, ist von der Gestapo als ein Feind der Hitlerregierung hingerichtet worden." So jedenfalls berichtet die Neue Zeitung vom 4. Februar 1946 in einer biographischen Skizze über „Die zwei Leben des Dr. Robert Kempner". Das Institut für Zeitgeschichte wünscht lhnen, dass sich die erwähnte Spruch weisheit auch weiterhinauf auf das Beste bewahrheiten möge.

Wenn ich aus Anlass dieses Geburtstagsgrußes allein in der stattlichen Pressedokumentation blättere, die in unserem Archiv über Robert M. W. Kempner zu finden ist (ganz zu schweigen von den zahllosen „Nürnberger Dokumenten", die mit Ihrem Namen verbunden sind), entfaltet sich eine Chronik deutscher Zeitgeschichte - mit ihren grausamen und mit ihren hoffnungsvollen Perspektiven. Zu den erschreckenden Seiten zähle ich jene Pressekampagne, die sich Anfang der fünfziger Jahre gegen den „höchst fragwürdigen Mr. Kempner" und die „unheilvolle Tätigkeit des ehemaligen Anklägers von Nürnberg" richtete. „Versuchen Sie nicht noch einmal, in Deutschland zu erscheinen", kommentierte am 9. August 1950 der Düsseldorfer Mittag. „Vergessen Sie nicht: Wir schreiben heute das Jahr 1950 und nicht 1945 oder 1946. Der damalige Ankläger imponiert uns heute nicht mehr … Ein Billet auf einem Dampfer 3. Klasse zurück nach Amerika ist billig. Das Bleiben kann sehr teuer werden." … Ja, Optimismus, Mut und Vertrauen in die Vernunftfähigkeit der Deutschen gehörten damals wohl zu den wichtigsten Voraussetzungen, um sich in diesem psychisch und intellektuell so schwer beschädigten Land mit dem nationalsozialistischen Erbe auseinanderzusetzen.“ … 32

11DIE ZEIT; „Der angeklagte Ankläger“, 17. Juni 1948.

12 EINE »SPIEGEL« - SEITE FÜR ROBERT M. W. KEMPNER; Von Robert M. W. Kempner, 21.08.1948
„Was die Besucher am meisten beeindruckte? "Die Fairness des Verfahrens", so erklärten sie übereinstimmend, und der Reichtum an historischem und psychologischem Material, so bedeutsam für die Lösung des deutschen Problems." "Es ist in Wirklichkeit alles so völlig anders, als wir gehört oder gelesen haben", erklärte der Generalsekretär der Liga für Menschenrechte, Kurt Großmann. "Ich habe niemals ein Gericht gesehen, in dem die Menschenrechte der Angeklagten so peinlich beachtet werden wie im Wilhelmstraßenprozess".

13Dr. Katharina Graffmann-Weschke, Inaugural-Dissertation über die Mutter von Dr. Robert Kempner;
„Lydia Rabinowitsch-Kempner (1871 – 1935), Leben und Werk einer der führenden Persönlichkeiten der Tuberkuloseforschung am Anfang des 20. Jahrhunderts“, Forschung und Wissen, GCA-Verlag, 1997, Aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin; Seite 66, Rn. 238.

14 wie vor, Seite 135 m. w. N.

15 wie vor, Seite 66, Rn. 238.

16 siehe hier Kapitel „Ausbildung, früher beruflicher Werdegang und Emigration“.

17 Als Rechtsanwalt beschäftigte sich Dr. Kempner in einer Vielzahl von Prozessen mit der NS-Zeit, in denen er als Nebenklägervertreter für die Bestrafung der Täter eintrat. Mit Hilfe von Zivilprozessen erstritt er Entschädigungen für Opfer des Nationalsozialismus. Unter anderem vertrat er den Bruder des wegen des Reichstagsbrandes zum Tode verurteilten Marinus van der Lubbe im Wiederaufnahmeverfahren. Im Eichmann-Prozess unterstützte er Anfang der 1960er Jahre die israelischen Ankläger beim Sammeln von Beweismaterial gegen Adolf Eichmann.

18 „Fritz Bauer war meines Erachtens der bisher bedeutendste Generalstaatsanwalt der Bundesrepublik Deutschland.“ Zunächst übte er dieses Amt ab 1950 in Braunschweig aus – wo die Generalstaatsanwaltschaft seit dem 12. September 2012 am Fritz-Bauer-Platz gelegen ist – und dann ab 1956 bis zu seinem Tod in Frankfurt am Main; Prof. Dr. Erardo C. Rautenberg, „Die Bedeutung des Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer für die Auseinandersetzung mit dem NS-Unrecht; Forschungsjournal Soziale Bewegungen, Pressetexte zu Heft 4/2015, Seite 2, dritter Absatz, m. w. N.

19 die Todesumstände des Generalstaatsanwalts Dr. Fritz Bauer sind bis heute umstritten; siehe hierzu wie vor, Seite 15 bis 18.

20BUXUS STIFTUNG gemeinnützige GmbH, Murnauer Straße 2, D-82438 Eschenlohe;
„Gedenken an Fritz Bauer, In Memoriam Dr. Fritz Bauer“; „Sein Tod ist der schmerzlichste Verlust, den das deutsche Rechtsleben nach dem Kriege getroffen hat.“ – Richard Schmid; m. w. N, so vgl. den umfassenden Katalog über die erste große Ausstellung über den Auschwitz-Prozess mit zahleichen Aufsätzen: Irmtrud Wojak (Hg.), Auschwitz-Prozess. 4 Ks 2/63. Frankfurt am Main; Köln: Snoeck, 2004.

21 wie vor, m. w. N, so Helmut Krausnick, Martin Broszat und Hans Buchheim erstellten am Institut für Zeitgeschichte vier der Expertisen, vgl. Hans Buchheim, Martin Broszat, Hans-Adolf Jacobsen, Helmut Krausnick (Hg.), Anatomie des SS-Staates. Bd. 1 und Bd. 2. Olten und Freiburg im Breisgau: dtv, 1965.

22Hans Hofmeyer (* 12. April 1904 in Offenbach am Main; † 28. August 1992 in Bad Vilbel) war ein deutscher Jurist. Er leitete den Ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main.

23 siehe BUXUS STIFTUNG gemeinnützige GmbH, Fn. 15 und 16, m. w. N., so auch Robert M. W. Kempner (Trauerrede), in: Hessisches Ministerium der Justiz (Hg.), Fritz Bauer. Eine Denkschrift. Wiesbaden 1993, Seite 23 bis 26, hier Seite 25.

24 zusammengefasst in „Das Amt und die Vergangenheit“; Conze, Frei, Hayes, Zimmermann; Pantheon, 1. Auflage 2012, u.a. Seite 421 bis 439 m. w. N.

25Die Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. (FES) ist die größte und älteste sogenannte parteinahe Stiftung in Deutschland und steht der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) nahe. Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist gemäß Bundesverband Deutscher Stiftungen mit 194,6 Millionen Euro Gesamtausgaben im Jahre 2018 die finanzkräftigste aller deutschen Politischen Stiftungen. Sie ist wie die meisten anderen Politischen Stiftungen rein rechtlich und auch wirtschaftlich keine Stiftung, sondern ein eingetragener Verein mit Sitz ist Bonn; in Berlin unterhält sie eine Außenstelle. Der Vorsitzende der Geschäftsleitung der Friedrich-Ebert-Stiftung ist Herr Abgeordneter des Deutschen Bundestages Martin Schulz.
Friedrich Ebert (* 4. Februar 1871 in Heidelberg; † 28. Februar 1925 in Berlin) war ein deutscher Sozialdemokrat und Politiker. Er war von 1913 bis 1919 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und von 1919 bis zu seinem Tode 1925 erster Reichspräsident der Weimarer Republik.
Nach dem Tod August Bebels wurde Ebert neben Hugo Haase zum Vorsitzenden der angesichts des drohenden Krieges zerstrittenen SPD gewählt. Während des Krieges vertrat er nachdrücklich und bis zum Schluss die Politik der „Vaterlandsverteidigung“ und des innenpolitischen Stillhaltens (Burgfriedenspolitik) gegen jene Sozialdemokraten, die diese Politik ablehnten. In der Novemberrevolution 1918 übernahmen seine Partei sowie die von ihr abgespaltene USPD die Regierung. Die Weimarer Nationalversammlung wählte Friedrich Ebert am 11. Februar 1919 zum ersten Reichspräsidenten. In den Jahren 1919 bis 1923 ließ Friedrich Ebert mehrere Aufstände von revolutionären Sozialisten mit Waffengewalt niederschlagen. Auch gegen Putschversuche von rechts ging er 1920 und 1923 entschieden vor. Ansonsten trat er als ein Politiker des Interessenausgleichs auf. Sein früher Tod mit 54 Jahren und die darauffolgende Wahl des monarchistisch gesinnten Paul von Hindenburg an die Staatsspitze stellen eine Zäsur in der Weimarer Republik dar. Kurz nach seinem Tod 1925 wurde die SPDnahe und nach ihm benannte Friedrich-Ebert-Stiftung gegründet.

26„Gratulationen zum 90. Geburtstag von Robert M.W. Kempner“; Friedrich-Ebert-Stiftung, Godesberger Allee 149, D-5300 Bonn 2, 1989 (Eine Herausgabe der Zusammenfassung von Gratulationen einer Vielzahl von Weggefährten bzw. Personen, welche Dr. Kempner überwiegend persönlich kannten).

27Helmut Josef Michael Kohl (* 3. April 1930 in Ludwigshafen am Rhein; † 16. Juni 2017 ebenda) war ein deutscher Politiker der CDU. Er war von 1969 bis 1976 dritter Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz. Er war von 1982 bis 1998 sechster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

28„Gratulationen zum 90. Geburtstag von Robert M.W. Kempner“, Seite 8 bis 10.

29Willy Brandt (* 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm; † 8. Oktober 1992 in Unkel) war von 1969 bis 1974 als Regierungschef einer sozialliberalen Koalition von SPD und FDP der vierte Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Im Exilkreis um Willy Brandt in Schweden verkehrte auch Dr. Fritz Bauer, welcher die „Sozialistische Tribüne“ mitbegründete, nachdem er 1936 nach Dänemark emigriert war und später nach Schweden floh.

30Gratulationen zum 90. Geburtstag von Robert M.W. Kempner“, Seite 27, Willy Brandt, Bundeshaus, Bonn 1.

31Martin Broszat (* 14. August 1926 in Leipzig; † 14. Oktober 1989 in München) war ein deutscher Historiker. Seine Hauptarbeitsgebiete waren die Sozialgeschichte des „Dritten Reiches“ und die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland.

32„Gratulationen zum 90. Geburtstag von Robert M.W. Kempner“, Seite 28 und 29, Prof. Dr. Martin Broszat, Direktor des Institutes für Zeitgeschichte, München.

I. Prolog sowie Retrospektive zugleich

Lassen wir nun zunächst auch den Bedachten zu Wort kommen: 33

„Meine Herren Richter und Geschworenen:

Als ich 1945 wieder nach Deutschland kam, da wurde ich in Frankfurt a.M. in die Gewölbe der früheren Reichsbank geführt. Dort aufgestapelt waren die Goldzähne und Goldplomben, die den Opfern von Auschwitz und anderen Todeslagern ausgebrochen worden waren; da sah ich die goldenen Brillenfassungen der Kinder und Erwachsenen und die ihnen gestohlenen goldenen Uhren. Später erlebte ich als Ankläger eine Vernehmung des SS-Obergruppenführers Oswald Pohl,34 der inzwischen als mörderischer Chef der Konzentrationslager hingerichtet worden ist.

Er erzählte mir in Nürnberg:

„Je mehr Goldzähne, Ringe, Juwelen und Textilien von seinen SS-Leuten aus Auschwitz etc. eingebracht würden, umso mehr Uniformstoffe für die Waffen-SS würde der Reichswirtschaftsminister Walter Funk freigeben.“

Pohl sagte ferner:

„Wir hatten damals - nach der Organisation der Vernichtungslager - ein gemeinsames Mittagessen in der Reichsbank, waren dann in die Gewölbe hinuntergegangen, um die Goldringe, Goldzähne, etc. zu besichtigen.“ Im Nürnberger Dokument PS 4 045 kann jeder Interessierte diese Schilderung nachlesen.

Ich sage Ihnen eines, meine Herren Richter und Geschworenen:

Als ich vor 40 Jahren als Jurist in Berlin begann, da fungierte ich auch gelegentlich als „Leichenrichter.“ Ich musste die Toten bei der gerichtsmedizinischen Obduktion nach Mordtaten oder Unfällen mit ansehen. Man wird als Jurist dabei etwas abgestumpft. Auch im ersten Weltkrieg habe ich manches mitangesehen. Als ich dann selbst nach 1933 von der Gestapo verhaftet wurde, da habe ich noch mehr mit angesehen. Aber nichts hat mich so erschüttert wie diese Zähne, diese Goldzähne, das Produkt dieser hier Angeklagten. Vielleicht waren darunter die Goldfüllungen der Edith Stein,35 vielleicht die der Anne Frank36 und vielleicht die Goldfüllungen der Eltern von manchen, deren Kinder als Überlebende in diesem Gerichtssaal sitzen. Ich habe hier solche Überlebende gesehen.

Diese Goldzähne sind das Ende dieses computerartigen Mordes, bei dem der eine Programmierer war und der andere einen bestimmten Hebel gestellt hat; das ist alles mit verteilten Rollen geschehen: dort in Holland, wo man oben die Meldezettel und die Körper der Juden in den Käfig von Westerbork hineinsteckte und dann schließlich in Auschwitz die Asche herauskam. Die Goldzähne waren schon vorher ausgebrochen worden. Es ist ein ungeheuerlicher Prozess, meine Herren Richter und Geschworenen, den wir zu bewältigen haben, ganz ungewöhnlich, einer der Prozesse, die Weltgeschichte machen: …

… Die Computer-Mordmaschine arbeitete in einem Lande, in dem keine Kriegshandlungen mehr stattfanden und äußerlich Frieden herrschte. Über 70% der jüdischen Bevölkerung - mehr als in jedem anderen besetzten West-Staate - wurden ihre Opfer.37 Als Nebenkläger vertrete ich zwei Gruppen von ihnen, bevollmächtigt durch einzelne Überlebende dieser Gruppen: 38

Jüdische Opfer und die sogenannten nicht-arischen Christen, die sich beide in Auschwitz trafen in einer wahren Ökumene des Todes. Die ganze Welt ist an diesem Prozess interessiert, Deutschland, Rom, Jerusalem, vor allem auch die Niederlande. Die Holländische Botschaft in Bonn ebenso wie die deutsche Botschaft in Den Haag, und die deutschen, holländischen, amerikanischen oder französischen Journalisten sind ebenso interessiert, wie die in Sowjet-Russland und Polen.“ … 39

In der Einleitung zur erweiterten Neuauflage seines Buches „SS im Kreuzverhör, die Elite, die Europa in Scherben brach“, führte Dr. Robert Kempner unter anderem wie folgt aus:

„Als ich vor einem viertel Jahrhundert die erste Auflage dieses Buches vorbereitet habe, lebte noch die Generation, deren Angehörige millionenfach dem „Führer“ und seinen Stellvertretern den erhobenen Arm zum Hitlergruß entgegengestreckt hatten. Es war die Periode der großen Verdrängung.

Die Verurteilten der Nürnberger und anderer Strafprozesse waren bis auf wenige Ausnahmen aus den Gefängnissen entlassen worden, in einem Gnadenfieber, das ihre bezahlten und nicht bezahlten Lobbyisten mit großem Eifer zur Zeit des Kalten Krieges entfacht hatten. Man dachte damals nicht an die Moral, sondern an Wählerstimmen und Zulieferer zur Kriegsindustrie. Erst langsam änderte sich diese Periode. Die zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg war geschaffen. Der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem hatte weltweites Aufsehen erregt.

Die Medien wurden neugierig, zu erfahren, was sich in Wirklichkeit zur NS-Zeit an Verbrechen ereignet hatte. Die Durchführung der 13 Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse war das größte kriminalistische Laboratorium gewesen. Aber ihre Resultate waren keineswegs genügend ausgewertet worden. Außerdem war in der Periode zwischen 1945 und 1950 noch vieles unbekannt, was erst später aus den deutschen Archiven ans Tageslicht kam. Im Jahr 1947 sagte mir Ernst Wilhelm Bohle40, der Gauleiter der Auslandsorganisation der NSDAP (A.O.) in einem Verhör:

„Sie wissen ja noch nicht die Hälfte von den Verbrechen, die während des Dritten Reiches begangen worden sind!“

Wenn man wie ich Gelegenheit hatte, Hunderte von Mördern zu verhören, die Millionen deutsche und ausländische „Untermenschen“ ermordet hatten und in späteren Jahren auch viele überlebende Opfer ausbeuten konnten, so hat man das Panorama des Holocaustal Grauens erfasst. Dem gegenüber schienen die Äußerungen von Fälschern, Märchenerzählern, politischen Kosmetikern, Zeugen vom Hörensagen, Relativisten - je nach Finanzierung, politischer Einstellung, oder Unkenntnis - und Revisionisten unbeachtlich. …

… Ich präsentiere das Protokoll der Wannseekonferenz über die Endlösung der Judenfrage vom 20. Januar 1942 im Wortlaut, das ich bisher in keinem Lehrbuch gefunden habe. Wie der frühere Kommandant von Auschwitz Rudolf Höß seine Vernichtungspflicht sorgfältig ausgeführt hat, zeigt sein Geständnis vor dem IMT (Internationales Militärtribunal).

Und schließlich beweist eine Gegenüberstellung des Oberst Richters Manfred Roeder mit der Witwe des standrechtlich ermordeten Reichsgerichtsrats a. D. Hans von Dohnanyi die Zusammenarbeit von Wehrmacht und SS. …

… Es ist eine große Galerie des Grauens, die die Erweiterung dieses Buches bringt.

Die jetzige Generation ist daran interessiert zu erfahren, wie es wirklich war. Söhne der damaligen Akteure des Dritten Reiches fragen mich häufig:

… „was war denn mein Vater für ein Mann? Ich kenne ihn kaum, er war wenig zu Hause …“

Ich antwortete nach bestem Wissen und Gewissen.“ 41

33Edith Stein und Anne Frank – zwei von Hunderttausend“, Robert M. W. Kempner, Herder-Bücherei, Band 308, 1968, Seite 15 und 16.

34Oswald Ludwig Pohl (* 30. Juni 1892 in Duisburg; † 7. Juni 1951 in Landsberg) war ein deutscher SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Pohl war als Leiter des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes (WVHA) maßgeblich an der Durchführung des Holocausts beteiligt. Als Kriegsverbrecher wurde Pohl während des Nürnberger Prozesses gegen das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS zum Tode verurteilt und 1951 hingerichtet (die ausführliche Biografie erfolgt im hiesigen Kapitel „Der SS-Einsatzgruppen-Prozess“).

35Edith Stein, Ordensname Teresia Benedicta a Cruce OCD, oder Teresia Benedicta vom Kreuz (* 12. Oktober 1891 in Breslau; † 9. August 1942 im KZ Auschwitz-Birkenau), war eine deutsche Philosophin und Frauenrechtlerin jüdischer Herkunft. Edith Stein wurde 1922 durch die Taufe in die katholische Kirche aufgenommen und 1933 Unbeschuhte Karmelitin. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde sie „als Jüdin und Christin“ zum Opfer des Holocaust. Sie wird in der katholischen Kirche als Heilige und Märtyrerin der Kirche verehrt. Teilen der evangelischen Kirche gilt sie als Glaubenszeugin. Papst Johannes Paul II. sprach Teresia Benedicta vom Kreuz am 1. Mai 1987 selig und am 11. Oktober 1998 heilig. Ihr römisch-katholischer und evangelischer Gedenktag ist der 9. August. Sie gilt als Brückenbauerin zwischen Christen und Juden.

36Annelies Marie „Anne“ Frank (* 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main als Anneliese Marie Frank; † Februar oder Anfang März 1945 im KZ Bergen-Belsen) war ein niederländisch-deutsches Mädchen, das 1934 mit seinen Eltern und seiner Schwester Margot in die Niederlande auswanderte, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen, und kurz vor dem Kriegsende dem nationalsozialistischen Holocaust zum Opfer fiel. In den Niederlanden lebte Anne Frank ab Juli 1942 mit ihrer Familie in einem versteckten Hinterhaus in Amsterdam. In diesem Versteck hielt sie ihre Erlebnisse und Gedanken in einem Tagebuch fest, das nach dem Krieg als Tagebuch der Anne Frank von ihrem Vater Otto Frank veröffentlicht wurde. Das Tagebuch gilt als ein historisches Dokument aus der Zeit des Holocaust und die Autorin als Symbolfigur gegen die Unmenschlichkeit des Völkermordes in der Zeit des Nationalsozialismus.

37 Hervorzuheben unter den vielen und häufig namenlosen Opfern ist Prof. Dr. Titus Brandsma O. Carm. (* am 23. Februar 1881 in Oegeklooster bei Bolsward als Anno Sjoerd Brandsma; † 26. Juli 1942 im KZ Dachau), welchem eine überragende Rolle im holländischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zukam. Pater Titus Brandsma war ein niederländisch-friesischer promovierter Philosoph, römisch-katholischer Theologe und Karmelit.
Im Jahr 1955 begann der Seligsprechungsprozess für Pater Titus Brandsma. Am 9. November 1984 sprach Papst Johannes Paul II. Pater Brandsma den sogenannten heroischen Tugendgrad zu, eine Vorstufe zur Seligsprechung und bestätigte, dass er in odium fidei (aus Glaubenshass) getötet wurde. Die Seligsprechung erfolgte am 3. November 1985. Aktueller Postulator ist Giovanna Brizi. Unterstützt wurde der Seligsprechungsprozess durch die in Nijmegen ansässige Titus Brandsma Memorial Vereinigung sowie durch die niederländische Provinz der Karmeliten. Pater Brandsma wird in der katholischen Kirche als Märtyrer verehrt. Sein liturgischer Gedenktag ist der 27. Juli.
Pater Titus Brandsma hatte bereits 1935 scharf gegen die Judenverfolgung in Deutschland geschrieben. Er versuchte in der holländischen katholischen Presse eine einheitliche Front gegen die Drangsalierungen durch die Nazis zu schaffen. Viele Monate ist er von Beamten Wilhelm Harsters (ausführlich dargestellt im hiesigen Kapitel „Die Rechtsfortbildung im weiteren Sinne“), des Befehlshabers der Sicherheitspolizei, beschattet worden, bis sie ihn am 19. Januar 1942 im Kloster Doddendaal verhaftete. In den Berichten des Befehlshabers der Sicherheitspolizei, also Harsters, ist am 27. Januar 1942 folgende Nachricht zu finden: „Am 19.01.1942 wurde der Adviseur des Röm. kath. Journalistenverbandes, Prof. Dr. Titus Brandsma, vorläufig festgenommen. Brandsma ist Ordensgeistlicher aus dem Karmeliterorden und im Hauptberuf Philosophieprofessor an der katholischen Universität Nijmegen. Als maßgeblicher Kleriker im Röm. kath. Journalistenverband in den Niederlanden ist Brandsma einer der Hauptquertreiber gegen eine einheitliche Ausrichtung der katholischen Presse im nat.- soz. und den Erfordernissen der Zeit entsprechenden Sinne (vgl. Lebensgebiete „Presse“). Bei der Durchsuchung der Arbeitsräume des Prof. Brandsma konnten außerordentlich interessante Schriftstücke, darunter zwei Rundschreiben des Erzbischofs von Utrecht an die holl. Bischöfe und an die Direktoren und Hauptschriftleiter der RK Presse, sichergestellt werden, welche wichtige Aufschlüsse geben über Hintergründe und Hintermänner der katholischen Pressepolitik in den Niederlanden. Die drei wichtigsten Schriftstücke werden diesem Lagebericht im Anhang als Anlage 2) beigefügt. Die Ermittlungen im Falle Brandsma sind noch nicht abgeschlossen.“
Pater Titus Brandsma wurde am 19. Juni 1942 nach dem Konzentrationslager Dachau abtransportiert und starb nach schweren Misshandlungen durch eine tödliche Injektion in den Puls (aus „Edith Stein und Anne Frank – zwei von Hunderttausend“, Robert M. W. Kempner, Herder-Bücherei, Band 308, 1968, Seite 137 und 138; „Die Ermordung des Paters Titus Brandsma“.

38 siehe Ausführungen im hiesigen Kapitel „Die Rechtsfortbildung im weiteren Sinne“.

39 Robert M. W. Kempner, „SS im Kreuzverhör“ - „Die Elite, die Europa in Scherben brach“, DELPHI POLITIK, 1987, Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 4, Einleitung zur erweiterten Neuauflage, Seite 202, 203, „Der Appell des Nebenklägers im SS-Prozess“ (Dr. Kempner) im Februar 1967 sowie „Edith Stein und Anne Frank – zwei von Hunderttausend“, Robert M. W. Kempner, Herder-Bücherei, Band 308, 1968, Seite 15 und 16.

40 Ernst Wilhelm Bohle (* 28. Juli 1903 in Bradford, Großbritannien; † 9. November 1960 in Düsseldorf) war von 1933 bis 1945 Leiter der NSDAP/AO, der Auslandsorganisation der NSDAP. Am 11. April 1949 wurde Bohle im Wilhelmstraßenprozess, zu fünf Jahren Haft verurteilt, jedoch schon am 21. Dezember 1949 vom amerikanischen Hochkommissar John Jay McCloy wieder begnadigt. Anschließend war er in Hamburg als Kaufmann tätig. Ernst Wilhelm Bohle gab in der Nachkriegszeit den Anstoß zur Neugründung einer Organisation, die sich für den Ausbau zwischenstaatlicher Wirtschaftsbeziehungen zur Südafrikanischen Union einsetzte. Über verschiedene Zwischenstufen, zu denen ab Anfang 1950 „Südafrikanische Studiengesellschaften“ in Hamburg, München, Stuttgart und Düsseldorf gehörten (der Düsseldorfer Kreis wurde vom ehemaligen „Reichspressechef“ Otto Dietrich geleitet), entstand 1965 wieder die Deutsch-Südafrikanische Gesellschaft (DSAG). Robert Kempner widmete Bohle aus Anlass dessen Todes einen kurzen „Nachruf“. Er hatte Bohle im Kriegsverbrechergefängnis Landsberg bei der Bearbeitung von Gnadengesuchen näher kennengelernt und bezeichnete ihn als einen der wenigen, die ausdrücklich die Untaten von Nazi-Deutschland bereut hatten und um Verzeihung baten.

41 Robert M. W. Kempner, „SS im Kreuzverhör“ - „Die Elite, die Europa in Scherben brach“, DELPHI POLITIK, 1987, Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, Band 4, Einleitung zur erweiterten Neuauflage, Seite 9 und 10.

II. Eine Auswahl von Gratulationsschreiben anlässlich des 90. Geburtstages von Dr. Robert Kempner 42

1. Nothilfe Birgitta Wolf e. V.43

„Beitrag zur Festschrift für Dr. Robert M.W. Kempner 1989“

Als ich in den dreißiger Jahren ganz jung von Schweden nach Deutschland heiratete, musste ich viele neue, deutsche Vokabeln lernen – meine Schulkenntnisse reichten da nicht weit. Die Alltagssprache war schnell gelernt, aber nach ein paar Jahren stieß ich auf ein Wort, das für mich völlig neu und fremd war. Im Schwedischen fand ich kein Synonym dafür, es stand in keinem Lexikon und ich buchstabierte recht hilflos daran herum: „S-i-p-p-e-n-h-a-f-t“… In meiner Umgebung war man seltsam befangen, als ich um eine Erklärung bat. Sicher: Die zwei einzelnen Teile des Wortes konnte man mir schnell, direkt und ohne Schwierigkeit übersetzen: „Sippe“ und „Haft“ – aber die ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Denkschrift über Dr. Robert Kempner" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen