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Den großen Boss betrügt man nicht

BASTEI ENTERTAINMENT

Kapitel 1

Angie Turner hatte Angst. Todesangst. Und das aus gutem Grund. Denn sie war einem Irren in die Hände gefallen. Der Kerl war total durchgeknallt.

Er tanzte fortwährend vor ihr herum, als müsse er ganz dringend aufs Klo, führte Selbstgespräche, richtete das Wort zwischendurch aber auch mal an sie und stellte Fragen, obwohl er wusste, dass sie nicht antworten konnte, weil er nämlich selbst dafür gesorgt hatte.

Das scharfe Metzgermesser in seiner Hand sei fürs Häuten von Tieren gedacht, hatte er ihr erklärt. Man könne es aber auch bei Menschen verwenden.

Und dabei hatte alles so harmlos begonnen.

Susan, Angies beste Freundin, hatte sie am Morgen angerufen und gesagt: »Hach, was würde ich mich gern mal wieder ein bisschen auf dem Rummelplatz von Long Island herumtreiben.«

»Was hält dich zurück?«, hatte Angie gefragt.

»Ich mag nicht allein so weit fahren.«

»Meine Güte, was bist du umständlich. Warum sagst du nicht gleich, ich soll mitkommen?«

»Würdest du?«

»Ich hätte nichts dagegen.«

Sie hatten Hoboken um neun Uhr verlassen und sich den ganzen Tag auf dem Rummelplatz vergnügt. Irgendwann war ihnen ein toller Typ über den Weg gelaufen, dessen Hintern Susan so süß gefunden hatte, dass sie ihm einfach nicht widerstehen konnte.

»Es macht dir doch hoffentlich nichts aus, wenn ich mich mit ihm verziehe, hm?«, hatte sie im Waschraum eines Strandcafés – um Zustimmung bettelnd – gefragt. »Hm? Du bist mir doch nicht böse, nein? – wenn ich mit ihm … Nicht wahr, Angie, du verstehst das? Eine so einmalige Gelegenheit darf ich mir nicht entgehen lassen. Der Junge sieht zum Niederknien aus. Und er hat ordentlich was in der Hose. Ist dir das aufgefallen?«

Sie hatte kichernd vor dem großen Spiegel gestanden und kokett an ihren blonden Löckchen herumgezupft. Ihre grünen Augen hatten vor Lebenslust gesprüht und gefunkelt, und sie hatte sich geschüttelt, als würde sie frösteln.

»Ich bin schon ganz kribbelig. Verrückt, dass ich auf bestimmte Kerle immer gleich so heftig reagiere, was? Aber so bin ich nun mal. Ich kann es nicht ändern.«

So war Angie, die verständnisvolle Freundin, dann noch eine Stunde allein umhergebummelt, hatte sich am Strand auf eine Bank gesetzt und auf den Sonnenuntergang gewartet – und dann hatte er sich zu ihr gesellt.

Er hatte auf die Bank gezeigt und höflich gefragt: »Ist hier frei?«

Sie hatte genickt, und er hatte neben ihr Platz genommen. Sein edles Profil hatte ihr gefallen. Er hatte ein weißes Poloshirt und marineblaue Hosen getragen. Und schwarze Gucci-Schuhe.

Pechschwarzes, nicht zu langes Haar – sehr dicht und korrekt gescheitelt. Glatt rasierte Wangen. Markante Gesichtszüge. Eine elegante Erscheinung.

Der Wind hatte sanft mit ihren roten Haaren gespielt, und sie hatte sie immer wieder mit einer anmutigen Bewegung aus ihrem aparten Gesicht gestrichen.

Es hatte sich eine nette, unverfängliche Unterhaltung ergeben. Angenehmer Smalltalk. Leicht dahinplätschernd, aber dennoch nicht uninteressant.

Angie wäre nie auf die Idee gekommen, es mit einem gefährlichen Psychopathen zu tun zu haben, sonst hätte sie sich niemals von ihm zum Essen einladen lassen.

Nach dem Essen, beim Verlassen des Restaurants, waren ihr plötzlich die Knie eingeknickt. Der junge Mann, der sich Peter genannt hatte, hatte sofort nach ihrem Arm gegriffen und sie gestützt.

»Ist dir nicht gut?«, hatte er besorgt gefragt.

»Ich – weiß – nicht …« Sie hatte sich verwirrt und verlegen an die Stirn gegriffen. Der Schwächeanfall war ihr peinlich gewesen. »Mir ist auf einmal so – komisch …«

»Mein Wagen steht zum Glück gleich um die Ecke. Ich fahre dich nach Hause.«

»Das ist weit.«

»Wo wohnst du denn?«

»In Hoboken.«

»Das ist doch nicht weit. Los Angeles ist weit. San Franzisko ist weit. Aber doch nicht Hoboken.«

Sie hatte es mit seiner Hilfe gerade noch bis zu seinem Wagen geschafft. Wie er sie auf den Beifahrersitz verfrachtet hatte, hatte sie schon fast nicht mehr mitbekommen.

Als er die Tür zugeklappt hatte, waren bei ihr sämtliche Lichter ausgegangen, und als sie irgendwann wieder zu sich gekommen war, hatte sie hier, in diesem aufgelassenen U-Bahn-Tunnel, gefesselt und geknebelt mit hochgestreckten Armen an einem Eisenrohr gehangen, und Peter hatte ihr sein wahres Gesicht gezeigt.

»Baby, du hast ein Problem«, sagte er soeben, als wäre er in großer Sorge.

Sie machte verzweifelt »Mpf! Mpf!«. Ihre grauen Augen schwammen in Tränen. Er hatte ihr inzwischen gestanden, dass er ihr K.-o.-Tropfen in den Drink getan hatte. Und er war mächtig stolz darauf, dass sie es überhaupt nicht mitbekommen hatte.

»Wie war das?«, fragte er zynisch und legte die Hand hinter sein Ohr. »Was hast du gesagt? Was heißt ›Mpf! Mpf!‹? Scheiße, du blödes Stück! Das ist doch nicht zu verstehen. ›Mpf! Mpf!‹ Ist das Chinesisch? Japanisch? Kisuaheli?« Er kniff die Augen zusammen. »Ich glaube, du machst dich über mich lustig.« Er schüttelte grimmig den Kopf. »Das solltest du nicht tun. Nein, Honey, das solltest du wirklich nicht tun. Ich vertrage es nämlich nicht, wenn sich jemand über mich lustig macht. Ich will ernst genommen werden …«

Die Situation wurde immer verrückter. Peter antwortete sich selbst plötzlich mit der Stimme einer Frau: »Will das nicht jeder?«

»Natürlich will das jeder«, sagte er wieder als Mann. »Aber die wenigsten scheren sich darum.«

Und als Frau: »Dann verschaff dir Respekt. Wozu hast du das Messer?«

»Das Messer. O ja. Damit werde ich ihr beibringen, dass man sich über den schönen Peter nicht lustig macht.«

»Aber sieh zu, dass sie dein weißes Poloshirt nicht mit ihrem Blut versaut.«

»Ich hätte was überziehen sollen. Einen Arbeitskittel. Oder einen Regenmantel. Ja, ein Regenmantel wäre ideal gewesen. Mit Kapuze. Ich muss mir so was zulegen. Dann kann es ruhig mal ein bisschen spritzen.«

»Mach sie fertig, die Schlampe!«

Peter nickte. »Keine Sorge, sie kommt von hier nicht lebend weg.«

»Sie lebt schon viel zu lange.«

Peter lachte meckernd. »Ist doch schön, zu sehen, wie sehr sie sich fürchtet.«

»Tu es endlich!«

»Ja doch«, stieß Peter mürrisch hervor. »Dräng mich nicht. Ich will es genießen.«

»Hüte dich vor den Gezeichneten. Sie ist eine Gezeichnete. Sind wir uns in dem Punkt einig?«

»Natürlich ist sie eine Gezeichnete«, bestätigte Peter. »Das sieht man doch. Sieht doch jeder, dass sie rote Haare hat.«

»Und was hat mit den Gezeichneten zu geschehen?«

Peter senkte den Kopf und schaute auf sein Messer. »Eliminieren … Man muss sie eliminieren. Ausrotten muss man sie. Alle. Ausnahmslos. Damit sie ihr dreckiges Erbgut nicht weitergeben können. Es sollte jedermanns vordringlichste Pflicht sein, zu verhindern, dass sie sich vermehren.«

»Dann drück dich nicht davor.«

»Tu ich doch gar nicht«, verteidigte sich Peter.

»Doch, das tust du.«

Er tippte sich mit der Messerklinge an die Stirn. »Blödsinn.«

»Bist du diesmal etwa zu feige?«

»Machst du Witze?«, schnarrte Peter. »Willst du mich zum Lachen bringen? Ich – feige. Der schöne Peter feige. Das war er noch nie und wird er nie sein.«

»Beweise es!«

Peter wandte sich an sein Opfer. »Hast du das gehört? Sag jetzt bloß nicht wieder ›Mpf! Mpf!‹, sonst …« Er fuchtelte mit dem Messer drohend vor Angies entsetzensstarren Augen herum.

Und dann stach er unvermittelt zu.

Ich stieg in meinen roten Jaguar, wartete, bis Phil Decker neben mir saß, und fuhr dann los. Mein Partner presste grimmig die Lippen zusammen.

»Ich wollte, wir brauchten da nicht hinzufahren«, sagte er dunkel.

Ich nickte. »Mir geht es genauso.«

Er runzelte die Stirn. »Wie kann man so pervers sein?«

Ich hob die Schultern. »Der Mann ist krank.«

»O ja, das ist er«, pflichtete mein Kollege mir bei. »Und wie. Ich wüsste zu gern, was in seinem Kopf vorgeht.«

»Vielleicht weiß er das selbst nicht.«

»Und so jemanden soll man aus dem Verkehr ziehen, damit er nicht noch mehr rothaarige Frauen bestialisch ermordet.«

Ich fuhr über die Brooklyn Bridge. Der Verkehr war dicht. Unser Ziel war die Flushing Avenue. Dort, wo sie auf den Auburn Place stieß, gab es – zwischen Büschen und Bäumen versteckt – die Möglichkeit, zu einem aufgelassenen U-Bahn-Tunnel hinunterzusteigen. Und dort wurden wir erwartet.

Weil jemand das dritte Opfer des Serienkillers, hinter dem wir seit geraumer Zeit her waren, entdeckt und anonym die Polizei angerufen hatte.

Sein erstes Opfer war eine Austauschstudentin aus Idaho gewesen. Sein zweites eine Sekretärin aus Suffolk. Das dritte Opfer war noch nicht identifiziert.

Alle drei jungen Frauen waren rothaarig gewesen, und wir gingen davon aus, dass sie deshalb hatten sterben müssen. Unser Mann, der nicht richtig tickte, hatte offensichtlich etwas gegen rothaarige Frauen.

Der Grund hierfür war in seinem kranken Kopf verborgen, und deshalb würde es besonders schwierig sein, ihn zu finden – weil er weder aus Rache noch aus Habgier, noch aus Eifersucht oder einem anderen irgendwie nachvollziehbaren Grund tötete, sondern wahllos.

Sah er eine Rothaarige, machte es bei ihm »Klick!«, und er schlug zu. Und er wurde immer grausamer. Jeder neue Mord war noch schlimmer als der vorhergehende.

Irgendwann würde er seine Taten nicht mehr toppen können.

Die Flushing Ave kam in Sicht. Ich nahm Gas weg und bog rechts ab. Von Weitem schon sah ich die nervös zuckenden Rotlichter der Streifenwagen.

Ich fand hinter der Polizeiabsperrung eine Parkmöglichkeit. Als wir ausstiegen, kam uns ein baumlanger, rotgesichtiger Mann (er hätte mal seinen Blutdruck checken lassen sollen) entgegen: Lieutenant James Elg.

Für ihn war sein Job kein Beruf, sondern eine Berufung. Er war geradlinig, offen, strebsam und unbestechlich. Zwei Gangster, die geglaubt hatten, ihn schmieren zu können, saßen heute im Knast und begriffen nicht, wie sie mit ihrer Meinung – jeder Mensch wäre käuflich, es komme immer nur auf den Preis an – so falsch hatten liegen können.

Elg gab uns die Hand. Zuerst mir, dann meinem Partner. »Agent Cotton. Agent Decker«, sagte er dabei.

»Wie sieht’s aus?«, erkundigte ich mich.

»Ich habe ja schon viel erlebt, aber …« Er brach seufzend ab.

»Spuren?«, fragte ich.

»Meine Leute haben noch keine gefunden«, antwortete der Lieutenant. Jenseits der Absperrung drängten sich Schaulustige. Elg deutete mit dem Kopf auf sie. »Ich verstehe diese Leute nicht. Wenn ich nicht hier sein müsste, würde ich einen Riesenbogen um diesen Tatort machen.« Er zeigte uns den Weg in die Unterwelt. »Machen Sie sich auf was gefasst«, warnte er uns. »Ich hoffe, Sie haben robuste Magennerven. Sonst kann ich für nichts garantieren.«

Wir gelangten über eine eiserne Wendeltreppe in den Tunnel. Sie ächzte, quietschte und klapperte. Ich hörte, wie jemand sagte: »Siebenundvierzig Messerstiche … Und dann hat er sie auch noch gehäutet, mit Benzin übergossen und angezündet …«

Dementsprechend sah die Leiche aus. Man brauchte sehr viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass das mal ein Mensch gewesen war. Ich möchte nicht näher ins Detail gehen.

Trotz Elgs Warnung krampfte sich mein Magen zu einem schmerzhaften Klumpen zusammen. Ich hob den Kopf und sah mir den Strick an, mit dem der Killer sein Opfer an ein Rohr gefesselt hatte. »Wieder derselbe Knoten«, stellte ich fest.

Lieutenant Elg nickte. »Die Affenfaust. Sein Markenzeichen. Mit diesem speziellen Knoten möchte er offenbar erreichen, dass wir seine Morde keinem andern Täter zuordnen.«

Der Tatort wurde von transportablen Standscheinwerfern taghell ausgeleuchtet. Ringsherum lief das volle Programm der Mordkommission. Wände, Boden, Decke – alles wurde akribisch unter die Lupe genommen. Doch der Täter schien – trotz seines dokumentierten Irrsinns – keinerlei Spuren hinterlassen zu haben.

»Er muss einen ganz unbändigen Hass auf rothaarige Frauen haben«, meinte James Elg. »Höchstwahrscheinlich hat ihn ein Erlebnis mit einer Rothaarigen – Freundin, Schwester, Mutter, Tante, Kindermädchen, Nachbarin, Lehrerin, Erzieherin – so sehr traumatisiert, dass er jedes Mal den Verstand verliert, wenn er einer begegnet. Es wäre sehr wichtig, herauszufinden, wofür er sich so grausam rächen muss

Einer von Elgs Männern führte uns zum Lager eines Obdachlosen. Es befand sich etwa hundert Meter vom Tatort entfernt. Das Nest war natürlich leer.

Der Vogel war ausgeflogen. Aber wann war er zuletzt hier gewesen? Hatte er etwas von dem Mord mitbekommen? Hatte er die Polizei anonym angerufen?

Auf dem Boden lagen zwei dicke blau-weiß gestreifte Matratzen, und fünf dicke Kartonschichten sorgten dafür, dass die Kälte der Wand nicht auf den Schlafenden abstrahlte.

Eine Steppdecke war in eine große Alufolie gewickelt, um sie vor Feuchtigkeit zu schützen. Das Ganze sah nicht so aus, als ob hier schon lange keiner mehr »wohnte«. Dies war ein Quartier, das nur vorübergehend verlassen worden war. Das Bett war zwar nicht mehr warm, aber letzte oder vorletzte Nacht konnte es durchaus noch benutzt worden sein.

Lieutenant Elg sagte, sie würden versuchen, den Mann zu finden, der sich hier eingenistet hatte. »Oder die Frau«, ergänzte er.

Ich bat ihn, uns auf dem Laufenden zu halten. Wir kehrten zu der Toten zurück. Sie wurde gerade abgeschnitten und in einen schwarzen Leichensack gelegt.

Der Polizeifotograf schoss weitere Bilder von ihr, und der Polizeiarzt stellte seinen Obduktionsbericht binnen vierundzwanzig Stunden in Aussicht.

Wir verließen mit dem Lieutenant den Tunnel. Die Zahl der Schaulustigen hatte sich inzwischen verdoppelt, und eine Gruppe von Reportern stellte – total disziplinlos, sich gegenseitig heftig schubsend und stoßend und wild durcheinanderschreiend – so viele Fragen, dass wir mehrere Stunden gebraucht hätten, um sie alle zu beantworten.

Da die sensationsgeile Meute aus Phil und mir nichts Verwertbares herausbrachte, hielt sie sich an James Elg. Sie kreiste den Lieutenant ein und fiel wie ein Rudel hungriger Wölfe über ihn her, während wir zu meinem Jaguar zurückkehrten, an dem ein junger Mann lehnte.

Jetzt löste er sich vom Wagen und zeigte uns seinen Presseausweis. Sein Name war David Sheeny. Er sagte, er würde für kein bestimmtes Blatt arbeiten, sondern seine Storys jeweils dem Meistbietenden verkaufen.

Er war so gut angezogen, dass die Vermutung nahelag, dass er sehr viel mehr mit dem verdiente, was er wusste, aber nicht veröffentlichte.

Sheeny wusste, wer wir waren. Woher, das ließ er offen. »Der Killer ist eine Bestie in Menschengestalt, nicht wahr?«, sagte er. »Ich habe seine ersten zwei Opfer gesehen. Und diesmal hat er sich noch mehr ausgetobt – kam mir zu Ohren.« Er richtete seinen Blick auf mich. »Wie sehen Sie Ihre Chancen, den Kerl zu kriegen, Agent Cotton?«

»Wir werden ihm das Handwerk legen«, erklärte ich bestimmt.

Sheeny nickte lächelnd. »Natürlich. Sie müssen auf optimistisch machen. Das ist ganz klar. Aber sind Sie auch wirklich überzeugt von dem, was Sie sagen?«

Phil schaltete sich ärgerlich ein. »Was würden Sie lieber von uns hören, Mr Sheeny? Dass wir uns nicht vorstellen können, den Täter zu fassen? Dass wir keinen blassen Schimmer haben, wer der Kerl ist, wie er seine Opfer auswählt, wie wir an ihn herankommen sollen?«

Der Reporter hob grinsend die Hände. »Ich hab nur ein paar harmlose Fragen gestellt, Agent Decker. Kein Grund, mir deshalb gleich den Kopf abzureißen. Ich bin auf Ihrer Seite. Ich wünsche mir – ganz ehrlich – im Moment nichts sehnlicher, als dass Sie den Wahnsinnigen so schnell wie möglich aus dem Verkehr ziehen. Sonst sorgt er dafür, dass es bald keine rothaarigen Frauen mehr in New York gibt. Das fände ich sehr schade, weil mir die rothaarigen Ladys nämlich am liebsten sind. Die echten Rothaarigen natürlich nur. Nicht die gefärbten. Sie sind für mich etwas Besonderes. Ich mag ihre hübschen Sommersprossen, ihre milchweiße Haut … Er hat wieder diesen Spezialknoten, der Affenfaust genannt wird, gemacht, nicht wahr?«

Phil musterte ihn scharf. »Woher wissen Sie das?«

David Sheeny zuckte mit den Achseln. »Ich habe es zufällig aufgeschnappt.«

Mein Partner kniff die Augen zusammen. »Sie haben erstaunlich gute Ohren, Mr Sheeny.«

Der Reporter lächelte entwaffnend. »Muss ich wohl – bei meinem Beruf, oder?«

»Waren Sie unten?«, fragte mein Partner lauernd.

»Im Tunnel?«, fragte Sheeny. »Ich? Nein. Warum fragen Sie, Agent Decker?« Er kratzte sich am Hinterkopf. »Ich hab zwar versucht, einen Blick auf die Leiche zu werfen, aber die Cops haben es mir nicht erlaubt.«

Der Mann hatte etwas an sich, was mir nicht gefiel. Obwohl sein Äußeres untadelig war. War er mir zu glatt? Störte es mich, dass er sich für ganz besonders clever hielt? Wieso war er nicht bei der Journalistenmeute, die noch immer Lieutenant Elg umringte? Hielt er sich für etwas Besseres?

Oder ging er immer einen anderen Weg, um an seine Informationen zu kommen? Stimmte mit David Sheeny irgendetwas nicht? Oder bildete ich mir das nur ein?

Ich forderte ihn auf, zur Seite zu treten. Er zögerte kurz, dann tat er, was ich wollte. Als ich die Wagentür öffnete, sagte Sheeny hinter mir: »Ich stelle es mir ungemein schwierig, ja geradezu unmöglich vor, in einer Stadt mit sieben Komma zweiunddreißig Millionen Einwohnern einen Frauenmörder, der offenbar geisteskrank ist, zu finden. Allein hier in Brooklyn leben zwei Komma drei Millionen Menschen – und vielleicht auch der, den wir alle gern im Zuchthaus sähen.«

Ich stieg ein. Phil ebenfalls. »Ich gebe zu, es ist schwierig, Mr Sheeny«, sagte ich. »Aber bestimmt nicht unmöglich. Wir werden es beweisen.«

Damit schloss ich die Tür, startete den Motor und fuhr los.

»Ich mag den Knaben nicht«, brummte mein Partner, während er in den Außenspiegel schaute, in dem Sheeny langsam kleiner wurde. »Er tut so, als wäre er der Einzige, der weiß, dass die Erde eine Kugel ist. Mit solchen Typen hatte ich schon in der Schule meine Probleme. Das sind die Oberschlauen. Die Übergescheiten, die sich einbilden, die Klugheit mit der Schöpfkelle gefressen zu haben. Die ewigen Besserwisser, in deren Augen alle andern minderwertige Idioten sind.«

Ich fuhr auf die St. Edwards Street zu, sobald wir die Polizeisperre hinter uns hatten. Etwa dreißig Meter vor uns ging ein schwarz gekleideter Mann.

Er fiel mir auf, weil er den Kurs nicht halten konnte und eine Flasche, die in einer neutralen Papiertüte steckte, in der Hand trug. Als ich meinen Jaguar anhielt, bog der Betrunkene in den Monument Walk ein.

Ich stieg aus. »He! Sie!«

Der Mann drehte sich um, sah mich kurz an – und nahm dann die Beine in die Hand. Er verschwand hinter einer dichten Buschfront. Phil und ich folgten ihm.

Wir erreichten die Büsche. Der schwarze Mann schien sich in Luft aufgelöst zu haben. Wir konnten ihn nirgendwo entdecken. Erst als wir uns jeden Busch einzeln vornahmen (ja fast ausgruben!), gelang es uns, ihn aufzustöbern.

Er kauerte mit hochgezogenen Schultern und tief gesenktem Kopf auf dem Boden, hoffend, dass wir ihn übersahen. Doch sein Wunsch ging nicht in Erfüllung.

»FBI!«, sagte ich hart.

»Oje!«, jammerte er.

»Stehen Sie auf!«, verlangte ich.

Er gehorchte. »Ich hab nichts verbrochen«, versicherte er mir mit einer dicken Whiskyfahne. Damit hätte er jedes Kleinkind in einen komatösen Schlaf hauchen können. »Ich schwör’s. Ich habe nichts getan. Was wollt ihr von mir?«

Ich forderte ihn auf, sich auszuweisen. Er durchforstete umständlich seine Taschen und wurde nach Längerem fündig. »Hier.« Er hielt mir seine ID-Card vor die Nase.

Sein Name war Hyram Cassidy. Einen festen Wohnsitz hatte er – zurzeit – nicht, wie er mir anvertraute. Bis vor Kurzem habe er bei seiner Schwester in Queens gewohnt. »Aber dann hat die blöde Schlampe sich einen Kerl angelacht und mich auf die Straße gesetzt«, fügte er hinzu. »Ich sage Ihnen, alle Weiber sind Hexen. Man sollte sie auf einen riesigen Scheiterhaufen stellen und …«

»Wo schlafen Sie?«, fragte Phil.

»Das mache ich von der Witterung abhängig«, antwortete der Obdachlose mit schwerer Zunge. »Auf ’ner Parkbank. In einer Hauseinfahrt. In ’ner leeren Mülltonne. Unter einer Brücke …«

»Oder in einem aufgelassenen U-Bahn-Tunnel?«

Hyram Cassidy zeigte mit seinem schmutzigen Finger auf meinen Partner. »Ich weiß, warum Sie das fragen.«

»Und wie lautet die Antwort?«, wollte Phil wissen.

Der Penner blickte uns mit seinen glasigen Augen so an, als hätte er kein Wort verstanden. So richtig belämmert sah er drein.

»Wir haben im Tunnel das Lager eines Penners gefunden«, sagte mein Kollege.

»Das ist nicht meines«, erwiderte Cassidy sofort. »Nicht meines.«

»Aber Sie wissen, wer sich dort unten eingenistet hat«, warf ich ein.

»Nun ja …«, dehnte Cassidy.

»Ja oder nein?«, fuhr ihn Phil energisch an.

Er zuckte erschrocken zusammen. »Ja«, gab er zu. »Aber …« Er seufzte unglücklich. »Hören Sie, ich will keinen Ärger haben. Und ich möchte auch nicht, dass ein anderer durch mich Ärger bekommt. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich in Ruhe ließen und …«

»Wer wohnt im Tunnel?«, fiel ich ihm ins Wort.

Cassidy schüttelte trotzig den Kopf. »Das muss ich Ihnen nicht sagen.«

»Jetzt reicht es aber, Mann«, blaffte Phil. »Sie spucken jetzt entweder auf der Stelle den Namen aus, oder wir nehmen Sie mit.«

»Das – das dürfen Sie nicht«, stammelte der Penner.

»Glauben Sie mir, wir kennen die Gesetze besser als Sie«, sagte mein Partner schneidend. »Also heraus mit der Sprache. Wer wohnt im Tunnel?«

Hyram Cassidy rollte die glasigen Augen. »Himmel, was ist das heute bloß für ein Scheiß-Tag? Jock ist ein verdammt gewalttätiger Bursche. Sie wissen das nicht. Aber ich weiß es. Wenn er erfährt, dass ich Ihnen seinen Namen verraten habe, schneidet er mir die Gurgel durch. Dazu ist der imstande, wenn er wütend ist. Ehrlich. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen. Deshalb gehe ich ihm auch tunlichst aus dem Weg. Der Arsch ist an manchen Tagen total unberechenbar. Er tickt nicht richtig. Hat sich schon vor langer Zeit um den Verstand gesoffen. Ich meine, ich trinke auch. Aber nicht alles. Und vor allem nicht so viel wie Jock.«

»Er heißt also Jock«, sagte ich. »Und wie noch?«

»Was – wie noch?« Cassidy leckte sich die feuchten Lippen.

»Er muss doch auch noch einen Nachnamen haben«, sagte ich geduldig.

Der Penner nickte. »Hooner. Jock Hooner. Darf ich jetzt gehen?«

»Augenblick noch«, antwortete ich. »Wo treibt sich Jock Hooner herum, wenn er nicht zu Hause ist?«

»Kennen Sie Marve’s Auto Service?«, fragte Cassidy.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Ist in der Myrtle Avenue«, erklärte Hyram Cassidy. »Gleich dahinter – in der Prince Street – befindet sich ’ne schäbige Wellblechbude. Dort kann man billigen Sprit tanken … äh … Fusel kaufen. Ich geh da nicht hin. Es heißt, von dem Zeug wird man blöd und blind. Jock ist das egal. Er würde sogar Pferdepisse saufen, wenn Alkohol drin wäre.«

Wir entließen Hyram Cassidy. Eine größere Freude hätten wir ihm nur machen können, wenn wir ihm einen druckfrischen – echten – Hunderter geschenkt hätten. Aber dafür hatten wir eine bessere Verwendung.

Cassidy hätte den Schein ja doch nur »verflüssigt«. Bis zur Prince Street war es ein Katzensprung, und wir fanden auch gleich Jock Hooners »Tankstelle«.

Als wir ausstiegen, flog gerade ein Mann zur offenen Tür heraus. Nach dieser Gratis-Flugreise – noch war nicht zu sehen, wer sie gespendet hatte – baute der Bursche eine ziemlich schmerzhafte Bruchlandung.

Und dann kam Jock Hooner heraus. Er musste es sein. Hyram Cassidy hatte ihn genau so beschrieben. Er war außer sich vor Wut. Mordlust funkelte in seinen glänzenden Säuferaugen. Er schien wirklich zu allem entschlossen zu sein, und es wäre ihm wohl auch egal gewesen, wenn der Mann, der vor ihm auf dem Boden lag, seine Misshandlungen nicht überlebt hätte.

Er trat ihn brutal mit Füßen. Der Mann schrie und krümmte sich vor Schmerzen. Doch das war für Hooner kein Grund, aufzuhören. Im Gegenteil. Es spornte ihn an, weiterzumachen. Immer wilder. Immer brutaler.

»He!«, rief ich scharf über die Straße. »Lassen Sie den Mann in Ruhe!«

»Misch dich nicht ein, sonst kriegst du gleich auch was auf die vorlaute Schnauze!«, erwiderte Hooner und machte weiter.

Der Getretene heulte und winselte.

Ich zog meine Sig Sauer. »FBI! Weg von dem Mann! Zurück! Wenn Sie ihn noch einmal treten, werden Sie’s bereuen!«

Hooner starrte auf den Kerl hinunter, der ihn so sehr in Rage gebracht hatte, und sagte: »Mensch, Ian, du weißt nicht, wie viel Pech du hast. Ich hätte dir zu ’nem geilen Flirt mit ’ner potthässlichen Krankenschwester verholfen. Aber die Bullen, diese niederträchtigen Spaßverderber, haben was dagegen. Ich weiß nicht, warum.« Er hob trotzig den Kopf und sah mich herausfordernd an. »Was ist, Mr FBI? Wollen Sie mich umlegen? Ich hab mit meinem Kumpel bloß ein bisschen Fußball gespielt.«

Ian stand stöhnend auf.

Jock Hooner machte auf besorgt. »Geht’s wieder?«, erkundigte er sich.

Ian hielt sich die schmerzenden Rippen.

»Geh nach Hause, Ian«, empfahl ihm Jock Hooner. »Lass dich von deiner Alten pflegen, damit du bald wieder in die Kampfmannschaft zurückkehren kannst.«

Phil sah Ian an. »Möchten Sie Anzeige gegen diesen Mann erstatten?« Er zeigte auf Jock Hooner.

»Möchte er nicht«, knurrte Hooner.

»Sie habe ich nicht gefragt«, sagte mein Partner scharf. Sein Blick blieb abwartend auf Ian gerichtet.

»Sag ihm, dass du das nicht möchtest, Ian«, verlangte Hooner drängend. »Sag ihm, dass wir bloß ein wenig Spaß hatten, dass es bei uns schon mal etwas rauer zugehen kann und dass wir deswegen nicht gleich die Bullen oder ’nen Richter brauchen. Sag’s ihm!« Es klang drohend. Auf der Basis von: Wehe, du spurst nicht, dann kannst du dich auf was gefasst machen.

Selbstverständlich verzichtete Ian auf eine Anzeige. Er hinkte mit schmerzverzerrtem Gesicht von dannen, und Hooner sah ihm triumphierend nach.

»Na also«, sagte er zufrieden und wischte sich die Hände am Hintern ab. »Alles paletti. Sie können die Kugelspritze wieder wegstecken«, sagte er zu mir. »Hier findet kein Krieg statt, wie Sie sehen.«

Er wollte sich umdrehen und in die Wellblechbude zurückkehren, doch das ließen wir nicht zu.

»Sie sind Hooner, nicht wahr?«, fragte ich, während ich die Sig ins Halfter schob.

»Was dagegen?«, fragte er gereizt.

»Jock Hooner«, sagte ich.

»Seit meiner Geburt, Sir.« Er grinste – zunächst. Doch dann wurde er ernst. Sein Blick pendelte zwischen Phil und mir hin und her. »Moment mal, ihr wollt doch nicht etwa zu mir?« Er sagte das so, als könne er es kaum glauben. Und als würde er es nicht gutheißen.

»Doch«, erwiderte Phil kalt.

Er hob verblüfft die Augenbrauen. »Weshalb? Ich hab nichts ausgefressen.«

»Man hat uns gesagt, wo wir Sie finden, wenn Sie nicht zu Hause sind«, erklärte ich.

»Wer?«, wollte er sofort wissen.

»Unwichtig«, antwortete ich.

Hooner kniff die Augen zu schmalen, lauernden Schlitzen zusammen. »Cassidy vielleicht? Hyram Cassidy? Haben Sie mit dem geredet?«

Ich ging nicht darauf ein. »Seit wann schlafen Sie in diesem aufgelassenen U-Bahn-Tunnel?«, fragte ich stattdessen.

»Ungefähr ein Jahr«, antwortete er. »Warum?« Wieder dieser aufsässige Ton.

»Sie wissen, was dort passiert ist?«, fragte Phil.

»Nein«, behauptete Hooner. »Sollte ich?«

Ich spürte, dass er nicht die Wahrheit sagte. »Eine junge Frau wurde im Tunnel auf bestialische Weise ermordet, und mein Gefühl sagt mir, dass Sie davon Kenntnis haben«, sagte ich mit erhobener Stimme. Ich hatte genug von seiner schwachköpfigen Widerborstigkeit. »Wenn Sie uns bei Laune halten wollen, sollten Sie sich etwas kooperativer zeigen.«

Er senkte den Blick und presste die Lippen bockig zusammen.

»Jemand hat die Polizei anonym angerufen«, sagte ich.

»Waren Sie das?«, fragte Phil.

Er schien gemerkt zu haben, dass es angeraten war, den Kurs zu wechseln und nicht länger die Konfrontation zu suchen, nickte kaum merklich und sagte fast kleinlaut: »Ja.«

Wir warteten darauf, dass er weitersprach. Er drehte sich halb um und schaute in die Wellblechbude. Dann ging er ein paar Schritte vom Eingang weg, damit man ihn drinnen nicht hören konnte. Wir folgten ihm.

Er hob den Kopf und sah an Phil und mir vorbei. »Ich war unterwegs«, begann er, sich erinnernd. »Es war ein langer Trip. Ich hatte eine Glückssträhne beim Würfeln gehabt und zog mit meinem Gewinn um die Häuser. Geld ist dazu da, um ausgegeben zu werden, sage ich immer. Wenn es weg ist, kann es einem nicht mehr gestohlen werden. Und wenn man es selbst ausgegeben hat, dann hat man davon auch was gehabt.«

Phil hatte kein Interesse an Hooners philosophischen Betrachtungen zum Thema Moneten. »Sie waren also unterwegs«, sagte er ungeduldig. »Und was weiter?«

»Als ich nach Hause kam …«

»Wann war das?«, unterbrach Phil den Obdachlosen.

Hooner hob die Schultern. »Keine Ahnung. Ich hatte jeden Zeitbegriff verloren. Außerdem besitze ich keine Uhr.« Er streifte beide Jackenärmel hoch, damit wir uns davon überzeugen konnten, und sagte lächelnd: »Dem Glücklichen schlägt keine Stunde … äh … Mit wem habe ich es eigentlich zu tun?«

»Ich bin Special Agent Jerry Cotton«, antwortete ich. Und auf meinen Partner weisend fuhr ich fort: »Das ist mein Kollege Phil Decker.«

Hooner grinste. »Sie brauchen sich nicht auszuweisen. Ich glaub’s Ihnen auch so.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen«, erwiderte Phil ironisch. »Was war, als Sie nach Hause kamen? Erzählen Sie uns davon.«

»Ich war hundemüde«, sagte Hooner. »Na ja, und ziemlich besoffen war ich auch«, gestand er, ohne deswegen verlegen zu sein. Schließlich gehörte der Dauerrausch mit seinen zahlreichen Spitzen zu seinem Lebensbild. »Ich bin – was mir noch nie passiert ist – die Stufen hinuntergekugelt. Ein falscher Tritt, und schon war’s geschehen. Das war verdammt schmerzhaft. Und nicht ganz ungefährlich. Ich hätte mir den Hals brechen können.«

»Haben Sie aber nicht«, bemerkte Phil trocken.

»Nein«, pflichtete Hooner ihm bei. »Hab ich nicht. Sonst könnte ich ja jetzt nicht hier vor Ihnen stehen.«

»Sie fielen die Wendeltreppe hinunter«, sagte ich. »Und dann?«

»Zunächst blieb ich eine Weile benommen liegen«, erzählte der Obdachlose. »Dann ging ich daran, meine Knochen zu sortieren. Anschließend schleppte ich mich zu meinem Lager, rollte mich auf der Matratze zusammen – und weg war ich. Als ich aufwachte, fiel mir dieser widerliche Geruch auf.« Er rümpfte die Nase, obgleich er auch selbst nicht gerade nach Flieder duftete. »Ich glaubte, mich zu erinnern, dass ich den Geruch schon beim Heimkommen bemerkt hatte. Es roch nach –« Er dachte nach. »– nach Blut, nach verbranntem Fleisch, nach … Tod.«

»Sie haben versucht, herauszufinden, woher der Geruch kam und entdeckten die Leiche«, sagte Phil.

»So ist es«, bestätigte Hooner. Er schüttelte sich schaudernd. »Es war grauenvoll. Ich hätte mich beinahe übergeben. Bin die Treppe hochgerannt und hab die Bullen angerufen.«

»Warum anonym?«, fragte mein Partner.

Hooner zuckte mit den Achseln. »Halt so.«

»Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen?«, erkundigte ich mich.

Der Obdachlose schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts. Als ich nach Hause kam, war der Killer zum Glück schon weg. Ich will lieber nicht daran denken, was er mir angetan hätte, wenn er noch da gewesen wäre.«

»Haben Sie am Tatort irgendetwas verändert?«, fragte mein Partner.

»Verändert?« Hooner schluckte. »Denken Sie, ich hätte die Leiche angefasst?«

»Sie könnten etwas mitgehen lassen haben«, versetzte Phil.

»Was denn?«

»Etwas, das Sie brauchen konnten«, antwortete mein Kollege. »Oder etwas, das sich zu Geld machen ließ.«

»Was hätte das denn sein sollen?« Hooner schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe nichts angefasst und nichts mitgehen lassen. Und ich werde ganz bestimmt nie wieder in diesen Tunnel zurückkehren. So besoffen kann ich gar nicht sein.«

»Was wird aus Ihren Habseligkeiten, die noch unten liegen?«, fragte ich.

Hooner machte eine wegwerfende Geste. »Die kann sich nehmen, wer will. Es ist nichts Wertvolles dabei.«

»Und wo werden Sie jetzt wohnen?«, wollte ich wissen.

Wieder diese wegwerfende Geste. »Oh, darüber mache ich mir keinen Kopf. Die Stadt hat Tausende von Schlupflöchern …«

»Die meisten sind besetzt«, warf Phil ein.

Hooner nickte. »Das stimmt. Aber bei Weitem nicht alle. Ich finde schon was Passendes für mich.«

Ich gab ihm meine Karte. »Sollte Ihnen noch etwas einfallen, was für uns wichtig sein könnte, rufen Sie mich an.«

Er nahm die Karte, um mich nicht zu vergrämen, und schob sie achtlos in seine Gesäßtasche, nachdem er einen sehr flüchtigen, absolut desinteressierten Blick darauf geworfen hatte. »Rechnen Sie nicht damit«, sagte er. »Ich habe Ihnen alles gesagt.«

Wir kehrten zu meinem Jaguar zurück – und Jock Hooner in die Wellblechbude. Bestimmt, um sich wieder einen zu genehmigen, nachdem das viele Sprechen seine Kehle so sehr ausgetrocknet hatte. Während ich mich in den Wagen schwang, zitierte ich den Obdachlosen: »Die Stadt hat Tausende von Schlupflöchern …« Und ich fügte hinzu: »Und in einem steckt der Mann, der keine rothaarigen Frauen mag.«

Kapitel 2

Der schöne Peter – wie er sich gern nannte – stand im Bad nackt vor dem großen Wandspiegel, spannte seine Muskeln an, betrachtete sich wohlgefällig von allen Seiten und sagte angetan: »Junge, du siehst großartig aus. Ich liebe dich. Die Weiber müssen ja verrückt nach dir sein. Du kannst sie alle um den Finger wickeln. Das ist überhaupt kein Problem für dich.«

Er bestrich seinen athletischen Körper mit einer männlichherb duftenden Bodylotion und massierte sie gewissenhaft in seine glatte Haut ein.

Im Wohnzimmer lief der Fernsehapparat. Nachrichten. Was der Präsident mal wieder über die Achse des Bösen zu sagen hatte, interessierte ihn nicht. Auch nicht, dass seit Kurzem ein internationales Ringen um den Nordpol begonnen hatte. Gasexplosion in einer Wohnwagensiedlung in Nassau – sechs Tote. Ebenfalls uninteressant. Überschwemmungen in Südostasien. Wen kümmert’s? Brückeneinsturz in … weiß der Geier, wo. Egal. Erst als davon die Rede war, dass in Brooklyn die grausam zugerichtete Leiche einer rothaarigen Frau gefunden worden war, horchte er zunächst auf und verließ dann das Bad, ohne sich etwas überzuziehen. Nackt stellte er sich vor das TV-Gerät und ergötzte sich an der offensichtlichen Ratlosigkeit der Polizei.

»Sieht nicht gut für euch aus, Jungs«, sagte er höhnisch. »Jetzt hat der Irre schon zum dritten Mal zugeschlagen, und ihr habt noch immer keinen blassen Schimmer, wer er ist und wie ihr ihm das Handwerk legen könnt. Offenbar ist er doch nicht so verrückt, wie ihr ihn darzustellen versucht. Der unverschämte Kerl tanzt euch fröhlich auf der Nase herum. Ist ein bisschen peinlich, wie? Ein ganzes Heer von Chemikern, Kriminalpsychologen, Spurensicherungsexperten, Kriminaltechnikern, Profilern, Tecs, Cops, FBI-Agents und weiß der Teufel, was noch alles, ist hinter ihm her. Und mit welchem Erfolg?« Er imitierte mit dem Mund verächtlich einen Furz. »Ihr seid die Irren, Kameraden. Nicht dieser Mann. Der ist clever. Der steckt euch geistig alle in die Tasche. Ich habe den allergrößten Respekt vor ihm. Er macht stets alles richtig. Nicht der kleinste Fehler passiert ihm. Wie wollt ihr dieses Genie jemals kriegen?«

Er hörte Namen: Lieutenant James Elg, Special Agent Jerry Cotton, Special Agent Phil Decker … Alles Idioten, Esel, Trottel, Schwachköpfe, dachte er. Unfähig, einen guten Job zu tun.

»Man sollte euch vom Dienst suspendieren«, sagte der schöne Peter. »Ihr taugt nichts.

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