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Den Papst kenn ich schon …

© 2016 Anouchka Wolleh

AFTER EIGHT ist eine geschützte Marke der Société des Produits Nestlé

Zitate aus: LOTHAR WOLLEH. Künstlerbildnisse, Kunstobjekte, Photographien; 19. September bis 16. November 1980. Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7345-7352-1
Hardcover:978-3-7345-7353-8
E-Book:978-3-7345-7354-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ich widme dieses Buch

Vati und seinem persönlichen Schutzengel – beide haben schwer geschuftet!

Vorwort von Anouchka Wolleh

Mein Vati war häufig zu Hause und nahm mich sehr oft mit, wenn er zu anderen Künstlern fuhr. Wenn er aber länger verreist war, was ebenfalls häufig vorkam, schrieb er mir immer liebevolle Briefe, die meist so begannen: „Mein kleines Mausezähnchen“, oder „meine liebe Spatzeliene“. Diese Briefe, die an mich gerichtet sind, lese ich immer mal wieder, auch heute noch.

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Diese Briefe und ein schwerer Unfall, den ich wohl nur knapp überlebt habe, waren für mich der Anlass, dieses Buch zu schreiben. Was ich festgestellt habe, ist, dass ich nichts in meinem Leben bereue, und dass ich meine Bilder so male, wie ich auch dieses Buch geschrieben habe. Das war für mich eine interessante Erfahrung. So habe ich mir drei Tage nach dem Tod meines Vaters Folgendes geschworen: Ich werde bis zu meinem 50. Geburtstag – sollte ich solange leben – ein Buch über die zutiefst innige Beziehung zu meinem Vater und damit über diesen besonderen Lebensabschnitt schreiben und es auch veröffentlichen. Das Tollste ist, dass ich meine Träume – meistens – verwirkliche. Die Familie Wolleh hat tolle Künstlerund auch andere Freunde, die mich bei meinem Vorhaben unterstützt haben, genauso, wie auch mein Vater all die Künstler mit Ideen und Handeln damals unterstützt hat.

Aus Erzählungen weiß ich, dass meine Eltern sich in Essen an der Ruhr kennengelernt haben – im Café O.

Mein Vater war Protestant und kam aus ärmlichen Verhältnissen, meine Mutter war Katholikin. Ihre Mutter war Kontoristin und ihr Vater war Turn- und Sportlehrer. Obendrein war er auch noch hochbegabt, sodass er zwei Klassen des Gymnasiums übersprungen hat. Diesen Vorsprung habe ich aber während meiner Schulzeit wieder ausgeglichen (einmal freiwillig und einmal nach dem Tod meines Vaters). Nach dem Krieg hat mein Großvater mütterlicherseits mit seiner Firma viel zum Wiederaufbau der Stadt Essen an der Ruhr beigetragen und wurde sehr vermögend. Dadurch konnte er meiner Mutter die Schulbildung auf einem berühmten Schweizer Internat am Genfer See finanzieren. Wegbegleiterin meiner Mutter war z. B. Agustina Castro, die kleine Schwester von Fidel Castro, aus Kuba. Meine Mutter hatte einen Eintrag in ihrem Poesiealbum von ihrer Freundin Agustina: ma chère amie Karin … mit Foto.

„Wer ist das“, fragte ich meine Mutter im Alter von etwa zehn Jahren und sie sagte: „Das ist meine Freundin Agustina Castro. Aber nur, weil sie die Schwester von Fidel Castro ist, heißt das noch lange nicht, dass sie derselben politischen Meinung ist.“ Und dann erzählte mir meine Mutter etwas über sie.

Meine Großeltern mütterlicherseits waren zwar vom Wesen meines Vaters angetan, aber nicht von dessen finanziellen Möglichkeiten. Wie sollte ihr zukünftiger Schwiegersohn ihrer Tochter alles bieten können?

Meine Mutter verzichtete auf ihr Erbe und heiratete meinen Vater – oder so ähnlich!

Ich bin an meinem Lieblingstag, einem Freitag und auch noch an einem 2. – die 2 war schon immer meine Lieblings- und Glückszahl – geboren worden. Am 2. Dezember 1966 erblickte ich in einem Krankenhaus in Düsseldorf-Benrath, als Frühchen mit 2170 Gramm und einer Körpergröße von 48 Zentimetern, genau um 11:23 Uhr, das Licht der Welt. Wer hätte je gedacht, dass ich meinen Sohn einmal um genau dieselbe Uhrzeit auf die Welt bringen würde?

Das bemerkte ich allerdings erst zwei Wochen nach seiner Geburt. Zahlen interessieren mich eigentlich gar nicht, aber das hat wieder etwas mit Magie zu tun!

Die Intensivstation des Krankenhauses habe ich erst Ende Februar 1967 gesund verlassen und wurde am 1. April 1967 auf den Namen Anouchka getauft.

An dieser Stelle möchte ich mit dem Gerücht aufräumen, dass mein Vater mir den Namen gegeben hat, weil er in Russland war … Es war ganz simpel: Meine Mutter wollte schon immer eine Anuschka haben, und da unser Familienname ein hugenottischer Name ist, bekam ich die französische Schreibweise von Anuschka, allerdings ohne „s“.

Diesen Vornamen finde ich persönlich sehr schön. Mir war allerdings seit meiner frühesten Kindheit schon klar, dass ich mit dieser Schreibweise immer wieder auf Schwierigkeiten stoßen werde. Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, sah ich darin, berühmt zu werden. Meine Grundschullehrerin zitierte sogar meine Eltern zu sich, da sie der Meinung war, ich könnte meinen Namen immer noch nicht richtig schreiben. Anuschka heißt das! Meine Eltern konnten sie schließlich aber doch überzeugen.

Als damals Udo Jürgens das Lied Anuschka herausbrachte, wunderte ich mich mehr über den Text und nicht darüber, dass mein Name schon wieder falsch geschrieben worden ist. Da ich so viele Künstler kannte, war es für mich klar, dass Udo Jürgens das Lied für mich geschrieben hatte, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Irgendwann bemerkte ich dann, dass dem nicht so war.

Viele uns bekannte Künstler schrieben meinen Namen häufig auf ihr Werk – einfach nur so, weil ich mich darüber freute. Besitzer waren andere Leute, aber mein Name stand darauf: für Anouchka Wolleh!

Ich habe schon immer gerne Fernsehen geschaut, am liebsten Werbung, und ich konnte fast alle Spots auswendig. Als ich etwa acht Jahren alt war, habe ich meinem Vater gesagt, dass es noch etwas anderes für mich im Leben geben müsste, als immer nur Kinderfotomodell für Werbeaufnahmen zu sein. Ich wollte lieber Künstlerin sein. Hierin hatte ich ja schon ein paar Jahre Erfahrung. Schließlich war ich sehr häufig Assistentin der bildenden Künstler dieser Welt gewesen.

In Fotografenfamilien ist es wohl üblich, dass die Familienmitglieder nur sehr wenig fotografieren. Bei uns war es nicht anders und folglich gibt es nur sehr wenige Fotos, auf denen mein Vater zu sehen ist.

Überhaupt war mein Vati für mich die zentrale Bezugsperson in meinem Leben. Es ist nicht böse gemeint, wenn ich schreibe, dass ich meine Mutter in jungen Jahren nicht wirklich wahrgenommen habe, denn ich hatte nur Augen für meinen Vater. Das änderte sich für mich erst nach dessen Tod. Von jeher fühlte ich mich seelenverwandt mit ihm und je älter ich werde, umso mehr Gemeinsamkeiten fallen mir auf.

Aber natürlich liebe ich meine Mutter und meinen Vati – jeweils auf eine andere Art – beide gleich!

Vorwort von Karl-Heinz Hering

Lothar war neunundvierzig Jahre alt, als er im September 1979 in London starb. Obwohl er in der Öffentlichkeit nur selten in Erscheinung trat, war er auf der Düsseldorfer Kunstszene einer der Rührigsten, aber auch weit darüber hinaus. Selbst in jungen Jahren mit der Malerei befasst, verband ihn, den immer Neugierigen und Wachen, bald eine Freundschaft mit Künstlern in aller Welt. Von Kunst umgeben zu sein und mit Kunst zu leben war ihm Notwendigkeit, die er mit seiner erfolgreichen Tätigkeit als Werbefotograf in Einklang zu bringen wusste. Bei der Konzeption seiner Bücher, durch die er international bekannt wurde, stand immer der Mensch als schöpferisches Wesen im Vordergrund.

Aus der Begegnung mit Kunst und Künstlern erwuchs in den Sechzigerjahren eine Idee. Lothar Wolleh begann, seine Künstlerfreunde und weitergehend Künstler seiner Zeit zu porträtieren, sodass der Grundstock zu einer Art Fotobiographischer Sammlung zeitgenössischer Kunst gelegt werden konnte, einer bildhaft komplexen Dokumentation, die gleichermaßen Künstler in West und Ost umfasste.

Lothar Wolleh löste diese Aufgabe mit der ihm eigenen Begeisterung, Sensibilität und Einfühlsamkeit. Selbst durch und durch ein künstlerischer Mensch, verfügte er über das Gespür, sich seinem Gegenüber zu nähern und in dessen Wesen vorzudringen.

Es ging ihm nicht um ein bloßes Konterfei, sondern um die Darstellung geistiger Existenz, nicht um repräsentative Erhöhung, sondern um ursächliche Wahrhaftigkeit. Dies ermöglichte die von ihm bevorzugte Totalaufnahme, in die Haltung, Gestik und Mimik gleichgewichtig eingeschlossen sind. Um ein Höchstmaß an Ausdruck zu erreichen, war ihm keine Mühe und keine Entfernung zu groß. Die Fotografie sollte den Künstler in der Aura seines Schaffens erfassbar machen. Das konnte unter freiem Himmel, in der Stadtlandschaft, vor einem Bauwerk, im Treppenhaus, in der Werkstatt, oder mit einem völlig neutralen Hintergrund geschehen, wenn damit ein Sinnzeichen gesetzt war. Überflüssigen Ballast gibt es nicht. Alle Bildnisse sind streng im Aufbau, sie vermitteln Nähe und gleichzeitig kühle Distanz, was sie in ihrer Eindringlichkeit verstärkt. Fantasie und Objektivität bestimmen die bildnerische Umsetzung.

Mit dieser unvollendet gebliebenen Serie von Künstlerbildnissen aus Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Holland, Italien, Polen, der Tschechoslowakei und den USA verwirklichte Lothar Wolleh den ersten Schritt seiner Idee und schuf damit zugleich die Voraussetzung für einen zweiten Gedanken. Es gelang ihm, die Künstler dazu zu bewegen, ihre fotografischen Porträts mit den ihnen eigenen formalen und stilistischen Mitteln zu überarbeiten, wodurch diese in eine andere ästhetische Kategorie, in die des Kunstobjekts, eingebracht wurden.

Freilich, schon in den Zwanzigerjahren hatte die Avantgarde von Möglichkeiten der Fotografie Gebrauch gemacht und fotografische Elemente in Gemälden oder Zeichnungen montiert. Auch zeichneten oder malten Künstler wie El Lissitzky und Man Ray in eigene Fotos hinein. Wechselwirkungen zwischen der bildenden Kunst und der Fotografie hat es seit deren Erfindungen immer gegeben.

Was auf Initiative des Fotografen Lothar Wolleh geschah, der mit seinen Künstlerporträts in bester Tradition fortschrittlicher europäischer Bildnisfotografie von Davis Octavius Hill und Robert Adamson über Nadar, Julia Margaret Cameron bis zu Hugo Erfurth, August Sander und seinem Lehrer Otto Steinert steht, hatte es vorher nicht gegeben.

Mehr als hundert überwiegend international bekannte Künstler machten sich mit wenigen Ausnahmen daran, ihr von ein und demselben Fotografen dokumentarisch motiviertes und gestalterisch ambitioniertes Porträt mehr oder weniger nachdrücklich mit dem Signet eigener Kreativität zu versehen und in ein Kunstwerk zu verwandeln, das Abbild und Bild vereint.

Von Agam bis Zangs, von Arman bis Tobey und Wotruba veränderten die angesprochenen Künstler die ihnen im Format 500 x 500 mm und 1000 x 1000 mm zugesandten Vergrößerungen mit unterschiedlichem Ergebnis. Die Skala reicht vom rigorosen bis zu beiläufigen Eingriff.

Arman häuft sein Porträt mit dessen Vervielfältigungen zur Accumulation, Fillious Pointe ist ein Papierhut, der auf dem Foto seinen Kopf bedeckt. Graubner ist in Farbschleier eingehüllt, Heerich durch eine Kartonplastik unverkennbar. Dieter Roth griff zum Käse und Otto Piene zum Feuer. Uecker arbeitete mit Sand und Nägeln, Mack mit Aluminiumfolie. Spoerri präsentiert sich mit einer Montage der auf dem Foto von ihm getragenen Stiefel, Luther sieht man durch eine Linse. Beuys hat sein Abbild bestempelt, Pol Bury lässt Kugeln rollen. Gerhard Richter und Georg Baselitz sind unter ihrer eigenen Kunst verschwunden. Sie haben sich total übermalt.

In der Ausstellung, die noch mit Lothar Wolleh besprochen wurde, sind alle hundertsechsunddreißig Original-Fotografien zu sehen. Daneben hängen die von den Künstlern und von ihnen „Interventionen“ genannten Porträtobjekte, Torsi einer Galerie, die Lothar Wolleh sich als sein „imaginäres Museum“ erträumte und das für die Allgemeinheit bestimmt sein sollte.

Als letzten Künstler besuchte Lothar Wolleh Henry Moore. Nur wenige Stunden später starb er in London. Als Henry Moore nach dem Tod Wolleh gebeten wurde, sein Bildnis zu ergänzen, schrieb der Bildhauer auf den Abzug „Hommage to Lothar Wolleh from Henry Moore“.

Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen dankt allen herzlich, die das Zustandekommen der Ausstellung ermöglicht haben, insbesondere Frau Karin Wolleh für ihre von Anbeginn nachhaltigen Unterstützung und allen Freunden des Künstlers, die geholfen haben, das Vorhaben zu verwirklichen.

Frau Ingrid Bachér, Düsseldorf, Herrn Thomas Moll, Bern, und Herrn Heiner Stachelhaus, Essen, sei für ihre Texte im Katalog gedankt.

Karl-Heinz Hering

aus: Lothar Wolleh. Künstlerbildnisse, Kunstobjekte, Photographien. Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf, 19. September bis 16. November 1980.

Heiner Stachelhaus:
„Ist das nicht irre!“
Ein Versuch über Lothar Wolleh

Das Eigentümliche des Wirkens und der Wirkung von Lothar Wolleh ist nicht leicht zu fassen. Er war eine komplexe Figur mit einem komplizierten Charakter und einem zwischen himmelhochjauchzend und zutodebetrübt immerzu schwankenden Temperament. Alle, die mit ihm zu tun hatten, wissen, daß er eine besondere, ja einmalige Erscheinung war. Er kam wie ein Blitz an, bewegte, veränderte etwas, verschwand wie ein Blitz – wo er “eingeschlagen“ hatte, entstand ein Klima kreativer Lust.

Wolleh, 1,92 m groß, schlacksig-elegant, stand unter Dauer-Spannung, war immer unterwegs und nicht zu bremsen. Es war, als ob er geahnt hätte, daß die Zeit für ihn knapp bemessen sein würde. Er trieb sich zu einer Kette von Höchstleistungen, und nur unter Zwang, wenn seine angegriffenen Bronchien ihm das Atmen erschwerten und der Kopf ihm allzu sehr schmerzte, legte er eine Pause ein. Aber dies waren Pausen quälender Unrast – schon die kleinste Linderung war für ihn der willkommene Anlaß, über die Szene zu irrlichtern, seine Ideen zu versprühen, die verrücktesten und wildesten Sachen anzupacken und zu verwirklichen.

Lothar Wolleh war ein genialer Foto-Künstler, Phantast und Realist zugleich, Schöpfer unvergleichlicher und unverwechselbarer Lichtbilder und souveräner Handwerker. Daß es ihm gelang, bildende Künstler der unterschiedlichsten Stilrichtungen – große und gute Namen zumeist – zur Kooperation mit ihm, dem Fotografen, zu animieren und auf dieser Basis von Gleichberechtigung die bildende Kunst mit dem Medium Fotografie zu verschmelzen, ist seine größte, wichtigste und unwiderbringbare Leistung.

Die Künstler wissen, was für ein Mann da am Werke gewesen ist. Günther Uecker, den ich um ein Statement für diesen „Versuch über Lothar Wolleh“ bat, schrieb mir: „Lothar war ein Künstler. Die Verehrung, die er Künstlern entgegenbrachte, zeugen von seiner Bescheidenheit. Er war ein aufdringlicher Teilnehmer – er versuchte, in das künstlerische Werk jedes einzelnen, dem er sich zuwandte, einzudringen, es sich vorstellbar zu machen, es zu neuen Extremen zu führen, die künstlerische Arbeit des einzelnen mit in seine Kammer (Kamera) zu zwingen – etwa wie man eine Braut entführt. Er war ein Obsessioneller, einer, der dem Gedanken Wahnsinn gab, wähnend, was möglich, unmöglich war.“

Ich kann diese Erfahrung Ueckers, den eine langjährige, enge Freundschaft mit Wolleh („Er war ein treuer Freund“) verband, durch ein Erlebnis aus den letzten Lebenstagen Wollehs bekräftigen. Henry Moore war nach Bonn gekommen, um dabei zu sein, als Bundeskanzler Helmut Schmidt die Übergabe der Moore-Skulptur „Large Two Formes“ vor dem Kanzleramt mit einer kleinen Staatsfeier inszenierte. Der alles andere als greisenhafte 82jährige englische Bildhauer, der schon lange auf der Liste Wollehs stand, stellte sich zu einem Foto im Kunst-Bahnhof Rolandseck zur Verfügung. Wolleh porträtierte ihn in klassischer Pose, lichtumflutet zwischen zwei hohen Fenstern. Moore kommentierte das Foto: „Da sehe ich ja wie ein Diplomat aus – kommen Sie nach England in mein Atelier, da haben wir die richtige Atmosphäre.“

Henry Moore, wir wissen es, war der letzte Foto-Termin Wollehs. Aber er hatte vorher noch, beim Kanzler-Empfang zu Ehren des Bildhauers, einen Termin mit Helmut Schmidt vereinbart. Er machte das in seiner typischen, zupackenden, alle Schwierigkeiten charmant und kompromißlos überwindenden Art. Plötzlich stand er mit seiner Kamera in einem Raum der nordrhein-westfälischen Landesvertretung, wo der Kanzler sich nach der Ausstellungseröffnung ein bißchen erholen wollte, und schoß seine Bilder. Dann steckte er seine Kamera weg, setzte sich und sagte: „Wissen Sie, Herr Bundeskanzler, so geht das nicht, verzeihen Sie, aber ich möchte Sie einmal fotografieren, wenn Sie ganz entspannt sind, jetzt sind Sie zu abgespannt.“ Darauf Schmidt: „Wieso, woher wissen Sie das?“ Wolleh: „Das fühle ich – und verlassen Sie sich darauf, ich mache, wenn ich Sie in Ruhe erwische, ein Spitzenfoto von Ihnen, wie es noch keiner von Ihnen gemacht hat.“

Das war Lothar Wolleh – einer, der stets wußte, was ging und was nicht ging, ein Verwegener, einer, der alle Grenzen leichtfüßig übersprang, ein Unwiderstehlicher. „Seine Hände“, so schreibt Uecker, „waren in dauernder Bewegung, um seinen Vorstellungen Greifbarkeit zugeben. Seine Empfindungen schwebten in der phantastischen Welt der Bilder. So war er für viele unverständlich, weil er seine Vorstellungen nur im Augenblick der Öffnung des Kammerverschlusses zu verwirklichen vermochte. Oder in der dunklen Kammer, wo da Abbild zum Bild seine Entwicklung nahm.“

Was für Bilder waren im Kopf, im Herzen, in der Seele dieses Menschen! Joseph Beuys, der ihm ein Porträt aus Formeln und Begriffen und Zeichen widmete und den er selbst auf unnachahmliche Art auf einem aus Leinwandbahnen zusammengesetzten 5 m x 5 m großen Foto verewigt hat, hat mir gegenüber von einem „hellsichtigen Menschen“ gesprochen, „der vor allem durch seine Erfahrung, die ja schrecklich waren, geprägt worden ist.“

Beuys meint damit die Erfahrung des 15jährigen Wolleh, der damals dazu verurteilt war, seine Heimatstadt Berlin zu verteidigen und den die Russen 1950 wegen angeblicher Spionagetätigkeit zu 15 Jahren Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt hatten, wo er untertage Erz abbauen mußte. Nach sechs Jahren wurde er begnadigt, ging zurück nach Berlin, lernte auf der Lette-Schule das Handwerk der Fotografie, holte sich – nach der Zwischenstation auf der Hochschule für Bildende Künste Berlin – auf der Essener Folkwangschule für Gestaltung bei Otto Steinert den fotografischen Feinschliff.

Der Erfolg scheint vorprogrammiert – Wolleh macht Karriere in der Werbung. VW, Tschibo-Kaffee, die Bundesbahn sind seine Kunden, die große Werbeagenturen setzen auf ihn. Er porträtiert Max Frisch und Schwedens König, arbeitet für das Wirtschaftsmagazin „Capital“, liefert Wahlkampffotos von Kiesinger, Scheel, Köppler, macht die Fotos für einen der zehn besten Bildbände des Jahres 1965, Thema: Das Römische Konzil. Und 1969 reist er monatelang durch Sowjetrußland mit dem Ergebnis, daß der Belser-Verlag, animiert vom Erfolg des Konzils-Bandes, auch Wolleh fotografische Ausbeute der Rußlandreise herausbringt: ...

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